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Die Mostviertler Alm feiert Jubiläum! Eigentlich ein Grund zum Feiern, doch als Elisabeth Wagner als Funktionärin des Bauernbundes eine Festrede hält, bricht der Zorn der Landwirte über sie herein. Der anwesende Landeshauptmann springt Elisabeth zur Seite, aber als tags darauf ihre Leiche medienwirksam in einer Kuhtränke entdeckt wird, sieht er rot. Major Brandner und Inspektorin Lindner kämpfen auf dem Land nicht nur mit wortkargen Zeugen, sondern vor allem mit Druck von oberster Stelle. Als ein weiteres Verbrechen öffentlich ausgeschlachtet wird, beginnt ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Helmut Scharner
Mostviertler Bauern
Kriminalroman
Landsterben Die Mostviertler Alm feiert 50-jähriges Jubiläum! Die Stimmung ist ausgelassen und heiter, doch als Elisabeth Wagner als Funktionärin des Bauernbundes eine Festrede hält, bricht der geballte Zorn der Landwirte über sie herein. Kürzungen von Förderprogrammen und ein neues Freihandelsabkommen der EU gefährden die Existenz der Mostviertler Bauern. Zum Glück springt der anwesende Landeshauptmann Elisabeth tatkräftig zur Seite und lenkt den Unmut geschickt Richtung Brüssel. Immerhin stehen bald Wahlen an, da kann wirklich niemand Tumulte gebrauchen!
Als am Tag nach dem Festakt Elisabeth Wagners Leiche medienwirksam in der Kuhtränke auf der Alm entdeckt wird, sieht der Landeshauptmann jedoch rot. Major Brandner und Inspektorin Lindner müssen bei ihren Ermittlungen mit wortkargen Zeugen unter den regionalen Bauern ringen und zugleich gegen Druck von oberster Stelle kämpfen. Als ein weiteres brutales Verbrechen online ausgeschlachtet wird, sieht sich Lindner gezwungen, zu unorthodoxen Methoden zu greifen.
Helmut Scharner wurde 1975 in Ybbsitz geboren und wuchs auf einem Bauernhof im Mostviertel auf. Er arbeitet als Sales Manager für den größten österreichischen Stahlkonzern. Beruflich wie privat reist er viel um die Welt, doch sein Dreh- und Angelpunkt ist das Mostviertel, in dem er mit seiner Familie lebt. Helmut Scharner hat bereits mehrere erfolgreiche Kriminalromane geschrieben, die in seiner Heimat verankert sind. Er ist Mitglied der Autorenvereinigungen »Das Syndikat« und der Österreichischen Krimiautoren.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Ricarda Dück
Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Denis Vesely / Shutterstock.com
ISBN 978-3-7349-3346-2
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Türnitz, Niederösterreich Sonntag, 2. Oktober
Es war ein Freudentag. 50 Jahre Mostviertler Alm! Das musste gefeiert werden. Viele Menschen waren der Einladung gefolgt. Nicht nur die Milchbauern der Almvereinigung, sondern auch viele Funktionäre des Bauernbundes hatten die halbstündige Wanderung auf sich genommen, um am Jubiläumsfest teilzunehmen.
Elisabeth Wagner sog die klare Bergluft ein. Der Herbst zeigte sich heute von seiner sonnigen Seite. Sie fröstelte nur leicht in ihrem festlichen hellblauen Dirndl. Sie schaute nach rechts zu Gerhard Lehner, der neben ihr auf einer der Bänke vor der Alm saß. Es erfüllte sie mit Stolz, dass der niederösterreichische Landeshauptmann angereist war. Der Landesfürst wertete die Veranstaltung derart auf, dass sämtliche Pressevertreter über die Feier berichten würden. Es würde ein Erfolg werden, da war sich Elisabeth sicher.
Ihr Blick schweifte zu den Mitgliedern der Trachtenmusikkapelle vor dem Ausschank. Die Musik war vor fünf Minuten verstummt, und die Musiker gönnten sich ein Glas Bier oder Most nach getaner Arbeit. Ihre Tochter hatte sicherlich zum Blaufränkischen gegriffen. Elisabeth tat sich immer noch schwer damit zu akzeptieren, dass Anna nun Alkohol trinken durfte. Doch sie spielte Querflöte bei der Trachtenmusikkapelle, und dort war eine gewisse Trinkfestigkeit von Vorteil. Bisher hatte sie sich keine Blöße gegeben, und Elisabeth hoffte, dass das so bleiben würde. Sie suchte im Getümmel nach ihrer Tochter. Die Menschen drängten sich auf den Holzbänken an den Tischen vor der rustikalen Eingangstür der Alm. Um dem Ansturm gerecht zu werden, hatte die Freiwillige Feuerwehr zusätzlich Biertischgarnituren aufgestellt. Viele Gäste mussten trotzdem stehen, aber das schien niemanden zu stören. Endlich machte Elisabeth Anna in der Menge aus, umringt von jungen Männern. Einige der Musikanten bewegten sich auf die Hütte zu, vermutlich in der Hoffnung, drinnen noch einen Sitzplatz zu ergattern.
Das Bimmeln von Kuhglocken auf der nahen Weide zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die Rinder wurden für den baldigen Almabtrieb herausgeputzt, doch zuvor stand Elisabeths Rede auf dem Programm. Es war an der Zeit.
Sie straffte den Rücken und wandte sich Gerhard Lehner zu. »Soll ich?«
»Sicher, jederzeit«, antwortete der Landesfürst. »Elisabeth, das ist hier ohnehin dein Event, meine Erlaubnis brauchst du nicht!«
»Danke!«, erwiderte sie, erhob sich und schritt energisch zu dem provisorischen Rednerpult, das aus Holzpaletten zusammengezimmert worden war.
