Multiverse - Tobias Kutzke - E-Book

Multiverse E-Book

Tobias Kutzke

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Beschreibung

Der junge Jay Bastion wird an seinem 18. Geburtstag in ein Abenteuer hineingezogen, von dem er schon immer geträumt hatte. Mit Hilfe seiner neuen Freunde und Mitstreiter, lernt er seine Kräfte und andere Welten kennen. Er beginnt seine Ausbildung als Nexus und schließt sich einem Widerstand gegen den finsteren Osiris an. Ein "Gott", der das gesamte Multiversum erobern möchte. Es ist Jays Schicksal ihn aufzuhalten, doch ist er schon bereit für solch eine Herausforderung?

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Seitenzahl: 440

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„Alles ist möglich“

Tobias Kutzke

Multiverse

Die Macht des Lichts

© 2021 Tobias Kutzke

Umschlaggestaltung, Illustration: Designenlassen.de

Lektorat, Korrektorat: Katja Zuleger, Jennifer Kutzke

Herausgeber: Tredition

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Taschenbuch: 978-3-347-36981-8

ISBN Hardcover: 978-3-347-36982-5

ISBN e-Book: 978-3-347-36983-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Kapitel 1

Zurück aus dem Ruhestand

Ryo und Leo waren zwei alte Nexus, die sich schon vor einigen Jahren auf einer Erde namens Nova Lux zur Ruhe setzten. Sie hatten schon alles Mögliche zusammen durchlebt und kannten sich schon ihr Leben lang, doch schon seit einiger Zeit zogen sie sich von dem Leben als Nexus zurück, um ein normales, friedliches Leben in ihrer Heimat zu führen. An diesem Tag sollten sich jedoch ihre Pläne für die Zukunft ändern.

Ihr Tag begann wie jeder andere. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch das Fenster in Ryos Gesicht schienen, öffnete er langsam seine Augen. Er streifte seine aus Fell bestehende Decke zur Seite und stand aus seinem gemütlichen und warmen Bett auf. Er zog sich seine Lumpen über den Leib, schlüpfte in seine leicht zerrissene Hose, schnappte sich seinen Rucksack, der in der Ecke kauerte und verließ seine Hütte. Einen Moment blieb er stehen und genoss die Aussicht in das Tal hinab. Er spürte die Wärme der Sonne auf seiner Haut und lauschte dem morgendlichen Zwitschern der Vögel. Wie jeden Morgen schloss er kurz seine Augen und dankte dem Connector für einen weiteren, herrlichen Tag im Paradies. Von seiner Hütte, die er sich mit seinem Bruder Leo teilte, führte ein kleiner Weg runter in ihr Heimatdorf, Owaho. Ein kleines Dorf mit sehr wenigen Einwohnern. Nicht einmal zwei Dutzend Häuser befanden sich dort, doch das war es, was diesen Ort so besonders machte. Es war wie eine große Familie, zu der sich auch seit Kindeszeiten Ryo und Leo zählten.

Auf dem Weg dorthin genoss Ryo weiter die frische Luft und die unglaubliche Aussicht. Er konnte sich einfach nicht satt sehen, an der über dem Wasserfall aufgehenden Sonne. Er hörte bereits das Rauschen des Wassers des durch das Tal fließenden Flusses, an dem die Kinder spielten. Sie warfen sich einen Ball hin und her und wühlten im Schlamm. Jedes Mal, wenn er die Kinder so spielen sah, weckte es in ihm die Erinnerung an seine eigene Kindheit. Mit einem Lächeln winkte er den Kleinen zu, die sich wie immer freuten Ryo zu sehen.

„Ryo!“

„Hey seht nur, da ist Ryo“, riefen sie, während sie schnell zu ihm rannten und ihn umarmten.

Zumindest seine Beine, denn die Kinder waren um einiges kleiner, als der riesige Ryo, doch er freute sich wie immer sie zu sehen.

„Hast du uns wieder etwas mitgebracht?“, fragte einer der Kleinen.

„Aber natürlich.“ Ryo kramte in seinem Rucksack und zog einen kleinen Beutel hinaus.

„Hier, aber nicht alle auf einmal essen! Und sagt euren Eltern nicht, dass ihr sie von mir habt.“

Sie kicherten nur und bedankten sich, als sie den Beutel geradezu aufrissen. Darin befanden sich die Himmelbeeren, die nicht nur Ryo so sehr liebte. So schnell die Kinder auch angelaufen kamen, so schnell liefen sie zurück zum Fluss und spielten weiter im Schlamm.

Ryo selbst hatte keine Kinder, das war in seinem bisherigen Leben einfach nicht möglich gewesen, doch wenn er die Kleinen da so herumtoben sah, erweckte es in ihm den Wunsch, eines Tages selbst Vater zu werden. Ganz in seinen Gedanken vertieft, bemerkte er erst gar nicht, dass er bereits an seinem Ziel vorbeigelaufen war.

Im Dorf angekommen begrüßte ihn sein alter Bekannter Ben.

„Oh, hallo Ryo“, sagte er, doch der reagierte nicht und spazierte einfach an Ben und seinem kleinen Laden vorbei.

„Hey, Ryo!“, rief er etwas lauter.

Erst dann drehte er sich zu ihm um.

„Oh, Ben. Tut mir leid, ich war mit meinen Gedanken wieder ganz wo anders.“

Ben lachte nur und umarmte ihn herzlich zur Begrüßung. Jeder im Dorf kannte Ben, denn immerhin war er es, der dafür sorgte, dass jeder genug zu essen hatte. Die Felder, die sich hinter dem Dorf erstreckten, hatte er von seinem Vater übernommen. Seitdem versorgte er die Einwohner Owahos.

Ryo war gekommen, um sich wieder einmal ein paar Vorräte abzuholen.

„Ryo, schön dich zu sehen“, sprach er, während er Ryo die Tür zu seinem Laden aufmachte.

„Wie du siehst, war die Ernte dieses Mal besonders erfolgreich. Das habe ich nur dir und Leo zu verdanken“, fuhr er fort.

„Och, bitte…“

„Nein, wirklich. Hättet ihr diese Saren nicht vertrieben, ständen wir jetzt alle ohne etwas zu essen da. Wir haben wirklich Glück, dass ihr nach Owaho zurückgekehrt seid. Ich schulde euch was!“

Ryo lachte erst.

„Du weißt, wir machen das nicht mehr für die Belohnung“, erwiderte Ryo dann mit einem Zwinkern.

Ben belächelte dies nur.

„Also, was darf es für dich sein? Oh, wir haben diese Zangan Früchte, die Leo so liebt, erst gestern aus Luxtra geliefert bekommen.“

„Oh, gut, dann pack mir davon bitte zwei ein. Leo wird sich sicher freuen. Die Sache mit unseren Eltern scheint ihn doch sehr mitzunehmen…“

„Ja…Ja. So etwas ist nie leicht zu verarbeiten. Er braucht sicher nur etwas mehr Zeit und schon bald geht es dem Kleinen schon wieder besser.“

„Das möchte ich doch hoffen.“

„Also Ryo, darf es sonst noch etwas für dich sein?“

„Ich hätte gerne noch zehn Stück deiner köstlichen Brote.“

„Ah, das Übliche also, ha“, sagte Ben und packte ein paar seiner vor ihm ausliegenden Brote und die Früchte in einen großen Beutel und überreichte ihn Ryo. Im Gegenzug überreichte Ryo ihm einen kleinen, schweren Beutel, aus dem das Klimpern der Münzen zu hören war.

„Du musst mir eines Tages das Rezept für diese Brote geben.“

„Ah, tut mir leid. Altes Familiengeheimnis. Nicht einmal einem so guten Freund wie dir kann ich es anvertrauen.“

„Nun, dann wirst du wohl weiter damit leben müssen mich hier regelmäßig zu sehen.“

Ryo lachte, packte seine gekauften Sachen in seinen Rucksack und verließ den Laden wieder.

„Grüß mir Leo“, rief Ben ihm noch hinterher.

