Mr Undateable - Laurelin McGee - E-Book

Mr Undateable E-Book

Laurelin McGee

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Match me if you can

Blake Donovan ist reich, erfolgreich und unverschämt sexy. Weshalb er eine Matchmakerin engagieren will, um eine Frau zu finden, ist Andrea Dawson ein Rätsel. Doch da sie unbedingt Geld braucht, nimmt sie den Job an. Schon bald verzweifelt sie jedoch an ihrer Aufgabe, denn alle Verabredungen enden in einer Katastrophe - der attraktive CEO scheint absolut undateable zu sein. Aber je besser sie ihren charismatischen Auftraggeber kennenlernt, desto weniger stören sie seine Fehltritte. Denn jedes verpatzte Date bedeutet, dass sie Blake wiedersehen wird.

"Die Chemie zwischen Andy und Blake ist unglaublich prickelnd!" Goodreads

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmung123456789101112131415161718192021DanksagungDie AutorenImpressum

LAURELIN McGEE

Mr Undateable

Roman

Ins Deutsche übertragen von Birgit Herden

Zu diesem Buch

Blake Donovan ist reich, erfolgreich und unglaublich sexy. Er hat kein Problem damit Frauen kennenzulernen, doch unverbindliche Affären sind ihm nicht länger genug – er ist auf der Suche nach »Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage«. Effizient wie er ist, engagiert er eine Matchmakerin. Andrea Dawson scheint die richtige für den Job zu sein, denn als Einzige unter all den Bewerberinnen hat sie es nicht darauf abgesehen, sich selbst als potenzielle Ehefrau ins Spiel zu bringen. Dieses Desinteresse – und ihr unglaubliches Talent, Menschen lesen zu können – verschafft ihr den Auftrag. Was Andy anfangs als merkwürdige, aber machbare Aufgabe erscheint, lässt sie schon bald verzweifeln: Jedes Date, das sie für Blake organisiert, endet in einem Desaster: zu arrogant, zu kontrollierend, zu wenig interessiert an seinen Begleiterinnen, zu unromantisch – der attraktive CEO scheint absolut undateable zu sein. Doch vielleicht hat Blake einfach schon gefunden, wonach er sucht? Denn obwohl Andy mit ihrer selbstbewussten Art und ihrem schlagfertigen Mundwerk alles verkörpert, was Blake bei seiner zukünftigen Frau auf keinen Fall möchte, stellt er plötzlich fest, dass er sich mehr auf die Treffen mit seiner Matchmakerin freut als auf die Abende mit den ausgesuchten Heiratskandidatinnen…

Für Lisa, die alles angezettelt hat

1

Private Assistenz, ab sofort (Bostoner Gegend)

Ich bin ein erfolgreicher Unternehmer und habe die Absicht zu heiraten. Da mir mein Beruf keine Zeit lässt und ich für die Suche nach einer passenden Ehefrau wenig Interesse oder Begeisterung aufzubringen vermag, möchte ich die Angelegenheit outsourcen und für das gesamte Procedere ab sofort eine Assistentin engagieren.

Die ideale Kandidatin – es kommen ausschließlich Frauen infrage – sollte durchsetzungsfähig sein, über exzellente Computerkenntnisse verfügen und ein Talent dafür haben, andere Menschen einzuschätzen.

Ihre Aufgaben:

Mich kennenlernen: Etwa eine Woche verbringen Sie in meiner Gesellschaft, um sich mit meinen Interessen und Vorlieben vertraut zu machen. Sie entwickeln eine genaue Vorstellung von dem Typ Frau, in den ich mich zu verlieben gedenke.Sämtliche Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Suche – online, persönlich, in sozialen Medien, Netzwerken usw.Zu potenziellen Kandidatinnen besorgen Sie mir aussagekräftige Fotos und arrangieren gegebenenfalls Verabredungen.

Ich bin attraktiv und vermögend, und es bereitet mir keinerlei Schwierigkeiten, interessierte Frauen kennenzulernen. Die Herausforderung besteht darin, Frauen zu finden, die mich über die körperliche Anziehung hinaus fesseln können.

Die Arbeit kann zu weiten Teilen von zu Hause aus erledigt werden. Ich würde es allerdings vorziehen, wenn Sie mehrere Stunden pro Woche in meiner Gesellschaft verbrächten, um ein sicheres Gespür dafür zu bekommen, was ich mir von einer romantischen Beziehung verspreche. Sowohl in meinem Haus als auch im Büro wird Ihnen daher ein persönlicher Arbeitsbereich zur Verfügung stehen.

Das Anfangsgehalt richtet sich nach der relevanten Berufserfahrung. Zusätzliche Boni werden sowohl von der Qualität der Frauen abhängen, die mir für Verabredungen präsentiert werden, als auch davon, wie weit die Beziehung(en) voranschreiten – sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler Ebene. Spezielle Zahlungsmodalitäten können im Laufe des Bewerbungsgesprächs verhandelt werden.

Ausschließlich ernstgemeinte Zuschriften.

Andrea Dawson musste die Anzeige dreimal lesen, bis sie begriffen hatte, was Lacy ihr da vorschlug. »Nie im Leben!«

Lacy setzte ihren besten Hundewelpenblick auf – der, mit dem sie sich immer um Strafzettel herummogelte. »Ach komm schon, das ist doch total dein Ding.«

»Nein, ist es nicht!« Um Himmels willen, das will ich doch nicht hoffen … »Unter welcher Rubrik steht das überhaupt?« Andy suchte oben auf der Seite nach einer Überschrift. »Marketing? Das soll wohl ein Scherz sein. Da halte ich mich doch lieber an Verwaltungsjobs.«

»Na klar, damit bist du ja bis jetzt auch so gut gefahren.« Lacys Stimme hatte einen sarkastischen Unterton.

Andy unterdrückte einen Seufzer. Zugegeben, ihre Jobsuche war bislang erfolglos gewesen, aber so weit, sich als Kupplerin zu verdingen, war sie noch lange nicht. Hätte sie doch nur ihren Abschluss gemacht, dann wäre alles viel einfacher. Oder wenn sie es irgendwie geschafft hätte, bei ihrem letzten Job Referenzen zu bekommen.

Aber das war Schnee von gestern. Sie musste nach vorne blicken. »Ich finde schon noch was, irgendwann.« Hoffentlich. Sie schob das iPad von sich weg. »Aber darum bewerbe ich mich nicht. Trotzdem, danke.«

»Warum denn nicht?«

Sie sah auf. Lacys Unterkiefer hatte sich unmerklich nach vorne geschoben. O-oh. Diesen entschlossenen Gesichtsausdruck kannte sie bei ihrer jüngeren Schwester nur zu gut.

Aber auch Andy konnte ein Dickkopf sein. »Weil dieses ganze Gerede von privater Assistenz nur eine verschwurbelte Umschreibung für Zuhälterin ist – das ist dir doch klar, oder? Ich bin zwar gerade echt am Boden, aber ich habe doch wohl mehr drauf.«

»Klar hast du das.« Lacy richtete sich in ihrem Lehnstuhl auf. »Aber du brauchst einen Job.«

»Ich arbeite doch dran.« Energisch strich sie sich das kastanienbraune Haar aus dem Nacken. Es war schon schlimm genug, dass sie auf Kosten ihrer kleinen Schwester lebte. Diese Predigt brauchte sie nicht auch noch.

»Nein, ich meine wirklich, ganz dringend.«

Lacys ernster Tonfall ließ Andy aufmerken. Verdammt. Der Blick ihrer Schwester war nicht nur entschlossen – er war verzweifelt.

Lacy holte tief Luft. »Sie haben mir die Stunden im Studio gekürzt.«

Andys Magen zog sich zusammen. »Oh nein, Lacy! Wann denn?« Als Sängerin und Songschreiberin, die noch am Anfang ihrer Karriere stand, hatte Lacy sich glücklich schätzen können, einen Job im Aufnahmestudio bekommen zu haben, der ihr zwischen den Gigs ein verlässliches Einkommen bescherte.

»Es kommt einfach nicht genug Arbeit rein. Vor zwei Wochen hat Darrin mir Stunden gestrichen.«

Vor zwei Wochen? Und kein Wort bisher? »Warum hast du nichts gesagt?«

»Keine Ahnung.« Lacy hielt den Blick auf ihre Hände gerichtet. Sie hatte noch nie gerne über ihre Gefühle gesprochen, wie Andy wusste. Sie konnte höchstens darüber singen. »Du warst so schlecht drauf, da wollte ich es nicht noch schlimmer machen.«

»Soll das ein Witz sein? Du bist der einzige Grund, weswegen ich mich noch nicht vor einen Bus geschmissen habe.« Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, bereute Andy ihn auch schon. Ihrer Schwester gegenüber, deren Freund sich erst vor einem Jahr mit einer Handvoll Pillen das Leben genommen hatte, war das ein geschmackloser Scherz. Aber die Worte waren heraus.

»Sag so was nicht.« Die Reaktion war gnädiger, als Andy es verdient hatte.