Wehe, ich hätte ihn nicht gefragt, dann wäre die Aufregung groß gewesen …
Lehner war erst seit Kurzem Landeshauptmann, hatte sich aber zuvor einen Namen als Finanzlandesrat gemacht. Bereits damals hatte er es nicht geduldet, wenn ihn andere Funktionäre übergangen hatten, geschweige denn eine Funktionärin. Obwohl Elisabeth ihn schon lange kannte, war sie penibel darauf bedacht, nicht bei ihm anzuecken. Einen derart mächtigen Mann wollte niemand zum Feind haben und erst recht nicht sie in ihrer Position.
Sie schaltete das Mikrofon ein und räusperte sich. Niemand beachtete sie, daher klopfte sie mehrmals mit dem Handballen darauf. Die Lautsprecher verstärkten das dumpfe Geräusch, und die meisten Anwesenden unterbrachen nun ihre Gespräche und schauten zur Bühne. Elisabeth stand als Funktionärin des Bauernbundes gerne im Rampenlicht, und der Auftritt heute war für sie ein Heimspiel. Nacheinander begrüßte sie die Anwesenden. Zuerst den Landesfürsten, dann die anderen Funktionäre, und schließlich sprach sie die Bauern an. Nur ihretwegen gebe es diese Alm und damit auch diese Feier, bekräftigte sie und bedankte sich bei den Landwirten.
Ohne euch hätte ich auch kein Einkommen bei der Landwirtschaftskammer.
Sie lächelte entspannt in die Menge. Zu entspannt für das, was nun folgen sollte …
»Dann tut auch was für uns!« Die männliche Stimme konnte Elisabeth nicht zuordnen, sie kam aus den hinteren Reihen.
»Wir sterben!«, rief ein anderer Mann aus dem Publikum.
»Bauernsterben!«, schrie nun eine Frau. »Das habt ihr zu verantworten! Das hast du zu verantworten!«
Elisabeths Puls schnellte nach oben. Sie wusste, sie musste etwas erwidern, konnte es aber nicht. Ihr Rachen fühlte sich wie ausgetrocknet an, ihre Zunge klebte förmlich am Gaumen fest, und ihr Gehirn schien die Arbeit eingestellt zu haben. Leere, nichts als Leere herrschte in ihrem Kopf. Nichts, was sie hätte sagen sollen, kam ihr in den Sinn.
»Erhöht die Förderungen!«
»Und den Preis für Milch und Fleisch!«
»Stoppt Billigfleischimporte!«
Immer mehr ohrenbetäubende Zwischenrufe schallten ihr entgegen, wütende Worte wurden ihr entgegengeschleudert, befeuert von zustimmendem Gejohle und aufbrausendem Beifall. Zugleich drängten die anwesenden Pressevertreter näher heran, um ihr vor Angst erstarrtes Gesicht abzulichten.
Elisabeth schluckte, sie öffnete ihren Mund. »Be…beruhigt euch bitte«, stammelte sie, gleichzeitig spürte sie die Feindseligkeit der Menschen regelrecht körperlich, und sie konnte nichts gegen das Zittern in ihrer Stimme tun.
Mit einem Mal stand Lehner neben ihr und schob sie zur Seite. Elisabeth taumelte einen Schritt nach rechts, bevor sie sich fing und mit verschränkten Händen vor dem Körper neben dem Landeshauptmann zum Stehen kam.
»Ich verstehe euch!«, skandierte der Landesfürst mit fester Stimme ins Mikrofon. »Ihr seid wütend und enttäuscht!« Er machte eine kleine Pause, schaute in die Menge, dann fügte er laut hinzu: »Das bin ich auch! In Wien und vor allem in Brüssel tun sie viel zu wenig für uns! Ich verspreche euch, dass ich mich für euch einsetzen werde. Gemeinsam mit dem Bauernbund werde ich dafür sorgen, dass ihr unterstützt werdet und von eurer Landwirtschaft wieder gut leben könnt.«
Er ließ seinen Blick über die Menschen schweifen. Einige der Zuhörer nickten, andere pfiffen und schüttelten den Kopf. Noch hatte Lehner nicht alle auf seiner Seite.
»Gebt mir eure Stimme, und ich werde eure sein!« Bedeutungsvoll zeigte er mit dem Finger auf einzelne Köpfe im Publikum. »Ich werde alles dafür tun, dass ihr gehört werdet! Dass die Menschen auf dem Land gerecht für ihre harte Arbeit entlohnt werden! Dass es euch im schönen Mostviertel gut geht. Dass es uns allen in Niederösterreich gut geht! Dass Brüssel uns nicht vergisst!«
Lehner hielt inne. Als die ersten Zuhörer klatschten, entspannte er sich und ließ die Schultern sinken. Es war nur eine kleine Bewegung, die niemand in der Menge bemerkte, die aber Elisabeth aus den Augenwinkeln nicht entging.
»Heute ist jedoch ein Tag der Freude! 50 Jahre Mostviertler Alm!«, rief der Landeshauptmann. »Also lasst uns endlich feiern und den traditionellen Almabtrieb als Gemeinschaft genießen!«
Vereinzelt ertönten zustimmende Zurufe, schließlich fielen immer mehr Zuhörer in den Applaus mit ein.
»Lasst uns feiern!«, wiederholten einige im Publikum lautstark.
Lehner schüttelte Elisabeth die Hand, während er in die Kameras der Presse grinste. Sie ließ es geschehen, noch immer betäubt und voller Unglauben, was soeben vorgefallen war. Lehner hob nun ihren Arm in die Höhe und zog Elisabeth unmerklich nach vorn. In Siegerpose präsentierten sich die beiden der Menge und den Medien.
»Nur gemeinsam sind wir stark!«, rief Lehner und bekam dafür tosenden Beifall.
Türnitz, Niederösterreich Montag, 3. Oktober
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen.
