Morgenweite - Dieter Steichler - E-Book

Morgenweite E-Book

Dieter Steichler

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Beschreibung

Der Frankfurter Konzeptionist Tillmann Textor erhält über den Schweizer Advokaten Hagenbächli von der internationalen Zigarettenindustrie den Auftrag, eine Werbekampagne zur Positivierung des Rauchens zu entwickeln. Die Konzeption ruft massive Proteste hervor. Raucher und Nichtraucher stehen sich unerbittlich gegenüber. In Ungarn wird eine Raucher-Partei gegründet.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dieter Steichler

Morgenweite

Roman Neuausgabe No smoKing / Der Konzeptionist

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Ein besonderer Auftrag

Eine brisante Präsentation

Dekadente Wettkämpfe

Stoppt der Helikopter, floppt er

Eine unausladbare Einladung

Wiedersehen ohne Wiederkehr

Fern von Frankfurt, eine neue Liebe

Omnibus plus bibamus

Abfahrt von einer Ankunft, eine Illusion

Man will, will nicht, will doch

Slam-Poetry statt neuer Liebe

Lebe wohl, deutscher Mann

Impressum neobooks

Ein besonderer Auftrag

Frankfurt am Main. Werktag im Zoo, kaum Besucher, Alltagsarbeit. Im Katzendschungel verlegten zwei Pfleger, ein jüngerer und ein älterer, ein Löwenpaar in einen freien Nachbarkäfig. Routinemäßig, um sauber zu machen. Der kurze Gang war durch Gitter gesichert. Der Löwe trottete als erster hinüber, denn dort drüben stand jetzt das Fressen, um die Raubtiere hinüber zu locken, rohe Eingeweide vom Rind. Die Löwin hatte keine Lust oder keinen Appetit. Oder beides. Man rief sie, lockte sie mit kleinen Häppchen.

Da geschah das Unfassbare. Zehntausend Mal war nichts passiert. Es hätte auch jetzt nicht passieren dürfen. Es war in keinem Notfallplan vorgesehen. Der ältere Pfleger stupste die Löwin mit einer Holzstange, um sie zum Aufstehen zu bewegen. Der jüngere stand an der offenen Gittertür zum Nachbarkäfig und rief:

„Dira, komm', Dira, komm', komm'...”

Doch die Löwin blieb liegen. Der Löwe fraß.

Urplötzlich drehte er sich vom Fressen weg und wollte zurück. Um ihm den Rückweg abzuschneiden, ließ der jüngere Pfleger den Schieber herunter, was den Lauf abrupt bremste. Mit dumpfem Grollen drückten die Pranken nun gegen das Gitter. Aber gegen die schweren Eisenstäbe kam der Löwe natürlich nicht an, was ihn noch mehr reizte. Um ihn zu beruhigen und dazu zu bewegen, die Pranken zurück zu ziehen, stieg der jüngere Pfleger mit einem Stock in den Gang, wohlmeinend, dass die Löwin weiter bockte. Diese war jedoch im gleichen Moment aufgesprungen und in den Gang gelaufen, wo sie von hinten auf den Pfleger traf.

Der ältere warnte den jüngeren Pfleger mit einem spitzen Schrei, der die wenigen Besucher – darunter einen mit rotem Hut und gelbem Mantel – schlagartig erstarren ließ. Zu spät! Der Gang war versperrt. Die Augen der Löwin suchten einen Ausweg. Im Sprung vorwärts bremste sie ab und stellte sich hoch. Beim seitwärts ausweichenden Aufrichten drückte die massige Katze den Pfleger ungewollt von hinten so fest gegen das Gitter, dass dessen Brustkorb gequetscht wurde. Mehrere Rippen brachen. Eine drang in die Lunge. Schaumiges Blut quoll aus dem Mund.

Der junge Pfleger konnte erstickend seinen Kopf noch zur Löwin drehen. Sie sah ihn fast entschuldigend mit großen Augen an. Er starb wenige Minuten später, weil die Lunge versagte. Seine letzten, kaum hörbaren Worte waren:

„Ich mochte sie und sie mich, sie hätte nie nach mir geschlagen oder gar gebissen.“

Die Löwin lief irritiert zurück. Der Löwe zog die Pranken ein. Für ein paar Minuten herrschte Totenstille. Dann lief die Rettungsmaschinerie an, obwohl nichts mehr zu retten war. Der Besucher mit dem roten Hut und dem gelben Mantel dachte rein pragmatisch an menschliches und tierisches Versagen, gleichzeitig. Er lag damit gar nicht so schlecht.

