Musik im Gepäck - Gerd Haehnel - E-Book

Musik im Gepäck E-Book

Gerd Haehnel

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Beschreibung

So hat sich Hajo seinen Ruhestand nicht vorgestellt! Seine Frau Angela zieht es auf den Jakobsweg, doch er hat keine Lust auf wundgelaufene Füße. Deshalb schnappt er sich sein geliebtes Saxophon und stürzt sich per Fahrrad aus dem hohen Norden kopfüber in eine eigene Reise. Unterwegs lässt er sich treiben und setzt sich mit den Melodien seines Lebens auseinander. Der Ruhrtalradweg führt ihn zu der Best-Agers-Band, einer bunt zusammengewürfelten Truppe von Musikern aus dem Ruhrgebiet, die frischen Wind in sein Leben bringt. Doch dann begegnet Angela in Spanien einem gewissen Olav, und Hajo steht vor einem Scherbenhaufen ... Kann die Kraft der Musik ihnen aus ihrer Krise helfen?

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Hummelshain Verlag

Für meine Frau Barbara und unsere Tochter Lea Für alle Kinder dieser Welt

Sehnsucht

Höre nicht auf das Suchen zu lernen. Denn was du findest ist nicht was du suchst.

Gib der Wirklichkeit Den täglichen Sold Aber der Seele Goldene Flügelschwingen.

(Heinz-Albert Heindrichs)

Inhaltsverzeichnis

1 Ouvertüre: Das Meer singt in A

2 Die Kreuzfahrt

3 Skiskibowski

4 Herbstblätter

5 Beziehungsmelodien

6 Das Regenbogenbuch

7 Überlebensmusik

8 Der Unmusikant

9 Die dunkle Flöte

10 Der Hajo-Sound

11 Die Gedanken sind frei

12 Kurzschlüsse

13 Auf alten Pfaden

14 Loki

15 Tannhäuser goes Rock

16 Blues

17 Schutzengel

18 Lernträume

19 Keiner weiß, was morgen ist!

20 Singletrail

21 Im Reinhardswald

22 Ich habe genug

23 It’s all in you

24 Die Best-Agers-Band

25 An der Ruhrquelle

26 Auf dem Ruhrtalradweg

27 Rote Rosen

28 Mit wat Leckeret dabei

29 Der Sauerländer Dom

30 Das Balla-Balla-Sextett

31 Danke! – Gerne!

32 Schattenscherben

33 Ruhrschleichweg

34 Der Schalker Kreisel

35 Auf den Ruhrhöhen

36 Dat sacht, wat Sache is

37 Ruhrhöhencafé

38 Auf dem Jakobsweg

39 Es werde Licht

40 Wer sprechen kann, kann singen

41 Glück auf

42 Vom Teufelchen

43 Ba-Rock

44 Fühlräume

45 Der Ohrenrucksack

46 Die Moornixe

47 Fragen, die die Welt nicht stellt

48 Hajo?

49 Venedig

50 Ein Verdacht

51 Am Baldeneysteig

52 Baumgefährten

53 Die Urwaldhalde

54 Aber die Musici

55 Im Unperfekthaus

56 Himmelsmusik

57 Ich lobe den Tanz

58 Schnitzel ungarischer Art

59 Coda

Schlussakkord des Autors

Danksagung

Über den Autor

1

Ouvertüre: Das Meer singt in A

Wer bin ich?

Der Direktor einer Alten- und Pflegeeinrichtung!, hätte Hajo Becker noch bis vor Kurzem erwidert. Und ebenfalls ohne groß nachzudenken, hätte er auf die Frage in der Stellenanzeige für seine Nachfolge –Was macht eine Heimleitung? – mit nur einem einzigen Wort reagiert:

Alles …

Doch seit seiner Pensionierung bereitete ihm etwas anderes Kopfzerbrechen:

Wer möchte ich noch sein?

Manche Kollegen durften sich wenigstens auf ihre Enkel freuen, doch seine Ehe war kinderlos geblieben. Und nun funktionierten nicht einmal mehr die alten Routinen, dafür kreisten die Gedanken in seinem Kopf wie die Möwen über der Elbmündung vor ihm.

Und ausgerechnet jetzt war er auch noch zum ersten Mal seit Ewigkeiten ohne Angela unterwegs.

Hajo stoppte sein Fahrrad und ließ sich erschöpft auf einer Bank nieder. Hoffentlich hatte er mit seiner Entscheidung für den vorzeitigen Ruhestand die Reißleine noch rechtzeitig gezogen. Ihm grauste es vor dem psychischen Schiffbruch, den er bei manch einem seiner Heimbewohner hatte beobachten müssen; ehemalige Manager, die am Schluss für die Firma ausgebrannt waren, um dann wie Sternschnuppen zu verglühen. Erst der Blick auf sein schickes metallicblaues Pedelec beruhigte ihn ein wenig. Wenn ihn eines in all dem Berufsstress gesund erhalten hatte, dann sein über alles geliebtes Fahrrad! So war er vor einer Woche etwas überstürzt aus seiner nordfriesischen Heimat zu dieser Radtour aufgebrochen, die ihm helfen sollte, einen neuen Sinn in sein Leben zu bringen.

Zunächst aber musste er zur Ruhe gelangen.

Hajo schloss die Augen und lauschte den Klängen des Meeres. Doch er benötigte mehrere Anläufe, um sich auf eine Meditation mit der Brandung einzulassen. Dabei bemerkte er, dass die Wellen in einem eigenen Ton rauschten. Unwillkürlich begann er, diesen mitzusummen, und fragte sich nach einer Weile, ob man vielleicht sogar dessen Frequenz messen könne. Er öffnete die Gitarren-Stimm-App seines Handys, die sich beim A einpendelte. Tatsächlich, das Meer sang in A, Alpha und Omega, Anfang und Ende.

Die Ouvertüre war geschafft, der Einstieg in das Pensionärsdasein. Nun fehlten vor allem neue Lebensziele.