Tina lief bergauf. Bald würde die Sonne vollständig am Horizont auftauchen, doch noch lag der Wald im Dunkeln. Irgendwo ertönte der Ruf einer Eule. Mehr und mehr fiel die Anspannung von Tina ab. Das gelang nur, weil sie sich bewegte. Schlafen allein half nicht. Sie hatte sich im Bett hin und her gewälzt, bis sie es in den frühen Morgenstunden nicht mehr zu Hause ausgehalten hatte. Erst an der frischen Luft war die Hektik des gestrigen Arbeitstages langsam gewichen. Die Jubiläumsfeier auf der Alm oben hatte zu einem regelrechten Ansturm im Wirtshaus bei ihnen im Tal gesorgt. Ginge es nach Tina, bräuchte sie all diese Gäste nicht. Könnte sie von ihrem Hobby leben, würde sie nichts mehr anderes tun und schon gar nicht hinter dem Tresen stehen. Noch reichte es nicht, aber sie kam ihrem Ziel immer näher.
Immer weiter rannte Tina, schließlich lichtete sich der Wald. Die allerersten Sonnenstrahlen tauchten die Bergwiesen in ein Dämmerlicht. Gelegentlich blinkten die Lichter eines Flugzeugs hoch über ihr. Als sie in den Himmel blickte, hielt sie zur Sicherheit ihre Action-Kamera fest, die mit einem Band um ihren Kopf befestigt war. Sie kommentierte alles laut, was sie sah. Auf diese Weise würde später alles authentisch wirken, und Tina musste nur noch an einigen Stellen des Videos eine leise Musikspur darüberlegen, sodass die Zuschauer bestens unterhalten werden und ihren Post teilen würden. Ihre Followerliebten ihre Filme, insbesondere die, die sie in der Dämmerung drehte, denn diese vermittelten einen besonderen Thrill.
Tina blieb stehen und hielt ihre Trinkflasche vor die Kamera. »Leider habe ich mein Wasser schon aufgebraucht, das ist aber kein Problem, liebe Community«, erklärte sie, verließ den Pfad und schritt auf einen Baum zu, hinter dem sich eine Kuhtränke befand. »Ist man in den Bergen unterwegs, kann man sich an eingefassten Quellen bedienen. Und das egal zu welcher Uhrzeit.«
Als die Kuhtränke hinter dem Stamm vollständig sichtbar wurde, stockte Tina. »Was ist denn das?«, rief sie und beschleunigte ihre Schritte. »Etwas liegt im Wasser!«, ließ sie ihr Publikum teilhaben »Sind das etwa Beine? … Das wird doch nicht …?« Tina verstummte. »Oh, mein Gott!« Ihr Schrei hallte von den Berghängen wider.
Panisch griff sie ins kalte Wasser, um den schlaffen Körper umzudrehen. Als ihr das nicht gelang, packte sie den Schopf und zog ihn nach oben. Ein eisiger Schauer fuhr ihr durch die Glieder, als sie die Frau erkannte. Sie schlug ihr ins Gesicht, doch sie rührte sich nicht.
Tote Augen starrten Tina an.
Sankt Pölten, Niederösterreich Montag, 3. Oktober
Der Platz im Bett neben Annika war leer. Nina war fort. Mit einem Seufzer schlug sie die Decke zur Seite und stellte ihre Füße auf den kalten Boden. Ihr schauderte.
Niemand da, der mich wärmt.
Sie prüfte die Uhrzeit am Handy, bevor sie es zurück aufs Nachtkästchen legte. Es war Montag, kurz vor acht Uhr. Annika musste sich sputen und würde es trotzdem nicht mehr schaffen, vor Brandner im LKA einzutreffen. Obwohl ihr Vorgesetzter wie jeden Tag die lange Anfahrt aus Wien zurücklegte, würde er vor ihr mit der Arbeit beginnen. Und das nicht zum ersten Mal. Seit Nina ihr Auslandssemester in Stockholm angetreten hatte, fühlte sich Annika antriebslos. Das war für sie ungewöhnlich, und sie überlegte, wie lange dieser Zustand noch anhalten würde. Selbstversunken strich sie mit den Fingern über die Rosentätowierung oberhalb ihres Ohrs.
Das Vibrieren ihres stumm geschalteten Handys riss sie aus ihren Gedanken. Annika warf einen Blick auf die Anzeige. Was wollte denn Brandner so früh von ihr? Rief er aus dem Auto an?
»Guten Morgen, Leopold«, murmelte sie ins Telefon.
»Hallo, Annika!«
»Was gibt’s?«, fragte sie, als er nicht weitersprach.
»Wir haben einen neuen Fall. In zwanzig Minuten bin ich in Sankt Pölten«, informierte er sie. »Wir treffen uns vor dem LKA und fahren gleich weiter.«
Annika schluckte. »Okay, ich bin bereit«, erwiderte sie und beendete das Gespräch.
Während sie ins Badezimmer lief, zog sie ihren Pyjama aus. Hose und Oberteil ließ sie am Boden liegen. Es war niemand da, der sich an ihrer Unordnung störte. Einen Vorteil musste das ungewollte Intermezzo als Single haben, dachte sie und drehte die Dusche auf. Nachdem sie sich in aller Eile ihre übliche schwarze Kleidung angelegt und im Vorbeigehen ein altes Stück Brot von einem liegen gelassenen Teller geangelt hatte, rannte sie die Treppe hinunter zu ihrem Auto. Ein ausgiebiges Frühstück hatte sie ohnehin nicht geplant.
Tatsächlich erreichte sie das LKA kurz vor Brandner, der seinen Audi auf den ihm zugewiesenen Parkplatz abstellte.
Annika öffnete die Tür und schlüpfte auf den Beifahrersitz. »Wohin?«
»Nach Türnitz, auf die Mostviertler Alm.« Brandner musterte sie kurz, bevor er sich leicht zu ihr herüberbeugte und auf ihre Füße schielte. »Geländetaugliche Schuhe, passt! Ich war mir ziemlich sicher, dass ich dich nicht gezielt darauf hinweisen muss.«
Sie nickte. »Natürlich nicht.«
Nett wäre es trotzdem gewesen, wenn du mir gesagt hättest, wohin es geht.
Sie schnallte sich an, und Brandner fuhr los.
