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Mit der Erzählung MÜNCHNER FEIGHEIT spannt der Autor W.A. Riegerhof für den Lebenskünstler Paul Lindner ein Seil, zwischen der grauen Provinz und dem Rampenlicht der Isarmetropole. Eine faszinierende Manege: vom schnellen Glück der Drogen und der Kurzatmigkeit der Münchner Schickeria; den Sehnsüchten und Süchten, der Wahrhaftigkeit und dem Selbstbetrug, den Champagnersuiten un den Isarbrücken. Die Tragik eines ausgehungerten Straßenköters, der auf den Geschmack der Großstadt kommt und ob der Fülle an Versuchungen seinen Geruchssinn verliert. Es wurde schwieriger für Straßenköter, die nichts mehr liebten, als nachts durch`s Revier zu streunen, um Katzen zu verbellen, nach denen sie sich eigentlich sehnten.
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Münchner Feigheit
von
W.A. Riegerhof
Imprint
Münchner Feigheit
W.A. Riegerhof
published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Copyright: © 2013 W.A. Riegerhof
Coverdesign: Karl-August Schachtinger
Lektorat Textwissen, Berlin
ISBN 978-3-8442-4568-4
Font: HVD_Peace, courtesy von Hannes von Döhren
Mit der Erzählung Münchner Feigheit spannt der Autor W.A. Riegerhof für den Lebenskünstler Paul Lindner ein Seil, zwischen der grauen Provinz und dem Rampenlicht der Isarmetropole.
Eine faszinierende Manege: vom schnellen Glück der Drogen und der Kurzatmigkeit der Münchner Schickeria; den Sehnsüchten und Süchten, der Wahrhaftigkeit und dem Selbstbetrug, den Champagnersuiten und den Isarbrücken.
Die Tragik eines ausgehungerten Straßenköters, der auf den Geschmack der Großstadt kommt und ob der Fülle an Versuchungen seinen Geruchssinn verliert.
Es wurde schwieriger für Straßenköter, die nichts mehr liebten, als nachts durch’s Revier zu streunen, um Katzen zu verbellen, nach denen sie sich eigentlich sehnten.
W.A. Riegerhof lotete seine Grenzen aus, überschritt sie zuweilen, um letztendlich immer wieder in der Literatur zu landen.
Performanceprojekte mit Schauspielschülern der Theaterakademie August Everding und dem Musikkomponisten Oliver Ringleb in der Reihe Barlyrik entstanden in den Jahren 2001-2008 ebenso wie das Künstlerbuch Verdichtung mit dem Maler und Grafiker Heinz Felbermair.
Der Autor ist kein Erfinder seiner Geschichten, er findet die Themen mit dem Instinkt der Straße, um den alltäglichen Knochen „Leben“.
2011 schlug Riegerhof mit seiner Erzählung Gnadenbrot ein Fenster in die Sterbeanstalten des Vergessens und rüttelte an den Gefängnissen der Pflegeheime.
Mit „Münchner Feigheit“ wirft der Autor dem Leser erneut einen Knochen hin: ein würziger Nachgeschmack an Intensität und Naivität des Münchner Nachtlebens der 80er Jahre.
W.A. Riegerhof, am 31.10.1962 in der Steiermark geboren, lebt und arbeitet seit 1984 als freier Autor in München.
Im Dunkeln, in einer fremden Stadt,
nachdem ihr euch losgesagt habt
von Freunden, Verwandten und Jobs,
haltet euch nicht für fair und
versucht es auch nie zu sein!
Charles Bukowski
Als Paul Lindner vor 30 Jahren in tiefster steirischer Provinz in den Zug nach München stieg, konnte er, dank seiner Naivität, nicht ahnen, dass mit jedem Kilometer der Entfernung, mit jedem Jahr, das sich fortan zwischen seine Herkunft schob, die Genetik seiner Familie näher rückte. Immer tiefer, wie ein Sturzbach seines Blutes, war jener Einfluss, dem er sich zeitlebens zu entziehen versuchte und von dem er doch wie ein Fluch durchrauscht blieb.
Einzig allein die Mechanik seiner Naivität, den Antrieb seiner Fantasie und den Treibstoff seiner Träume verdankte Paul Lindner dem stetigen Entkommen provinzieller Vernunft, dem Entfliehen seiner verängstigten Gene.
Diesen Tatsachen, fern aller Logik, verdankte er, dass es ihm nicht wie allen Scheiternden erging, die den Rückzug antraten, um danach namenlos wie alle Unversuchten in der Provinz schnell zu altern und langsam an jenem unversuchten Dasein zu krepieren.
Im Rückblick waren die Wege, die er ging, die Haken, die er schlug, um sich vermeintlich näher zu kommen, gleichzeitig auch die Wege und Haken, die ihn von seiner Persönlichkeit entfremdeten.