Quietschende Fahrradbremsen rissen ihn aus den Gedanken, und auf der freien Bank neben ihm ließ sich ein von Kopf bis Fuß in neongelbem Sicherheitsoutfit erstrahlender Radtourist nieder. Vermutlich würde jetzt die übliche Frage nach Hajos XXL-Gepäckträgererweiterung folgen, aus der eine Transportbox so spektakulär über dem Hinterrad aufragte, dass man schon alles Mögliche darin vermutet hatte: eine Angelausrüstung, ein Golfschläger-Set, ja sogar ein Teleskop zur Himmelsbeobachtung.

Doch den Radler schien der Inhalt des länglichen Koffers nicht zu interessieren. »Moin, was haben Sie denn da für einen komischen schwarzen Schal um Ihren Hals, mitten im Sommer?«

»Ein Airbag für Radfahrer, ersetzt den Helm. Ich brauche ordentlich Wind um die Ohren.«

»Dafür hat mein Helm Kopfhörer und kann blinken.«

Auch das noch! Hajo wandte seinen spärlich grau behaarten Kopf von dem Leuchtkäfer ab, doch der ließ sich nicht abwimmeln und deutete auf das Wasser hinaus. »Da kommt die neue Elbfähre, Platz für über zweihundert Autos und sechshundert Personen. Läuft mit Flüssiggas, viel umweltfreundlicher als die alten Diesel.«

Schon von Weitem lud das schnittige Fährschiff mit seiner munteren Farbgebung zum Mitfahren ein. »Und wo kommt die her?«

»Aus Cuxhaven. Braucht nur eine Stunde.«

»Klingt doch nicht schlecht, ganz ohne Gestank über die Elbe«, sagte Hajo nachdenklich und überlegte, tatsächlich die Fähre zu nehmen.

Die radelnde Leuchtboje grinste ihn unverschämt an. »Apropos Gestank. Gab’s Ihren schwarzen Schal nicht auch in Weiß, damit der die Sonnenhitze reflektiert? Ziehen Sie den bloß nicht unter Deck aus, sonst riecht das schöne neue Schiff direkt nach Pumakäfig.«

Anscheinend ein Komiker! »Den gab’s leider nur noch in Neongelb, und das wollte ich meiner Frau nicht antun«, konterte Hajo beim Losradeln.

Angela …

Wie es ihr wohl erging, so weit entfernt auf dem Jakobsweg?

Die Greenferry näherte sich dem Brunsbütteler Anleger mit breit geöffnetem Bugvisier, einem riesigen Haifischmaul, das einen Konvoi von LKWs ausspie. Ohne groß nachzudenken, besorgte sich Hajo ein Ticket und schob sein Rad an Bord. Früher, im Arbeitstakt, hätte er niemals so aus dem Bauch heraus reagiert. Entwickelte er nun gerade diese Spontanität zum Plan?

Ein Parkdeckeinweiser mit Funkgerät und fluoreszierender orangefarbener Arbeitskleidung kam strammen Schrittes auf ihn zu. Schon wieder Glühwürmchen-Alarm!

»Hömma, wat hast du da alles an dein Mopped dran? Maschinengewehre an Bord sind verboten!«

Auf eine Jagdflinte hatte man schon mal spekuliert, aber eine Schnellfeuerwaffe? Das war neu, noch dazu im Ruhrgebietsslang, höchst ungewöhnlich hier draußen auf der Elbe.

»Bloß mein Tenorsaxophon«, versuchte Hajo ihn zu beruhigen, der sich immer noch darüber freute, dass der Fahrradhändler in seinem Heimatstädtchen diese pfiffige Erweiterung für den Gepäckträger gefunden hatte, die seinen Drahtesel in ein Lastenrad umwandelte. Denn der sperrige Instrumentenkoffer, der das Saxophon sicher schützte, musste unbedingt mit. Der warme, weiche Klang des Tenorinstrumentes, mit dem er wie auf einem Cello spielen konnte, würde ihn auffangen, wenn er unterwegs die Orientierung verlieren sollte.

»Kriegen wir endlich ’ne Bordkapelle? Oder bist du auf Tournee mit dat viele Gepäck? Dat so ein E-Bike dat aushält!«

Gleich dreimal hintereinander dat! Eigentlich mochte Hajo kein Ruhrdeutsch, das er schnell als zu rau und direkt empfand. Doch nun strahlte es, gepaart mit dem herzlichen Humor des Parkdeckeinweisers, eine unerwartete Wärme aus, und Hajo warf seine norddeutsche Zurückhaltung schnurstracks über Bord. »Ich musste einfach mal zu Hause raus, egal wohin …«

»Ärger mitti Perle?«

»Nicht direkt …«

»Verstehe!« Der Ruhrpöttler musterte Hajo mit einem mitfühlenden Blick, dann hatte er eine Entscheidung getroffen. »Als Erstes brauchst du oben im Bordrestaurant eine Stärkung. Und danach ordentlich Seewind um die Ohren. Und ein Viertelstündchen bevor wir anlegen, gibbet hier bei mir den Nachtisch. Bis dahin werf ich ein Auge auf deine elektrische Sackkarre, dat du die Kreuzfahrt genießen kannst.«

Hajo bedankte sich herzlich bei dem sympathischen Bootsmann, der ihn von der größten Sorge befreite: Sein Instrument aus der berühmten Selmer Manufaktur in Paris war so wertvoll, dass er sich selbst bei einem kurzen Toilettenaufenthalt kaum traute, das bepackte Rad unbewacht abzustellen.

»Übrigens, von die doppelte Currywurst lass lieber die Finger, die schmeckt nur im Pott. Nimm die Bockwurst, die ist spitze.«

2

Die Kreuzfahrt

Rasch verdrückte Hajo im Aussichtsrestaurant der Greenferry zwei Brühwürstchen und enterte dann an Deck einen der letzten freien Liegestühle, um die frische Meeresbrise so lange wie möglich auszukosten. Er sog die salzhaltige Luft in sich ein und genoss das leichte Schaukeln des Schiffes in den Strahlen der tief stehenden Sonne, die in den sanften Wellen glitzerten.

Nirgends konnte er sich so entspannen wie auf See. Doch als er ein etwa gleichaltriges Pärchen bemerkte, das an der Reling schäkerte, machte ihm mal wieder sein schlechtes Gewissen einen Strich durch die Rechnung.

