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Fimi, beruflich erfolgreiche Lehrerin, und Nelson, der einen Leuchtturm besitzt und sein Geld als Taxifahrer verdient, lernen sich im Urlaub kennen und scheinen wie füreinander gemacht: Sie haben eine fast zu stark ausgebildete Empfindsamkeit für ihre Mitmenschen gemeinsam, die sie immer wieder von der Erfüllung ihrer eigenen Wünsche abbringt. Zum Glück gibt es auch Verwandte und Freunde, die es gut mit ihnen meinen und ihnen bei der Besinnung auf sich selbst unter die Arme greifen.
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Mut zum Glücklichsein
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
Tamara saß in der S-Bahn. Hoffentlich war Fimi noch auf. Vom Handy aus bei ihrer Schwester anrufen wollte Tamara nicht. Denn dann wäre sie nur in Versuchung gewesen, die wer weiß wie vielen Nachrichten von Horst zu lesen. Und dazu war sie nicht in der Lage. Nur ein paar Geldscheine in der Hosentasche, war sie aufgebrochen. Ihre Schwester würde ihr alles leihen, was sie brauchte. Bei Fimi würde sie bleiben können, solange es sein musste.
Sie genoss die lange Umarmung, die bedingungslose Zuneigung ihrer jüngeren Schwester.
„Lass uns was trinken, und dann muss ich ins Bett zurück“, schlug Fimi vor.
Trotz aller Wiedersehensfreude fiel sie um vor Müdigkeit. Englischlehrerin in einem der wenigen noch übriggebliebenen Mädchengymnasien zu sein, war harte Arbeit geworden. Lethargische bis apathische Teenager zu motivieren und endlose Formulare darüber auszufüllen und sich bei überarbeiteten Vätern und Müttern an Elternabenden für die schlechten Noten ihrer verzogenen Gören rechtfertigen zu müssen, stellten eine große Herausforderung an Fimis Lebensfreude dar. Sie hatte gemerkt, dass viel Schlaf ihr sehr dabei half, sie zu bewahren.
Mit weit aufgerissenen Augen wollte Tamara ihr ihr Herz ausschütten. Um ihre Energie und Intensität hatte Fimi sie oft beneidet. Ein paar Mal hatte sie versucht, so wie Tamara zu sein. Aber sie hatte es höchstens zwei Tage durchgehalten. Danach hatte sich jedesmal ihr ruhige, besonnene Art wieder durchgesetzt. Tamara aber stand Tag für Tag unter Strom.
So gerne Fimi sich von Wirbelwind Tamara anstecken und mitreißen ließ, so anstrengend fand sie es auch.
„Ich ersticke!“ Tamara schwang sich auf den Barhocker. „Er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Ich mache die abwegigsten Vorschläge, spiele die Prinzessin auf der Erbse, und er ist sofort dabei. Ich krieg‘ einfach keine Luft mehr. Verstehst du das?“
„Hmmm“, machte Fimi und stellte zwei Tassen Heiße Schokolade auf die Küchenbar.
„Manchmal verstehe ich es ja selbst nicht“, stellte Tamara fest. „Du hast recht: Sogar im 21. Jahrhundert würden sich einige von uns Frauen die Finger nach so einem Mann lecken.“
„Komische Vorstellung“, wunderte sich Fimi. „Soll ich das gesagt haben?“
Aber es stimmte. Sie hätte gegen Horst nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Nur ihre Loyalität Tamara gegenüber hielt sie nach wie vor davon ab, sich in ihn zu verlieben. Sie war froh, sich soweit unter Kontrolle zu haben. Männer, die gebunden waren, kamen für sie von vorneherein nicht in Frage, der Partner ihrer Schwester schon gleich gar nicht.
Dabei wäre das sowieso eine einseitige Angelegenheit. Die Typen, die Tamara anzog, hatten für niemand anderen mehr Augen. Sie waren hoffnungslose Fälle. Fimi fragte sich nur, wie ihre Schwester es anstellte.
Sie würde einfach geduldig warten, bis ihr das Schicksal einen ungebundenen Mann über den Weg schickte, der ihre Gefühle erwidern würde und könnte.
„Dabei habe ich permanent ein schlechtes Gewissen.“
So sehr Fimi ihre Schwester liebte, nicht zuletzt für ihre Aufrichtigkeit, mit der sie undiplomatisch, wie sie war, schon etliche Freunde und Verwandte vor den Kopf gestoßen hatte, einen schuldbewussten Eindruck machte Tamara nicht auf sie.
Wie alle Menschen steckte sie voller Widersprüche. In diesem Moment kam sie Fimi vor, wie eine ihrer Schülerinnen, ein enfant terrible, das sich unmöglich benahm, Ärger und Anstoß erregen wollte, seine Umwelt reizen und provozieren wollte, bis ihm endlich jemand eine Grenze setzte. ‚Wie sehr sich das nach konservativer, angestaubter Pädagogik anhörte!‘, ertappte sich Fimi. Trotzdem lief es so oft darauf hinaus, auch hier bei ihrer Schwester.
