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Was wäre... wenn man seinen Schwarm Morten Harket tatsächlich trifft wenn man sich ein bisschen in ihn verliebt wenn das der eigene Mann gar nicht so toll findet und wenn dann auch noch Sven auftaucht? Tatjana Sandberg hat ihr ganz spezielles a-ha-Erlebnis, als sie, tief in eine Lebenskrise verstrickt, nach Oslo fährt. Mit ihrer Freundin will sie auf Morten Harkets Konzert - und Backstage - Karten haben sie auch. Doch sie trifft ihren Teenieschwarm ganz persönlich und das macht alles erst wirklich kompliziert. Wer Morten Harket "genial" findet, sollte sich dieses Lesevergnügen gönnen, aber natürlich auch alle Frauen, die ihre Träume leben wollen und noch Mut dazu brauchen! Viel Spaß mit meinem Roman "Move to Oslo".
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Lina Nordmeer
Move to Oslo
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Lina Nordmeer
Vorwort
Song Move to Oslo
Tatjana auf der Suche nach dem Sinn in ihrem Leben
Die Idee mit Norwegen
Der Abend, an dem Chris kam
Der Schock
Irgendwann geht es weiter
Wieder zu Hause
Der magische Moment
Morten in Lebensgröße
Die Party
Die Krise beginnt
Ein Wunsch ist noch frei
Die Reise nach Oslo beginnt
Tatjana trifft Morten
Bei Morten in Saetre
Butterfly, Butterfly in Tatjanas Bauch
„Send me an angel“
Bygdøy, ein Tag am Meer
The blood that moves the body
Nichts ist für immer
Früh am Morgen
Ein Duft aus Orchideen und Sandelholz
Einfach nur überirdisch
Höhen und Tiefen
Erinnerungen an die alten Zeiten
Es wird schon alles gut
Mit dir – mit mir
Neuer Tag, neues Glück
Zwischenzeitlich in Frankfurt
Kopfweh und ein schlechtes Gewissen
Regen, Regen, Regen …
Ein Gruß aus Norwegen
Kleines, schwarzes Herz
Es weihnachtet sehr
Neues Jahr, neues Glück
Ein geschmackloses Weihnachtsgeschenk
Der Tod kommt meist unverhofft
Eine kurze, schöne Zeit
Vorbereitungen müssen getroffen werden
Der Frühling steht vor der Tür
Die Liebe ist ein seltsames Spiel
Die Geburt
Stimmungsschwankungen
Alte Liebe rostet nicht
Die Buchpräsentation
Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt
Ein Ende mit Anfang
Danke
Impressum neobooks
Lina Nordmeer, Jahrgang 1973, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt am Main. „Move to Oslo“ ist ihr erster Roman. Die Zeichnung stammt von Helen Dearnley. Hierfür ein großes Dankeschön!
© 2012 Lina Nordmeer
© Einbandgestaltung Said Hammy
© Zeichnung Helen Dearnley
Satz: Katrin Scheiding
https://www.facebook.com/lina.nordmeer
https://www.facebook.com/movetoslo
www.lina-nordmeer.de
www.linanordmeer.wordpress.com
Herausgeber: neobooks
Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,
wird nichts befremdlich sein und alles groß.
Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe, und hier
und dort ist alles grenzenlos.
Rainer Maria Rilke, Der Lesende,
Aus: Das Buch der Bilder
Dieses Buch widme ich meinem Papa im Himmel
Wir Frauen sind doch ab Mitte dreißig bis Mitte vierzig manchmal ein sonderbares Völkchen – das denken zumindest viele Männer von uns, oder?
Irgendetwas in uns schreit danach, dass man uns endlich wirklich wahrnimmt. Jetzt sind wir dran mit unserer Selbstverwirklichung und nehmen ausnahmsweise mal keine Rücksicht auf das männliche Geschlecht.
Meine Freundinnen sind gerade in dieser Phase ihres Lebens angekommen und jede von ihnen geht ihren besonderen und eigenen Weg, den sie doch schon so lange gehen wollte ...
Zu diesem Thema habe ich eine Geschichte von genau solch einer FRAU zu erzählen, und glaube, dass viele Frauen, die dies hier lesen und Morten Harket „genial“ finden, sich in dem einen oder anderen Punkt wiedererkennen könnten ...
1. Strophe: Ich will nicht immer nur denken
und mein Leben auf das Nötigste beschränken, sondern spüren wie der raue
Nordwind durch meine Haare bläst!
Bridge: Darum schnapp ich mir `nen Bully und die beste Freundin dazu und fahre
Richtung Norden
... Hm Hm Hm ...
Refrain: Move to Oslo, das ist unser Ziel!
Move to Oslo, das ist alles, was ich will!
Move to Oslo, an den schönsten Ort der Welt!
Na na na na na na ...
2. Strophe: Komm steig ein und reise mit mir.
Lass den Stress, die Sorgen und den Kummer hinter dir!
Fahr mit vollen Segeln und spüre den Erfolg in dir!
Bridge: Darum schnapp ich mir `nen Bully und die beste Freundin dazu und fahre
Richtung Norden
... Hm Hm Hm ...
Refrain: Move to Oslo, das ist unser Ziel ...
Na na na na na ...
3. Strophe: Auch wenn wir ängstlich sind, so lass uns trotzdem fahren!
Denn wer mutig ist, der wird beschenkt vom Leben!
Wir reisen zu unsrem Ziel, dem wir so lange folgen!
Bridge: Darum schnapp’n wir ’nen Bully und uns’ren Traum dazu und fahre
Richtung Norden
... Hm Hm Hm ...
Refrain: Move to Oslo ...
(2 x)
Na na na na na na ...
Erhältlich als Download bei Amazon und anderen Onlineanbietern ab Oktober 2015
Hier schon ein paar meiner Songs zum Anhören:
https://soundcloud.com/lina-nordmeer
Tatjana war genau 15 Jahre alt, als sie mit ihrer besten Freundin Katrin und ihrem damaligen Freund Mark auf das a-ha Konzert in der Frankfurter Festhalle ging.
Ihre Eltern wollten sie zu Hause behalten, sie hatte eine Mandelentzündung, aber Tatjana interessierte das überhaupt nicht. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte sie nicht anders, als ihrem Willen freien Lauf zu lassen…
Fast genau 21 Jahre später stand Tatjana wieder an der gleichen Stelle in der Frankfurter Festhalle und jubelte wieder laut ihrer Teeniegruppe a-ha zu, ihr Mann Lars Sandberg kam sich ein wenig verloren vor hinter seiner klatschenden, tanzenden und mitsingenden Frau. Er hatte ihr die Konzerttickets zu Weihnachten des vorigen Jahres geschenkt.