Warum bloß war ihm mit Angela kein Kompromiss für einen gemeinschaftlichen Start in den Ruhestand gelungen? Beide waren doch schnell einer Meinung gewesen, wie sehr eine gemeinsame Reise ihre neue Lebensphase beflügeln würde. Nur auf ein Ziel hatten sie sich nicht einigen können.

Hajo träumte immer noch von dem Panoramadeck eines Luxusliners, auf dem er in den norwegischen Fjorden die Füße hochlegen und sich den Berufsstress aus dem Kopf pusten lassen könnte.

Aber diese Verschwendung der endlichen Ressourcen unserer Erde, wie Angela sich ausgedrückt hatte, war für sie nicht infrage gekommen. »Wenn ich nur daran denke, wie viele Treibhausgase diese schwimmenden Rummelplätze ausstoßen. Die verbrauchen ja schon im Hafen locker die Energie einer Kleinstadt. Und auf hoher See sogar noch mehr! Ich will nicht länger in solchen Scheinwelten leben, die die Realität ausblenden.«

»Und wenn das die große Ausnahme bleibt? Nach all den Jahren haben wir doch ein wenig Luxus verdient, oder?«, hatte Hajo vorsichtig eingewandt. Er war einfach zu ausgebrannt, um sich jetzt auch noch um die Klimakatastrophe zu kümmern. »Wer weiß, wie lange das überhaupt möglich ist. Andere gönnen sich das ja auch!«

Angela hatte zunehmend ärgerlich reagiert. »Genau darin liegt das Problem, das ist das Allerschlimmste: diese entsetzliche Gleichgültigkeit, mit der wir die Erde zerstören wie nie zuvor! Obwohl wir doch genau wissen, wie sehr so ein schwimmender Fabrikschornstein das Klima kaputtmacht. Schon 1972 hat der Club of Rome vor dem Kollaps der Erde gewarnt, das stand ja dick und fett in jeder Zeitung. Wie sagte mein Opa immer? Unsere Kinder sollen es einmal besser haben. Und wie sagen wir? Ich will es besser haben. Ich, ich, ich! Egal, ob die nachfolgenden Generationen es einmal schlechter haben werden. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie kann man bloß so egoistisch sein? Vor uns die Kreuzfahrt. Und nach uns? Die Sintflut!«

Nur allmählich hatte sie sich wieder beruhigt und ihm als Alternative eine Wanderung auf dem Jakobsweg vorgeschlagen. »Wir müssen Erholungsmöglichkeiten suchen, die die Erde nicht zerstören! Stell dir mal vor, Hajo, welch eine unglaubliche Erfahrung das für uns beide wäre. Wir könnten uns dort draußen wieder näherkommen, wir könnten miteinander etwas völlig Neues erleben.«

Doch ihm grauste es vor rappelvollen Herbergen, in denen einem esoterisch verklärte Schnarchnasen die wohlverdiente Nachtruhe raubten.

»Wir brauchen ja nicht den Camino Francés zu nehmen. Der Camino del Norte ist nicht so überfüllt. Er führt an der nordspanischen Küste entlang und bietet Traumausblicke auf das Meer.«

Doch egal wo:Hajo wollte nie wieder dem Druck ausgesetzt sein, wie nach Fahrplan irgendwo ankommen und funktionieren zu müssen. Und auf Blasen an den Füßen hatte er schon gar keine Lust. So war es hin und her gegangen, bis Angela sich schließlich entschieden hatte, ohne ihn nach Santiago de Compostela aufzubrechen. »Ich brauche Zeit und Ruhe für mich selbst. Ich muss herausfinden, was der Lehrerjob von mir übrig gelassen hat. Achthundertfünfzehn Kilometer, Schritt für Schritt in den Ruhestand.«

Wehmütig dachte Hajo daran, wie Angela sich an den geliebten roséfarbenen Hortensien ihres schmucken Friesenhauses entlang vor einer guten Woche auf den Weg gemacht hatte. Ihr blauer Rucksack passte viel zu gut zum Farbton ihrer figurbetonten Trekkingjacke; einer so jung gebliebenen, sportlichen Frau würde man hinterherschauen.

Und wenn Angela ihn im fernen Nordspanien plötzlich brauchte? Hatte Hajo wirklich so stur bleiben müssen?

Er versuchte, sich zu beruhigen. Zum Glück war sie nicht alleine auf dem Jakobsweg, sondern mit ihrer besten Freundin Jente. Zwei dermaßen couragierten Frauen würde so schnell nichts passieren. Und die wenigen Wochen bis zu ihrer Rückkehr würde er schon irgendwie überbrücken. Es war eine gute Idee von ihm gewesen, sich ebenfalls auf den Weg zu machen, bevor ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fiel. Aus der Routine in die Lebendigkeit.

3

Skiskibowski

In der Ferne kam Cuxhaven in Sicht, Zeit für den versprochenen Nachtisch. Hajo erhob sich mit verblüffender Leichtigkeit. Auch wenn er bisher nur kürzere Tagesetappen von unter vierzig Kilometern, immer schön am Deich entlang, geradelt war, hatte er schon ein wenig abgenommen, die Radtour tat ihm gut. Und Muskelkater war ebenfalls kein Problem, spätestens jetzt machte sich bezahlt, dass er mit dem E-Bike bei Wind und Wetter zur Arbeit gedüst war. Nur der Sattel, der seinem Allerwertesten ziemlich zusetzte, nervte. In Cuxhaven gab es sicher einen Fahrradladen mit kompetenter Beratung.

Unten erwartete ihn bereits der Parkdeckeinweiser. »Alkohol im Dienst ist streng verboten, aber bei Liebeskummer mach ich eine Ausnahme. Komm mit in mein Kabuff, da sieht uns keiner.« Dort füllte er zwei Schnapsgläser mit eisgekühltem klaren Korn und goss aus einer Boonekamp-Flasche mit Ausgießer den Magenbitter so darüber, dass er sich am oberen Rand des Glases braun absetzte.

