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Die vorliegende Sammlung der Texte: Morgendusche - Geschichten zum Wachwerden, vereint vierunddreißig Texte, die in den Jahren 2009 - 2019 entstanden sind.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Der Berg ruft
Dampf in der Hütte
Carlos Schwester
Die Bank Ihres Vertrauens
Tanzmarathon
Falschmeldungen
Oristos Spätkauf
Das 8. Gebot
Vom Erben und Schenken
Tea Time
Die Villa am Bananenteich
Auf und ab
Beförderung
Café Helmbrecht
Paradies-Immobilien
Es gibt etwas zu feiern
Der Glücksbringer
Dalli dalli
Die schnelle Nummer
Der Schein trügt
Fotoshooting
Making-of
Die falsche Maria
Waschsalon
Hausbesuch
Superman
Nikita und der Zauberer
Mein zauberhafter Reisewecker
Durch Zufall berühmt
Tweety, die Zeitungsente
Ein ziemlich genialer Coup
Am Ende einer Dienstreise
Eingeklemmt
Fahr zur Hölle, Raimund
Der Morgentau lag in funkelnden Tropfen auf den sich sanft im Wind wiegenden Grashalmen. Aus dem Tal zogen dünne Nebelschwaden den Berghang hinauf und die Sonne blinzelte zwischen den Zinnen des gegenüber liegenden Bergmassivs hervor. Der Frühstückssaal des „Angerhofs“ war erfüllt, von kräftigen, gutgelaunt klingenden Stimmen und hin und wieder aufbrandendem dröhnendem Lachen. Lederhosen, weiße Hemden und Trachtenjacken dominierten das Bild. An so manchem Tisch wurde zur frühen Stunde bereits kräftig dem Weißbier zugesprochen. Peter Klaiber saß vor einem mit Käse, Speck, Rührei, Brezen, Semmeln, Konfitüre und Müsli gut gefüllten Teller und goss sich Kaffee nach. Herzhaft in sein mit Goudakäse und feinen Gürkchen sorgfältig belegtes Brötchen beißend, näherte sich mit zielstrebigem Schritt derweil sein Schulkamerad, Hagen von der Trenk. Auch wenn er es sich nicht eingestand, er war mächtig stolz darauf, dass er den Sohn einflussreicher Eltern seit kurzem zu einem seiner engsten Freunden zählen durfte. Freund von Hagen zu sein war beileibe keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, das man sich erarbeiten musste. Peter Klaibers Dienstbarkeit bestand darin, Hagen bei Matheklausuren mit den korrekten Lösungen zu versorgen. Im Gegenzug hatte sich Hagen mit seiner geballten Autorität dafür eingesetzt, dass Peter zum Sprecher der Abiturklasse gewählt wurde. Und so fügte sich alles trefflich, auch wenn die Freundschaft für Hagen vor allem ein Zweckbündnis darstellte.
„Morgen! Sag mal, willst du das alles noch in dich hineinstopfen? Wir müssen los, bevor die Touristenmeute aus der Bergbahn stolpert und wir nur noch im Schneckentempo vorankommen.“ Der Freund stemmte die Arme in die Hüften. „Jetzt schluck gefälligst den Bissen runter, ich geh schon mal vor.“ Peter nickte mit vollem Mund. Natürlich wollte er nicht schon beim Start als träger Vielfraß negativ in Erscheinung treten. Und mit den Gepflogenheiten des ambitionierten Bergwanderns kannte Hagen sich zweifellos besser aus als er. Also nahm er rasch noch einige Leckereien von seinem Teller, wickelte sie in Servietten und stopfte sie hastig in seinen Rucksack.
Hagen von der Trenk stand draußen an einem Tischchen über die Wanderkarte gebeugt, mit dem Zeigefinger die von ihm geplante Route entlangfahrend.
„Hier, der asphaltierte Weg, da quetscht sich die Meute lang. Nach tausend Metern kommt dann diese Abzweigung, ab da wird’s ruhiger. Langer, steiler Anstieg, das ist nichts für kurzatmige Papis und Mamis mit adipösen Gören im Schlepptau.“ Sein Blick fiel auf Peters Sneakers. „Sag mal, Kerl, hast du kein vernünftiges Schuhwerk dabei? Wir sind doch nicht auf der Champs-Élysée.“ Er schüttelte missbilligend den Kopf. „Wir haben fest verabredet, bis zum Gipfelkreuz zu gehen, und es ist mir völlig egal, ob du da auf zerrissenen Socken ankommst oder barfuß.“
„Geht klar, Hagen“, Peter verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Der Freund faltete die Karte zusammen und schob sie in die Beintasche seiner Kniebundhose.
„Also, auf geht’s.“ Er musterte seinen Schulkameraden mit stechendem Blick. „Hast du deine Birne ordentlich mit Sonnencreme eingeschmiert?“ Peter schüttelte fröhlich den Kopf. „Kerl, ich komme mir vor wie deine Amme.“ Hagen reichte Peter die Tube, der verteilte die Creme großzügig auf Stirn, Nase und Kinn. „Hast du wenigstens eine anständige Sonnenbrille dabei?“ Als Antwort klappte Peter eine filigrane, knapp die Augen bedeckende Brille auf und schob sie sich keck auf die Nase. „Mann o Mann, reif für die Blindenanstalt“, stöhnte Hagen.
„Wo geht’s lang?“, fragte Peter im schneidigen Ton.
„Na bergauf, du Knalltüte.“ Behände wie eine Gämse eilte Peter voraus. „Lauf du mal“, murmelte Hagen gallig. Nach drei Wegbiegungen hatte er Peter Klaiber wieder eingeholt.
„Sag mal, der da, wie heißt der?“, fragte Peter aufgekratzt. Hagen grinste überheblich.
„Willst mich testen, Kerl? Also, pass auf: Dort, Wilder Kaiser, da drüben ist das Kitzbüheler Horn und ganz rechts der Großglockner, 3798 m. Den Burschen nehmen wir uns am Nachmittag zur Brust.“
„Schon gewaltig, das alles“, Peter deutete mit der Rechten unbestimmt in die Ferne. „Ich will hier nie wieder weg.“ Hagen schoss mehrere Fotos mit seinem Smartphone. Als sich ein Anrufer meldete, hielt er das Gerät ans Ohr.
„Hagen von der Trenk … Ja … Moment“, er bedeutete seinem Schulfreund, schon mal vorauszugehen. Nach einigen Minuten hatte er ihn wieder eingeholt.
„Du hast unseren Abi-Almanach am Freitag zum Drucker gegeben?“, schnaufte Hagen.