Die norwegische Band, seit 25 Jahren im Geschäft, ging auf Abschiedstournee. „Mein Gott, wie schnell doch die Zeit vergeht“, dachte Tatjana gerade, als Morten „Hunting high and low“ anstimmte. Sie schaute in die Leuchtstäbe haltende Menschenmenge hinein, und ihr fiel auf, dass auch das Publikum ganz schön gealtert war, dann dachte sie kurz an den Augenblick, damals, als sie Morten genau in die Augen sah: Sie stand in der ersten Reihe, 15 Jahre, es war einer der schönsten Momente in ihrem Leben gewesen.
Nächste Woche würde ihr 36. Geburtstag sein, und sie hatte noch keine Ahnung, ob sie feiern sollte oder nicht.
Tatjana Sandberg war eine jung gebliebene Mittdreißigerin, die eher das Chaos beherrschte als etwas anderes wie zum Beispiel den Haushalt, sehr zum Bedauern ihres Göttergatten Lars Sandberg, der war in der Computerbranche tätig und machte alles hundertprozentig, wenn es nur irgendwie ging.
Tatjana war sehr damit beschäftigt, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sollte das Bisherige schon alles gewesen sein oder kam da noch der Knaller, der sie zum absoluten Lebenshöhepunkt beamen würde? Höhepunkte liebte sie.
Es kommt eine Zeit im Leben,
da bleibt einem nichts anderes übrig,
als seinen eigenen Weg zu gehen.
Eine Zeit, in der man die eigenen Träume
verwirklichen muss.
Eine Zeit, in der man endlich für die eigenen
Überzeugungen eintreten muss.
„Eine magische Reise zu Dir selbst“
von Sergio Bambaren
Sie arbeitete als Sozialpädagogin an einer betreuten Grundschule mit schwer erziehbaren Kindern aus schwierigen Familien, was nicht unbedingt einfach war und sie oft vor große Herausforderungen stellte.
Wenn sie nach ihrem oft sehr mühseligen Arbeitstag nach Hause fuhr, in ihrer quietschgelben Ente, legte sie sich am liebsten erst einmal auf das Sofa und las einen Vampirroman, oder die heißesten News aus Klatsch und Tratsch, dazu gönnte sie sich dann eine bis zehn Pralinen, was sie hinterher immer bereute. Eigentlich wollte sie doch abnehmen. Immerhin wog sie schon 87,6 kg bei einer Größe von 1,77 m. Das war ihr viel zu viel HÜFTGOLD.
Tatjanas Geburtstag stand vor der Tür, hormon- und pralinengeladen, und klopfte ganz wild, voller Erwartung, ob sie öffnen würde. Doch Tatjana war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde aufzumachen und ob sie es zulassen konnte, 36 Jahre alt zu werden.
Nur ihrer besten Freundin konnte sie davon erzählen, wie sehr sie diese Zahl störte, die in ihrem Kopf herumspukte und die sie am liebsten aus sich herausprügeln würde, wenn das ginge.
Katrin war diese Freundin, schon seit Kindertagen, und von ihr stammte der Vorschlag, mit dem Wohnmobil ihrer Spät-Hippie-Eltern nach Norwegen zu reisen, zu Mortens Konzert in Oslo.
Bei dem Gedanken daran bekam Tatjana leichte Hitzewallungen und war sofort Feuer und Flamme.
„Jaaa, das wäre super toll“, freute sie sich, doch gleichzeitig sagte ihre innere Stimme, sie müsste bis dahin noch mindestens zehn Kilo abnehmen, wenn sie Morten begegnen wollte.
„Wann ist denn das Konzert?“, sprudelte es ungeduldig aus ihr heraus.
„Ende September, morgen bekomme ich die Karten, Hammer oder?“, fragte Katrin. „Meine Eltern wissen auch schon Bescheid und leihen uns Ihren Hippie-Bus gern aus. Wir fallen halt ein bisschen damit auf, mit den vielen bunten Blumen.“
„Das ist doch ultrawitzig!“, entgegnete Tatjana kichernd und kramte dabei in ihrer riesengroßen, regenbogenfarbenen Basttasche nach ihrem Geldbeutel, um die zwei Prosecco zu bezahlen.
Die beiden Freundinnen trafen sich jeden Donnerstag in Katrins Mittagspause in dem französischen Alternativ-Café an der Ecke, neben Katrins Büro.
Katrin arbeitete als Event-Managerin und war genau das Gegenteil von Tatjana, eher strukturiert und gut organisiert.
Auch sonst gab es Unterschiede. Katrin war 1,80 m groß und wog sportliche 65 kg. Ihre langen, blonden, lockigen Haare fielen ihr weich ins Gesicht, sie war schon ein wirklicher Hingucker für die Männerwelt.
Tatjana dagegen wirkte eher als Vollweib mit üppigem Busen, brünetten langen Haaren und leicht gebräuntem Teint. Ihr Mann Lars war sehr angetan von ihren Rundungen und ließ sie das auch gern spüren, was Tatjana keineswegs störte.
Nachdem Tatjana sich von Katrin mit einer dicken Umarmung verabschiedet hatte, warf sie noch einmal einen Blick in ihre Lieblingsbücherei um die Ecke.
Sie ging gleich zur Esoterik-Abteilung, vielleicht würde sie ja hier eine Antwort auf ihre Sinnfrage finden.
Wie sagte Morten mal so schön in einem Interview: „Fragen gehören zur spirituellen Seite des Menschen!“
Und richtig, sie entdeckte wunderschön kitschige Engelkarten im Regal, die sie auf nahezu magnetische Art und Weise ansprachen.
Sie spürte den Drang, sie sofort zu kaufen, sich eine leckere Tasse Yogi-Tee zu kochen, Kerzen und Räucherstäbchen anzuzünden und auf eine Antwort der Engel zu lauschen. Mit den Karten fuhr sie so schnell sie konnte, was bei dem Verkehr in Frankfurt sehr schwierig war, nach Hause, um genau das zu tun, was sie sich eben so wunderschön ausgemalt hatte.
Endlich zu Hause angekommen, in ihrer kleinen, alten Villa mit Garten am Ende der Stadt, schloss sie ungeduldig die Haustür auf, und mit ihrem ersten Schritt ins Haus trat sie in ein weiches, rutschiges, fast klebriges, undefinierbares Etwas. „Oh mein Gott!“, schrie Tatjana noch und fiel auch schon in Richtung Diele, genau mit dem Kopf an die Kante des wuchtigen Bauernschrankes, den sie von ihrer Lieblingsoma geerbt hatte.
Sie sah nur noch Sternchen vor ihren Augen leuchten und wachte erst wieder richtig auf, als ihr eine warme, raue Zunge über die Nase schleckte und Schnurrbarthaare sie am Kinn kitzelten.
„Gregor, du? Also, du hast das hier angerichtet?“
Tatjana fasste sich an den Kopf, ihr wurde auf einmal schwindelig und sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen.
