Mr. Hicks feiert Weihnachten - Kate Roseland - E-Book

Mr. Hicks feiert Weihnachten E-Book

Kate Roseland

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mortimer Hicks, 72 und seit Jahren verwitwet, legt Wert auf Ruhe, Ordnung und Sparsamkeit. Doch kurz vor Weihnachten gerät seine perfekt organisierte Welt aus den Fugen: Seine Nachbarin schiebt ihm ihren kleinen Sohn in die Tür, mit der Bitte, auf ihn aufzupassen. Dabei verabscheut Mortimer nichts mehr als Kinder, weil sie jedes seiner drei Prinzipien verletzen: Ruhe, Ordnung, Sparsamkeit. Und dann platzt auch noch Gwendolyn in sein Leben, eine resolute und ziemlich propere Museumswärterin. Unmöglich, wie forsch sie ihn immer zurechtweist! Trotzdem will sie Mortimer nicht aus dem Kopf gehen. Ohnehin ist ihm in letzter Zeit oft so anders, er leidet unter Schwächeanfällen und seltsamen Visionen. Wird er langsam senil? Oder ist das etwa...Liebe? In seinem Alter?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kate Roseland

Mr. Hicks feiert Weihnachten

 

 

 

Über dieses Buch

Für das Fest der Liebe ist man nie zu alt.

 

Mortimer Hicks, 70 Jahre alt und verwitwet, legt Wert auf Ruhe, Ordnung und Sparsamkeit. Der pensionierte Buchhalter lebt allein in seinem kleinen Reihenhaus im Londoner East End und geht anderen Menschen seit Jahren erfolgreich aus dem Weg.

Doch kurz vor Weihnachten gerät seine perfekt organisierte Welt aus den Fugen. Erst sitzt eine schmutzige Katze auf der Türschwelle, dann nötigt ihn die Nachbarin, auf ihren kleinen Sohn aufzupassen – und schließlich platzt auch noch Gwendoline in sein Leben, eine ziemlich propere Museumswärterin mit einer Vorliebe für kreischbunte Blusen. Irgendwie will sie Mortimer nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ohnehin ist ihm in letzter Zeit so anders, er leidet unter Schwächeanfällen und seltsamen Visionen.

Wird er langsam senil?

Oder ist das etwa … Liebe? In seinem Alter?

Vita

Kate Roseland, geboren 1966, hat sich während ihres Studiums in London unsterblich in die Stadt und ihre Geschichte verliebt. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie, einem Kater und einer Katze in Hamburg, reist aber regelmäßig über den Kanal, um Freunde zu treffen und die unvergleichliche Londoner Atmosphäre zu erleben.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2019

Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung Hafen Werbeagentur, Hamburg

Coverabbildung Olga Nefedova, Purple-Bird/iStock; textures.com

ISBN 978-3-644-00736-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

www.rowohlt.de

Familie sind nicht nur die, deren Blut durch unsere Adern fließt, sondern auch jene, für die wir unser Blut vergießen würden.

Charles Dickens

Vier Wochen bis Weihnachten

Ein Scheppern riss Mortimer Hicks aus dem Schlaf. Offenbar machte sich jemand am Briefschlitz zu schaffen.

«Wer ist da?», rief er mit belegter Stimme und räusperte sich.

«Ich bin’s, Mr. Hicks. Fred. Ich schiebe Ihnen nur schnell ein paar Briefe rein. Schönen Tag noch!», rief es durch den Briefschlitz.

Mortimer gähnte, dann erschrak er und setzte sich mit einem Ruck auf. Wenn Fred Bingham, der junge Postbote, die Post brachte, musste es weit nach sieben Uhr morgens sein, und das bedeutete, dass er verschlafen hatte. Verschlafen!

