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Peter Morodkin war immer stolz auf seine Findigkeit und seinen wachen Verstand, die es ihm erlaubten, andere zu manipulieren und auszutricksen. Jetzt erkennt er sich als einen kleinen Drecksack und Feigling, der zu allem im Job und Leben Ja sagte, so lange er seine Miete, sein Auto und die Kneipe bezahlen konnte. Nun ekelt er sich vor sich selbst und möchte weg in eine Umgebung, wo ihn keiner kennt. Da trifft er auf die Russin Marina, die gerade in ihre Semesterferien gehen will. Er bezahlt sie dafür, ihn mit in ihr Land zu nehmen, wo er hofft, von seinem verkorksten Leben befreit zu werden. Marina glaubt, einen Touristen zu betreuen, aber zu ihrem Missvergnügen lässt sich Morodkin auf immer neue, ihr unverständliche Aktionen ein, um seinem alten Ego zu entkommen. Marina ist Halborientalin und hat einen Bruder im Kaukasus. Als der entdeckt, dass seine Schwester mit einem Mann herumzieht, unverheiratet, sieht er seine Familienehre beschmutzt und verlangt von Morodkin Wiedergutmachung. Der will sich dagegen wehren. Der Moslem besteht aber auf seiner Forderung.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2022
Anton Samoschkoff
Morodkins Ausweg
Von einem Feigling, der keiner mehr sein wollte
Roman
Copyright: © 2022 Anton Samoschkoff
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Verlag und Druck:
tredition GmbH
An der Strusbek 10
22926Ahrensburg
Softcover
978-3-347-78172-6
Hardcover
978-3-347-78173-3
E-Book
978-3-347-78174-0
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»Geniere dich vor dir selbst; das ist der Anfang aller Vorzüglichkeit.«
Marie von Ebner-Eschenbach
Kapitel 1
Für einen Mann wie Peter Morodkin war das Jahr 2015 eigentlich wie ein Riesenlottogewinn: Es ergoss sich ein Millionenheer flüchtender Orientalen und Afrikaner nach Deutschland, um dort Unterschlupf und Fortkommen zu finden. Die Flüchtlinge wurden in großen Lagern gesammelt, von Ärzten sowie Wachmannschaften betreut und in Deutsch-Crashkurse gesteckt. Es wurden Therapiegruppen eingerichtet und Psychologen berufen, um den durch Kriegsgräuel Traumatisierten zu helfen. Und für Peter Morodkin fielen zwölf junge, alleinreisende Araber ab, die er mit Tanz, Sport oder einer Mischung aus beidem beschäftigen sollte. Er bekam zur Unterstützung eine Psychologiestudentin, eine russische Halborientalin, in den Volkshochschulsaal gesetzt und legte los.
Morodkin ließ dort seine alten, von Mitgliederschwund bedrohten Kurse sausen und sattelte auf Integrationshelfer um. Als solcher würde er sich die nächsten Jahre über von den unverhofft ins Land gekommenen Menschen gut ernähren können, dachte er sich. Und wenn er die Kurse dazuzählte, die ihm das Kulturamt zuteilte, um Kinder aus sozial schwachen Familien in den Ferien durch kreative Spiele zu fördern, dann könnte er eigentlich seinen stressigen Wochenendjob als Koch in einer Freizeitanlage beenden, um sich endlich die Ruhe zu gönnen, die er so dringend brauchte, wie er fand. Einmal von seinem Alter her – kürzlich war er sechzig geworden – und zum anderen wegen der Dauerbelastung: Seit er nicht mehr im Theater arbeitete, powerte er seit mittlerweile über zehn Jahren ohne Urlaub und Wochenende in verschiedenen Jobs durch. Wenigstens konnte er im letzten Jahr dank des Kulturamtes den Job als Getränkeauslieferer an den Nagel hängen.