Zwei Tage zuvor. Wenn an einem Werktag die Sonne scheint, und sei es auch nur die fahle Herbstsonne, so sollte der Werktag eigentlich Sonnwerktag heißen, dachte Tillmann Textor. Kurz nach elf Uhr begann er wie immer ganz langsam seinen Arbeitstag. Der Anrufbeantworter hatte die Stimme eines älteren, eindeutig schweizerdeutsch sprechenden Mannes aufgezeichnet. Das war eine sehr angenehme Überraschung. Als Konzeptionist hatte Textor für Schweizer Unternehmen schon einige Kampagnen, hauptsächlich in Sachen Public Relations, entwickelt, und obschon das viele Jahre zurücklag, behielt er die Eidgenossen in stets guter Erinnerung. Die Zusammenarbeit war offenherzig, man feilschte weder um seine Ideen noch um seine Honorare, >Leben und leben lassen< schwang immer mit. Wenn er da an manche deutschen Auftraggeber dachte, die in seine Texte hineinredeten, nur weil sie glaubten das Alphabet zu beherrschen, das sie in der Grundschule mit mehr oder weniger Erfolg gelernt hatten, dann war dieser Anruf wirklich angenehm, spontan betrachtet.

Wie gewünscht rief Tillmann Textor zurück, und sofort wurde ein Termin vereinbart. Doch nicht im Büro, sondern einen Treffpunkt im Zoo schlug der Schweizer vor, übermorgen Nachmittag im Katzendschungel, genau gesagt bei den Löwen. Erkennungszeichen roter Hut und gelber Mantel. Um vierzehn Uhr. Plus minus zehn oder ein paar Minuten mehr. Echt schade, dachte Textor. Normalerweise besuchten ihn Auftraggeber in seinem Büro im Großen Hasenpfad, das er ultimativ modern eingerichtet hatte, mit einer sündhaft teuren Tech-Group-Anlage, in Chromstahl und schwarzem Edelholz sowie ultramodern geformtem Kunststoff. Mit verdeckten Kabelkanälen und integrierten Lampen. Modernes, edles Design. Inklusive schweren Leder-Drehsesseln. Und passenden Besuchersesseln. Textor war auf das gelungene Ambiente so stolz, dass er es gern jedem Besucher präsentierte, nur diesmal egal...

Zwei Tage später. Also der Übermorgen. Diesmal ohne Sonne, nur mittelmäßige Temperaturen, mal nass, mal trocken. Zirka vierzehn Uhr. Textor hatte wie jeden Werktag noch einen Termin, dessen Länge er nie genau einzuschätzen wusste: Das Mittagessen in einer unweit von seinem Büro gelegenen Brauerei-Kantine, wo er schon manche Brau- und Brunnenfürste getroffen hatte, die ihn mit Freibier aus der kreativen Ecke lockten, um ihr starres Marketing mit einem kleinen Blümchen Ideenreichtum zu dekorieren. Das dauerte dann bis in den späten Nachmittag und endete manchmal in der Kneipe unterhalb der Brauerei. Den Rest erledigten Taxifahrer.

Zum Glück für den Schweizer traf Textor beim Mittagessen diesmal niemanden. Er kam trotz Hochbetrieb in der Kantine relativ pünktlich los. Von seinem Büro in Sachsenhausen bis zum Zoo brauchte er höchstens zehn Minuten. Auf dem Weg dahin musste Textor mit seinem alten Porsche allerdings ein paar Mal fast anhalten, weil mehrere Fahrzeuge mit Blaulicht und Sondersignal freie Fahrt beanspruchten. Erst raste ein Notarztwagen in halsbrecherischem Tempo an ihm vorbei. Dann folgte ein Krankenwagen. Und kurz vor dem Haupteingang am Alfred-Brehm-Platz überholte ihn noch ein Streifenwagen, der hinter einem offen stehenden Tor in einer roten Feuerwehreinfahrt zum Zoogelände verschwand.

