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Die Tiroler Musikkapelle Bieberbach macht einen Musikausflug nach Graz. Es wird ein Wochenende unter Gleichgesinnten, an dem man sich in die Tracht wirft und als stolze Musikanten wahre alpenländische Tradition repräsentiert. Was so ein Musikausflug im Leben der Musikanten jedoch alles aufzuwirbeln mag, können sich die Daheimgebliebenen nicht im Geringsten ausmalen. Und sie werden es auch nie erfahren, denn ein ungeschriebenes Gesetz in Musikantenkreisen besagt: Was im Musikausflug passiert, bleibt im Musikausflug.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für Thomas,
der mich immer angetrieben hat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Er war der beste Trompeter in ganz Bieberbach. Schon sein Großvater hatte Trompete gespielt und war stolze sechzig Jahre Mitglied der Musikkapelle Bieberbach gewesen. Eines Tages hatte er die Trompete in die Ecke gestellt und “nun reicht's” gesagt. Die Großmutter warf Jacke und Weste ein letztes Mal unerlaubterweise in die Waschmaschine, statt sie zur chemischen Reinigung zu bringen, und der Großvater überreichte die Uniform dem Zeugwart.
Hermann war damals dreizehn Jahre alt und hatte gerade das bronzene Leistungsabzeichen auf der Trompete gemacht. Der Musikschullehrer hatte oft gesagt, Hermann habe ein großes Talent, wenn er nur mehr üben würde, könne er bald schon beim Landeswettbewerb antreten und vielleicht einen Preis gewinnen.
Hätte er nur auf den Musikschullehrer gehört und mehr geübt, dann hätte Hermann nicht nur den Landeswettbewerb gewonnen, sondern vielleicht sogar die Aufnahmeprüfung fürs Konservatorium geschafft. Stattdessen fuhr er in der Freizeit mit dem Fahrrad zu seinen Schulfreunden, warf Wasserbomben auf die Mädchen und rauchte heimlich im Wald.
Trotz allem war der Großvater stolz auf seinen Hermann, er wusste ja nichts vom Wald und den Wasserbomben.
Die Musikkapelle Bieberbach zählte siebenundvierzig aktive Mitglieder und ein paar inaktive. Das Durchschnittsalter lag bei circa vierzig Jahren, wobei ein großes Loch bei den Dreißig- bis Fünfzigjährigen klaffte.
In anderen Worten bestand die Kapelle großteils aus Rentnern oder mit einem Bein in der Pension stehenden Beamten und halbwüchsigen Teenagern, die bei der Musikkapelle nicht nur das Spielen in der Gruppe, sondern auch diverse andere Geselligkeiten lernten, zu denen die meisten noch viel zu jung waren.
Im Herbst begann jedes Jahr die intensivste Probezeit. Cäcilienmesse und Frühjahrskonzert spornten die Musikanten zu Höchstleistungen an und verlangten gegen Ende der Probenzeit besonders viele Zusatzproben von den Musikern ab.
So harmonisch und korrekt die Herbst- und Frühjahrsphase klang, so schnell war nach dem Frühjahrskonzert der Ansatz verflogen und der Koffer ins hinterste Kellereck verstaut, sodass im Sommer immer wieder dieselben unspektakulären Hitparaden auf dem Notenpult des Kapellmeisters landeten.
So waren sie wenigstens immer auf der sicheren Seite und dem Publikum fiel das jahrelang gleichbleibende Programm weniger auf, als die ständig abbauende Qualität der Grillhendl oder das viel zu enge Dirndl der neuen Marketenderin.
Als Dorfkapelle leistete die Musikkapelle Bieberbach trotz allem einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Jahreskreis. Ob Kirchtag, Seelensonntag, Weihnachtsmette oder Namenstag des Bürgermeisters, die Kapelle rückte aus, ob mit oder ohne Hut.
“Was wäre ein Dorf ohne Blaskapelle”, so das alljährliche Wort des Bürgermeisters zum Hochfest der heiligen Cäcilia und dem Höhepunkt des Musikjahres. Siebenundvierzig aktive Mitglieder war in einem Siebenhundert-Seelen-Dorf eine beachtliche Zahl. Demnach gab es kaum eine Familie im Dorf, in der kein Musikant war.