„Mach ich“, hallte es nur zurück, ehe die Tür zuknallte.

Mit seinen frisch gekauften Lebensmitteln war sein Morgen allerdings noch nicht getan. Er ging ein paar Hütten weiter in einen weiteren Laden. Schon von draußen war zu erkennen, dass es sich um einen Floristen handelte. Neben den hölzernen Wänden und den Strohdächern des Hauses kamen die bunten Blumen sehr schön zur Geltung. Es klingelte, als Ryo die Tür öffnete. Jade, die Besitzerin dieses Ladens, war gerade hinten im Lager und eilte zur Theke, als sie das Klingeln ihrer Tür hörte, doch in ihrer Eile stoß sie sich an der Theke und einer, der sich darauf befindenden Blumentöpfe, fiel herunter.

„Oh, verdammter Mist!“, begann sie zu fluchen. „Dieser Topf hat mich so viel Zeit gekostet…“

Sie beugte sich gerade zu den Scherben herunter und wollte sie aufsammeln, als sie weiß zu leuchten und zu schweben begannen. Sie schreckte zurück und sah zu wie Ryo die Scherben, ohne sie zu berühren, in ihre ursprüngliche Form zusammenfügte. Ryos Hand wurde von einem weißen Schleier umhüllt und nach kurzer Zeit stand der Blumentopf wieder auf der Theke. Jade war beeindruckt. Der Topf hatte keinerlei Anzeichen mehr von seinem Sturz und sah aus wie neu.

„Wow, ich hatte fast vergessen, dass du so etwas kannst. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.“

„Ach, ist doch selbstverständlich. Mir passieren auch immer wieder solche Missgeschicke, mach dir nichts draus.“

„Hm, vielleicht sollte ich ihn einfach lieber woanders hinstellen“, sagte sie und stellte den Blumentopf in das Regal hinter ihr. Besonders standfest sah das jedoch auch nicht aus, doch Ryo war nicht hierher gekommen, um Jade zu sagen, was sie tun solle.

„Also Ryo, lange nicht gesehen. Was kann ich für dich tun?“

„Ich möchte meine Eltern besuchen“, antwortete er.

„Ah, da habe ich doch genau das Richtige.“

Jade ging wieder nach hinten in ihr Lager und kramte in einigen ihrer Regale nach den passenden Blumen.

„Ah, wo habe ich ihn denn… Ah, hier. Da ist er ja.“

Mit einem Blumenstrauß in der Hand ging sie, dieses Mal langsam und vorsichtig, zur Theke und überreichte ihn Ryo.

„Wenn ich mich recht erinnere, waren Emen doch ihre Lieblingsblumen, oder nicht?“ Ryo schaute sich diese dunkelblauen und türkisen Blumen an und erinnerte sich, wie sein Vater seiner Mutter einmal einen Kopfschmuck aus diesen Blumen gemacht hatte.

„Ja, das ist perfekt.“

Er kramte noch einmal ganz tief in seinem Rucksack und fischte vom Boden noch ein paar Münzen. Er legte sie sich in seine große Handfläche und zählte sie durch.

„Wie viel bekommst du denn dafür?“

„Für dich reichen vier Links“, antwortete sie mit einem Lächeln. Da Ryo ohnehin nur noch fünf Links dabei hatte, gab er ihr die Fünf.

„Bitte, behalte den Rest.“

Jade lächelte ihn weiter an und verstaute die Münzen in ihrer Kasse.

„Also, vielen Dank und bis zum nächsten Mal“, sagte Ryo zum Abschied.

„Bis bald, und grüß deine Eltern von mir.“

„Mache ich“, erwiderte er, ehe er die nächste Tür zu knallte. Mit dem Blumenstrauß in der Hand, machte er sich auf den Weg zu seinen Eltern.

Er verließ das Dorf, einen schmalen Weg zwischen den Feldern entlang, geradewegs auf eine Höhle zu.

Diese Höhle hatte eine ganz besondere Bedeutung für die Einwohner Ohawos. Tatsächlich war Ryo schon eine ganze Weile nicht mehr dort gewesen. Es war auch kein besonders schöner Ort, zu dem man gerne ging, doch er wusste der Tag würde kommen, an dem er seine Eltern hier besuchen würde. Und jetzt, wo er sich mit Leo zur Ruhe gesetzt hatte, hatte er auch genug Zeit für seine Besuche.

Die Höhle war stockfinster und kalt. Ryo rieb seine Handflächen aneinander und wie aus dem Nichts entfachte er ein kleines, weiß leuchtendes Feuer in seinen Handflächen. Er suchte die Sockel an der Wand und pustete sein kleines Feuer von seiner Hand in die Fackeln. Wie eine Kettenreaktion entzündeten sich auch die restlichen Fackeln mit einem weißen Feuer. Die Höhle wurde durch das Licht erhellt und Ryo erkannte bereits die ersten Steine. Vorsichtig, ohne irgendwo drauf treten zu wollen, suchte er seine Eltern. Er kniete vor zwei eng aneinander stehenden Steinen und legte den Blumenstrauß nieder. Mit seiner Hand streifte er erst den Staub des linken Steins ab und deckte somit eine Inschrift auf. „Mia, liebevolle Person, fürsorgliche Mutter.“ Wehmütig entfernte er auch den Staub des anderen Steines. „Perry, geborener Anführer, ehrenhafter Krieger, vorbildlicher Vater.“

Davor kniend schloss Ryo seine Augen und begann zu meditieren. Als er seine Augen wieder öffnete, erkannte man ein weißes Leuchten darin, ähnlich wie das des Feuers. Er erinnerte sich zurück an seine Kindheit und an seine Eltern. Daran, wie seine Mutter ihm vor dem Schlafen die Geschichte des roten Blitzes erzählte, wie sie zusammen das Abendessen kochten, wie sein Vater ihm und Leo das Jagen beibrachte, wie er ihnen zeigte, wie man sich seine eigenen Waffen aus einem einfachen Stück Holz machen konnte. Er dachte an all die schönen Erinnerungen. Und auch wenn seine Eltern keine Nexus waren, sowie er und Leo, hoffte er dennoch, dass ihre Seelen vom Connector ins Jenseits geleitet worden waren.

„Ihr seid jetzt an einem besseren Ort“, murmelte er.

Nach angemessener Zeit der Trauer machte Ryo sich auf den Rückweg zu seiner Hütte hoch oben in den Bergen.

Als er zu seiner idyllischen Hütte zurückkam, sah er wie Leo bereits draußen auf seinem Baumstumpf saß und seine Pfeile schnitzte. Er setzte sich auf einen Baumstamm neben ihn und warf ihm die gelbliche, runde Zanganfrucht zu.

„Ben lässt grüßen.“

Leo biss in die Frucht und genoss es.

„Mhhh. Genau wie sie sein sollte. Ich liebe diese Dinger.“ Das Fruchtwasser spritze nur so umher, doch das war Leo völlig egal. Seine nassen Finger wischte er an seiner offenen Weste ab und aß gemütlich weiter.

„Ich habe gerade unsere Eltern besucht“, sagte Ryo vorwurfsvoll.

„Oh…Ja… Ich wäre ja mitgekommen, aber naja, ich hatte noch etwas zu erledigen. Vielleicht schaue ich morgen mal bei ihnen vorbei, oder übermorgen…Die laufen uns ja immerhin nicht mehr weg…“

„Keine Angst, ich habe ihnen bereits gesagt, dass der Blumenstrauß von uns beiden ist.“

„Du kennst mich einfach zu gut, mein Großer. Aber hey, heißt das du warst nochmal im Blumenladen bei Jade?!“

„Ja…Wieso fragst du?“

„Wieso?! Ach, komm schon Ryo. Selbst du solltest merken, dass sie eindeutig auf dich steht.“

„Was? Was redest du da?“

„Ach, Ryo. Hast du noch nie bemerkt, wie sie dich ständig anlächelt?! Schon als wir noch Kinder waren, hat sie dich immer so angesehen.“

„Naja, sie ist nun einmal eine nette Frau. Sie lächelt doch bei jedem so viel.“

„Wenn du das meinst. Mich hat sie noch nie angelächelt.“

Ryo gefiel der Gedanke, dass eine Frau Gefühle für ihn hegte, doch noch bevor er diesen Gedanken zu Ende führen konnte, tat sich ein weißer Rauch in ihrem Vorgarten auf. Ein Rauch, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatten. Inmitten dieses Rauches tat sich ein weiß schimmerndes Portal auf, aus dem ein Mann hervortrat.

