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Der Lebensfaden einer jungen Frau, die ihre Erfahrungen sammelt, spinnt sich durch die nieder geschriebene Geschichte. Begleitet wird sie von Freund*innen, die alle Zugang zu ihren eigenen Gedankenuniversen haben. Es werden mathematische, physikalische und medizinische Zugänge eröffnet, nur um zu verstehen, wer diese Frau ist und was sie macht. Sie macht nicht viel, erfüllt wenig Anforderungen an Kausalität, doch sie wird lernen und sehen, was sie davon hat.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2019
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1.
Kapitel
2.
Kapitel
Teil I
Teil II
Teil III
3.
Kapitel
Kapitel I
4.
Kapitel
5.
Kapitel
-“Du bist einfach zu lieb. Ich kann aber nicht. Du kannst einfach nicht mehr bleiben. Alle mußten irgendwann gehen. Lass mich. Lauf mir nicht hinterher! Lass meinen Rocksaum los!“
„Nein, Vater, ich will nicht, du kannst mich nicht zwingen. Lass uns wenigstens noch einmal verhandeln. Ich will bei dir bleiben!“
-“Verhandeln?“
„Ich will wenigstens ein Mann werden!“
-“Jaja, ist gut. Geh‘ jetzt, lass los. Lass meinen Bart los. Lass dich einfach fallen!“
„Ich will bei dir bleiben, Vater! Das kannst du nicht machen.“
-„Warte, ich schüttle ein bißchen. Du mußt.“
„Ich will nicht, lass mich bei dir!“
-“Du mußt jetzt gehen. Du mußt.“
„NEIN! Nein. Nein? A! A********.“
Es ist ein kalter klarer Wintertag im Jahr 1980. Es schneit.
In ihrem Zimmer in der Wohnung ihrer Mutter liegen Maria und Ole schweißgebadet neben einander. Beinahe mit der Befruchtung spürt Maria, dass sie schwanger ist. Die ersten Monate erlebt sie entspannt und mit wachsender Neugier. Im dritten Monat bittet Ole sie, seine Frau zu werden. Es wölbt sich der Bauch ansehnlich, bis plötzlich ab der 32. Schwangerschaftswoche erst Testwehen und dann Krämpfe einsetzen. Maria wird ins Berliner Polizeikrankenhaus eingewiesen, wo die Ärzte sie an einen Faustantropf hängen, um die Krämpfe zu entspannen. Davon bekommt sie Herzrasen, so dass sie aus Sorge um sich und ihr Kind, den Tropf herunterdreht, was allerdings wieder die verfrühten Wehen auslöst.
Im Inneren von Marias Bauch wird der Druck auf den Fötus immer größer. Irgendetwas drängt es, sich zu drehen. Das Kind versteht nicht, wozu das gut sein soll und stemmt sich mit allen zur Verfügung stehenden Kräften gegen den Impuls, die Wendung zu vollziehen. ‚Wie jetzt drehen? Dann stehe ich kopf und mir läuft das Blut in selbigen und das ganze zwei Monate lang. Das mache ich nicht mit. Hört auf zu drücken und zu drängen. Ich bleibe sitzen! Das kann doch nicht Sinn der Sache sein, mit hochrotem Kopf jetzt auch noch den ersten Kontakt herzustellen. Ich bleibe genau so hier sitzen. Es gibt überhaupt noch viel zu überlegen. Zum Beispiel: ‚was sage ich, was für ein Gesicht mache ich.‘
Der Druck und das Ziehen in der Umgebung werden stärker, je mehr das Baby versucht sich gegen das Drängen zu wehren, bis am Tag ihrer Geburt alles eilt. Nachdem die Seele erkennt, dass ihr Turn zu lange gedauert hat, es mittlerweile 1980 und nicht 1973 ist, entscheidet sie sich für den 21.09.1980. Also ganz entgegen ihrer eigentlichen Erwartungen. Ole und Maria gingen vom 17.11.1980 als Geburtstermin aus, denn gezeugt wurde sie für einen regnerischen Novembertag. Aber wenn schon, denn schon, dachte sie. Und plötzlich hat sie eine Idee: ‚lache und sage zur Begrüßung: Ypsilon, dann freuen Sie sich und haben vielleicht etwas, worüber Sie nachdenken können‘.
Die Seele spürt ein Rütteln und Schütteln und wie das Mutterboot auf einer Trage verfrachtet, in einen Ambulanzwagen geschoben wird. Durch die Fruchtblase dringen gedämpfte Umgebungsgeräusche. Es wird hektisch. Der Embryo hört einen Mann, der jemandem zu ruft. -“Pusten, pusten, pusten, hecheln, hecheln, hecheln, halten, halten, ausatmen.“ Plötzlich wird die Höhle trockengelegt. Der ganze süße Saft schießt durch die kleine Öffnung unter dem Embryo. Der Druck wird unerträglich, aber das Kind denkt: „Danke Vati, jetzt pusten sie mich wieder hoch. Vater, ich komme schon wieder zurück zu dir. Danke.“
Um die hechelnde Maria hasten Ärzte und Hebammen als sie in der Charité ankommt. Es wird unverantwortungsvoll, die Geburt nicht sofort per Kaiserschnitt einzuleiten, denn das Kind will einfach nicht in den Geburtskanal schlittern. Der Chefarzt versetzt Maria in Vollnarkose, die noch das kurze Sätzchen: „Aber der Globus dreht sich doch noch … ganz vor …s … ig.“ stammelt, dann schneidet er den Mutterbauch auf und birgt das kleine Bündel aus der wohligen Wärme.
Als die Seele registriert, was hier gerade geschehen ist, dass etwas Wesentliches fehlt und nicht nach Plan verlaufen ist, vergehen Sekunden des beleidigten Schweigens. Der Kosmos verharrt in einem Horoskope für eine junge Dame und setzt sich fort, als die im Zuge ihres ersten Atemzuges ihren ersten Schrei von sich gibt.
Knapp zwei Jahre später sitzt in einer kleinen Mietswohnung in Berlin Kreuzberg ein Junge von neun Jahren wie mittlerweile gewohnt in mitten einer bunten, eigentümlichen Lache aus diversen Perlen und Murmeln. Sein Vater hockt mit liebem, etwas provokantem Lächeln vor ihm und scheint etwas hinter seinem Rücken zurück zu halten.
In der Küche klappert die Mutter mit den Töpfen. Sie ist gerade damit beschäftigt das Mittagessen zu kochen. Sie sieht erschöpft aus.