»Entschuldige, ich führe mich auf wie eine Drama-Queen. Aber ernsthaft, Lacy, in dieser ganzen Zeit warst du mein einziger Halt, und ich fühle mich total mies, weil du diejenige bist, die sich um mich sorgt, wo ich mich doch eigentlich um dich kümmern sollte.«

Als Andy plötzlich mittel- und obdachlos dagestanden hatte, hatte sie das gegenüber ihrer Schwester zunächst gar nicht zugeben wollen. Doch sie hatte kaum eine Wahl gehabt, und außerdem war ihr klargeworden, dass sie Lacy vielleicht helfen konnte, mit Lance’ Tod fertigzuwerden, wenn sie bei ihr einzog. Nicht, dass sie eine echte Hilfe gewesen war. Aber immerhin war sie da gewesen. Das war besser als nichts.

»Um mich muss sich niemand kümmern.« Die so auf Unabhängigkeit bedachte Lacy behauptete hartnäckig, dass es ihr gut ging, und schien zu denken, die Leute würden ihr das abkaufen. Vielleicht glaubten ihr die meisten Menschen sogar. Andy nicht.

Doch wenn ihre Schwester darauf bestand, würde sie nicht widersprechen. »Mir ist schon klar, dass du niemanden brauchst. Aber eigentlich sollte ich die Ältere, Verantwortungsbewusstere sein, die ihr Leben auf die Reihe kriegt, und du die unangepasste Musikerin. Und jetzt fresse ich dir schon seit acht Monaten die Haare vom Kopf.«

»Neun«, korrigierte Lacy sie. »Aber ist ja auch egal.«

Langsam begann Andy, den Ernst der Lage zu begreifen. Was für ein Schlamassel. Wenn Lacys Arbeitszeit gekürzt worden war, musste sie wirklich unbedingt einen Job finden, besser gestern als heute. Sie machte ein reumütiges Gesicht. »Mein Gott, ich bin eine schreckliche Schwester.«

Lacy boxte sie gegen die Schulter, ein bisschen zu fest, als dass es noch als spielerischer Knuff hätte durchgehen können. »Hör schon auf! Genau deswegen habe ich dir nichts gesagt. Ich wusste, dass du das zum Anlass nehmen würdest, dir Asche aufs Haupt zu streuen. Das kann ich nicht gebrauchen.«

Wow, der Rollentausch zwischen älterer und jüngerer Schwester war umfassender, als Andy bewusst gewesen war. Sie begann, mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln, um sich irgendwie abzureagieren, während sie angestrengt nachdachte. Alle ihre Ersparnisse waren aufgebraucht. Sie hatte sie in dem sinnlosen Versuch verbraten, ihren früheren Arbeitgeber zu verklagen. »Vielleicht kann ich etwas von meiner Altersvorsorge abzweigen …«

»Kommt nicht infrage! Schließlich musst du für mich sorgen, wenn wir mal in Rente sind. Sofern ich nicht groß rauskomme, wonach es ja zurzeit nicht aussieht. Wenn wir alt sind, werden wir dein Geld bitter nötig haben.«

Unter normalen Umständen hätte es Andy ihrer Schwester übel genommen, dass sie ganz selbstverständlich davon ausging, in ihrer beider Zukunft würden keine Männer vorkommen. Dass Lace glaubte, nie wieder jemanden lieben zu können, war ja verständlich, aber was war mit Andy? Nur weil sie kein Date mehr gehabt hatte, seit …

Okay, das war jetzt zu deprimierend. Das letzte Date war schon so lange her, dass sie sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte. Zusammen mit ihrer finanziellen Misere ergab das einen wirklich trüben Morgen.

Den Gedanken an ihr einsames Bett schob sie vorerst beiseite und konzentrierte sich stattdessen auf das akute Problem. »Also, wie schlimm sieht es aus?«

Lacys Gesicht verdüsterte sich. »Schlimm. Ich dachte, ich könnte es mit ein paar zusätzlichen Gigs ausgleichen, aber ich hab einfach nichts bekommen, bei dem genug rausspringt. Im Moment reicht das Geld kaum für die Miete, und bald brauche ich eine neue Monatskarte für die U-Bahn. Und ist dir schon mal aufgefallen, dass in unserem Kühlschrank ziemlich Ebbe herrscht?«

Seit drei Tagen gab es zum Frühstück und Abendessen nur noch trockene Frühstücksflocken. »Jep, hab ich gemerkt.«

»Immerhin hast du das Internet bezahlt, sodass wir wenigstens da für einen Monat Ruhe haben.«

Andy hielt den Blick gesenkt. O-oh. Hatte sie nicht. Die Internetrechnung hätte ihre letzten Ersparnisse aufgezehrt, mit denen sie sich stattdessen einen neuen Hosenanzug für ein Bewerbungsgespräch geleistet hatte. Für einen Job, den sie nicht bekommen hatte. Nicht genügend Erfahrung, keine Referenzen, das Gleiche wie immer. Sie hatte Lacy nicht einmal davon erzählt, damit ihre Schwester sich nicht zu viele Hoffnungen machte.

»Alle anderen monatlichen Rechnungen habe ich schon bezahlt, aber wir haben bald den fünfzehnten, die sind dann also wieder fällig.«

»Oje, Lace, es tut mir leid. Es tut mir so schrecklich leid.« Vielleicht konnte sie mit einer Rundum-Entschuldigung alle ihre Fehler abdecken, auch die nicht bezahlte Internetrechnung.

»Hör auf mit den Entschuldigungen und besorg dir einen Job!«

»Versuche ich doch!« Nur dass sie sich eigentlich nicht wirklich bemühte. Nicht mehr. Am Anfang hatte sie es ernsthaft versucht, aber das Bewerbungsgespräch letzte Woche war das erste nach beinahe einem Monat gewesen. Niemand hatte Bedarf an einer achtundzwanzigjährigen College-Abbrecherin, deren Lebenslauf kaum mehr als ein leeres Blatt Papier hergab. Über den einzigen Job, den sie in den vergangenen acht Jahren gehabt hatte, fand man dort jedenfalls keine Details. Nicht nach diesem Ende. Die Suche erschien ihr zunehmend sinnlos. »Ich habe es versucht«, korrigierte sie sich. »Das hast du doch mitbekommen. Eine Zeitlang hab ich jeden Tag Bewerbungen verschickt. Dass ich bisher kaum zu Bewerbungsgesprächen eingeladen wurde, heißt doch nicht, dass es nie passieren wird.« Hoffentlich hörte Lacy nicht die Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme.

»Ja klar, ich weiß doch, dass du suchst. Aber wenn nun mal niemand zurückruft? Es ist einfach unwahrscheinlich, dass du in allernächster Zeit etwas bekommen wirst. Jedenfalls nicht die Art von Job, die du dir erträumst. Also wird es Zeit, sich nach etwas anderem umzusehen.«

»Na gut. Du hast recht. Ich muss meine Erwartungen zurückschrauben. Aber das hier, das ist einfach zu unterirdisch, Lace. Ich …« Sie griff nach dem iPad, um die Anzeige noch einmal zu lesen. Es gab doch noch andere Möglichkeiten – sie konnte es im Verkauf versuchen oder vielleicht im Gastgewerbe. »Warum gerade dieser Job?«

Lacy hielt einen Finger in die Höhe. »Weil es erstens ein Job ist, bei dem du jetzt anfängst. Und wir brauchen jetzt Geld. Sofern du keine Burger braten willst, scheint mir das die größte Chance zu sein, in zwei Wochen einen Scheck in den Händen zu halten.« Sie hob einen zweiten Finger. »Und zweitens, weil dieser Job einfach wie gemacht für dich ist.«

»Na danke. Schön zu wissen, was du von meinen Fähigkeiten hältst.« Zugegebenermaßen hatte Andy gar keine echten Qualifikationen vorzuweisen. Jedenfalls keine, die sich beziffern oder benennen ließen. Schon allein beim Gedanken an eine Excel-Tabelle brach ihr der Schweiß aus. Ihre Begabung war einzigartig. Ihr früherer Arbeitgeber hatte das erkannt und sie entsprechend eingesetzt. Doch irgendwann war er ihr an die Wäsche gegangen, sie hatte den Job hingeschmissen, und damit hatte das Elend seinen Lauf genommen. Damals war es ihr völlig richtig erschienen, so zu reagieren. Heute, mit nur ein paar Cent in der Tasche, war sie sich nicht mehr so sicher.

»Ich finde, dass deine Fähigkeiten eine echte Seltenheit sind. Nicht viele Leute haben deine Art von Begabung. Das weißt du doch, oder?«

Andy zuckte mit den Schultern.

»Du musst doch erst mal nur irgendeine Arbeit bekommen, und dann ein fantastisches Arbeitszeugnis, um irgendwo anders mit diesen Fähigkeiten glänzen zu können. Das hier ist ein erster Schritt, Andy. Du würdest das super hinkriegen, das weißt du selbst. Du bist doch immer spitze in allem, was mit Menschen zu tun hat. Und dieser« – sie deutete auf das iPad – »Menschen-zusammenbringen-Kram? Genau darin bist du doch am besten.«

Nun, wenn Lacy es so ausdrückte … Darin war Andy wirklich am besten. »Meinetwegen. Nur …«

»Schau mal, du kannst ja weiter Bewerbungen rausschicken, doch solange keine Antwort kommt … könntest du nicht zumindest mal mit diesem Typen reden? Mir zuliebe?« Flehend faltete sie die Hände.