„War ja so abgemacht.“
„Mein Alter tobt, erstens hast du eine falsche
Schriftart gewählt…“
„Mensch, Arial, immer dieses öde Arial, ich wollte endlich mal weg davon. Gabriola, finde, das ist frisch, hat Stil und ist nicht so furchtbar altbacken.“
„Und zweitens, warum taucht er nicht namentlich als Sponsor auf?“ Hagen hatte die Hände gegeneinander gepresst. „Du, der ist so sauer, der hat die ganze Auflage einstampfen lassen. Sechshundert Euro im Arsch, weil dem Herrn Klaiber der Schrifttyp nicht gefällt. Schon mal was von einheitlichem Design gehört? Aber das juckt dich alles nicht.“ Peter starrte seinen Freund fassungslos an.
„Dein Alter hat die Auflage in die Tonne getreten, ist der irre?“
„Wohl kaum, er ist der Mann mit der Kohle.“ Hagen funkelte Peter an. „Hast du mal eben sechshundert Tacken für den Neudruck? Nee? Na also, dann ist wohl alles gesagt.“ Hagen stiefelte ohne ein weiteres Wort voraus.
„Und was schlägst du vor?“, schrie Peter ihm hinterher, Hagen zuckte wortlos mit der Schulter. Peter schloss keuchend zu ihm auf.
„Mensch, da müssen wir uns was einfallen lassen oder willst du, dass wir zum Abi blank dastehen.“
„Du stehst blank da, also lass du dir was einfallen.“ Peter starrte seinen Freund an wie zehn Tage Regenwetter, der zeigte in die Höhe. „Wir wollen zum Gipfelkreuz, da oben liegt unser Ziel. Also hör auf zu heulen oder dreh um und zieh Leine.“ Hagen nahm wieder Fahrt auf, Peter trottelte übellaunig hinterher. Nach zehn Minuten gabelte sich der Weg. „Hier geht’s weiter“, Hagen deutete auf einen schmalen, steilen Pfad. Peter biss die Zähne zusammen und verfluchte seine dünnen, kaum profilierten Turnschuhe. Hagen, der zügig vorauslief, trat immer wieder kleine Steine los, die Peter zwangen, gebührenden Abstand zu halten.
„Ich brauche n` e Pause“, röchelte Peter nach geraumer Zeit.
„Weiter, Kerl“, blaffte Hagen, ohne sich umzuwenden.
Nach einer guten Stunde hatte Hagen eine roh gezimmerte Sitzbank erreicht, von der aus sich ein grandioser Fernblick bot. Völlig erledigt kam Peter einige Zeit später angestapft und legte sich sofort rücklings auf die freie Sitzfläche.
„Mann oh Mann, hättest mal früher was gesagt, dass du klettern und nicht wandern willst.“
„Du bist sowas von einer Memme“, schmatzte Hagen, an seiner Knackwurst rumnagend.
„Hast du mal einen Schluck für mich?“
„Weil du an nichts denkst, kopflos loslatscht, ohne an Wasser zu denken, soll ich verdursten? Nee, Kerl, jetzt sieh zu, wie du allein klarkommst.“ Peter klappte Mitleid heischend den Mund auf und zu, wie ein Karpfen. Hagen musste grinsen. „Na komm, hier nimm, aber lass ja was drin.“ Peter packt die Taschenflasche und schluckt gierig. „Genug!“, Hagen entriss dem Freund das Gefäß. „Schau her, Flachländer, damit du die Orientierung behältst.“ Hagen deutete nach unten. „Das da ist der Angerhof, wo wir gestartet sind.“ Hagen kramte erneut die Karte aus der Tasche. „Wir hocken hier, etwa zwei Drittel haben wir geschafft. Dort ist das Gipfelkreuz.“ Peter starrte hoch.
„Aha“, es klang nicht sonderlich begeistert. Hagen steckte die Karte in die Beintasche zurück.
„Und, hast du dir schon überlegt, wie du den Schlamassel beseitigst?“
„Du machst mir Spaß. Ich bin grad froh, dass ich auf dem Zahnfleisch hier angekommen bin. Mit Überlegen war da nicht viel.“
„Schwache Muskeln, schwache Birne, komm Kerl, nun reiß dich mal zusammen.“ Hagen boxte seinem Freund scherzhaft in die Rippen. „Ich könnte bei meinem Alten, also viel-lei-cht, ein gutes Wort für dich einlegen.“ Peter riss gespannt die Augen auf. Hagen wackelt mit dem Zeigefinger. „Mit vielleicht meine ich, dass du mir im Gegenzug auch einen Gefallen tun musst.“
„Schieß los, was soll ich machen?“
„Kirstin, sie geht mir langsam auf den Zünder mit ihrem Gelaber. Ständig will sie was machen, ins Kino gehen, ins Konzert, in affige Clubs. Oder sie schleppt mich auf Trödelmärkte, um vergammeltes Zeug zu kaufen.“ Hagen atmete tief durch. „Mensch, das interessiert mich doch alles einen feuchten Kehricht.“
„Sag`s ihr doch einfach.“
„Hab ich längst versucht, aber dann zieht sie gleich eine Fresse und der Tag ist voll gelaufen. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf all diesen seichten Mist.“
„Und ich dachte immer, ihr seid das ideale Paar. Kirstin ist doch eine klasse Braut.“
„Stimmt, aber auch nur manchmal.“ Hagen stocherte mit dem Hacken im Boden herum. „Was glaubst du, was ich mir wegen dieser Bergwanderung anhören musste. Dass du mit dabei bist, habe ich schon gar nicht erzählt. Ach so, der darf mit und was ist mit mir? Kennst ja das Weibergenerve.“ Er legte Peter die Hand auf die Schulter. „Weißt du, was ich brauche?“ Peter schüttelte den Kopf. „Einen verständnisvollen Teilzeitseelentröster, einer, der sie ab und an beschäftigt, damit ich endlich mal wieder mein eigenes Ding machen kann.“
„Und dabei hast du an mich gedacht?“ Peter zog ein schiefes Gesicht. „Teilzeitseelentröster, also ehrlich, Mylord, was ist das denn für ein Job?“
„Ein ganz toller, pass auf, wir machen gleich mal einen Test. Ich gebe dir die Nummer von Kirstin, du rufst sie an und lädst sie für heute Abend ein. Kino, das liebt sie, oder schwärm ihr was von irgendeiner Bar vor. Wenn du sie rumkriegst, regle ich dein Problem mit meinem Daddy.“
„Einladen und dann wie weiter?“
„Hör auf zu labern, ruf an. Es geht doch nur darum, ob du dich für die Aufgabe eignest. Als Option sozusagen.“ Peter schüttelte widerwillig den Kopf, während er die Ziffern eingab, die Hagen ihm ansagte. „Mach den Lautsprecher an“, zischte der.
„Hey Kirstin, wie geht’s dir, hier ist Peter Klaiber, na, was läuft? Schon was vor heute Abend?“ Hagen zeigte seinem Freund einen Vogel, der zuckte verständnislos die Schulter.