Textor hatte bereits seine sensiblen Antennen ausgefahren und vermutete, dass sowohl der Notarztwagen als auch der Sanka denselben Weg genommen haben mussten. Was war passiert? Textor wollte sofort parken, sah aber überall nur diese strengen, giftig wirkenden Halteverbotsschilder und Anwohnerparkplätze, die ebenfalls durch Schilder mit Abschleppen drohten. Also stellte er sein Auto auf dem etwas entfernten Parkplatz an der Straße >Am Tiergarten< ab und eilte schnaufend zum Haupteingang. An den Kassen war an diesem trüben Nachmittag nicht viel los. Schnell wurde der Eingangsbereich passiert. Die Neugierde wuchs mit jedem Schritt. Textor sah noch kurz auf den Lageplan und ging dann eiligen Schritts am Zoogesellschaftshaus vorbei linkerhand in Richtung Katzendschungel. Aber er kam nicht sehr weit. Der direkte Weg dorthin war gesperrt. Polizisten ließen niemand durch. Es hieß nur lapidar, ein Unfall. Wie sollte man nun den Schweizer treffen?!

Einige Leute kamen vom Katzendschungel zurück. Textor hielt Ausschau nach einem Mann mit rotem Hut und gelbem Mantel. Und tatsächlich. Diese Kombination war unübersehbar. Und passend. Der Schweizer sah fast aus wie ein Dompteur.

Der Konzeptionist stellte sich vor, sein Gegenüber, ein älterer Herr, Typ Egon Bahr, nickte erfreut und überreichte eine Visitenkarte. Textor hatte keine, obgleich ihm schon lange eine >Wie-sieht'n-Karte<, natürlich mit Bild, vorschwebte.

„Etwas dagegen, wenn wir einen Bummel durch den Zoo machen, oder?! Ich werde Ihnen dabei alles Wichtige mitteilen. Das Raubtierhaus ist leider gesperrt, ein bedauerlicher Unfall, einen Pfleger hat es getroffen. Ich schlage vor, wir gehen einfach mal der Nase nach, oder?! Haben Sie einen anderen Vorschlag?!“

Textor nickte. Natürlich nicht! Beim Gehen muss man sich nicht ständig in die Augen sehen. Deshalb war ihm eine Besprechung im Laufen auf jeden Fall lieber als sich an einem Kaffeetisch gegenüber zu sitzen. Außerdem gab es keine Zuhörer, wenn man genügend Abstand hielt. Textors Neugierde war riesengroß. Sie gingen ein paar Schritte.

„Was ist eigentlich passiert? Haben Sie etwas gesehen?“

Der Mann mit dem roten Hut und dem gelben Mantel stutzte kurz und sagte: „Ich hatte gerade überlegt, wie es wäre, wenn Menschen generell mit Tigern oder Löwen zusammen leben könnten. Mit ihnen zu schlafen, zu reden, aufzuwachen, zu fressen, sich an eine Löwenmähne zu schmiegen, mit der Löwin die Nase zu reiben, die Rotze und den Gestank als völlig normal anzusehen – was hat die Natur nur falsch gemacht, dass das kaum möglich ist, selbst wenn man wie die Pfleger täglichen Kontakt mit den Tieren hat – als meinen Gedankengang ein schriller Schrei unterbrach. Irgendetwas war schief gegangen. Aber Details darüber lesen Sie bestimmt in der Zeitung. Ich möchte nun über unser Projekt reden.“

„Ja, klar“, beeilte sich Textor hinzuzufügen. Der Schweizer kam gleich zu seiner Sache. Kurz und bündig.

„Ich bin Syndikus einer Vereinigung zur Wahrung von Raucherinteressen. Es verdichten sich die Anzeichen, dass Rauchen irgendwann ganz verboten werden könnte. Dem wollen wir rechtzeitig gegensteuern.“

Er sah den Konzeptionisten von der Seite an.

„Dazu brauchen wir eine Konzeption, die in der breiten Öffentlichkeit, ergo weltweit, eine andere, sagen wir, ganz neue, Meinung vom Rauchen bewirkt. Mit positiven Aspekten, die ein Image bilden, das von den gesundheitlichen Folgen ablenkt, Toleranz schafft.“

Textor lächelte ungläubig. Der Mann mit dem roten Hut und dem gelben Mantel fasste ihn am Ärmel.

„Jeder Mensch weiß, dass Autofahren tödlich enden kann, genauso wie Bergsteigen oder zu fettes Essen. Trotzdem hält das Niemanden davon ab, ins Auto zu sitzen, auf die Berge zu klettern oder einen dicken Bauch zu haben, oder?!“

Textor nickte, ganz langsam und dachte: Wenn ich im Laufe meiner Berufsjahre eines gelernt habe, dann dieses, einem potentiellen Auftraggeber anfänglich nicht zu widersprechen.