»Dat heißt bei uns im Pott Samtkragen. Die Kunst is, den auch bei Seegang hinzukriegen, sonst wird dat ein Strubbeligen. Jetzt noch die passende Musik!« Er stellte einen verstaubten CD-Player an und prostete Hajo zu. Dieser lauschte gerührt der Bridge Over Troubled Water1 aus den alten Lautsprechern, während er das Pinneken ebenfalls in einem Zug austrank.

»Hoffentlich keine Scheidung?«

»Eher eine Klimakrise.«

Das Zusammenspiel des Alkohols mit den Sehnsuchtsklängen von Simon and Garfunkel löste Hajos Zunge, und er erzählte dem Samtkragen-Beichtvater, weshalb Angela ohne ihn auf dem Jakobsweg unterwegs war.

»Also ist für deine Frau gesorgt!Nur du irrst jetzt ziellos durch die Gegend.«

Hajo nickte und seufzte laut auf. »So eine Bridge Over Troubled Water, dat wär jetzt dat Richtige.« Er stutzte: Hatte er gerade tatsächlich zwei Mal »dat« gesagt?

»Also brauchst du auch einen Jakobswech! Dat du genauso in die Pötte kommst wie deine Frau. Am besten einen für Pedalritter. Bei uns im Pott gibbet so einen! Der Ruhrtalradwech hilft dir vielleicht mit dem Seelengedöns.«

»Ich soll in diesen Industriemoloch?«, entfuhr es Hajo. Ein kurzer Aufenthalt in Dortmund lag zwar lange zurück, doch den grauen Mief dort hatte er nicht vergessen.

»Pillepalle, der Drops ist gelutscht, 2018 hatte die letzte Zeche Schicht im Schacht.«

»Sorry, der Schnaps ist wirklich lecker. Aber ehrlich gesagt hatte ich mir eine Gegend vorgestellt, die mich inspiriert.«

»Deswegen der Ruhrtalradwech! Der führt dich direkt in unser Voralpenland auf Kohleflözen. Heutzutage spielt die Musik im Pott!« Der Parkdeckeinweiser bemühte sich ins Hochdeutsch zurück, vermutlich, damit sein Werbeclip besser rüberkam.

»Weißt du, dass es bei uns zwei große Musicaltheater, einhundert Kulturzentren, einhundert Konzertsäle, einhundertzwanzig Theater, zweihundertfünfzig Festivals, dreitausendfünfhundert Industriedenkmäler und zweihundert Museen gibt? Was haben London und Paris gemeinsam?«, ratterte er die Reiseführerzahlen herunter, als sei dies sein täglich Brot. »Weniger Museen als die Metropole Ruhr!«

Als sich Hajo von der Begeisterungsorgie nicht anstecken ließ, schenkte er ihm noch einen Samtkragen ein. »Jakobswech, Frau is wech, hau dat erst mal wech.«

Ruhrdeutsch für Fortgeschrittene, dachte Hajo und blieb skeptisch, während sich Boonekamp und Magenbitter im Mund deliziös vermischten. Ob dieser Ruhrpott-Influencer hier draußen auf der Elbe von einem Fremdenverkehrsverein bezahlt wurde?

»Und was hat das alles mit dem Jakobsweg zu tun?«

»Dat ist doch der Knackpunkt!Meinst du, den gibbet nur in Spannjen? Nein, früher sind die Pilger aus ganz Europa nach Santiago gestartet.«

Der Parkdeckeinweiser geriet in Fahrt. »Spätestens in meiner Heimatstadt Essen wird der Ruhrtalradwech zum Jakobswech. Dat Wanderzeichen kannst du nicht übersehen: eine gelbe Muschel auf blauem Hintergrund. Und wo beide Wege sich vereinigen, da wird et magisch!«

Hajo konnte sich das kaum vorstellen. »Schau ich mir später im Internet an.«

»Da machste nix falsch. Übrigens, einer der größten Online-Reiseveranstalter sagt, dat Essen bei die deutschen Städte im Augenblick dat angesagteste Reiseziel für Touristen aus der ganzen Welt ist.«

Ob die wandelnde Touristinfo auch Übernachtungen vor Ort vermittelte? »Jetzt bräuchte ich aber erst einmal ein Hotel.«

Toll, wie hilfsbereit der Bootsmann war, der sofort sein Handy zückte. »Hier is dä Willi. Ein Einzelzimmer, mit Meeresblick. …Watt denn, watt denn, Hochsaison. Schau ma richtig nach, Schätzchen, is für ein Kumpel.«

Einen Augenblick später wandte er sich an Hajo. »Wäre Dachkammer mit drei Nächten Mindestaufenthalt okay?«

»Dachkammer wäre super!«, rief Hajo. Vielleicht könnte er dort sogar Saxophon spielen, ohne die anderen Hotelgäste zu stören.

»Is gebongt, ich schick ihn rüber.«Willi legte auf und erklärte den Weg. »Jetzt muss ich weiter, wir haben uns verquatscht. Aber als Ruhri spürt man, wenn jemand Schützenhilfe braucht. Und grüß mir mein Bruder Fitti, wenn du im Pott kommst, dat is ein ganz Kernigen.«

»Erst mal finden …«

»’ne Art Obelix – mit ’nem E-Bass. Sonst frag nach Skiskibowski. Dat is sein Künstlername, leicht zu merken. S-k-i-s-k-i-b-o-w-s-k-i«, buchstabierte Willi und ging wieder hinaus aufs Parkdeck.

Hajo notierte sich den Namen ins Handy und schob sein Rad von Bord, während er die Simon-and-Garfunkel-Melodie pfiff. Ob ihn solche Brücken aus Musik ins Ruhrgebiet leiten würden? Die Idee war jedenfalls nicht uncharmant.

1 Die imRoman mit einem * gekennzeichneten Aufnahmen können Sie hier abrufen:https://musik-im-gepäck.de

4

Herbstblätter

Das Hotel lag etwas außerhalb von Cuxhaven. Es hatte trotz der gehobenen Standards faire Preise und der Ausblick auf das Wattenmeer weckte Sehnsüchte. Ob man bei klarer Fernsicht bis nach Helgoland schauen konnte?