Gregor war der Familienkater, ein rot-weiß getigertes Geschöpf, klein, zierlich und frech, und Tatjanas absoluter Liebling. Sie hatte ihn vor einem halben Jahr aus dem Tierheim mitgenommen, als sie das Gefühl hatte, ihren Kinderwunsch begraben zu müssen.
Lars und sie versuchten schon seit fünf Jahren, ein Baby zu bekommen, und hatten etliche Behandlungen hinter sich. Irgendwann hieß es laut den Ärzten, dass Tatjana und Lars zwar fähig wären, Kinder zu bekommen, aber anscheinend nicht miteinander.
Sie blieben also ein medizinisch ungelöstes Rätsel, und ihr Fall wurde, wie viele, auf Eis gelegt.
Das Telefon klingelte: „Tatjana Strand… äh, Sandberg“, meldete sie sich noch etwas benommen.
„Ja, hi, hier ist Chris, dein Bruderherz, darf ich mich heute Abend bei euch zum Lecker-Schmecker-Abendessen einladen? Ich bringe uns auch eine Flasche Rotwein mit, direkt aus St. Emilion!“
Tatjana räusperte sich und überlegte ein paar Sekunden, was gerade geschehen war.
„Ähm, ja klar, ich bin nur gerade hingefallen, also, auf Gregors Kotze ausgerutscht, und muss erst mal wieder zu mir kommen, weißt du?“
„Oh Gott, oh Gott, das ist ja furchtbar. Hast du dir wehgetan, Süße? Soll ich den Arzt verständigen, oh je …“
„Nein, Quatsch, jetzt übertreib mal nicht gleich, deine Schwester ist doch nicht aus Zuckerwatte, auch wenn ich so aussehe, als würde ich mich nur davon ernähren!“
Chris lachte und meinte sie aufbauen zu müssen, indem er ihr den Vorschlag machte, Fotomodell für „Große Größen“ zu werden und sich damit ein wenig Taschengeld zu verdienen.
Tatjana konnte darauf wirklich keine Antwort geben, übersprang ganz dezent die peinliche Situation und machte die Verabredung für abends um 20 Uhr fest.
Sie überlegte kurz nach dem Gespräch, ob sie einen Fehler begangen hatte, als sie ihrem doch so feinfühligen „Elefant-im-Porzellanladen-Bruder“ zusagte, am Abend kommen zu können, aber ihr Kopf fing wieder an wehzutun, und so hatte sich das mit dem Nachdenken erübrigt.
Nachdem sie das Erbrochene aufgewischt und eine Schmerztablette eingenommen hatte, rief sie Lars an, um ihn mitzuteilen, dass am Abend glamouröser Besuch eintreffen würde.
Chris war schwul, und man sah es ihm auch sofort an: Er war immer sehr stylish angezogen und bewegte sich ziemlich tuntig. Außerdem sah er extrem gut aus, was alle Freundinnen von Tatjana mit Bedauern feststellen mussten, denn leider hatten sie ja absolut keine Chancen bei ihm.
„Hi Schatz, heut Abend kommt mein wundervoller Bruder zum Essen vorbei“, erklärte Tatjana ironisch, um Lars ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen, sie wusste, dass er Chris nicht unbedingt mochte. „Er ist wieder von der ‚Exclusive Hair- und Beauty-Messe‘ aus Südfrankreich zurück und wollte uns mal wieder sehen.“
„Aha … ja gut. Ich hatte zwar vor, dich heute Abend zum Essen auszuführen, weil wir seit genau acht Jahren zusammen sind, aber das hast du wohl vergessen, wie ich dich Chaosweibchen kenne“, lachte Lars, aber doch mit einem gewissen beleidigtem Unterton.
„Ojemine, ist mir das peinlich, aber stell dir mal vor, was mir heute schon passiert ist …“
Tatjana erzählte ihre Begegnung mit Gregors klebrigem, schon mal gegessenen Geschenk hinter der Wohnungstür und hielt sich dabei ihre Beule am Kopf, die immer größer zu werden schien.
Lars musste lachen, als er sich das bildlich vorstellte, fragte dann aber doch besorgt nach, ob es Tatjana denn wieder gut gehen würde mittlerweile, schließlich liebte er sein Chaosweib ja von ganzem Herzen. Sie war seine absolute Traumfrau, obwohl sie eigentlich genau das Gegenteil von ihm war und sie oftmals viele Diskussionen hatten, weil sie beide so verschieden waren.
Kleiner Rückblick:
Damals, als Tatjana sich von ihrem langjährigen Freund getrennt hatte, weil er sie mit einer anderen betrog, wollte sie eigentlich so schnell keinen Mann mehr an ihrer Seite haben. Tatjana hatte die Nase bis oben gestrichen voll, doch Katrin, ihre beste Freundin, hatte da so einen Plan, von dem Tatjana noch nichts ahnte. In ihrem Freundeskreis war so ein schnuckeliger, netter Typ, den sie sich für Tatjana sehr gut vorstellen konnte, Lars Sandberg, ein großer Mann mit bäriger Statur, dunklen Haaren, leicht gelockt, wunderschönen braunen Knopfaugen und einem verschmitzten Lächeln, worauf Tatjana ganz bestimmt stehen würde, so dachte Katrin, und so war es dann ja auch!
Sie lud ihre Freundin zu einem zu einem Hörkrimiabend nach Mannheim ins Planetarium ein. Lars hatte den Auftrag, die beiden Freundinnen und Tatjanas Bruder Chris bei Katrin mit seinem Auto abzuholen. Als Tatjana damals ins Auto einstieg, wurde Lars von ihrer Ausstrahlung und ihrem Duft, der an einem zarten Sommerwind erinnerte, ganz nervös. Der Abend endete in einer Cocktailbar in Frankfurt, gleich um die Ecke von Tatjanas damaliger Zweizimmerwohnung.
Lars begleitete Tatjana noch nach Hause und verabschiedete sich bei ihr mit einem Kuss auf die Wange, womit er sie sehr beeindruckte. Er hatte nicht sofort die Gunst der Stunde genutzt, um bei ihr im Bett zu landen. Die beiden verliebten sich noch an diesem Abend.
Am heutigen Abend um viertel nach acht klingelte es an der Haustür. Lars schlüpfte noch schnell in seine bequeme Jogginghose und empfing Chris, der strahlend mit einem riesengroßen Blumenstrauß in der einen Hand und einer Flasche Rotwein in der anderen an der Tür stand. Er hauchte Lars links und rechts ein Küsschen auf die Wange und tänzelte, als wäre er auf einem roten Teppich auf irgendeiner Hollywood-Gala, ins Wohnzimmer hinein, dabei hinterließ er im Flur eine süßliche Duftwolke, von der es Lars fast schwindelig wurde.
„Schatz, wo bist du? Dein Bruderherz ist da!“, rief er durch das Haus.