„Du kommst mir gerade recht, ich habe eine richtig schöne Scheißlaune“, giftete es aus dem Lautsprecher.
„Ja, wie das denn?“
„Hagen, der Mistkerl, ist gestern einfach in die Berge gefahren. Glaubst du, der hat gefragt, ob ich vielleicht mitwill oder ob wir gemeinsam etwas anderes Schönes machen können. Hat ihn gar nicht interessiert, ist einfach abgehauen, der Typ.“
„Ach ja? Das ist schlecht für ihn, aber gut für mich. Pass auf, was hältst du von Kino und anschließend Absacker in einer gepflegten Bar, kenne da was Spezielles, wird dir garantiert gefallen.“
„Du weißt schon, dass ich mit Hagen zusammen bin, auch wenn ich mich manchmal die Platze ärgere, über den Spinner?“
„Klar, verstehe ich doch, aber manchmal muss man auch zeigen, wo der Hammer hängt. Kann doch nicht sein, dass du Trübsal bläst, während Freund Hagen im Abendrot die Gämse reitet.“ Hagen klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Gämse reitet, wie meinst du das?“
„Ach, Blödsinn, vergiss den Spruch. Okay, dann geht die Sache klar. Ich hol dich um kurz nach sieben ab. Muss nur noch meinen Alten bezirzen, damit er mir seine Karre leiht.“
„Moment mal, ich habe doch noch gar nicht zugesagt.“
„Aber, du hast auch keine Lust, alleine vor dem Fernseher zu versauern, stimmt`s?“
„Nicht wirklich.“
„Na siehst du. Vertrau mir, das wird ein brillanter Abend, heute Abend, so long.“ Ehe Kirstin etwas erwidern konnte, hatte Peter das Telefon bereits abgeschaltet. „Na, wie war ich?“ Peter strahlte. „Denke, Kirstin heult heute wegen dir keine bitteren Tränen.“
„Ach ja?“, knurrte Hagen mit versteinerter Miene. Peter blickte ihn verwundert an.
„Sag mal, ödest du rum, weil ich die Sache verabredungsgemäß gemanagt habe? Ich kann sie auch gleich zurückrufen und unser Rendezvous wieder abblasen.“
„Lass das, sie solch sich bei mir melden“, knurrte Hagen biestig und schulterte seinen Rucksack. „Jetzt komm, wir wollen hier nicht anwachsen.“
„Und, du machst die Sache jetzt klar, ich meine die Pleite mit deinem Daddy?“ fragte Peter vorsichtig. Hagen drehte sich abrupt nach ihm um.
„Sag mal, du glaubst doch nicht ernsthaft, mein Vater würde auch nur einen Cent zahlen, ohne vorher die Druckfahnen zu prüfen?“ Peter kratzte sich betreten am Kinn, dann gab er sich einen Ruck und folgte seinem Freund, der mit energischem Antritt bereits den schmalen Pfad erklomm.
Nach zwanzig Minuten blieb Hagen an einer ebenen Stelle stehen, um auf den Schulkameraden zu warten.
„Kerl, was bist du nur für ein Schlappsack, keuchst wie eine ausrangierte Dampflock.“
„Ich bin platt, hast du noch mal n` en Schluck?“, japste Peter. Seine Gesichtsfarbe ähnelte einer reifen Tomate.
„Nein! Du musst endlich lernen, durchzuhalten, auch wenn’s mal kneift. Weiter oben fließt ein Bach, den kannst du meinetwegen aussaufen.“ Hagen zog die Schuhbänder straff, sein Telefon meldete sich.
„Hallo, na, noch sauer auf mich? … Hab schon ziemlich viel Strecke geschafft. Und du, schon was vor heute? … Triffst dich mit Elisabeth … Kino, aha, nur ihr beide … Du, ich kann jetzt nicht länger quatschen, ist gerade mächtig steil hier, melde mich später.“ Hagen presste die Lippen aufeinander und sein Hals rötete sich. „Na warte, du Schlampe“, knurrte er leise.
„Kirstin?“, fragte Peter kurzatmig.
„Wer sonst?“, zischte Hagen.
„Und, von mir hat sie nichts erzählt?“ Hagen verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Peter wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. „Ich werde gleich mal mit ihr sprechen.“
„Spinnst du?“, fragte Hagen schroff.
„Ey, soll ich sie einfach hängen lassen? Sie denkt doch, wir treffen uns heute.“ Peter zog sein Mobiltelefon aus der Tasche. „Vielleicht klappt’s nächste Woche, kann sie ja mal fragen.“ Hagen trat dicht an ihn heran.
„Sag mal, bist du aus dem Tierheim entlaufen? Nicht anrufen, habe ich gesagt. Glaubst wohl, ich merke nicht, dass du versuchst dich an Kirstin ranzumachen? Aber da hast du dich geschnitten, Freundchen.“ Unvermittelt packte er Peters Arm, riss ihm das Smartphone aus der Hand und fuchtelte damit in der Luft herum.
„Sag mal, spinnst du, gib mein Telefon zurück“, brüllte Peter Klaiber.
„Hol`s dir, hinterhältige Ratte.“ Hagen hielt das Gerät am gestreckten Arm hoch.
„Du bist so ein blöder Arsch“, schnaubte Peter und schlug heftig gegen Hagens Arm, worauf der das Gleichgewicht verlor und mit rudernden Bewegungen nach hinten taumelnd, rücklings den steilen Abhang hinabrutschte. Nur wenige Zentimeter von einer senkrecht abfallenden Steinwand entfernt, blieb der Körper reglos liegen.
„Hagen, hörst du mich?“ schrie Peter verzweifelt, aber der Freund rührte sich nicht. Von oben kommend, eilte ein Mann mittleren Alters herbei.
„Was macht ihr hier für einen Scheiß? Und du, nur in Turnschuhen im Hochgebirge, Mann, Mann, Mann.“ Der Bergsteiger schüttelte den Kopf. „Hier, nimm das Seil, sichere es dort am Baumstumpf. Ich geh zu ihm runter.“ Der Mann hakte das Seil an seinem Gürtel fest. „Straff halten, und zwar mit beiden Händen, klar?“ bläute er seinem Gegenüber ein. Peter nickte, nahm zitternd das Seil und schlang es um den Baumstumpf. Rutschend, dabei immer wieder Halt suchend, tastete sich der Retter das steile Geröllfeld hinab. Peter biss die Zähne zusammen, das schrundige Seil scheuerte beim Ablassen seine Hände wund, aber er spürte keinerlei Schmerz. Nach kurzer Zeit war das Tauende erreicht.
„Mehr Seil“, brüllte der Retter von unten.
„Geht nicht“, schrie Peter von oben.