Mortimer schaute erst aus dem Fenster, an dem dicke Regentropfen herabrannen, dann auf die Uhr, die bereits halb zehn zeigte. Er schüttelte den Kopf. Wie hatte das nur passieren können! Jeden Abend stellte er seinen Wecker auf sieben Uhr, jeden Tag stand er um Punkt fünf nach sieben Uhr auf. Der alte Aufziehwecker mit den beiden Kupferschellen, die ihn aussehen ließen wie eine Mickymaus, hatte bisher immer funktioniert, immer. Und er hatte auch noch niemals so lange geschlafen, selbst in seiner Jugend nicht.

Wenn er seinen Tagesplan heute noch einhalten wollte, musste er sich sputen. Er schlüpfte in seine Cordpantoffeln, schlurfte ins Erdgeschoss, setzte den Kessel auf den Gasherd und brühte zwei Tassen Tee auf. Dann holte er die Zeitung von den Stufen vor seinem Reihenhäuschen, setzte sich an den Küchentisch, goss ein wenig Milch in die eine Teetasse, die er vor sich stellte, tat ein Stück Zucker in die andere, die er auf die gegenüberliegende Seite des Tisches schob, und begann zu lesen.

«Ist das zu glauben, Marge?», fragte er die dampfende Tasse auf der anderen Seite des Tisches. «Die wollen schon wieder am Gesundheitssystem sparen. Bald muss man sich noch offiziell bewerben, mit Passbild und Lebenslauf, wenn man einen Termin beim Arzt will.» Er schnaubte empört. «Hätten die sich nicht vorher überlegen können, was sie da tun? Stell dir vor, wir hätten uns damals so aufgeführt. Dann hätten wir es wohl kaum so weit gebracht.» Er machte eine ausladende Geste, die die Küche und das Wohnzimmer einschloss. «Heutzutage denkt einfach keiner mehr nach, bevor er handelt, nicht wahr, meine Marge?»

Die Tasse schwieg geflissentlich.

Wenn man Mortimer Hicks eins nicht vorwerfen konnte, dann, dass er jemals unüberlegt gehandelt hätte. Er hatte nicht umsonst fünfundvierzig Jahre lang in einer Versicherungsanstalt Risiken berechnet. Er wusste, was passieren konnte, wenn die Dinge nicht sorgfältig erledigt wurden. Blumentöpfe, die beim ersten Windstoß auf den Schädel eines Passanten krachten. Angeschaltete Herdplatten, die ganze Häuser abbrennen ließen. Ungenügend verriegelte Haustüren, die Einbrecher praktisch einluden.

Als man ihm kurz vor Vollendung seines dreiundsechzigsten Lebensjahrs ans Herz gelegt hatte, doch schon früher in Rente zu gehen, und ihm sogar eine ansehnliche Summe als Abfindung angeboten hatte, hatte Mortimer zwei Wochen gebraucht, um zu begreifen, dass das großzügige Angebot im Grunde ein Befehl zum Abtreten gewesen war. Er hatte Platz machen sollen für Jüngere. Für Unerfahrene! Damals hatte sich seine Margaret schon nicht mehr so gut gefühlt, also hatte er den Auflösungsvertrag schließlich zähneknirschend unterschrieben.

Keinen Augenblick zu spät, wie er nur vier Tage danach hatte feststellen müssen, als Margaret in der Küche zusammenbrach, Blut spuckte und ins Krankenhaus gebracht wurde. Sie kam nie wieder zurück und starb drei Monate später. Seither waren seine Tage leer. Zu Anfang hatte diese Leere körperlich weh getan. Bis er begonnen hatte, seine Zeit in genau festgelegte Abschnitte einzuteilen, in Häppchen, die sich besser verdauen ließen als erstickende Tage, bedrohliche Wochen und dunkle Monate.