De facto setzte sich die Kapelle jedoch aus mehr oder weniger fünf Familienclans zusammen, aus denen jeweils schon jahrzehntelang Musiker entstammten und Mitglieder in der Kapelle waren. Das führte dazu, dass Streitereien zwischen den Clans schnell zur existenziellen Bedrohung für das Bestehen der Kapelle werden konnten.
Wenn ein Thurner die Kapelle verließe, würden es ihm sogleich sechs andere gleichtun und schnell wäre das gesamte Klarinettenregister aufgelöst. Aus diesem Grund stritten die Musikanten nicht.
Nur einmal im Jahr bei der Jahreshauptversammlung beim Punkt “Allfälliges” durfte jeder seinem Ärger Luft machen. Nach den anschließenden Beruhigungsschnäpsen war jedoch jeder Ärger schnell vergessen und selige Ruhe kehrte wieder in den Reihen der Musikanten ein.
Besonders gut war die Stimmung nach einem gemeinsamen Wochenendausflug in die benachbarten Bundesländer, die für die meisten Musikanten einen willkommenen Ausbruch aus dem Alltagstrott darstellten.
Beim Musikausflug konnte jeder Rentner wieder ein Teenager sein, jeder Teenager konnte sich mit einem Altmitglied wie mit einem besten Kumpel unterhalten und jeder Minderjährige konnte den Polizeibeamten an der Posaune unter den Tisch trinken.
Das Beste an Musikausflügen war aber die stille Übereinkunft, nie auch nur ein Sterbenswörtchen über die Geschehnisse beim Musikausflug mit nach Hause zu nehmen. “Was im Montafon passiert, bleibt im Montafon”. Und dasselbe galt auch fürs Ötztal, den Vinschgau oder die Wiener Wiesn.
Wieder war Hermann als Erster in der Musikprobe. Die Uhr zeigte schon fünf nach acht an. Wann würden die anderen endlich pünktlich um acht spielfertig auf ihren Plätzen sitzen? Ob Hermann den Tag noch erleben dürfte?
Motiviert spielte er seine Einblasübungen. Die stetig gleichen Intervallsprünge, die Tonleiter nach oben wandernd und wieder zurück. Auch wenn ihn das Konservatorium abgelehnt hatte und auch sein Musiklehrer nach dem silbernen Leistungsabzeichen keine Anstalten mehr gemacht hatte, sein musikalisches Talent weiter zu fördern, war er doch der beste Trompeter der Musikkapelle Bieberbach.
Schon seit elf Jahren spielte er die erste Stimme und hatte schon viele Solostellen allein vor Publikum vorgetragen. Nicht immer hatte er alle Töne einwandfrei getroffen, doch wer merkte das schon.
Sein Talent war so unzweifelhaft, dass er während der Woche nicht ein einziges Mal zur Trompete greifen musste. Einmal die Woche proben reichte aus, um sein Niveau zu halten. So dachte zumindest er. Geschadet hätte ihm ein bisschen mehr Übung sicher nicht.
Letztes Jahr hatte Hermann sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Musikant gefeiert. Dafür wurde ihm das Mitgliedsabzeichen in Silber verliehen. Dieses trug er mit Stolz und gut sichtbar auf seiner Uniformjacke.
Als er seine Karin vor sechs Jahren kennen gelernt hatte, wusste diese von Anfang an, dass sie ihren Freund auf ewig mit der Musikkapelle teilen würde müssen. Freitags, wenn er in der Musikprobe war, traf sie sich mit ihren Schwestern zum Watten oder legte sich mit einem guten Roman und einer Schachtel Pralinen auf die Ofenbank.
Sie hatte sich schon daran gewöhnt, den einen Abend in der Woche allein zu verbringen und empfand nichts Störendes daran. Was sie jedoch sehr wohl störte, waren die schmutzigen Musikschuhe, die er nach jeder Ausrückung einfach in die Ecke warf, die Bierfahne, die er jeden Freitag mit ins Bett nahm, die vielen Torten, die sie schon für die Musikfeste gebacken hatte und die geheimnisvollen Bemerkungen, die sich die Musikanten nach den Musikausflügen entgegenwarfen.
Trotzdem hatte sie ihn nie vor die Entscheidung gestellt, ob sie oder die Musik. Sie hatte sein Vereinsleben immer akzeptiert. Schließlich war ja schon der Großvater, der Urgroßvater und und und….