Türnitz, Niederösterreich Montag, 3. Oktober
Sie hatten Wilhelmsburg, Traisen und Lilienfeld längst passiert. In Türnitz bog Major Brandner links von der Mariazeller Straße ab, die sie von Sankt Pölten der Traisen entlanggeführt hatte. An der Kreuzung prangte ein großes gelbes Plakat, das »Rodeln in Türnitz« und den dazugehörigen »Eibl Jet« bewarb. Die bekannte Sommerrodelbahn konnte sogar bei Regenwetter benutzt werden. Brandner war mit seinen Töchtern, als diese noch jünger waren, einmal hier gewesen. Vor allem Selina hatte die Bahn geliebt.
Schon bald tauchte eine weitere Abzweigung auf. Zur Rodelbahn hätte Brandner rechts den Berg hinauffahren müssen, doch er folgte den Hinweisschildern Richtung Falkenschlucht und Mostviertler Alm. Das Tal wurde enger, bisweilen ragten an den Seiten kleinere Felswände empor. Der nächste Wegweiser verriet Brandner, dass eine steile Straße zur Alm führte. Die Zufahrt war nur Anrainern gestattet, doch natürlich waren Einsatzfahrzeuge von dieser Einschränkung ausgenommen. Brandner lenkte seinen Audi vorsichtig die Steigung hinauf. Als sie den Wald hinter sich ließen, konnten sie die Almhütte sehen. Hier oben wuchsen nur vereinzelt Bäume, und der Ausblick ins Tal entschädigte sie für die mühsame Anfahrt. Neben der Fahrbahn erstreckten sich Weiden, doch Rinder tummelten sich keine darauf.
Vor der Alm parkten die Fahrzeuge der Gerichtsmedizin und der Kriminaltechnik neben zwei Polizeiautos. Neben einem der Letzteren stand ein Uniformierter und erwartete sie bereits. Brandner war gespannt, ob Annika Lindner sich wie so oft eine unangebrachte Bemerkung von dem fremden Beamten anhören musste.
»Willkommen auf der Mostviertler Alm!«, grüßte der junge Mann, als Brandner und Lindner ausstiegen. »Darf ich mich vorstellen: Hörhagauer von der örtlichen Polizei. Ich wohne gleich im Tal unten. Hier oben ist es doch herrlich, nicht wahr?« Er strahlte sie regelrecht an.
Brandner schielte zu seiner Kollegin. Sie atmete tief ein. Erstmals an diesem Tag hellte sich ihre Miene etwas auf.
»Ja, die frische Luft ist fantastisch!«, antwortete sie. »Nur eine Person hat davon wohl nichts mehr«, stellte sie anschließend lapidar fest.
Brandner schaute gespannt zu dem Polizisten hinüber. Der schien jedoch von Lindners Bemerkung nicht schockiert zu sein, stattdessen lachte er auf.
»Ja, das stimmt. Leider atmet die Elisabeth gar nichts mehr ein«, erwiderte er ebenso trocken. »Hier entlang«, forderte Hörhagauer sie dann auf, ihm zu folgen.
Der Polizist hatte das Opfer demnach persönlich gekannt, notierte Brandner sich gedanklich. Und dennoch schien ihn der Tod der Frau nicht im Geringsten zu berühren.
Brandner ging hinter dem Beamten und Lindner um die Almhütte herum. Hinter dem Gebäude befand sich eine große, eben geschotterte Fläche, auf der Holzbänke und Tische Besucher zum Verweilen einluden. Daneben lagen unzählige Biertischgarnituren in Stapeln herum, deren Abtransport offensichtlich unterbrochen worden war. Mehrere zusammengeklappte Tische waren bereits auf einen Anhänger verladen worden, der an einem grünen Steyr-Traktor befestigt war.
»Fritz und Anton wollten die Garnituren gerade zur Feuerwehr zurückbringen. Ich habe sie gestoppt. Sie warten drinnen darauf, dass sie weitermachen dürfen.« Hörhagauer sah Brandner und Lindner fragend an.
»Zuerst schauen wir uns die Leiche an, dann entscheiden wir, ob die Bänke und Tische wichtig sind oder nicht«, entschied Brandner.
Der Uniformierte nickte. »Gut, dann kommen Sie mit. Hier entlang!«
Hörhagauer führte sie an einem Geräteschuppen vorbei auf einen Feldweg. Dessen linke und rechte Spur war asphaltiert, in der Mitte wuchs ein Streifen Gras. Hinter dem Häuschen führte der Weg bergab durch ein Holzgatter hindurch, an dessen Seiten ein Maschendrahtzaun befestigt war, um die Weide abzugrenzen. Brandner achtete darauf, nicht in einen der vielen Kuhfladen zu steigen. Auch Lindners Augen waren nach unten gerichtet, während sie neben ihm herlief. Brandner hörte in der Ferne Stimmen, er konnte aber nicht verstehen, was gesprochen wurde.
»Gleich da vorn ist es«, erklärte Hörhagauer. Er zeigte nach links auf eine Stelle jenseits des Gatters, die mit einem Absperrband großräumig gesichert worden war.
Der Polizist öffnete das Tor und ließ Brandner und seine Kollegin durch.
»Sind hier gar keine Kühe?«, erkundigte sich Lindner und schaute sich suchend um.
»Gestern nach dem Fest war Almabtrieb. Alle Kälber und Stiere wurden ins Tal gebracht«, antwortete Hörhagauer und schloss das Holztor hinter ihnen, obwohl das offenbar nicht mehr notwendig war.
»Deswegen die vielen Sitzgarnituren …«, murmelte Brandner.
