Mülleimer sind auch nur Menschen! - Cornelia Küttner - E-Book

Mülleimer sind auch nur Menschen! E-Book

Cornelia Küttner

0,0

Beschreibung

Wussten Sie, dass Mülleimer auch Gefühle haben? Wie bewegt man einen störrischen Esel bei glühender Hitze im Niemandsland durch die Berge? Und wer weiß schon, was einen am Ende des Tunnels erwartet? Oder erfahren Sie, was die kleine Ida so alles anstellt, um ihre Omi frühmorgens zum Aufstehen zu bewegen. Überraschende Stolpersteine können den einen zu Fall bringen, den anderen aber im richtigen Moment wecken. Geschichten über Beziehungen - für immer verlorene und wiedergefundene. Verschiedene Blickwinkel, aber doch stets mit tiefsinnigem Gefühl. Dieses Kurzgeschichtenbuch werden Sie ganz sicher nicht wieder aus der Hand legen, bevor Sie es nicht zu Ende gelesen haben.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 80

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Vorwort

Diese Kurzgeschichten habe ich geschrieben, um mich selbst mit meiner Phantasie und meinem ganz persönlichen Schreibstil auszuprobieren. Ich habe dabei ganz verschiedene Blickwinkel gewählt und unterschiedliche Stimmungen eingefangen.

Besonders bedanken möchte ich mich bei Jessica, die jede Geschichte akribisch durchgelesen, gnadenlos alle Unstimmigkeiten angestrichen und mich von Zeit zu Zeit angetrieben hat, wieder neue Kurzgeschichten zu schreiben – sonst wären es deutlich weniger geblieben. Jessi habe ich die Geschichte „Am Ende des Tunnels“ gewidmet.

Natürlich danke ich auch meinem lieben Mann von ganzem Herzen. Oft bekam er Geschichten zu lesen, die erst zur Hälfte fertig waren und musste sich dann gedulden, wie das Ganze letztendlich ausgeht. Ein großes Dankeschön auch für die Internet-Recherchen im Vorfeld des Drucks – dazu hatte ich weder Lust noch Geduld. Meinem Mann widme ich die Geschichte „Soljanka in Sljudjanka“

Und nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen, Lachen, Traurig sein und Nachdenken.

Inhalt

Die beste Bratwurst der Welt

Reise in die Vergangenheit

Bittersüße Sinfonie

Soljanka in Sljudjanka

Eines Tages am Bahnhof

Fortgehen

Ida

Am Ende des Tunnels

Die beste Bratwurst der Welt

„Boah! Schon wieder Grießbrei!“, meckerte Fritz.

„Kannst du nicht auch mal was anderes kochen … etwas, was schmeckt?“ Die Mutter stand auf, stieß ihren Stuhl krachend zur Seite und fauchte Fritz boshaft funkelnd an: „Kannst ja ausziehen, wenn’s dir hier nicht passt! Und deine faule Schwester nimmst du am besten auch gleich mit!“. Martha erschrak. So wütend hatte sie ihre Mutter noch nie erlebt. Wie konnte ihr Bruder auch so pampig zu ihr sein. Dabei wusste er doch genau, dass sie, seit sich der Vater aus dem Staub gemacht hatte, nur mit dem Nötigsten auskommen mussten. Fritz knallte den Löffel auf den Tisch, sprang auf und rief:

„Martha! Komm! Hier bleiben wir keine Sekunde länger.“ Verschüchtert stand Martha auf, denn sie wollte es sich auf keinen Fall mit ihrem Bruder verderben, war er doch ihr einziger Beschützer, vor allem dann, wenn die Mutter, wie heute, besoffen war. Während Fritz schon einige Sachen in einen Rucksack gestopft hatte, blickte Martha noch kurz in das verquollene Gesicht ihrer Mutter. Aber es war nichts als Gleichgültigkeit daraus zu lesen. Dann fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss.

Als sie auf der Straße standen, atmete Fritz tief durch. Was nun? „Lass uns rüber in den Wald gehen.“, beschloss Fritz. „Ich will nicht, dass uns die Alte am Ende noch findet, später, wenn es ihr wieder leidtut.“ „Aber es ist doch schon finster!“, wimmerte Martha. Fritz ließ sie einfach stehen. Er war mit seinen Gedanken längst woanders. Ja, mit seinen 13 Jahren war er viel mutiger und selbstbewusster als sie es jemals sein würde. Martha resignierte. „Warte!“, schluchzte sie und stürzte ihrem Bruder nach. Sie gerieten immer tiefer in den Wald und das Buschwerk stach und pikste unerträglich.