„Gib mir die Kugel wieder!“, schallt es in einem Ton zu ihr, der wie eine Drohung klingt. Vor der Unvermitteltheit dieser Stimme lässt Anne, so heißt die Mutter des Jungen, den Deckel zu Boden fallen und rennt ins Wohnzimmer. Dort nimmt sie ihren Sohn in die Arme und schüttelt ihn sanft, ihn beschwörend doch noch etwas zu sagen. All ihre Bemühungen bleiben umsonst, der Junge bleibt stumm. Nach einer Mittelohrentzündung in seinem dritten Lebensjahr, veränderte sich sein Wesen. Er retardierte und verlor nach und nach seine Sprache.
Zur selben Zeit, hängt in einem Flur, der nur von der durch die Küchentür einfallenden Sommersonne beleuchtet wird, etwa auf Brusthöhe ein Halfter samt geladener Waffe an der Garderobe. Ole, der gerade von der Streife heimgekehrt ist, hat ihn arg- und gedankenlos, samt Uniformjacke der Schutzpolizei dort hingehängt und sitzt nun mit Maria, die unter einem Sackkleid ein kleines Bäuchlein zur Schau trägt im Wohnzimmer. Wären sie nicht so mit sich beschäftigt, würden sie vielleicht hören, wie Nathalie, den kleinen Tritt zur Garderobe schiebt und nach der Pistole hangelt. Dabei fällt die Jacke zu Boden, aber auch das anvisierte Objekt.
Nathalie schnappt sich mit ihren kleinen Händchen den Ballermann und schleift ihn, er ist schwerer als sie es erwartet hätte, ins Wohnzimmer. Dort angekommen hält sie ihn von sich gestreckt mit gesenktem Lauf und überlegt in Windeseile. Gut, ich habe einen Schuss, eine Kugel. Diese muss sofort treffen. Ich habe einen Versuch. Es machen sich Zweifel breit. Ich bin zu klein, die Waffe zu schwer, so wie ich sie halte, müsste ich mindestens vier Meter groß sein, damit die Kugel, wenn sie in dem Winkel abgefeuert wird auch trifft. Ihr Blick schweift vom Bauch des Vaters zu dem der Mutter. Was, wenn ich nicht treffe, wenn ich ihn nur verletzte. Er wird sicherlich sauer auf mich sein und mich vielleicht bestrafen? Was ist, wenn ich ins Gefängnis komme, wer kümmert sich dann um meinen Bruder? Was, wenn ich es nicht tue? Es muss eine andere Lösung geben. Ich brauche Zeit, ich muss überlegen.
Mehr Zeit bleibt nicht darüber nachzudenken. Ole hat sich nach dem ersten Überraschungsmoment langsam aus dem Sessel gepellt, auf dessen Lehne Maria immer noch fassungslos der Szene beiwohnt. Er nähert sich Nathalie, in deren Kopf ein Schreien lauter wird: jetzt, Jetzt, JETZT. Ole, greift kontrolliert nach der Waffe und dreht sie geschickt aus Nathalies Griff. Die Kugel steckt immer noch im Lauf.
Nach diesem Schockerlebnis verläuft jedoch die weitere Schwangerschaft Marias ruhig und normal. Auch der Sohn in Maria weigert sich, sich zu drehen, so dass am 05.05.1983, der errechnete Geburtstermin liegt bereits knapp eine Woche zurück, die Wehen eingeleitet werden müssen. Da Marias Bruder in wenigen Tagen seine erste Freundin Marion heiraten möchte, lässt Maria nur eine natürliche Geburt zu, auch wenn dies bedeutete, der Sohn müsse mit den Füßen zuerst aus ihr herausgepresst werden und so soll es dann auch sein. Das erste, das die Welt von dem Jungen zu sehen bekommt ist sein Hintern. Als er in der Welt angekommen ist, folgt der kräftige Schrei aus kräftigen Lungen und Maria kann zur Vermählung ihres Bruders gehen. Allerdings nicht ohne im Handgepäck einen Gummisitzring parat zu halten.
Im Familienschlafzimmer auf dem elterlichen Bett, warten Ole und seine Tochter, dass Maria ihnen den Neuankömmling präsentiert. Ole war die Woche über in der Kaserne und sieht seinen Sohn nun auch das erste Mal. Nathalie war während der Zeit, die Maria im Krankenhaus war, bei einer Kinderfrau, Tante Manuela, untergebracht. Maria legt das Bündel auf die Liege und setzt sich dazu. Die Welt des Mädchens ist erschüttert von Neugier, Mitgefühl und lauter Fragen, die in ihrem Kopf eine Salve abfeuern. Sie beugt sich behutsam über den Bruder, von dem sie vermutet, die Mutter hätte ihn vor der Tür liegen gefunden. Zaghaft zitternd bewegt sie ihren kleinen Zeigefinger auf das Augenlid des Jungen zu und schiebt es hoch, sie sieht den verdrehten Glaskörper und schaut die Mutter daraufhin fragend an. -“Schau’ noch einmal hin!“, sagt diese sanft. Sie lässt das Lid sinken und beugt sich wieder ganz dicht über das Gesichtchen ihres Bruders, der tief und fest schläft. Ihre Nase berührt die des Säuglings und nach Minuten, in denen sich ihre Atemströme miteinander vermischen, öffnet der kleine Mann seine Augen und sieht der Schwester direkt in ihre. Diese starrt unverwandt weiter in die nebligen blauen Iris. Bis die Pupillen des kleinen Mannes explodieren. Sie werden so groß wie vorher das neutrale Bleu war. Nathalie erkennt sich in der kleinen Reflektion ihres Spiegelbildes im glänzenden Schwarz der Augen. Die Kinder lächeln sich an.
Nach Minuten in denen die Blicke der Kinder in einander versunken waren, löst sich Nathalie als Erste und schaut wieder fragend zur Mutter. In ihrem Kopf halt eine Silbe, mit der sie so nichts anfangen kann. Diese Silbe ist „ené, ené, ené.“ Sie weiß nicht was dieses Echo bedeutet. Es ist eine Idee und ein Mantra gleichermaßen.
Maria nimmt milde lächelnd das hilflose Paket auf den Arm und intoniert ruhig -“Das ist dein Brüderchen, Nathalie. Er heißt …“ „ené, ené, ené“, dröhnt es in ihr, sie möchte es aussprechen, als Erste. „René.“, beendet Maria ihren Satz und schneidet ihr somit das Wort ab.
In Nathalie geht in diesem Moment eine Welt zu Bruch und das Glück über das namenlose Wunder vor ihr, zerbricht an der Bürde der Benennung in Korrelation mit Geburtstag und Ort. Nathalie beugt sich wieder über ihren René im Arm der Mutter und weiß, was Maria erst viel später einleuchten soll. Der Wiedergeborene hat einen beschwerlichen Weg vor sich. Das Mädchen zerfließt innerlich voller Traurigkeit und kann eine Träne nicht halten, die ins Gesicht des Jüngsten stürzt. Die Träne und der Bruder sind in dem Augenblick eins, für Nathalie.