Vor zwei Jahren hatte Hermann um ihre Hand angehalten. Mit der Trompete war er in der Nacht plötzlich im Garten gestanden und hatte die Volksweise “Edelweiß schön” für sie gespielt. So zittrig wie sein Ton war auch die Stimme gewesen, als er ihr die alles entscheidende Frage gestellt hatte. Natürlich hatte sie bejaht. Hermann war schließlich immer die Liebe ihres Lebens gewesen. Vor allem dann, als sie endlich gemerkt hatte, dass es nichts bringt, dem Florian aus dem Fußballverein noch länger nachzulaufen.
Es war eine traditionelle mittelgroße Hochzeit. Die Musikkapelle war ihrem ersten Trompeter zu Ehren ausgerückt, spielte die obligatorischen drei Märsche nach der Trauungsfeier und ließ sich anschließend auf ein Essen und gefühlte acht Getränke pro Kopf ins Gasthaus einladen. All dem stimmte Karin stillschweigend zu. Immerhin hatte sie ihren Hermann davon abgehalten, in der Musikertracht vor den Altar zu treten.
Auch am heutigen Freitagabend saß Karin zu Hause und genoss ihre wöchentliche Ruheoase. Die Schwestern hatten beide abgesagt. Die eine hatte einen Berg an Bügelwäsche zu bewältigen und die andere klagte über Kopfschmerzen.
Karin setzte Teewasser auf, holte die Pralinen, die sie zum letzten Geburtstag bekommen hatte und legte sich vor den Fernseher. Zu mehr hatte sie heute keine Lust. Im Fernsehen lief ein Film, den sie als junges Mädchen oft gesehen hatte. Sie freute sich auf zwei Stunden, in denen sie ihren Kopf nicht anstrengen, sondern nur zur stummen Berieselung hinhalten musste.
Zur gleichen Stunde teilten etwa zehn Frauen im Dorf dasselbe Schicksal und gaben sich einem seichten Liebesfilm aus glorreichen Zeiten hin, während ihre Männer nach Luft schnappten, um die gebundenen ganzen Noten über zwei Takte auszuhalten.
Die Musikantenfrauen im Dorf hatten sich, ebenso wie Karin, großteils an ihr freitägliches Schicksal gewohnt. Ein Abend ohne Partner war ohnehin nur für die Frischverliebten schwer durchzustehen. Hat sich erstmals die Routine ins partnerschaftliche Zusammenleben eingeschlichen, ist ein Abend allein eine willkommene Abwechslung. Solange es bei einem Abend bleibt. Ein mehrtägiger Musikausflug stellte die Geduld und Toleranz der Musikantenfrauen schon auf eine größere Probe.
Etwa alle vier Jahre kam es vor, dass die Musikanten beschlossen, ihren Partnerinnen für die langjährige Unterstützung zu danken und sie zur Ausflugsfahrt mitzunehmen, auch wenn sie wussten, dass die Rauschexzesse und späten Jugendstreiche dann nur halb so stark ausfielen.
Karin hatte erst einmal am Musikausflug teilgenommen. Damals war die Kapelle zu einer Gourmet-Wanderung ins Grödnertal aufgebrochen. Die Stimmung unter den Musikanten schien angespannt. Vor ihren Frauen wollten sich die Musikanten von ihrer besten Seite zeigen und keinesfalls den Eindruck erwecken, es gehe innerhalb der Kapelle jemals rüpelhaft oder ungehobelt zu.
So richtig lustig hatten es nur die Jungmusikanten, die noch keine Begleitung hatten, die sie hätten mitbringen können. Die Jungen versammelten sich alle um einen Tisch, genossen den Grödner Kirschschnaps in rauen Mengen und gaben sich unter herzhaftem Lachen den schönen Seiten des Musikerdaseins hin.
Der junge Nachwuchsklarinettist Paul war noch keine fünfzehn Jahre alt. Doch bei der Musi lernt man angeblich nicht nur das Spiel in der Gruppe, sondern auch den Boden jedes Glases kennen.