Sie schlenderten weiter. Der Schweizer unterstrich mit einer weiten Handbewegung den folgenden Satz: „Die Raucher-Diffamierungen werden sich wohl zu einem Megatrend entwickeln, aber glauben Sie mir, wir haben das Kapital, um dagegen zu steuern, hilfreich wäre da, Sie schreiben uns die richtige Konzeption, oder?!“

Die beiden Männer blieben stehen. Keep smiling. Man lächelte vor und zurück. Was ist richtig, was ist falsch? Falsch ist nur, wenn man nicht auffällt, wenn die Konzeption nicht die Massen bewegt, egal, ob negativ oder positiv. Entscheidend sind die Ideen. Daran mangelte es Textor eigentlich noch nie, sonst hätte er sich nicht über lange Zeit als freiberuflicher Konzeptionist behaupten können. Deshalb antwortete er einfach wie vorprogrammiert:

„Klar.“ Und wieder keep smiling.

„Dann sind wir uns schon einig.“

Der Schweizer streckte seine Hand aus. Ein verhängnisvoller Handschlag? Textor überlegte: Auf was lasse ich mich da ein? Ist es klug, ein ungesundes Produkt zu pushen? Ethisch vertretbar, auch wenn ich als Ghostwriter nach außen nicht in Erscheinung trete? Sein Kopf war verwirrt von vielen offenen Fragen, aber weder seine Stimme noch die Hände zitterten.

„Okay.“ Er willigte ein. Sie gingen weiter. Der Schweizer sehr entspannt, Textor eher verkrampft.

„Mein Büro wird Ihnen den Vertrag zuschicken. Sie brauchen dann nur noch zu unterschreiben. Wann können Sie loslegen?“

„Nächste Woche“, sagte er wie in Trance.

„Das ist prima. Die Kausalitäten gestalten wir wie üblich. Neben dem Basishonorar erhalten Sie ein wesentlich höheres Erfolgshonorar. Darüber sind wir uns einig, oder?!“

Textor war schon so lange Profi, dass er keine Fragen zur Abwicklung stellte, sondern nickte. Nur eines wollte er noch wissen.

„Wie kamen Sie auf mich? Wer hat mich Ihnen empfohlen? Aber sagen Sie nichts, wenn Sie nicht dürfen. “

Sie waren langsamen Schritts bei den Aasgeiern angekommen. Der Schweizer fasste ihn an der Schulter.

„Man hält große Stücke auf Sie. Die Empfehlungen, das kann ich Ihnen ja sagen, weil Sie die Herren kennen, kamen von den Direktoren Piaget und Tobler, Couleurbrüder. Sie gehören aber nicht zu Ihren Auftraggebern. Ihre einzige Ansprechstelle ist mein Büro in Zürich, ich habe dort eine geheime Spezialabteilung gebildet. Die Damen und Herren werde ich Ihnen bei ihrem ersten Besuch vorstellen. Wenn Sie vorweg Details brauchen, rufen Sie mich an. Rauchen Sie eigentlich?“

Textor bejahte und sah sich zum ersten Mal die Visitenkarte genau an. >Dr. jur. Hagenbächli,

Springli, Donatsch & Rubattel, Advokaturbüro, Rindermarkt, Zürich<

„Ich rauche auch“, sagte der Schweizer.

„Okay“, meinte Textor, „das ist sicher vorteilhaft. Man weiß genau, worum es geht.“

„Sicher?“ Ein ironischer Blick. Textor konterte sofort:

„Sicher!“

„Egal, wichtig für Sie war auf jeden Fall, dass sie einen Anrufbeantworter anhatten. Wir Schweizer glauben nämlich, dass sofort derjenige erreichbar sein muss, für den wir uns entschieden haben. Und einen Kandidaten B hatten wir natürlich auch, sogar einen C und D. Das kann ich Ihnen jetzt sagen. Aber Sie waren an erster Stelle. Und es hat auch nicht lange bis zu Ihrem Rückruf gedauert, oder ?!“

„Seit ich mit den Direktoren Tobler und Piaget kooperiert habe, bin ich zweimal umgezogen, meine Telefonnummer hat sich geändert...“

Textor unterbrach sich selbst, denkend: Was rede ich für einen Quatsch. Es gibt Telefonbücher und die Auskunft und außerdem ist es völlig unwichtig, wie man an seine neue Nummer gekommen ist. Er beeilte sich zu sagen:

„Danke, dass die Herren sich an mich erinnert haben, ich werde mein Bestes geben. Warum zogen Sie eigentlich keine Agentur in Erwägung?“