Im Sommer des Jahres 1984 fährt die Familie in den Urlaub an den Werbellinsee. Dort begegnen sie den Schunkes. Nathalie verliebt sich sofort in Guido, den Jungen, der ungefähr 13 Jahre älter ist als sie selbst. Barbarabarbara, wie Nathalie die Mutti nennt und Klaus, der Vater haben eine sehr tiefe Wirkung auf das Mädchen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wird sie sich ihrer festen Körperhülle gewahr und dadurch ihrer Abgetrenntheit von der äußeren Welt und entwickelt so etwas wie Neid. Denn die Eltern von Guido und seiner Schwester kommen ihr um so vieles liebenswürdiger vor als ihre eigenen Eltern. Obgleich ihr der Begriff für dieses gellende Gefühl fremd ist, braucht es alle Kraft, um sich davon frei zu machen. Sie sucht nach einem Weg und findet als Lösung die Campingliege. Sie legt sich, schließt die Augen, kneift sie fest zusammen, so dass die Sonnenstrahlen gleißend in die Tränen beißen, die sich in den Augenwinkeln gebildet haben. Sie studiert den Klang dieser Strahlen und ihre Temperatur, kneift dabei immer mehr die Augen zusammen und verschluckt ihre Stimme. Ihr Körper wird immer fester, starrer. Sie empfängt. Sie stellt einen Draht auf. Sie merkt, wie sich jemand zu ihr auf die Seele, auf die Liege setzt und bildet sich im ersten Augenblick ein, es wäre René. Sie kann allmählich das Kneistern nicht mehr halten, sie muss zurückkehren, sie muss. Denn sonst würde sie der Stupor übermannen und sie würde das Atmen, das Leben aufgeben.
Beim Auftauchen spürt sie Unbehagen. Es könnte sein, es ist nicht der Bruder. Dieses ist die erste erfolgreiche Überlegung. Eine Überlegung in die objektive, äußere Realität. Was würde sie dann machen? Sie weiß, dass sie mit dem ersten Blick auf die Person, die sich da zu ihr gesetzt hat, vergeben sein wird. Sie würde sich verlieben und ihr Schicksal wäre von da an vorherbestimmt. Sie wäre nur noch Erfüllungsgehilfin. Sie überlegt weiter, während ihre Augen schon schmerzen und ganz rot werden.
Da mischt sich die Mutterstimme aus dem Hintergrund in die Situation: „Nathalie, schau mal! Mach mal die Augen auf!“
Nathalie weiß, dass sie nicht fragen darf. Sie muss irgendwie anders herausfinden, um wen es sich handelt und ob die Mutter ihr die Wahrheit sagen würde und da erfährt Nathalie das erste Mal, was es heißt, zu schwindeln. Denn Maria antwortet auf das Raten ihrer Tochter, es sei René, der dort auf der Liege säße. Nathalie spürt die entfesselnde Macht einer unwahren Aussage. Es löst in ihr ein Gefühl von Macht aus.
Es kann nicht René sein, die Person auf der Liege wiegt ungefähr zehnmal so viel. Also gut. Nach allem Abwägen und der Flunkerei der Mutter beschließt Nathalie die Augen zu öffnen und einen Blick zu wagen. Wenn es jemand untragbares wäre, würde sie die Schuld deswegen Maria zuschieben.
Es ist schwerer als gedacht, aber die kleinen Klüsen öffnen sich und in den Sonnenflecken und Lichtstrahlen erscheinen die sonnenverfärbten Haare von Birgit, der Tochter der Familie. Nathalie springt vor Wut von der Liege auf und schreit die beiden an: „Ich hasse euch.“
Maria steht perplex da, kann sich aber mit Birgit ein Lachen nicht verkneifen, was Nathalies Wut nur steigert.
Weihnachten und Sylvester liegen bereits mehrere Tage zurück. Es ist immer noch das Jahr 1984 und Maria geht mit ihrer Tochter spazieren. Sie zieht durch eine schneebedeckte Garagengasse einen Schlitten, auf dem Nathalie mit hochgelegten Beinen, in eine dicke Decke eingewickelt, gegen einen typischen Holzbügel lehnt, der verhindert, dass sie vom Schlitten schlittert. Nathalie folgt mit ihrem Blick ihrer Mutter, die eine pastelgelbe Winterjacke und eine rote Wollmütze trägt. Sie wundert sich, warum der Abstand zwischen ihnen nicht kleiner wird, denn sie möchte doch viel lieber neben ihr fahren. Das magische Denken des Kindes projiziert sich neben die lustwandelnde Mutter. Sie wünscht sich einen Kuss mit kalten Lippen auf die Nasenspitze. Der Blick weicht nicht vom Rückenteil der Steppjacke, als ein Ruck den Schlitten erfasst und sie an der Mutter vorbeisaust, sie jauchzt und schaut aus ihrer knietiefen Position an der Mutter empor in den Himmel, der Schlitten fällt wieder zurück, Maria läuft weiter.
Nathalies Blinzeln kitzelt die Wolken und es fängt an zu schneien. „Wie soll ich da heil herauskommen. Wenn die mich treffen, ist es vorbei mit mir in mir, dann bin ich wir in mir. Bitte nicht. Zieh‘ mich schneller, Mutter. Sie kommen auf mich zu, alle.“, denkt sie ratlos und versteinert in ihrer Position. Doch ehe sie es sich versieht segelt eine einzelne Flocke während des ganzen Spaziergangs direkt und frecher weise der Kleinen direkt auf den linken Nasenflügel, taut dort und perlt von ihr ab. Dahin ist die Symmetrie, würde da jetzt nicht noch eine zweite auf der anderen Seite landen. Noch steifer macht sich Nathalie, doch es hilft alles nichts, es bleibt die einzige Flocke. Das Zuckerwesen schmilzt dahin, einerseits vor Glück und andererseits erlebt sie dadurch das kalte Grauen.
Am nächsten Montag im Kindergarten sitzt Nathalie an einem von mehreren Tischen. Auf Zeitungen als Unterlage experimentieren die Kinder mit Wasserfarben auf Buntpapier. Das Thema ist Winter und so hält Nathalie, tief versunken in das Ziel einen Schneemann in das Bildformat zu bannen, fünf Pinsel in jeder Hand, wie einen Fächer aus Maccaroni. Neben ihr steht die Erzieherin und schaut und nickt aufmunternd Nathalie zu, die nach jedem Pinselstrich denkt, „fertig“. Fräulein Scholz spricht ruhig zu Nathalie: -“Das sieht sehr schön aus, Nathalie. Vielleicht malst du noch etwas Schnee um den Schneemann herum.“ Natalie antwortet in ihrem Kopf wie folgt: „Aber der bewegt sich doch, der fällt. Ich kann keinen Schnee malen, dann müßte ich ja das ganze Bild ausmalen und nur …“ kindliches Gebrabbel möchte aus ihrem Mund tönen, statt dessen sind ihre Augen fragend weit aufgerissen.