Nie wird er den Tag vergessen, als er auf dem Rückweg zum Bus im Wald gestolpert und über die Waldböschung gerollt war. Die neue Lederhose hatte sich unglücklicherweise im Geäst verkeilt und war nur noch in Fetzen an ihm heruntergehangen. Zum Vorschein kamen die letzten Reste seiner Unterwäsche, die keineswegs ausgesucht war, um begutachtet zu werden. Mit dem Schultertuch der Marketenderin notdürftig bedeckt, trat er die Heimfahrt an und durfte sich noch wochenlang die hämischen Witze seiner Kollegen anhören.
Die älteren Musikanten pflichteten angesichts dieser Peinlichkeit ihren kopfschüttelnden Frauen nur entrüstet bei, dass dieses maßlose Trinkgelage eine Zumutung aus der untersten Schublade sei.
Wie schnell man das Tun der anderen doch verurteilt, steckt man selbst nicht in deren Schuhe. “Nein, so wild benehmen wir uns niemals”, beruhigten sie ihre Begleiterinnen und freuten sich insgeheim bereits auf den nächsten Ausflug, an dem auch sie wieder alles um sich herum vergessen durften.
“Wir fahren nach Graz”, verkündete der Obmann am Ende der Probe. Die Musikkapelle Feldkirchen organisierte zum Zweihundertjahrjubiläum ein großes Fest und lud dazu aus jedem Bundesland eine Kapelle ein. Die Bieberbacher Musikanten freuten sich besonders über die große Ehre, die ihnen durch die Einladung zuteilgeworden war.
Sogleich füllte eine große Frage den Raum: Mit oder ohne Begleitung? In stummer Übereinkunft fiel die Entscheidung auf ein klares “ohne”. Man müsse Hotelkosten sparen.
“Mit Frauen wird’s nur teurer…. und weniger lustig auch”, soviel stand fest. Außerdem könnten sich die Frauen beim langen offiziellen Festakt langweilen.
Zu sehr durfte man die Freude nicht zum Ausdruck bringen. Was würden die Frauen nur davon halten, wenn man sie offensichtlich auslud?
Insgeheim sah sich der Tubist schon quer durch die Weinkarte testen, der Posaunist freute sich auf die vielen Damen in unterschiedlichsten Trachtenkleidern und beim Ledigen am Horn keimte die Hoffnung auf, er könne der Flötistin Theresa, die seit Jahren nur mehr im Doppelpack mit ihrem Lukas unterwegs war, endlich wieder einmal etwas näherkommen.
Schon nach wenigen Wochen war die Anmeldeliste vollständig. Nur acht der siebenundvierzig Vereinsmitglieder hatten sich entschuldigt und bereuten es schon im Vorhinein zutiefst. Fest stand: Dieser Ausflug würde all die letzten Vereinsaktivitäten an Spannung weitaus übertreffen.
Auch Hermann hatte sich zur Konzertreise nach Graz angemeldet. Seine Karin war zwar nicht gerade hocherfreut, doch es handelte sich lediglich um eine Nacht und wahrscheinlich zwei Regenerationstage, an denen sie ohne ihren Hermann Vorlieb nehmen müsste.
Die Argumente, warum die Frauen zu Hause gelassen wurden, hatte sie zwar nicht ganz verstanden, andererseits hatte sie das ewige Warten an der Absperrung bei den Festumzügen, das gespielt begeisterte Klatschen nach jeder amateurhaft gespielten Polka und das fettige Essen, das immer kredenzt wurde ohnehin satt. Sollen die Männer doch alleine fahren, dachte sie. Dafür freut er sich danach umso mehr, mich zu sehen.
Frau Stauder war da ganz anderer Meinung. Schon seit achtunddreißig Jahren war ihr Bernhard bei der Musikkapelle und seither hatte noch jeder Musikausflug, den er ohne seine Frau hinter sich gebracht hatte, für anschließende Beziehungsprobleme gesorgt.
Besonders den Ausflug nach Annaberg würde sie niemals vergessen: Schon bei seiner Rückkehr schien ihr Bernhard irgendwie anders. Er erzählte nur einsilbig über die Erlebnisse der letzten Tage und hatte plötzlich weder Appetit noch jegliche andere Gelüste.
Nach sieben Tagen ohne spürbare Verbesserung seiner Laune stellte sie ihn zur Rede und drohte ihm, jene Marketenderin, die die Meisterköchin in der Gerüchteküche war und jedes Geheimnis kannte, zu befragen.