Tatjana war noch im Bad und trocknete sich die Haare mit dem Handtuch ab, sie war mal wieder, wie immer, nicht rechtzeitig fertig geworden und hastete mit Bademantel und ihren warmen Fellpantoffeln aus dem Badezimmer in Richtung Wohnbereich.
„Hi Chris, schön, dich mal wieder zu sehen, nette Frisur, neu?“ Tatjana lächelte und umarmte ihren Bruder herzlich. Die beiden verstanden sich meistens ganz gut, aber sie durften sich nicht zu oft sehen, sonst gab es irgendwann die üblichen familiären Diskussionen, weil Tatjana einfach immer das Gefühl hatte, dass sie das schwarze Schaf der Familie und Chris der absolute Liebling ihrer Mutter sei.
Er konnte sich einfach alles herausnehmen, und es wurde ihm immer verziehen.
Ihr Vater starb vor zehn Jahren an Krebs, mit ihm hatte sich Tatjana sehr gut verstanden, sie lagen auf gleicher Wellenlänge und hatten sich stundenlang über Gott und die Welt unterhalten können. Tatjana vermisste ihren Vater oft, sie fühlte sich von ihrer Mutter und ihrem Bruder nicht verstanden und auch nicht wirklich wahrgenommen. Mit Problemen konnte sie zu ihnen nicht kommen, sie hatten kein Ohr dafür, damit musste sich Tatjana abfinden, aber zum Glück hatte sie für so etwas ja ihre Freundin Katrin – und Lars.
Chris setzte sich auf das rote Sofa mit den vielen bunten Kissen und wartete auf seinen Begrüßungsprosecco. Tatjana zog sich ihren grün-braun gestreiften Nickihausanzug an und machte sich einen Turban um ihre noch feuchten Haare. In der Küche angekommen, in der noch das völlige Chaos aus Töpfen, Pfannen und Schneebesen herrschte, öffnete sie eine Flasche eisgekühlten Prosecco und füllte damit drei Sektkelche. „Schatz, soll ich dir helfen?“, rief Lars ungeduldig.
„Nein, bin schon unterwegs!“ Tatjana kam mit einem silbernen orientalischen Tablett, das sie vor zwei Jahren aus der Türkei mitgebracht hatte, auf dem die Sektkelche standen und eine italienische Vorspeisenplatte, ins Wohnzimmer gehastet. Sie setzte gerade ihre Lippen an das Glas mit dem eiskalten Prosecco, um einen großen Schluck zu genießen, da spürte sie einen ziehenden, krampfartigen Schmerz in ihrem Unterleib, sie musste sich setzen und den Bauch halten.
„Hey Schatz, was ist denn los mit dir?“, fragte Lars besorgt.
Chris kam zu seiner Schwester und wedelte ihr Luft mit einer Zeitschrift zu. „Süße, verträgst du keinen Prosecco mehr?“ fragte Chris ein wenig ironisch.
„Ich weiß auch nicht, ich hab solche Schmerzen im Unterleib und mir wird auf einmal heiß und kalt. Heute ist irgendwie nicht mein Tag, obwohl er vor acht Jahren der schönste meines Lebens war!“
Tatjana fiel in Ohnmacht und wachte erst ein paar Minuten später wieder auf, als gerade zwei Sanitäter mit einer Trage kamen und ihr eine Infusion legten. Tatjana zitterte am ganzen Körper und stellte mit Entsetzen fest, dass sie eine nasse Unterhose anhatte, und zwischen ihren Beinen lief das Blut. Lars hielt ihre Hand und hatte Tränen in seinen dunklen Teddybär-Augen.
„Was ist los mit mir, Lars?“, hauchte Tatjana benommen.
Lars gab ihr einen Kuss auf die Stirn und erzählte ihr, dass sie in Ohnmacht gefallen sei. „Sie bringen dich ins Krankenhaus, Schatz. Der Arzt glaubt, dass du eine Fehlgeburt hattest.“
„Aber ich bin doch noch nicht mal schwanger gewesen!“ Tatjana flossen die Tränen. „Wie kann das sein?“
„Wann war Ihre letzte Periode, Frau Sandberg?“, fragte der Notarzt.
„I… ich glaube vor acht Wochen oder so, ich hab meine Periode sehr unregelmäßig, außerdem versuchen wir schon seit fünf Jahren, ein Baby zu bekommen, und ich hatte schon verschiedene Therapien deswegen ausprobiert …“ Tatjana schluchzte und wischte sich ihre Tränen ab.
„Bitte beruhigen Sie sich jetzt erst mal, Frau Sandberg. Wir bringen Sie jetzt in die Notaufnahme der Frauenklinik und untersuchen Sie gründlich, dann wissen wir mehr. Ihr Mann wird Sie sicherlich begleiten, oder?“ Der Notarzt schaute Lars fordernd an, um eine Antwort zu bekommen.
„Ja, selbstverständlich fahre ich mit.“
Chris mischte sich gleich ein. „Ja, ich natürlich auch, ich bin ihr Bruder und möchte wissen, was los ist. Oh Gott, wie schrecklich, ich rufe gleich Mum an, Süße!“
„Nee, lass mal gut sein, Chris!“, bestimmte Lars. „Sie braucht jetzt nicht noch mehr Aufregung. Ich sag dir Bescheid, wenn du eure Mutter benachrichtigen kannst!“
„Na gut, wenn du meinst“, kam die beleidigte Antwort von Chris zurück.
Lars konnte Chris nicht mehr ganz so gut leiden, als er einmal einen heftigen Familienstreit mitbekommen hatte, in dem Tatjana Schuld zugewiesen bekam, obwohl sie keineswegs schuldig war.
Tatjanas Familie hatte die Angewohnheit zu schwindeln, ohne mit der Wimper zu zucken, und wenn sie dann dabei erwischt wurden, schoben sie alles auf die anderen, die überhaupt nichts damit zu tun hatten. Lars hasste diese Eigenart und wunderte sich schon lange, dass Tatjana gutmütig immer wieder darauf hereinfiel. Da Lars seine Frau liebte, konnte er Chris diese Lügengeschichten nicht so einfach verzeihen. Tatjana zuliebe machte er oft gute Miene zum bösen Spiel, nur immer gelang ihm das natürlich auch nicht.
„Ich liebe dich, mein Schatz! Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das schon!“ Lars versuchte, Tatjana im Notarztwagen ein beruhigendes Lächeln zu schenken, und strich über ihre Haare.
Doch Tatjana kannte ihren Lars sehr gut und sah in seinen Augen Angst und Besorgnis, sie fühlte sich auf einmal so schuldig und hilflos. Warum musste ihr das Leben solch einen miesen Streich spielen, hat sie nicht immer gekämpft und geglaubt, gehofft und positiv gedacht? Sie wollten doch schon so lange zusammen ein Kind, und jetzt hätte es fast geklappt … Warum das alles? „Was habe ich verbrochen? Bin ich so ein schlechter Mensch?“ Selbstzweifel quälten Tatjana.