„Wer sagt das, die anderen Kandidaten können auch Agenturen gewesen sein, aber in Agenturen gibt es zu viele Mitwisser, deshalb arbeiten wir am liebsten mit Einzelkämpfern, vor allem bei diesem heiklen Thema, Sie verstehen, was ich meine?!“

„Selbstverständlich!“ Textor wusste um seine Vorteile gegenüber großen Agenturen, und die Manpower einer kleinen Werbeagentur konnte er mit anderen Freelancern wie Grafiker und Fotografen praktisch selbst bieten. Außerdem lehrte ihn die Erfahrung, dass eine gute Idee selten mehreren Köpfen entspringt. Und die Schweizer wussten das sicherlich auch. Damit war das Briefing beendet.

Als beide den Zoo verließen, gebar der Konzeptionist bereits einen Ideenansatz für das Grundkonzept, das in den nächsten Wochen Schritt für Schritt ausgebaut wurde, denn wenn er nicht gleich eine Idee hatte, wurde es meist furchtbar langwierig.

Nach mehreren Telefonaten mit Hagenbächli, in denen es vor allem um Etatgrößen ging, bei denen Textor fast schwindelig wurde, kam er ziemlich gut voran. Ein Gradmesser dafür waren die Wände seines Büros, die immer mehr mit Blättern, Zeichnungen und Zetteln tapeziert wurden. In dem Chaos, in dem sich nur Textor auskannte, entstand Seite für Seite die Basiskonzeption, täglich verändert, verbessert. Denn eine optimale Vorlage gibt es erfahrungsgemäß so gut wie nie. Man feilte bis zur letzten Minute, und danach eventuell auch noch, bis sich die Mikros öffneten.

Beim konzeptionellen Denken und Handeln übernahm Ansprechpartner Hagenbächli allmählich die Figur des Advokaten des Raucherteufels. Doch genau dieses Dämonische seines Auftraggebers brauchte der Konzeptionist, um Höchstleistungen zu erzielen. Der Mann forderte ihn heraus, allein schon durch das scheinbar grenzenlose Vertrauen in Textors Können. Und zum Glück hatte die PR-Agentur, für die er primär als Freelancer vertraglich arbeitete, momentan kaum Job-Tickets, so dass schon drei Wochen später die selbst getippte und grafisch aufpolierte Konzeption präsentationsreif war. Er vereinbarte für Anfang November einen Termin in Zürich.

Nachdem der Termin bestätigt worden war, erzählte Textor beim Abendessen seiner Frau Ildiko von dem Konzeptionsauftrag. Ihr Gesichtsausdruck blieb vielsagend, aber sie sagte nichts und dachte nur: Ich stimme voll überein mit der Bezeichnung Advokat des Raucherteufels! Doch was soll ich sonst dagegen sagen?! Eigentlich freue ich mich, dass Till mal wieder einen Großauftrag bekommen hat, ganz unabhängig von den Agenturen, für die er ansonsten auf sehr eng kalkulierter Honorarbasis arbeitet, weil die ja auch an ihm verdienen müssen. Und die ihn im Prinzip eigentlich kreativ auslaugen. Deshalb mache ich jetzt ein fröhliches Gesicht, auch wenn mir die Sache nicht ganz geheuer ist .

„Gut, mein Schatz, wann hast du den Termin für die Präsentation?“

„Am nächsten Mittwoch.“

Kurzer Blick auf den Kalender.

„Das ist schon nächste Woche.“

„Ja, genau am ersten November.“

„Wie lange bleibst du?“

„Schätze zwei Tage.“

„Dann reicht der Pilotenkoffer. Ich richte ihn dir.“

„Danke.“

Damit war das Gespräch in der gemeinsamen Wohnung über seinem Büro beendet, und Textor hatte erreicht, dass er nicht selbst packen musste, mit all den leidigen Konsequenzen wie zum Beispiel Kleiderschrank durcheinander gebracht, Unterwäsche heraus gezerrt, Pullover falsch gefaltet, unpassende Socken genommen etc.

Zufrieden fuhr Textor mit dem Lift hinunter in sein Büro im Hochparterre des zwölfstöckigen Hochhauses. Als Nachtmensch arbeitete er hier unten ungestört fast bis zum Morgengrauen und schlief oft an und Ort und Stelle bis in den Tag hinein. Ildiko hatte nichts dagegen. Sie konnte Tillmanns Schnarchen sowieso nicht ertragen.

