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Nachdem Mutter Angelica im Jahr 2001 einen Schlaganfall und mehrere gesundheitliche Rückschläge erlitten hatte, gingen viele davon aus, dass die Geschichte der berühmtesten Nonne Amerikas zu Ende sei. Auf ihre Zelle beschränkt und zum Schweigen verurteilt bestand Mutter Angelica mehr als ein Jahrzehnt lang die inneren Kämpfe um ihre Seele, begleitete die Querelen innerhalb ihrer Ordensgemeinschaft und verfolgte die weitere Entwicklung von EWTN. Durch ihre Sendungen veränderte sie das Leben von vielen Menschen, die sie nie kennengelernt hatte. Raymond Arroyo beschreibt Mutter Angelicas geistliche Kämpfe in ihrer Zelle – einschließlich ihrer Zusammenstöße mit dem Teufel. Er offenbart auch Mutter Angelicas persönliche Bitte an Gott während ihrer langen Bettlägerigkeit. Schließlich geht er auch auf seine bewegende persönliche Beziehung zu Mutter Angelica mit all den Höhen und Tiefen ein. "In diesem Buch werden die letzten bittersüßen Jahre einer gläubigen Nonne beschrieben, die in ihrem langen Schweigen und durch große Schmerzen das Leben von vielen Menschen verändert und mehr Gutes getan hat, als jemand sich hätte vorstellen können." RAYMOND ARROYO
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2025
Raymond Arroyo
MUTTER ANGELICA
IHR GROSSES SCHWEIGEN
Raymond Arroyo
Ihre letzten Jahre undihr Vermächtnis
Originaltitel der englischen Ausgabe:
MOTHER ANGELICA
HER GRAND SILENCE
The Last Years and Living Legacy
Raymond Arroyo
© 2016/2018 by Raymond Arroyo
All rights reserved.
Published in the United States by Image, an imprint of the Crown Publishing Group, a division of Penguin Random Housee LLC, New York.
imagecatholicbooks.com
MUTTER ANGELICA
IHR GROSSES SCHWEIGEN
Ihre letzten Jahre und ihr Vermächtnis
Raymond Arroyo
Übersetzung: Susanne Held
© Media Maria Verlag, Illertissen 2025
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-947931-98-9
e-ISBN 978-3-911850-50-6
www.media-maria.de
Mary M. Angello,
meiner liebevollen Großmutter, gewidmet, die eine der Ersten war, die mich mit Mutter Angelica bekannt gemacht hat,
1928–2013,
und
Loretta Barrett,
einer außergewöhnlichen Literaturagentin, die als Erste im Verlagswesen an den Erfolg von Mutter Angelicas Geschichte geglaubt hat.
Wen ich liebe, den weise ich zurecht und nehme ihn in Zucht. Mach also Ernst und kehr um! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.
Offb 3,1–920
Wer die Braut hat, ist der Bräutigam […]. Er muss wachsen, ich aber geringer werden.
Joh 3,2–930
Vorwort
Einführung
1. Kapitel Die letzte Reise
2. Kapitel Mutter Angelicas weißes Martyrium
3. Kapitel Die Mystikerin von Hanceville
4. Kapitel Ein langes, vernehmliches Schweigen
5. Kapitel Was Mütter tun
6. Kapitel Der Herrlichkeit entgegendämmern
Danksagung
Das Buch, das Sie in Händen halten, war für mich schwieriger zu schreiben als alles andere, was ich je geschrieben habe.
Jahrelang hatte ich es mit beträchtlicher Beklemmung im Herzen mit mir herumgetragen. Ich hatte Mutter Angelica versprochen, dass ich ihre »ganze Geschichte« erzählen würde, und tief im Inneren war mir klar, dass nur ich die Geschichte vervollständigen konnte. Ich hatte bereits ihre Biografie geschrieben, die mit dem Jahr 2004 schließt, und mehrere Bände über ihre Spiritualität und ihr Denken herausgegeben. Unsere persönliche Beziehung und das Gewicht dieses abschließenden Projekts verwandelten dieses Buch in eine regelrechte Bürde.
Jahrelang trug ich die unvollendete Geschichte mit mir herum. Ich quälte mich mit der Frage, wie ich sie vermitteln sollte – wie ich die verborgenen letzten Jahre Mutter Angelicas darstellen sollte, damit der Leser ihre Wirkung weit über die Grenzen des Eckzimmers in ihrem Kloster hinaus erfahren konnte, in dem sie einen Großteil ihrer letzten zwölf Jahre verbracht hatte.