Es könnte gut werden für ihn, aber er konnte sich nicht so richtig darüber freuen. Morodkin schob das auf seine Erschöpfung und sagte sich, dass jemand, der seit über zehn Jahren so lebte wie er, sich nur noch aufs Schlafen freuen konnte. Und wenn er nun den Kochjob kündigte und an den Wochenenden ruhte, wie andere auch, dann würde sich die Freude schon noch einstellen.
Die kam aber nicht. Auch nach einem Vierteljahr kam sie nicht.
Im Gegenteil. Nun war ihm manchmal, als würde ihm die Luft knapp, wenn er an seine Schüler und den nächsten Unterricht dachte. Er bekam Atemnot und reagierte darauf mit einer gebückten, vornübergeneigten Haltung. Seine schlanke Gestalt bekam einen Buckel, auf dem er eine schwere Last zu tragen schien. »Ist eine depressive Verstimmung«, sagte ein Arzt, »gibt sich wieder«.
Aber sie legte sich nicht, sondern blähte sich zu einer schwarzen Riesenwolke über ihm auf. Morodkin zog unter ihr den Kopf ein und kämpfte sich von einem Tag zum nächsten durch. Er lernte ein paar arabische Worte wie Ja und Nein, um seinen Schülern entgegenzukommen und um seinen guten Willen zu bekunden. Damit tat er das, was er bei anderen Gelegenheiten ähnlicher Art schon immer getan hatte: Er strengte sich besonders an, lief nicht davon, um sich nach einer anderen Arbeit umzusehen, sondern blieb auch diesmal wie festgenagelt bei einer Sache, für die er sich umso stärker einsetzte, je widerlicher sie ihm war. Das war die Lüge, mit der ihm seine Schüler entgegentraten: In ihrer Heimat könnten sie nicht mehr leben, wegen des Krieges und der Not. Aber es waren alles junge kräftige und gut genährte Männer. Die Frauen, Mädchen und Kinder konnten offensichtlich weiter in der Heimat leben und die Alten auch. Das alles mochte so sein oder auch nicht, was Morodkin aber aufstieß war, dass sie die Hilfe der Deutschen in Anspruch nahmen, noch ihren Anhang nachholen wollten und das alles ohne Gegenleistung. Denn die würden sie nie oder nur unwesentlich erbringen.
Morodkin, der niemals Hilfe empfangen hatte und gewohnt war, allein von seiner Arbeit zu leben, waren nun Leute vor die Nase gesetzt worden, die er, wollte er seinen Job behalten, besser behandeln musste, als er in seinem Leben je behandelt worden war. Aber er verschluckte sozusagen die Fremdheit, die Zumutungen, die an ihn herangetragen wurden, und mühte sich mit überströmendem Einsatz um Leute, die er nicht mochte. So hatte er es auch in seiner kurzen Ehe gehalten und in den zahllosen Jobs, Studien und Projekten, bei denen er hinterher nie wusste, was er eigentlich damit zu tun gehabt hatte und warum er dort gelandet war.
Er fand eigentlich nie einen wirklich starken, aus tiefer Überzeugung gefassten Grund in sich, warum er bei einer Sache mitmachte. Bei den Jobs gab es wenigstens einen Grund: Von irgendetwas musste er schließlich leben. Aber warum er in diese Ehe geraten war, blieb ihm schleierhaft. Da es nun mal geschehen war, hatte er genau das getan, was er auch in ungeliebten Jobs tat: Er war geblieben, hatte Monate gebraucht, um sich an den ihm unangenehmen Körpergeruch seiner Frau zu gewöhnen, schaffte es endlich und verdrängte energisch den Widerwillen, den er nach wie vor empfand. Noch mehr setzte ihm ihr Lieblingssport zu: das Herumnörgeln an ihm. »Ich kenne keinen größeren Versager als dich.« – »Ich auch nicht«, hatte Morodkin gesagt und ergeben auf ihre Anwürfe geantwortet: »Du hast recht, das muss ich wirklich ändern.« Auf ihren Spott über seine russische Abstammung und seinen Urgroßvater: »Gut möglich, dass der Barin kein Regimentskommandeur war, wie du sagst, sondern ein Pferdeknecht. Ja, und wahrscheinlich ist er nicht 1914 in der Schlacht bei Tannenberg in einem masurischen See ertrunken, sondern als Deserteur aufgehängt worden.« Er verdarb ihr damit, ohne es zu wollen, den Spaß und nach knapp einem Jahr verließ sie ihn.