Selten weckte sie ihn. Nicht, weil sie sehr rücksichtsvoll sein wollte, sondern weil es sich nicht ergab. Es war kaum was zu besprechen oder gemeinsam zu tun. Jeder ging seiner Wege. Bis auf wenige Kreuzungen. Donnerstags zum Beispiel brach Ildiko regelmäßig mit dem Staubsauger bei ihrem Mann im Erdgeschoss ein und fegte über alles hinweg. Diesmal war es ganz unpassend. Doch es gab nur eine Alternative: selber machen. Aber darauf wollte Textor sich nicht einlassen. Denn zum Reinemachen hatte er überhaupt kein Talent. Erst wenn es wirklich unumgänglich war, schrubbte er, dann jedoch gründlich, so gründlich, dass er monatelang die Schnauze voll hatte. Also hoffte er, dass seine liebe Frau die vielen Manuskriptblätter, Fotos, Grafiken und bereits fertigen Charts respektierte, die aus seiner Sicht wohl geordnet auf Tischen, Regalen und auch auf dem Boden verteilt waren, und sie nicht wie einen Haufen Altpapier behandelte, zog die Bettdecke über den Kopf und harrte der Dinge. An den Geräuschen der diversen Bürsten und Düsen, die Ildiko beim Staubsaugen benutzte, konnte man leicht den fortschreitenden Ablauf des Saubermachens erhören. Wenn Textor Glück hatte, war der Spuk bald vorbei, wenn nicht, war Bettwäschewechsel angesagt. Dann half nur noch die Flucht in die Dusche. Aber auch die war kein sicherer Ort, denn Bad und Toilette kamen zum Schluss dran. Im Sommer konnte er sich noch auf den Balkon retten, aber jetzt war es im Schlafanzug zu kühl, und ungeduscht durfte er nicht mehr ins frische Bett zurück, also musste er duschen, was bedeutete: Sein geliebter morgendlicher Halbschlaf fiel aus.

Aber immerhin. Fast alle Charts und Abbildungen hatten den Überfall seiner Sauberfrau heil überstanden. Nur ein bisschen Umschichtung war nötig, um die Vorlagen für die Herstellung der Overheadfolien zur Präsentation in Zürich so zu ordnen, dass sie der inhaltlichen Logik entsprachen, wobei Textors konzeptionelle Arbeitsweise seit Jahren stets als Ritual ablief. Er machte sich Skizzen oder nur Notizen oder beides und faxte die an einen befreundeten Grafiker, der Freelancer wie er war und sich rein formell per Vertrag zu absolutem Stillschweigen verpflichtet hatte, dessen Bruch eine hohe Konventionalstrafe zur Folge haben würde, was natürlich nie und nimmer relevant sein würde, da war sich Textor ganz sicher.

Dasselbe galt für die Layoutfotos, die von einem ebenfalls befreundeten Fotografen gemacht wurden und als Objekte für die Begierde der Objektive zur Herstellung der Overheadfolien dienten, die Textor ebenfalls nur streng vertraulich machen ließ.

Die reprofähigen Vorlagen für die reinen Textfolien, zweisprachig in Deutsch und Englisch, sowie die ergänzenden Charts bastelte er am Computer selbst, wobei er vor lauter Eifer und Freude über seine Strategie, Textmaximen, Gestaltungsmaximen sowie die kreative Umsetzung mittels zentraler Aussagen und die nach seinen Vorgaben gelieferten Grafiken, wie zum Beispiel die eines Maskottchen, in Selbstbewunderung seines Talents sich lauthals mittels einer Flasche Rotwein selbst feierte, in allerkleinstem Kreis, versteht sich. Noch nicht mal Ildiko durfte anwesend sein. Pure Egomanie.

Der Konzeptionist war sich dieser immer wiederkehrenden Euphorie bewusst. Sie war schön und notwendig, aber sie trübte seinen Sachverstand, seinen Urteilssinn. Schon lange kannte er diese Selbstüberschätzung, die ihn jeweils am Abschluss einer Präsentation regelrecht übermannte. Deshalb wurde ein paar Tage pausiert, nicht daran gedacht, alles weit weg geschoben, dann nochmals jede Seite begutachtet, gelesen und eventuell korrigiert, bis die ganze Konzeption auch pragmatisch, sozusagen in absoluter Nüchternheit Textors Note Toll erhalten konnte. Das war jedesmal eine Art Drahtseilakt zwischen Kreativität und selbst verordneter Sachlichkeit, weil sich dabei immer wieder euphorisch grell auflodernde "Seht-her-ich-bin`s"- Gedanken einschlichen.