»Genau«, erwiderte der junge Beamte. »Die Alm hat ihr 50-jähriges Jubiläum mit einem großen Fest gefeiert.«
Sie gingen an Holunderbüschen vorbei, die mit Heckenrosen durchzogen waren. Auch dahinter machte Brandner einen Stacheldrahtzaun aus. Kein Vieh hatte hier nur den Hauch einer Chance, sich davonzustehlen. Er richtete seinen Blick auf den abgesperrten Bereich, wo in etwa zehn Metern EntfernungElfriede Auer mit einem Kollegen neben einem Apfelbaum stand. Davor sicherten zwei Polizisten den Tatort. Als die Kriminaltechnikerin sie erspähte, winkte sie ihnen zu, bevor sie sich hinunterbückte. Erst jetzt bemerkte Brandner die Frau, die dort neben dem Stamm mit dem Rücken zu ihnen in der Hocke saß. Sie streckte die Beine durch und wandte sich ihnen zu. Es handelte sich um die Gerichtsmedizinerin Doktor Heiß. Hinter ihr blitzten hellblauer Stoff und weiße Strümpfe hervor. Sie begrüßte sie per Handzeichen. Im Vorbeigehen grüßten Brandner und Lindner die anwesenden Polizisten und schlüpften unter der Absperrung hindurch.
Heiß und Auer kamen ihnen entgegen. »Einen schönen Tag wünsche ich!«, rief die Gerichtsmedizinerin ihnen zu.
Hier oben herrscht scheinbar bei allen Schönwetterstimmung. Da ist es sogar egal, dass man mitten in einem Fall steckt.
Brandner nickte den Kolleginnen zu, während Lindner sie mit einem leisen »Hallo« begrüßte.
»Wir haben schon alles sichergestellt«, erläuterte Auer. »Ihr könnt euch jederzeit selbst ein Bild machen.«
Brandner und Lindner ließen sich das kein zweites Mal sagen und gingen nebeneinander zu dem Baum hinüber. Die Kriminaltechnikerin und die Gerichtsmedizinerin blieben hinter ihnen. Hinter dem Stamm tauchte ein großes Betongefäß auf, das offenbar als Kuhtränke diente. Ein Metallrohr daneben leitete Quellwasser aus dem Boden in den Trog. Das Wasser reichte fast bis zur Kante, deren Höhe Brandner auf einen halben Meter schätzte.
»So hat man sie gefunden?«, erkundigte er sich.
Eine tote Frau in einem hellblauen Dirndl hing bäuchlings auf dem Rand der Tränke. Oberkörper und Kopf lagen im Wasser, das Gesicht nach unten gewandt, während die langen dunkelblonden Haare an der Oberfläche trieben.
»Ja, da gab es nichts mehr zu retten«, bestätigte Hörhagauer. »Die Tina hat nur kurz den Kopf angehoben und sofort erkannt, dass sie schon länger tot war. Dann hat sie Alarm geschlagen.«
»Was hat sie hier gemacht?«, fragte Brandner.
»Die Tina?«
»Ja.«
»Ihre übliche Joggingrunde gedreht.«
»Mit ihr müssen wir reden«, sagte Lindner.
»Aber Tina hat nichts gesehen«, erwiderte Hörhagauer. »Nachdem wir ihre Aussage aufgenommen haben, ist sie nach Hause gegangen. Sie wirkte mitgenommen …«
»Trotzdem!«, unterbrach ihn Brandner entschieden. »Sie hat das Opfer gefunden, deshalb müssen wir uns mit ihr unterhalten.«
Offenbar kennt hier jeder jeden; das kann heiter werden.
Der junge Uniformierte versteifte sich. »Natürlich, ich bringe euch später zu ihr.«
Brandner wandte sich Heiß zu. Er musste nichts sagen, immerhin kannten die Gerichtsmedizinerin und er sich lange genug, um zu wissen, wie der jeweils andere tickte.
Ohne Umschweife begann sie zu berichten: »Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Opfer ertrunken. Zu dem Todeszeitpunkt möchte ich erst etwas sagen, wenn ich den Leichnam bei mir auf dem Tisch hatte. Das muss ich mir genauer anschauen. Das Opfer weist auch eine Verletzung am Hinterkopf auf. Wahrscheinlich ein Schlag mit einem stumpfen Gegenstand.« Heiß zeigte auf die linke Seite des Schädels.
Brandner trat nach vorn und beugte sich über die Frau. Tatsächlich konnte er unter den Haaren eine Beule und etwas Blut erkennen.
»Tödlich war die Verletzung allerdings nicht«, stellte die Gerichtsmedizinerin fest. »Ich bin mir sicher, wir werden Wasser in der Lunge der Toten finden.«
»Demnach wäre es Mord«, führte Brandner den Gedanken zu Ende.
»Aber wir wissen bereits, wer das Opfer ist?«, fragte Lindner. »Ohne Zweifel?«, fügte sie hinzu.
»Ja!«, antwortete Hörhagauer. »Ich bin mir vollkommen sicher! Das ist Elisabeth Wagner. Sie war bei der Landwirtschaftskammer und im Vorstand des Almverbundes. Die Tina hat sie auch gleich erkannt. Die Elisabeth ist oft in den Zeitungen hier; das kann gar keine andere sein.«
»Das mag sein«, intervenierte Brandner erneut. »Dennoch muss sie von einem Angehörigen identifiziert werden. Vorschrift ist Vorschrift.«
Unter seinem strengen Blick beschränkte sich der Polizist auf ein stummes Nicken.
»Wohin führt dieser Weg?« Lindner hatte sich abgewandt und deutete auf den Feldweg, der entlang der Hecken weiter leicht bergab in Richtung Wald verlief.
»Runter zum Parkplatz, auf dem die Besucher der Almhütte ihre Autos abstellen«, erklärte Hörhagauer. »Er ist kürzer als der Fahrweg für Anrainer. Viele Festgäste sind gestern auf dieser Strecke über die Weide nach oben und wieder hinuntergewandert, sicher auch die Elisabeth.«
Brandner lief neben dem jungen Beamten und Lindner zurück zum Feldweg. Hörhagauer hob das Absperrband an, und schon bald standen sie zu dritt auf der anderen Seite. Brandner schaute sich um. Von hier aus war die Tränke hinter dem Apfelbaum nicht zu sehen, und ebenso verdeckte er die Tote. Aber wie ist diese Tina dann auf die Leiche aufmerksam geworden?
»Das heißt, Elisabeth Wagner ist wahrscheinlich am Heimweg gestorben?«, vermutete Lindner indes.
