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Niemand beachtet ihn, den Fremden. Über sein kantiges Gesicht huscht ein schlaues Lächeln. Er weiß, wie die Roggenauer zu ihrem Wohlstand kamen. Weit über die Grenzen der Oberlausitz hinaus ist die Stadt berühmt für ihr würziges Schwarzbier und ihre Tuche, edel und robust. Doch allzu ehrgeizige, allzu gierige Wünsche ergreifen Besitz von den Roggenauern. Bald schon werden sie bereit sein, ihre Wurzeln zu vergessen und...zu verraten. Sind sie noch zu retten, die Roggenauer ? Wer weiß, flüstert er, sie besitzen einen Schatz, von dem sie keine Ahnung haben. Noch. Und er weiß auch, Geschichte ist niemals einfach so zu Ende...
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Murun Trhür
Sagenhaft,
wie zwei Fremdlinge
die Oberlausitz unterwandern
Niemand beachtet ihn, den Fremden. Über sein kantiges Gesicht huscht ein schlaues Lächeln.
Er weiß, wie die Roggenauer zu ihrem Wohlstand kamen.
Weit über die Grenzen der Oberlausitz hinaus ist die Stadt berühmt für ihr würziges Schwarzbier und ihre Tuche, edel und robust.
Doch allzu ehrgeizige, allzu gierige Wünsche ergreifen Besitz von den Roggenauern. Bald schon werden sie bereit sein, ihre Wurzeln zu vergessen und...zu verraten.
Sind sie noch zu retten, die Roggenauer ?
"Wer weiß", flüstert er, "sie besitzen einen Schatz, von dem sie keine Ahnung haben". Noch.
Und er weiß auch, Geschichte ist niemals einfach so zu Ende...
Murun Trhür
Dame Ralf Steinfeldt
ISBN 978-3-7375-3998-2
Copyright 2015 Ralf Steinfeldt
02994 Bernsdorf, Alte Schulstraße 17
Herstellung und Vertrieb:
epubli-GmbH 10969 Berlin, Prinzessinnenstraße 20
Cover: Susanne Steinfeldt, Bernsdorf
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Sagen und Märchen
schlummern wie ungehobene Schätze
im Gedächtnis eines Volkes,
sagte ein Träumer.
Erst, wenn wir sie lesen,
entfalten sie in uns
ihre ursprüngliche Kraft
zu lebendiger Phantasie im Alltag.
Märchen und Sagen
sind etwas für Träumer, Spinner und Kinder,
sagte ein Realist
und rannte schnurstracks in den Supermarkt,
wo er mit leuchtenden Augen
für 9, 99 Euro
den ewig grießbreikochenden Kessel kaufte.
Irgendwo in der Oberlausitz liegt das kleine, idyllische Städtchen Roggenau. Im Südwesten erhebt sich die Krallenhand, eine Gruppe von fünf schmalen, kantigen Felsen. Gierig greifen ihre Finger nach den Wolken, die zur Stadt herüberziehen. Im Norden begrenzt ein sanfter, breiter Hügel die Siedlung, der Thormar. Ein wenig nur unterhalb seines bewaldeten Gipfels, im Schatten riesiger Tannen entspringt recht unscheinbar die Nadjeschdau. Wie der krumme Schnitt eines Tortenmessers teilt der Fluß die Stadt und macht sich gurgelnd und plätschernd auf seinen langen Weg gen Norden.
Seit Menschengedenken trugen seine kleinen, silberhellen Wellen die Hoffnung nach Roggenau. Wenn auch die Stadt im Laufe der Jahrhunderte oft gebrandschatzt wurde, von fremden Soldaten geplündert, von Unwettern heimgesucht, von Ränkespielen der Mächtigen als Zankapfel mißbraucht und wieder weggeworfen, so stärkte die Nadjeschdau doch stets auf's Neue den Roggenauern den Rücken, stillte ihren Durst nach Lebensfreude, beflügelte ihre Phantasie.