Eine brisante Präsentation

Frankfurt/Zürich. In den Nächten vor der Konzept-Präsentation hatte Textor einen komischen, immer wiederkehrenden Traum, von dem er sich folgendes merken konnte: Das Innere des Menschen ist eigentlich eine eklige Erfindung, eine Art Kombination aus Chemie- und Physikfabrik, deren Ausdünstungen man mittels Parfüm, Deodorant, Intimspray, Mundwasser oder schon durch einen kleinen Kaugummi kurzfristig zurückdrängen kann. Langfristig ist dagegen nichts zu machen. Denn der Gestank entsteht durch die Nahrung, die im Gekröse verarbeitet wird und je nach Nährwert mit Glück einem gesunden Geist in einem gesunden Körper dienlich ist. Als Abfälle entstehen dabei zum größten Teil Gas, Kot und Urin, zum kleineren Schweiß und Tränen oder Rotz und Spucke. Ohne Rücksicht auf Verluste. Irgendwas kommt immer heraus.

Wenn man nur die Absonderungen eines Menschen im Laufe seines Lebens in einem Behälter sammeln würde, statt in die Mülltonne zu befördern oder in die Kanalisation zu schwenken, welch eine ekelhafte Menge würde sich da stauen! An der Stelle hatte der Traum immer diesen irrealen Bruch mit folgender Überleitung: Löwen mögen kein Parfüm. Stinken ist natürlich erwünscht. Teure Düfte werden nicht gebraucht. Dreck gewinnt an Bedeutung. Für viele Raubtiere scheint der stinkende Mensch eine normale Ergänzung zu sein. Komischer Traum...

Textor dachte nicht weiter darüber nach, denn die Präsentation verlangte volle Aufmerksamkeit. Er hatte seinen ganzen Ehrgeiz auf eine dem zu erwartenden Honorar adäquate Konzeption gesetzt – mit noch niemals publik gewordenen Ideen und Umsetzungen! Zwei Jahrzehnte Erfahrung machten ihn da sicher. Textor war jetzt etwas über vierzig, er wollte es noch einmal allen beweisen. Imaginiert konzipiert lief er tagelang durch die Gegend, um letztlich doch keine zwischenmenschliche Antwort auf die Frage zu finden: Wem wollte er was beweisen? Es gab niemanden. Daran änderte auch nicht der Termin in Zürich, der für ihn zwar noch einen geschäftlichen Baustein darstellte, den er aber seit der Ideenfindung als Das-geht-seinen-Gang innerlich bereits erfolgreich abgehakt hatte. Sollte heißen: Er fand sich so gut wie immer, konzeptionell unschlagbar, jedoch als Mensch nicht ausgeglichen. Obwohl er mit Ildiko eine gescheite, adrette Frau hatte, war er immer auf der Suche nach Glück, um das Vakuum von fortpflanzungsmäßiger Nutzlosigkeit und durch Hormone angetriebene zeugungsfähige Nützlichkeit zu versuchen auszufüllen. So begann der Konzeptionist fast jeden Tag mit einem He-Till-wach´-auf-zu-neuem-Leben! Also auf nach Zürich!

Tillmann Textor wollte eigentlich mit dem Auto in die Schweiz fahren, einen Tag vor der Präsentation, gemütlich Quartier machen, sich vorbereiten. Doch da kam Hagenbächlis Anruf. Die Präsentation musste schon am Dienstag stattfinden. Der Tobacco-Präsident höchstpersönlich hatte sich angekündigt. Also Flieger. Wie Textor das freute. Denn das bereits bezahlte Ticket war besser als selber tanken und vor allem selber fahren mit all den Zeitgenossen auf den gleichen Fahrbahnen, die seinen Porsche-Verschnitt nicht akzeptierten – aus Unkenntnis oder nach dem Prinzip: Die Straße gehört allen und Mein-Klein-Wagen hat die gleiche Vorfahrt, wenn er von rechts nach links die Fahrspur wechselt, weil ein Lastkraftwagen vor ihm fünf Sachen langsamer fährt als der eigene Schwung fordert, um nicht vom Gas gehen oder gar abbremsen zu müssen. Egal, ob der heran bretternde Textor dafür in den Eisen steht.