„Los doch, mir fehlen zwei Meter.“ Von Peters Kinn tropfte der Schweiß, sein Herz klopfte wie verrückt. Er löste die Seilschlaufe vom Baumstumpf und näherte sich im ängstlichen Trippelschritt der Kante.
„Hast du es?“, kam es ungeduldig von unten.
„Ja doch“, schnaubte Peter, verzweifelt nach irgendeinem festen Halt auf dem Boden suchend. Wie aus einer fernen Welt drangen unvermittelt die elegischen Klänge einer sehnsuchtsvollen Mundharmonika an sein Ohr. „Kirstin, die anruft?“, dachte Peter, für einen winzigen Moment unkonzentriert. Da fuhr ein gewaltiger Ruck durch das Seil, so unvermittelt heftig, dass Peter vom Fleck weg in die Tiefe gerissen wurde. Vier Mal in Folge meldete sich sein Mobiltelefon mit der Elegie „Spiel mir das Lied vom Tod“. Von hoch oben konterte ein Witzbold mit einem herzerfrischend gejodelten, sich vielfach an den Bergwänden brechenden „Halleluja … juja … juja.“
Mein Name ist Umberto Sorrentino, ich bin selbständiger Steuerberater, wohne und arbeite in einem Reihenhaus aus den 70er Jahren in Berlin Heiligensee. Der Bau ist hellhörig, schlecht isoliert und auch der Zahn der Zeit nagt unerbittlich am ergrauten Gemäuer. Die Bewohner der Siedlung sind fast alle im Rentenalter. Die Kinder sind aus dem Haus und damit sind die Gärten und Freiflächen, nicht mehr nur im Winter, verwaist. Mancher mag das bedauern, aber dadurch gibt es keinen lärmbedingten Ärger mit der Nachbarschaft. Jeder ist mit sich selbst, und das heißt Stabilisierung des Kreislaufs, Erhaltung der schwindenden Muskulatur unter Schonung der morbiden Knochensubstanz, beschäftigt. Und so hätte weiterhin alles in ruhigen, geordneten Bahnen verlaufen können, wäre da nicht vor zwei Monaten diese Frau in das leerstehende Mittelhaus, direkt neben mir gezogen. Die Neue, wie soll ich sie beschreiben? Knapp skizziert, ein rothaariges, mit aschfahler Gesichtshaut gestraftes, mittelgroßes Klappergestell, im Alter so zwischen fünfzig und sechzig. Vielleicht ist es ungerecht, wie ich sie Ihnen präsentiere, aber ich fühlte mich provoziert und das kam so:
„Sie sind doch der Geigenspieler?“, fragte sie, als wir uns erstmals im Gemeinschaftsgarten über den Weg liefen. Wieder ein Fan, dachte ich. Was auch sonst, denn ich wurde von der Nachbarschaft wegen meines empfindsamen Spiels allenthalben gelobt.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie zukünftig im Keller üben? Ich kann das süßliche Gefiedel von dieser holländischen Schmalzlocke nicht ausstehen.“ Gemeint war offensichtlich André Rieu. Aber was war das für ein Argument? Und überhaupt, wusste die Brechbohne nicht, wen sie vor sich hat? Dass ich es als „Steuerberater mit dem eleganten Bogenstrich“ bis ins Frühstücksfernsehen geschafft hatte? Wie man es dreht und wendet, ihren ersten Auftritt bei mir hatte die Vogelscheuche im wahrsten Sinne des Wortes total vergeigt.
Mit den Worten „Fedora Kleinschmidt“, hielt sie mir ihre knochige Hand mit abstoßend grünlackierten Fingernägeln entgegen, die ich geflissentlich ignorierte.
„Das ist Hektor, Sie mögen doch Hunde?“ Hektor rieb seine dicke, feuchte Schnauze zur Begrüßung an meinem Oberschenkel. Fragend blickte ich zum Himmel. Sollte ich brutal antworten, dass ich distanzlose Haustiere nicht ausstehen kann und ihren kleinen, hinkenden, stinkenden Mischlingsrüden schon gar nicht? Bestimmt gibt es unaufdringliche Hunde, die sich zur Freude aller komplikationslos in eine neue Umgebung einpassen. Und es gibt Hektor, der rotzfrech mein Gartenteil okkupiert, mit seinen Dreckspfoten auf die Hollywoodschaukel springt, rauflustig an der Decke des Kaffeetischs zerrt, meine Blumenrabatten verwüstet, die Obstbäume reihum anpisst und, wenn man nicht höllisch aufpasst, jede Ecke meiner blankgescheuerten Terrasse vollkackt. Um des lieben Friedens willen hätte ich vielleicht über die eine oder andere tierische Eigenheit hinwegsehen können, doch dann war da noch dieses giftige Knurren, das von Fall zu Fall in ein hochfrequentes Jaulen oder asthmatisches Bellen wechselte. Gejault wurde vornehmlich bei Nacht, gekläfft und geknurrt am Tag. Wenn der Köter nicht jaulte, kläffte, knurrte, hechelte, sich kratzte, dann schmatzte oder schlabberte er beim Fressen beziehungsweise Saufen. Nur wenn Hektor sich zusammenrollte und endlich mal schlief, blieb mir Zeit zum Durchatmen. Aber musste es wirklich so weit kommen, dass ich mein Leben fortan nach den Bedürfnissen eines hässlichen, nach Jauche stinkenden Vierbeiners ausrichten würde?
In der engeren Nachbarschaft gab es zuvor noch nie einen Hund, allenfalls Katzen, Wellensittiche und Meerschweinchen. Erst im direkten Vergleich lässt sich ermessen, wie wohltuend leise sich diese unaufdringlichen Kreaturen verhalten. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal das Gefühl hatten, ständig beobachtet zu werden? Und zwar von einem Hund, der jede ihrer Bewegungen verfolgt und diese mal mit Schwanzwedeln, Gähnen, Ohrenspitzen oder einem debilen Glotzen quittiert. Phasenweise, wenn ich mich richtig in meinen Verfolgungswahn hineingesteigert hatte, überkam mich die Vorstellung, ein Liliputaner, den die Kleinschmidt als Spion auf mich angesetzte hatte, sei in Hektors räudigem Tierfell eingenäht. Ich musste mich richtiggehend zügeln, um nicht durchzudrehen. Nur wenn der Stinker, mit Frauchen im Schlepptau, den Gehweg vor dem Grundstück entlang hetzte (bemerkenswerterweise ohne zu hinken), hatte ich eine kleine Weile Ruhe vor ihm. Aber kaum war der Unruhestifter zurück, begann das alte Spiel. Ob ich Gras harkte, mein Fahrrad reparierte, Rosen schnitt oder Unkraut zupfte, alles wurde aufmerksam registriert. Starrte ich provokativ zurück, gähnte der Spitzel, schloss die Augen oder starrte unbeteiligt in die Luft. Aufgrund des Psychoterrors kam ich auf die fiese Idee, ein kleines Loch auszuheben, um Glasscherben darin zu versenken. Keine Glanzleistung, zugegeben, aber ich wollte feststellen, ob der Hundesohn die Falle, die ich grub, als eine solche erkannte. Nach dieser „Heldentat“ schlenderte ich ins Haus, verbarg mich hinter der Gardine des Küchenfensters und beobachtete das Geschehen. Hektor kam sofort neugierig angehumpelt, umrundete das zugeschüttete Loch, beschnüffelte das Erdreich und begann vorsichtig in der Krume zu kratzen. Alsbald hatte er eine dieser scharfkantigen Scherben freilegt, die er misstrauisch hin und her schob. Vermutet hatte ich, dass er wie wild drauflos gräbt, sich die Pfote ordentlich ritzt und fortan auf zwei Beinen durch die Gegend hinkt. Stattdessen lief das misstrauische Biest nur ein paar Mal winselnd um das zugeschüttete Loch herum, um sich anschließend zu trollen. Das Vertrackte an der Sache war, dass er mich, auf unerklärliche Weise, als Fallensteller enttarnt zu haben schien. Denn, sobald er mich fortan bemerkte, überschüttete er mich mit wütendem Gebell. Ich hatte es versaut, das wurde mir klar.