Mortimer trank auch Margarets Tasse aus – er hasste Zucker im Tee, aber Verschwendung war ihm mindestens ebenso zuwider –, ging hinauf ins Bad, wusch sich, rasierte sich, kämmte die immer noch recht vollen weißen Haare ordentlich aus dem hageren Gesicht, putzte sich die Zähne und zog sich an. Heute musste er einen Anzug und zwei Hemden in die Reinigung bringen und einige Hemden wieder abholen. Das machte eine Stunde, wenn er länger anstehen musste – der alte Mr. Kozlowski plauderte mit jedem seiner Stammkunden, das dauerte. Danach würde er bei Sainsbury’s einkaufen. Mortimer ging nicht gern in Supermärkte, aber den Gemischtwarenladen von Mr. Hayes gab es schon seit zehn Jahren nicht mehr, und mit dem Bus wollte er nicht fahren. Das machte eine Dreiviertelstunde, wenn er die Äpfel genau prüfte und sich an der Aufschnitttheke ausführlich beraten ließ. Um ein Uhr musste er sich zu Hause um das Mittagessen kümmern. Eine halbe Stunde. Essen: eine Viertelstunde. Abwaschen: fünf Minuten, großzügig gerechnet. Er benutzte ja nur den Topf, einen Teller und Besteck. Dann würde er das obere Stockwerk saugen und Staub wischen. Eine Stunde. Ein Nickerchen halten: eine Dreiviertelstunde. Und dann wäre es auch schon Zeit für seinen Nachmittagsspaziergang.

Er zog sich den Trenchcoat an, setzte den Hut auf und legte sich den in eine Plastikhülle verpackten Anzug und die Hemden über den Arm. Er öffnete die Haustür, sah sich noch um, um sicherzugehen, dass er den Herd ausgemacht hatte, als er mit der Fußspitze gegen etwas Weiches stieß. «Was zum …!», murmelte er überrascht, bis er begriff, dass das Weiche auf seiner Fußmatte mit der keinesfalls ernst gemeinten Aufschrift «Willkommen» eine magere und zerzauste orangefarbene Katze war. Sofort zog er den Fuß zurück. Wer wusste schon, woher die kam, sie sah jedenfalls ganz schön schmutzig und verlottert aus. Am Ende holte er sich noch irgendwelche Krankheiten.

Er bückte sich und wedelte mit der Hand vor der kleinen Schnauze herum, um das nasse Fellknäuel zu verscheuchen. Das Knäuel schaute ihn vorwurfsvoll an und maunzte, ohne sich zu rühren.

«Guten Mooorgen, Mr. Hicks. Na, Sie haben sich heute aber Zeit gelassen», bemerkte seine Nachbarin Ethel Bingham. Sie neigte dazu, zuverlässig immer dann aufzutauchen, wenn er seine Nase aus der Tür streckte. «Dieses Vieh hockt übrigens schon seit gestern Abend vor Ihrer Haustür.» Sie deutete mit ihrem dicklichen, goldberingten Finger auf die Katze. Heute trug sie einen fliederfarbenen Morgenmantel mit etwas Flauschigem an den Ärmeln – Federn? –, obwohl es in Strömen regnete. Aber was hatte sie nur mit ihren Haaren angestellt? Unter einer transparenten Plastikhaube, die ein Band unter dem Kinn an Ort und Stelle hielt, schauten steife Locken exakt im Farbton des monströsen Morgenmantels hervor.

«Guten Morgen, Mrs. Bingham. Wie geht es Ihnen? Das Wetter ist ja heute wirklich grauenhaft.» Mortimer fand, dass man zwar immer höflich bleiben, den Kontakt zu dieser krankhaft neugierigen Person aber auf keinen Fall vertiefen durfte. Er hockte sich neben das klatschnasse Tierchen vor seinen Füßen und streckte den behandschuhten Finger aus, um es vorsichtig anzustupsen. Es zitterte und wich vor seinem Finger zurück. Mortimer richtete sich mit knackenden Knien auf, legte die Kleidung für die Reinigung über das Geländer, betrachtete die Katze und überlegte.

«Wollen Sie das Vieh etwa auch noch füttern?», fragte Ethel Bingham jetzt mit deutlich schrillerer Stimme und strich sich eine nasse lila Locke aus der Stirn. «Sie wissen schon, dass Sie es dann nie wieder loswerden. Und die Viecher fressen die armen Vögelchen!»