Leo ergriff seinen Bogen und spannte einen der frisch geschnitzten Pfeile darin. Auch Ryo stand vor Angst auf und machte sich auf einen Kampf gefasst.

„Wer bist du?“, fragten sie den offenbar verletzten Mann, doch der Mann antwortete nicht und kam weiter auf sie zu. Als Ryo ihn sich genauer ansah, schien er ihn jedoch zu erkennen.

„Seid ihr Ryo und Leo?“

„Wer will das wissen?“, fragte Leo skeptisch.

„Seid ihr Ryo und Leo?!“, fragte der Mann erneut und näherte sich ihnen weiter.

Leo wollte sich wehren und gerade einen Pfeil auf ihn abfeuern, als Ryo rief:

„Leo, warte! Ich glaube, ich weiß, wer das ist. Du bist Theodore, richtig? Theodore Maggs…“

„Cornelius Sohn“, fügte Leo hinzu und senkte seinen Bogen wieder.

Maggs war sich sicher, er hat gefunden, wonach er gesucht hatte.

„Mein Vater sagte mir, ich solle euch aufsuchen, wenn ich irgendwann nicht weiterweiß“, murmelte er nur.

Leo begann sich aufzuregen.

„Natürlich hat er das. Dieser alte…“

„Also, was verschafft uns die Ehre?“, unterbrach Ryo ihn.

„Und warum siehst du aus, als hättest du in Blut gebadet?“, fügte Leo hinzu.

Maggs hatte noch nicht verarbeitet, was gerade passiert war, und fand keine Worte.

„Was ist passiert?“, fragte Ryo weiter nach, doch Maggs schwieg nur.

„WAS IST PASSIERT?!“, fragte Leo noch einmal lautstark.

Maggs setzte sich auf den Baumstamm neben Ryo und wischte sich dabei etwas Blut aus dem Gesicht. Ryo holte einen alten Lumpen aus der Küche und hielt ihn auf eine blutende Wunde an Maggs‘ Schulter.

„Wir… wir hatten keine Chance“, sprach er los.

„Sie haben uns einfach überrannt.“

„Wer? Wer hat euch überrannt? Du musst uns schon mehr erzählen. Von Anfang an. Also, was ist passiert?“, fragte Leo ein letztes Mal. Ted sah ihn nur verdutzt an und erinnerte sich an das, was passiert war.

„Mein Vater erzählte mir oft diese Geschichte. Ich weiß gar nicht, wie oft ich sie gehört habe. Es war die Geschichte unserer Entstehung, und nicht nur unserer. Die Entstehung von einfach allem. Von jedem Stein, von jedem Lebewesen, vom gesamten Universum und allen parallelen Universen. Es war die Geschichte der ersten Nexus, unserer Vorfahren. Andere Eltern lasen ihren Kindern aus Büchern vor oder erzählten ihnen sonst irgendwelche Märchen, doch mein Vater bereitete mich von Kindheit an auf diesen Tag vor. Mein Vater wollte mich und meinen Bruder damit auf den Tag vorbereiten, an dem der lange Frieden sein Ende nimmt und er nicht mehr da sein würde, um uns zu helfen. Ich wusste, dieser Tag würde kommen, aber ich dachte, ich hätte mehr Zeit. Ich dachte, ich wäre bereit. Mein Vater hatte mir alles beigebracht, was er wusste und konnte, aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich es ohne ihn schaffen kann.“

„Was schaffen? Was ist denn passiert? Wo ist dein Vater?!“, grätschte Leo dazwischen.

„Es ist viel passiert, seit ihr Fatum verlassen habt… Wie ihr wisst, wurde mein Vater König und regierte mit Luciant Herax, als seinen engsten Berater, viele Jahre über Fatum. Sie führten gemeinsam unser Volk in ein Zeitalter des Friedens. Fast 100 Jahre lang führten die Nexus keine Kriege mehr, doch nach dem Tod meiner Mutter, änderte sich alles.“

„Kara ist tot?“, fragte Ryo.

Maggs nickte und fuhr fort: „Mein Vater versuchte stark für mich und John zu bleiben. Luciant jedoch, der meiner Mutter sehr nahestand, zog sich immer weiter zurück. Er blickte nicht länger nur auf den Frieden, den sie Fatum gebracht haben, sondern viel mehr auf all das Leid in den verschiedenen Welten.

Immer wieder drängte er meinen Vater darauf zu reagieren, doch mein Vater hatte nur das Wohl unseres Volkes im Sinn. Ihre Freundschaft zerbrach immer mehr und Luciant zog sich immer weiter zurück.“

„Okay, komm langsam zum Punkt“, fiel Leo ihm erneut ins Wort.

„Nach einiger Zeit war es fast so, als hätte er sich und sein Leben aufgegeben. Zumindest bis zum heutigen Tag. Im Geheimen stellte er sich offenbar eine Armee zusammen.“

„Eine Armee? Was für eine Armee?“, fragte Ryo.

„Ich weiß nicht wie, doch er hat Draugarth gefunden…“ „Warte mal! Draugarth? Du meinst das Draugarth? Die verbotene Welt? Das Reich des Todes? Die Welt der Andeda, der Untoten? Ich dachte, sie wäre ein Mythos…“, stellte Leo entsetzt fest.

„Es ist wahr. All die Geschichten, die man sich über diese Welt erzählt hat. Skelette, Geister und Zombies, sie alle existieren wirklich. Irgendwie muss es ihm gelungen sein, die Untoten für sich einzunehmen. Ich weiß nicht wie, doch sie strahlten die Dunkelheit der Anexus aus, so als wären sie selbst ein Teil der Dunkelheit. Irgendwie muss es ihm gelungen sein sie zu Anexus zu machen.“

Leo und Ryo schauten nur besorgniserregend und ahnten schon, worauf die Geschichte hinauslaufen sollte.

„Sie positionierten sich vor den Mauern der Stadt. Nachdem die Sonne untergegangen war, zog ein heftiger Sturm auf. Im nächsten Moment sahen wir wie tausende, brennende Pfeile und Geschosse auf die Stadt zu flogen. Wir versuchten so viele wie möglich in Sicherheit zu bringen, doch es dauerte nicht lange, bis sie das Tor aufbrachen und in die Stadt einmarschierten, doch die Untoten waren offenbar nicht die einzigen, die er für sich einnahm. Viele Nexus folgten Luciant und griffen uns von innen heraus an. Jeder, der irgendwie kampffähig war, versuchte sie aufzuhalten, damit der Rest sich in Sicherheit bringen konnte, doch einer nach dem anderen wurde getötet. Selbst die Wehrlosen. Frauen und Kinder. Die Untoten machten keine Gefangenen. Nachdem wir unsere Niederlage eingestanden hatten, wussten wir, dass eine Flucht unsere einzige Möglichkeit war. John und ich liefen zurück zum Palast, um unseren Vater zu retten, doch als wir dort ankamen, war er… Luciant war bereits dort und kostete seinen Sieg auf dem Thron aus, oder, wie er sich selbst nennt, Osiris. Er ließ seine ‚Generäle‘ zurück und entkam uns. Sie waren einfach zu stark für uns. Dank John konnte ich durch den Geheimgang meines Vaters entkommen, doch…“ Ted schluchzte.

„Doch was…? Was ist passiert, Ted? Wo ist dein Bruder jetzt?“, fragte Ryo.

Ted wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und schaute Ryo an.

„Er… Er hat es nicht geschafft“, antwortete er leicht weinerlich.