Ich führte Interviews, machte mir Notizen, besuchte Mutter Angelica, wann immer es möglich war, und schrieb zwischen anderen Projekten immer wieder mal ein weiteres Kapitel. Es sollte eigentlich ein Anhang zu der ursprünglichen Biografie werden. Aber der Text wurde länger und länger und ich merkte, dass es ein eigenständiges Buch werden musste. Eine Fortsetzung. Im Verlauf von ungefähr sechs Jahren habe ich es nicht geschafft, es abzuschließen. Das eine oder andere Mal hat mein Verlag mich gedrängt, das Manuskript abzugeben und zu veröffentlichen, bevor Mutter Angelica sterben würde. Ich habe mich jedes Mal geweigert. In Wahrheit wollte ich dieses Buch nicht fertigstellen, weil es auf einer tiefen persönlichen Ebene eine Quelle des regelmäßigen Kontakts mit meiner Freundin und Mentorin war, die langsam aus meinem Leben hinwegglitt.
Mutter Angelica hatte sich damals vollständig den Plänen ergeben, die Gott für sie vorgesehen hatte. Sie war bereit zu sterben. Aber ich wollte ihren Tod noch nicht akzeptieren – und ihre Schwestern auch nicht. Einmal sagte sie zu mir: »Es liegt nicht an mir. Gott hat Rechte an mir. Wenn Er mir ein Bein nach dem anderen nehmen möchte, dann ist das Sein Recht. Ich gehöre nicht mir selbst.[…] Ich bin verpflichtet, meinen Körper, meine Seele, meinen Geist, meine Anstrengungen für die Verherrlichung Gottes einzusetzen. Das verstehe ich unter einem Gelübde der vollkommenen Hingabe.«
Bei meinen unzähligen Besuchen über die Jahre nahm sie jedes Mal beim Abschied meine Hand und umklammerte gleichzeitig meinen Arm und wiederholte mit entschiedener Klarheit: »Die ganze Geschichte. Die ganze Geschichte.«Ich wusste, was sie meinte: »Erzähle die ganze Geschichte.«Es erinnerte mich an ihre Forderung vor fast zwanzig Jahren, als ich mit der Arbeit an ihrer Biografie begann. Die Last würde wieder über mich hereinbrechen. Dennoch konnte ich mich nicht dazu durchringen, das Buch zu vollenden, bevor sie (zumindest aus diesem Leben) sich verabschiedet hatte und die Geschichte dann wirklich beendet sein würde.
Am Ostersonntag 2016 starb die Frau, die Rita Rizzo gewesen war. Zwischen der Live-Berichterstattung von den Gedenkfeiern und der Beerdigung in Birmingham löste ich endlich mein Versprechen ein. In der Woche nach ihrem Tod beendete ich die Bearbeitung und irgendwie fügten sich alle Kapitel, die Interviews, die kostbaren Momente und die Erkenntnisse zusammen.
Jetzt, wo ich das Ganze wieder lese, fühle ich mich in diese Tage voller Trauer zurückversetzt, als ich mit der Tatsache kämpfte, dass meine Freundin, die liebe Ehrwürdige Mutter Angelica, nicht mehr wie die vielen Jahre zuvor zu meinem Leben gehören würde. Jenseits der Tränen und des Verlusts – den ich nach wie vor empfinde – gibt es aber die große Freude, dass nun auch andere diese entscheidenden letzten Jahre von Mutter Angelica miterleben können. Wichtige Lehren lassen sich daraus ableiten und auch einige nicht ganz einfache.