Jener Person, jener Provinzängstlichkeit erwuchs eine Eigenständigkeit, die ihn im Laufe der Zeit wie einen Fremden auf sich zurückblicken ließ.
Die Geschichten der Jahre hatten sich dazwischen geschoben, die einstigen Wünsche wunschlos und die damaligen Ziele ziellos und verschwommen gemacht.
Und diese Erkenntnis nannte sich also „Leben“, dachte Paul Lindner.
Zwischen Provinzmensch und Stadtmensch hatte sich eine Art von dritter Person in ihm entwickelt. Eine Persönlichkeit, eine Lebendigkeit, die vorwiegend die Wege zwischen Wahrheit und Lüge suchte und immer mehr die Pfade der Einsamkeit vorfand. Wege, wie sie wohl alle Outlaws gehen, die innerlich nach Annäherung suchen und sich äußerlich ablehnend geben.
Der Mensch trägt immer
seine ganze Geschichte und
die Geschichte der Menschheit mit sich!
Der weinrote Lederkoffer, mit dem Paul Lindner am Münchner Hauptbahnhof ausstieg, er allein bezeugte die Reiseunfähigkeit und Reiseunlust der Provinz.
Dieses weinrote Lederungetüm hatte die Schwere und Originalität eines Erstkommunionanzugs und man sah ihm seine beschränkte, provinzielle Mobilität förmlich an.
Paul Lindners Lederkofferankunft kam infolge- dessen den Klischees eines kitschigen Heimatromans sehr nahe, in dem die schwangere, verstoßene Magd ihr Glück in der fremden Stadt suchte. Paul Lindner fühlte sich verstoßen und abgestoßen von ländlicher Intoleranz und seine Seele war schwanger von abenteuerlichen, freien Gedanken. Eine Befreitheit, die sein schwerer Lederkoffer so gar nicht widerspiegelte.
Es war, als trüge er seine Vergangenheit mit sich, nach dem Motto der Unfreiheit: ich habe einen Gefangenen und der lässt mich nicht los!
Paul Lindner wartete vor`m Bahnhofsgebäude in der Schwanthalerstraße auf ein Taxi.
Zuweilen war er das Stadtleben gewöhnt, wohnte immerhin ein halbes Jahr in Wien.
Wer Wien überlebt, die Stadt der Destruktive, der überlebt jede Metropole, sagte er sich. Aber allein die Grenzüberschreitung, die Passkontrollen machten ihm das Fremdsein, sein eigenes Grenzüberschreiten bewusst. Und er hatte sofort ein ungutes Bauchgefühl, dass ihn diese Fremde von übermäßiger Größe erdrücken könnte, ihn zu einem winzigen Nichts machte, bevor sein Stern hier aufging. Es fiel ihm augenblicklich ein, wie ihm in fremdsprachigen Ländern stets ein Gefühl an Einzigartigkeit überkam, ein Verstecktsein in der fremden Sprache, eine Art von Tarnkappenschutz in der eigenen Sprache. Jedoch in München, in derselben Sprache und Kultur, fühlte er sich wie ein Niemand, ein Nichts und als Nichts durchschaut.
Spürte, dass ihm dieses Fremdsein ungewohnt fremd war, wie ihm zu Hause das Bekanntsein gewohnt unangenehm war. Aber war nicht gerade diese Verlogenheit an Nähe Triebfeder seiner Flucht?
Paul Lindner entschloss sich, sein Fremdsein erst mal mit ein paar Weißbieren runterzuspülen und im Rausch der Großstadt, wie alle Trunkenen, grenzvergessen zu sein!
Eingetunkt, eingetrunken in bayrische Gemütlichkeit war Paul Lindner das Fremde nun doch nicht mehr so fremd.
Dennoch war ihm bewusst, dass der Rausch wichtige Konturen der Wirklichkeit verwischte und Grenzen, die Feinheiten hervorhoben, aufzuweichen vermochte. Feinheiten, auf deren Spurensuche er nach München kam.
Deshalb war er froh, dass ihn der Alkohol selten seiner Instinkthaftigkeit entzog, er selten über den Genuss hinaus trank.
Die Weißbiere hatten seine Gedankenschärfe etwas abgemildert, seine Naivität wieder bestrahlt, aber nicht verwaschen, nicht abgetötet.
Paul Lindner war sich auch ziemlich sicher, niemals jeglichen Drogen zu verfallen, weil er sich selbst die größte Droge war.
Seine körpereigenen Morphine durchspülten ihn 24 Stunden, waren der Lebensrausch, der ihn täglich durch die Wege trieb.
Als Paul Lindner im Taxi saß, nahm er erstmals den Rhythmus der Stadt wahr.