Lace war gut in so etwas, wirklich gut. Wann hatte sie das gelernt?

Herrje, wem wollte Andy etwas vormachen? Ihre kleine Schwester hatte sie schon immer mit Leichtigkeit um den Finger wickeln können.

Sie rieb sich die Augen. Sie würde nachgeben, das war ihr inzwischen klar, auch wenn sie es noch nicht zugeben wollte. »Nur ein Gespräch?«

»Mehr will ich ja gar nicht.« Lacy klang erleichtert. Sogar aufgeregt, obwohl Andy noch gar nicht zugestimmt hatte. »Finde doch erst einmal heraus, was das Ganze soll und wie die Bezahlung ist. Und wann du bezahlt werden würdest. Vielleicht ist der Typ ja total heiß und die Arbeit richtig nett.«

»Wohl kaum. Nach dieser Anzeige zu urteilen, ist er wohl eher ein Oberarsch. Genau wie mein letzter Chef.« Andy konnte den Typen geradezu vor sich sehen – einen abgehobenen, völlig von sich eingenommenen Workaholic, der zwar Zeit für die wöchentliche Maniküre fand, sich aber niemals dazu herablassen würde, um eine Frau zu werben. Womöglich war er sogar attraktiv – aber niemand konnte so attraktiv sein, um einen derart blasierten Auftritt wie in der Anzeige wettzumachen.

»Da wäre ich mir nicht so sicher. Manche Leute können sich schriftlich einfach nicht gut ausdrücken. Der Frosch könnte sich auch als Prinz entpuppen.« Sie sahen einander kurz in die Augen, dann brachen sie in Gelächter aus. »Okay, wahrscheinlich ist er wirklich ein Oberarsch, aber wir brauchen das Geld.«

»Du weißt ja gar nicht, ob ich den Job kriegen werde.« Lieber Gott, bitte mach, dass ich ihn nicht bekomme.

»Das wirst du.«

»Das kannst du nicht wissen.« Auch wenn Lacys Vertrauen in sie irgendwie rührend war.

»Und ob ich das kann. Aber ich will ja auch nur, dass du dir die Sache mal ansiehst. Geh zu einem Vorstellungsgespräch.« Da war er wieder, der Hundewelpenblick. Noch eine Spur flehender.

Es war an der Zeit, einzulenken, denn Andy gingen die Argumente aus. »Okay, okay. Ich werde gehen.« Sie hob eine Hand, um Lacys Siegestanz zu unterbrechen. »Aber nur, um mir ein Bild zu machen. Sonst verspreche ich gar nichts.« Vielleicht würde es ja gar nicht so schrecklich werden, wie sie dachte.

»Na Gott sei Dank!« Lacy zog ein gefaltetes Stück Papier aus ihrer Gesäßtasche und drückte es Andy in die Hand. »Ich habe schon einen Termin für dich ausgemacht. Du sollst um drei Uhr dort sein. Hier musst du hin.«

»Was?« Andy starrte auf das Gekritzel ihrer Schwester. »Du hast einen Termin vereinbart, ohne zu wissen, ob ich einverstanden bin?«

Lacy hob mit gespielter Unschuld die Schulter. »Ich wusste doch, dass ich dich überreden würde. Schlussendlich.« Sie grinste. »Und ich wollte das Ganze nicht unnötig in die Länge ziehen und damit die Gelegenheit verpassen. Wir brauchen das Geld.«

»Okay, ich hab’s kapiert. Jetzt zumindest. Das hätte mir wirklich früher klar sein sollen, es tut mir echt lei…«

»Stopp! Das Wort will ich heute nicht mehr von dir hören, okay?«

»Ist ja gut.« Andy dehnte mit verschränkten Fingern die Arme überm Kopf. Wieso hatte sie nur das Gefühl, dass sie gerade nach allen Regeln der Kunst ausgetrickst worden war?

Na ja, schon klar. Wenn ihre Schwester etwas wirklich wollte, dann lief das eben so.

Andy fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. »Ich sollte mir wohl mal Gedanken darüber machen, was ich anziehe.« Der neue Hosenanzug wäre perfekt. Doch wie würde sie den anziehen können, ohne dass Lacy die Sache mit der Internetrechnung herausfand …

»Na Gott sei Dank, dann ziehst du endlich mal diesen Pyjama aus. Du müffelst nämlich langsam.« Lacy griff nach dem Tablet. »Mein iPad nehme ich mal wieder an mich. Ich muss ein bisschen Stalking im Internet betreiben. Darrin hat gesagt, dass ein neuer Sound aus Cambridge kommt, da muss ich mich drum kümmern. Könnte Konkurrenz sein.« Lacy wischte über den Bildschirm. »Scheiße, was soll das?«

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Wir haben angeblich keine Internetverbindung. Verstehe ich nicht. Gerade ging es doch noch.«

Andy war von ihrem Stuhl hochgeschossen, noch bevor ihre Schwester den Satz zu Ende gesprochen hatte. »Ich spring mal schnell unter die Dusche.«

Sie war schon fast im Badezimmer, als Lacy hinter ihr herschrie: »Andy, verdammt noch mal!«

Wenigstens musste sich Andy jetzt nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, wie sie Lacy die Sache mit dem Internet beibringen sollte. Allerdings brauchte sie nun wirklich einen Job.

2

Schon zum hundertsten Mal, seit sie angekommen war, las Andy die goldenen Lettern an der Bürotür. BLAKE DONOVAN, GENERALDIREKTOR. Selbst der Name klang pompös, nach altem Geld und Republikanern. Wenn er nicht schon mit Geld auf die Welt gekommen war, besaß er es zumindest jetzt im Überfluss. Allein in dem Vorzimmer hätte man einen Film über Inneneinrichtung und Wohnkultur drehen können. Die Ledercouch, auf der sie saß, hatte vermutlich so viel wie Lacys Jahresmiete gekostet. Was für eine Verschwendung.

Sie lehnte sich gegen den kühlen Bezug, schwang das überkreuzte Bein hin und her und biss sich in die Wangen. Sie war nervös. Was eigentlich lächerlich war. Ja, sie brauchte einen Job, und Lacy zählte darauf, dass sie genau diesen hier bekam, aber Andy hatte schon entschieden, dass er nicht infrage kam. Nur ihrer Schwester zuliebe war sie überhaupt hergekommen – um zu zeigen, dass es ihr ernst mit der Jobsuche war. Das idiotische Bewerbungsgespräch würde sie noch durchstehen, aber morgen würde sie zu einer dieser Agenturen für Zeitarbeit gehen, die sie bislang gemieden hatte.

Selbst wenn sie diesen Job als Edelkupplerin ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, so genügte ein kurzer Blick auf Donovans Vorzimmer, um zu begreifen, wie fehl am Platz sie hier war. Das lag nicht einmal an der Einrichtung. Es waren die Menschen, die dafür sorgten, dass sie sich schäbig und minderwertig vorkam.

Durch die Glaswände hatte sie freie Sicht auf Donovans Mitarbeiter. Sie wirkten sämtlich wie einem Werbefilm entsprungen – perfektes Aussehen, perfekte Kleidung, perfektes Styling, wie auf Schienen glitten sie durch die Räume. Damit konnte sie nicht mithalten.

Punkt eins: kein Model.

In dem Moment öffnete sich die Bürotür, und Andy sah von dem Buch hoch, das sie gerade auf ihrem Smartphone las. Mit gesenktem Blick schwebte eine langbeinige Blondine heraus. Sie sah absolut umwerfend aus – groß und gertenschlank, ihre Wangenknochen so scharf modelliert, dass man sich daran hätte schneiden können, was sie noch vollkommener wirken ließ. Sie passte perfekt zu den sonstigen Modelschönheiten, wie sie Blake Donovan bei seinen Angestellten offensichtlich bevorzugte.

Genau genommen … Erneut ließ Andy ihren Blick über die Arbeitsplätze schweifen, dieses Mal achtete sie nur auf die Frauen. Yep, sie hatte es sich nicht eingebildet – es gab unter ihnen keine einzige Brünette.

Punkt zwei:keine Blondine.

Schon zwei Minuspunkte, dabei hatte sie es noch nicht einmal bis zum Vorstellungsgespräch geschafft.

Andy tat so, als würde sie lesen, sah jedoch heimlich der Blondine nach, die durchs Vorzimmer hinaus in das Großraumbüro stolzierte. Hastig vertiefte sie sich wieder in ihre Lektüre. Trotz ihres neuen Outfits fühlte sie sich allmählich reichlich unsicher. Ihre kastanienbraunen Locken, auf die sie immer so stolz gewesen war, erschienen ihr auf einmal wie ein Makel. Kein schönes Gefühl.