»Das ist durchaus möglich«, erwiderte Hörhagauer.
Lindner wiegte ihren Kopf, so als würde sie das nicht recht glauben.
Brandner sprach ihre Zweifel offen aus: »Wenn ich das richtig verstanden habe, war Elisabeth Wagner gestern mit der Organisation der Feier betraut. Sie war Funktionärin beim Bauernbund, da wird sie doch nicht allein nach Hause gegangen sein.«
Hörhagauer und Lindner nickten, sagten aber nichts mehr dazu.
Brandner inspizierte nochmals die Umgebung, um sich alles einzuprägen. Dann wandte er sich an Doktor Heiß, die hinter dem Absperrband geblieben war. »Von mir aus kann die Tote abtransportiert werden«, rief er ihr zu.
»Gut, je eher ich sie bei mir auf dem Tisch habe, desto besser.« Die Gerichtsmedizinerin ging zielstrebig auf einen der beiden Polizisten zu, die mittlerweile untätig herumstanden.
»Annika, du folgst am besten dem Weg talwärts bis zum Parkplatz und schaust, ob dir etwas auffällt«, sagte Brandner. »Ein stumpfer Gegenstand mit Blut bestenfalls oder etwas anderes, mit dem wir etwas anfangen können. Unser Kollege hier begleitet dich sicher gerne.«
Hörhagauer öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder umgehend, als er Brandners tadelnden Blick auffing.
»Oder?«, hakte Brandner nach.
»Natürlich«, erwiderte der junge Mann.
»›Jawohl, sehr gerne, Herr Major!‹, heißt das!«, warf Lindner ein.
»Jawohl, sehr …«
»Ist schon gut!«, unterbrach ihn Lindner mit einem schelmischen Grinsen. »Mitkommen und keine Angst! Ich beiße nur meine Feinde!« Schon setzte sie sich in Bewegung.
Mit hochrotem Kopf folgte Hörhagauer ihr.
»Fahrt danach umgehend zu dieser Tina!«, rief Brandner ihnen nach.
Er schaute Lindner und Hörhagauer hinterher und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Die zwei jungen Kollegen bildeten ein vortreffliches Duo. Der eine übereifrig, die andere gerne mal vorlaut und allzu direkt. Aus irgendeinem Grund, dem er nicht weiter nachgehen wollte, mochte er beide.
»Und ich rede dann wohl mit den Angehörigen …«, murmelte er vor sich hin.
Seufzend drehte er sich um und machte sich auf den Weg zurück hinauf zur Alm zu seinem Audi. Mit den Hinterbliebenen zu sprechen, war nicht gerade der liebste Teil seiner Arbeit. Zuletzt hatte Lindner diese undankbare Aufgabe übernommen, doch er konnte sie ihr nicht immer zuschanzen. Dieses Mal musste er wieder selbst ran.
Annika atmete die Herbstluft tief ein. Neben ihr hielt Hörhagauer ohne Mühe Schritt, obwohl sie ein hohes Tempo anschlug.
»Sollten wir nicht nach blutigen Gegenständen Ausschau halten?«, erkundigte er sich.
»Das tue ich doch!«, entgegnete sie trotzig.
Zugleich verlangsamte sie jedoch ihre Schritte und musterte den Waldboden. Obwohl es ein sonniger Tag war, drangen nur wenige Strahlen durch die Bäume. Gelbe, orange und dunkelrote Blätter bedeckten den Pfad. Der Untergrund war matschig und aufgewühlt, übersät mit Fußspuren und vor allem mit Abdrücken von Rinderhufen. Immer wieder mussten sie Kuhfladen ausweichen.
»Wie soll man in diesem Mist etwas finden?«, brummte Annika.
»Ja, da hast du recht, da braucht es deutlich mehr Leute und besseres Licht«, stimmte Hörhagauer zu.
Annika blieb abrupt stehen. Der junge Mann stoppte ebenso und schaute sie fragend an.
»Wenn du mich schon duzt«, sagte sie, »dann machen wir es offiziell. Ich bin die Annika!« Sie streckte ihm die rechte Hand entgegen.
»Markus!« Er schlug ein und drückte kräftig zu.
Annika lächelte ihn an und verstärkte ihrerseits den Händedruck. Gerade noch rechtzeitig, bevor es unangenehm wurde, lösten sie den Griff.
»Weißt du was?«, fragte Markus.
»Was?«
»Wir laufen weiter schnell talwärts, und wenn wir etwas entdecken, gut, wenn nicht, dann muss zwangsläufig die Spurensicherung den Wald durchkämmen.«
Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und rief empört: »Markus, etwas mehr Einsatz, bitte!«
»A…Annika«, stammelte er, »n…natürlich können wir so viel Zeit hier verbringen, wie du willst, aber …«
»Markus, Markus …« Sie schüttelte lachend den Kopf. »Bleib locker! Natürlich muss hier die Spurensicherung ran. Nachher zerstören wir noch mehr, als dass es etwas hilft.«
Markus atmete erleichtert auf.
»Allerdings will ich jetzt mit dieser Tina reden, und zwar möglichst bald!«, fuhr Annika streng fort. »Wo finde ich die?«
Jetzt schmunzelte Markus. »Da hast du Glück. Tina betreibt unten mit ihrem Lebensgefährten das Gasthaus zum Hirschen, gleich neben dem Parkplatz.«
»Sie ist Wirtin und Bergläuferin?«, hakte Annika irritiert nach.
»Genau, das ist sie!«
Die Feuerwehrgarnituren, die hatte er fast vergessen!
Brandner blieb neben dem Anhänger stehen. Er nahm sich kurz die Zeit, die imposanten Reifen des Traktors zu bewundern, bevor er die Stapel beäugte, die nach wie vor nicht verladen worden waren. Er nahm an, dass Elisabeth Wagner in der Nähe der Tränke niedergeschlagen worden war, denn die Kriminaltechnik hatte am Fundort keine Schleifspuren auf dem Boden entdecken können. Trotzdem wollte Brandner auf Nummer sicher gehen und die Bänke und Tische untersuchen lassen, auch wenn es unwahrscheinlich war, dass dieser Schritt zu etwas führte.