Tamara war nur äußerlich eine inzwischen 31-jährige, reife Frau. Bei all den unerklärlichen Impulsen, die an ihrer Seele zerrten und ihre Launen bestimmten, kam sie innerlich gerade mal auf das Alter einer frisch in die Pubertät eingetretenen 13-Jährigen.
„Glaubst du mir etwa nicht?“
„Doch, klar.“
Auch Tamaras Empfindlichkeit passte in dieses Bild. So offen sie immer ohne Rücksicht ihre Meinungen äußerte, so vorsichtig musste ihre Umgebung mit ihr umgehen.
Fimi gab sich Mühe, weder zu heucheln, noch einen Ausbruch bei Tamara herbeizuführen; die sah so zerbrechlich aus auf einmal.
„Nur macht man es sich zu leicht, wenn man mit einem schlechten Gewissen eine sofortige Absolution erteilt bekommen möchte“, tastete Fimi sich behutsam vorwärts. „Es gäbe ja immer die Möglichkeit, sich anders zu verhalten, um Schuldgefühlen vorzubeugen.“
Tamara runzelte die Stirn.
„Das ist mir glatt zu hoch für heute abend, meine Kleine.“ Seufzend verschränkte sie die Hände hinter dem Kopf. „Lass uns die Schlafcouch beziehen. Ich bin ausgelaugt.“
Erleichtert holte Fimi ihr Bettzeug und drückte ihre unberechenbare große Schwester, die es fertigbrachte, dass ihre Mitmenschen, die sie permanent in Atem hielt, sie trotzdem aufrichtig liebten.
Früher hatte es Fimi jedes Mal auf die Palme gebracht, von Tamara ‚meine Kleine‘ genannt zu werden. Inzwischen hatte sie begriffen, dass diese Anrede für Tamara wichtig war: So konnte sie Fimi als Konkurrentin im Zaum halten, ihre Zuneigung und gleichzeitig ihre Ambivalenz zum Ausdruck bringen. Im Grunde schmeichelte Fimi die Bezeichnung, vor allem, weil sie sich nie als ernstzunehmende Rivalin für ihre allen Raum einnehmende Schwester gesehen hatte.
Manchmal tat es auch einfach gut, einen anderen Menschen in der Wohnung zu haben, mit dem man sich bei allen Schwierigkeiten vertraut und nah fühlte.
Wie lange Tamara wohl dieses Mal bleiben würde?
Als sie schon fast eingeschlafen war, klopfte es an ihrer Tür. Tamara steckte den Kopf herein.
„Wann fangen bei euch eigentlich die Ferien an?“ Hätte die Frage nicht Zeit gehabt bis zum nächsten Morgen? „Ich habe da nämlich so eine Idee.“
„Du und ich und Horst und Mutter für vier Wochen in diesem Leuchtturm!“ Tamara strahlte glücklich, wie sie es als kleines Mädchen so oft getan hatte.
Sie wusste, dass sie Fimi sofort für ihren Plan gewonnen hatte. Das wäre genau die Sorte Urlaub, die ihre Schwester ansprach. Ruhe und Einsamkeit waren allerdings das letzte, worauf Tamara jemals aus war. Aber beim Zähneputzen letzte Nacht hatte sie unverhofft das nicht mehr zu unterdrückende Bedürfnis überfallen, die drei Menschen, die ihr am wichtigsten waren, um sich zu haben, so schwer erträglich sie sie aus den unterschiedlichsten Gründen auch fand.
Während Fimi beim Unterrichten war, hatte sie ‚Romantische und gleichzeitig entspannende Ferienziele‘ an deren Computer nachgeschaut.
„Horst und Mutter in einem Leuchtturm?“ Fimi musste sich eingestehen, dass sie stürmische Begrüßungen nach einem aufreibenden Arbeitstag nicht mehr gewöhnt war. Wenn sie im Klassenzimmer und auf einer Konferenz, die sich bis in den frühen Abend zog, ihr Äußerstes gegeben hatte, brauchte sie ihre vier Wände erstmal für sich.
Sie ließ die Tasche fallen und ging in die Küche. Tamara hatte abgewaschen, ein untrügliches Zeichen dafür, wie ernst es ihr mit ihrem Vorschlag war.
Fimi konnte sich nur eine plausible Erklärung dafür vorstellen, warum ihre Schwester ihren Partner mit seiner Schwiegermutter unter einem Dach unterbringen wollte.
Gerührt nahm sie sie in den Arm, verkniff es sich aber, ihren Verdacht laut zu äußern. Womöglich war es Tamara noch gar nicht bewusst.
„Hunger?“
Fimis Magen knurrte zur Antwort unüberhörbar.
„Ich habe schon zwei Pizzen bestellt. Lass mich nur noch schnell einen Salat dazu machen.“
Fimi hatte nichts dagegen. Normalerweise zwang sie sich, ihr Abendessen zu kochen, egal, wie fertig sie war. Aber warum sollte sie sich nicht mal ein bisschen verwöhnen lassen? Und wie lange hatte sie schon keine Calzone mehr auf den Teller gekriegt?
„Horst und Mama waren sofort einverstanden“, eröffnete Tamara.