Sein seismographisches Ertasten einer Örtlichkeit, einer Stadt, benutzte er wie ein Blinder den Blindenstock. Er spürte die Stadt als fast zu ruhig, zu sauber, aber mit einem schmutzigen Unterton, der ihm gefiel.
Es war nicht mehr jener provinziell derber Polkarhythmus, der ihn seit Kindertagen begleitete; nicht jene Wiener Walzermorbidität, die er so schnell verwünschte, so sehr er sich zuvor das Wiener Großstadtleben herbeisehnte.
Es hatte ihn zu schnell an den Rand getanzt und beinahe darüber hinaus.
Zu anfällig war er für diese Schwärze und Nekrophilie der Stadt Wien. Und Paul Lindner war durchaus anfällig für nächtliches Treiben, ja sogar selig für diese Stunden zwischen Mitternacht und Morgenfrühe. Die Zeit, die die Provinz verschläft, totschläft, um sich für den darauf folgenden Moloch zu rüsten. Gerade dieser Zeitraum war sein Rhythmus, seine Kraftquelle, wo sich äußere Konturen verwuschen, die Tagesmaske verschwand und die Wesentlichkeit allmählich hervortrat, das Blut sichtbar wurde und die Adern aufsprangen nach Lust.
Dieser Rhythmus der schmutzigen Untertöne, nur für Eingeweihte hörbar, diese Suche nach Lebenslust führte ihn auf naive Weise wahrscheinlich nach München; angetrieben von einer Mechanik verschlossener Triebe, die er öffnen und zur Blüte bringen wollte.
Style is the difference,
the way of doing!
Mit all dem flüchtigen, weißbiergeschwemmten Gedankengut stieg Paul Lindner in der Fraunhoferstraße 23F aus dem Taxi.
Einen weinroten Lederkoffer in der einen Hand und eine rosarote Zuversicht in der anderen. Es war gegen 18 Uhr, als er bei Fred anläutete. Fred war ein Landsmann, eine Sandgrubenbekanntschaft, und hatte die Provinzflucht schon fünf Jahre hinter sich. Fred verließ die Steiermark als mittelloser Installateur mit etwas Bauchansatz und kam im blütenweißen BMW-Cabrio, mit ebenso blütenweißem Armani-Anzug zurück. Natürlich nur auf Kurzurlaub, „Provinzsiesta“, wie er es nannte, um eben besagter Provinz ihre Beschränktheit unter die Nase zu reiben und den Daheimgebliebenen den Way of Life des Großstadtlebens hinzuknallen.
Auf seiner Heckscheibe hatte er einen Aufkleber:
Style is the difference, the way of doing!
Charles Bukowski
Das sagte alles, zumindest für Paul Lindner. Yes, dachte er, in diesen Dimensionen musste man denken, musste man handeln, er handeln, denn sein ganzes Gedankengut war schon längst auf den „Way of Life“ einer Großstadt fixiert.
Bukowski auf der Heckscheibe eines BMW-Cabrios gab ihm schließlich die Initialzündung zum Aufbruch, the way of doing.
Und jetzt stand Paul Lindner da in der Fraunhoferstraße 23F, mit dem Lederungetüm eines Koffers, den nicht einmal Bukowski getragen hätte, style is the difference, und keiner öffnete.
Leichte Unruhe überkam ihn, denn trotz seines chaotischen Innenlebens galt er als verbindlicher Mensch, oder vielleicht gerade deswegen. Die Verbindlichkeit als kleiner Halt am schmalen Weg der Abgründe.
Seinem Wesen aus Verbindlichkeit, einem Handschlag des Wortes, standen zu oft nebulöse Floskeln, leere Worthülsen gegenüber. Er wusste zwar, dass ihm keiner in der Verlässlichkeit das Wasser reichen konnte, aber er setzte es in seiner Hoffnung voraus. Hatte er sich also auch in Fred getäuscht? War das Versprechen, ihn bei sich aufzunehmen bis München ihn aufnahm, eine Luftblase? Das Lederungetüm von Koffer wurde allmählich untragbar schwer und seine rosarote Zuversicht schwand mit jedem Knopfdruck an der Haustür. Er rechnete schon die Hotelzimmerkosten durch, die nun auf ihn zukamen, da räusperte sich jemand in der Gegensprechanlage und die Haustür sprang auf.
Es ist wie eine halbersoffene Wiese,
verwaist und taub, im Fleische matt.
Er will gern schlafen,
wenn man ihn nur ließe.
Ein grüner Himmel, der geregnet hat.
Fred öffnete ihm in einem Zustand von Schlaftrunken- und Aufgewühltheit. Die Pupillen weit offen und dennoch wirkten seine Augen, überhaupt seine gänzliche Verfassung in tiefer Müdigkeit versenkt.