Leider lag die gebuchte Dachkammer so weit vom Aufzug entfernt, dass Hajo seinen mobilen Hausrat aus dem Fahrradkeller durch ein seitliches Treppenhaus nach oben asten musste. Als schließlich alles verstaut war, zog er schwitzend aus dem Kaffeeautomaten einen Latte macchiato und fragte sich zum wiederholten Male, ob er sein Lastenrad nicht zu schwer bepackt hatte. Sollte er vielleicht einfach ein paar Kilo an die Adresse von Frau Jansen schicken, der Nachbarin, die sich um die Katze kümmerte?

Wahrscheinlich war das so ähnlich wie mit dem echten Lebensballast: Den wurde man auch nicht so leicht los.

Und auf sein Saxophon samt Equipment wollte er schon gar nicht verzichten. Gerade jetzt nicht, wo er sich endlich, weitab von anderen Hotelgästen, zum ersten Mal an das Rundum-sorglos-Reisepaket für Musiker herantrauen durfte, das ihm der Inhaber von Uwes Musiktruhe zusammengestellt hatte.

Doch vorher widmete er sich noch dem allabendlichen Ritual und checkte das E-Mail-Postfach. Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte es ihnen extra für diese Reise eingerichtet.

Die beiden Freundinnen hatten entschieden, dass ihre Lebenspfadfinderschaft nur ohne Handys möglich sei, und die Geräte deshalb zu Hause gelassen. Besonders Angela wollte Abstand und keine unnötige Ablenkung. Nur ab und zu, damit Hajo sich nicht zu sorgen brauchte, würde sie sich per Mail melden. Aber dazu musste sie unterwegs zuerst einmal an einen Computer kommen. Und das war auf dem Norte mit seiner im Vergleich zum Camino Francés eher dürftigen Infrastruktur wohl nicht ganz einfach.

Wieder kein Lebenszeichen von Angela. Hoffentlich war ihr nichts passiert. Doch dann wäre er sicher längst von Jente informiert worden, die im Notfall irgendwo ein Telefon aufgetrieben hätte.

Gespannt packte er die Saxophon-Radtasche aus, in der auch das Homerecording-Paket untergebracht war, das zum Abrocken für unterwegs keine Wünsche offenließ: Über ein USB-Audiointerface konnte man das Mikrofon mit dem Mini-Laptop verbinden und die Audiosignale dann zurück in die Kopfhörer leiten. Welch ein komplizierter Technikkram! Und damit sollte er endlich wieder zu seiner geliebten Musik zurückfinden?

Doch Uwe hatte darauf geachtet, dass alles einfach zu bedienen war, und so konnte Hajo der bebilderten Anleitung leicht folgen. Zwar gab es hier oben kein WLAN, aber dafür ragte unter dem Schreibtisch ein Netzwerkkabel hervor, mit dem die kostenlose Jamulus-Software sowieso besser funktionieren sollte. Kaum vorstellbar, dass er auf diese Weise wirklich per Internet mit halb Europa musizieren konnte. Und das alles ohne merkbare Verzögerungen, also in Echtzeit!

Er öffnete den Koffer des Saxophons und ließ die Öse des Instruments in den Karabinerhaken am Halsgurt gleiten. Dann benetzte er einen Zeigefinger mit Speichel, umfeuchtete die Muffe des S-Bogens und drehte diesen in den konischen Instrumentenkorpus ein – äußerst behutsam, um die Überblasklappe nicht zu beschädigen. Nun schob er das Blättchen in den Mund, damit es, so angefeuchtet, die gewünschten Schwingungen erzeugen konnte.

Wie er diesen Geschmack des Schilfrohres vermisst hatte, der ihm alle musikalischen Freiheiten dieser Welt versprach. Kaum zu glauben, dass er im Berufsstress so lange darauf verzichtet hatte!

Schnell noch die Blattschraube über dem Mundstück fixieren, und schon konnte er mit einer chromatischen Tonleiter beginnen, warme Töne die Saxophonklappen rauf und runter. Beseelt ließ er die Resonanzen aus dem Blasinstrument in seinen Körper strömen, er war eins mit seiner Musik. Hajos kleine Dachkammermusik gegen aufwallende Einsamkeit …

Bereits wenige Mausklicks entführten ihn in ein Wunderland aus Klängen, in dem sich auf zahlreichen Servern Musiker zu spontanen Sessions trafen.

Voller Neugier loggte er sich auf »The Neighbors’ Cat« ein, wo ein paar Freaks gerade den Stevie-Wonder-Song über Sir Duke* Ellington, einen der einflussreichsten amerikanischen Jazzmusiker, spielten.

Einfach nur grandios, wie Jeff am Saxophon den Bläsersatz imitierte! Zu grandios für Hajos eigene Möglichkeiten.

Aber schon die Botschaft des Textes, die die Jungs da in seinen Abend hinaussangen, beflügelte ihn: Die Sprache der Musik verstehen doch wir alle auf diesem Planeten.

Deshalb wird sie auch nie enden! Er wechselte auf einen Server mit dem witzigen Namen »Bierimpuls« und freute sich wie ein Kind an Heiligabend. In dieser virtuellen Zufallsband konnte tatsächlich jeder mitspielen. Das hatte er sich immer gewünscht: einfach irgendwo zu jammen, wenn er gerade Zeit und Lust hatte.

Zunächst schaltete er sich auf lautlos, um per Kopfhörer in die Session hineinzufinden, swingte aber schon bald in der Sphärenmusik aus spinnfaserleichten Melodien mit, die sich zu einem kontemplativen Netz verwoben. Er stellte die Stummschaltung aus und steuerte ein paar Töne bei, worauf prompt der Chat aufploppte.

»Hajo, dein Sax ist zu laut.«

Peinlich berührt regelte er im Audiointerface das Mikrofon ein wenig herunter. »Besser?« – »Ja, danke!«

Immer tiefer konnte Hajo sich nun auf die Instrumentalmeditation einlassen und den beruhigenden Klangwellen der anderen folgen. Überrascht stellte er fest, wie gut er das Saxophon noch im Griff hatte. Anscheinend verlernte man dies genauso wenig wie das Radfahren. Nur die Gaumenmuskeln schmerzten, da fehlte einfach die Übung.