„*schluchz* Ich konnte ihn nicht retten. Genauso wenig wie meinen Vater.“

„Was meinst du damit? Wo ist Conny jetzt?“

„Winston, ein guter Freund meines Vaters, wartete bereits am Ende des Geheimganges auf mich. Wir versteckten uns eine Weile im Kirchturm, um unsere nächsten Schritte zu planen, und nachdem die Stadt gefallen war, sprach Osiris zu seinen Leuten. Er verkündete voller Stolz, den Tod meines Vaters.“

Ryo hielt sich vor Schreck und Trauer den Mund zu. Leo schaute Ryo nur an und sagte:

„Wir werden unseren Ruhestand wohl verschieben müssen…“

Kapitel 2

Ein Junge sieht weiß

Fünf Jahre nach dem „schwarzen Tag“ in der Geschichte der Nexus, feierte ein Junge namens Jadon Jay Bastion auf der Erde seinen 18ten Geburtstag. Er lebte in einer Kleinstadt namens Fitzbeck. Dort besuchte er mit seinem besten Freund Julien Miller die örtliche Schule, an der sich ihr letztes Schuljahr so langsam aber sicher dem Ende zuneigte. Die Prüfungen standen kurz bevor und so trafen sich die beiden zum Lernen. Zumindest hatten sie sich das vorgenommen, aber an seinem Geburtstag wollte Jay nicht unbedingt lernen. Ohnehin war es nur die Mathe Prüfung, die vor der Tür stand, die Jay auch ohne zu lernen locker schaffen sollte. Denn wenn er ein Lieblingsfach in der Schule hatte, dann war es Mathe. Zahlen und logisches Denken lagen ihm einfach. Etwas Besonderes hatte Jay sich für seinen Geburtstag aber auch nicht vorgenommen. Ehrlich gesagt, verbrachte er diesen Tag genau wie jeden anderen auch. Julien und er saßen auf seiner Bettkante und spielten Videospiele mit einem Controller in der Hand und einer bestellten Pizza zu ihren Füßen. Eines war dabei immer gewiss: der Streit um das letzte Stück. Wie üblich zog Jay dabei den Kürzeren. Während Jay nämlich wartete, um gemeinsam zu entscheiden, wer das letzte Stück bekommt, aß Julien immer besonders schnell, um es sich einfach schnappen zu können. Wirklich stören tat Jay das aber nicht. Julien war nun einmal etwas breiter gebaut und brauchte immer etwas mehr zu essen. Eine Entschuldigung, die Jay schon viel zu häufig von ihm zu hören bekam.

Auch wenn ihr Körperbau nicht dazu gehörte, da Jay eher schmal gebaut war, hatten die beiden viele Gemeinsamkeiten. Neben Videospielen und der Tatsache, dass sie dieselbe Schule besuchten, teilten sie auch einen Schicksalsschlag in ihrer Vergangenheit. Ihre Familien waren schon vor ihrer Geburt sehr gut miteinander befreundet. Vor allem ihre Väter verbrachten viel Zeit miteinander. Vor fünf Jahren gingen sie gemeinsam auf einen ihrer traditionellen Angelausflüge an einen See in der Nähe, doch kamen sie niemals davon zurück. Die Polizei startete eine großflächige Suchaktion, doch es gab keine Spur von ihnen. Erst einige Wochen später fand man, wie aus dem Nichts, ihre Leichen im See herumtreiben. Spätestens seitdem waren Jay und Julien unzertrennlich. Vielleicht verstanden sie sich auch deshalb so gut, da sie die einzigen waren, die den Schmerz des anderen nachvollziehen konnten. Bei ihren Müttern jedoch sorgte dieses Ereignis für eine gegenteilige Reaktion. Sie gaben sich gegenseitig die Schuld für den Tod ihres Mannes und hatten seitdem den Kontakt abgebrochen. Anfangs wollten sie sogar Jay und Julien den Kontakt verbieten, doch schnell stellten sie fest, dass es ihnen zusammen besser ging als getrennt. Bei all dem Hass den Mrs. Bastion gegenüber Mrs. Miller hatte, wusste sie, dass Julien dafür nichts konnte. So konnte sie auch gut damit leben, dass Julien fast jeden Tag bei ihnen war.

Was sie aber nicht gerne sah, war, wenn sie nach Hause kam und Jay und Julien vor der Spielekonsole hingen, anstatt für ihre Prüfung zu lernen.

„Jay! Ich bin zu Hause“, hallte es von unten die Treppe hinauf. Jay und Julien guckten sich überrascht an.

„Ich dachte deine Mutter kommt erst in zwei Stunden nach Hause.“

„Das dachte ich auch.“

Sie legten die Controller zur Seite und Julien sprang auf und machte die Konsole aus. Jay schnappte sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. In Eile kramte er seine Schulsachen aus seinem Rucksack und warf sie auf sein Bett. Sie hörten, wie jemand die Treppe hinaufkam, und setzten sich schnell aufs Bett.

Es klopfte an der Tür.

„Herein“, sagte Jay und nahm noch schnell ein Mathebuch in die Hand. Seine Mutter trat hinein. Sie begrüßte Julien und gab Jay einen dicken Schmatzer mitten auf die Stirn.

„Alles Gute zu deinem 18ten Geburtstag, mein Liebling.“ Voller Scham wischte Jay sich den Kuss von der Stirn. „Äh, Dankeschön“, entgegnete er ihr.

„Und, habt ihr fleißig gelernt?“, fuhr sie weiter fort, während sie sich im Zimmer umschaute.

„Ähm, ja“, antwortete Jay.

„Mit Mathe sind wir so gut wie fertig.“

„Sicher, dass ihr nicht wieder gespielt habt?“

„Ja“, antwortete er genervt von ihrer Fragerei.

„Und der leere Pizzakarton?“, fragte sie wissend, dass sie sich nur Pizza bestellten, wenn sie mal wieder Videospiele spielten. Jay guckte Julien verärgert an, da er eigentlich immer für die Entsorgung des Pizzakartons verantwortlich war. Jay versuchte sich irgendwie daraus zu reden: „Also…“, doch Julien unterbrach ihn.

„Die habe ich Jay heute ausgegeben. Es ist doch immerhin sein 18. Geburtstag.“

„Nun gut. Komm bitte gleich runter und hilf mir die Einkäufe rein zu tragen.“ Wieder guckte Jay Julien an. „Es wird für mich sowieso Zeit zu gehen. Ich denke wir sind gut vorbereitet für die Prüfung morgen.“, sagte er, schnappte sich seinen Rucksack, verabschiedete sich höflich und ging. Im Rausgehen zwinkerte er Jay zu, so als wolle er sagen „Gern geschehen“. Jay belächelte dies nur und winkte ihm zum Abschied zu.

„Und, ist Julien schon aufgeregt wegen des großen Fußballspiels morgen?“

„Er wurde leider nicht für den Kader nominiert…“

„Oh, tut mir leid das zu hören.“

„Ach, das macht ihm nicht so viel aus. Er hatte sowieso keine Lust auf den Druck, vor der ganzen Schule gewinnen zu müssen, denke ich. So können wir das Spiel zusammen von der Tribüne aus genießen.“

Zusammen gingen sie zum Auto und begannen die Einkäufe ins Haus zu tragen. Jay schnappte sich so viel er tragen konnte, um nicht mehrmals laufen zu müssen. „Also bist du morgen Abend zum Essen nicht zu Hause, richtig?“, fragte sie ihn beim Reingehen.

Jay wollte gerade darauf antworten, als ihn plötzlich ein seltsames Gefühl überkam. Für den Bruchteil einer Sekunde war er nicht länger Herr seiner Selbst und ließ die Einkäufe zu Boden fallen. Jay wusste gar nicht, wie ihm geschah und sammelte sofort wieder alles auf.

„Jay? Alles in Ordnung?“ Verpeilt von dem Moment, antwortete Jay erst nicht.

„Jay?!“, rief seine Mutter ein weiteres Mal.

„Hm… Ja alles gut, mir ist nur etwas runtergefallen.“, antwortete er und brachte die Einkäufe in die Küche. „Also?“, fragte ihn seine Mutter ein weiteres Mal. Jay wusste gar nicht mehr, worauf sie hinauswollte.