«Du meine Güte, Mrs. Bingham, das war mir tatsächlich vollkommen unbekannt», erwiderte er gespielt erstaunt. «Aber Mäuse auch, nehme ich an? Und die will ja wohl niemand in seinem Haus haben.»

Seit Margarets Tod hatte Ethel Bingham es auf ihn abgesehen. In den ersten Wochen nach der Beerdigung hatte sie jeden Tag Kuchen gebracht, der sicher gut gewesen war, aber er hatte damals keinen Bissen herunterbekommen. Dann hatte sie es mit Einladungen zum Tee versucht. Schließlich musste er sie wohl irgendwie beleidigt haben, denn nach ein paar Monaten war sie nachgerade unfreundlich geworden und verfolgte ihn seitdem mit ihrer Neugier und ihrem Geschwätz. Es hatte keinen Zweck, jetzt zur Reinigung aufzubrechen. Er würde es nicht einmal bis durchs Gartentor schaffen, Mrs. Bingham würde ihn nicht aus ihren Fängen lassen.

Unter dem Vorwand, etwas vergessen zu haben, drehte Mortimer sich um, wünschte Mrs. Bingham einen schönen Tag und ging zurück ins Haus. Als er gerade die Tür schließen wollte, schlüpfte die Katze mit aufgerichtetem Schwanz durch den Spalt, als wäre das ihr gutes Recht.

«Du liebe Güte, so haben wir aber nicht gewettet», sagte Mortimer. Das pitschnasse Tier schnurrte. Er sah es ratlos an. «Ach, was soll’s.» Immerhin ärgerte sich die schreckliche Bingham jetzt. Mortimer ging in die Küche, wo er in der Vorratskammer eine vermutlich längst abgelaufene Dose mit Thunfisch fand und sie auf ein Tellerchen leerte, das er auf den schwarz-weiß gefliesten Boden der Küche stellte. Er schaute zu, wie sich das magere Kätzchen mit sichtlichem Behagen über den Fisch hermachte und leise schmatzte. Als es alles verputzt hatte, strich es um Mortimers Beine herum, schnurrte und spazierte dann wie selbstverständlich ins Wohnzimmer, wo es vor dem Sofa zum Sprung ansetzte und es sich auf Mortimers Lieblingskissen gemütlich machte. «Verzeihung, Katze, aber so geht das nicht!», rief Mortimer, der zuerst vorsorglich nachschaute, ob sie Spuren auf seinen Wollhosen hinterlassen hatte. «Du kannst hier nicht bleiben. Dies hier ist kein Haus für Tiere.» Die Katze schaute ihn mit ihren gelben Augen an, schloss sie dann, rollte sich zusammen und schlief ein.

Mortimer warf einen Blick auf die Uhr. Er lag jetzt bereits zweieinhalb Stunden in seinem Tagesplan zurück. Katze hin oder her – er musste sich beeilen.

Mortimer öffnete die Haustür einen Spalt und spähte vorsichtig über das kahle Mäuerchen zum Nachbarhaus zu seiner Rechten herüber, ob Ethel Bingham dahinter lauerte. Als er den Eindruck hatte, die Luft wäre rein, huschte er mit den Hemden und dem Anzug über dem Arm die beiden Stufen herunter, den kleinen gepflasterten Weg entlang zum Gartentor und trat auf den schmalen Bürgersteig. Er wandte sich nach links, um der fliederfarbenen Plage auf jeden Fall zu entgehen, und ging an dem rostigen Gartenzaun des Nachbarhauses vorbei. Jahrelang hatte es leer gestanden, bis kurz vor Margarets Tod eine Gruppe Hippies dort eingezogen war – zumindest hatte er die bunt gekleideten, langhaarigen Studenten, die dort eine WG aufgemacht hatten, immer so genannt. Waren Hippies nicht bekannt für ihre Unordnung und ihren Krach? Beides lieferten diese Menschen im Überfluss. Nachts dröhnten wummernde Bässe durch die dünnen Wände, und der kleine Vorgarten war völlig von Gestrüpp überwuchert. Selbst eine so sanftmütige Frau wie Marge, die durchaus Sympathien für die jungen Leute aufbrachte, hatte einmal gesagt, es sei eine Schande, ein so wunderbares Haus derart verfallen zu lassen.