Vollendete Tatsachen also? Wenn Fimi nicht mitmachen würde, wäre sie die Spielverderberin, und sie wurde mal wieder als letzte gefragt oder vielmehr informiert.
Das rief unangenehme Reminiszenzen in ihr wach, die dort lange verschüttet geruht hatten. Es stimmte schon: Familienkonstellationen und -verhaltensmuster lagen für die Ewigkeit fest. Egal, wie selbständig man sich sonst sogar noch als Erwachsene fühlte, sobald Familienmitglieder auftauchten, war alles beim alten.
Unzählige Male hatte Fimi sich vorgenommen, seit sie von zu Hause ausgezogen war, ihre Rolle als kleine Schwester und jüngste Tochter abzulegen, auf die Stichworte, die sie in die gewohnten Muster zurückrufen konnten, einfach nicht anzuspringen.
Dani, ihre älteste Schwester, hatte sich nach Neuseeland entzogen und ließ sich nur alle fünf Jahre mal blicken. Soweit weg zu sein, war sicher auch nicht immer so leicht.
Fimi hatte sich das Phänomen so erklärt, dass die Distanz fehlte zwischen ihrer Mutter, Tamara und ihr selbst, die Distanz, die sie brauchte und die sie sich verschaffen konnte, indem sie über den Dingen stand. Ihr fiel gar nicht ein, deswegen ans andere Ende der Welt zu fliehen.
Doch diese Einstellung musste sie sich bewahren, wenn sie sich vor den emotionalen Achterbahnfahrten schützen wollte, in die ihre Mutter und Tamara sie unermüdlich einzubeziehen versuchten.
Fimi kaute und ließ sich die Pizza schmecken.
„Na?“ Der erwartungsvolle Blick von gegenüber verriet, dass Tamara nur einhellige Begeisterung und Zustimmung als Antwort gelten lassen würde.
Das Foto des Leuchtturms auf dem Monitor würde jedem ‚Urlaubsreif‘-Kandidaten einen spontanen Jubelschrei entlocken. Warum zögerte Fimi?
„Du und ich, das könnte ich mir durch den Kopf gehen lassen.“ Fimis Vorsicht ließ Tamara nachdenklich werden. „Du und ich und Mutter? Das könnte funktionieren. Aber Horst und unsere Mutter haben sich bei unseren letzten gemeinsamen Ferien fast zerfleischt“, erinnerte Fimi. „Wie hast du es nur geschafft, dass die beiden bereit sind, sich zu versöhnen?“
„Ach, das.“ Tamara machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das haben die zwei doch längst vergessen.“
Leise ließ sie ihr Glas Rotwein an Fimis tippen.
„Komm schon. Enttäusch mich nicht. Du musst mit. Ohne dich halte ich es nicht aus.“
Tamara kannte sie wirklich zu gut. Ein Lächeln stahl sich auf Fimis Lippen. Natürlich würde das ganze ein Riesenspaß werden. Sie verstand sich ja schließlich mit allen, und wenn die anderen drei sich zerstritten, war das nicht ihre Verantwortung.
„Auf einen wunderbaren Urlaub!“, stieß sie mit Tamara an.
Obwohl sie gern allein lebte, beneidete sie ihre Schwester insgeheim manchmal um ihren Horst. Was der alles über sich ergehen ließ, mitmachte und verzieh, war für Fimi kaum nachvollziehbar. Dabei würde es ihr nie und nimmer vorschweben, die Geduld und die Liebe ihres Freundes, wenn sie einen hätte, auf so schwere Proben zu stellen.
„Und wenn Horst dir irgendwelche Wünsche erfüllen will?“, fiel es Fimi ein.
Ob Tamara in der Stimmung war, in der man sie ein bisschen aufziehen konnte?
„Ich meine, wenn du ersticken würdest oder es einfach nur wieder satt hättest, dass er dir jeden Wunsch von den Augen abliest, dann schick ihn ruhig zu mir.“
Tamara machte ein ernstes Gesicht, lehnte sich über den Tisch und legte ihre Stirn an Fimis. „Meine Kleine, du hast keine Ahnung, wie sehr ich ihn brauche, oder? Aber keine Sorge, für dich finden wir auch noch jemanden.“
Ungerührt steckte Fimi sich die letzte Olive aus der Salatschüssel in den Mund.
„Ich sehe schon, das werden abwechslungsreiche Wochen werden. Bleibst du bis dahin bei mir?“
Es klappte: Tamaras Fürsorge war schon oft zu tief in ihre Privatsphäre eingedrungen. Gerade eben war es Fimi wenigstens schon dieses eine Mal gelungen, emotional die Bremse anzuziehen, Tamaras Aufdringlichkeit locker zu nehmen und gelassen zu bleiben.
„So leid es mir tut, werde ich meine Zelte hier morgen früh abbrechen und mit Horst schon vorausfahren, alles vorbereiten und uns das schönste Zimmer aussuchen.“ Tamaras Beziehungskrise hatten die beiden dann wohl überwunden. Manchmal wirkte eine kurze Trennung eben Wunder.