Wem es gelang, mit seinem Blick eine der silberhellen Wellen festzuhalten, dem flüsterte der Fluß etwas ins Ohr. Etwas, woraus die Seele Wünsche spinnen konnte. Und nicht nur Wünsche wurden gesponnen in Roggenau. Die Stadt war eine Hochburg der Weber und Tuchmacher, die auf gutes Wasser angewiesen waren. Die feinen, robusten Tuche waren über die Grenzen der Lausitz hinaus begehrt und brachten dem Ort Ansehen und Wohlstand. Die Gilde der Tuchmacher marschierte bei den Volksfesten ganz am Schluß, so groß war ihre Bedeutung. Die Tuchmacher wußten, daß sie dem kraftspendenden Wasser der Nadjeschdau zu Dank verpflichtet waren. Und so liebten und pflegten die Roggenauer ihren Fluß und sie leiteten das belebende Wasser mit großem handwerklichen Geschick zu verschiedenen Brunnen in alle Ecken der Stadt.
Schließlich sprudelte das Wasser der Nadjeschdau auch aus den aufgerissenen Mäulern dreier bronzener Lachse inmitten des Sagenbrunnens auf dem Markt.
Sieben steinerne Sagenfiguren standen ringsum auf dem Sims und schienen die Fische dabei zu beobachten.
Im grellen Sonnenlicht waren sie zwar beeindruckende Zeugen für eine sehr reiche Phantasie der Oberlausitzer, aber so grau und teilnahmslos, wie sie da standen, machten sie keine Anstalten, in das Tagesgeschehen der Roggenauer einzugreifen. Ganz anders jedoch in der Nacht, wenn tiefe Stille über dem Markt lag. Wenn der Vollmond neugierig um den Brunnen schlich. Das kalte ,fahle Licht streichelte und belebte die eben noch stummen Figuren, eine nach der anderen und sie begannen leise miteinander zu flüstern.
Der Malzmönch langte mit der Schöpfkelle in das sprudelnde Wasser und prüfte es auf seinen Geschmack wie einst das Bier. Er brummte etwas wie Zustimmung und sein Blick traf Frau Holle nicht weit weg von ihm. Sie wiegte vorsichtig ein eingewickeltes Kind und sang ihm leise ein Schlaflied, begleitet vom tröstenden Plätschern der Nadjeschdau. Ein lauernder Blick voller Heimtücke traf die Holunderfrau. Den Wassermann störte die Harmonie. Blassgrün vor Ärger beugte er sich weit vor über den Sims. Der Fischschwanz spannte sich wie ein Bogen, als wollte der Wassermann sogleich in den Brunnen springen und das Kind mit sich in die Tiefe ziehen. Das gelblich schimmernde Irrlicht bot den Fischen den Rücken. Schadenfroh grinste es rückwärts über die Schulter, als freute es sich über das erfolglose Bemühen des Wassergeistes. Erst jetzt erfaßte das fahle Licht einen Lutki, der schwer zu schleppen schien. Von allen unbemerkt stahl sich der Kobold gerade eben davon mit einem Sack voll Silber. Der Zipfel seiner langen Mütze verbarg zur Hälfte das schlaue Leuchten seiner schmalen Augen. Das tief gebückte Ascheweibchen beachtete das Treiben des Lutki nicht. Leise klagend schwang es den Besen in die Richtung zum Rathaus hin. Warnte es etwa schon vor einem Brand des prächtigen Gebäudes ? Schwächer wurde das Mondlicht bei seiner eifrigen Wanderung. Doch traf es noch auf eine Frau mit einem langen Kopftuch, die gerade einen Riesenschritt nach Süden machte. Die scharfe Sichel in ihrer Hand zeigte genau dorthin, wo die Mittagsfrau zwischen 12 und 13 Uhr auf ihre Opfer wartete. Leichtsinnige, die es wagten, in der Mittagshitze auf dem Feld zu arbeiten, konnten von ihr erschlagen werden.
Zwischen dem Ascheweibchen und der Mittagsfrau lag schwer der sagenhafte Rebaunzeppus, der Stein des guten Rates.
Dem Panzer einer Schildkröte ähnlich, besaß dieser Fels ein so auffallend gewölbtes Ebenmaß, als hätte ihn ein Steinmetz bearbeitet. Für die Roggenauer war dieser Stein dereinst von großer Wichtigkeit. Immer dann, wenn die Ratsherren am Ende ihrer Weisheit waren, wurde der Rebaunzeppus befragt, von drei ausgewählten Stadträten und stets in tiefer, stockdunkler Nacht. Stets gab der Rebaunzeppus sehr seltsame Ratschläge, doch niemals war den Roggenauern daraus ein Schaden entstanden.