Aber vor einem halben Jahr war die bunte Studententruppe wieder ausgezogen, hatte zwei fleckige alte Sessel auf den Bürgersteig gestellt, aus deren Polstern die Sprungfedern ragten («Zum Mitnehmen»), und war verschwunden. Seitdem wohnte eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen in dem Haus. Sie hatte einmal bei ihm geklingelt, sich als seine neue Nachbarin vorgestellt und ihm ein Glas Marmelade in die Hand gedrückt, die merkwürdig geschmeckt hatte, irgendwie … verbrannt. Wie hieß sie noch? Josie? Jordy? Die jungen Dinger heutzutage hatten ja alle sonderbare Namen.

Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf ein leuchtend rot-gelbes Kinderfahrrad, das auf den grauen Stufen zum Eingang lag.

Margaret hatte lange sehr darunter gelitten, dass sie keine Kinder haben konnten. Sie hatte sich allerlei unangenehmen Prozeduren bei verschiedenen Ärzten unterzogen, aber es hatte nie klappen wollen. Er selbst hatte sich zwar nicht gegen Kinder gesperrt, aber sie machten doch recht viel Lärm und Schmutz, wie jedermann wusste, und er fand ihr Leben zu zweit sehr angenehm. Immerhin hatten sie es in den achtziger Jahren geschafft, sich von seinem nicht eben üppigen Gehalt dieses schmale Backsteinhäuschen zu leisten, mit Küche und Wohnzimmer im Erdgeschoss und zwei kleinen Zimmerchen darüber. Damals hatte die winzige Straße im Stadtteil Spitalfields zu den schlechten Gegenden Londons gehört. Die Kriminalitätsrate war hoch, nachts wagte sich Margaret nicht allein hinaus, aber der Kaufpreis war erschwinglich, und die Nachbarschaft im Grunde bodenständig, solide und erträglich – alles Arbeiter oder kleine Angestellte wie er. Dann hatten die Leute ihre Immobilien Firmen und Maklern überlassen, die die Gebäude saniert und die Preise in unermessliche Höhen getrieben hatten. Jetzt poppten statt der traditionellen Pubs überall Cafés auf, die abstruse Kaffeespezialitäten anboten, und Restaurants mit exotischen Gerichten auf der Speisekarte, von deren Namen allein man schon Verdauungsstörungen bekam. Als wäre ein anständiger Brite nicht auch mit Tee und Baked Beans auf Toast zufrieden. Am schlimmsten war, dass diese Lokale im Sommer ihre Tische und Stühle auf die schmalen Bürgersteige stellten und man kaum an ihnen vorbeigehen konnte. Jetzt im Winter hatte man zum Glück freie Bahn.

Mortimer bog in die Wentworth Street ein, in der Kozlowskis Reinigung lag, und roch schon von weitem den speziellen Duft von Chemie und nasser Wäsche. Leider standen schon zwei Kunden vor der Tür und warteten draußen; Kozlowskis Reinigung war winzig und hatte immer nur Platz für höchstens drei Kunden, die ihre Wäsche abgeben oder abholen wollten. Der Rest musste wohl oder übel auf dem Bürgersteig warten. Mortimer schaute auf die Uhr. Es bestand kaum noch eine Chance, seinen Tagesplan zu retten. Es war zwar nicht so, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt pünktlich irgendwo hätte sein müssen, aber es strengte ihn geradezu körperlich an, wenn etwas nicht nach Plan lief.

Er presste ungeduldig die Lippen zusammen und stellte sich hinter eine Frau, die einen ganzen Sack mit Wäsche bei sich hatte, und einen jungen Mann, der ebenfalls seine Anzüge reinigen lassen wollte. Die Schlange bewegte sich nur sehr zäh voran; der alte Kozlowski war nicht mehr der Schnellste und liebte seine Schwätzchen. Nachdem die Frau vor ihm eine gefühlte Dreiviertelstunde lang erklärt hatte, wie die Wäsche für ihren Arbeitgeber, offenbar einen reichen Banker, gereinigt und gebügelt werden musste, stand Mortimer endlich vor dem Besitzer der Reinigung.