„Bist du morgen zum Essen zu Hause oder nicht?“, hakte sie weiter nach.

„Oh, ach so, ähm… nein bin ich nicht. Unser Jahrgang verkauft etwas vor Ort, um Geld für die Abschluss-Kasse zu sammeln. Ich esse wohl dort etwas.

„Oh, das hört sich doch gut an. Hier, dann nimm noch etwas Geld mit“, sagte sie und holte einen zerknitterten fünf Euro Schein aus der Tasche. Jay guckte etwas enttäuscht, denn zu seinem Geburtstag hätte er mit etwas mehr gerechnet. Dennoch bedankte er sich dafür. Er wusste natürlich, dass seine Mutter nicht mehr allzu viel Geld zur Verfügung hatte, seitdem sein Vater nicht mehr war.

„Keine Angst, dein Geschenk bekommst du am Wochenende, wenn die Familie kommt. Wir haben etwas Besonderes für dich.“

Besonders glücklich war Jay darüber aber auch nicht. Seit sein Vater nicht mehr Teil der Feiern war, war die Stimmung etwas getrübt. Es kamen immer wieder Erinnerungen hoch, doch niemand mochte so richtig wahrhaben, was mit seinem Vater geschehen war und verleugneten es daher lieber, doch er war schon etwas gespannt darauf zu erfahren, was sie wohl besonderes für ihn hatten. Er wünschte sich nichts sehnlicher als ein eigenes Auto, aber er wusste selbst, dass dieser Wunsch wohl sobald nicht in Erfüllung gehen würde. Dafür musste er einfach noch ein bisschen weiter sparen.

Später am Abend, als Jay bereits in seinem Bett lag, klingelte das Telefon, was ungewöhnlich war, denn niemand benutzte noch ein Festnetztelefon. Und dann auch noch um diese späte Uhrzeit. Jay stand auf und wollte runter in den Flur, um den Hörer abzunehmen, doch seine Mutter kam ihm zuvor. Er wollte gerade zurück in sein Zimmer, als er seine Mutter genervt sagen hörte: „Mrs. Miller…“ Da wurde Jay hellhörig. Seine Mutter hatte schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit Juliens Mutter gesprochen. Was sie wohl wollte? Er setzte sich an die Treppe und lauschte dem Gespräch.

„Ich bin auch nicht begeistert sie anrufen zu müssen, aber Julien ist noch nicht nach Hause gekommen. Ist er vielleicht noch bei Jay?“, fragte Mrs. Miller am Hörer. „Nein. Er ist schon vor Stunden gegangen.“

„Er? Reden sie etwa von Julien?“, grübelte Jay.

„Hat er vielleicht gesagt wo er hinwollte?“, fragte Mrs. Miller weiter.

„Nach Hause, soweit ich weiß.“

Jay machte sich Gedanken. Ist Julien vielleicht nicht nach Hause gegangen? Aber wo könnte er denn hin gegangen sein? Jay machte sich langsam Sorgen.

„Mhh, okay“, erwiderte Mrs. Miller nur.

„Na dann, trotzdem vielen Dank. Schönen Abend noch.“

„Auf Wiederhören“, sagte Mrs. Bastion und legte mit rollenden Augen auf. Jay wollte jetzt genau wissen, worüber sie geredet hatten und ging die Treppe hinunter. „Oh, du bist noch wach?!“, stellte seine Mutter fest.

„Wer war das?“, fragte er neugierig.

„Mrs. Miller… Offenbar ist Julien noch nicht zu Hause. Du weißt auch nicht wo er hingehen wollte, oder?“

„Nein“, antwortete Jay.

„Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass er nach Hause gegangen ist.“

„Hm, vielleicht hat er ja eine heimliche Freundin oder so was. Irgendwo muss er ja schließlich sein. Du siehst ihn bestimmt morgen in der Schule wieder. Jetzt geh schlafen, du musst fit für die Prüfung morgen sein.“

Jay ging zurück in sein Zimmer und holte sofort sein Handy heraus. „Warum ihn nicht einfach fragen?“, dachte Jay sich. In Sorge schrieb er ihm ein paar Nachrichten:

„Julien?“

„Wo bist du?“

„Deine Mutter hat bei uns angerufen…“

„Sie macht sich Sorgen, genau wie ich“

„Antworte bitte, wenn du das hier liest“

Jay wartete und wartete, doch es kam keine Antwort. Es war jetzt auch bereits schon zwei Uhr nachts und Jay fielen so langsam die Augen zu.

Einige Stunden später wachte Jay noch einmal auf. Immer noch keine Antwort. Getrieben von seinem Durst, wollte er erst einmal runter in die Küche und sich ein Glas Wasser holen. Als er runter ging, hörte er bereits die Stimme seiner Mutter aus der Küche.

„Mit wem redet sie da?“, fragte er sich. Leise schlich er sich vor die Tür und versteckte sich dahinter, um das Gespräch mit anzuhören. Als er kurz um die Ecke blickte sah er, dass seine Mutter wieder am Telefonieren war. Ob das wieder Mrs. Bastion war? Mit leiser Stimme hörte er seine Mutter sagen: „Das weiß ich auch, aber du weißt ganz genau, dass er nur das Beste für sie wollte. Ich war dabei schon immer deiner Meinung. Ich will sie, genau wie du, aus diesem ganzen Zeug raushalten. Ich war froh, dass er sich damals entschied die Nexus zu verlassen und hier zu leben. Ich wollte nie mehr als ein normales Familienleben, doch du kanntest Paul. Er sagte immer, er sehe in unseren Jungs etwas, das wir nicht sehen konnten.“

„Paul? Was um alles in der Welt hat mein Vater damit zu tun?“, fragte Jay sich.

„Ich denke auch, dass es das Beste ist, wenn wir sie aus all dem raushalten. Wir haben ohnehin seit Jahren nichts mehr von denen gehört. Wahrscheinlich haben sie ihr Interesse an den Jungs verloren“, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort.

„Interesse an den Jungs verloren? Etwa an mir und Julien? Wer hat das Interesse verloren? Etwa unsere Väter?“ Fragen über Fragen, die in Jays Kopf umherschwirrten.

„Ja, dir auch noch einen schönen Abend“, verabschiedete sich seine Mutter und legte den Hörer bei Seite. Jay wartete einen kurzen Moment, ehe er in die Küche ging.

„Du bist ja immer noch wach! Geh endlich schlafen!“, keifte seine Mutter ihn nervös an. Jay schnappte sich nur ein Glas aus dem Schrank und füllte es am Wasserhahn auf.

„Ich wollte nur schnell etwas trinken.“

Danach ging er sofort zurück in sein Bett. Ihm schwirrten immer noch tausende Fragen durch den Kopf, doch jetzt war er einfach zu müde, um darüber nachzudenken. Morgen war ja schließlich auch noch ein Tag. Wie immer beobachtete er sein Flash Poster über seinem Bett, ehe ihm die Augen zufielen und er einschlief.

Am nächsten Morgen holte sein schriller Wecker ihn aus seinem leichten Schlaf. Der Wecker klingelte offenbar nicht zum ersten Mal, denn als er auf die Uhr blickte, zeigte sie bereits 7:20 Uhr an. Er hatte also nur noch zehn Minuten Zeit um sich fertig zu machen und rechtzeitig zur Schule zu kommen. Er sprang aus dem Bett, suchte sich seine Klamotten aus seinem Kleiderschrank zusammen und lief ins Badezimmer. Er zog seine Schlafsachen aus, machte sich etwas Zahnpasta auf seine Zahnbürste und stopfte sie sich in den Mund. Währenddessen versuchte er verzweifelt seine Hose anzuziehen. Nach kurzem Schrubben spülte er sich den Mund aus und zog sich sein T-Shirt an. Er wuschelte sich einmal mit etwas Wasser durch seine kurzen, dunklen Haare und rubbelte sie sich mit einem Handtuch trocken. Auch wenn er wusste, dass es bei seinen dicken Haaren ohnehin nicht viel bewirkte, schmierte er sich etwas Haarwachs in die Haare und stylte sie etwas zur Seite. In diesem Moment beneidete er Julien oft um seine dünnen, dunkelblonden Haare. Er stellte das Wachs wieder weg, begutachtete seine Haare kurz im Spiegel und warf sich sein dunkelblaues Hemd über. Um es zuzumachen war keine Zeit. Hecktisch schaute er auf die Uhr. Nur noch 5 Minuten. Schnell rannte er zurück in sein Zimmer, stopfte seine Federtasche und seinen Taschenrechner in seinen Rucksack und lief runter in die Küche. Seine Mutter wartete bereits mit seinem Frühstück in der Hand.