Warum Morodkin stets blieb, bis die anderen gingen oder ihn hinauswarfen, wusste er nicht. Manchmal fühlte er sich nach einem Hinauswurf deswegen ein wenig gekränkt, weil ihm das trotz seiner enormen Anpassungsfähigkeit immer wieder geschah. Offenbar übersahen Kollegen und Vorgesetzte seine Leistung. Morodkin fand, sie könnten ihn schon ein wenig dafür schätzen, dass es keinen Menschen gab, dem er sich nicht geschmeidig anpassen konnte. Landete er in einem Team, in dem man sich mit einem herzhaften Händedruck und lärmenden Gepolter begrüßte, machte er mit. Und wenn es üblich war, mit schiefem Mund und schlaffer Hand durch den Tag zu schleichen, verzog er sofort den seinen, ließ die Arme baumeln, als sollten die Finger an den Boden reichen, und behielt einen trübsinnigen Gesichtsausdruck bei. Er fand, es sei soziale Kompetenz schnell herauszufinden, von woher der Wind wehte, wer den Ton im Laden angab und was die Kollegen gerne hören wollten.
Bei ihm entwickelte sich diese Kompetenz zur Meisterschaft. Er sprach keinen Dialekt, wenn aber der neue Chef schwäbelte, nahm Morodkin sogleich das Schwäbische an. Als er eine Zeit lang im Theater arbeitete und zu Beginn scherzhaft forschend gefragt wurde »Bist du auch Tänzerin, Schwester?«, wunderte er sich nur ganz kurz und schon übernahm er tuntige Sprüche wie diesen und ließ es auch zu, dass ihm manche Kollegen zur Begrüßung statt zur Hand, an den Hintern griffen. Er empfand das zwar als unangenehm, zog es aber vor, darüber zu lachen.
Das war kein Problem für einen, der ganz anderes erlebt hatte: Rotz auf seiner Schulbank, Kopfnüsse auf dem Pausenhof und die ganze Clique der Dorfbengel gegen sich vereint – bis er darauf kam, wie er ihnen die Mäuler stopfen konnte: mit Heftchen, auf die sie versessen waren. Drei Goofys gegen vier Micky-Maus-Blättchen. Später ein Herrenmagazin für zehn Jerry Cotton. Oder einen Liter Obstwein, den er seinem Opa klaute. »Ist der geborene Händler, der Junge«, meinte der, als er ihn im Keller an den dicken Ballongläsern beim Abzapfen für einen Kunden erwischte und anschließend den Gewinn aus Tauschgeschäften in Peters Hamsterlager besichtigte.
Aber trotz der Mittel, die ihm der Handel verschaffte, fand er keine sichere Aufnahme bei den anderen Jungs und wusste darum nie, wann es doch wieder Kopfnüsse setzen würde. Da lud er Florian, einen eingebildeten Bengel, der großen Wert auf seine Kleidung legte, aber wegen seiner Kraft und Aggressivität als Boss akzeptiert wurde ein, mit ihm auf dem Land seiner Eltern ein Baumhaus zu bauen oder über die Abbruchkante der kleinen Sandkaut hinab zu springen und auf dem Hosenboden den Hang nach unten zu rutschen.