«Oh, Mr. Hicks, Sie sind heute aber spät dran», brummte Kozlowski unter seinem Seelöwenbart. Sein polnischer Akzent mit dem rollenden R war noch immer deutlich herauszuhören. Als er sah, dass Mortimer erstarrte, grinste er breit und entblößte eine Reihe grauer Zähne. «Aber macht doch nichts. Wäsche kann nicht weglaufen. Sie wollen abgeben und abholen.» Er nahm Mortimer den Anzug, die Hemden und den orangefarbenen Schnipsel mit der Abholnummer ab, drückte auf einen Knopf und ließ minutenlang die sauberen und gebügelten Hemden an ihrem Laufband vorbeirauschen. «Nummer nicht dabei», sagte er schließlich und kratzte sich am Kopf. «Ich schaue, ob Elvira Hemden vielleicht schon eingepackt.» Kurz darauf kam der breite Mann mit einem in Seidenpapier eingeschlagenen Paket zurück, auf dem in roter Schrift Kozlowski’s Dry Cleaners stand. «Na, sehen Sie. Wäsche nicht weggelaufen. Hat es Elvira gut mit Ihnen gemeint und Hemden schön eingepackt, Mr. Hicks», strahlte er.

Mortimer bezahlte, nahm das Päckchen und verließ den Laden. Er war froh, kurz danach in den Sainsbury’s in der Parallelstraße treten zu können, weil das dünne Papier des Päckchens schon nach wenigen Schritten ganz durchweicht war. Er hätte doch einen Regenschirm mitnehmen sollen.

Im Supermarkt wählte er eilig ein Stück Cheddar, extra würzig, einige englische Würstchen für das Sonntagsfrühstück, die im Sonderangebot waren, Eier, Toastbrot und eine Flasche Lager, ebenfalls für das Wochenende. Mortimer trank niemals Alkohol, außer am Samstagabend. Das hatte er sich mit Margaret so angewöhnt, um das Wochenende zu feiern. Sie waren nach einigen Jahren Ehe nicht mehr oft ausgegangen, eigentlich auch vorher nicht; sie waren sich immer selbst genug gewesen, jedenfalls hatte er das geglaubt. Margaret war phasenweise unruhig geworden, dann hatte sie von Kino- oder Theatervorführungen, von Abendessen mit den Nachbarn oder von Ausflügen ins Umland geredet, aber er hatte es immer geschafft, derlei Pläne im Keim zu ersticken. Er hielt sich durchaus für einen umgänglichen Mann, aber er mochte andere Menschen nun mal nicht sonderlich, und am besten ging es ihm in den eigenen vier Wänden. Später hatte Margaret es aufgegeben.

Jetzt hastete er durch den Regen nach Hause, sperrte die Tür auf – und erschrak zu Tode. Etwas Weiches, Orangefarbenes berührte seine Beine. Er zuckte zurück und hätte beinahe zum zweiten Mal an diesem Tag geflucht. Die kleine Katze hatte er ja ganz vergessen! Er legte seine Einkäufe und das Paket von der Reinigung auf den Esstisch in der Küche und wagte kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen, aus Angst, die Katze könnte fauchen, beißen oder ihn kratzen, weil er versehentlich auf sie trat. Er hätte sie niemals hereinlassen dürfen.

Als er seine Lebensmittel in die Kammer und den Kühlschrank räumte, fing die Katze an zu miauen. Hatte sie etwa schon wieder Hunger? Thunfisch war nicht mehr im Haus. Er überlegte gerade, ob er ihr ein Schüsselchen Milch vorsetzen sollte, als er das unverkennbare Geräusch reißenden Papiers hinter seinem Rücken hörte.