So verging der Abend wie im Flug, und als die Session endete, stimmte eine schwedische Musikerin zum Ausklang Autumn Leaves* an. Schon ihr Gitarrenintro ließ ahnen, dass sie die Fassung der viel zu früh verstorbenen US-Sängerin Eva Cassidy covern würde. Hajo liebte diese Version des Jazzklassikers so sehr, dass er unbedingt mitspielen musste.

Erneut stellte er seinen Kanal auf stumm, damit er die sensible Performance dort draußen im Äther nicht störte. Nun konnte er versuchen, alle Zärtlichkeit dieser Welt in die Begleitung mit den langen, lyrischen Klängen seines Tenorsaxophons zu legen.

Dabei verstärkten die Verse aus den Kopfhörern noch die Sehnsucht nach Angela. Autumn Leaves, goldgelbe Blätter, Erinnerungen an Sommerküsse, sie beide waren nun unweigerlich im Herbst ihres Lebens angekommen.

Und Hajo würde alles dafür tun, um doch noch gemeinsame Wege in die Wärme zu finden, die sie eines hoffentlich fernen Tages durch die Winterlieder leiten würde.

Er bedankte sich bei den Musikern, ein letzter Blick aus dem Hotelzimmer auf die glitzernden Wellen im Mondlicht, ein Gebet für Angela und Jente auf dem Jakobsweg, und er dämmerte so entspannt weg wie schon lange nicht mehr.

War er einfach nur ein Glückspilz?

Oder hatte doch jeder seine eigene Musik im Gepäck, auch wenn er sie längst verloren glaubte?

5

Beziehungsmelodien

Es schien, als hätte Angela das nächtliche Saxophonsolo und seine Gedanken über die gut 1500 Kilometer, die sie entfernt von ihm sein mochte, gespürt. Denn am nächsten Morgen fand Hajo endlich ihre ersehnte E-Mail in seinem Postfach:

Lieber Hajo,

der spanische Norden ist dünn besiedelt, und wenn man nicht aufpasst, kann man hier auch verloren gehen, doch zum Glück bin ich ja nicht alleine.

Gestern haben Jente und ich zum ersten Mal in einer echten Pilgerherberge eingecheckt – fast sechzig Betten in zwei Zimmern. Dafür kostet die Übernachtung nur acht Euro.

Die Regeln sind streng und würden dir nicht gefallen: Ab 22.30 Uhr muss man im Haus sein, später kommt man nicht mehr rein, auch wenn das Gepäck schon drin ist. Um 8.30 Uhr muss man wieder draußen sein. Aber die Herbergseltern sind nett, sie überlassen mir vor dem Frühstück ein paar Minuten ihren Computer. Endlich kann ich dir eine Mail schicken!

Landschaftlich ist es hier wirklich sehr schön, der Norte bietet traumhafte Ausblicke, aber man muss auch Respekt vor dem Weg haben. Mein Kopf hat den wohl schnell gelernt, doch anscheinend brauchen Herz und Füße etwas länger. Denn vor ein paar Tagen bin ich in einem Bachbett, das Teil des Camino ist, ausgerutscht und gestürzt. Mit dem Rucksack auf dem Rücken sah das sicher nicht elegant aus, aber keine Sorge: Es ist nicht viel passiert. Nur am nächsten Tag habe ich jeden Schritt gespürt.

Ich muss mich halt dem Weg anpassen – und nicht umgekehrt. Nimm den Weg nicht als deinen Feind!

Wie geht es dir so alleine in unserem Zuhause? Aber du hast ja Minka. Grüß die Katze herzlich von mir und denk daran, dass man viel mit ihr spielen muss!

Jente ist eine tolle Begleiterin, wir führen nicht nur intensive Gespräche, wir können auch miteinander schweigen. Dann hängt jede ihren Gedanken nach.

Meine Frage, was der Lehrerjob von mir übrig gelassen hat, hat sich noch einmal erweitert:

Wie kann man in dieser krisengeschüttelten Welt trotzdem einen glücklichen Lebensabend verbringen?

Und: Was haben unsere Jobs von unserer Ehe übrig gelassen? Früher hatten wir doch mehr Gemeinsamkeiten, oder?

So, der Kaffee ruft, vielleicht kann ich nachher noch mal an den Rechner …

Deine Angela

Ja, hatten wir!, hätte Hajo am liebsten in Plakatschrift auf den Bildschirm getippt, doch das konnte er auch romantischer ausdrücken. Er überlegte, wie lange ihm Angelas vermutlich karges Frühstück Zeit dafür ließe. Vielleicht wäre sie in fünfzehn Minuten schon wieder online?

Rasch bastelte er sein Saxophon zusammen und startete die Diktier-App seines Smartphones. Ihm blieb nur ein Aufnahmeversuch, und zum Glück gelang ihm Autumn Leaves auf Anhieb genauso lyrisch wie am gestrigen Abend.

Er hängte die Datei an die Antwortmail, in der er in wenigen Worten berichtete, dass er sich spontan zu einer Radtour entschlossen habe und Minka bei Frau Jansen bestens versorgt sei. Anschließend erwähnte er noch kurz, weshalb er sein Saxophon mitgeschleppt hatte, ließ die Idee vom Ruhrtal-Jakobsweg aber aus. Wer weiß, ob er überhaupt in den Pott käme?

Schon ein paar Minuten später war die Antwort da.

Lieber Hajo,

der Computer wird gebraucht, deshalb nur kurz:

Daaanke für dein Saxophon, das ich so lange nicht mehr gehört habe. Du weißt, wie sehr ich es liebe. Und dann noch unser Autumn Leaves! (Icon: rotes Herz) Was für eine schöne Beziehungsmelodie.

Sind uns die ein wenig abhandengekommen? Brauchen wir neue? Selbst wenn es die alten sind …

Ich muss jetzt los, alles erdenklich Liebe für deine Radtour, auch von Jente!