Bernhard wusste, dass es keinen Ausweg gab und schenkte seiner Frau reinen Wein ein. Er erzählte von den Schnapsrunden vor und nach dem Konzert, von den Annaberger Haubenfrauen, von der Trudi, die ihn so hartnäckig belagert hatte, von seinen Bemühungen, sich zu verteidigen und schlussendlich dem verlorenen Kampf gegen die Auswirkungen der hochprozentigen Williamsbirne und dem Reiz der temperamentvollen Salzburgerin.
Dieser laut Bernhard unvermeidbare Ausrutscher hatte schwerwiegende Folgen für den Posaunisten. Seine Frau stellte ihn vor die unausweichliche Entscheidung:
“Die Musi oder ich!”
Nie war ihm eine Entscheidung schwerer gefallen, doch er tat das allgemein anerkannt einzig Richtige und entschied sich, von der Musikkapelle auszutreten.
Zumindest für eine Weile besuchte er keine Freitagsproben mehr und mied auch sonst die Musikkollegen nach Möglichkeit. Frau Stauder war ihren lustlosen und jammernden Ehemann schon bald leid und vermisste ihre unbeschwerten Freitagabende. Also erlaubte sie ihm, wieder zu den Proben zu gehen, er sei ja der beste Posaunist in der Kapelle und unverzichtbar.
Für Bernhard bedeutet der Wiedereinstieg nicht nur mehrere Runden Bier für alle Musikanten, sondern auch die Zustimmung zu der Forderung seiner Frau, niemals wieder bei einem Musikausflug ohne Begleitung teilzunehmen.
Als Bernhard mürrischer denn je aus der Musikprobe nach Hause kam, wusste Frau Stauder gleich, dass wieder ein Ausflug ohne Begleitung in Planung war. Sie fragte nur “wohin soll’s denn gehen”, und er antwortete mehr in seine Jacke als zu ihr: “Graz”.
Sie konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Die Macht, die sie seit dem Seitensprung ihres Mannes hatte, kostete sie nur zu gern aus.
“Wie schaut’s aus im Register? Gibt’s wohl Ersatz für dich?”, fragte sie provokant. “Keine Ahnung”, erwiderte er mürrisch, “würd’ ja eh nichts ändern”.
“So ist es, mein Lieber, so ist es”, fügte die Frau bestimmt hinzu.
Zuhause bei Florian wurde bereits sorgfältig die Uniform auf Makel und Passform geprüft. In Graz wollte er sich von der besten Seite zeigen und vielleicht auch einer feschen Grazerin gefallen, sollte sich die Flötistin Theresa nicht von ihrer Langzeitliebe, dem Feuerwehrbeamten Lukas abbringen lassen.
Florian war als Hornist schon seit fünfundzwanzig Jahren unverzichtbares Mitglied der Musikkapelle Bieberbach, war es doch so ungemein schwer in Zeiten wie diesen, junge Menschen für das königliche Waldhorn zu begeistern. Florian war froh, Teil eines Vereins zu sein, denn Zuhause hatte er meist niemanden, der auf ihn wartete. Aus diesem Grund war er nicht nur Mitglied bei der Musikkapelle, sondern auch beim Fußballverein, bei der Landjugend und beim Roten Kreuz.
Nur einmal hatte er bei einer Frau ernsthafte Absichten gehabt. Das war damals vor acht Jahren, als die hübsche Theresa mit ihren langen blonden Haaren und ihren blauen Augen an der Flöte begann und fortan bei jeder Probe ihren unsagbaren Reiz auf Florian versprühte.
Zu schüchtern und zu unerfahren hatte sich Florian jahrelang nicht getraut, Theresa in ein Gespräch zu verwickeln oder ihr auch nur länger in die Augen zu sehen.
Nicht, dass es keine Frauen gab, die sich für ihn interessierten, das Problem war eher, dass es keine Frau bis auf Theresa gab, die ihn interessierte.
Immer wieder hatten sich ihm bei Jungbauernbällen oder Kirchtagsfesten zu späterer Stunde Frauen jeden Alters an den Hals geworfen, um ihm zu erzählen, wie nett und attraktiv sie ihn fanden. Attraktiv waren für ihn einige davon gewesen, nur mit dem nett hatte er so seine Probleme. Da galt es schon mehr, als nur mit schmeichelnden Worten um sich zu werfen und ein gekünsteltes Lächeln aufzusetzen.