Sie begann sogar, an Gott und ihrem Erzengel Michael zu zweifeln, an die sie sonst so fest glaubte.
Wird Lars sie jetzt noch lieben und sie als eine vollwertige Frau ansehen können? Tatjana wollte in diesem Moment nur noch sterben. Es war alles so furchtbar sinnlos geworden!
„Wie soll es jetzt weitergehen?“, dachte sie verzweifelt.
Als sie im Krankenhaus ankamen, wurde sie gleich vom zuständigen Frauenarzt untersucht.
Lars blieb immer an ihrer Seite und hielt Tatjanas Hand, er wusste nicht, wie er ihr sonst helfen sollte, und war sehr besorgt. Er betete sogar, obwohl er nicht sehr religiös eingestellt war.
„Sehen Sie es doch einfach mal positiv, Frau Sandberg, es hätte ja fast geklappt, oder?“ Der Arzt lächelte zu seinem klugen Spruch und Tatjana fuhr innerlich die schärfsten Krallen aus, die eine Raubkatze haben konnte, wenn sie ihrem Feind die Augen auskratzen wollte. „Sie müssen noch zwei Tage zur Kontrolle und Beobachtung hierbleiben, die Frucht war schon etwas länger abgestorben, es hätte also wirklich nichts daraus werden können, aber beim nächsten Mal bestimmt“, beteuerte der weise Mann.
„Ach, das ist aber sehr freundlich, das sie sooo … viel Verständnis für mich haben, Herr Doktor!“, krächzte Tatjana ziemlich überspitzt.
„Meine Frau und ich wünschen uns schon so lange ein Baby, wissen Sie, Herr Doktor Bender?“
„Ja, ich weiß, das ist alles nicht so einfach mit dem Kinderkriegen.“ Dr. Bender schaute nervös auf seine Armbanduhr und verabschiedete sich mit einem feuchten Händedruck und den Worten, dass er morgen früh bei der Visite noch mal einen Blick auf Tatjana werfen würde.
Endlich waren sie allein. Tatjana starrte an die weiße Wand, es roch nach Desinfektionsmittel und Krankenhaus. Sie hasste diesen sterilen Geruch und diese weißen Wände, einfach alles hier.
Tatjana wollte heim in ihr kuscheliges, bunt geblümtes Flowerpower-Bett, die Decke über ihren Kopf ziehen und erst in 100 Jahren wieder erwachen.
Plötzlich kam Chris herein, völlig überdreht und laut polternd. „Oh, hallo Schwesterlein, wie geht es dir? Du Arme! Sei nicht so frustriert, das tut deiner Haut gar nicht gut. Du bekommst sonst 1000 Falten, meine Süße!“
Tatjana hätte ihren Bruder am liebsten auf den Mond geschossen, ohne Rückfahrkarte. Wie konnte er sich jetzt Gedanken wegen ein paar dämlichen Falten machen?
Das war wieder einer der Momente, in denen sie sich wünschte ein Einzelkind zu sein. Chris war dann auch nur zehn Minuten zu Besuch, er konnte die sterile Krankenhaus-Atmosphäre nicht lange ertragen und musste so schnell wie möglich wieder in seine Glitzerwelt, in der alle Menschen nur oberflächliche Gespräche führten, gestylt herumlieffen und sich in ihrer eigenen Selbstlosigkeit badeten.
Tatjana konnte mit dieser Art Leben nicht viel anfangen, somit war sie auch froh, dass ihr Bruder bald wieder ging.
„Lars, ich will nach Hause, bitte nimm mich mit!“, wimmerte sie, als Lars sich langsam verabschieden musste. Sie weinte so sehr, dass sie kaum noch Tränen hatte.
Lars umarmte sie fest und liebevoll, sodass sie seinen Herzschlag hören konnte, es pochte sehr schnell.
Tatjana hörte mit einem Mal schlagartig auf zu weinen und küsste Lars so leidenschaftlich, dass er kaum noch Luft holen konnte. Sie wollte jetzt für ihn stark sein, das hatte er verdient, sie liebte ihn so sehr und wollte ihn nicht beunruhigen. Sie wusste, wie sehr sich auch Lars ein Kind wünschte, aber er zeigte seine Enttäuschung nicht, er wollte es Tatjana nicht noch schwerer machen.
„Gib Gregor noch einen Kuss von seiner Katzenmama, ich vermisse jetzt schon sein sanftes Schnurren, und lass ihn wissen, dass ich nicht mehr sauer wegen heute Mittag bin.“
Tatjana küsste Lars noch einmal liebevoll und wünschte ihm eine gute Nacht. Sie musste sich sehr zusammenreißen, um nicht wieder anzufangen mit dem Heulen.
Am nächsten Morgen um fünf Uhr kam die Stationsschwester herein mit einem lauten „Guten Morgen, die Damen!“ Neben Tatjana lag noch eine sehr nette, ältere Dame, die schon 95 Jahre alt war, aber geistig noch sehr fit, und obendrein die reinste Optimistin, das war für Tatjana sehr gut.
Die Dame erinnerte sie an ihre Großmutter väterlicherseits, die leider schon im Himmel mit den Engeln Tango tanzte. Diesen Spruch pflegte sie kurz vor ihrem Tode Tatjana zu sagen, um sie noch mal lachen zu sehen. Sie war ein sehr herzlicher Mensch gewesen, der viel Wärme ausstrahlte.
„Was wollen sie trinken, Frau Sandberg, Pfefferminztee oder Kaffee?“, fragte die Krankenschwester in einem sächsischen Dialekt.
„Haben Sie auch Prosecco im Angebot? Kleiner Scherz am Rande, aber mein niedriger Blutdruck könnte jetzt ein Gläschen gebrauchen!“ Tatjana wurde durch die freundliche Art ihrer Bettnachbarin wieder ein wenig munterer. Während sie frühstückten, unterhielten sie sich angeregt. Tatjana war beeindruckt, was Gretel, so war der Name der älteren Dame, in ihren langen Lebensjahren schon alles erlebt hatte, viele Glücksmomente, aber auch viel Leid, trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, hatte Gretel eine unwahrscheinlich positive Ausstrahlung.
Um neun Uhr klingelte das Telefon bei Tatjana. „Hallo, ich bin’s, guten Morgen, mein Schatz. Konntest du etwas schlafen?“, fragte Lars.
„Ja, es ging, hab eine halbe Leck-mich-am-A…-Tablette genommen und hatte dann einen echt guten Trip!“
„Oh, ich höre, du hast wieder ein wenig Humor, das freut mich.“ Lars war erleichtert, er hatte sich schon ausgemalt, dass Tatjana in Depressionen verfallen könnte, doch diese versuchte, ihrer Traurigkeit keinen Platz einzuräumen, sie wollte keineswegs in ein tiefes Loch fallen, sie war schon immer „posimistisch.“ Tatjana erfand gern schräge Wörter.