Ein Geräusch lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Bürotür. Ein Mann war herausgekommen, der nun mit der Sekretärin sprach. Aha, das musste der illustre Mr Donovan sein. Er stand mit dem Rücken zu Andy, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte, aber selbst von hinten machte er keinen üblen Eindruck. Er schien sogar ziemlich gut aussehend. Die Schultern waren breit und wohldefiniert; sein Po war zwar von seinem Jackett verdeckt, aber bestimmt ähnlich wohlgeformt.

Dann drehte der Mann sich um, und ihr klappte die Kinnlade herunter. Gut aussehend wurde ihm nicht annähernd gerecht. Er war absolut atemberaubend. Atemberaubend in der Art, die einem weiche Knie und ein feuchtes Höschen bescherte. Über einem markanten Kinn zeichneten sich hohe Wangenknochen ab. Das kurzgeschnittene, dunkelblonde Haar und die breite Stirn betonten den durchdringenden Blick seiner strahlend blauen Augen. Augen, die einen völlig verwirren konnten. Augen, die einer Frau derart den Kopf verdrehten, dass sie ihren eigenen Namen vergaß, den Grund, warum sie sich in diesem Büro befand, und auch ihren festen Vorsatz, diesen Mann abscheulich zu finden. Diese Art von Augen.

Punkt drei: Mr Donovan ist absolut heiß.

Zu heiß. Nie im Leben würde sie mit einem Typen, der auf fast schon absurde Weise gut aussah, ein normales Bewerbungsgespräch führen können. Sie würde keinen klaren Satz herausbringen. Eigentlich konnte sie auch gleich ihr Handy wegstecken und das Weite suchen.

Nur dass sie leider wie erstarrt dasaß und den Mann angaffte, den sie unter keinen Umständen hätte angaffen dürfen.

»Auf keinen Fall die Letzte«, sagte Mr Donovan gerade zu seiner Sekretärin. »Die hatte ja Waden wie ein Mann.«

Das brachte Andy in die Realität zurück. Der Mann war ein chauvinistisches Arschloch, womit alles an ihm hässlich wurde. Solange sie sich darauf konzentrierte, würde sie das mit dem Bewerbungsgespräch schon hinkriegen. Hoffentlich.

»Andrea Dawson.« Er sprach ihren Namen ÄND-rii-ja aus, wobei sich ihr die Fußnägel hochrollten. Sie folgte Blake Donovan in ein luxuriös ausgestattetes Büro. Mit den klaren Linien und neutralen Farbtönen machte es einen modernen und zugleich maskulinen Eindruck – wenigstens die Inneneinrichtung war nicht so geschmacklos wie die Stellenanzeige.

»Es heißt Andrea«, sagte sie zu seinem Rücken. »Reimt sich auf Leia. Wie Prinzessin Leia, Sie wissen schon, Star Wars? Das sage ich den Leuten immer als Merkhilfe.« Du lieber Himmel, was redete sie da für einen Schwachsinn? Über Star Wars kannst du plappern, wenn du einen Job beim Pizza-Bringdienst willst! Noch immer hatte er sie keines Blickes gewürdigt. Sogar als er ihren Namen gesagt hatte, hatte er die Bewerbung studiert, anstatt sie anzusehen. Was für ein Superarsch.

»Andrea. Drea. Drea.« Er trommelte mit den Fingern auf seinen Schreibtisch, in dem augenscheinlichen Bemühen, sich die richtige Aussprache zu merken. Immerhin. »Mit Computern können Sie offenbar ganz gut umgehen.« Mr Donovan öffnete sein Armani-Jackett und setzte sich in den grauen Bürosessel, ohne sie ebenfalls zum Sitzen aufzufordern. Er fuhr mit einem Finger an ihrem Lebenslauf entlang. Mit einem langen, kraftvollen Finger.

»Stimmt.« Sie setzte sich in einen Sessel ihm gegenüber und bemühte sich, ihn nicht anzustarren. Er ging weiter ihren Lebenslauf durch, während sie nach seinem Körper schielte. Er war hochgewachsen und wirkte sehr durchtrainiert. Unter seinem Hemd zeichneten sich beeindruckende Brustmuskeln ab.

Vielleicht war es ja besser, wenn er sie nicht ansah. Dann würde ihm nicht auffallen, wie sie ihn angaffte.

Was kümmerte sie eigentlich sein Aussehen? Sein Inneres war hässlich. Durch und durch hässlich. Das durfte sie auf keinen Fall vergessen.

Ohne aufzusehen, fragte er: »Kennen Sie sich mit sozialen Medien aus?«

»Ja.« Wer kannte sich heutzutage nicht damit aus?

Aber er achtete sowieso nicht auf ihre Antwort, sondern war schon beim nächsten Punkt. »Ah, ich sehe, Sie haben als Consultant für Max Ellis gearbeitet.«

Ganz ruhig bleiben. »Ja, das stimmt.« Ihre Stimme klang ängstlicher als beabsichtigt. Vielleicht sollte sie sich räuspern? Nein. Das würde den Eindruck von Unbehagen erwecken, und das wirkte nicht gerade attraktiv. Attraktiv für einen Arbeitgeber natürlich, nicht im sexuellen Sinne, obwohl sie angesichts dieses Mannes vor ihr am liebsten noch einmal ihr Aussehen im Spiegel gecheckt hätte.

Du lieber Himmel, warum war sie nur so nervös? Sie wollte den Job doch gar nicht. Es musste wohl daran liegen, dass Donovan nach Max gefragt hatte. Ja, das war es. Vor diesem Teil des Vorstellungsgesprächs hatte ihr die ganze Zeit schon gegraut. Am liebsten hätte sie kein Wort über ihre vorherige Stelle verloren, aber das war wohl schlecht möglich. Und je schneller sie diese Sache hinter sich brachte, desto eher konnte sie wieder durch die spiegelblanken Glastüren hinausgehen und das alles hier vergessen.

»Hmm.« Donovan starrte noch immer in ihren Lebenslauf, auch wenn er ihn inzwischen schon dreimal gelesen haben musste. »Was genau haben Sie für ihn getan?«

Die einfache Version, sagte sie sich. Und bleib vage. »Ich habe ihm dabei geholfen, seine Schlüsselpositionen zu besetzen.« Das war zumindest nicht gelogen.

»Dann haben Sie also in der Personalabteilung gearbeitet?« Donovan blätterte die Seite um.

»Eigentlich nicht.« Zum Teufel mit der einfachen Version, sie würde schlicht die Wahrheit sagen. Was hatte sie schon zu verlieren? »Ich habe ihn zu Geschäftsessen und ähnlichen Events begleitet, auf denen er nach potenziellen Mitarbeitern Ausschau hielt, und mich dann unter sie gemischt. Unter die Leute, an denen er interessiert war, meine ich. Danach habe ich Max meine Meinung gesagt.«

Seine Stirn legte sich in Falten. Vielleicht verzog er auch den Mund, aber das konnte sie nicht sehen, da er noch immer den Kopf gesenkt hielt. »Ihre Meinung? Bezüglich deren Eignung für den Job?«

»Sozusagen. Wobei es vor allem um Charakter und Sozialkompetenz ging. Zum Beispiel ob sie verheiratet waren oder ob der Typ seine Freundin betrügt. Solche Sachen. Max wollte von jedem Kandidaten ein vollständiges Bild.« Ihr Blick schweifte durch den Raum, während sie sprach, und sie ließ die nüchterne Umgebung auf sich wirken. Das ganze Büro wirkte unterkühlt. Keine Familienfotos, keine persönlichen Erinnerungen. Nur glatte Oberflächen. Wie stellte er sich wohl vor, dass jemand in dieser keimfreien Umgebung eine romantische Beziehung einfädeln sollte?

Er räusperte sich, was sie als Aufforderung zum Weitersprechen interpretierte. »Max half das bei der Entscheidung, ob er jemanden einstellen wollte.«

»Mit anderen Worten, Sie haben die Leute manipuliert.«

Andy verzog das Gesicht. »So würde ich es nicht nennen …« Auch wenn es das ziemlich genau traf.

»Wie würden Sie es denn nennen?« Er verstummte kurz, aber nicht lang genug für eine Antwort. »Wussten die Kandidaten, dass Sie für Ellis arbeiten?«

Sie zögerte, in Gedanken noch bei der Frage, für deren Antwort er ihr keine Zeit gelassen hatte. Wie würde sie denn ihre Arbeit für Max nennen? Sie war pragmatisch gewesen, aber ethisch fragwürdig. Am besten schien eigentlich spionieren zu passen.

Wieder räusperte sich Donovan.

Richtig – er hatte sie ja etwas gefragt. »Entschuldigung, könnten Sie die Frage wiederholen?«

»War den Kandidaten, die Sie ausspioniert haben, Ihre Position bewusst?« Er sprach langsam und betonte jedes Wort, als wäre sie schwerhörig. Oder dumm. Im Moment fühlte sie sich tatsächlich etwas minderbemittelt. »Einigen schon. Oder zumindest wussten sie, dass ich zu ihm gehöre. Manchmal jedenfalls. Oder auch nicht. Ich weiß es nicht.« Sie war ganz verwirrt, was er vermutlich mit seinen Fragen bezweckt hatte. Sie verabscheute Männer, die Frauen einschüchterten, um ihre Macht zu demonstrieren.