Irgendwann in ferner Zukunft werden die Menschen darüber lachen oder sich nur wundern über dieses Stink-Motor-Zeitalter, in dem sich ihre Vorfahren mittels Lenkrad und Pedal ohne Unterschied ob Schwerlaster mit oder ohne Anhänger, kleiner Transporter, Bus, Van, Geländewagen, Wohnwagen, Zwölf-, Acht- oder -Sechszylinder-Limousine, Coupé Cabrio, Mittelklasseauto, Kleinwagen, Motorrad alle auf ein und derselben Trasse gleichzeitig vorwärts kämpften, teils todesmutig bei strömendem Regen, Nebel oder Eis und Schnee, bei Tag und Nacht. Nur im Vertrauen darauf, dass jeder die Regeln einhält, die ihn zur aktiven Teilnahme an diesem Nahkampf namens Autobahnverkehr befähigen, während die passiven Teilnehmer beim Verkehr sogar schlafen können, wenn sie können. Dann lieber Fliegen!

Ergo einchecken am Frankfurter Flughafen mit dem zwiespältigen Gefühl einerseits der Autobahn-Nahkampfzone entronnen zu sein, aber mit der Entmündigung belastet, nicht mehr sein eigener Herr im eigenen Cockpit zu sein, sondern dirigiert zu werden von Menschen deren körperlicher und geistiger Gefühlszustand gänzlich unbekannt war. Könnte ja sein, dass die zwischenmenschliche Probleme haben oder gar in einem letzten depressiven Showdown ein ganzes Flugzeug samt Inhalt als donnernden Bühnenabgang benutzen, wer weiß...He Till, vergiss es, ermahnte er sich, du hast doch keine Flugangst! Überhaupt nicht! Du bist schon so oft geflogen und immer wieder heil gelandet worden. Und so geschah es natürlich wieder. Weil Fliegen eine natürliche Sache ist.

Der Dienstag war der letzte Tag im Oktober. Die Landung in Zürich-Kloten verlief trotz aller Bedenken, die eigentlich keine waren, wie gewohnt glatt. Ungewohnt war, dass der morgendliche Halbschlaf schon wieder ausfiel. Bereits um neun Uhr musste Textor einchecken, um Punkt elf in Zürich zu sein. Hagenbächli holte ihn am Flughafen ab. Der Himmel war leicht bewölkt, die Temperatur lag bei vierzehn Grad. Angenehm, dachte Textor, auf jeden Fall besser als der Hochnebel, der über Frankfurt herrschte.

Sie fuhren mit dem Taxi erst in ein pompöses Hotel an der Limmat, in dem laut Hagenbächli auch der Tobacco-Präsident gastierte. Textor checkte kurz ein, dann ging es weiter in ein Gewerbegebiet im Norden von Zürich. Wie eine Marionette, die ihn da und dorthin bugsierte, folgte Textor seinem Strippenzieher Hagenbächli. Egal, der Konzeptionist war total auf die anstehende Präsentation konzentriert und ließ sich bereitwillig führen. Nur einmal stutzte er, als sie in einem Hochhaus auf ziemlich hoher Etage direkt nach dem Schnelllift die Empfangshalle eines international bekannten Kosmetikkonzerns im Eiltempo passierten. Sie wurden sozusagen durchgewinkt. Textor sah im Vorbeigehen diverse Fläschchen und Tuben in einer Vitrine an der Empfangstheke und wunderte sich, was Kosmetik und Tabak wohl gemeinsam hätten.

Derweil führte Hagenbächli Textor in einen abgedunkelten Konferenzraum, deutete auf ein Rednerpult mit Overheadprojektor samt Leinwand im Hintergrund und sagte nur:

„Ich werde Sie nachher, falls notwendig, mit den Anwesenden bekannt machen.“

Textor ahnte, was das bedeutete. Würde seine Konzeption nicht verabschiedet, ergo genehmigt, würde er weder dem Tobacco-Präsidenten noch den Marketingdirektoren der anderen Tabak-Konzerne vorgestellt werden. Würde hin, würde her …er hasste Konjunktive, er war momentan so von sich überzeugt, dass er nur im Indikativ dachte. Entsprechend legte er sofort mit einem kurzen „Hallo“ los.

„Wir wissen, wo wir stehen und wie wir stehen, deshalb kurz und schmerzlos, die folgenden Statistiken gehören zu jeder Konzeption, das heißt zur anfänglichen Vertiefung.“

Er wartete auf keinerlei Reaktion und hakte die Folien Ausgangsbasis und Situationsanalyse ziemlich schnell im angenommenen Einvernehmen mit den Anwesenden ab, denn jeder hier kannte die Situation der Tabakindustrie in Folge des sinkenden Zigarettenverbrauchs in- und auswendig.