Nett waren für ihn Menschen, die ehrlich waren und gleichzeitig nicht verletzend. Menschen, die ihre Meinung vertraten, aber für andere Meinungen offen waren. Menschen, die lustig waren, ohne sich nach jedem Kommentar nach einem begeisterten Publikum umzusehen.
Theresa war immer bemüht, mit jedem in der Kapelle einen lockeren und kameradschaftlichen Umgang zu pflegen. Mit Florian war das kein Leichtes, da er ihr immer wieder geschickt auswich und sich ihren Gesprächsversuchen entwand.
Oft stand er dann nur ein paar Schritte entfernt und lauschte ihren verständnisvollen Gesprächen mit den älteren Musikanten und den motivierenden Zusprüchen, die sie für die überforderten Jungmusikanten übrig hatte.
Theresa war in der Kapelle sehr beliebt. Die weiblichen Musikantinnen waren in Bieberbach ohnehin in der Minderheit, also bemühten sich die siebenunddreißig Mann kräftig um deren Sympathie. Schwere Bierkisten schleppen fiel somit für die Kameradinnen flach und auch das Aufbauen der Bühnenelemente vor jedem Konzert.
Dafür durften die acht Damen mit der Unterstützung der zwei Marketenderinnen regelmäßig im Probelokal putzen, auf Festen servieren oder die Dekoration für diverse Veranstaltungen besorgen.
Theresa war bei solchen Aufgaben immer ganz vorne mit dabei. Die Musikkapelle war ihr größtes Hobby und sie fehlte bei kaum einer Probe. Mit anstößigen Bemerkungen zu späterer Stunde wusste sie bestens umzugehen und antwortete mit Charme und Schlagfertigkeit.
Ab und zu hatte auch sie einen Schnaps zu viel, aber ihrem Lukas war sie bisher immer treu geblieben.
So sehr er sein Interesse für Theresa auch verbarg, in der Musikkapelle galt Florians Zuneigung für die Flötistin als offenes Geheimnis. Auf Veranstaltungen, bei denen üblicherweise der Alkohol in nicht gerade harmlosen Mengen floss, hielt er deshalb noch größeren Abstand zu Theresa, damit sich die Musikkollegen ja nicht zu unangenehmen Bemerkungen hinreißen ließen.
Trotz der über fünfjährigen Beziehung zu ihrem Lukas, gab es noch keine Anzeichen dafür, dass Theresa demnächst “unter die Haube” kommen würde. Auch wenn sich Florian keine ernsthaften Hoffnungen machte, unterließ er es nicht, vom Graz-Ausflug und möglichen Vorkommnissen zu träumen.
Deshalb zupfte er die letzten Fussel von seiner Musikjacke und bearbeitete den Filzhut mit einer groben Bürste.
Hermann las sich das Programm für den Musikausflug noch einmal sorgfältig durch. Abfahrt am Samstag um 06:00 Uhr, Jause in Salzburg um 09:00 Uhr, Ankunft und Mittagessen in Graz um 14:00 Uhr. Mitzubringen sind Vollmontur, Instrument, Noten, Marschbuch und bequeme Reisekleidung.
Wieder und wieder las er die Checkliste durch und blickte prüfend auf das Häufchen, das er sich bereits zurechtgelegt hatte. Karin hatte ihm noch die Strümpfe gewaschen und alles fein säuberlich in einen kleinen Trolley geschlichtet. Die Trompete stand stolz daneben und war gründlich von Fingerabdrücken und Wasserspuren befreit.
Hermann freute sich sehr auf den Ausflug. Das Musikfest in Feldkirchen versprach, eine gute Bühne für musikalische Darbietungen mit einem großen, anspruchsvollen Publikum zu bieten. Dort könnte er seine Trompetensignale besonders laut in die Menge blasen und im Anschluss großes Lob von internationalen Persönlichkeiten und regionalen Politikern ernten.
Er hatte die letzten Wochen fleißig an seiner Zungenstoßtechnik gearbeitet und täglich vor dem Schlafengehen die Zwerchfellatmung geübt.
Karin sehnte schon den Tag herbei, an dem ihr übereifriger Mann und seine schrille Trompete das Haus endlich wieder einmal verließen. Seit Tagen redete er nur noch über den Ausflug. Die Arbeiten rund ums Haus hatte er gründlich vernachlässigt. Dafür war er auffällig oft im Keller und übte.