Brandner drehte sich um und lief am Geräteschuppen vorbei nochmals zur Kuhtränke, wo Elfriede Auer und ihr Team mit den letzten Handgriffen beschäftigt waren. Nachdem er die Kriminaltechnikerin über sein Vorhaben informiert hatte, begleitete sie ihn gemeinsam mit einem weiteren Kollegen zurück zur Alm. Angesichts der unzähligen Garnituren verfinsterte sich Auers Stimmung merklich.
»Ich fordere besser Unterstützung an«, sagte sie und griff zu ihrem Mobiltelefon.
»Die Tische und Bänke auf der Ladefläche müsst ihr euch ebenfalls anschauen.« Brandner gewährte Auer Zeit, die Information sacken zu lassen, bevor er hinzufügte: »Und wenn Lindner und Hörhagauer den Gegenstand nicht finden, mit dem das Opfer niedergestreckt wurde, müssen wir auch noch jeden Grashalm und jedes Blatt umdrehen, das von einem der Bäume gefallen ist. Den ganzen Weg entlang, bis hinunter zu dem Parkplatz!«
Die Kriminaltechnikerin nickte schicksalsergeben. »Dann hoffen wir mal, dass die beiden Glück haben, sonst sitzen wir hier ewig fest.« Sie blickte zu ihrem jungen Kollegen.
»Solange das Wetter so bleibt, steht dem nichts entgegen«, erwiderte der.
»Morgen ist Regen angesagt«, gab Brandner zu bedenken. »Ihr müsst euch also beeilen!«
Auer entfernte sich für ihr Telefonat mit dem LKA ein paar Schritte, und Brandner deutete stumm auf die Almhütte. Dann verabschiedete er sich mit einem kurzen Winken von der Kriminaltechnikerin und ihrem Kollegen und schritt auf das Gebäude zu.
Die Terrasse davor wirkte verwaist, die Sonnenschirme waren nicht aufgespannt. Brandner stieß die Holztür auf und betrat den Innenraum. Die schweren Holzbalken an der Decke fielen ihm zuerst auf. Der Boden war mit hellbraunen Fliesen ausgelegt. Brandner zählte acht Tische mit dazugehörigen Holzbänken. Gleich rechts neben dem Eingang saßen zwei Männer in Feuerwehruniformen. Den rotblonden schätzte Brandner auf dreißig bis vierzig. Der mit den dunklen Haaren wirkte rund zehn Jahre älter. Vor beiden stand jeweils ein fast leer getrunkener Bierkrug aus Glas.
»Guten Morgen!«, begrüßte Brandner eine brünette Frau mit rundlicher Statur, die linker Hand hinter dem Holztresen stand. Er schätzte ihr Alter auf um die vierzig.
»Griaß di! Setz dich, wohin du willst!«, erwiderte sie.
Richtig, auf den Bergen und Almen sind alle per Du!
Als Brandner seinen Dienstausweis zückte, spannte sich die Körperhaltung der Frau an. »Schrecklich, das mit der Elisabeth!«
»Und Sie sind?«, wollte Brandner wissen.
»Manuela Baumann. Ich bin die Halterin hier. Ich halt den Posten für die letzten Gäste und unterstütze Fritz und Toni beim Aufräumen nach dem Fest gestern.« Sie deutete zu den beiden Feuerwehrmännern. »Ab morgen machen wir alles winterfest und schließen die Alm bis zum Frühling. Es konnte ja keiner ahnen, dass die Saison so schlimm endet!«
»Sie wissen, wer die Tote ist?«, hakte Brandner nach.
Manuela Baumann nickte. »Die Tina ist als Erstes hierher gerannt. Die hatte einen Schreck, sag ich dir! Der Fritz und der Toni sind dann zur Tränke gelaufen. Ich bin bei der Tina geblieben. Bei der Elisabeth war wohl nichts mehr zu machen. Sie muss schon länger tot gewesen sein.«
Brandner versteifte sich kurz, bemüht, sich seinen Unmut nicht anmerken zu lassen. Er zählte mittlerweile stolze vier Personen, die noch vor den engsten Angehörigen von dem Fall und der Identität des Opfers wussten. Und drei davon waren vor der Polizei am Tatort gewesen und hatten möglicherweise wichtige Spuren vernichtet. Er musste die Befragung zu Ende bringen und dann schnellstens die Familie von Elisabeth Wagner informieren.
»Hat einer von Ihnen mit jemandem über den Vorfall gesprochen oder jemandem eine Nachricht geschickt?«, fragte Brandner in die Runde und nutzte dabei bewusst die höfliche Anrede.
Der dunkelhaarige Mann erhob sich daraufhin und trat zum Tresen. »Anton Gruber«, stellte er sich vor. »Ich hab die Elisabeth erkannt, aber keinem was gesagt. Ich kenne ihre Eltern gut und natürlich die Anna, ihre Tochter.« Er schüttelte betroffen den Kopf. »Wer macht nur so etwas?«
»Sie kannten die Tote demnach näher?«, erkundigte sich Brandner.
»Ich habe wie der Fritz«, Gruber zeigte auf den rotblonden Mann am Tisch, »einen Bauernhof. Die Elisabeth war für uns bei der Landwirtschaftskammer zuständig. Jeder Bauer in der Umgebung kennt sie.« Nach einer Pause fügte er leiser hinzu: »Kannte sie.«
Soso, Feuerwehrleute und Landwirte …
Brandner schaute Grubers jüngeren Kollegen an. »Sie hatten also auch persönlichen Kontakt zu der Toten?«
»Ja. Will man eine Förderung von der EU, muss man in der Kammer zum Bittsteller werden.« Er schüttelte ärgerlich seinen Kopf. »Von den reinen Erträgen, die solch ein Hof abwirft, kann niemand leben. Wir sind nicht nur Landwirte, sondern auch Landschaftspfleger!«
»Verstehe. Und Ihr Name lautet?«
»Fritz Baumgartner«, brummte der rotblonde Zeuge und nahm einen Schluck aus seinem Bierkrug.