Auf dem Rebaunzeppus aber saß eine Figur, die in der ganzen Lausitz einmalig war. Es war ein Zwerg mit einem riesigen Hut. Niemand in Roggenau wußte zu sagen, wer dieser kleine Kerl war. Der Baumeister des Brunnens weilte schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Er war dereinst unter merkwürdigen Umständen am Thormar verschollen und ward nie mehr gesehen. Auf der Zeichnung des Brunnens, die er hinterlassen hatte, waren nur sechs Figuren zu sehen. Diese siebente Gestalt hier war gar noch kleiner als das Irrlicht ihm gegenüber, hatte dafür aber diesen unverschämt großen Hut.
Knapp unter der Krempe des Hutes ,über den breit ausladenden Wangenknochen lugten zwei zu Schlitzen verengte Augen hervor, die sich über den Betrachter lustig machten und sich frech weigerten, dieses Rätsel zu lösen.
Statt sich jedoch mit solcherlei Rätseln zu beschäftigen, waren die strebsamen Roggenauer vielmehr damit beschäftigt, Wohlstand und Ansehen zu mehren.
Mit seinem Reichtum wuchs die Stadt, es entstanden großzügige Bürgerhäuser, reich ausgestattete Kirchen und ein prächtiges Rathaus mit hohen, schlanken Buntglasfenstern. Die Baumeister und Ingenieure der Stadt gründeten ganz in der Nähe des Flusses eine Universität, um ihr Wissen über die Tuche und auch über die geheimnisvollen Kräfte des Wassers weiterzugeben. Wissensdurstige junge Menschen aus dem ganzen Land folgten diesem Ruf und wurden Studenten in Roggenau. Nach vollbrachtem Tagwerk zog es die Bürger und auch die Studenten in die Wirtshäuser.
Kaum ein Ort in der Oberlausitz hatte so viele Gasthäuser und das dunkle, süffige Bier floß in Strömen durch die durstigen Kehlen der Roggenauer . Das nahrhafte Schwarzbier belebte die müden Gehirne der Studenten und beflügelte ihre Phantasie. Dabei kam natürlich auch viel Unfug heraus, aber bisweilen auch, so wie man Goldkörner heraussiebt aus einem trüben, schlammigen Fluß, wurden geniale Ideen geboren, die erneut die Wirtschaft ankurbelten.
Doch mit dem Wohlstand wuchsen auch die Wünsche und Träume der Menschen. Und als hätte die Nadjeschdau das schon geahnt, schwoll sie an und floß noch einmal so schnell. Hurtig drehte das kraftstrotzende Naß an den Säge -und Getreidemühlen und nur ein Jahrhundert später war Roggenau die erste Stadt, die mit der Kraft des Wassers ihren eigenen Strom herstellte. Roggenaus Nachtwächter konnte seine Laterne getrost zu Hause lassen, denn auch nachts waren alle Straßen, alle Gassen und jeder Winkel beleuchtet. Licht und Kraft durchfluteten den Ort und vermehrten den Wohlstand. Und selbst die Armen des Ortes waren wohlhabender als die Armen anderer Städte in der Oberlausitz. Bald führte die Stadt den Beinamen „die Reiche“.
Doch etwas Mächtiges, etwas ungemein Seltenes und umso Wertvolleres verbarg sich im eigenen Strom. Etwas, wovon kaum ein Roggenauer oder eine Roggenauerin, nicht einmal ein Professor oder eine Professorin Notiz nahm. Dieses Etwas war ihre Unabhängigkeit. Die Freiheit, das eigene Leben so zu gestalten, daß es ihnen selbst genügte. Kein Unwetter, kein neidischer Nachbar und kein Handelskrieg konnte den Roggenauern das Licht stehlen. Aber das war ihnen so selbstverständlich, daß sie es gar nicht bemerkten. Sie besaßen einen Schatz, von dem sie keine Ahnung hatten.
Mit stolzgeschwellter Brust machten sich die Roggenauer an immer ehrgeizigere Unterfangen und auch die Neugier der Studenten war nicht zu bremsen. Doch jedesmal, wenn man glaubte, nun seien aber wirklich alle Wünsche erfüllt, entstanden auf merkwürdige Weise neue Hoffnungen, neue Träume, immer hochfliegender, immer unbescheidener, immer schneller, immer gieriger. Aber warum sollte das die Roggenauer beunruhigen ? Schließlich hatte die Nadjeschdau noch immer neue Kräfte sprießen lassen.