„Lass uns umkehren!“, jammerte Marta. „Ich friere!“ Doch Fritz stapfte gnadenlos weiter. Wie lange waren sie wohl schon unterwegs? „Hoffentlich legt sich Fritzis Wut bald wieder.“, bangte Martha.

Plötzlich sahen sie ganz in der Nähe ein Licht. Und es wehte ein verführerischer Duft nach Bratwurst herüber. Oder … nein … gegrillte Steak. Bestimmt fanden sie ganz in der Nähe eine Gastwirtschaft.

Und mit ein bisschen Glück würde man ihnen vielleicht ein Nachquartier gewähren. Vielleicht könnten sie auch ein Steak stibitzen, wenn keiner hinsah. Fritz wollte nicht weiter vor sich hin sinnieren, sondern stürzte plötzlich los. Martha kam nicht so schnell hinterher, vor allem weil ihr die Äste und Zweige ins Gesicht peitschten, die Fritz achtlos beiseitestieß. Plötzlich hörte sie einen Schrei und einen dumpfen Aufprall. „Fritz?“, „Fritz! Ist dir was passiert?“, rief Martha erschrocken. Sie hörte ihren Bruder plötzlich fluchen. „Gott sei Dank!“, Martha schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Vorsichtig tastete sie sich weiter vorwärts und stoppte gerade noch rechtzeitig vor einem Abgrund. Im Licht des Mondes erblickte sie ihren Bruder. Er war in ein tiefes Loch gefallen und versuchte nun, sich aus einem Geflecht von Seilen und Fangeisen herauszuwinden. Eine Falle. Neben ihm starrten sie die leblosen Augen eines Rehs an. Der Kadaver roch bereits stark verwest. Panik stieg in Martha auf. Wie sollte sie ihren Bruder bloß befreien? Ein Knacken riss sie aus ihren Gedanken. Gleichzeitig hörte sie ihren Bruder aus der Tiefe ihren Namen rufen. Schwang da so etwas wie Angst in seiner Stimme? Aber nein, Fritz hatte nie Angst, komme was wolle. Martha wandte ihren Kopf zur Seite, um zu schauen, woher das Knacken gekommen war. Sie erschrak. Keine 3 Meter neben ihr glühten sie 6 Augenpaare an.

Wölfe. Die Angst schnürte Martha den Hals zu. Sie zitterte am ganzen Leibe. Kurz überlegte sie, ob sie zu ihrem Bruder hinabspringen sollte. Aber wer weiß, wann wieder jemand nach der Falle schauen würde. Bis dahin wären sie längst verhungert und verdurstet. Und wenn sie sich von den Wölfen zerfleischen ließe? Auch keine bessere Lösung. Einer der Wölfe, der Größte, machte einen Schritt auf Martha zu. Fast rechnete sie schon damit, dass er auf sie springen und ihr die Kehle zerreißen würde.

Dennoch blieb sie reglos stehen. Woher sie diese Kraft nahm, wusste sie nicht. Ihr Überlebenswillen und das Wimmern ihres Bruders aus der Tiefe verliehen Martha in diesem Moment Mut. Sie begann laut und kraftvoll zu singen. Den Song ihrer Lieblingssängerin konnte sie längst in- und auswendig.

Sie versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken, aber es wollte ihr nicht gelingen. Hastig schnappte Martha immer wieder nach Luft. Sie schwankte, während sie sich mit weichen Knien langsam auf die Wölfe zu bewegte. Als Martha mit voller Inbrunst und schriller Stimme den Refrain herausschrie, wandten sich die Tiere erschrocken ab. Entschlossen lief sie gemäßigten Schrittes auf das nahe gelegene Haus zu, immer weiter singend.

Sie wandte sich nicht um, bis sie vor der Tür stand.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie spürte die glühenden Augenpaare der Wölfe in ihrem Rücken. Waren ihr die Tiere etwa gefolgt? Martha schauderte. Endlich hatte sie das kleine Haus erreicht und hämmerte an die Tür. Erleichtert hörte sie Schritte nahen.