Donovan machte sich auf ihrem Lebenslauf eine Notiz. Andy überlegte, was er wohl geschrieben hatte. Lässt sich leicht verunsichern, keine Moral, schamlose Spionin.

»Und wie haben Sie es geschafft, die, nun ja, potenziellen Bewerber kennenzulernen? Waren das jedes Mal Männer?«

Setzt ihre weiblichen Reize ein, um nichts ahnende Männer auszuhorchen. Das dachte er bestimmt, auch wenn er es nicht hinschrieb. Sie selbst hätte das jedenfalls geglaubt. Wozu es also abstreiten? »Meistens, ja.«

Donovan hob den Kopf, und zum ersten Mal, seit sie in dieses Büro gekommen war, sah er sie an. Diese unglaublich blauen Augen verengten sich leicht, als er den Kopf schief legte. Wie hypnotisiert erwiderte sie seinen durchdringenden Blick.

»Ich verstehe.«

»Was verstehen Sie?« Was zur Hölle meinte er damit? Seine Stimme klang abschätzig, doch in seiner Miene lag fast etwas wie … Interesse? Nein, das konnte nicht sein. Hatte sie vielleicht etwas zwischen den Zähnen? Auch wenn dieses Bewerbungsgespräch nur ein Probelauf war, ein derart schlechtes Bild wollte sie nicht abgeben.

Andy wurde zunehmend nervöser. Normalerweise hätte sie einen Gesprächspartner inzwischen einschätzen können. Stattdessen fielen ihr nur ihre eigenen Reaktionen auf. Der Typ war bestimmt ein hervorragender Pokerspieler.

Er sprach weiter, als hätte sie gar nichts gesagt. »Warum Sie? Warum legte er gerade auf Ihre Meinung wert? In Ihrem Lebenslauf kann ich nichts entdecken, was Sie im Entferntesten dafür qualifizieren würde, Finanzexperten zu beurteilen.«

Oje. Der Teil war immer schwer zu erklären. Einem potenziellen Arbeitgeber, der sie noch nie in Aktion erlebt hatte oder der wie Donovan in ihre Arbeit etwas Sexuelles hineininterpretierte, ließ sich das kaum vermitteln. Sie holte tief Luft, um weiter auszuholen. »Ich hatte bei Max mal einen Ferienjob, in der Verwaltung, als ich noch aufs College ging, und …«

»Sie haben Psychologie studiert?«, fragte er, den Blick wieder auf ihren Lebenslauf gerichtet.

»Ja. Und da ist ihm aufgefallen, dass ich über ›das einzigartige Talent verfüge, die wahren Motive eines anderen Menschen zu erkennen‹, wie er es ausgedrückt hat.« Auch wenn sie diese Beschreibung immer zum Lächeln gebracht hatte. Sie war durchaus stolz auf ihre Fähigkeit, auch wenn man bei der Jobsuche damit schlecht punkten konnte.

Sie schluckte kurz, bevor sie weitersprach. »Zuerst hat er mich nur aus Neugier zu bestimmten Geschäftsterminen mitgenommen, und daraus ist eine Art Zusammenarbeit entstanden. Am Ende des Sommers hat er mir ein großzügiges Angebot gemacht. Ich sollte weiter das machen, was ich eben beschrieben habe. Im Grunde hat er eigens für mich eine Stelle geschaffen. Also habe ich das College geschmissen und bin bei dem Job geblieben.«

Donovan wirkte nicht skeptisch, wie sie erwartet hatte, sondern geradezu fasziniert. »Und diese Funktion hatten Sie acht Jahre lang inne? Warum sind Sie gegangen?«

Sie biss die Zähne zusammen. »Wegen einer Meinungsverschiedenheit.« Selbst nach neun Monaten wurde ihr bei der Erinnerung an Max, den Scheißkerl, heiß vor Wut.

»Und seither hatten Sie keine Stelle mehr?« Wieder klang er eher verblüfft als abschätzig.

Vielleicht interpretierte sie seine Reaktionen auch falsch. Was dann wohl bedeutete, dass es mit ihren sogenannten Fähigkeiten nicht weit her war. »Nein, seither nicht. Ich konnte nichts finden, wofür ich wirklich qualifiziert gewesen wäre.«

Er schnalzte mit der Zunge. »Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Ihre Qualifikationen sind tatsächlich sehr ungewöhnlich, Drea. Hat Max Ihnen ein Arbeitszeugnis ausgestellt?«

Wow. Er nahm ihr ab, was sie über ihr Talent gesagt hatte. Das passierte ihr zum ersten Mal. Leider würde ihre nächste Antwort seinem Interesse sicher ein Ende machen. Aber das konnte ihr ja egal sein.

»Nein, hat er nicht. Und bitte nennen Sie mich doch Andy.«

»Dann werde ich ihn anrufen.« Er kritzelte einen Vermerk auf den oberen Rand ihres Lebenslaufs.

»Nein, nicht!« Sie schoss beinahe von ihrem Stuhl hoch. Das war jetzt wirklich peinlich. Hoffentlich hielt er ihre Schamröte für Enthusiasmus.

Er hielt inne, eine Hand am Telefonhörer.

Sie nahm sich kurz Zeit, um sich zu beruhigen, wieder Platz zu nehmen und ein entspanntes Lächeln aufzusetzen. »Bitte, Mr Donovan. Max und ich haben uns nicht im Guten getrennt.«

»Ach nein?« Er lehnte sich in seinem Sessel zurück.

Dem Himmel sei Dank.

»Ich … äh … möchte lieber nicht darüber sprechen, wenn es Ihnen recht ist.« Andy schlug ein Bein über das andere, setzte es aber sogleich wieder zurück. Das hatte jetzt nicht so flüssig geklungen wie in ihrem Kopf. Für künftige Bewerbungsgespräche musste sie sich eine bessere Reaktion auf solche Fragen zurechtlegen.

»Das ist mir nicht recht.« Sein Tonfall machte deutlich, dass ihm ihre Wünsche herzlich egal waren. Sie hielt den Atem an, während er sie weiter ansah. Schließlich brach er das Schweigen.

»Aber da Sie nicht meine Angestellte sind, jedenfalls noch nicht, muss ich Ihren Wunsch wohl respektieren. Lassen Sie uns also über meine Bedürfnisse sprechen, in Ordnung?«

Seine Bedürfnisse? Wenn er sie weiter mit diesen Wahnsinnsaugen ansah, dann würden sie über ihre Bedürfnisse reden müssen. Nicht, dass sie ernsthaft interessiert war. Sie hatte einfach eine Schwäche für blaue Augen, vor allem wenn die mit einem hochgewachsenen, muskulösen Mann in teurem Anzug daherkamen. Zur Hölle mit den inneren Werten.

Und zur Hölle mit ihr, dass sie etwas anderes in ihm sah als ein widerwärtiges Insekt. Zumindest unattraktiv hätte sie ihn doch finden müssen. Oder überwiegend unattraktiv. Hässlich im Inneren! »Ja, lassen Sie uns über Ihre Bedürfnisse sprechen.«

Bitte, Gott, mach, dass das in seinen Ohren nicht so klingt wie in meinen.

Doch falls ihm eine gewisse Bedürftigkeit in ihrer Stimme aufgefallen war, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. »Ich bin ein viel beschäftigter Mann. Diese IT-Firma habe ich aus dem Nichts aufgebaut, inzwischen habe ich Niederlassungen auf der ganzen Welt. Ich habe oft in New York, Los Angeles und Chicago zu tun. Manchmal fliege ich auch nach Japan oder Deutschland. Ich arbeite bis spät in die Nacht, kümmere mich um Kunden in unterschiedlichen Zeitzonen. Wenn ich dann endlich das Büro verlasse, fahre ich nach Hause, und üblicherweise arbeite ich dort weiter. Das lässt nicht viel Zeit für etwas anderes.«

Aha, der Typ Mann, der mit seiner Arbeit verheiratet war. Aber er war so attraktiv. Irgendetwas musste da doch laufen. Sie konnte sich nicht beherrschen: »Sie haben keine Verabredungen … oder etwas in der Art?«

»Sie meinen, ob ich Sex habe?«

Die Röte stieg ihr ins Gesicht, und sie ging auf seine Frage nicht ein. War das ein angemessenes Thema für ein Vorstellungsgespräch?

Offenbar brauchte er ihre Bestätigung nicht oder hielt sie für nicht relevant. »Ich habe jede Menge Sex. Wenn ich, nun ja, in Stimmung bin, suche ich mir einfach das, was ich brauche.«

»Was Sie brauchen …?« Du lieber Himmel, war das peinlich und abstoßend. Zugleich fühlte sie sich aber auch seltsam erregt.