Den Garten betrat ich danach nur noch, wenn Kleinschmidt mit ihrem Mischlingsrüden Gassi ging. Und noch etwas hatte sich verändert. Der Hund durfte, weshalb auch immer, nicht mehr in Kleinschmidts Haus. Und so saß die Nervensäge Nacht für Nacht vor seiner Hütte und jaulte mir die Ohren voll. So konnte das nicht weitergehen, tagsüber angekläfft, beobachtet und nachts um den Schlaf gebracht zu werden, das halten selbst die stärksten Nerven nicht aus. In meiner Verzweiflung versuchte ich mit meinem einfühlsamen Bogenstrich für Ruhe zu sorgen. Die dritte Geigensonate in d-Moll von Johannes Brahms schien mir als Entspannungsmittel für Mensch und Tier besonders geeignet. Aber das Experiment erwies sich schon im Ansatz als totaler Flop. Statt besänftigend zu wirken, tobte die Töle wie ein Berserker. Nun hatte ich die Schnauze wirklich gestrichen voll. Ich legte das Instrument beiseite, zog stattdessen den Revolver mit der Leuchtspurmunition aus der Schublade und wartete auf eine passende Gelegenheit. Hektor hatte sich zwischenzeitlich beruhigt. Ich spitzte die Ohren, aber aus unerfindlichen Gründen blieb alles still. Erschöpft von der Anspannung schlief ich ein, doch ein Heidenlärm ließ mich wenig später wieder hochfahren. Der Mischlingsrüde randalierte in seiner Hütte, wie er es noch nie getan hatte. Angezogen wie ich war, sprang ich vom Bett und lief mit gezückter Waffe ins Freie. Auf dem Nachbargrundstück rumorte es, als würde ein Irrer reihum gegen die Holzwände bollern. Na warte, du elende Töle, ich werde dir ein paar Leuchtkugeln in den Pelz brennen, dass dir Hören und Sehen vergeht. Ich stellte mich direkt neben die Hütte und drückte ab. Der Treibsatz zündete und die Leuchtspurrakete sauste mit giftigem Zischen ins Innere der Hütte. Wie von Furien gehetzt, preschte ein riesiger Köter aus der qualmenden Behausung, schnappte in rasender Wut nach meinen Beinen, erwischte zum Glück kein Fleisch, sondern nur den Hosenstoff. Mit gefletschten Zähnen knurrte mich ein muskulöser Schäferhund mordgierig an. Wie von Sinnen drückte ich mehrmals ab, aber der Revolver hatte eine Ladehemmung. In diesem Moment stürmte Hektor mit heiserem Kläffen aus einer dunklen Ecke hervor und verbiss sich im Fell des doppelt so großen Widersachers. Der warf seinen Wolfsschädel herum und schnappte wie ein Krokodil nach seinem Gegner. Vom Getöse aufgeschreckt, eilten Nachbarn mit aufgeblendeten Taschenlampen zum Ort des Geschehens. Feodora Kleinschmidt kam auch aus ihrem Haus gerannt und schlug mit bloßen Fäusten auf den Körper des Schäferhundes ein, nur mit Mühe konnte man sie von dem rasenden Tier wegzerren. Eimer mit Wasser wurden herbeigeschleppt, auch mit Ästen wurde auf das Hundeknäul eingeprügelt, nichts half. Erst als Hektor zitternd am Boden lag, während aus den Bisswunden Blut quoll, ließ der Schäferhund von ihm ab. Hechelnd verharrte er neben seinem Opfer, bis er, von Steinwürfen aufgeschreckt, hinaus in die dunkle Nacht floh. Wie gelähmt starrten alle wortlos auf den leblosen Tierkörper. Feodora Kleinschmidt hockte wimmernd neben ihrem Hund und hielt sich ein Taschentuch vor den Mund. Eine Nachbarin hatte eine Decke besorgt, zwei kräftige Männer wickelten den Leichnam darin ein, und trugen ihn in Kleinschmidts Haus.
„Das musste ja mal so weit kommen“, sagte jemand, die Umstehenden nickten. Wie auf Kommando zerstreute sich daraufhin die Gesellschaft, auch ich schlich mich davon.
Tagelang quälte mich ein schlechtes Gewissen. Was hatte ich da nur angerichtet mit meiner kindischen Aktion? Um Fedora Kleinschmidt aus dem Wege zu gehen, verließ ich das Haus nur noch im Dunklen. Als ich ihr nach vierzehn Tagen ungewollt begegnete, sprach sie mich an.
„Ach, Herr Sorrentino, ich hätte mir gewünscht, dass Sie sich bei mir melden würden.“ Ich stotterte herum, sagte, dass ich zurzeit beruflich ziemlich eingespannt sei und dass ich auch jetzt, im Moment … „Herr Sorrentino“, unterbrach sie mich, „ich will Sie auch gar nicht länger aufhalten, aber das ist mir jetzt wichtig.“ Sie kramte beim Sprechen in ihrer Handtasche. „Wie Sie den Schäferhund aus Hektors Hütte vertrieben haben, das war echt mutig. Reicht das, als Schadensersatz für die zerrissene Hose?“ Sie drückte mir einhundert Euro in die Hand.
Kurze Zeit später ist Fedora Kleinschmidt aus dem Nachbarhaus ausgezogen, glücklicherweise, muss ich gestehen. Sie wollen wissen, was ich mit dem Geld von ihr gemacht habe? Alles dem Tierheim gespendet, soll mir keiner was nachsagen, von wegen Hundehasser oder so.