Florian kam und wurde auf einen ganz kleinen knubbeligen Hügel in der Nähe der Abbruchkante aufmerksam, bewachsen nur mit niedrigem weichem Gras und angenehm nach Wildkräutern duftend. Später meinte Peter, dass dieses Hügelchen, diese reizende weiche Erhebung, einem schöngeformten Frauen-Po sehr ähnlich sah. Florian hockte sich oben auf das schöne Hügelchen, drehte sich um und glitt langsam, mit den Händen nachhelfend, auf dem Bauch rutschend statt auf dem Hintern, hinab. Er machte das mehrmals und ohne Rücksicht auf die Bügelfalte seiner guten Flanellhose – ohne überhaupt auf seine Kleider zu achten. Und nach dem zweiten Rutsch sah Peter beim gar nicht großen Florian eine erstaunlich große Erhebung unter der ramponierten Flanellhose. Da probierte auch Peter diese neue Art zu rutschen aus.
Das mit dem Hügelchen sprach sich herum und bald wollten auch die anderen Jungen nicht abseits stehen, sondern rutschen. Und Peter, als Gastgeber, stand nun im Mittelpunkt und wurde so beliebt, dass er erwog, künftig Eintrittsgeld zu fordern. Er war angekommen bei den Dorfbengeln und aufgenommen in ihre Mitte. Anfeindungen musste er nicht mehr befürchten. Er war bei denen in Sicherheit, die ihm widerwärtig waren und blieben.
Das war ein Erfolg gewesen. Und den verdankte er seinem Geschick. Morodkin wurde warm, wenn er daran zurückdachte, und klopfte sich auf die Schulter: Alle konnte er sie hochnehmen, einfach weil er mehr Verstand besaß als sie.
So ein Ding müsste ihm auch jetzt gelingen, etwas Ähnliches. Er bräuchte es, denn Morodkin musste zum Semesterende belegen, dass sein Unterricht den zwölf Schülern ein positives Erlebnis, eine Hilfe aus ihren Traumata heraus und einen Halt im fremden Land bot: »Wir werden sehen, ob sie sie abgeholt haben aus ihrem schlimmen Erleben, hin zu etwas Optimismus, der sie befähigt, eine Perspektive für sich zu sehen, in der neuen Heimat.« Morodkin hatte sich den seifigen Sermon seiner Vorgesetzten angehört und dabei die ganze Zeit das Gefühl gehabt, die Arschkarte gezogen zu haben. Hier konnte er nur verlieren. Dann fiel ihm ein, dass für den Psychokram ja letztlich die psychologische Hilfskraft zuständig war und er eigentlich nur eine möglichst knackige Shownummer mit den Jungs auf die Beine zu stellen hatte. Wenn das gelang, würden sich seine Schüler sicher ziemlich gut fühlen und er konnte eine kleine Vorstellung vor Kollegen, geladenen Gästen und der Schulleitung durchziehen.
Morodkin hatte einen Plan erstellt, wie er die Orientalen bis zum Semesterende dahin bringen konnte. Er hatte genau festgelegt, wann was gelernt werden sollte und vor allem, bis wann es jeweils bei den Schülern sitzen musste: drehen, springen, Salto, Handstand … Aber sie hinkten dem Zeitplan schon beträchtlich hinterher und das wurde von Woche zu Woche schlimmer. Konnte er zum Semesterende kein ordentliches Resultat vorweisen, dann wäre der Job futsch, dann wäre wieder Getränkeausfahren oder der Küchenstress angesagt.
Das Problem war, dass die Schüler keinerlei Sinn für seinen Zeitplan zeigten. Gefiel ihnen die Springerei, dann blieben sie auch in der folgenden Stunde dabei, in der eigentlich ein anderes Thema vorgesehen war, und Morodkin sah eine hüpfende, durcheinander springende Horde miteinander wetteifernder Kerle, von denen jeder versuchte, seine Toberei fantasievoller zu gestalten als der andere – und vor allem lauter, denn es gelang ihnen auch dann weiter zu plappern und zu schreien, wenn sie einen halben Meter über dem Boden in der Luft zappelten.
So würde es mit der Vorstellung nichts werden. Er versuchte, sie dazu zu bewegen, zum Beispiel einen Sprung nicht dem Zufall zu überlassen, sondern ihn zu planen und damit wiederholbar zu machen. Nur so könnten sie die Shownummer zustandebringen. Das wurde verstanden, aber weiterhin geriet kein Sprung wie der andere.