Das hieß, bis jetzt hatten sie sich noch jedesmal wieder zusammengerauft, wenn Tamara Hals über Kopf das Weite gesucht hatte. Nur meistens hatte sie sich bis zur Versöhnung mehr Zeit gelassen.
„Mama habe ich die Informationen für Anfahrt und Reiseziel geschickt, und du hast ja alles auf deinem Computer.“
„Jippii!“, riefen beide plötzlich gleichzeitig und lachten sich an.
Es ging doch nichts über ein Mindestmaß an Vorfreude und überhaupt an Lebenslust.
„Fimi, mein Schatz! Wie schön!“
Isabelle küsste ihre Tochter auf beide Wangen, drückte sie an sich, ging auf das Badezimmer zu und ließ die Wohnungstür offen stehen. Zwei Koffer, von denen es Fimi ein Rätsel war, wie ihre Mutter sie bis hierher transportiert hatte, waren mit vereinten Kräften durch den Flur ins Wohnzimmer zu schleifen.
„Ich freue mich so“, übertönte Isabelle die Klospülung.
Strahlend begrüßte sie Fimi noch einmal.
„Wo ist meine Handtasche?“
Fimi hielt sie ihr hin.
„Ah!“, machte Isabelle erleichtert und zog Zugfahrkarten heraus. „Ich habe auch Plätze im Schlafwagen gebucht. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern. Morgen abend um 10 Uhr 20 fährt unser ICE. Wir werden schlafen wie die Babies, und am nächsten Morgen holen Tamara und Horst uns vom Bahnhof ab. Alles gebongt.“
Mit den letzten Worten rauschte sie in die Küche, setzte die Kaffeemaschine in Gang und öffnete den Kühlschrank. Fiel es Fimi tatsächlich zum ersten Mal auf, dass ihre Mutter die Regie übernahm? Hatte sie immer gründlich verdrängt, wie selbstverständlich sie sich die Zügel aus der Hand nehmen ließ?
Sie war noch so stolz auf sich gewesen, trotz der Sitzungen nach der Zeugnisverteilung schon für das nächste Schuljahr, alles Verderbliche aus dem Kühlschrank bereits entsorgt zu haben. Nur ein Liter H-Milch und ansonsten gähnende Leere starrten ihrer Mutter entgegen.
„Oh!“ Sie hörte sich richtig entsetzt an.
Warum beschlich Fimi augenblicklich das Bedürfnis zu erklären, dass sie ja nicht hatte ahnen können, dass Isabelle kommen und bei ihr übernachten würde? Wieso fühlte sie sich automatisch in die Lage versetzt, Rechenschaft ablegen, sich entschuldigen zu müssen?
„Ich brauche sowieso noch einen neuen Badeanzug und ein bisschen Lektüre.“ Verflixt: Selbst das hörte sich an, als ob sie zu einer Rechtfertigung ausholen wollte. „Heute abend wollte ich mich auf dem Abiturfest satt essen und mir morgen früh ein Croissant frisch vom Bäcker gönnen. Dann wäre ich in den Zug gestiegen und hätte mich bei meiner Ankunft abends von einem Bauern auf seinem Fuhrwerk mitnehmen lassen, der zur rechten Zeit am Bahnhof vorbeigefahren wäre und mich bei euch an unserem Leuchtturm abgesetzt hätte.“
Isabelle hatte es für eine Sekunde die Sprache verschlagen. In die ohrenbetäubende Stille hinein gurgelte die Kaffeemaschine. Fimi sah ihr förmlich an, wie sie an beleidigten Sätzen kaute, wie „Machst du dich über mich lustig? Ich dachte du freust dich, dass ich dich abhole!“ oder „Dann ist mein Besuch wohl keine angenehme Überraschung für dich!“
Ähnlich wie Tamara verstand sie sich gut darin, Urteile auszuteilen, aber irgendetwas einzustecken lief auf Gekränktsein und in Tamaras Fall unkontrollierte Wutanfälle hinaus.
Doch wider Erwarten klatschte ihre Mutter in die Hände und lachte.
„Kompromiss“, schlug sie dann vor: „Wir machen deinen Stadtbummel und schauen bei deinem Abiturfest vorbei. Aber ich lade dich vorher noch zum Abendessen ein. Auf diesen Parties gibt’s doch nichts anderes als Erdnüsse und Kartoffelchips. Morgen früh schlafen wir uns aus, und du darfst Croissants vom Bäcker holen. Wir räumen deine Wohnung noch auf und nehmen den Zug, den ich schon extra gebucht habe. Holst du uns zwei Kaffeetassen aus dem Schrank?“
Fimi gab sich geschlagen. In den Ferien würden sich sicher noch genug Gelegenheiten ergeben, möglichst unaufgeregt klarzustellen, dass sie fähig war, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie war nicht auf Konfrontationen aus. Aber warum sollten sich die anderen kränken, wenn sie sich nicht mehr überfahren und das Heft aus der Hand nehmen ließ? Daran würden sich alle gewöhnen müssen.