Henry hatte diesen Michael Kessler als Schauspieler nie so richtig ernst genommen. Mit Rasenmäher oder Hundeschlitten durch Brandenburg zu gondeln, um dann irgendwelche Leute am Wegesrand kumpelhaft anzuquatschen, das schien ihm eine ziemlich plumpe Anmache zu sein. Aber dann hatte er durch Zufall die Sendung „Kessler ist …“ eingeschaltete, die ihn zunehmend in ihren Bann zog. Die Idee, sich Gesten, Haltung, Körpersprache, Duktus, Marotten und Sprachmelodie eines anderen anzueignen, um daraus eine perfekte Kopie zu kreieren, ließ Henry nicht mehr los. Die Bekanntheit von Heino, Gysi, Drews, Lichter, Hayali, Effenberg förderte natürlich die Faszination des Beitrags. Aber Henry plante keinen öffentlichen Aufritt mit Prominenten, er wollte testen, ob er das auch hinbekam, in ein anderes Dasein zu schlüpfen so wie dieser Kessler. Und da er keine Lust auf langwierige Recherche hatte, musste es eine sehr vertraute Person sein, in deren Wesen er eintauchen wollte. Schnell war klar, dass seine zwei Jahre ältere Schwester Henriette den selbstgesteckten Vorgaben am ehesten entsprach. In der Vorbereitung sah er sich Familienvideos an, um Gang, Gestik, Sprache und sonstige Eigenheiten seiner Schwester zu studieren. Ihm fiel einiges auf, was er bisher gar nicht bewusst wahrgenommen hatte. Spöttisches Grinsen, Blicke von oben herab, glucksendes Kichern, kreisende Zeigefinger an den Augenbrauen und Ähnliches mehr. Wieder und wieder übte er Gestik und Mimik vor dem Spiegel und besprach das Aufnahmegerät mit einer elektronisch veränderten Stimme. Die ersten Videoaufnahmen, die er als „Henriette“ machte, offenbarten schonungslos all die Fehler und Ungenauigkeiten, die ihm in der Rolle des anderen Ichs unterliefen. Um letztlich nicht auf eine detailgenaue Maskerade und ein ausgeprägtes schauspielerisches Talent angewiesen zu sein, kam er auf die Idee, sich einfach ruhig in einen Sessel hinter einen durchsichtigen Vorhang zu setzen und als Identifikationsmerkmal nur eine passende Perücke zu tragen.
Zur Umsetzung seines Plans lud Henry seine Schwester an einem Sonntag im Mai zu sich nach Hause ein. Er habe sich gerade eine neue Espressomaschine zugelegt, schrieb er per Mail und wolle die Anschaffung mit starkem Café und feinem Kuchen feiern. Ja und bei der Gelegenheit hätte er sich noch eine „Performance“ ausgedacht. Er wüsste gerne, was sie davon hielte. Henriette war natürlich sehr gespannt, was da Geheimnisvolles auf sie zukommen würde, und sagte postwendend zu. Nachdem sie die Espressomaschine hinreichend gewürdigt und mit einem dampfenden Tässchen aus der Küche in Henrys Wohnzimmer getreten war, fiel ihr Blick sofort auf den durchscheinenden, deckenhoch gespannten Vorhang. Henry platzierte Henriette in einen bereitstehenden Sessel, um dann auf die andere Seite des Vorhangs zu wechseln. Dort stülpte er sich die Perücke über, startete das Aufnahmegerät und sprach ins Mikrofon.
„Kannst du mich gut hören, Henriette?“
„Sehr gut, aber deine Stimme klingt irgendwie piepsig?“
„Schade, ich dachte du würdest dich wiedererkennen. Ich habe mir nämlich was ausgedacht und das geht so: Ich bin du und beantworte Fragen, die du an dich selbst stellst.“
„Ich soll mir Fragen stellen, die du dann, quasi als Henriette Wohlgezogen, beantwortest?“
„Exakt.“
„Mit anderen Worten, du glaubst, du wüsstest, was ich denke?“
„Nicht ganz, ich sage dir, was ich denke, das du denkst. Das Ganze ist der Versuch eines Perspektivwechsels.“
„Klingt ziemlich kompliziert.“
„Es ist aber ganz einfach. Wollen wir anfangen? Du fragst mich was und ich antworte.“
„Okay, ich nenne dich Jette. Also Jette, nenn mir zwei Modebegriffe, die ich hasse wie die Pest.“
„Die Begriffe lauten: geil und Narrativ.“
„Narrativ, stimmt, aber geil, nein, das ist von gestern. Der andere Begriff, den ich überhaupt nicht abkann, ist Diskurs. Uuuuh, wir hatten am Abendbrottisch einen heftigen Diskuuuurs über ungepflegte Achselhaare und muffelnden Fußschweiß, lächerlich.“
„Aber siehst du, mit Narrativ hatte ich schon mal zu fünfzig Prozent Recht. Nicht schlecht für den Anfang, oder? Stell bitte die nächste Frage.“
„Was glaubst du, Jette, gibt es ein Alter, an dem ich spätestens den Führerschein abgebe?“
„Spätestens wenn sich der Sargdeckel über uns schließt, dann ist auch Schluss mit der Autofahrerei.“
„Donnerwetter, ich muss schon sagen, du hast deine Hausaufgaben gemacht. Also weiter, jetzt bin ich wirklich mal gespannt. Jette, welch tiefes Geheimnis steckt in mir?“
„Ein Geheimnis? Du hast einen ganzen Sack voller Geheimnisse, du musst schon eingrenzen, welches davon du meinst.“
„An Liebe denke ich, an eine große, heimliche Liebe.“
„Bist du auch ehrlich zu mir, wenn ich dir jetzt auf den Kopf zu sage, wen du liebst?“
„Klar, bin ich ehrlich, aber du wirst das Geheimnis nicht lüften.“
„Du liebst eine Frau.“
„Blödsinn.“
„Du wolltest ehrlich zu mir sein, Henriette.“
„Klar, aber du liegst völlig daneben.“
„Vergiss nicht, ich habe dich genau studiert, deine Körpersprache, deine Stimmlage. So wie du attraktiven Frauen nachstarrst und wie du jetzt mit den Händen rumwedelst, den Kopf ruckartig nach vorne streckst, die plötzliche Rauheit in deiner Stimme. All das sagt mir, ich habe den Nagel auf den Kopf getroffen.“
„Quatsch, du spielst dich hier als Zwerg Allwissend auf … Verdammt, Henry, jetzt nimm endlich diese beschissene Perücke ab und komm hinter dem Vorhang vor.“
„Weiß gar nicht, warum du plötzlich so rumgiftest, Schwesterherz. Wir sind doch unter uns, da musst du doch nicht so verklemmt tun. Und gib endlich zu, dass ich dich in– und auswendig kenne und genau weiß, wie du tickst.“
„Das ist ja der Ärger, nicht, weil du mich kopierst, sondern weil du die Inkarnation einer Plaudertasche bist. Morgen früh, spätestens, wissen unsere Eltern, dass ich anders herum bin, so wie sie es nennen. Glaubst du, das macht mir Spaß, mich rechtfertigen zu müssen? Ja, Kind, kann man da nichts gegen tun? Nein, Mama, da kann man nichts gegen tun!“
„Das ist doch völliger Quatsch und heutzutage überhaupt kein Thema mehr. Wir leben in Berlin, man kann als lesbisches Paar heiraten und Kinder adoptieren, alles ganz easy. Das wissen unsere Eltern genauso. Du schätzt sie spießiger ein, als sie sind, also reg dich ab, Henriette. Aber nun sage mal, wie heißt denn deine Süße, was macht sie beruflich?“
„Ich denke du weißt alles, mein schlauer Bruder? Aber, okay, ich sag’s dir trotzdem. Sie heißt Renate und arbeitet bei der Volksbank.“
„Na, das ist ja ein Zufall. Du weißt ja, dass meine Renate auch bei der Volksbank arbeitet.“
„Ach ja, Schlaumeier, was denkst du, wie und bei wem wir uns kennengelernt haben. Glaub mir, manchmal ist es besser, nicht alles zu wissen. Nun lach, kleiner Bruder oder bist du der eigentliche Spießer in der Familie?“
Ende der Aufzeichnung.