Deine Angela

Welch ein poetisches Wort hatte Angela da geschaffen: Beziehungsmelodien! Hoffentlich musste er sich nicht zu lange gedulden, bis er endlich wieder gemeinsam mit ihr nach neuen suchen könnte.

Hajo genoss das köstliche Frühstück samt Fischspezialitäten und entschied sich dann für einen ausgiebigen Strandspaziergang. Unten am Wasser tanzten Treibhölzer auf den Wellen. Manchmal glitschten seine blauen Sandalen über den Seetang, doch der nasse Muschelsand gab ihm Halt.

Irgendwann gelangte er an einen Imbiss mit Seeblick und leistete sich ein paar Pommes. Vor seinen Augen glitt ein gigantischer Frachter mit einer bunten Containerladung durch die Wellen und ließ eine schaumige Spur hinter sich, während das Dröhnen der Schiffsmotoren langsam verhallte.

Wo in aller Welt lag wohl der Zielhafen dieses Riesen? Und welchen würde er selbst schließlich anlaufen?

Das Meer faszinierte ihn und Angelas Worte hatten ihn beseelt. Sein altes Regenbogenbuch fiel ihm ein. Vielleicht könnte er nun endlich die Ruhe finden, nach all den Jahren erneut reinzuschauen, so wie er sich das für diese Reise vorgenommen hatte.

Hajo lief zurück und spürte die Trauer um Dr. Stein, dessen Praxis er vor etwa zehn Jahren aufgesucht hatte, als er beruflich in der Klemme steckte. Schnell war die ursprünglich angedachte Beratung zu seinen Heimleiterproblemen in persönlichere Tiefen vorgestoßen, und eines Tages hatte der Coach ihn mit einem ungewöhnlichen Vorschlag überrascht: »Sie lieben doch die Musik! Das könnten Sie nutzen und sich auf eine Zeitreise zurück in Ihre Lebensmelodien begeben, indem Sie diese wieder hören. Im Internet lassen sich von so gut wie allem Aufnahmen finden. Suchen Sie nach der allerersten Musik, an die Sie sich erinnern, machen Sie es sich gemütlich, kochen Sie einen leckeren Tee, zünden Sie sich eine Kerze an, lassen Sie das Stück auf sich wirken. Vielleicht schreiben Sie sogar auf, was Ihnen dazu einfällt, Sie werden überrascht sein …«

Wieder in seinem Hotelzimmer griff er zu dem Notizbuch, das er sicher in einer Satteltasche verstaut hatte. Auf dem Einband prangte ein farbenfroher Regenbogen. Darunter hatte er mit einem goldfarbenen Kalligrafiestift in kunstvollen Lettern geschrieben:

Wer bin ich?

Lebensmelodien von Hajo Becker

Gespannt war er damals dem Vorschlag seines Coaches gefolgt und hatte sich als Erstes in das Vogelfänger-Lied aus der Zauberflöte vertieft. Dr. Stein hatte völlig recht: Vor allem während des Instrumental-Vorspiels waren längst vergessene Bilder und Empfindungen in ihm aufgestiegen.

Hajo setzte sich in den bequemen Hotelsessel, startete im Handy die Komposition von Mozart und führte sich noch einmal den Text zu Gemüte, den er damals in sein Regenbogenbuch geschrieben hatte.

6

Das Regenbogenbuch

Hajo las:

Wer bin ich?

Lebensmelodien von Hajo Becker

Es war ein magisches Auge, das meine frühe Kindheit verzauberte und mich mit seinem grünen Flirren beflügelte, ein singendes Licht.

Majestätisch beherrschte Vaters Röhrenempfänger das von ihm selbst designte Eckregal im Wohnzimmer;auf der Schallwand sein Modellname in erhabener Goldschrift: Tannhäuser, in edlem Holzfurnier und mit glänzenden Messingleisten.

Besonders faszinierte mich die dunkle Glasfläche mit der gelb hinterleuchteten Senderskala. Die vielen Radiostationen regten meine ersten Leseversuche an: England, Vatikan, Bologna, Dublin, Leipzig, Luxemburg, München, Athen, NWDR… alles über die rot-weißen Sendegiganten der Mittelwelle.

Und dann erst der Blick durch die Lüftungslöcher in der Rückwand auf das Innenleben des Apparates: welch eine Wunderwelt aus Riesenlautsprechern, geheimnisvollem Licht, metallischen Zylindern und knisternder Elektrizität. Es roch nach stromverbranntem Staub und kaltem Zigarettenrauch.

Wie genoss ich damals die Klänge der Leuchtröhren; ein Wunderwerk der Technik, mit dem für mich das Musikhören begann.

Dabei entwickelte sich das Vogelfänger-Lied aus Mozarts bekanntester Oper zu meiner persönlichen Zauberflöte. Denn das berühmte Flötenmotiv zu Beginn diente als Schulfunktitelmelodie des NWDR*, die mich in das Leben hinaus zauberte. Mit ihm verwandelte sich der Vorleger vor dem Radioregal in einen fliegenden Teppich, und seine Ausstrahlungen entführten mich in eine weite Welt, die meine Fantasie wachsen ließ.

Alles, was aus dem Empfänger tönte, klang nach Musik, selbst die Sendung »Der Arzt spricht«. Wenn der Rundfunkdoktor auf die Grippeviren aufmerksam machte, war das keine Belehrung, sondern eine Charmeoffensive. Niemals würde einer seiner Zuhörer noch auf Gehwege spucken.

Vor allem wenn es um geheimnisvolle, ferne Kulturen ging, lehrten mich die Lautsprecher immer wieder das Staunen. Manchmal stöhnte, ächzte, knarrte und krachte der Empfänger gerade in solchen Momenten, aber ich versuchte, das Problem schnell in den Griff zu bekommen. Denn ich musste nur den Sender so lange scharf stellen, bis alle vier Sektionen des magischen Auges wieder gleichmäßig leuchteten. Anschließend konnte ich die Traumreisen fortsetzen. So war ich herangewachsen in der »Generation Schulfunk«.