»Die Sache ist ganz einfach, Drea. Ich gehe alleine in einen Club oder eine Bar, und wenn ich dort weggehe, bin ich nicht mehr allein.«

»Es heißt Andy. Und wie oft tun Sie das?« Allmählich erhielt sie doch einen Eindruck von ihm. Narzisst, Kontrollfreak, Frauenfeind …

Donovan beugte sich vor und sah ihr in die Augen. »Sehr oft, Drea.«

Er hatte die Worte leise und sanft ausgesprochen und hielt sie mit seinem Blick gefangen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und sie wünschte sich plötzlich, eine der Frauen zu sein, die er in Bars auflas. Die Vorstellung hätte ihr eigentlich völlig zuwider sein müssen, doch stattdessen spürte sie hitzige Erregung in sich aufsteigen.

Blake sah sie unverwandt an. »Hatten Sie etwas anderes erwartet?«

Andy rutschte auf ihrem Stuhl herum, unsicher, was und ob sie überhaupt antworten sollte. Wenn sie sich nicht arg beherrschte, bestand ihre Antwort womöglich darin, dass sie sich auf seinen Schoß setzte und ihn von oben bis unten abschlabberte.

Donovan nahm ihr die Entscheidung ab, indem er den Blickkontakt unterbrach und einen unsichtbaren Fussel von seinem Ärmel wischte. »Diese Rendezvous überdauern nie die erste Nacht. Frauen, die in Bars herumsitzen, um von Männern aufgegabelt zu werden, sind anscheinend nicht der Typ Frau, mit dem ich sonst viel Zeit verbringen möchte.«

Und mit dieser hässlichen Bemerkung war der Bann zum Glück gebrochen. Jedenfalls so gut wie. Noch immer brannte sie vor Neugier, war kurz davor, mit der einen Frage herauszuplatzen, die nicht zu stellen sie sich geschworen hatte … »Wie genau stellen Sie sich die ideale Frau denn vor, Mr Donovan?«

Die Antwort kam ohne Zögern. »Ungefähr eins siebzig oder etwas darüber, höchstens fünfundfünfzig Kilo. Ich ziehe exotische Frauen vor – dunkle Augen und nahezu schwarzes Haar.«

Oh Gott, dieser Mann war ein Schwein. Und nicht nur, weil Andy bei diesen Vorgaben mit ihren einen Meter fünfundsechzig und den siebenundsechzig Kilo weit abgeschlagen dastand. Tatsächlich war sie noch nie so stolz auf ihre kastanienbraunen Locken und ihre haselnussbraunen Augen gewesen. Eine grässliche Vorstellung, sich auf der Wunschliste dieses widerlichen Scheusals wiederzufinden!

Zumindest war es das, was ihr Hirn sagte. Das Pulsieren zwischen ihren Schenkeln sprach eine andere Sprache.

Krieg dich wieder ein, Andy. Das ist ein ekelhafter Playboy. Reiß dich zusammen und bring einfach nur diese Farce von einem Bewerbungsgespräch hinter dich. »Das sind ja recht genaue Vorstellungen, Mr Donovan.«

»Was soll ich sagen? Ich weiß eben, was ich will.«

Das Büro voller Blondinen kam ihr wieder in den Sinn. »Mir fällt auf, dass diese Beschreibung auf keine von Ihren Mitarbeiterinnen passt.«

Er verzog die Lippen zu einem arroganten Lächeln. »Es ist besser, sich nicht mit den Früchten der Versuchung zu umgeben.«

Andy konnte nur mit Mühe ihre Abscheu verbergen. An seiner letzten Bemerkung stießen ihr gleich mehrere Dinge auf – die Vorstellung, dass Frauen sich anhand ihrer äußeren Erscheinung kategorisieren ließen; dass bei der Jobvergabe das Aussehen eine größere Rolle spielte als Qualifikation; dass Blake Donovan bei der Frage, ob er mit einer Frau im Bett landen würde, sein eigenes Interesse augenscheinlich für den einzig relevanten Faktor hielt.

Die letzte Annahme traf womöglich sogar zu, und dieser Punkt brachte Andy am meisten auf die Palme.

Noch immer entschlossen, dieses Gespräch durchzustehen, schluckte sie ihren Widerwillen hinunter und platzte mit einer heiklen Frage heraus. »Was ist mit der Persönlichkeit?«

Donovans Augenbrauen hoben sich. »Was meinen Sie?«

»Ich meine, mit welcher Art von Frau möchten Sie Ihr Leben verbringen?« Verstand er die Frage wirklich nicht? »Sollte sie lustig sein, oder süß oder …«

»Ruhig«, erklärte er in entschiedenem Tonfall. »Ich möchte nicht mit Geschwätz über Schuhe und Fernsehshows gelangweilt werden. Süß wäre nett. Vielleicht ist fügsam der bessere Ausdruck.«

Donovan als Schwein zu bezeichnen war eigentlich eine Beleidigung für dieses edle Tier, so erschien es Andy bei näherer Überlegung.

Sie fuhr sich durch die Haare und sah sich noch einmal in dem Büro um. Es gab keinerlei Anzeichen für versteckte Kameras, das Ganze musste wohl echt sein. »Wie sieht es mit Ihren langfristigen Plänen aus? Ich nehme an, Sie werden Ihre Partnerin heiraten. Möchten Sie Kinder?«

»Gott, nein.« Er schwieg für einen Moment. »Eins vielleicht. Mir ist die Vorstellung zuwider, dass mein Cousin – oder genauer gesagt seine Frau – sich nach meinem Tod mein Geld unter den Nagel reißt. Was Heiraten angeht – ja, mit einem Ehevertrag. Und auf keinen Fall möchte ich aufwändige Hochzeitsfeierlichkeiten. Eine simple Trauung, kein Empfang. Es gibt keinen Grund, irgendjemanden außer dem engsten Familienkreis einzuladen. Selbst das ist eigentlich überflüssig.«

Unglaublich. »Ich verstehe.« Jetzt war es Blake, der sie scharf ansah und sich zu fragen schien, was sie damit meinte. Gut gemacht, lobte sie sich selbst und machte auf ihrer inneren Punktetafel einen Strich unter ANDY.

»Wie sieht es mit einem Beruf aus?« Seltsam, dass sie das Gespräch überhaupt fortsetzte. Es war ein wenig, als würde man ein Zugunglück beobachten, ohne sich abwenden zu können.

»Für die Frau? Ganz bestimmt nicht. Wenn sie eine Stelle hat, dann sollte sie sie nach unserer Hochzeit aufgeben. Ich suche ja unter anderem eine Frau, weil ich möchte, dass jemand zu Hause ist, wenn ich von der Arbeit komme. Bei einer berufstätigen Frau könnte ich mich darauf nicht verlassen.«

Warum engagiert er nicht einfach eine Haushälterin? Oder besorgt sich einen Hund? »Also gut. Sie möchten also, dass jemand« – sie vermied bewusst das Wort ich,denn nie im Leben würde sie diesen Job annehmen – »eine Frau für Sie findet, die auf diese Beschreibung passt … und dann?«

»Zunächst würden Sie mir ein Bild von ihr zeigen, um sicherzugehen, dass ich sie attraktiv finde. Wenn das der Fall wäre, würden Sie eine Verabredung für uns arrangieren. Falls etwas daraus wird, würde ich Ihnen einen Bonus zahlen, und die Sache wäre erledigt. Wenn nicht, setzen Sie die Suche fort.« Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und lächelte vage.

Das Lächeln wurde offensichtlich nur von der Aussicht ausgelöst, sich eine Frau zu bestellen, als wäre sie ein Essen in einem Restaurant, also erwiderte Andy es nicht. »Wo würde diese Suche stattfinden?«

»Wo immer es Ihnen passend erscheint. Facebook, Online-Partnerschaftsagenturen, von mir aus auch im Supermarkt – das überlasse ich ganz Ihnen. Darum engagiere ich Sie ja. Damit Sie mir Recherche abnehmen.«

»Richtig.« Weil sich Menschen ja genau so kennenlernten und ineinander verliebten – nachdem jemand sie recherchiert hatte. Das Arschloch würde sich sicher hervorragend mit Max Ellis verstehen. Allerdings müssten sich dann alle Frauen in Boston noch mehr in Acht nehmen.

»Noch weitere Fragen?« Seinem Tonfall nach hatte er eigentlich mit keinerlei Fragen gerechnet. Als wäre die ganze Sache völlig normal.

Nun, ihr erschien sie alles andere als normal. Und wenn die Bezahlung noch so exzellent wäre – diese Aufgabe war schlichtweg nicht zu schaffen. Für Blake Donovan konnte es keine passende Frau geben, davon war sie absolut überzeugt. Es wurde Zeit, dieses morbide Spiel zu beenden. »Nein. Ich denke, ich habe mir einen ganz guten Eindruck verschafft.«

»Gut. Auch wenn Sie das nach nur einem Gespräch niemals glauben sollten. Ihr Arbeitgeber könnte denken, dass Sie sich die Sache zu einfach vorstellen, oder er wird Sie für eingebildet halten.«

Er fand sie eingebildet? Sie konnte das Glashaus unter seinen Steinwürfen geradezu splittern hören.