Irgendetwas schien sich geregt zu haben, draußen. Roswita Jablonski fuhr erschrocken hoch, ging zur Tür, öffnete und blickte in den hell erleuchteten Flur. Niemand zu sehen, Totenstille. Sie lief die wenigen Schritte bis zur Stirnseite, wo der Flur nach links und rechts abzweigte. Auch hier, keine Menschenseele. Jablonski schüttelte missmutig den Kopf, warum war sie nur so schreckhaft? Es waren doch nur leise quietschende Geräusche, als wäre jemand auf Gummisohlen am Zimmer vorbeigeschlichen. Schon als Kind hatte sie sich am liebsten hinter dem Rockzipfel ihrer Mutter versteckt, immer, wenn ihr mulmig zumute war. Aber sie war kein Kind mehr, sondern eine zielstrebige Bankkauffrau, am Anfang ihrer beruflichen Karriere. Mit festem Schritt ging sie zurück in ihr Zimmer. Bei aller Zielstrebigkeit und Arbeitsfreude, es gab Tage, die konnte man vergessen und heute war einer davon, der 31. Dezember, Silvester. Alle Welt bereitete sich auf den Jahreswechsel vor, nur sie saß hier in dem riesigen verlassenen Bürogebäude und wartete darauf, dass nichts geschah. Die Fernsprechleitungen der Niederlassung waren auf ihren Apparat geschaltet. Stallwache nannte man das. Jeder war damit mal dran, theoretisch. Führungskräfte zum Beispiel standen nicht zur Wahl. Ausgeschlossen waren auch Ältere, Kinderreiche, Schwerbehinderte, Auszubildende, Schwangere und Günstlinge vom Chef. Übrig blieben diejenigen, die erst seit kurzem auf der Gehaltsliste des Hauses standen, dazu zählte Roswita Jablonski. Zu tun gab es bei diesem Job so gut wie nichts, allenfalls Auskunft über die Öffnungszeiten zwischen den Jahren erteilen oder ähnliche Belanglosigkeiten verkünden. Es galt Präsenz zu zeigen, um Kunden vorzugaukeln, die Bank ihres Vertrauens würde auch zu Randzeiten unermüdlich für die Belange ihrer Klienten schuften. Allenfalls bei heiklen Themen, zum Beispiel Anfragen von Presseleuten, hatte sie Order, ihre Vorgesetzten zu informieren. Aber dazu würde es aller Voraussicht nach nicht kommen, denn bisher hatte sich überhaupt noch keine Menschenseele bei ihr gemeldet. Sie schaute auf die Uhr, noch zweieinhalb Stunden musste sie hier ausharren. Die Verbindung zum Internet war unterbrochen, „Wegen Wartungsarbeiten“, wie einem Hinweis auf dem PC-Bildschirm zu entnehmen war. Zu allem Überfluss hatte sie ihr Smartphone bewusst zu Hause liegen gelassen, um der sklavenhaften Displaygafferei vorzubeugen. Womit sollte sie sich beschäftigen? Unbearbeitete Akten auf dem Schreibtisch sprangen ihr ins Auge. „Schlag die Ordner auf und mach dich an die Arbeit“, schienen die schwarzen Aktendeckel zu fordern. Aber Roswita Jablonski befand, dass Stallwache Strafe genug sei an diesem öden Silvestertag.
Die Kantine hatte geschlossen, natürlich. Eigentlich hatte sie gar keinen Appetit, aber jetzt irgendeine Süßigkeit zu naschen, um die angeknackste Seele ein wenig zu streicheln, das wäre schon hilfreich. Sie suchte in den Schubladen herum und fand hinter zerdrückten Filtertüten eine Schachtel mit Keksen. Sie breitete ein Taschentuch auf dem Schoß aus und begann mit langen Zähnen an einem der pappig schmeckenden Kekse zu nagen. Die Kaffeemaschine hatte sie gleich früh morgens in Betrieb gesetzt und die Kanne war noch halbvoll, aber die Milch war aus und so schmeckte der Kaffee hart und garstig, passgenau zu ihrer angegrauten Stimmung.
Die Schreibtischschubladen sahen bei näherer Betrachtung, gelinde gesagt, saumäßig aus. Jahrzehntealter Staub in den Ecken und Ritzen. Sie gab sich einen Ruck, marschierte zur Damentoilette, zog mehrere Papierhandtücher aus dem Spender, befeuchtete sie mit warmem Wasser und einem Schuss Flüssigseife und machte sich an die Arbeit. Die Vorbesitzerin des Schreibtisches hatte Sauberkeit offensichtlich mit kleinbürgerlichem Spießertum gleichgesetzt. Mit frischem Elan hatte Jablonski in relativ kurzer Zeit zwei Schubladen gründlich gereinigt und sogar die schwer zugänglichen Gleitschienen mit einer Nagelfeile vom Staub befreit. Gerade war sie damit beschäftigt, den Inhalt aus der untersten Lade auf die Tischplatte zu schichten, da läutete das Telefon. Sie räusperte sich, nahm den Hörer ab und meldete sich mit geschäftsmäßig freundlichem Ton. Am anderen Ende der Leitung war eine ältere Dame mit vor Aufregung zitternder Stimme namens Agnes Windeck.
„Was kann ich für Sie tun, Frau Windeck?“ Roswita Jablonski war ganz froh über die unvermittelte Abwechslung.