Am späten Nachmittag kam Tatjanas Mutter mit einem Strauß Blumen und in einer Wolke süßen Parfums ins Krankenhaus „Sie nimmt wohl den gleichen Duft wie Chris“, dachte Tatjana.
Gott sei Dank war das Fenster gerade auf zum Lüften, der Geruch war jedenfalls sehr aufdringlich und kaum zu ertragen. „Na du, was machst du denn für Sachen? Ich dachte, du könntest gar nicht schwanger werden!“ Das waren die ersten Worte von Tatjanas Mutter. Sie drückte ihr den Blumenstrauß in die Hand und streichelte ihr roboterartig kurz über den Arm. „Wie konnte denn das auf einmal passieren?“, fragte sie vorwurfsvoll.
„Vielleicht hat mich ja der Heilige Geist geschwängert!“, motzte Tatjana zurück. „Bin ich vielleicht Jesus? Kann ich übers Wasser rennen? Mein Gott, Mutter, was Besseres fällt dir wohl jetzt auch nicht ein? Mir geht es total scheiße, und du willst mir noch Vorwürfe machen!“, regte sich Tatjana auf, ohne Luft zu holen. Sie merkte, dass sie ganz heiße Wangen bekam und ihre Halsschlagader stark zu pulsieren begann.
„Jetzt reg dich nicht auf, soll ich besser gehen und dich morgen Abend mal anrufen? Ich wusste ja nicht, wie sehr deine Hormone Karussell fahren! Heutzutage ist es sowieso besser, keine Kinder zu bekommen, du siehst ja, wie schwierig das mit den Ausbildungsplätzen ist und wie viele dicke Kinder es gibt.“ Tatjanas Mutter steigerte sich wieder in ein negatives Weltbild hinein, ohne Punkt und Komma, dann verabschiedete sie sich mit den Worten: „Wird schon wieder, am besten, du fährst mal ein paar Tage mit Lars weg, vielleicht in ein Wellnesshotel, mit ayurvedischer Massage. Da kann ich euch ein schönes Hotel in Bad-Kreuznach empfehlen, Günther und ich waren auch schon dort, einfach traumhaft!“ Tatjana stellte ihre Ohren auf Durchzug und nickte nur monoton, bei dem Namen „Günther“ wurde sie fast ein bisschen hysterisch. Günther war der neue Lebenspartner ihrer Mutter.
Sie hatte ihn ein Jahr nach dem Tod von Tatjanas Vater kennengelernt.
Günther war einer von der Sorte Mann, die sich ständig selbst groß machen mussten, um ihre Unsicherheit zu verbergen, außerdem hatte er die schlechte Angewohnheit, immer wieder andere Menschen zu beleidigen. Einmal benahm er sich vor vielen Menschen auch Tatjana gegenüber daneben und wies auf ihre Narbe am Kinn hin. Lars war so sauer auf ihn, dass er ihn sich zur Seite nahm und ihm mit einem Lächeln erklärte, dass er wohl unter einer Profilneurose leiden würde. Somit waren die Fronten geklärt, und sie gingen sich seitdem, soweit es möglich war, aus dem Weg.
Tatjana war froh, als ihre Mutter ging, sie holte tief Luft und wählte die Nummer von Katrins Büro.
„Hi Kati, weißt du schon Bescheid?“, meldete sich Tatjana und erzählte ihr kurz, dass sie im Krankenhaus läge.
„Ja, ich hab es vor einer Viertelstunde von Lars erfahren, wollte dich auch gerade anrufen!“, antwortete Katrin besorgt. „Ich würde gern in meiner Mittagspause zu dir kommen, ist dir das recht?“
„Ja, bitte, ich brauche ein paar aufbauende Worte, meine Mutter war gerade da, du weißt ja wie sie ist!“
„Tati, bleib ganz cool, ich bring uns einen Piccolo und deine Lieblingspralinen mit, und dann schwatzen wir, okay?“
„Danke, bis dann!“ Tatjana legte erleichtert den Hörer auf und freute sich auf den Besuch ihrer besten Freundin. Sie hatten sich damals im Sandkasten im Alter von fünf Jahren kennengelernt und waren seitdem unzertrennlich. Tatjana war froh, so eine Freundin wie Kati zu haben, sie waren immer füreinander da.
Wie abgemacht, stand Katrin um Punkt fünf Minuten nach zwölf an Tatjanas Krankenbett mit einem eisgekühlten Piccolo und den Lieblingspralinen ihrer Freundin. „Hi meine Arme, erzähl mal, wie geht es dir?“, fragte Katrin.
„Tja, wie einem ausgebluteten Lamm vielleicht, oder so ähnlich!“, versuchte Tatjana zu witzeln, um die ernste Situation zu entschärfen. Sie tranken – ratzfatz – das kleine Fläschchen leer und Tatjana verhaftete dabei die halbe Pralinenschachtel. Sie klagte Katrin ihr Leid, und Katrin versuchte, ihre Freundin zu trösten, so gut sie das konnte, indem sie Tatjana an die bald bevorstehende Reise nach Norwegen erinnerte. Dazu schenkte Katrin ihr noch Konzerttickets, die sie ihr eigentlich erst an ihrem Geburtstag überreichen wollte. Tatjana freute sich riesig über die Karten.
In diesem Moment kam der Arzt herein, er wollte noch einmal nach seinem „Sorgenkind“ schauen, wie er so schön sagte.
„Schönen guten Tag, Frau Sandberg, wie geht es Ihnen heute? Sind die Hormone wieder am richtigen Plätzchen?“, grinste Dr. Bender, was Tatjana nicht gerade als witzig empfand.
„Sagen Sie mal, könnten Sie mich heute schon entlassen? Ich kann mich in dieser Atmosphäre hier wirklich nicht erholen, bei diesem ironischen Humor schon gar nicht!“, protestierte Tatjana.
„Aber Frau Sandberg, wer wird denn gleich so aus dem Häuschen fahren?“ Dr. Bender schaute über seinen Lesebrillenrand auf Tatjana herab. „Ich denke, noch eine Nacht zur Beobachtung wäre ganz gut, und dann dürfen sie sich zu Hause erholen, solange sie es brauchen.“
Katrin schaute Tatjana mitleidig an und musste dann das Zimmer verlassen, weil Dr. Bender Tatjana noch untersuchen wollte. Die Mittagspause war sowieso vorbei, und so verabschiedete sie sich gleich mit einer dicken Umarmung. „Ich ruf dich gegen Abend noch mal an!“, versprach sie Tatjana.