»Dann testen wir jetzt mal Ihre Fähigkeiten, in Ordnung, Drea?«

»Es heißt Andy. Oder Andrea, wenn Ihnen das lieber ist.«

»Danke, ich ziehe Drea vor.« Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und beugte sich vor. »Angenommen, Max Ellis würde in Erwägung ziehen, mich einzustellen. Was würden Sie ihm sagen?«

Sie musste beinahe lachen. »Oh nein, das ist keine gute Idee.«

»Oh doch. Und ich möchte die Wahrheit hören.«

»Ernsthaft?« Wie verlockend. »Das wollen Sie gar nicht wissen.«

»Doch, möchte ich. Und Sie brauchen mich nicht zu schonen, ich verkrafte das schon.«

Sie zögerte. Wenn Sie jetzt ehrlich antwortete, würde dieses Gespräch zu Ende sein. Doch wen kümmerte das?

Sie sicher nicht.

Oh Lacy, es tut mir leid. »Also gut. Ich würde Max sagen, dass Sie in Ihrem Beruf alles geben und ein äußerst ehrgeiziger Mensch sind, mit dem unbedingten Willen zum Erfolg.«

Seine Oberlippe kräuselte sich andeutungsweise zu einem Lächeln.

Sie fuhr fort. »Ich würde ihm außerdem sagen, dass es Ihnen an elementaren menschlichen Tugenden mangelt, insbesondere an der Fähigkeit zur Bescheidenheit, an freundlichen Umgangsformen und an jeglichem Gefühl für Anstand. Darüber hinaus sind Sie sexistisch und arrogant, kurz gesagt ein reiches, selbstgefälliges Arschloch. Mir sind außerdem die sicher sehr teuren, einheitlich schwarzen Füllfederhalter aufgefallen, die wie mit dem Lineal aufgereiht daliegen. Auf der rechten Seite von Ihrem Schreibtisch. Das deutet darauf hin, dass Sie nicht nur ein Sturkopf, sondern auch ein Langweiler sind. Wahrscheinlich sehr konservativ. Von Ihrem Hemd will ich erst gar nicht sprechen. Dieser spezielle Mauveton schreit einem förmlich hip und total hetero entgegen, dabei sind Sie von beidem meilenweit entfernt.« Ach, tat das gut.

»Ausgezeichnet, Drea. Wirklich ausgezeichnet.« Er musterte sie eine ganze Weile, als ob er gerade ihren Charakter abschätzen würde.

Was? Das war doch eigentlich ihr Terrain, und es machte sie ganz kribbelig, wenn jemand sich darauf vorwagte.

Schließlich lehnte er sich mit einem selbstgefälligen Grinsen in seinen Sessel zurück. »Und sagen Sie mir, hätte Max Ellis mich aufgrund Ihrer Einschätzung angeheuert?«

»Ja. Bedauerlicherweise hätte er das wahrscheinlich getan.«

Blake lachte laut auf. Es war die einzige Möglichkeit, sich von der plötzlichen Wärme in seiner Brust zu befreien. Die hoffentlich nur von Sodbrennen herrührte, nicht von einer Schwäche für die potenzielle Angestellte, die da vor ihm saß.

Und die ihn angesichts seines Ausbruchs mit großen Augen anstarrte.

»Entschuldigen Sie«, sagte er und setzte wieder eine ernste Miene auf. »Ich danke Ihnen, Drea. Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen.«

»Es heißt Andy.«

Diese unverhohlene Genervtheit war einfach köstlich. Das ganze Gespräch verlief völlig anders, als er erwartet hatte. Es machte beinahe Spaß.

Nicht beinahe – es machte tatsächlich Spaß.

Inzwischen bereute er es, sich wie ein komplettes Arschloch verhalten zu haben. Das meiste entsprach zwar einigermaßen der Wahrheit, doch in Sachen Arroganz hatte er noch einen draufgesetzt. Damit ließen sich die Frauen aussortieren, die hier nur mit der Absicht aufkreuzten, selbst zur Braut zu werden, anstatt ihm eine zu beschaffen. Die mit professionellen Absichten waren beklagenswert wenige gewesen.

Bei dieser hier war er vom ersten Augenblick an auf der Hut gewesen. Es hatte schon mit ihrem seltsam leeren Lebenslauf angefangen – da musste etwas dahinterstecken. Und einem guten Rätsel hatte Blake noch nie widerstehen können. Hinzu war der völlig unprofessionelle Blick gekommen, mit dem sie ihn gemustert hatte. Also hatte er den Widerling noch etwas weiter heraushängen lassen. Er behielt gerne die Kontrolle über die Dinge.

Nun, da klar war, dass Andrea Dawson ihre Bewerbung ernst meinte, konnte er einen Gang herunterschalten.

»Andy.« Er ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. »Das passt nicht. Viel zu jungenhaft. Wo Sie doch offensichtlich durch und durch eine Frau sind.« Sie war nicht im Entferntesten sein Typ, mit diesen Kurven und der typisch amerikanischen Haar- und Hautfarbe. Ganz zu schweigen von dem Ehrgeiz. Er konnte sich an einer Frau nichts Unattraktiveres vorstellen als Ehrgeiz. Vermutlich war seine Stiefmutter daran schuld, die seinem Vater das Leben zur Hölle gemacht hatte, immer wegen ihrer sogenannten »Ambitionen«.

Doch die Frau vor ihm war gar nicht so übel wie erwartet. Trotz ihrer Mängel war sie eindeutig sexy, diese An-Drei-ja-Prinzessin Leia Dawson. Also wirklich, eine Anspielung auf Star Wars?

»Äh … vielen Dank.«

Er ließ sich noch weiter in seinen Bürosessel sinken und genoss ihr Unbehagen. »Aber gerne, Drea.«

Sie dagegen richtete sich kerzengerade auf. »Mein Name ist Andy, Mr Donovan. Ich bin nie Drea genannt worden. Sondern immer Andy oder, wenn meine Schwester sauer auf mich ist, Andrea.«

»Schön. Dann bleibe ich bei Andrea. Das ist vermutlich besser so, denn ich gehe davon aus, dass ich mich häufig über Sie ärgern werde.« Hatte er ihr gerade zugezwinkert? Das war seltsam. Er zwinkerte nie jemandem zu.

Er rieb sich über die Augen, in der Hoffnung, dass sie es für ein Blinzeln gehalten hatte. »Und Sie können mich Blake nennen. Sie werden mich sehr genau kennenlernen müssen, und ich denke, dafür sollten wir einander beim Vornamen nennen, meinen Sie nicht auch?«

»Was? Entschuldigen Sie, aber bieten Sie mir den Job tatsächlich an?« Sie wirkte völlig perplex.

Er war selbst ein wenig geschockt. Normalerweise legte Blake Wert darauf, von seinen Angestellten mit dem gebotenen Respekt behandelt zu werden, doch irgendetwas sagte ihm, dass Andrea Dawson genau die Richtige war. »Allerdings.«

»Aber …«

»Aber wir haben noch nicht über die Bezahlung gesprochen, das ist richtig. Das hier erscheint mir angesichts ihrer geringen Berufserfahrung als angemessen.« Er griff nach einem Montblanc und einem leeren Briefbogen und schrieb eine Zahl darauf. Nachdem er das Blatt einmal gefaltet hatte, reichte er es seiner angehenden Angestellten, die es mit misstrauischer Miene entgegennahm.

»Oh.«

»Ich gehe davon aus, dass das annehmbar ist.«

»Schon, aber …«

»Wie bereits in der Anzeige erwähnt, wird es eine Gehaltserhöhung geben, je nachdem, wie sich die Arbeitsbeziehung entwickelt. Darüber können wir im Detail sprechen, wenn Sie die Stelle annehmen.«

»Ja, sicher. Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen …«

»Antworten Sie nicht gleich«, unterbrach er sie. Auf einmal war er nervös – vielleicht hatte er sie schon vertrieben, bevor sie überhaupt anfing. Oder vielleicht war die Summe, die er aufgeschrieben hatte, nicht hoch genug? »Mit der Reaktion auf ein berufliches Angebot sollten Sie sich immer Zeit nehmen, selbst wenn Sie sich schon entschieden haben. Wenn Sie Ja sagen, könnten Sie verzweifelt wirken. Wenn Sie Nein sagen, wird das vielleicht undankbar erscheinen. Das sollten Sie vermeiden. Rufen Sie mich morgen gegen Abend an und teilen Sie mir dann Ihre Antwort mit.«

»Äh … okay.«

Er stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. Das tat man schließlich am Ende eines Geschäftstermins, auch wenn es in diesem Fall nur ein Vorwand war, um festzustellen, ob ihre Haut sich so weich anfühlte, wie sie aussah. Blake musste es einfach wissen.

Sie wirkte überrascht und brauchte eine Sekunde, um seinem Beispiel zu folgen. Als ihre Hände sich berührten, hätte er schwören können, einen Funken zu spüren. Nicht wie der leichte Stromschlag, der einen traf, wenn man die Füße über einen Teppich rieb. Es war eher so, als würde sich Energie übertragen und vermischen. Die Wärme breitete sich in seinem ganzen Körper aus.