Morodkin versuchte es mit Freundlichkeit. Das kam schlecht an. Jetzt ignorierten sie jede seiner Anweisungen.
Am Biertresen seiner Stammkneipe erklärte ihm ein Gast, dem er sein Problem klagte: »Du musst den Musels die harte Kante zeigen. Freundlichkeit verstehen die als Schwäche. Bei denen musst du mit einem dicken Knüppel dazwischengehen.«
So sind die das von zu Hause aus gewohnt, dachte Morodkin, schnappte sich beim nächsten Mal einen der ärgsten Störer und warf ihn für eine Stunde aus dem Unterricht. Nach der Arbeit wurde er prompt ins Sekretariat zitiert, denn der Bursche hatte sich über ihn beschwert. »Sie müssen sensibler vorgehen. Die Armen haben Furchtbares erlebt, sind traumatisiert!«, bekam er zu hören. »Ja«, sagte Morodkin. Aber in einem Monat würde das Semester zu Ende sein und wenn es so weiterging, wie bisher, dann konnte er einen Kindergarten beim Toben vorführen, mehr nicht. »Lassen Sie nie die Flüchtlinge merken, dass sie sie negativ einschätzen. Die sind empfindlich und stolz. Sie könnten ihre Gefühle verletzen. Sie sollten sie loben und lieben!« Morodkin verstand: Wenn die Sache eine Pleite würde, dann wäre er ganz alleine daran schuld. Und wenn er hier weiter Geld verdienen wollte, dann sollte ihm schleunigst einfallen, wie er die zwölf Kerle bändigen könnte.
Im Hinterkopf klang ihm der Rat nach: Loben Sie sie. Sie sind stolz. Da kam ihm die Psychologiestudentin entgegen, die ihn beim Unterricht unterstützte. Sie weinte. Er blieb stehen.
»Ich war beim Amt.«
Er erinnert sich, dass sie ihm neulich gesagt hatte, in einer anderen Gruppe gäbe es bei einem afrikanischen Flüchtling einen Fall von Tuberkulose und sie wolle zum Gesundheitsamt gehen, weil die Schulleitung in der Sache nichts unternähme und sie Angst um ihre Gesundheit habe. »Und, tun die jetzt was?«, fragte er.
»Der Amtsarzt meint, es könne ja sein, dass ich die Tuberkulose aus Russland mitgebracht hätte.« Sie weint vor Wut. »Stellen sie sich vor, Peter, ich lebe seit Jahren in Deutschland und wenn ich jetzt krank werde, dann habe ich die Tuberkulose eingeschleppt, nicht die Flüchtlinge!«
Morodkin tröstete sie und ging zurück in den Unterrichtsraum, um seine Tasche zu holen. Von dort marschierte er geradewegs in eine Kneipe und stürzte zwei Bier hinunter. Als er seine Geldbörse aus der Tasche angelte, war sie offen und ohne Geld.
Der Wirt kannte ihn und hatte Verständnis. »Sei froh, dass sie dir den Pass gelassen haben. Eigentlich klauen sie den besonders gern. Sie müssen dich mögen.«
***
Am nächsten Tag kamen nur drei seiner Schüler pünktlich zum Unterricht. Die anderen tröpfelten im Laufe des Vormittags nacheinander ein und zwei kamen gar nicht.
»Wo sind die?«
»Müssen auf Amt.«
»Sicher?«
»Wird so sein.«
Morodkin merkte, dass er mit seiner Teilnehmerliste herumwedelte. Das durfte er nicht. Keinen Ärger zeigen und sich nicht anmerken lassen, dass er aufgeregt war.