Doch eines bösen Tages weigerte sich der Fluß, stärker zu sprudeln. Ja, seine Kraft schien sogar nachzulassen. Die ehrgeizigen Pläne mußten in den Schubläden der Baumeister warten. Freilich hätten die Roggenauer, die Bürger, die Unternehmer, die Handwerker, auch die Studenten, sogar die 24 Stadträte zufrieden sein können. Hatten sie nicht alles, was sie zum Leben brauchten ?
Und doch, ein merkwürdiges Unbehagen machte sich breit in der Stadt. Ein unsichtbares Gift kroch durch alle Straßen, Häuser, Geschäfte, setzte sich fest in allen Köpfen, ließ tatkräftige Hände im Schoß erschlaffen, verdarb die Stimmung in den Kneipen, ließ die Ströme der Theaterbesucher versiegen.
War es Zufall, daß die Stadt seit Monaten unter einer trüben, grauen Dunstglocke verharrte, von der Sonne gemieden ? Verblaßten nicht schon die lustigen Farben an den Fassaden des Künstlerviertels ? Bald raunte man sich landauf, landab hinter vorgehaltener Hand zu, die Stadt lieber großzügig zu umgehen. Wer wollte schon gelähmt werden von dem grauen, kalten Gift des Stillstandes ? War schon das fehlende Wachsen des Wohlstandes an sich fürchterlich genug, viel schlimmer noch , niemand sah einen Ausweg aus dieser Sackgasse. Junge Menschen waren die ersten, die die Stadt fluchtartig verließen. Düstere Propheten verkündeten vom Sims des Sagenbrunnens herab mit Grabesstimme die schlimmsten Aussichten, malten mit einem irrsinnigen Vergnügen bereits das Ende einer ganzen Stadt. Und mit einem anklagenden Finger wiesen sie auf die Nadjeschdau, diesen verräterischen, heimtückischen Fluß, der ihnen das alles eingebrockt hatte. Bald wurde der Fluß vernachlässigt, ja es wurde zur Gewohnheit, von den Brücken herunter mit verächtlichem Blick in den Fluß zu spucken. Worunter der Fluß freilich litt und seine Kräfte erst recht schwanden. Na und, sagten die Roggenauer bockig, hatte er es denn anders verdient ?
Just zu dieser Zeit, als die Roggenauerinnen , die Bürgerinnen, die Unternehmerinnen, die Handwerkerinnen, sogar die Professorinnen und nicht zu vergessen die Studentinnen allesamt die meiste Zeit damit beschäftigt waren, ihre vermeintlichen Wunden zu lecken und über das ungerechte Schicksal zu lamentieren, ziemlich genau zu dieser Zeit erschienen im Südwesten der Stadt die ersten Netisarap.
Gerüchte gingen um, dieses kleine, gedrungene, wortkarge Volk wühlte dort am Fuße der Krallenhand im Boden herum. Von einem uralten Schatz war die Rede, den sie dort wohl ausgraben wollten. Die Roggenauer winkten ab, nie hatte man dort etwas Lohnenswertes gefunden. Mochten sie nur eine Weile herumschnüffeln.
Doch die Spürnasen der Netisarap machten ihrem Ruf alle Ehre und es dauerte nicht lange, da fanden sie etwas. Ein unansehnliches, schwarzes, fettig glänzendes Gestein, von dem ein übler Gestank ausging. Die Roggenauer verzogen angewidert die Gesichter, doch die Augen der Netisarap glänzten mit dem Gestein um die Wette. Nun ging alles sehr schnell.
Als sich der Nebel hob am nächsten Morgen, stand zwischen den Felsen der Krallenhand plötzlich,wie aus dem Boden gewachsen eine Armada von gewaltigen Maschinen. Monströse Geräte mit kraftstrotzenden, goldglänzenden Greifarmen waren das und die Roggenauer Ingenieure und nicht zu vergessen die Ingenieurinnen bewunderten diese metallischen Riesenkrabben mit ehrfürchtigem Schaudern.
Da standen sie, sie staunten und sie rechneten. Wieviel Strom man aus dem schwarzen Gold wohl gewänne, wenn man es verbrannte. Bestimmt ein Dutzend Mal mehr als man einst der Nadjeschdau abgewonnen hatte. Nun glänzten auch ihre Augen.