-“Du kannst auch nur die Flocken malen“, schlägt Fräulein Scholz Nathalie nach einer kurzen Pause vor.
Nathalies Augen blicken schräg an der Erzieherin vorbei und scheinen
„Wie, was?“, zu fragen.
-„Die Flocken, so …!“ Fräulein Scholz nimmt beherzt einen Pinsel zur Hand, der auf dem Tisch liegt und tupft mit weißer Farbe knapp neben das Bild eine weiße Flocke auf die Zeitung.
„Nicht! Oh.“, formuliert Nathalies Mund ohne Ton. Ihr Kopf nickt halb nach hinten vor Staunen und ihre Augen starren wie gebannt auf das gemalte Schneeatom.
Nach einer kreativen Pause, die Fräulein Scholz noch neben Nathalie ausharrt, nimmt sie einen Pinsel zwischen Daumen und Zeigefinger und die anderen verteilt sie zu einem noch dichteren Fächer auf der linken Hand. Sie taucht den Pinsel tief in das Töpfchen mit der weißen Farbe und tupft dann nach kurzem Zögern den ersten Klecks aufs Bild. Danach geht es ganz schnell: Zack, zack, zack. Wie ein Schwarm Krähen hacken die Pinseltupfer auf das Papier und hinterlassen einen besinnlichen Schneeflockensturm darauf. Leise rieselt es, als Nathalie abwägt und mit einem Pinsel, der wie eine drei Monate alte Zahnbürste aussieht die letzte Flocke genau dorthin legt. Nathalie malt.
Mit einem Mikrofon und dem Kassettenrecorder bewaffnet sitzen Ole und Nathalie in der Küche. Es fällt dämmrige Sommermorgensonne durch das Küchenfenster und bescheint die beiden von hinten. Maria ist mit dem Abwasch beschäftigt. Nathalies Bruder liegt im Schlafzimmer und schläft. Ole hält Nathalie das Mikro unter die Nase, abwechselnd, erst sich, spricht kurz hinein, dann ihr. Nathalie ist sichtlich überfordert. Obwohl sie sofort versteht, was der Vater da von ihr will, weigert sie sich strickt zu sprechen und schon gar nicht in dieses Objekt. Ole intoniert aufs Band, Test, Test, Test, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Dann Klicken, Spulen, Start. Test, Test, Test, eins, zwei tönt es aus der Konserve. Klicken, Spulen, Aufnahme: „Nathalie, sag mal Ball!“ Er führt das Mikrofon von sich weg und es rast auf Nathalies Gesicht zu. Sie weiß nicht, wie sie reagieren soll, sitzt einfach nur einfach da. Und starrt zur Tür hinaus auf die Flurgarderobe. Sie denkt ‚A‘. „Nathalie, sag mal Ball!“ Das Mikrofon zischt zwischen Ole und Nathalie hin und her. „Sag mal Ball!“ Klicken, Stopp. „Nathalie, sag Ball!“
‚Ich will nicht Ball sagen. Mein erstes Wort wird ganz gewiss nicht Ball sein. Wenn es All oder allah sein könnte. Aber du willst ja ausgerechnet Ball.‘ Nathalie ist hin und her gerissen zwischen dem Wunsch einfach zu genügen, um zu zeigen, dass sie alles versteht und ihre Ruhe zu haben, sowie ihren Vorsätzen. „Nathalie, sag mal Ball!“ Klicken, Aufnahme. Das Mikrofon klebt ihr am Mund und Nathalie hört, wie das Band bereits ihren Atem aufzeichnet. Stille und das Rauschen des Bandes, dazu klappert die Mutter mit dem dreckigen Geschirr vom Frühstück.
„Sag mal Ball! Komm schon, bitte. Nathalie, sag Ball!“ Klicken, Pause. „Scheiße! Bitte!“ Klicken, Aufnahme.
„Balla!“, Nein, das wollte ich nicht. Nathalie fühlt sich Hunde elend. Ich wollte anfangen mit a. A. A! Ach so, Balla. Na hoffentlich versteht er das‘, Nathalie hat damit fürs Leben eigentlich schon genug gesagt.
Am nächsten Tag warten René und Nathalie vor einem Bäcker, während Maria die Backwaren fürs Vesper einkauft. Es nähert sich den beiden ein Mann, dessen Augen hinter der dicken Brille aussehen wie volle Tassen abgestandener Pfefferminztee. „Hallo“, begrüßt er die beiden und Nathalie antwortet höflich zurück. “Wollt ihr mit mir in den Urlaub fahren?“, fragt er dreist die ahnungslosen Kinder. „Urlaub?“ fragt René. Altklug erklärt Nathalie ihm den Begriff Urlaub. „Da sind ganz viele Bäume, wie bei Opa Wolfgang. Wir müssen nur unserer Mama bescheid sagen, dann dürfen wir bestimmt mit.“
„Ich kenne euren Opa, ich heiße auch Wolfgang. Und nein, wir müssen uns beeilen, denn sonst verpassen wir den Bus“, werden die Kinder um den Finger gewickelt.
René sträubt sich ein bisschen, er möchte lieber auf die Mama warten. Aber dumm und naiv wie Nathalie ist und so sehr sie sich in den herrlichen Wald in Fürstenberg verliebt hat, nimmt sie ihr Brüderchen an die Hand: „Du kannst hier nicht alleine warten. Wir sagen Mama später bescheid.“
Damit sind sie in den Fängen des Kinderschänders. Dieser führt sie schräg und geschwind über die Straße ins Nachbarhaus, von wo Nathalie und René eigentlich leben. Im dritten Stock öffnet er die Wohnungstür. Die ganze Wohnung ist stockfinster und es dauert eine Weile, bis sich die Augen der Kinder an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Es dauert allerdings nicht lange, da werden die kleinen Händchen aus einander gerissen und René wird von Nathalie weggeführt. Nathalie schwant, dass das vielleicht doch keine gute Idee war. Spätestens als mehr Erwachsene in der Dunkelheit erkennbar werden und sich einer daran macht Nathalie in eine Kiste zu zwängen, in der sie mit angezogenen Beinen, einem anderen kleinen Jungen gegenübersitzen muss, der Deckel sich schließt, fällt ihr auf, was sie da angerichtet hat. Alles was sie denken kann ist: “Meine arme Mama“.