„Danke, Mom“, sagte er, während er sich das Frühstück schnappte und seiner Mutter einen Kuss auf die Wange gab. Er nahm sich noch eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und zog sich schnell seine weinrote Jacke und seine grauen Sportschuhe an, ehe er zur Tür hinausstürmte. Wieder schaute er auf seinem Handy nach der Uhrzeit. 7:30 Uhr, wenn er schnell gehen würde, würde er es noch rechtzeitig schaffen.

„Perfektes Timing“, sagte er zu sich selbst und begab sich im Laufschritt zur Schule.

Auf dem Weg kam er an der örtlichen Bank vorbei, wo Mrs. Sona mal wieder für Probleme sorgte. Sie war alt und senil. Jay hatte sie bestimmt schon ein Dutzend Mal kennengelernt, da sie immer wieder vergaß wer er war. Seit einigen Jahren saß sie außerdem im Rollstuhl und beschwerte sich regelmäßig bei den Bankmitarbeitern, dass sie eine Stufe gehen müsse, um in die Bank zu gelangen. Anstatt höflich um Hilfe zu bitten, fuhr sie oftmals nur vor den Eingang und pöbelte dort herum. Trotz ihrer unhöflichen Art und seines Zeitdrucks ging Jay zu ihr und bot ihr wie so häufig seine Hilfe an. Wie gewöhnlich lehnte sie diese zuerst ab, doch Jay ließ nicht locker.

„Ich bitte sie Mrs. Sona, ich bin wirklich spät dran und wenn sie nur weiter hier rumstehen wollen, um andere anzubrüllen, kommen sie heute gar nicht mehr in die Bank! Also was sagen sie, darf ich Ihnen über die Stufe helfen?“

Die alte Dame nickte nur eingeschüchtert von seiner direkten Ansprache, also drehte Jay sie um und hob sie mit samt Rollstuhl über die Stufe.

„So, und wenn sie gleich ganz nett jemanden fragen, hilft Ihnen auch sicher jemand wieder raus, okay? Gut, ich muss jetzt weiter.“

„Vielen Dank, junger Mann. Wie ist denn ihr Name?“

„*seufz*. Jay. Mein Name ist Jay“, antwortete er ihr und lief weiter zur Schule. Er hörte gerade die Klingel, als er das Schulgelände betrat. Schnell lief er zum Prüfungsraum und suchte sich einen freien Platz. Leider, aus seiner Sicht, waren nur noch die Plätze direkt vor dem Pult des Lehrers frei. Auch nach Julien hielt er Ausschau, doch von ihm war keine Spur zu sehen. Er setzte sich auf einen freien Platz in der ersten Reihe und hoffte, dass Julien noch kommen würde, doch die Prüfungsbögen wurden bereits ausgeteilt und er war immer noch nicht da. Jetzt machte Jay sich wirklich Sorgen. Wo blieb er nur? Ob es vielleicht etwas mit dem Telefonat letzte Nacht zu tun hatte? Er konnte sich jetzt unmöglich auf die Prüfung konzentrieren, doch nachdem er den Stift in die Hand genommen hatte und auf die erste Seite starrte, klopfte es an der Tür. Jay wurde hellhörig und blickte auf. Der Lehrer war ganz vertieft und hörte das Klopfen offenbar nicht. Wieder Klopfte es. Jay meldete und räusperte sich.

„Entschuldigung, aber wollen sie die Tür nicht öffnen?“ Erst jetzt, beim dritten Klopfen, stand der Lehrer auf und öffnete die Tür. Tatsächlich war es Julien, der sich verspätet hatte.

„Entschuldigung für die Verspätung, aber“ *shhht*, machte der Lehrer und sagte ihm, dass er leise sein solle. Er gab ihm einen Prüfungsbogen in die Hand und bat ihn leise sich zu setzen. Als Julien an ihm vorbei ging, schaute Jay ihn nur fragend an, doch er guckte ebenso fragend und zuckte mit den Schultern. Auch wenn Jay immer noch viele Fragen hatte, die unbeantwortet blieben, jetzt wo er wusste, dass es Julien gut ging, fiel es ihm um einiges leichter sich auf die Prüfung zu konzentrieren.

Jay und Julien gaben schon nach wenigen Stunden ab. Sie waren mit die Ersten, denn die Prüfung ist ihnen alles andere als schwergefallen. Wirklich freuen, dass er es hinter sich hatte, konnte sich Jay jedoch nicht. Er hatte immer noch so viele Fragen. Da er etwas früher als Julien fertig war, wartete er noch vor dem Prüfungsraum, ehe er sich gemeinsam mit Julien auf den Heimweg machte.

„Verdammt Julien, wo warst du gestern?“, fragte er ihn als er endlich rauskam. Julien schaute sich panisch um und zog Jay an seinem Arm etwas von der Tür weg. „Ganz ehrlich… Ich weiß es nicht“, flüsterte er ihm zu. „Was soll das heißen, du weißt es nicht?“

„Ich habe, wie jedes Mal, die Abkürzung durch den Wald genommen. Plötzlich wurde mir schwarz vor Augen und als ich wieder zu mir kam, war es plötzlich dunkel und es waren Stunden vergangen.“

„Vielleicht solltest du damit lieber zu einem Arzt gehen.“

„Ja, vielleicht, doch irgendwie… Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll… Es war, als würde etwas oder jemand in mich fahren. So als…“

„Wärst du nicht länger der Herr deiner Sinne?!“

„Ja, genau!“

Jay kannte dieses Gefühl ebenfalls, auch, wenn es bei ihm nur einen kurzen Moment andauerte und ihn nicht mehrere Stunden außer Gefecht setzte. Daher hielt er es nicht für notwendig, Julien davon zu erzählen. Jetzt wusste er zumindest, dass er damit nicht allein war und sich das nicht eingebildet hatte, doch es gab da noch eine weitere Frage, die ihm auf der Seele brannte.

„Hast du jemals etwas von sogenannten “Nexus“ gehört?“

„Nexus? Nein, noch nie davon gehört. Warum fragst du?“

„Gestern Abend habe ich mitbekommen, wie meine Mutter von ihnen sprach. Und über meinem Vater. Offenbar herrschte irgendeine Verbindung zwischen ihnen und meinem Vater.“

„Du denkst, sie könnten etwas mit dem Tod unserer Väter zu tun haben?“

„Naja… Zumindest denke ich, dass unsere Mütter etwas über ihren Tod wissen, dass sie vor uns geheim halten.“

„Vielleicht sollten wir sie einfach damit konfrontieren?!“

„Ja. Das sollten wir, vermutlich. Heute Abend nach dem Spiel. Ich frage meine Mutter und du deine. Mal sehen, ob wir etwas herausfinden können.“

Als die beiden gemütlich über den Schulhof nach Hause schlenderten, traf Julien auf seine Freunde, die er vom Fußball kannte. Jay konnte mit diesen aufgeblasenen Wichtigtuern noch nie viel anfangen, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. Nicht nur einmal wurde Julien darauf angesprochen, warum er denn immer mit Jay rumhinge. Er begrüßte jeden einzelnen mit einem eigenen Handschlag, so, als würden sie beim Training nie etwas anderes machen, als Handschläge zu üben. Auch Jay und Julien hatten ihren ganz eigenen Handschlag, doch wann immer er sie sah, fühlte sich ihrer immer etwas weniger besonders an.