Der Krankenhausaufenthalt war endlich vorbei, und Tatjana musste nur noch eine Woche zu Hause bleiben und nicht zur Arbeit gehen, weil sie nicht schwer heben durfte und die Blutungen erst aufhören sollten. Zu Hause angekommen, Lars hatte sie vom Krankenhaus am Morgen abgeholt, legte sich Tatjana auf ihr rotes Sofa und schmuste erst einmal ausgiebig mit ihrem Katerchen Gregor, der schnurrte, was das Zeug hielt, und Tatjana über die Nase leckte. Lars musste dann leider wieder zur Arbeit, er hatte noch sehr viel zu tun und verabschiedete sich mit einem schlechten Gewissen. Er fragte Tatjana, ob er ihr noch etwas bringen könne, aber sie war so weit vorerst versorgt und wollte Lars außerdem nicht noch mehr zur Last fallen. Jetzt erst kam sie dazu, noch einmal alles, was in den letzten zwei Tagen passiert war, wie einen Film in ihrem Kopf abzuspielen. Es machte sie richtig wütend, dass sie ihr Baby verloren hatte, sie wünschte sich doch schon so lange ein Kind.
Nach mehreren Stunden grübeln und heulen fasste sie einen Entschluss. Es musste einfach weitergehen, und zwar nur noch nach vorn. Sie wollte das alte „Tatjana-Modell“ abstreifen und ein neues, aufregendes anziehen, sie bekam auf einmal eine ungeheure Lust, wegzufahren, neue Menschen, Eindrücke und Kulturen kennenzulernen. Außerdem hatte sie da noch einen großen Wunsch, seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr, sie wollte Morten Harket persönlich kennenlernen! „Warum soll das eigentlich nicht klappen?“, dachte Tatjana und war fest entschlossen, ihren Wunsch in die Realität umzusetzen. Dieser Mensch faszinierte sie einfach, sie hatte das Gefühl, auf einer Wellenlänge mit ihm zu sein, obwohl sie ihn noch nie privat getroffen hatte.
Tatjana Sandberg hatte oft solche Intuitionen. Katrin war das manchmal suspekt, sie konnte mit derartigen esoterischen Vorahnungen nichts anfangen. Tatjana wünschte sich ganz fest beim Universum, Morten zu treffen, mit ihm zu reden und zu philosophieren, und dass das geschehen würde, daran glaubte sie. Kurz drauf rief sie bei Kati im Büro an. „Hallo Kati, du, kannst du mir Backstage-Karten für Oslo besorgen? Ich muss ihn unbedingt sehen und mit ihm reden.“
„Hi Tati, bist du schon daheim? Ääh … wie Karten, du meinst für Mortilein? Okay, ich versuche auf jeden Fall mein Glück! Was sagt Lars dazu? Ist er denn nicht eifersüchtig?“, fragte Katrin erstaunt. Aber sie kannte ihre Freundin, was die sich in den Kopf gesetzt hatte, war schwer wieder aus ihr heraus zu bekommen.
Tatjana googelte Morten wieder mal nach dem Telefonat, sie wollte alles, was sie finden konnte, über ihn wissen. Mit Lars würde sie erst mal nicht darüber reden, er könnte das gar nicht nachvollziehen.
Tatjana brauchte jetzt eine Ablenkung, ein neues Ziel, um loszulassen, was sie schon längst verloren hatte – ihr Baby!
Lars kam gegen 18 Uhr müde vom Büro nach Hause und gab seiner Frau einen liebevollen Kuss.
„Hi, wie war dein Tag auf der Arbeit?“, fragte Tatjana noch etwas verschlafen, den Block, auf dem die Notizen über Morten waren, noch fest mit ihren Armen umschlungen.
„Na, was hast du denn da geschrieben? Einen Liebesbrief an mich?“, fragte Lars neugierig. Doch das hätte er besser nicht gefragt.
Denn nun musste Tatjana doch von ihren Plänen berichten. Sie wollte Lars nicht anlügen.
Schließlich kam es zu einem Streit. Lars wusste zum einen nicht, dass Tatjana vorhatte, im September mit Kati und dem Wohnmobil von deren Eltern nach Norwegen zu fahren, noch wusste er von dem Solo-Konzert von Morten in Oslo. Als er die Notizen sah und Tatjana ihm erklärte, dass sie unbedingt mit Morten Harket zusammentreffen wollte, verstand Lars die Welt überhaupt nicht mehr.
„Tatjana, was ist eigentlich los mit dir? Wir haben gerade unser Baby verloren, und du rennst einem Jugendtraum hinterher. Was versprichst du dir bitte davon?“, schimpfte Lars mit Tatjana.
„Ach, du verstehst das nicht, das war mir ja so was von klar. Ich muss eben auch damit fertig werden und suche einfach einen Weg, um herauszukommen aus diesem Albtraum!“, zickte Tatjana böse zurück.
„Aber das ist doch keine Lösung, das ist pubertäres Weibergeschwätz. Du wirst in vier Tagen 36 Jahre alt, Schatz, wach auf, und versuche lieber, etwas Sinnvolles zu machen!“, versuchte Lars verzweifelt, auf sie einzureden, doch er merkte, dass er keine Chance hatte gegen diesen Dickschädel, den Tatjana übrigens zweifellos von ihrem Vater geerbt hatte.
Sie ging, ohne ein Wort zu sagen, ins Schlafzimmer und hörte Musik auf ihrem Mp3-Player, natürlich MORTEN!
Tränen liefen ihr über die Wangen bei ihrem Lieblingslied „With you with me.“ Sie wollte Lars auf keinen Fall verlieren, aber sie musste wenigstens EINEN Traum in ihrem Leben verwirklichen. Sie wollte vergessen, was geschehen war. Warum konnte das Lars nicht verstehen?
Sie liebte ihn doch, das musste er doch spüren! Was war denn nur in den letzten Tagen geschehen?
War das die Magie ihres bevorstehenden 36. Geburtstags? „Scheiß Magie!“, schluchzte sie in sich hinein. „Ich will gar keinen Geburtstag haben!“
Mit diesem Satz schlief sie ein. Am nächsten Morgen stand Lars mit ihrem Lieblingstee vor dem Bett an Tatjanas Seite. „Guten Morgen, Schatz! Sorry, wegen gestern, war angespannt und verstehe immer noch nicht, was du bezweckst mit deinen Plänen! Aber tu, was du nicht lassen kannst, ich will dir nicht im Weg stehen, dafür liebe ich dich zu sehr!“ Lars warf ihr bei diesen Worten einen traurigen Blick zu.
„Oh Lars, du bist so süß! Danke … Ich liebe dich so sehr!“, brachte Tatjana mit weinerlicher Stimme hervor. Sie umarmten sich beide und küssten sich dabei leidenschaftlich.
Lars streichelte Tatjana über ihre langen braunen Haare und küsste ihre Brüste.