Sie hielten ihn für einen Schwächling, weil er freundlich war und offenbar nicht in der Lage, auf sein Geld aufzupassen. Er sah sie sich an. Vier spielten an ihren Handys herum, einer streckte sich auf dem Boden aus, der Rest zog sich Stühle heran und hing darauf herum, nicht bereit, an diesem warmen Tag etwas anderes zu tun. Eigentlich hätte er längst mit dem Unterricht beginnen müssen. Sie warteten darauf, dass er sie aufforderte aufzustehen, er wusste aber, dass sie es verweigern würden. Sie hocken stumm da und behielten ihn im Blick, abschätzend wie bei einen Schafbock, als würden sie überlegen, wie sie ihn einfangen könnten, um ihn zu schlachten.
Es war stickig warm im Raum, obgleich die Tür zum Flur offenstand. Lärm drang herein. »Machen du Tür zu«, sagte einer.
Morodkin machte einen Schritt zur Tür hin. Es flutscht, ganz automatisch flutscht das schon, fiel ihm auf.
Er schloss die Tür nicht, nahm sich einen Stuhl, setzt sich ihnen gegenüber und blickt sie an. Sie warteten darauf, dass er sie hochscheuchen wollte, um den Unterricht zu beginnen, das konnte er sehen – und dass sie es verweigern würden. Einer grinste erwartungsvoll.
»Ihr kennt den Euphrat?«
Der Grinser wurde ernst.
»Und den Tigris?«
Der Kerl, der auf dem Boden lag, setzte sich erstaunt auf.
Mach Dampf, dachte Morodkin, bring sie in Bewegung. »Und die Storys um den König Nebukadnezar, Babylon, die Zikkurats und diesen Turm … Wie hieß der noch mal?« Er schrie, schwitzte und klatschte in die Hände.
Sie schnatterten durcheinander: »Tigris, großer Fluss, ich schwimmen«, rief einer. »Babel, nennt ihr Turm«, tat sich ein anderer hervor.
Morodkin stellte sich auf den Zehen hoch und reckte sich zur Decke. »Ein Riesending war das, eine ganz geile Leistung eurer Ahnen! Und dann die erste Schrift, die Keilschrift, die habt ihr erfunden.« Er griff mit beiden Händen in einen Korb, in dem Dutzende von Pappbuchstaben lagen, warf sie in die Höhe und ließ sie herabregnen. »Die habt ihr erfunden!« Er sprang auf die Schüler zu und bohrte einem den Zeigefinger vor die Brust. »Von euch kam die Schrift zu uns!«
Die anderen rutschten auf dem Boden herum und grapschten nach den Buchstaben. Dass es lateinische Buchstaben waren, spielte keine Rolle, sie kapierten, was gemeint war und dass sie die Größten waren.
»Kunst, Zivilisation – das kam alles von euch. Ihr hattet schon breite mit Steinplatten ausgelegte Straßen, da versanken wir noch auf unseren Dreckwegen. Ihr wohntet in großen Häusern aus Stein, in Palästen, als wir noch in primitiven Hütten aus Ästen und Schilf hockten, ohne Klo! Da gab es bei euch schon die Wasserspülung.«
Er macht eine Pause, fixierte sie stumm und keifte dann los. »Warum seid ihr eigentlich hier? Wie könnt ihr es aushalten in einem Land, das euch alles verdankt und euch dafür bestohlen hat? Was bietet es euch? Was bekommt ihr von diesem Land?«
»Kein Bomben, Ruhe, kein Krieg hier«, hörte Morodkin.
»Ja, ganz viel Ruhe hier! Der Glaube ist tot. Deutsche wissen keinen Gott über sich. Ihr Land geben sie weg, wie abgetragene Wäsche, die Leistungen ihrer Ahnen machen sie lächerlich oder schämen sich dafür. Jeden Fremden achten sie mehr als sich selbst. Sie haben keine Würde. Warum kommt ihr zu Leuten, die keine Würde haben?«
Die Orientalen sahen sich an, dann Morodkin.