Es vergehen Stunden, Tage oder Wochen, in denen Nathalie in der Kiste hockt. Der Junge wurde vor einiger Zeit herausgeholt und durfte wahrscheinlich mit den anderen Kindern wieder spielen. Es dauert eine ganze Weile, bis Nathalie bemerkt, dass sie nun die Beine ausstrecken kann. Dieses Gefühl von Freiheit schenkt ihr Erleichterung und sie pinkelt sich vor Aufregung nicht zum ersten Mal in die Hose.
Ihre Gedanken spannen sich um den dunklen Raum. Sie verbinden sich zu einem Netzwerk aus Sternenkarten, Landstrichen und erwachsenen Menschen. So eine Behandlung ist ihr nicht bekannt und sie denkt wieder an den Höchsten, der sie in diese Situation geworfen hat. „Er muss mich ganz schön hassen, wenn er mich an diesen Ort schickt. Vater, lieber Gott, ich liebe dich doch. Warum das hier?“, seufzt sie tonlos unter Tränen in die stickige Luft.
Plötzlich hört sie Schritte nähern: „Schau mal, wen wir da noch ganz vergessen haben. Komm raus.“
Die Augen des Kindes akkumulieren in die Dämmrigkeit. Sie fühlt sich merkwürdig benommen. Sie liegt nicht mehr halb verbeult, wie angenommen, sondern wird auf einen Tisch gesetzt. Die noch mal potenzierte Beinfreiheit erlebt Nathalie als Geschenk. Sie schaukelt sogar mit den Beinen. Rhythmisch donnert sie dabei zu den Geräuschen im Raum gegen das Tischbein. Links neben ihr sitzt ein kleiner Junge und rechts ein etwas größerer, aber dennoch jüngerer Junge als der linke. Sie sitzt auf einem Berg aus Fleisch, so fühlt sich der Moment jedenfalls an. Auf dem Boden erkennt sie die Schemen ihres Bruders und eins, zwei anderer Mädchen. Nathalies Fuß knallt rhythmisch gegen das Bein des Fetten unter ihr gegen das Tischbein. Die Vibrationen übertragen sich auf die Deckenlampe eine Etage tiefer. Der Rhythmus geht wie folgt: „Oh ja, mhm, weiter, bumm bumm bumm, ja, bum bumbumm. Ich komme, bumm bumm bum.“ Nathalie webt einen Klangteppich und der ganze Raum versetzt sich in Schwingung, die sich über Sabrina entladen, das andere kleine Mädchen Jeanna wirkt apathisch und schaukelt mit dem Oberkörper versunken hin und her. Der Bruder greint ohne Tränen Unbehagen aus sich. Plötzlich donnert es gegen die Tür. „Polizei“, ruft jemand. Die Wohnungstür wird aufgestemmt und das Licht zerreißt gleißend die Schwärze, dann ist es wieder dunkel. Im Wohnzimmer stehen, der Vater, sein Kollege Hartmut in voller Polizeimontur, ein weiterer Mann, der Nathalie vom Sehen her bekannt ist und eine Polizistin namens Kerstin. Kerstin redet auf Nathalie ein und sie saugt jedes Wort auf. Sie hört so gut zu, dass die Redende, daraufhin alles vergisst, was sie gesagt hat. Nathalie saugt die Worte der anderen auf, den Stimmen- und Geräuscheteppich, wie ein überaus durstiger Schwamm.
Die drei Männer nehmen die Kinder auf den Arm und tragen sie aus der Wohnung. Kerstin bleibt bei Nathalie, für die dieser Überfall noch mal schockierend daher kommt. Immer mehr Polizeibeamte drängen in die Wohnung. Kerstin bleibt ganz dicht bei Nathalie und sie gehen durch die gesamte Wohnung, nachdem der ganze Ring aufgeflogen und in Handschellen abtransportiert wurde. Bei der Beweisaufnahme erklärt Nathalie so gut es geht. Danach stiehlt sie sich in die Küche und verzehrt die dortigen Reste, legt das Geschirr ordentlich in das Spülbecken und endlich, als alle sich zum Gehen sammeln, ist Nathalie die letzte, die das Licht in der Wohnung ausknipst und die Tür zu zieht. Kerstin versiegelt den Tatort und bringt das Mädchen auf die Straße, wo ihr Bruder und ihre Mutter mit Vater bereits warten.
Am nächsten Morgen hat Nathalie das Gefühl aus einem Alptraum in den nächsten aufzuwachen. Sie liegt in ihrem Bett und starrt an die Zimmerdecke. Sie kann sich nicht bewegen. Erst, als sie aus dem Bett der Eltern Bewegung hört, löst sich die äußerliche Starre. Die inner Blockade bleibt. Auf Maria macht Nathalie einen merkwürdig verschlossenen Eindruck. Sie lächelt nicht wie sonst und spricht wieder kein Wort. Und wieder ist da die Polizistin Kerstin, die einen Zugang zur Kleinen findet.
„Ihr geht es nicht gut, was können wir machen.“
„Am Besten wäre, sie bringen sie wie gewohnt in die Kita. Ich werde in ihrer Nähe bleiben“, schlägt die Polizistin vor.
Ole packt seine kleine Tochter an den Schultern und drückt sie an sich. Nathalie wiederum fügt sich in die Umarmung ohne eine Miene zu verziehen. Eine Haarsträhne löst sich aus dem ohnehin schon schräg sitzenden Zopf und fällt ihr ins Gesicht. Sie macht keine Anzeichen, sie wegzuwischen.
„Schau dir doch mal ihr Gesichtchen an. Es ist starr wie eine Maske. Wir sollten sie heute vielleicht zu Hause lassen und nicht in den Kindergarten geben.“ Jäh bricht in Nathalies Gesicht ein Gewitter los. Die Muskulatur verkrampft und auf ihrer Stirn bildet sich ein Grübchen, das sich im Purpurrot des Zornes verfinstert. Nathalie kneistert die Augen und starrt ihre Mutter unverwandt an. Hass, das ist alles, was sie ausstrahlt.
„Sie ist doch nicht krank. Ich bring sie jetzt in die Kita.“ Nach dem Frühstück setzt Ole Nathalie auf die Bank im Kinderzimmer und zieht ihr die gelben Gummistiefel mit dem roten Rand an, da es gerade aufgehört hat zu regnen und er weiß, dass das Nathalies Lieblingsschuhe sind. Der Schock heute zu Hause bleiben zu müssen, sitzt bei Nathalie genauso tief.