So sehr sie ihn liebte, aber für diesen Fanatismus hatte sie wenig Verständnis. Auch wenn sie es nie wagen würde, ihm das zu unterbreiten.
“Soll er doch seine Freude daran haben”, dachte sie sich. “Männer bleiben sowieso ewig Kinder und brauchen etwas zum Spielen. Da spielt er lieber auf der Trompete als am Computer oder am Modellflugzeug”, dachte sie.
Im selben Moment hörte sie einen markerschütternden Schrei aus dem Obergeschoss des Hauses. Sie stürmte die Treppe nach oben und sah Hermann am Boden des Schlafzimmers liegen, sich hin und her winden und dabei einen Fuß fest umklammern.
Der Schmerz trieb ihm bereits die Tränen ins Gesicht. Offenbar hatte er sich aus Unachtsamkeit den Fuß am Bettpfosten angeschlagen, war mit dem Zeh an der Kante hängen geblieben und anschließend hingefallen. So beurteilte Karin die Lage auf den ersten Blick.
Aus den Schreien ihres Mannes war keine aufschlussreichere Information zu entnehmen, also begnügte sie sich mit ihren Einschätzungen und machte sich daran, Hermann zu beruhigen, auch wenn dieser sich mehr auf sein eigenes Geschrei, als auf ihre Worte konzentrierte.
Erst der Vorschlag, ihn in die Notfallambulanz des nächsten Krankenhauses zu fahren, ließ ihn aufhorchen und er stimmte ihrem Vorschlag zu, voller Hoffnung, in der Klinik könne er von seinen Todesqualen befreit werden.
Die Lage seines großen Zehs war schnell beurteilt: Bruch, Gips, keine unnötigen Belastungen. Karins Anmerkung zur Diagnose lautete: “kein Musikausflug”.
Das musste sogar Hermann einsehen. Mit dem dick eingegipsten Zeh könnte er sich weder in die Musikschuhe zwängen, noch könnte er beim Einmarsch dem flotten Schritt des Stabführers folgen. Aus der Formation austreten und wie ein geächteter Hund nebenher humpeln kam für ihn nicht in Frage.
Selbst wenn er gewollt hätte, Karin hätte ihm die Flausen schnell aus dem Kopf getrieben, trotz der Verletzung nach Graz zu fahren.
“Es wird schon wieder einmal einen Ausflug geben”, tröstete sie ihren Hermann. Wann es wieder einmal einen Ausflug über die Landesgrenze hinausgeben würde, wo so viel Prominenz und anspruchsvolles Publikum vereint war, wollte sich Hermann gar nicht erst ausmalen. “Die Hoffnung stirbt zuletzt, der Verletzte zuerst”, dachte er sich und informierte den Obmann der Kapelle.
“Info MK Bieberbach: Unser erster Trompeter kann unfallbedingt nicht am Ausflug nach Graz teilnehmen. Suchen dringend Aushilfe! Bei Vorschlägen bitte melden!”, las Bernhard seiner Frau beim Abendessen aus der eben eingetroffenen SMS vor. Angestrengt überlegte Bernhard, ob er nicht jemanden aus den Nachbarkapellen kannte, der die Trompete ebenso scharf blies, wie Hermann.
“Der Johannes ist doch so talentiert”, schoss es plötzlich aus Bernhard.
Der älteste Sohn seiner Schwester spielte schon seit fünf Jahren Trompete und galt weithin als “musifanatisch”. Außerdem war er noch in der Schule, deswegen sollte ein spontaner Ausflug am Wochenende mit der Musikkapelle kein Problem sein.
“Der ist doch noch viel z’jung”, warf Frau Stauder ein.
Bernhard hatte aber schon zum Telefon gegriffen und die Nummer seiner Schwester gewählt. Schnell wurde am andern Ende abgehoben und etwas Unverständliches gemurmelt.
“Johannes, bist’s eh du?”, fragte Bernhard und sprudelte gleich hellauf begeistert los, um den jungen Mann zu überreden, nach Graz mitzufahren.
“Ich? Nein, ich kann nicht mitfahren, leider”, erklärte der Onkel seinem Neffen. “Die Tante hat das nicht so gern”, sprach er mit einem unüberhörbaren Nachdruck und einem vorwurfsvollen Blick auf seine Frau.