»Ich sage euch jetzt, warum ihr hier seid: Allah hat euch geschickt, dieses kaputte Land zu retten. Ihr seid jung und stark, hier wimmelt es von Alten.« Morodkin schlurfte zur Tür und ließ dabei die Schuhe lautstark über den Boden scharren. »Ich bin alt, die meisten hier sind alt.« Er trat einen Schritt auf den Korridor und ließ nur noch den Kopf sehen. »Wir Alten verschwinden, ihr seid unsere Erben. Macht die unfruchtbaren Frauen schwanger. Macht aus den Schwuchteln wieder Männer. Jagt sie aus ihren Bürosesseln hoch. Bringt ihnen bei, wie man kämpft. Treibt sie von ihren Grundstücken und aus ihren Häusern heraus, sie sollen merken, wie es sich anfühlt, sein Land zu verlieren. Das wird euch gehören, mit allem was draufsteht und wächst.« Morodkin ging zu jedem Einzelnen und schüttelte ihm die Hand. »Ihr seid die Zukunft! Und ihr werdet schon am Ende des Monats allen zeigen, dass ihr die seid, die geschickt wurden!« Er schielte bedeutungsvoll zur Decke, »von ihm, vom Allerbarmenden!«
Morodkin sprang zur Tonanlage und schaltete eine langsame, rhythmisch sehr betonte arabische Musik ein, an die sich eine immer rascher werdende Musik von dumpfen Trommeln und schrillen, gräulich klingenden Flöten anschloss. Zu diesem Marsch ließ er seine Schüler mit Stampfschritten herumgehen und in plötzlichen Bocksprüngen übereinander herfallen und Saltos schlagen.
»Jetzt zeigt die ganze Kraft, die ER euch mitgegeben hat, als ER euch schickte«, schrie Morodkin, als der schnelle Teil begann.
Er ließ sie sich gegenseitig vor die Brust springen, drehen und stürzen.
»Ihr seid die Retter, auf euch haben wir gewartet!«
Drei aus der Gruppe blieben abseits stehen und sahen kopfschüttelnd und verlegen zu. Morodkin war klar, dass er Unsinn trieb und nicht jeder blöde genug war, das nicht zu durchschauen.
Er überlegte kurz und schon kam ihm die Idee, wie die drei einzubinden wären: »Show! Das wird eine Shownummer. Die brauchen wir zum Semesterabschluss. Sonst wird die Gruppe aufgelöst. Wer weiß, was sie dann mit euch machen? Womöglich werdet ihr zurückgeschickt. Das wollt ihr doch nicht?« Er nahm sie zur Seite: »Diejenigen unter euch, die im Kopf ein bisschen einfacher sind, die musste ich irgendwie motivieren. Aber ihr seid intelligenter und werdet es verstehen.«
***
Am Monatsende war eine veritable Tanznummer entstanden.
»Sie haben Klischees bedient mit dem albernen Kriegstanz oder was das sein soll. So ähnlich stellen sich alle Idioten in Europa fanatische Moslems vor!!« Marina, seine psychologische Hilfskraft, war wenig angetan von seiner Leistung.
»Jedenfalls können wir jetzt was vorzeigen. Und sehen Sie sich die Schüler an: Die sind richtig gewachsen, die fühlen sich super!«
»Stimmt, sie führen sich schon als die neuen Herren auf.«
»Warten wir ab, was die Chefs dazu sagen«, meinte Morodkin.
Es folgten die letzten Takte Musik. Er blickte aufs Publikum. Jetzt rissen sie dort die Arme hoch und fingen an zu klatschen. Er sah die Rücken seiner Schüler, die sich verbeugten, sich umdrehten, auf ihn zu gerannt kamen, weil hinter ihm die Umkleide war. Er hatte sie in lange Sporthosen und T-Shirts gesteckt. Alle waren klatschnass geschwitzt. Er sah in ihre glühenden Gesichter. So glücklich hatte er sie in der Tat noch nie gesehen. Er blieb ganz cool: Seinen Job hatte er gerettet. Ganz sicher!
Morodkin wollte seinen Schülern nachgehen, da stand seine Chefin vor ihm, reichte ihm einen Strauß Blumen und strahlte ihn an.