Das Anprobieren von Badeanzügen, Sonnenhüten und
-brillen machte beiden großen Spaß. Auf der Dachterrasse von Fimis griechischem Stammlokal ließen sie sich ihre Kalamari schmecken. Heiter und unbeschwert trafen sie an der Schule ein, wo das Fest in vollem Gange war. Die Musik hatte jemand ausgesucht, der etwas davon verstand. Isabelle begab sich auf die Tanzfläche.
„Tolle Mutter.“ Neben Fimi stand wie hingezaubert ihr heimlicher Lieblingskollege und hielt ihr ein Glas Prosecco entgegen. „Das hast du gut hingekriegt. Mit den eigenen Eltern ist das manchmal nicht so einfach.“
„Es liegt noch viel Arbeit vor uns“, griff Fimi den Scherz auf und nahm ihm lächelnd das Glas ab. „Aber in guter Gesellschaft weiß sie sich zu benehmen.“
Sein Lachen gefiel ihr viel zu gut. Auch einer der Männer, die strengstens verboten waren – verheiratet und drei kleine Kinder.
„Herzlichen Glückwunsch übrigens auch zu deinen Abiturientinnen“, sagte er ziemlich nah an ihrem Ohr, um sich durch die laute Musik verständlich zu machen. „Deine Schülerinnen waren mal wieder die besten.“
„Danke!“ Fimi freute sich ehrlich über die Anerkennung.
Viele ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brachten vor lauter Neid und Konkurrenzkampf so eine Äußerung nicht über die Lippen.
„Schöne Ferien noch.“ Sanft stieß sein Glas an ihres.
Dann war er unter den vielen Gästen verschwunden.
Nachdem sie mit ihren Schülerinnen Telefonnummern ausgetauscht hatte, sollte sie noch ein Giftpfeil treffen:
“Die Englischprüfung war ja geradezu lächerlich einfach dieses Mal.“
Lässig und Überlegenheit ausstrahlend schoss Fimi die Gemeinheit aus dem Mund von Herrn Wüst entgegen. Er stand im Halbdunkel des hohen Rosenbusches im Innenhof und hatte offensichtlich regelrecht auf sie gelauert. Vielleicht hatte er sogar ihr Gespräch mit ihrem Lieblingskollegen vorhin belauscht.
Wenn sie sich schon von nahen Verwandten nichts mehr bieten lassen wollte, warum sollte Fimi dann arrogante Unverschämtheiten von irgendjemand anderem tolerant, wie sie nun mal war, über sich ergehen lassen?
Sie blieb stehen und atmete den Duft der dicken roten Rosenblüten ein.
„Bin ich froh!“ Sie schnupperte noch einmal und nickte zu sich selbst. „Menschliche Stänkerei kann die Schönheit der Natur bei aller Böswilligkeit nicht verwüsten, oder sollte ich lieber ‚zerstören‘ oder ‚verderben‘ sagen, Herr Wüst? Und ich werde es halten wie dieser Rosenbusch. Noch einen vergnüglichen Abend wünsche ich mir.“
Ihr Kollege hatte den Mund bereits zu einer bissigen Antwort geöffnet. Doch Fimi war nicht mehr da, um sich weitere solche Bemerkungen zuzumuten.
„Ich lass‘ von mir hören“, versprach sie ihren Freundinnen zum Abschied.
Der nächste Tag verging wie im Flug. Nachdem sie im ICE abends ihren Schlafwagen bezogen hatten, gönnten Isabelle und Fimi sich im Zugrestaurant eine Käseplatte und tauschten ihre Sorgen über Tamaras Sprunghaftigkeit aus. Fimi behielt allerdings ihren Verdacht, dass ihre Schwester schwanger sein könnte, für sich. Sie schliefen in ihrem Abteil wie die Murmeltiere, stiegen am nächsten Vormittag an ihrer Station mit drei Koffern und Rucksack aus. Der Bahnsteig leerte sich.
Isabelle und Fimi sahen sich nach allen Seiten um. Weder Tamara, noch Tamara und Horst, noch Horst alleine kamen angelaufen, um sie in Empfang zu nehmen.
„Also, Leuchtturm gibt’s hier weit und breit keinen“, erfuhren sie bei der Touristeninformation. „Hat Ihre Verwandte denn kein Handy?“
„Doch, nur leider keinen Empfang“, stellten Fimi und Isabelle im Chor fest.
Dreimal hatten sie Tamara und Horst erfolglos ausrufen lassen. Beide waren sie mittlerweise wütend und enttäuscht. Ob etwas passiert sein konnte? Es musste einfach ein Riesenmissverständnis vorliegen.
Während sie noch vor dem Bahnhofsgebäude rätselten, was sie tun sollten, fiel Fimis Blick auf den Postkartenständer eines Schreibwarengeschäfts.
„Das ist er doch!“, rief sie aus und kaufte die Karte.
Sie nahmen ein Taxi.
„Da müssen wir hin!“
Unterwegs kamen sie mit dem Taxifahrer ins Gespräch.
„Die junge Mitarbeiterin bei der Information ist noch ganz neu“, erklärte er. „Die hat noch keine Ahnung. Aber ein paar Kilometer ist der Turm auch entfernt.“
Zehn Minuten später fuhren sie auf einer Küstenstraße entlang. Das Meer glitzerte ihnen wie bestellt in der Sonne entgegen. Fimis Herz machte einen Hüpfer vor Glück.