»Hör dir nur die Basslautsprecher vom Tannhäuser an, welch ein Schalldruck!«, hatte mich Vater eines Tages aufgefordert. »Heute senden sie eine besondere Kantate von Johann Sebastian Bach: Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!*«

Eine zweite Lebensmelodie drängt sich mit der Erinnerung an Vaters Stimme in meine Gedanken, und ich lausche den festlichen Trompetenfanfaren, die den Konzertsatz eröffnen.

Schon der Eingangschor verwandelt mich beim Wiederhören in den sechsjährigen Jungen, der seinen Fassonschnitt nicht mochte; und noch weniger den Frisör, der es witzig fand, mit seinem überlangen Rasiermesser scheinbar unkontrolliert herumzufuchteln.

Wie schillernde Seifenblasen jubeln die Streicher ihre Töne in die Höhe, im Wechsel mit den Bläsern. »Koloraturen, Junge, das nennt man Koloraturen.«

Die Singstimmen setzen ein und wiederholen die Fanfarenmotive und Streicherfiguren.

»Das ist ein Knabenchor, die Jungen sind nur ein paar Jahre älter als du.«

Nun steigern sich die Sänger zum Höhepunkt: »O seligste Zeiten!« Freudig stimme ich wie damals ein in die lang gehaltenen Lobpreise-Akkorde.

Plötzlich fällt mir wieder ein, wie Tränen in Vaters Augen drangen. Doch als ich ihn danach fragte, drückte er mich wortlos an sich, umsie zu verbergen. Ich war bestürzt, nie sonst hatte ich Vater mit feuchten Augen gesehen. Und dazu dieses Rezitativ, das mir noch heute zu düster vorkommt.

Schnell spule ich vor bis zum Choral. Mit ihm kehren die positiven Schwingungen in die Musik zurück: Von Gott kömmt mir ein Freudenschein!

Dann erneut dieser Jubel, die Wiederholung des Eingangschores. Beinahe wäre ich beim Schreiben aufgesprungen wie damals, als ich mitschmettern wollte.

»Ich will auch Chorsänger werden!«, rief ich und riss Vater aus seiner Traurigkeit.

Meine kleinen Arme wippten im Takt, und er folgte meinen Dirigierbewegungen, unter denen er sich in einen mächtigen Klangkörper verwandelte. Gemeinsam tanzten wir durchs Wohnzimmer, umkreisten Mutter in ihrer Küche, und ich jauchzte:

»Erschallet! – Ihr Lieder! – Erklinget, ihr Saiten!«

Himmlische Klänge, immer noch umschleiert von Vaters Tränen.

Worum bloß hat er so geweint, dass mich das bis heute traurig stimmt?

7

Überlebensmusik

Hajo öffnete das Hotelfenster, lauschte den Möwenschreien über der auflaufenden Flut und erinnerte sich daran, wie Dr. Stein in seinem eleganten und gleichzeitig legeren blauen Sakko auf den Text reagiert hatte. »Und haben Sie inzwischen eine Ahnung, weshalb Ihr Vater damals geweint haben könnte?«

»Vielleicht, weil die Nazis ihm seine Kindheit und Jugend zerschossen haben?« Im Zweiten Weltkrieg hatte man Vater in Peenemünde stationiert. Dort gehörte für die jungen Soldaten ein apokalyptischer Geschosshagel zum Alltag, weil sie an Hitlers angeblicher Wunderwaffe die Stellung zu halten hatten. Bei Androhung von standrechtlicher Ermordung!

Nur einmal, als Vater bereits älter war, hatte er Hajo davon erzählt.

Schon als Siebzehnjähriger war er so abgestumpft gewesen, dass er, angelehnt an einen Baum, den Raketen zuschaute wie einem Silvesterfeuerwerk, obwohl diese über seinem Kopf detonierten. Jeden Moment konnten die umherfliegenden Wrackteile ihn in den Tod reißen. Durch die V2 starben vor allem die Bedienmannschaften.

Hajo musste schlucken.

»Und nun hatten seine Träume von einer eigenen Familie doch noch den Krieg überlebt. Mit dieser Hoffnungsmusik und seinem Jungen im Arm. Jeden Sonntagmorgen eine andere Bachkantate aus dem Tannhäuser …«

»Überlebensmusik …«, hatte Dr. Stein ergänzt. »Spüren Sie, wie die Wiederbegegnung mit Ihren Lebensmelodien den Blick auf die Vergangenheit erweitert? Weil dabei Ihre alten Gefühle in neue Klänge gekleidet werden.« Er legte eine kurze Pause ein, durch die sein nächster Satz umso intensiver wirkte. Sieben Worte nur, die Hajo damals erschüttert und verwirrt hatten wie selten etwas in seinem Leben:

»Sie haben ein Recht auf Ihre Gefühle!«

Welch eine Revolution, dachte Hajo, wenn man in der »Ein Indianer kennt keinen Schmerz«-Generation erzogen worden war. Die Eltern hatten im Krieg gelernt, ihre Emotionen zu unterdrücken, und trainierten das in der Wirtschaftswunderzeit vor allem ihren Söhnen an. Weinen durfte man allenfalls um den Film-Winnetou, ansonsten gehörten »Gefühlsduseleien« weggesperrt und verdrängt, fest verriegelt in einem Dampfkochtopf ohne Sicherheitsventil: Zähne zusammenbeißen und durch!Man kehrte seine Emotionen nicht nach außen.

Hajo fühlte sich wie befreit, und genau das hatte ihm Dr. Stein prophezeit, wenn er sich mit seinen Lebensmelodien auf schon verloren geglaubte Gefühle einließe: »Diese tragen Erinnerungen in sich, die das übliche Kopfkino nicht mehr im Programm hat.«

Hajo war skeptisch geblieben. »Und wenn die Erinnerungen einen direkt ins Inferno führen?«

Dann solle man behutsam vorgehen, denn natürlich könne das Wiederhören der Lebensmelodien Gefühle hochspülen, die man als unangenehm empfände, wie zum Beispiel Trauer. Im Zweifel solle man nicht zögern, sich Hilfe zu holen, denn »Trauer wird dann zum Problem, wenn man in ihr stecken bleibt.«

Einfühlsam hatte ihn Dr. Stein gefragt, was denn eigentlich aus seinem Chorsänger-Wunsch geworden sei.