Ihr Herz setzte einen Moment aus, als sie den Mann anstarrte, der ihr öffnete. Mit einer Mischung aus Unsicherheit und Wiedererkennen schaute Martha ungläubig in sein Gesicht. „Vater?“, fragte sie zögernd. Mehr brachte sie nicht heraus. In seinem schmerzerfüllten Blick sah sie, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Martha fiel ihm schluchzend um den Hals. Die Tränen rollten ihr übers Gesicht, vor Erleichterung, vor Angst, vor Glück. Beinahe hätte sie Fritz und dessen missliche Lage vergessen. Stockend berichtete Martha von dem furchtbaren Unglück. Der Vater holte rasch das Abschleppseil und eine Taschenlampe aus dem Wagen. Er nahm Martha bei der Hand und sie liefen, so schnell sie konnten, zu Fritz. An der Seite ihres Vaters hatte Martha keine Angst mehr vor den Wölfen. Sie warfen das Abschleppseil zu Fritz in die Grube und zogen ihn gemeinsam nach oben. Fritz erkannte seinen Vater in der Dunkelheit nicht gleich, doch Martha sprudelte sofort los. Ihre Stimme überschlug sich, so aufgeregt war sie. Da umarmte der Vater seine beiden Kinder und herzte sie. Tränen der Freude liefen über seine rauen Wangen. Er schluchzte noch immer, als er mit seinen beiden Kindern zum Haus zurückging.

Oh, sie hatten sich so viel zu erzählen. Aber zuerst gab es für jeden eine Bratwurst, schön dick mit Senf bestrichen. Es war die beste Bratwurst der Welt.

Reise in die Vergangenheit

Die Sonne brannte ihm unbarmherzig auf dem Rücken. Unter seinen Achseln hatten sich bereits große Schweißflecken gebildet. Worauf hatte sich Tom nur eingelassen? Seit Stunden schon ritt er auf einem störrischen Esel durch das Nuratau-Gebirge.

Seine nagelneuen, weißen Sportschuhe waren durch den aufgewirbelten Staub der kargen Landschaft längst ruiniert. Tom fluchte. Warum zum Teufel hatte er sich auf diese Reise eingelassen?

Usbekistan! Pah! Schuld war allein seine Schwester, der er einfach keinen Wunsch abschlagen konnte. Sie hatte so lange auf ihn eingeredet, bis er endlich einen Flug nach Taschkent gebucht hatte.

Sie selbst saß jetzt wahrscheinlich ganz gelassen auf ihrer Terrasse und trank mit ihren Freundinnen einen Eiskaffee. Schon bei dem Gedanken an ein Eis lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Ob er jemals sein Ziel erreichen würde? Tom stöhnte. Hier, in dieser gottverlassenen Gegend würde ihn gewiss niemand wiederfinden, falls ihm ein Unglück geschehe. Aber nun war Tom schon so weit gekommen, dass er das letzte Stück seines Weges nun auch noch schaffen würde. Er hatte ohnehin keine andere Wahl. Doch als sein Esel erneut zu bocken begann, gewann die Ungeduld wieder die Oberhand. „Wie lange noch, Artek?“ rief er. Artek, der Toms Esel bisher geduldig durch die Berge gezerrt hatte, drehte sich um. „Nicht so lange. Sind gleich da.“ Tom verdrehte die Augen. Dasselbe hatte Artek vor drei Stunden schon einmal geantwortet.

„Wir machen Pause.“ Artek setzte sich auf einen Stein am Wegrand. „Esel ist müde.“ Tom band das Tier an einem Pistazienbaum fest und setzte sich in den Schatten. Was für ein aberwitziges Unterfangen, dachte er.

Begonnen hatte alles mit dem Tod seines Vaters.

Dieser hatte ihn auf dem Sterbebett bei der Hand gehalten und eindringlich gebeten, sein Vermächtnis zu erfüllen. Leichtfertig hatte er bejaht. Was sollte er einem Sterbenden auch sonst sagen. Der Schmerz und die anschließende Trauer raubten ihm die Sinne. Kurz darauf saß er im Büro des Notars, der das Testament verlas. Zunächst hatte der Vater sein Vermögen akribisch aufgelistet, die Häuser, die Ersparnisse und die Kunstgegenstände.

Über all diese Reichtümer dürften Tom und seine Schwester aber nur dann verfügen, wenn sie eine gewisse Rudka Nasafi aufsuchen und ihr den beigefügten Brief überbringen würden. Alles Weitere würde sich dann ergeben. Das war also das