Auf der Höhe des Leuchtturms, den sie nach einer halben Stunde Fahrt erreichten, hielt der Taxifahrer, holte ihr Gepäck und einen Bollerwagen aus seinem Kofferraum, schloss seinen Wagen ab und sagte:
„Im Moment ist Flut. Da bringe ich Sie wohl besser in meinem Boot rüber. Trockenen Fußes würden Sie das die nächsten drei Stunden nicht schaffen.“
Isabelle wa rf Fimi einen Blick zu, in dem etliches zwischen Dankbarkeit über die Hilfsbereitschaft dieses zuvorkommenden, sympathischen Mannes und unbeschreiblicher Wut auf Fimis Schwester und deren Urlaubsplanung mitschwang.
Was für Ferien das werden würden, darauf war Fimi wirklich neugierig.
Tamara lag auf ihrem Badetuch. Das Wasser war herrlich. Sie hatten ihren eigenen Strand. Horst kraulte zur nächsten Insel. Sonne und Möwen sorgten für die perfekte Atmosphäre, die sie sich erträumt hatte.
Seit ihrem Grundsatzgespräch letzte Nacht fing Horst an zu begreifen, worum es ihr in ihrer Beziehung ging. Er wolle sie doch nur glücklich machen, hatte er gesagt. Aber er glaubte, er könne nachvollziehen, warum sie sich durch seine Art, sich um sie zu kümmern, bevormundet fühlte.
Wie unkompliziert das Leben sein konnte, wenn man sich klar, ehrlich und unmissverständlich ausdrückte! Tamara war schon lange der Überzeugung, dass man einfach nur deutlich in Wort und Tat zum Ausdruck bringen musste, was man wollte. Die anderen richteten sich dann schon danach.
Einfühlsam und rücksichtsvoll zu sein, hatte sie sich vor etlicher Zeit abgewöhnt. Es hatte sie nur belastet, sich ständig vorzustellen, wie ihren Nächsten zumute sein könnte, und niemand hatte es je anerkannt oder zu schätzen gewusst.
Sollten ihre Mitmenschen sie doch für egoistisch halten. Dadurch durfte sie sich nicht beirren lassen.
Komischerweise war Horsts unausgesetzte Fürsorge ihr keine Hilfe dabei, ihren Willen durchzusetzen. Es hatte ihr nichts genützt, in Watte gepackt und auf Händen getragen zu werden. Ihre Bedürfnisse zu erkennen und zu verwirklichen, gelang ihr viel besser, wenn er sich um seine eigenen Bedürfnisse kümmerte.
Auch in der Vergangenheit hatten ihre Freunde sich immer darum gerissen, sie zu verwöhnen und sich gegenseitig darin zu übertrumpfen. Beliebt zu sein, konnte sich als ganz schön anstrengend entpuppen. Außerdem nährte es die Versuchung, sich immer hilfloser und abhängiger machen zu lassen, wenn alles für einen getan wurde.
Nein, sie war keine Prinzessin auf der Erbse. Wenn sie den Eindruck erweckte, lag das doch höchstens zur Hälfte an ihr.
Sie streckte sich und richtete sich auf. Überall schaukelten Segelschiffe und Windsurfer über die Wellen. Am Horizont meinte sie, Delfine springen zu sehen. Ein Motorengeräusch wurde lauter.
Womöglich hatte Horst seine Kondition überschätzt. Schließlich saß er den Rest des Jahres in seiner Versicherung. Sicher hatte er sich, vernünftig wie er war, für den Heimweg ein Boot gegönnt. Dann würde er Geld brauchen, um den Fahrer zu bezahlen.
Tamara sprang auf.
Er war schon ein ganze Zeit weggewesen. Erst jetzt fiel ihr auf, wie lange, denn die Sonne war ein großes Stück weitergezogen.
Tamara wollte ihm erleichtert um den Hals fallen. Auch wenn er ein guter Schwimmer war, so lange durfte er nicht mehr wegbleiben.
„Der Rest ist für Sie“, hörte sie jemanden sagen.
Froh rief sie: „Horst?“
Aber der hatte doch eine viel tiefere Stimme.
In der Tür stieß sie fast mit ihrer Schwester Fimi zusammen, die ihren Rollenkoffer ächzend hinter sich herzog, dicht gefolgt von einem Mann, der alle seine Muskeln brauchte, um zwei überdimensionale Gepäckstücke über den Kiesweg zu schleppen. Die Nachhut bildete ihre Mutter, deren Gesichtsausdruck schwer zu deuten war.
Er änderte sich aber auch ständig und durchlief die ganze Palette von überstandener Sorge über unterdrückten Vorwurf bis zu überwältigender Wiedersehensfreude und endete in stürmischer allseitiger Begrüßung.