»Sie kannten demnach alle die Tote«, fasste Brandner zusammen. Als sowohl die Halterin als auch die beiden Männer nickten, fuhr er fort: »Waren Sie gestern auch alle auf der Alm?«
Auch das bestätigten die drei anwesenden Personen.
»Ist euch etwas Verdächtiges aufgefallen?« Brandner hatte absichtlich die informelle Anrede gewählt, um seiner Frage die Schärfe zu nehmen. »In Bezug auf Elisabeth Wagner oder auch ganz allgemein«, fügte er leichthin hinzu.
Die Halterin öffnete ihren Mund, doch schloss ihn abrupt wieder. Brandner blickte zu den Männern. Anton Gruber hatte sich wieder zu seinem Kollegen an den Tisch gesetzt.
»Ich habe mit Fritz und Marianne unsere Kälber ins Tal getrieben. Zuvor haben wir ein paar Bier hier oben getrunken«, erklärte er.
»Marianne?«
»Meine Frau«, antwortete Gruber. »Der Hof vom Fritz liegt gleich neben unserem, da haben wir gestern zusammen geholfen, damit keiner von uns extra mit Anhänger und Traktor für den Transport der Rindviecher anrücken muss.«
»Und?«, insistierte Brandner. »Ist euch etwas aufgefallen? Vielleicht eine Auseinandersetzung oder einen Konflikt, in den Elisabeth Wagner involviert war?«
Baumgartner lachte schnaubend auf, verstummte jedoch umgehend wieder.
»Wie meinen?«, hakte Brandner nach.
Gruber räusperte sich. »Was Fritz meint, ist, dass die Elisabeth gestern bei ihrer Rede wüst beschimpft worden ist. Und das nicht von einem oder zwei Bauern, sondern von fast allen im Publikum.«
»Genau! Stimmt, Toni!« Baumgartner klopfte seinem Kollegen jovial auf die Schulter, bevor er seinen Krug vollends leer trank und geräuschvoll auf den Tisch stellte. »Aber unser guter Landeshauptmann hat den Pöbel beruhigt und die liebe Elisabeth gerettet«, spie er anschließend aus.
»So sah es jedenfalls bis heute Früh aus …«, ergänzte Gruber betroffen.
»Ja, da hast du dich gehörig getäuscht!«, entgegnete sein Bekannter spitz.
Brandner beobachtete das Geplänkel, während seine Gedanken rasten. Gerhard Lehner war gestern anwesend? Und der Landeshauptmann hatte persönlich Kontakt zu dem Opfer, unmittelbar vor dessen Tod? Genau in dieser Sekunde war der Fall erheblich komplizierter geworden.
»Dürfen wir die Biertischgarnituren jetzt mitnehmen?«, wechselte Gruber das Thema.
Brandner fokussierte wieder seine Gedanken und verneinte die Frage. »Ich muss Sie auch bitten, die bereits verladenen Garnituren wieder abzuladen.«
Baumgartner und Gruber sahen ihn verdutzt an. »Aber die Elisabeth ist doch ertränkt worden, hinten bei der Weide«, erwiderte der Jüngere.
»Das steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest! Und ich muss Sie auffordern, mit solchen Aussagen vorsichtiger zu sein«, beharrte Brandner, bevor er in einem versöhnlichen Ton fortfuhr: »Nachdem Sie alle Elisabeth Wagner kannten, weiß einer von Ihnen, wo ihre nächsten Angehörigen wohnen?«
»Ihre Eltern und die Schwester haben einen Bauernhof gleich vor Lilienfeld.« Manuela Baumann griff nach ihrem Smartphone auf dem Tresen, entsperrte es und tippte ein paarmal darauf herum, bevor sie es Brandner entgegenstreckte.
Brandner notierte sich die Adresse, bevor er sich an Gruber wandte: »Sie erwähnten eine Tochter. Wie alt ist sie ungefähr?«
»Die Anna ist schon erwachsen und steht auf eigenen Beinen«, antwortete der Bauer. »Ich meine, sie lebt in Sankt Pölten.«
Erleichterung durchfuhr Brandner. Zum Glück war kein Kind involviert; das machte solche Angelegenheiten besonders schwer.
»War Elisabeth Wagner verheiratet?«, erkundigte er sich.
»Nein«, erwiderte Gruber knapp.
»Gut, danke. Ich bitte Sie, in den nächsten Stunden niemandem gegenüber ein Wort über den Vorfall zu erwähnen.« Brandner blickte die Zeugen nacheinander eindringlich an. »Wir müssen zuerst die Angehörigen informieren.«
»Wir plaudern nichts aus, stimmt’s, Fritz, Toni?« Die Halterin schaute die beiden Männer fragend an.
Gruber und Baumgartner brummten zustimmend.
»Hat der Kollege Hörhagauer Ihre Kontaktdaten bereits erfasst?«, wollte Brandner wissen.
»Der Markus? Der weiß doch, wo er uns findet«, entgegnete Baumgartner lachend.
Brandner unterdrückte ein Stöhnen. »Bitte laden Sie zuerst die Garnituren wieder ab und warten Sie dann, bis ein Kollege oder eine Kollegin Ihre Personalien aufgenommen hat. Danach können Sie gerne nach Hause gehen. Ich melde mich zu gegebener Zeit bei Ihnen.« Er zückte drei Visitenkarten aus seiner Manteltasche und überreichte jedem eine. »Sollte Ihnen zwischenzeitlich noch etwas einfallen, wenden Sie sich direkt an mich.« Er verabschiedete sich und lief zu seinem Audi.
Ein allzu vertraulicher Polizist, unzählige wütende Bauern und ein Landesfürst – das kann ja heiter werden …
Tina zitterte am ganzen Körper.
Wo ist verdammt noch mal Jakob, wenn ich ihn brauche?
