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Peng Fu ist verzweifelt. Der arme Friedhofsgärtner liebt Blumen über alles, doch gegenüber einer verheerenden Dürre ist er machtlos. Nicht nur das Leben seiner Pflanzen, sondern auch sein eigenes steht auf dem Spiel. Da setzt er unerwartet einen alten Zauber in Gang, der die Blumen auf wundersame Weise erwachen lässt. Besonders eine geheimnisvolle Päonie zieht Peng Fu in ihren Bann. Sie stellt ihn vor eine Aufgabe, die ihn zu zerreißen droht.
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Seitenzahl: 69
Veröffentlichungsjahr: 2021
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
Es war der heißeste und trockenste Sommer, den Peng Fu je erlebt hatte. Und das wollte schon etwas heißen: Immerhin hatte Peng Fu bereits an die vierzig Sommer ins Land ziehen sehen, darunter mehr als einen, in dem die Sonne gnadenlos vom Himmel gebrannt und das fruchtbare grüne Land mit Braun- und Ockertönen überzogen hatte. Doch nie zuvor hatte die Hitze auch nur annähernd so schlimm gewütet wie diesmal. Die ganze Provinz stöhnte unter ihrem Joch, jeder klagte und jammerte: die Tagelöhner, die trübsinnig in die versiegten Brunnen starrten und dann losziehen mussten, um das Wasser über viele Meilen in Eimern an Holzstangen heranzuschleppen; die Bauern, die fassungslos inmitten der ausgedörrten Reisfelder und Obstgärten standen und sich fragten, wie sie ihre Familien ernähren, geschweige denn ihre Abgaben leisten sollten; die Viehzüchter, denen die Zicklein an den schlaffen Zitzen der Mütter verhungerten; und schließlich auch Peng Fu selbst.
Er war durch die Große Hitze nicht minder in seinem Dasein bedroht als die Bauern und Tagelöhner. Denn Peng Fu arbeitete als Gärtner. Als Friedhofsgärtner, um genau zu sein. Ihm oblag die Pflege eines altehrwürdigen Gräberfeldes auf einer langgezogenen Hangterrasse hoch über dem Flusstal. Im ganzen Talabschnitt gab es keinen Platz, der so malerisch gelegen und zugleich so von der Sonne begünstigt war – und damit auch keinen, den die schreckliche Dürre dieses Frühsommers härter traf.
Peng Fu war der Verzweiflung nahe: Wo sonst saftiges Grün und andere leuchtende Farben die Augen betörten, waren seit Wochen Ödnis und Verfall auf dem Vormarsch. Wohin man auch schaute, bot sich ein trostloses Bild. Am traurigsten aber stimmte Peng Fu der Anblick der Päonien auf den Gräbern: Diese Blumen waren stets sein größter Stolz gewesen, sein ganzes Streben galt ihrem Wachsen und Gedeihen. Und mochte der Winter noch so lang, das Frühjahr noch so wechselhaft und der Sommer noch so verregnet gewesen sein: Noch in jedem Jahr waren die Päonien erblüht und hatten die Besucher am Friedhof – und natürlich Peng Fu selbst – mit ihrer roten, weißen, violetten und zartrosa Pracht bezaubert.
Nun aber hingen sie über den Gräbern wie Trauernde, schwach und ausgemergelt, mit gebeugten Köpfen und runzligen Blättern. Peng Fu hätte sich am liebsten zu ihnen gesetzt, auch ihm war nach Trauern zumute.
Doch dafür blieb keine Zeit. Oder, um es richtiger zu sagen: Man ließ ihm keine Zeit dafür. Man? Das waren seine strengen Vorgesetzten und unter ihnen vor allem der besonders strenge Beamte Wang Li, der in diesem Teil der Provinz die Verwaltung der Friedhöfe übersah. Seit Beginn der Großen Hitze saß er dem armen Peng Fu im Nacken, ärger als die Mittagssonne, und ängstigte den Gärtner mit immer wüsteren Drohungen und Verwünschungen, weil dieser den herrlichen Friedhof – auf dem neben einfachem Volk auch große Persönlichkeiten und hohe Würdenträger ruhten – so vor die Hunde gehen lasse.
„Du kannst von Glück reden, wenn du nur deine Arbeit verlierst“, pflegte Wang Li zu sagen, während er seinen dicken Zeigefinger wie eine Keule schwang, „und nicht deine rechte Hand – oder deinen Kopf“.
Und Peng Fu wusste, dass das keine leeren Drohungen waren: Aus Erzählungen war ihm bekannt, was mit früheren Friedhofsgärtnern geschehen war, wenn sie den Unmut hoher oder auch nur mittlerer kaiserlicher Beamter auf sich gezogen hatten. So weit durfte er es keinesfalls kommen lassen. Und zwar nicht nur der Strafe wegen. Gewiss, die Vorstellung, ausgepeitscht, lebendig begraben oder gevierteilt zu werden, war fürchterlich. Fast noch schrecklicher aber war die Vorstellung, die Tätigkeit als Friedhofsgärtner aufgeben zu müssen. Denn auch wenn die Plackerei schier endlos und der Lohn lächerlich war, ging Peng Fu seine Arbeit über alles.