Er stand da, unfähig, die Hand loszulassen.

Ihre Blicke trafen sich. Ihre braunen Augen erschienen ihm plötzlich einen Tick dunkler, ihr Mund war leicht geöffnet. Sie spürte es also auch.

Andrea war es, die den Bann brach. »Entschuldigen Sie, aber ich habe doch noch eine Frage.«

Jäh in die Realität zurückkatapultiert, ließ Blake ihre Hand los. Vielleicht ein wenig zu plötzlich. »Ja?«

Drea biss sich auf die Lippen. »Warum bieten Sie mir die Stelle an? Bin ich die einzige Bewerberin?«

Kurz erwog er, ihre Qualifikation als Grund zu nennen, was zum Teil auch zutraf. Es wäre nett und nur anständig, ihr das zu sagen. Angemessen.

Auf keinen Fall würde er mit der Wahrheit herausrücken – dass sie ihn faszinierte, eine geradezu betörende Wirkung auf ihn ausübte und dass er sie auf keinen Fall einfach gehen lassen konnte, ohne die Chance, sie wiederzusehen.

Er entschied sich für eine dritte Antwort, genauso wahr und dabei passender für seine Rolle als Widerling. »Sie waren die einzige Bewerberin, die sich nicht selbst als Heiratskandidatin positionieren wollte. Und nach unserem Gespräch gehe ich davon aus, dass in diesem Punkt keinerlei Interesse besteht.« Mit der letzten Bemerkung erstickte er hoffentlich alle weiteren Funken.

»Nein, wirklich nicht.«

»Ausgezeichnet.« Das meinte er auch so, obwohl er es doch vorgezogen hätte, wenn sie bei dem Gedanken nicht gar so entsetzt dreingeblickt hätte.

3

Noch einmal strich Andrea ihren Bleistiftrock glatt, als sie vor der massiven Holztür der Zeitarbeitsagentur angekommen war. Die ganze Nacht hatte sie mit Lacy das Bewerbungsgespräch geprobt und fühlte sich nun mehr als bereit für einen guten Auftritt. Alles, was sie brauchte, waren ein paar gute Referenzen, und die konnte sie hier durch einige befristete Stellen bekommen. Ganz zu schweigen von neuen Kontakten, einem beruflichen Netzwerk. Unter Max Ellis’ Angestellten hatte sie nicht besonders viele Freunde gehabt. Dort hatten alle geargwöhnt, dass sie ihre Kollegen ausspionieren und Vertraulichkeiten umgehend dem Chef berichten würde.

Womit sie ziemlich richtig gelegen hatten.

Trotzdem hatte es sie sehr getroffen, als sich nach ihrem Ausscheiden kein einziger Kollege gemeldet hatte. Damit war auch klar gewesen, dass keiner als Referenz bei einer Bewerbung infrage kam. Entsprechend gründlich hatte ihre Schwester sie darauf trainiert, diese Lücken zu erklären.

Sie holte noch einmal tief Luft, dann betrat sie hoch erhobenen Hauptes die Agentur. Hinter dem Empfangstresen saß eine blendend aussehende junge Frau mit dunkelbraunen Haaren und lächelte sie an.

»Willkommen bei Spencer & Colt Personalmanagement. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Mein Name ist Andrea Dawson. Ich habe um neun einen Termin für ein Vorstellungsgespräch bei Denise.«

»Nehmen Sie doch noch einen Augenblick Platz, Ms Dawson. Denise wird gleich für Sie Zeit haben«, erwiderte die Frau. »Kann ich Ihnen einen Tee oder Kaffee anbieten?«

»Danke, einen Kaffee bitte. Ich bin auf dem Weg hierher noch gar nicht dazu gekommen.«

Die Frau erhob sich, wodurch ihre gertenschlanke Figur erst richtig zur Geltung kam. Sie trug ein perfekt sitzendes mauvefarbenes Etuikleid und hochhackige Riemchensandalen, und selbst ohne diese wäre sie groß gewesen. Donovan würde sie lieben.

Oh mein Gott, was soll das? Andy schüttelte kurz den Kopf. Das gestrige Erlebnis hatte einen üblen Nachgeschmack hinterlassen. Umso wichtiger war es, das Gespräch hier gut zu meistern und bald ein erstes Jobangebot zu bekommen.

»Denise hat nun Zeit für Sie, Ms Dawson. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?«

Hastig nahm Andy die Tasse mit dem dampfenden Kaffee und ihr Notebook, dann folgte sie der Frau zu einem kleinen Konferenzraum. Die Einrichtung war absolut gewöhnlich, der ganze Raum ziemlich vollgestellt – das genaue Gegenteil zu dem gestrigen Luxusambiente. Sie fühlte sich gleich viel wohler.

»Ms Dawson. Nehmen Sie doch Platz«, begrüßte sie eine Frau, die sich nicht die Mühe machte, aufzustehen. »Schließ bitte die Tür, Evelyn.«

»Sie müssen Denise sein. Schön, Sie kennenzulernen. Nennen Sie mich doch bitte Andrea.« Andy legte ihre Sachen ab und streckte ihre Hand aus, die Denise jedoch ignorierte. Sie nahm lediglich die Lesebrille von der Nasenspitze und sah sie mit unbewegter Miene an. Andys Lächeln erstarb. Hilflos erwiderte sie den Blick. Die Frau besaß scharfe Gesichtszüge und eine straffe Schulterpartie, die graumelierten Haare waren zu einem strengen Knoten zusammengesteckt. Sie sah verärgert aus. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, den Kaffee mitzubringen? Langsam ließ sich Andy auf einen Stuhl sinken, zwei Plätze von Denise entfernt.

»Denise Thornton, Ms Dawson.« Den Nachnamen sprach sie mit großem Nachdruck aus, so als ob er Andy altbekannt sein müsste, wo sie die Frau doch nie zuvor gesehen hatte. Vielleicht war das aber auch einfach ihre Art, ihre Macht zu demonstrieren.

Und die hatte sie nun einmal, also galt es, ihr Honig ums Maul zu schmieren. »Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen. Ein wirklich schöner Name.«

Denise’ Augen hätten kaum schmaler werden können. Vielleicht konnte sie ihren Namen nicht leiden? Da war es wohl besser, sie Ms Thornton zu nennen.

»Sie waren eine ganze Weile ohne Beschäftigung«, sagte Denise mit einem Blick auf Andys Lebenslauf. »An welcher Art von Arbeit sind Sie denn interessiert?«

»Am meisten an Büroarbeit.« Allerdings nicht gerade am Müllausleeren und Pflanzengießen. »Verwaltungsarbeit«, fügte sie daher hinzu.

»Ich verstehe.«

Die Frau machte sich keine Notizen, was Andy irritierend fand, so wie sie auch unruhig wurde, wenn ein Kellner ihre Bestellung nicht aufschrieb. Dann war jedes Mal irgendetwas mit dem Essen nicht in Ordnung – der Beilagensalat fehlte, oder in dem Sandwich steckten Tomatenscheiben, obwohl sie darum gebeten hatte, sie wegzulassen. Hoffentlich war das hier nicht ähnlich gelagert.

Denise legte den Kopf schräg, und ihr Blick wurde noch eine Spur eisiger. Sie schien diesen Gesichtsausdruck perfektioniert zu haben. »Und was genau qualifiziert Sie Ihrer Meinung nach für eine Arbeit in der Verwaltung?«

Im Grunde hatte Andy das schon ausführlich in ihrer Bewerbung dargelegt, aber sie antwortete professionell, wie sie es mit Lacy geübt hatte. »Meine Computerkenntnisse sind überdurchschnittlich. Ich bin gut organisiert und arbeite sehr sorgfältig. Außerdem habe ich ein Talent dafür, andere Menschen einzuschätzen – ob sie in einem bestimmten Arbeitsumfeld eine Bereicherung oder eher eine Last sein werden. Das habe ich über mehrere Jahre in meinem vorherigen Job getan. Sie finden das in meinem Lebenslauf.«

Denise sah sie weiterhin unverwandt an. »Aber ja, das ist mir bekannt. Mein Mann, Bert Thornton, ist Mitarbeiter bei Ellis Investments.«

»Oh.« Das war gar nicht gut. Allmählich fiel bei Andy der Groschen. »Oh«, sagte sie wieder, dieses Mal weniger überrascht, doch dafür erschrocken.

Bert Thornton war ein netter Typ gewesen. Eigentlich ein richtig toller Mensch, der oft begeistert von seiner Frau und seinen zwei Söhnen erzählt hatte – blonde Zwillinge, kleine Footballstars an ihrer Schule. Seine Frau … Andy hatte bei den Geschichten über sie nie richtig hingehört, aber sie erinnerte sich noch daran, wie er dabei gestrahlt hatte. Richtig süß hatte sie das gefunden bei einem Mann, der schon seit zwanzig Jahren verheiratet war. Ganz offensichtlich hatte er ein glückliches Leben geführt.