In der Kindergartengruppe spielen die Knirpse gerade im Sandkasten, auf dem Klettergerüst oder zerren den Hortnerinnen am Rockzipfel. Ole übergibt Nathalie am Eingang an Fräulein Scholz, einer jungen ambitionierten Kindergärtnerin, die nichts aus der stoischen Ruhe bringen kann. Kerstin verzieht sich ins Abseits und beobachtet das Treiben aus der Ferne. Nathalie lässt zu, das Fräulein Scholz sie an die Hand nimmt und geht an ihrer Seite hinaus in den Garten, wo die Kinder wie gefallenes Laub hin- und herwuseln. In einer hinteren Ecke sitzt Gereon Gordon. Der etwa fünfjährige, merkwürdig versunken wirkende Junge schaukelt sich hin und her, brummt und malt mit einem Stöckchen Zeichen in den feuchten Sand. Fast sieht es aus, als schrieb er.
Fräulein Scholz setzt Nathalie an der Buddelkiste ab und läuft zu einem kleinen Kinderauflauf, der sich um ein zankendes Pärchen von Vorschulkindern gebildet hat. Der eine holt gerade aus, um dem anderen eins auf die Nase zu geben, während sich der andere in den Haaren des einen festkrallt. Mit gutem Zureden schafft es Fräulein Scholz, die Kinder in jeweils eine andere Ecke des Hortus zu leiten und es fällt nicht auf, dass sie sich dabei nicht einmal nach den anderen Erzieherinnen umschaut, ob ihr nicht eine zur Hilfe kommen könnte. Sie hat die Situation und die Kinder bravourös im Griff.
Nathalie sitzt immer noch im Sandkasten. Ihr Körper ist angespannt. Sie scheint mit ihren Wahrnehmungen außerhalb des Kontinuums zu weilen, wagt es dabei aber nicht den Blick schweifen zu lassen, geschweige denn, den Kindergarten nach einem Spielkameraden abzusuchen. Würde man sie vergessen, sie würde sich keinen Zentimeter vom Fleck bewegen. Gereon Gordon, der mit seiner Selbstvergessenheit nichts von dem Streit mitbekommt, zeichnet im Schutz des raschelnden Laubbaumes, unter dem er sitzt, organische Kreise und Quadrate, Rechtecke und Linien in den Sand, dass diese Karte mittlerweile wie ein Spalier von Häusern aussieht. Er holt etwas aus seiner Hosentasche, einen Würfel, der statt der Sechszahl eine große ovale Null hat, als Nathalie unvermittelt aufsteht. Sie geht auf direktem Wege zu Gereon Gordon hinüber und schlägt ihm das kleine Objekt aus der Hand. Mit einer weiteren scheinbar unkontrollierten Bewegung des Fußes wischt sie die Formen weg, sie verlieren sich in einer Hügel- und Kraterlandschaft aus matschigem, graubraunem Boden. Der Bann ist gebrochen, Nathalie steht plötzlich wieder da mit Gliedern so steif wie eingefroren. Der Wind frischt auf. Es fängt mit Mal wieder an zu regnen. Die Wassermassen fallen wie eine Wand auf das Gesicht, das Gereon Gordon in den Himmel reckt, von einem zufriedenen Grinsen gezeichnet. Die Hortnerinnen scheuchen durch den Kindergarten und rufen ihre Schäfchen zusammen. Gereon Gordon schnappt sich Nathalies Hand und führt sie ins Haus, wo ein Geschrei ausbricht, das von Freude über die nassen Haare und noch mehr Entzücken über die sandigen Fußspuren auf dem Fußboden zeugt. Die Polizistin immer in sicherem Abstand.
Die darauf folgenden Abende ist zwar der Vater immer abwesend, jedoch sind immer Freunde von Maria und Polizisten in der Wohnung, die die beiden Kinder beobachten und mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Marias Kumpel Mischa kümmert sich besonders um Nathalie und diese ist durch das Erlebte eher Maria Magdalena als heilige Jungfrau. Sie wirft sich an den Kumpel. Dreht und wendet sich lasziv wie ein Lachs auf dem Tisch vor Mischa und versucht alles, ihn nach Strich und Faden zu verführen. Als die Meute sich im Schlafzimmer auf sämtliche Matrazen, Gästebetten und Betten zum Schlafen begeben haben, funkt es. Nathalie drückt dem zehn Jahre älteren Mischa einen dicken Kuss auf den Mund. Dieser küsst sie zärtlich zurück. „Nun darfst du dir zehn Jahre nicht die Zähne putzen.“, kontert die frisch gebackene Lolita.
Als sich Nathalie zur Ruhe begibt, fällt sie in heftig bewegte Träume. Sie denkt daran, wie sie auf die Welt geschickt wurde. Sie wurde in ihren Körper mehrfach gebeamt, weil sie hier nicht bleiben wollte, sondern immer wieder zu ihrem Vater zurück in den Himmel wollte Es brauchte mehrere Anläufe, bevor sie endlich unten blieb. Es lief wie folgt ab: Nathalies Seele schoß während ihrer Geburt wieder in den Himmel. Ihr Vater, Christian Müller oder der liebe Gott schüttelte sie prompt wieder ab. Sie landete wieder in ihrem Körper, tat ihren ersten Schrei und beamte sich wieder zurück zum Vater, der sie daraufhin wieder abschüttelte. Dieser Prozess wiederholte sich 8 mal. Beim achten Mal erwartete sie im Himmel nicht der Vater, sondern die Schechina, die so hässlich ist wie die Nacht mit ihrem Schleier aus Haaren vor dem Gesicht. Die Gottmutter jagte ihr so einen Schrecken ein, dass Nathalie in ihre irdische Gestalt schlüpfte. Die Ärzte atmeten auf und legten Nathalie in einen Brutkasten. Um sie herum lagen die Babys selenruhig mit offenen Augen und starrten in die dämmrige Umgebung, alle erleuchtet von dem eben Zugetragenen.
An einem der darauf folgenden Abende, die Polizisten wurden langsam wieder abgezogen, bettelt Nathalie bei Maria, sie in den Kindergarten des Cousins zu geben. Sie würde so gern weg von Schöneweide. Das Flehen ist erfolgreich und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bittet Nathalie Maria ihr ein Käsebrot zu schmieren, denn Käse kann sie so gar nicht leiden, weiß jedoch, dass dies die Gelegenheit wäre, über die Abneigung hinwegzukommen. Wenige Stunden später wird Nathalie mit einem Polzeiwagen nach Pankow gefahren. René wurde dabei von Nathalies Gedanken abgenabelt. Der Kummer hat die Nabelschnur zwischen den Geschwistern aufgeweicht.