Er hätte am liebsten mit ihr geschlafen, aber er wusste, dass es noch zu früh dafür war, wegen der Blutungen. Tatjana flüsterte mit heiserer Stimme in Lars’ Ohr: „Bald holen wir alles nach, mein Liebster, das wird ein Feuerwerk, das verspreche ich dir!“
Es war Samstag, morgens um neun Uhr klingelte das Telefon. Tatjana quälte sich aus dem Bett und nahm den Hörer von der Ladestation.
„Happy Birthday to you …“, versuchte Chris, ihr ins Telefon zu hauchen, sollte wohl wie Marilyn Monroe klingen.
„Danke, hast mich gerade aus einem süßen Traum herausgerissen, Bruderschmer… ääh …herz!“, gähnte Tatjana in den Hörer hinein.
„Ojemine, das tut mir leid, aber ich wollte der Erste sein, der dir gratuliert, meine Süße!“, quietschte Chris mit schriller Stimme am anderen Ende.
Tatjana hielt den Telefonhörer von ihrem Ohr ab, sonst hätte sie wahrscheinlich nach dem Gespräch ein Hörproblem gehabt, bei diesen schrillen Tönen. „Warum müssen homosexuelle Männer oft so eine fiepsige Stimme haben?“, dachte Tatjana genervt, aber sie freute sich natürlich trotzdem über den Anruf und beklagte sich nicht länger. Chris wollte nach der Arbeit auf ein Gläschen Prosecco vorbeikommen, um mit seinem Schwesterherz anzustoßen. Außerdem hatte er die Idee, noch ein paar Freunde mitzubringen, so als Stimmungsbomben, doch das fand Tatjana wiederum nicht so prickelnd und versuchte, das ihrem Bruder auszureden, aber dieser hatte so seine Prinzipien.
Kurz nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, klingelte es schon wieder. Tatjana überlegte kurz, ob sie überhaupt drangehen sollte. „Tatjana Sandberg, hallo“, meldete sie sich.
„Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch zu deinem … wie alt wirst du gleich …?“, krächzte Tatjanas Mutter, sie telefonierte wohl wieder mit dem Handy und fuhr dabei Auto mit lauter Opernmusik im Hintergrund.
„Rate mal, eigentlich müsstest du es ja am besten wissen, wie alt ich werde, jedenfalls ein Jahr älter als letztes Jahr!“, meckerte Tatjana enttäuscht zurück, doch das ignorierte ihre Mutter, denn sie war so sehr auf den Autoverkehr konzentriert, dass sie um sich herum kaum etwas wahrnahm.
„Tja, das ist so eine Sache mit dem Telefonieren beim Autofahren …“, dachte Tatjana. War ja nicht ohne Grund verboten! Tatjana wurde schon einmal dabei erwischt, obwohl sie nicht oft im Auto telefonierte, ihre Mutter führte eigentlich ihre ganzen Telefonate hinter dem Steuer und hatte immer Glück, hatte noch keinen Strafzettel bekommen.
„Ich komme am Nachmittag mal für ein Stündchen vorbei und bring dir dein Geschenk, also bis dann!“, kreischte Tatjanas Mutter hektisch am anderen Ende.
Tatjana hatte überhaupt keine Chance zu antworten und ging nach dem Telefonat verärgert zu Lars ins Schlafzimmer zurück, der in der Zwischenzeit schon Kerzen im ganzen Raum angezündet hatte, Tatjanas Lieblings-Duftkerzen, auf einem silbernen Tablett hatte er zwei Sektkelche mit Champagner gefüllt, dazu servierte er schwedische Daimtorte.
Tatjana war so überrascht, dass sie sprachlos glücklich vor Lars stand, mit Freudentränen im Gesicht.
Nachdem Lars ihr noch ein Geburtstagsliedchen gesungen hatte, umarmte sie ihn, voller Rührung und bedankte sich. „Vielen herzlichen Dank, das ist traumhaft, wenigstens einer hier, der es versteht, mir eine Freude zu bereiten!“, schluchzte Tatjana.
„Na, war das deine Mutter am Telefon?“, wollte sich Lars vergewissern und wurde zornig, als er hörte, wie sie wieder mit Tatjana umgegangen war. Sie schaffte es immer wieder, ihre Tochter zu verletzen, indem sie sie nicht wirklich wahrnahm. „Reg dich nicht auf, diese Frau wirst du nie ändern!“, versuchte Lars, seine Tatjana zu beruhigen und umarmte sie liebevoll. Er legte die Lieblings-CD von Morten ein und sie tanzten eng umschlungen durch ihr Schlafzimmer. Lars fing an, Tatjana sanft am Hals mit seiner Zunge zu liebkosen, denn darauf fuhr sie als Vampirliebhaberin total ab, dann streifte er ihr weißes Seidenhemdchen über ihre Brüste und … Tatjana wurde auf einmal ganz heiß.
„Das war das schönste Geschenk heute, etwas Besseres kann gar nicht mehr kommen, mein Liebster!“, lächelte Tatjana später entspannt.
„Was magst du heute eigentlich noch anstellen?“, fragte Lars neugierig.
„Nichts!“, erwiderte Tatjana entschlossen. Aber sie wusste auch, dass sie keine Chance hatte, nichts zu tun, denn ihr Bruder und ihre Mutter wollten ja auf jeden Fall vorbeikommen, obwohl Tatjana liebend gern darauf verzichtet hätte. Also beschloss sie, ein paar Bleche Pizza zu backen und eine italienische Vorspeisenplatte zu zaubern. Lars kam in die Küche, um ihr zu helfen, das machte er oft, er liebte es zu kochen, besonders nach gutem Sex war er sehr kreativ. Tatjana war froh, dass ihr Mann im Haushalt alles selbst erledigen konnte und nicht so ein Pascha war wie viele Männer. Manchmal war sie fast schon ein bisschen neidisch auf ihn, weil er alles so perfekt hinbekam – im Gegensatz zu ihr, sie hinterließ eigentlich überall Chaos!
Gegen 17 Uhr klingelte es, Tatjanas Mutter stand mit einem bunten Blumenstrauß und einem Päckchen vor der Haustür. „Hallo ihr beiden, was riecht denn hier so gefährlich lecker? Also, ich werde nichts essen, bin gerade auf Diät … würde dir auch ganz guttun, oder?“
Tatjanas Mutter hatte die furchtbare Angewohnheit, wie ein Elefant im Porzellanladen überall herumzustampfen, sie nahm keine Rücksicht auf irgendetwas oder irgendwen. Außerdem hatte gerade sie es nötig, über Tatjanas Figur Kommentare abzugeben! Sie selbst war eher ein wenig pummelig und kämpfte schon immer mit ihrem Gewicht. „Also, hier dein Geschenk, gratuliert habe ich dir ja schon heute Morgen am Telefon!“