„Sie müssen mir helfen, es ist ganz furchtbar. Ich gehe heute früh zu meiner Bank, ich bin nicht mehr die Jüngste, wissen Sie und so richtig gut sehen kann ich auch nicht mehr. Was wollte ich sagen? Ach ja, nun stellen Sie sich vor, ich kann sie nicht mehr finden. Sie ist weg, einfach so.“
„Unsere Bankfiliale soll weg sein, das glaube ich nicht. Wo wohnen Sie denn?
„In Lichterfelde, nahe Kranoldplatz. Kennen Sie den großen Markt da? Man kann da ganz wunderbar einkaufen. Wurst, Käse, frische Schnittblumen …“
„Frau Windeck, ich kann Sie beruhigen, die Zweigstelle wird gerade umgebaut. Da steht ein Gerüst vor dem Gebäude und die Fenster sind abgeklebt …. Frau Windeck?“
„Wie bitte, ich verstehe Sie ganz schlecht. Die Bank wird umgebaut, sagen Sie? Was wird denn da umgebaut?“
„Na, der gesamte Kassenraum, alles wird heller, freundlicher, moderner.“
„Heller, freundlicher, moderner? Wieso, ich bin sehr zufrieden mit der Bank. Na ja, sie könnte ein bisschen bequemer sein, und … hallo, sind Sie noch da?“
„Sie wollen mich veralbern, Frau Windeck, Sie meinen eine Parkbank, ich merke das!“
„Schade, dass Sie uns nicht so richtig auf den Leim gegangen sind, Frau Jablonski. Hier ist die Sendung Telefonstreich, vom Hessischen Rundfunk. Hören Sie doch heute Abend bei uns mal rein. Viel Spaß und einen guten Rutsch, wünscht Ihnen das gesamte Team.“
Roswita Jablonski hatte wortlos aufgelegt. Diesen Schwachsinn würde sie garantiert nicht einschalten. Sie beugte sich erneut hinunter, um die unterste Schublade aus der Laufschiene auszuklinken. Am Boden des Einschubs entdeckte sie allerlei Krimskrams: Büroklammern, Cent-Münzen, rote und blaue Halbhefter, zerknautschte Klarsichthüllen, einen stark abgenutzten Radiergummi, eingetrocknete Kugelschreiberminen und verschiedenfarbige Notizzettel. Sie sammelte das Zeug zusammen und füllte alles in ein stabiles Kuvert. Nachdem sie die Schublade wieder eingesetzt hatte, zog sie den abgelaufenen Kalender aus der Klarsichthülle der Schreibunterlage. Darunter kam ein mit schneller Schrift beschriebenes Blatt zum Vorschein. Sie begann zu lesen:
Meine letzte Montagsrunde bei Lehmann. Die Neue, Roswita, rothaarig! Schreibt heute das Protokoll. Wie sie strahlt, das Zuckerschnittchen. Glaubt allen Ernstes, man hätte sie wegen besonderer beruflicher Qualifikationen in unserer Anstalt verpflichtet, das naive Schaf. Wird schon noch mitkriegen, dass ihr rosiges Kindergesichtchen perfekt in Lehmanns Beuteschema passt. Gleich wird er zeigen, wer hier der Boss im Ring ist. Wen nimmt er sich dafür zur Brust? Na klar, den Sattler. Kein Umsatzzuwachs, keine Rendite, aber freitags mittags die Kurve kratzen, dröhnt unser Obermacker. War bei einem Kunden, stottert Sattler. Lehmann grinst in die Runde. Ach ja? Hab um 14 Uhr bei Ihnen angerufen, dringende Sitzung, sagte Ihre Frau, auf dem Klo, Pardon, Sie wären im Bad, hat sie gesagt. Kollektives Glucksen. Sattler wischt hektisch auf seinem Smartphone rum, murmelt rotgesichtig eine Entschuldigung. Lehmann, jetzt wieder ganz väterlich, Sie sind doch eigentlich ein Macher, Sattler, wo Sie anpacken, da schießen die Zahlen geradewegs durch die Decke. Ja, ja, Zuckerbrot und Peitsche, die ganz große Show, nur um dir zu imponieren, Roswita-Kind. Aber warte ab, bis auch du mit nacktem Arsch auf der Besamungscouch des Regionalleiters liegst. Schon Schluss für heute? Lehmann muss nach Frankfurt, zum Vorstand. Da staunst du, wie ungemein wichtig der Herr doch ist.
Roswita Jablonski legte das Blatt nachdenklich beiseite. Sie konnte sich noch genau an die knapp siebenminütige Veranstaltung erinnern. Von Frank Lehmanns Auftritt war sie tatsächlich ziemlich beeindruckt. Ein absolutes Alphatier, gepflegte Erscheinung, breitschultrig mit einer ungemein charismatischen Ausstrahlung. Die kruden Zeilen, die das Geschehen an dem besagten Montag spiegeln sollten, stammten offensichtlich von Carmen Kagel, der Vorbesitzerin dieses mistigen Schreibtisches. Kagel habe man irgendwohin strafversetzt, wie Kollegen sich hinter vorgehaltener Hand zuflüsterten. Genauer nachzufragen hatte sie sich nicht getraut. Lehmann war nun auch nicht mehr ihr Chef, da er, kurz nachdem er sie eingestellt hatte, in die Zentrale nach Frankfurt wechselte. Die kommissarische Leitung wurde Sattler übertragen, der mit seiner Rolle ziemlich überfordert schien. Und überhaupt, was hier in der Abteilung wirklich gespielt wurde, wer mit wem konnte oder wer gegen wen intrigierte, darüber wusste sie immer noch viel zu wenig. Irgendwie fühlte sie sich wie in Watte getaucht, kaum jemand richtete ein persönliches Wort an sie, alle schienen ihr aus dem Weg zu gehen. Den Grund für die ablehnende Haltung wusste sie sich nicht zu erklären. Vielleicht konnte Carmen Kagel, nachdem sie nicht mehr den Abteilungszwängen unterlag, ihr diesbezüglich Tipps geben. Gleich Anfang des Jahres würde sie versuchen, mit ihr in Kontakt zu treten.
Nachdem sie auch die Schreibplatte gründlich vom Schmutz befreit hatte, sammelte sie die benutzten Reinigungstücher ein und warf sie in den Papierkorb. Anschließend trat sie ans Fenster und blickte auf die Straße, ohne jedoch das Treiben dort unten wirklich bewusst wahrzunehmen. Diese Agnes Windeck vom Hessischen Rundfunk hatte sich angehört, als spräche Carmen Kagel mit verfremdeter Stimme. War das tatsächlich so oder spielte ihr die Fantasie einen Streich? Erneutes Telefongeläut schreckte sie auf, mechanisch griff sie zum Hörer.
„Guten Tag, Sie sprechen mit Roswita Jablonski, was kann ich für Sie tun?“