Am nächsten Morgen wachen Nathalie und ihr Cousin auf und machen sich für die Kita zurecht. Die Tante soll den ganzen Tag dabei bleiben und auf Nathalies Stimmungen achten. Beim Betreten der Kindergartengruppe, ist Nathalie die erste die das Wort ergreift: „Hi!“ Pause. „Wir kennen uns zwar nicht, aber das können wir ja ändern.“ Danach schweigt sie den ganzen Tag. Bei einem Spaziergang mit der Gruppe durch die nahe liegende Gartensiedlung, taxiert Nathalie die Kinder. Ihr fallen zwei Burschen auf. Dem einen fehlt ganz offensichtlich eine Hand. Die Erzieherin erklärt ihr, das sei ein Stumpf. „Aha, ein Stumpf, verstehe. Äh.“ Der zweite Junge wirkt wie eine Wahnvorstellung und als Nathalie sich wünscht, dass er sie küsst, braucht sie nichts weiter zu tun, als den Gedanken zu Ende zu denken. Der Junge Sascha Falke fegt auf die verwundete Nathalie zu und küsst sie auf die Lippen. Dieses Gefühl ist zu viel für Nathalie, ihre Dauer brennenden Stromkreise, erleiden einen Kurzschluss und sie stürzt in Ohnmacht. Ihr Cousin kratzt sie vom Bordstein auf und der Spaziergang kann weiter gehen, nämlich zurück zur Tagesstätte.
Zur Mittagsruhe legt man Nathalie auf eine 1,50 m langen und 60 cm breiten Klapppritsche. Ganz dicht neben ihr schläft bereits ihr Cousin. Sie braucht nur hinüber zu greifen, um seine Hand in der ihren zu halten. Sie spielt mit dem Gedanken, denn einmal mehr liegt sie nur da und findet keine Ruhe. Sie stellt sich vor, dann besser einschlafen zu können, würde sie ihres Cousins Händchen halten. Langsam tasten sich die Fingerchen des Mädchens unter der Bettdecke hervor und schieben sich unter die des vermeintlichen Basen. Sie sucht die Hand des ein Jahr Jüngeren. Da wiederum greift die Hand des Bettnachbarn nach Nathalies und packt sie sich auf das Genital. Das Mädchen ist überrascht, traut sich aber auch nicht nachzusehen, wer denn da neben ihr liegt. Doch der Lösung dieses Problems wird sie sich, durch das Aufschieben des Vermeidlichen, nie mehr nähern, denn als die Erzieherin mitbekommt, was sich dort zwischen den beiden anbahnt, reißt sie den Jungen am Arm aus dem Bett. Im selben Atemzug wird vor der völlig perplexen Nathalie die Pritsche des Jungen aufgerichtet und verdeckt somit aus ihrer Perspektive die Sicht auf den anderen. Das Mädchen bleibt mit der vagen Idee zurück, es könnte der Junge gewesen sein, der sie so aus dem Nichts heraus küsste und auf die Bretter schickte.
Nach diesem Fiasko beim Mittagsschlaf und dem wieder frisch auf gekeimtem Verantwortungsgefühl für ihren kleinen Bruder beschließt Nathalie sofort wieder in die alte Kita zu gehen, in der Gereon Gordon …, in der immer noch jemand auf sie wartet.
Am selben Abend befinden sich Nathalie und Ole im Wohnzimmer. Ole möchte mit seiner Tochter üben und eine Sprachaufzeichnung anfertigen. Das liegt vielleicht an seinen Nebenbeschäftigungen. Während sich Maria liebevoll um René kümmert, sitzt er vor ihr und summt ins Mikrofon: -„Wer war das Nathalie?“ Das Kind ist wieder einmal sprachlos ob der Unverfrorenheit. -„Wer war das? Komm schon, Nathalie!“ Diese grübelt: ‚Wie komme ich da jetzt wieder heil raus, immerhin hört die Maschine mich bereits atmen und mein Name ist jetzt auch schon gefallen. Ich kann also genau so gut antworten.‘ Und durch das ganz genaue Hinhören auf die Frage, das Rauschen des Bandes und das Klicken der Knöpfe ist es, als würde die Antwort aus ihr heraus gesogen. „Gordon“, entfährt es ihr. Sie ist zufrieden. „Und wie weiter?“, fährt Ole mit dem Kreuzverhör fort.
Ratter, ratter, ratter kullern Nathalies Gedanken durcheinander. Wie bei einem Murmelspiel klickert eine passende Retour erst in den Radius ihrer Wahrnehmung, dann auf ihre Zunge. „Erdmann!“, läßt sie keine Fragen offen.
Hernach ist René an der Reihe. Oles Verhöre sind verpackt wie schillernde Bonbons.
-„Mein Sohn, was wünschst du dir vom Weihnachtsmann? Komme bitte mal her und erzähle es mir.“
- „Also.“ Mit Betonung auf dem l, so das es klingt wie Alllso. „Ich wünsche mir einen Panzer und Sodaten und einen der steht und einen der sitzt und einen der noch mehr sitzt. Und Matchboxautos.“ Klick, das Verhör ist beendet. Jetzt wendet sich Ole wieder an Nathalie: „Sag’ Nathalie, was wünschst du dir vom Weihnachtsmann?“ Schweigen und das Rauschen des Bandes beherrschen den Raum, bis René mit seiner Kindchenstimme aus sich herausplatzt und Nathalies Gedanken, sehr zaghafte, zu Protokoll gibt: „einen Pullover und eine Spange“. Klicken und Aufwickeln des Mikrofonkabels bedeuten wohl das Ende der Unterhaltung. Danach verschwindet Ole in die Nacht und Maria bleibt mit den beiden allein zurück.
Als sie sie ins Bett bringt unterhalten sie sich in einem sanften Ton, den nur Maria beherrscht. „Schuhshchuhschuh“, säuselt sie. Dann fragt Nathalie: „Mama, wer ist der Opa?“
- „Der Opa ist der Papa von deinem Papa!“
„Nein, das kann nicht sein, der Papa von Papa, das ist nicht richtig.“
- „Doch, Papa von Papa ist der Opa und Mama von Papa ist die Oma Jördis.“
„Nein, Iiiiieh. Nein.“
- „Mama und Papa sind deine Eltern.“
„Nein, Mama und Papa sind Mapa, Mapa, Mapa.“, Nathalie dreht sich weg, und tut unter Tränen so als schlief sie. René liegt eng an Maria gekuschelt und pfeift leise beim schlafen.
Maria erzählt flüsternd weiter. Sie ist sich sicher, dass die Tochter noch aufmerksam zuhört: - „Also, Bevor René auf der Welt war, bildeten unsere Initialien das Wort omni, siehe Ole, Maria, Nathalie und Ingela. Als wir dann unsere eigene Wohnung bezogen und die Oma auch in ihre neue Wohnung zog, dein Brüderchen zur Welt kam, seit dem stehen unsere Initialien für die norm, nach Nathalie, Ole, René, Maria. Mitsamt der Oma Ingela könnten wir unsere Buchstaben auch zu „morning“ zusammenpuzzeln. Aber jetzt schlaft schön. Ich stehe immer zu euch. Ich passe immer auf euch auf. Ich liebe euch zwei.“
Als die Mama das gesagt hat, öffnet Nathalie kurz die Augen und schaut über die Schulter Maria an. Maria registriert diesen Blick mit einem Lächeln. Dann deckt sie beide zu und geht hinüber ins Wohnzimmer, wo ein Berg Wäsche auf sie wartet.