„Ich habe Herrn Jelpsen einen Campari mit Orangensaft versprochen“, fiel Isabelle ein, als sich die erste Aufregung gelegt hatte. „Ohne ihn wären wir noch lange nicht hier.“
„Das Angebot war auch sehr freundlich“, bedankte sich der Taxifahrer, Herr Jelpsen, „aber ich trinke erst nach Feierabend. Also einen schönen Urlaub allerseits. Ich bin froh, dass ich die Familie zusammengeführt habe.“
„Apropos ‚Familie zusammengeführt‘: Wo steckt eigentlich Horst?“
Fimi hatte die Abwesenheit ihres Schwagers sofort bemerkt, nur nicht gleich etwas sagen wollen, für den Fall, dass Tamara und er sich wieder gestritten hatten.
Tamara schlug sich jedoch entsetzt die Hand vor den Mund.
„Der ist vor Stunden zu der Insel da draußen Schwimmen gegangen und müsste eigentlich längst zurück sein.“ Ihr Satz kam gerade noch als Flüstern über ihre Lippen.
Erschrocken sah sie von einem zum anderen.
„Ich kann ja einmal bis zur Insel fahren und ihn auflesen, wenn er noch da ist.“ Während alle drei Frauen ihn mit Dank überhäuften, steuerte Herr Jelpsen sein Motorboot bereits über das Wasser, das nicht mehr ganz so ruhig dalag, wie vorhin. Schon war er auf der anderen Seite des Felsvorsprungs verschwunden.
Tamara lief zum Aussichtszimmer des Leuchtturms hinauf. Fimi und Isabelle folgten ihr besorgt. Da hörten sie Tamara laut aufschreien:
„Er hat ihn!“
Horst wurde ohne Rücksicht auf seinen Protest ins Bett gepackt.
„Ich komme mir so blöd vor“, stammelte er mit heftig aufeinanderschlagenden Zähnen. „Wie konnte das ausgerechnet mir passieren!“
„Das Meer ist eben unberechbarer, als wir alle zusammen“, versuchte Herr Jelpsen, ihn zu trösten.
„Da würde ich glatt eine Wette mit Ihnen riskieren.“ Isabelles Bemerkung, mit einem Blick auf Tamara, kam wie aus der Pistole geschossen.
Doch Herr Jelpsen war schon die enge Wendeltreppe des Turms hinuntergelaufen, rief noch einen Abschied. Leise tuckerte sein Boot auf das Ufer zu davon.
„Na dann, schönen Urlaub allerseits!“, wünschte Tamara, etwas zu schnippisch, mit einem Seitenblick auf ihre Mutter.
Witterte Fimi Spannungen in der Luft? Zugegeben, die Bemerkung ihrer Mutter, noch dazu vor einem Fremden, war überflüssig und ärgerlich gewesen. Drohten sie, schon wieder in die alten Muster zu verfallen, aus denen Fimi entkommen wollte?
Auf keinen Fall und unter keinen Umständen: Sie waren hier, um ihre Ferien zu genießen. Froh, dass alles gut ausgegangen war, ging Fimi in die Küche, um etwas zu essen zuzubereiten.
„Tamara?“, wisperte Isabelle in die Dunkelheit, die nur durch den Lichtstrahl einer Taschenlampe durchbrochen wurde, der auf das Doppelbett fiel, in dem sie und Fimi schliefen.
„Könnt ihr mal kommen?“ Tamara hörte sich ängstlich und verschreckt an, wie ein kleines Mädchen. „Ich mache mir Sorgen um Horst. Er zittert am ganzen Körper und ist nicht ansprechbar.“
Die heiße Suppe, die sie ihm eingeflößt hatten, war ohne nachhaltige Wirkung geblieben. Horst litt an drastischer Unterkühlung.
Ein Blick zum Fenster hinaus verriet, dass die Flut ihren Leuchtturm wieder umspülte. Sie waren einmal mehr vom Festland abgeschnitten. Doch Horst war in einem Zustand, in dem er selbst bei Ebbe nicht bis zu ihrem Auto auf dem nächsten Parkplatz hätte wanken können.
Tamara standen Tränen in den Augen.
„Was machen wir denn jetzt bloß?“
Durch ihr ratloses Schweigen drang ein Motorengeräusch und dann ein Klopfen.
„Herr Jelpsen! Sie schickt der Himmel!“, stieß Isabelle aus – für Fimis Gefühl etwas übertrieben, auch wenn sie sich große Sorgen um ihren Schwager machte. „Sie sind ja zu gut, um echt zu sein.“
„Ganz und gar nicht“, widersprach ihr Taxifahrer vom Vormittag und Horsts Retter. „Und mich schickt auch nichts anderes, als mein schlechtes Gewissen. Ich hätte Horst gleich in die Klinik bringen sollen.“
Bei dessen Anblick verlor er keine Sekunde mehr. Er legte ihn sich über die Schulter, trug ihn zum Boot und instruierte Tamara:
„Zwei Decken und ein bisschen Kleingeld für den Kaffeeautomaten im Krankenhaus. Und, so, wie Sie aussehen, am besten auch Ihre Mutter, wenn Ihnen das recht ist“, sagte er an Isabelle gewandt.
Im Handumdrehen befanden sich alle vier auf dem Weg zu Herrn Jelpsens Wagen an der Straße.