Der zweite Chef, ein baumlanger Mensch, kam dazu. »Fabelhaft, Peter! Und ganz exzellent, dass sie ihnen nicht unser Zeugs aufgepappt haben, dass Sie sie in ihrer eigenen Kultur belassen haben, fabelhaft. Nichts Deutsches! Womöglich ein Hayden-Menuett. Schauderhafter Gedanke.«
Morodkin fand das idiotisch. Auch die Blumen. Meinten die das ernst? Er wollte doch nur seinen Job retten. Die Blumen und die feuchten Sprüche waren ein Missverständnis. Er bedeutet ihnen, dass er zu seinen Schülern musste.
Der Chef erinnerte daran, dass oben noch die Abschlussfeier im ersten Stock anstand. «Fabelhaft, Peter! Ihr kommt dann hoch.«
Sie waren also zufrieden. Der Job war getan und sie sollten ihn jetzt in Ruhe lassen. Aber diese Feier musste noch sein.
Morodkin trat in den Umkleideraum. Schweißgeruch schlug ihm entgegen. Sie hatten das Licht heruntergedimmt, keiner war umgezogen. Die Schüler hockten mit nackten Oberkörpern auf den Lehnen ihrer Stühle und schnatterten durcheinander. Sie kamen Morodkin vor wie ein Vogelschwarm, der sich auf einer Überlandleitung niedergelassen hatte, um sich vor dem Flug in den Süden zu besprechen. Er merkte, dass sie ihren Auftritt durchkauten. Zwei stellten sich auf die Sitzflächen der Stühle und zitierten mit gewollt komischen Gesten Stellen aus ihrer Shownummer. Lachen. Drei sprangen auf den Boden, Handstandüberschlag und ein paar Sprünge. Sie waren noch so gefangen und vertieft in ihr Erlebnis, dass sie Morodkin nicht bemerkten.
Er stand bei der Tür und wünschte sich plötzlich, zu ihnen zu gehören. Hätte er mitgemacht, wäre er nun in ihrem Kreis. Er spürte ein Bedauern darüber, abseits zu stehen. Ihm fiel ein, dass er diese Shownummer entwickelt und die Kerle trainiert hatte, die jetzt plappernd auf ihren Stühlen herumhampelten, und dass es normal und üblich wäre zu ihnen zu treten und ein paar Worte an sie zu richten. Aber würden die Worte sie interessieren, würden sie sich nicht viel eher gestört fühlen? Wie konnte er sich ihnen so nähern, dass sie das als in Ordnung empfänden? Er machte ein paar verstohlene Schrittchen, blieb wieder stehen. Er hatte keine Ahnung, warum er tat, was er tat, dachte auch nicht darüber nach. Er fühlte sich nur unwohl und wollte weg. Wie geschoben trat er vor, wedelte mit dem Blumenstrauß über dem Kopf und machte zu seinen Schülern hin eine ins Lächerliche verzerrte Verbeugung: Ein knickebeiniger Alter mit krummen Rücken und blinkender Halbglatze, der etwas denunzierte, was schön und elegant ausgesehen hätte, wenn es nicht so bösartig verhöhnt und als albern und abgelebt hingestellt worden wäre. Dann tänzelte er am Platz, pflückte den Strauß auseinander und reichte jedem seiner Schüler eine Blume, indem er auf halber Spitze von einem zum anderen trippelte. Die Schüler hatten, bis auf zwei, ihre Hochsitze verlassen und standen schweigend herum, wussten nicht recht, wo sie ihre Hände lassen sollten.
Morodkin ging in die Hocke, sprang hoch und versuchte ein Entrechat, fiel bei der Landung fast hin und warf die letzte Blume in eine Ecke. »Europäisches Ballett und so, häch! Da machen wir doch lieber eure Sachen. Was Unverbrauchtes, Frisches.« Er streckte das dünne Altmännerbein hinter sich und verzog angewidert den Mund. »Arabesque, Museum, abgelebtes Zeug!«