Da er Jay nicht lange warten lassen wollte, wünschte Julien seinen Freunden nur viel Glück für das wichtige Spiel am Abend und ging weiter.

„Ich verstehe immer noch nicht, was du an denen findest“, äußerte Jay.

„Sie sind nun einmal mein Team. Du glaubst gar nicht wie gut es sich anfühlt ein Teil eines gut eingespielten Teams zu sein. Da macht es einem dann auch nichts mehr aus, wenn man sich zum Wohl der Mannschaft auf die Tribüne setzen muss.“

Diese Worte gaben Jay zu denken. Er wusste tatsächlich nicht wie es sich anfühlte Teil eines Teams zu sein. Neben Julien hatte er sonst keine anderen wirklichen Freunde, doch wirklich bedauert hat er das eigentlich nicht. Vielleicht ja, aber auch nur, weil er gar nicht wusste was ihm entging.

„Nach unserem Abschluss suchen wir uns ein Team dem wir uns gemeinsam anschließen, dann wirst du es verstehen“, fügte Julien hinzu.

Den restlichen Weg redeten die beiden nicht viel, da sie das Gefühl nicht los wurden, dass sie jemand beobachten würde. Wie aus dem nichts zog eine merkwürdige Kälte auf, die die Beiden beunruhigte. Sie schauten sich um und sahen einen Mann mit grauem Hut und Mantel, der auf seine Knie fiel. Jay und Julien sahen den Mann und boten ihre Hilfe an.

„Ist alles okay bei Ihnen?“, rief Jay ihm zu.

Als der Mann aufblickte und die Jungs auf ihn zukommen sah, stand er schnell auf und ging ohne ein Wort zu sagen weiter, doch noch bevor er ging, spürten Jay und Julien eine eigenartige Wärme von dem Mann ausgehen. Ein Gefühl, dass sie schon lange nicht mehr Gefühlt haben, doch vermutlich waren sie wohl nach dem ganzen Stress einfach etwas von der Rolle. Nachdem Julien eine ganze Nacht verschwunden war, war das ja auch nur zu verständlich. Dennoch wurde Jay etwas misstrauisch.

„Das war merkwürdig“, stellte Julien fest.

„Muss es wohl eilig gehabt haben…“, antwortete Jay.

„Ist alles okay bei dir? Du wirkst etwas abwesend.“

„Äh…Ja. Alles gut. Ich denke, ich lege mich einfach noch mal ein wenig hin vor dem Spiel. Ich habe nicht besonders gut geschlafen letzte Nacht.“

„Wem sagst du das… Ich werde auch noch mal ein paar Stunden schlafen. Nach der Prüfung und der letzten Nacht brummt mir mein Schädel.“

Die Jungs hatten den besagten Wald erreicht, durch den Julien seine gewohnte Abkürzung ging. Sie verabschiedeten sich mit ihrem ganz persönlichen Handschlag. Handschlag innen, Handschlag außen, ein fester Handgriff, Schulter an Schulter, mit der linken Hand streiften sie über ihre linke und mit der rechten über ihre rechte Seite, gekrönt von einem Militärgruß. Wie sie darauf gekommen sind, wussten sie schon selbst nicht mehr, aber jedes Mal aufs Neue war es ein gutes Gefühl.

Den Rest des Heimweges bestritt Jay allein. Bevor er nach Hause ging, legte er noch einen Zwischenstopp bei seiner Lieblings Pizzeria ein. Nicht um sich, wie so häufig, wieder eine Pizza reinzuziehen. Nein. Diese Pizzeria machte, zumindest nach Aussage von Jay, die weltbesten Sandwiches. Der Besitzer, Gigi, kannte Jay bereits sehr gut. Sogar so gut, dass er ihn ab und an für etwas Geld in seinem Laden aushelfen lies.

„Jay, mein guter Junge, schön dich zu sehen“, begrüßte er ihn mit einem klischeehaften italienischen Akzent. Jay ging mit einem Lächeln auf ihn zu und umarmte ihn. Gigi war so breit, dass Jay jedes Mal wieder versuchte seine Hände hinter ihm zusammen zu führen. Gefühlt entfernte er sich jedoch immer weiter von diesem Ziel.

„Wie lief deine Prüfung?“

„Oh, ganz gut soweit. Mathe halt. Gibt schwierigeres auf dieser Welt.“

„Ah, nimm Schule besser ernst mein Junge, sonst endest du noch wie der alte Gigi, haha.“

„Zufrieden und in seiner eigenen Pizzeria arbeiten? Da könnte ich mir schlimmeres vorstellen.“

Beide lachten nur nach dieser Aussage.

„Also, das Übliche?“

„Deswegen bin ich hier“, erwiderte Jay nur. Wieder lachte Gigi nur und begann Jay sein Sandwich vorzubereiten.

„Also Junge, erzähl schon… Wie sagt ihr Kids heutzutage? Was machen Sachen!?“

Wieder lachte Jay nur.

„Wie geht es deiner Mutter?“, fragte Gigi weiter.

„Ach, du weißt schon. Sie arbeitet viel, bemüht sich mir zu helfen, wo sie kann. Bald jährt sich der Todestag meines Vaters, wir sind daher beide nicht besonders gut drauf, aber wir kommen ganz gut klar. Wie ist es bei dir? Wie geht es deiner Tochter? Sara war ihr Name, stimmtˋs?“

„Ah, ja. Sie ist mein Ein und Alles, mein Goldschatz. Nächsten Monat wird sie schon vier Jahre alt.“

„Wow, es kommt mir vor wie gestern, dass ich für dich einspringen musste, weil du zu deiner Frau ins Krankenhaus musstest. Unglaublich, dass es schon vier Jahre her ist.“

„Ja. Die Zeit macht vor niemandem halt. Nutze sie solange du kannst, mein Junge.“

„Weise Worte…“ Jay nahm sich sein Sandwich und machte sich auf den Weg.

„Hey, du musst das bezahlen!“, rief Gigi ihm hinterher. „Zieh es mir einfach vom nächsten Lohn ab“, erwiderte Jay nur und ließ Gigi mit einem Lachen zurück.

Auf dem Weg aß er sein köstliches Sandwich auf. Zu Hause angekommen legte er Schuhe und Jacke an der Garderobe ab und machte sich auf in sein Bett. Noch ein paar Stunden schlafen bis zum großen Spiel. Das dürfte ihm ziemlich guttun nach den vergangenen Ereignissen.

Während er schlief, hatte er einen verrückten Traum. Er sah sich und Julien beim großen Spiel heute Abend. Es lief wirklich gut für das Team seiner Schule, zur Halbzeit schon führten sie haushoch. Es war nur ein Traum, doch es wirkte für ihn nicht wie einer. Zudem hatte er auch noch nie von Fußball geträumt. Er saß auf der Tribüne neben Julien und gemeinsam aßen sie eine Tüte Popcorn. Julien fühlte bei jeder Aktion mit seinem Team und feuerte sie pausenlos an, doch inmitten des Spiels wurde es unterbrochen. Alles was er sah, war ein schwarzer Rauch, der sich über dem gesamten Spielfeld breit machte. Und aus diesem Rauch griff eine riesige, schwarz schimmernde Hand nach ihm und Julien. Es zog sie mitten in den Rauch und sperrte sie in eine Dunkelheit, aus der es kein Entkommen gab. Alles, was Jay jetzt noch fühlte, war eine Eiseskälte, die ihn umgab, doch in dieser Dunkelheit begann er langsam einen Mann zu erkennen. In seiner rechten Hand hielt er ein Schwert und mit seiner linken Hand begann er Julien zu würgen. Als Jay seinen Freund erkannte, wollte er ihm zur Hilfe kommen, doch Jay konnte sich nicht bewegen. Er war wie festgefroren. Der Mann warf Julien vor sich auf die Knie. Ein letztes Mal blickte Jay in seine Augen, bevor der Mann Julien sein Schwert durch die Brust rammte. Vor lauter Schreck wachte Jay schreiend auf. Er atmete tief durch und machte sich bewusst, dass es nur ein Albtraum war, doch er hatte noch nie einen Albtraum, der sich so real anfühlte.