Nach einer kurzen Pause am anderen Ende ertönte die Stimme von Bernhards Schwester am Telefon.
“Wie, du kannst nicht mit?”, tönte es aus dem Hörer, dass es auch Frau Stauder hören konnte.
“Nein, ich hab‘ da so eine Abmachung mit der Frau”, lautete Bernhards freudlose Antwort.
Frau Stauder und Bernhards Schwester hatten sich noch nie besonders gut verstanden. Die Schwester konnte mit der bestimmenden, herrischen und oft unhöflichen Art der Schwägerin nichts anfangen und ging ihr deshalb nach Möglichkeit aus dem Weg.
Als sie jedoch hörte, wie die Schwägerin jetzt auch noch versuchte, Bernhard sein ein und alles, nämlich die Mitgliedschaft im Musikverein madig zu machen, schäumte sie vor Wut.
Sie war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sie an der Rollenverteilung in der Ehe ihres Bruders nichts ändern konnte. Dennoch wusste sie jetzt ihre Macht, die sie durch ihren Sohn plötzlich erhielt, auszuspielen.
Der Johannes kenne doch niemanden in der Musikkapelle Bieberbach, außerdem habe der Junge ja nur Flausen im Kopf und jemand müsse doch auf ihn schauen. Klar, er könne alle Stücke ganz schnell vom Blatt spielen, auch so spontan könne er einspringen und mit nach Graz fahren, als Mutter habe sie aber schon was dagegen, wenn ihr halbwüchsiger Sohn so ganz ohne Aufsicht mit einem Rudel Musikanten wegfahren würde. Sie könne dem Wunsch des Bruders nur nachgeben, wenn dieser höchstpersönlich ihren Sohn beaufsichtigen würde. Dazu müsse er aber selbstverständlich auch am Ausflug teilnehmen. So argumentierte die Schwester schadenfroh und stolz, endlich nahe daran zu sein, den eisernen Willen der Schwägerin zu brechen.
Johannes runzelte die Stirn über die Worte der Mutter. Er war doch schon siebzehn Jahre alt und machte sowieso meistens, was er wollte, solange er seine Leistungen in der Schule brachte und den Eltern am Wochenende ab und zu unter die Arme griff.
Das Telefonat dauerte eine halbe Ewigkeit.
“Die tun so, als wär‘ ich ein kleines, behütetes Küken, das nur unter Begleitschutz die Hausmauern verlassen darf”, dachte Johannes.
Schließlich nickte die Mutter zufrieden und gab den Hörer wieder an ihren Sohn ab.
“Red’ du, Johannes und merk dir, was du alles brauchst am Samstag”, schloss die Mutter und verließ den Raum.
Ein paar Fragen wurden geklärt, ein paar Abmachungen getroffen und ein letztes Grußwort getauscht.
Während sich Johannes daran machte, seine Trompete reisebereit zu machen, focht Bernhard die letzten Kämpfe mit seiner Frau aus und konnte sein Glück kaum fassen, dass er nach Jahren der Enthaltsamkeit von jeglichen Musikaktivitäten außerhalb der Dorfgrenzen, nun endlich wieder einmal an einem Ausflug und dazu noch ohne Begleitung teilnehmen durfte.
Am Samstag, pünktlich um sechs Uhr stand der Bus bereit. Die Schlagzeuger luden die letzten Trommeln ein. Notenständerkiste, Fahne und Ersatzhüte lagen sorgfältig daneben.
Die ersten Musikanten saßen bereits im Bus und richteten sich ihren Platz für die nächsten voraussichtlich acht bis zehn Stunden so gemütlich wie möglich ein.
Der Platz im Bus war wie üblich eine schicksalhafte Fügung: Hatte man nicht bereits vorab einen Sitznachbarn gewählt, konnte es passieren, dass man anstandshalber jemanden neben sich Platz nehmen ließ, der einem so ganz und gar als attraktiver Gesprächspartner für die Dauer von mehreren Stunden zuwider war.
Auch die Position im Bus war entscheidend: Ganz vorne hinter dem Busfahrer zu sitzen bedeutete meist, von den älteren Kameraden umgeben zu sein, die über Landschaft, Wetter und Verkehr fachsimpelten. Hier konnte weder an ausgelassene Feierstimmung, noch an erholsamen Schlaf gedacht werden.