Er liebte die Stille, die über dem Friedhof lag, den Duft nach frischem Gras, die majestätische Weite des Panoramas, den Blick auf den Gelben Fluss, der weit unten aufschimmerte, als hätte eine himmlische Kaiserin ihre Goldkette zu Boden gleiten lassen. Vor allem aber liebte er seine Blumen – er wollte und konnte sie nicht einfach sterben lassen.
Also musste er dringend handeln. Aber was sollte er tun? Wie in aller Welt sollte er die durstigen Pflanzen bewässern? Alle Quellen waren versiegt, alle Wasserläufe ausgetrocknet, die kunstvoll angelegten Kanäle nutzlos. Selbst der sonst so mächtige Fluss war nur noch ein armseliges Rinnsal, kaum noch auszunehmen zwischen massigen Schlammbänken.
Schlamm? Plötzlich war es Peng Fu, als hätte er bis jetzt selbst Schlamm auf den Augen gehabt. Dabei lag im Schlamm womöglich die Lösung für all seine Schwierigkeiten und Sorgen.
Jetzt erinnerte er sich wieder, als ob es gestern gewesen wäre: Seine Großmutter, die einen kleinen, aber ausgesucht schönen Blumen- und Kräutergarten besessen und ihre Liebe zu den Pflanzen an Peng Fu vererbt hatte, hatte ihm oft davon erzählt, dass der feine Löss an den Ufern des Gelben Flusses außergewöhnlich fruchtbar sei – vor allem entlang dieses einen Uferabschnitts, der, wie sie sagte, von alters her ein verwunschener, geheimnisumwobener Platz gewesen sei, ein Ort verborgener Kräfte.
Peng Fu überlegte nicht lange. Zugegeben, was seine Großmutter von der außergewöhnlichen Wirkung des Flussschlamms berichtet hatte, mochte nichts anderes sein als der Aberglaube eines alten Weibes. Andererseits hatte es nie einen Grund gegeben, an der Weisheit seiner Großmutter zu zweifeln – und im Augenblick hatte er ohnehin keine Wahl.
Also nahm Peng Fu eine Tragestange, eine Schaufel und die größten Eimer, die er finden konnte, und machte sich an den anstrengenden Abstieg zum Gelben Fluss. Über eine Stunde war er in der sengenden Sonne unterwegs, bis er das Ufer erreicht hatte – und für den Rückweg steil bergan brauchte er, beladen mit Eimern voll Schlamm, mindestens doppelt so lang. Am Ende konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten, seine Kleider klebten ihm am Leib und trotz des schützenden Strohhuts flimmerten bunte Flecken vor seinen Augen. Doch Peng Fu gab nicht auf.
Volle zwei Wochen lang machte er sich jeden Tag auf den beschwerlichen Weg zum Flussufer und wieder zurück, schleppte sich über die schier endlosen Windungen ohne einen einzigen schattenspendenden Baum, kämpfte sich hinauf bis zur Terrasse mit dem Friedhof, die fast an der Kuppe des Berghangs lag. Dort brachte er den Schlamm auf die Gräber auf, benetzte ihn sorgfältig mit kostbarem Flusswasser, das er ebenfalls mit herauf gekarrt hatte, und rüstete sich sogleich für den nächsten Abstieg.
Anfangs zeigte sich bei den Päonien und all den anderen Blumen, Sträuchern und Bäumchen kaum eine Veränderung. Noch immer waren sie kümmerlich und schmächtig, schienen kaum lebensfähig. Peng Fu stand kurz davor, alle Hoffnung fahren zu lassen. So war also die ganze Plackerei umsonst gewesen! Nichts konnte ihn nun noch vor Wang Lis Zorn, vor dem Verlust von Brot, Ehre und Leben retten.
Eines Morgens aber, als Peng Fu mit gesenktem Kopf auf den Friedhof schlich – es würde sein letzter Arbeitstag sein, dessen war er gewiss –, wollte er seinen Sinnen nicht trauen.
Dort, wo ihm gestern noch ein fahles Gelb und Grau entgegengestarrt hatte, begrüßte ihn nun das pralle Leben. Mit unbändiger Lust sprossen die Blumen aus dem Boden und reckten ihre Häupter in die Morgensonne. Da waren Malven und Myrten, Chrysanthemen und Orchideen, Dahlien und Lupinen, Zyklamen und Azaleen, Petunien und Klivien, Aurikeln und Kamelien und natürlich die leuchtenden Päonien, jede ein Wunderwerk für sich. Schlafwandlerisch trottete Peng Fu durch den Gräbergarten, darauf gefasst, im nächsten Moment aus einem Traum zu erwachen. Doch so sehr er sich auch die Augen rieb und sich in den Handrücken kniff, die Blumen hörten nicht auf zu duften und die Blätter glänzten nur noch saftiger. Peng Fu wagte nicht einmal zu blinzeln, aus Angst, die Pracht könnte wieder verschwinden. Er konnte es einfach nicht fassen, der Duft und die Farben waren ihm ein Rausch, genau wie das Brummen der Bienen und Hummeln, die Nektar aus den Blütenkelchen sogen und ein schwirrendes Bankett feierten.