Als er aufstand merkte er, dass er von tierischen Kopfschmerzen geplagt wurde. Er konnte kaum aufrecht stehen vor Schmerz und quälte sich irgendwie ins Badezimmer, um eine Tablette zu nehmen. Auf dem Flur wurden die Schmerzen immer schlimmer, sodass er vor lauter Schmerzen zu stöhnen begann. Er hielt sich den Kopf und schaffte es gerade so ins Badezimmer, ehe er vor Schmerzen zu Boden fiel. Zusammengezogen und keuchend lag er am Boden des Badezimmers. Ein paar Minuten lag er dort, bis die Schmerzen endlich ein wenig nachließen. Jay richtete sich langsam wieder auf und kniete sich hin, als er etwas Ungewöhnliches an seinen Händen beobachtete. Er nahm sie vor sein Gesicht und schaute sie sich ganz genau an. Er konnte nicht fassen, was er sah. Das war einfach nicht möglich.

„Ich muss träumen“, sagte er vor lauter Schreck. Seine Hände schimmerten doch tatsächlich in einem hellen weiß. Er sprang auf und schaute in den Spiegel. Auch hier leuchteten sie weiß, doch neben seinen Händen änderte sich auch seine Augenfarbe von Braun zu einem strahlenden Weiß. Jay wurde langsam etwas nervös. Panisch rieb er sich seine Augen in der Hoffnung, dass er nur etwas mit den Augen hatte, jedoch änderte auch das nichts an dem Leuchten. Er drehte den Wasserhahn auf und versuchte sich diese weiße Farbe abzuwaschen, aber es ging und ging einfach nicht ab. Auch die Seife bewirkte nichts. Jay wurde immer nervöser.

„Scheiße“, murmelte er immer wieder, während er sich weiterhin die Hände wusch. „Scheiße…Scheiße…VERDAMMT“, brüllte er laut. Verzweifelt und vor lauter Anstrengung dieses Leuchten los zu werden, stützte er sich am Waschbecken ab. Er atmete tief durch, und schaute sich im Spiegel an.

„Was passiert nur mit mir?“, fragte er sein Spiegelbild. Dann, wie aus dem nichts, brach ein Teil des Waschbeckens, auf dem er sich abstütze, ab. Sein rechter Arm rutschte ab und er merkte deutlich, wie er sich an der offenen Kante, in die Hand schnitt.

„AA!“, rief er aus Reflex. Er wurde panisch und bekam große Angst. Sein Herz raste.

„Wie ist das jetzt passiert?“

Jay war wie gelähmt und starrte nur auf die Scherben am Boden.

*Klopf Klopf* machte es an der Tür.

„Jay? Kommst du, wir wollten doch noch beim See vorbeischauen“, sprach Julien durch die verschlossene Tür. Jay schaute auf die Uhr im Badezimmer. 18:00 Uhr. Er hatte vollkommen vergessen, dass Julien ihn um 18 Uhr abholen wollte.

„Ja, ich komme gleich. Du kannst schon mal runter gehen, ich bin gleich bei dir.“

Jay atmete ein paar Mal tief durch und beruhigte sich langsam. Als er ein letztes Mal in den Spiegel schaute, war das Leuchten endlich verschwunden. Auch seine Hände fühlten sich wieder normal an, sogar etwas zu normal. Verwirrt schaute er sich seinen rechten Arm und seine Hand genau an. Nichts. Kein Blut, kein Schnitt, nicht einmal ein Kratzer.

„Aber ich habe mich doch gerade…“, murmelte er fest der Überzeugung, dass er sich an dem Waschbecken geschnitten hatte. Mit seiner überraschend unversehrten Hand hob er die Bruchstücke auf und versuchte sie mit Kraft zurück an ihren Platz zu stecken. Zumindest ein Paar hielten, auch, wenn sie jeden Moment drohten wieder runter zu fallen. Die restlichen Scherben steckte er in den Schrank unter dem Waschbecken.

„Keine Ahnung, wie ich das Mom erklären soll. Sie wird mich umbringen, wenn sie das sieht…“

Er schmiss die restlichen Scherben in den Müll und hoffte es würde ihr erst auffallen, wenn die Familie am Wochenende da war, dann würde Jay zumindest nur einen leichten Anschiss bekommen.

„Was dauert denn schon wieder so lange?“, fragte Julien ihn, als er endlich die Treppen runterkam.

„Ich habe mal wieder verschlafen… Du kennst mich ja“, antwortete er nur, auch wenn er ihm gerne die Wahrheit gesagt hätte. Er müsste ihn ja für verrückt halten, wenn er ihm sagen würde, dass seine Hände und Augen weiß leuchten würden, also beließ er es lieber dabei. Er schnappte sich seine Jacke von der Garderobe, schnürte sich seine Schuhe fest und öffnete Julien die Tür.

„Alter vor Schönheit.“

„Jaja, du mich auch“, erwiderte Julien. Zusammen machten sie sich auf den Weg zum See, an dem ihre Väter vor fast genau fünf Jahren gestorben waren. Sie kamen oft hierher. Trotz der Tragödie, die sich abspielte, war das ihr Lieblingsort, denn hier fühlten sie sich ihren Vätern am nächsten. Es gab einen Felsvorsprung, von dem man eine wunderbare Sicht auf den See hatte. Sie setzten sich wie immer an den Rand und genossen die Aussicht. Der See war umrahmt von Bäumen und war zumindest so etwas wie ein Zufluchtsort geworden. Wann immer sie traurig oder wütend waren, wann immer sie sich einsam fühlten, kamen sie hierher um noch einmal die Nähe ihrer Väter zu spüren.

An dem See gingen sowohl Jay, als auch Julien viele Sachen durch den Kopf. Jay war sich immer noch nicht sicher, ob er sich das Leuchten nur eingebildet hatte. Julien hingegen hatte ein “interessantes“ Gespräch mit seiner Mutter über seine Zukunft. In letzter Zeit war das sowieso ein großes Thema, immerhin würden Jay und Julien dieses Jahr ihren Abschluss machen, doch was sie danach machen wollten, wussten sie noch nicht genau. Als Julien in Erinnerungen schwelgte, fiel ihm ein alter Spruch von ihren Vätern ein, den sie ihnen immer wieder sagten. Offenbar grübelte er sehr auffällig, denn Jay bemerkte, dass ihn etwas beschäftigte.

„Woran denkst du?“

„Meine Mutter hat mit mir wieder über die Zeit nach der Schule gesprochen.“

„Oh, das Thema also. Ich habe in den letzten Wochen auch viel darüber nachgedacht.“

„Erinnerst du dich noch daran, was unsere Väter uns immer gesagt haben?“

„Natürlich. Wenn ihr wollt, könnt ihr alles erreichen, solange ihr nur zusammenhaltet. Ich habe oft über diese Worte nachgedacht.“

„Ich auch. Ich denke, er hatte recht. Zusammen können wir alles erreichen. Zusammen können wir…“

Jay wusste was er sagen wollte und beendete einen Satz mit einem beliebten Zitat seines Vaters. „die Welt verändern?!“

„Egal, was in der Zukunft auch sein mag, was sie uns auch bringt, wir gestalten sie gemeinsam“, sagte Julien.

Sie schauten sich hoffnungsvoll an und besiedelten ihr Vorhaben mit ihrem Handschlag. Diese Unterhaltung tat beiden sichtlich gut. Sich endlich über etwas anderes Gedanken machen zu können als die verrückten, vergangenen Stunden.

Nachdem sie einige Zeit am See verbrachten und die Ruhe genossen, war es Zeit für die beiden sich zum Spiel aufzumachen, immerhin wollten sie auch nicht zu spät kommen und nur noch die Plätze in den letzten Reihen bekommen.

Am Sportplatz der Schule angekommen, zeigten die Beiden ihre Eintrittskarten vor, holten sich jeder eine Tüte Popcorn von ihren Mitschülern und setzten sich auf ihre Plätze.