Fimi schloss die Tür und stieg langsam die Stufen des Leuchtturms hinauf. Also sowas! Dieser Urlaub ließ sich ja wirklich gut an.
Sie war oft und auch nicht ungern alleine. Ihre Gedanken schweiften häufig ungezielt durch die Gegend. Sie hatte schon viele und sehr intensive Freundschaften gehabt. Manchmal waren Kontakte enger, manchmal weniger eng. Sie nahm Begegnungen, wie sie kamen und hängte nie ihr Selbstbewusstsein daran, ob und wie lange Beziehungen funktionierten.
Und auch jetzt wehrte sie sich dagegen, sich verloren vorzukommen. Immerhin war ja Horst in einer gefährlichen Lage, nicht sie.
In einem Küchenschrank fand sie Teebeutel, Honig und ein paar Kekse. Der Leuchtturm hatte Wasser und Strom, die durch unterirdisch angelegte Kabel und Rohre hergeleitet werden mussten, überlegte sie.
Sie nahm Getränk und Plätzchen mit in das Aussichtszimmer und sah durch das große Fernrohr. Hier bekam man einen Sinn dafür, wie die Erde sich ungerührt von allem, was sich täglich auf ihr ereignete durch das Universum bewegte, um sich selbst rotierend, um die Sonne fliegend, den Mond im Schlepptau hinter sich her ziehend und das ganze mit atemberaubender Geschwindigkeit, wenn sie da richtig informiert war.
Dankbar, dass sie sich mit diesen Überlegungen hatte ablenken können, dachte sie wieder an Horst. Bestimmt hatten sie das Krankenhaus erreicht, und es ging ihm inzwischen besser. Vielleicht waren die drei in ein paar Stunden zurück, und dann konnten sie, durch diese Katastrophe fester zusammengeschweißt, die restlichen Ferien als richtige Familie verbringen.
Fimi musste das Motorengeräusch dieses Mal verpasst haben. Unerschrocken öffnete sie jedoch die Tür, als es klopfte.
„Guten Abend, Herr Jelpsen!“
„Ihr Schwager ist in guten Händen. Ihre Schwester und Ihre Mutter schlafen bei ihm im Zimmer. Und Sie können sich jetzt auch ein paar Stunden Ruhe gönnen“, schlug er vor. „Morgen um 10 Uhr hole ich die drei ab und bringe sie Ihnen.“ Er ließ einen leisen Seufzer hören. „Das ist gerade noch mal gut gegangen.“
„Ganz vielen Dank für all Ihre Hilfe.“ Fimis Adrenalinspiegel musste bei der Nachricht in den Keller abgesunken sein.
Ihre Knie gaben nach. Sie taumelte rückwärts und konnte sich mit Mühe und Not am Treppengeländer festhalten und auf der untersten Stufe niederlassen.
„Alles in Ordnung?“
„War nur ein bisschen zuviel Aufregung für einen Tag“, musste sie sich eingestehen. „Wie meine Mutter das macht und wo sie ihre Energie hernimmt, ist mir ein einziges Rätsel.“
„Mütter müssen noch ganz andere Dinge aushalten.“ Sanft half Herr Jelpsen Fimi auf die Füße und begleitete sie nach oben.
„Das soll nicht heißen, dass Ihre Mutter keine beeindruckende Frau ist. Ich habe auch schon ganz andere Mütter erlebt.“
An ihrer Schlafzimmertür blieben sie stehen.
„Bitte übermitteln Sie Ihrer Frau unsere allerherzlichste Entschuldigung.“ Klang Fimi aber plötzlich geschwollen! Bestimmt nur wegen ihrer Erschöpfung.
„Ich bin geschieden“, hörte sie Herrn Jelpsen wie durch eine Nebelwand sagen.
„Das ist ja wunderbar!“, freute sie sich.
Er lachte so wie ihr Lieblingskollege, dachte sie noch. Dann schlief sie auch schon tief und fest.
Am Steg begrüßte sie tags drauf gut ausgeschlafen den noch angeschlagenen Horst, ihre Mutter und ihre Schwester. Herr Jelpsen war bereits auf dem Weg ans Ufer und hob nur den Arm zum Abschied, der ganzen Familie den Rücken zugewandt.
Ein Morgenmuffel?
Nein, es lag an Fimis Leuten: In eisiges Schweigen gehüllt, begaben sie sich im Gänsemarsch in den Leuchtturm.
„Ist was?“ Fimi hatte den Frühstückstisch mit allem, was sie an Passendem finden konnte, festlich gedeckt.
Im Ofen hatte sie Brötchen aufgebacken. Butter, Marmelade, Schinken, Käse – Tamara und Horst mussten eingekauft haben seit ihrer Ankunft: Alles hatte frisch verpackt im Kühlschrank gelegen.
Fimi hob ihr Glas Orangensaft:
„Auf unser erstes Frühstück!“
Keiner machte es ihr nach. So leerte sie ihr Glas als einzige.
Horst schenkte ihr immerhin ein schwaches Lächeln. Tamara und Isabelle starrten stur geradeaus.