Heute ist Fasching in der Kita. Nathalie ist super glücklich über ihr Kostüm. Sie darf als Bäckerin gehen. Eine große Brezel ziert ihre Schürze und auf dem Kopf trägt sie eine Kochmütze. Die pepita-karierte Kochhose gefällt ihr außerdem. Sie ist stolz wie Bolle, als sie sich mit ihrer Fräulein Scholz ablichten läßt. Im Anschluss an das Foto fragt sie sie: „Wie heißt eigentlich der Papa, wenn ich Bäckerin bin?“ Während des Mittagschlafes kommt noch einmal Fräulein Scholz an ihre Liege und antwortet beinahe lachend: „Wahrscheinlich Christian Müller.“ Das ist ein Name, an dem man sich festhalten kann. Sie wird sich von ihm finden lassen.
Das nächstmögliche Wochenende nimmt Ole Nathalie mit dem Zug mit zu seinen Eltern. Die beiden freuen sich sehr auf ihre Enkeltochter. Die Anreise mit der S-Bahn zum Alexanderplatz ist für Ole eine kleine Herausforderung. Das Gepäck geschultert, die Kleine anflehend, mit ihm Schritt zu halten und den Zeitplan vor Augen war er bereits gestresst, als Maria ihn in der Tür verabschiedet, René im Arm wiegend.
Doch seine Rechnung geht auf und sie besteigen pünktlich den Zug in Richtung Steinhavelmühle in Fürstenberg an der Havel. Für Nathalie ist es Zeit sich auszuruhen, denn normalerweise schläft sie um diese Uhrzeit ihren Mittagsschlaf. „fix me, fix me.“, intoniert sie ganz schlaftrunken. Ole ist froh, als das Kind kaum abgesetzt in der Sitzreihe hinunterrutscht und einschläft. „Wie bitte?“, vergewissert er sich. „fick … s me“, leiert Nathalie nur noch. Er knöpft dem dösenden Mädchen die schwere Kordhose auf und zieht sie ihr samt Schuhwerk aus. Nathalie bekommt bloß mit, wie ihr Vater an ihren Beinen beschäftigt ist, er wischelt und wuselt mit einem sehr weichen Finger an ihr herum und spätestens als sie das mittlerweile doch vertraute Klicken der Tasten des Kassettenrecorders vernimmt, Oles ganzer Stolz, verweben sich ihre Träume mit dem Rattern der Eisenbahn auf den Gleisen. Sie denkt Ole hätte wieder diese Taste mit dem roten Punkt gedrückt, die macht, dass man die Dinge viel genauer hört als sonst auch schon. Sie hört Stimmen, die sich in ihrem Kopf einen Wettstreit liefern, ihre Stimme schreit: „Ah.“, eine andere fragt: „Balla?“ und wieder eine andere ruft: „Hilfe!“ Zuerst verwebt Nathalie den Buchstaben A mit dem Zug/Schienen-Geräusch, dann das h. Um den Buchstaben A spult plötzlich das Wort Balla und aus dem h wird das Hilfe abgefeuert. Rattatatatam, Pfeifen, Klicken, Stones. Das 1983er Album live, mitgeschnitten am Vortag im Badezimmer, weil dort der Empfang am besten ist und Ole sich einschließen konnte, um ungestört beim Hörgenuss zu sein. Musik zur Droge, zu dieser Zeit und an diesem Ort funktionierte es irgendwie wie überall, wird nun heimlich im Zug wiedergegeben in einem Abteil, in dem Ole sich mit seiner Tochter hinter zugezogenen Gardinen versteckt, einen Finger immer an der Stopptaste, den anderen in Natalies Höschen.
Nach einer Nacht, an die sich Nathalie beim besten Willen nicht erinnern kann und einem Morgen, der auch da gewesen sein muss, schwelgt sie nun im großen Ohrensessel ihres Opis, sein ganzer Stolz. Durch das geöffnete Wohnzimmerfenster hört man die nahe Havel rauschen. Innen ist es hell und augenscheinlich entspannt. Nathalie sitzt und lauscht den Märchen der Gebrüder Grimm die unter Knistern und Knastern von der Langspielplatte kommen. Der Opa hockt neben dem Sessel. In ihrem Kopf reimt Nathalie die Buchstaben und Zeichen auf dem Plattencover zu einem Sinn zusammen, während ihr Finger die Zeilen entlangfährt. Sie erkennt bereits einzelne Buchstaben und kurze Wörter, nur artikulieren kann sie sie noch nicht, dass der Opa es ihr abnehmen würde. Wenn dieser Zeitung liest und Nathalie, ihm gegenüber sitzend auf den Buchstabensalat blickt, formen sich ganz unwillkürlich Muster in ihrem Kopf. Sie ist sich sicher, dass sie liest. Das, was sie liest, versteht sie allerdings nicht bis in seine Einzelheiten. Doch darauf kommt es nicht an. Die Essenz sind die Buchstaben, ihre Freunde.
Ein bißchen gruselt sie sich immer, wenn sie Märchen mit ihrem Opa hört. Nathalie rutscht im Sessel immer tiefer und die Lider fallen schwer, schwerer. Das müssen die Nachwirkungen des langen Fussmarsches von der Eisenbahnstation zum Haus ihrer Großeltern sein. Ihr Körpergefühl sagt ihr, dass etwas nicht stimmt. Er fühlt sich an, als wären Kopf, Rumpf und Schoß von einander getrennt. Wie durch einen Schleier hört sie die Stimme von der Platte. Sie würde gern die Lautstärke leiser stellen, fühlt sich aber wie benebelt. Nathalies Gedanken verweben sich mit der Geschichte von der Platte und so wird sie zur Prinzessin und ihr Opa wird der Prinz. Sie hat keine Möglichkeit mehr zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Das Plattencover, das sie wie eine Mauer auf ihrem Bauch festhält, versperrt die Sicht auf die Tür. Sie ist fast eingeschlafen, da hört sie jemanden im Flur an der Tür rütteln. Sie ist verschlossen. Der Nebel senkt sich immer schwerer auf ihre Glieder. Es ist als sickere sie in tiefen Morast. Sie möchte gern etwas sagen, dass die Geschichte zu laut sei, dass sie schlafen möchte. Eine silbrige Träne kullert ihr die Wange herunter und wird vom Stoff des Sessels geschluckt. Alles was sie denken kann ist A. Plötzlich wird es leiser. Sie dreht sich zur Musikanlage, wo ihr Opa steht und schläft ein.