Den Weg der Wahrheit zu gehen ist nie einfach und die Menschen verstehen in derselben Geschichte oft völlig unterschiedliche Dinge. Sie begreifen, was sie begreifen müssen, vielleicht auch nur das, was sie verstehen können. Flannery O’Connor hat einmal gesagt: »Die Wahrheit verändert sich nicht entsprechend unserer Fähigkeit, sie auszuhalten.«Ähnliches geschah bei der Veröffentlichung des ersten Bandes der Biografie, als einige enge Vertraute Mutter Angelicas der Meinung waren, ich hätte zu viel enthüllt. Andere wünschten, ich hätte mehr preisgegeben. Tatsächlich hatte ich etwa zwanzig Seiten aus dem Manuskript entfernt, um Mutter Angelicas Privatsphäre und die ihrer Schwestern zu schützen. Es handelte sich hauptsächlich um Schattierungen und Details, die für Mutter Angelicas Charakter oder ihren Lebensweg unwichtig waren. Jetzt, da ich alles noch einmal lese, habe ich den Eindruck, dass ich mitgeteilt habe, was notwendig war, und nichts darüber hinaus. Ich habe »die ganze Geschichte« erzählt, wie sie es wünschte. Aus den Briefen, die ich von Frauen und Männern erhielt, die ihre Eltern betreuten, von Jugendlichen, Rentnern, Ordensoberen, ja sogar von Kardinälen, geht klar hervor, dass Mutter Angelicas letzte Etappe, ihr großes Schweigen, sie auf jeweils unerwartete Weise berührt hat.
Kurz nach ihrem Tod sah ich mir das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Musical Hamilton am Broadway an. Am Ende der Aufführung liefen mir Tränen der Freude und der Trauer über die Wangen. Nicht wegen Hamilton1 – den ich schon lange verehre –, sondern wegen Mutter Angelica. Das Musical schließt mit dem Vers: »Wer lebt? Wer stirbt? Wer erzählt deine Geschichte?«
»Ich, Mutter Angelica«, dachte ich, als ich da in der dritten Reihe des Richard-Rodgers-Theaters saß,»ich habe die ganze Geschichte erzählt. Wir haben es geschafft.«Und es geht weiter. Ich bin schon ganz gespannt zu erfahren, wie der letzte Teil von Mutter Angelicas Geschichte Ihre eigene verändern wird. Ich weiß, dass das geschehen wird.
So groß ist die Kraft von Mutter Angelicas Zeugnis, besonders am Ende ihres Lebens.
Raymond Arroyo
New Orleans, Ostern 2018
1Hamilton ist ein Musical von Lin-Manuel Miranda über das Leben des Gründervaters der Vereinigten Staaten, Alexander Hamilton (Anm.d. V.).
In der geräumigen Zelle des Klosters, in der sie ihre letzten Jahre verbrachte, war es fast immer etwas stickig – wie im Zimmer einer Großmutter. Das Surren des Sauerstoffgeräts in der Ecke wurde durch den gefliesten Boden verstärkt und war das einzige anhaltende Geräusch in diesem Raum. In den Bücherregalen und auf der Kommode neben ihrem Bett standen Heiligenstatuen, ein überdimensionales Jesuskind, Karten mit religiösen Motiven und Reliquien. Und dort lag in einem Krankenhausbett unter einem verblichenen Gemälde des verwundeten Erlösers, eine weiße Wollmütze auf dem Kopf, die mächtigste und einflussreichste Frau des Katholizismus: die unbeugsame Mutter Angelica.
Noch 2010, als sie bettlägerig und durch einen Schlaganfall geschwächt war, war der Elan der alten Nonne ungebrochen. Als ich eines Nachmittags in Mutter Angelicas Zelle kam, fand ich sie vor – verwickelt in den täglichen Kampf –, wie sie sich gerade das Bettlaken über ihren Mund hochzog.
»Mutter, Sie müssen essen, wenn Sie stark und gesund bleiben wollen«, sagte Schwester Gabriel, die kleine vietnamesische Nonne, mit Nachdruck und streckte einen Löffel Kartoffelbrei in Richtung von Mutter Angelicas Gesicht. Mutter Angelica wollte nichts mehr essen und wandte ihren Blick zur Tür.
»Versucht sie es schon wieder mit Zwangsernährung?«, fragte ich scherzend, als ich eintrat.
Mutter Angelica lächelte breit, neigte ihr Gesicht in Richtung des Löffels von Schwester Gabriel und senkte das Bettlaken. Dann, gerade als das Essen sich ihrem Mund näherte, zog sie das Laken erneut hoch und versperrte dem Kartoffelbrei den Zugang.
»Ach, Mutter«, sagte Schwester Gabriel frustriert. Mutter Angelica amüsierte sich über das Durcheinander und ließ in meine Richtung ein keuchendes Gekicher hören. Sie zwinkerte mir zu und öffnete dann, nachdem sie ihren Spaß gehabt hatte, schnell ihren Mund, um den ersten Happen des Mittagessens aufzunehmen.
»Sie macht es mir immer schwer mit dem Mittagessen. Stimmt’s, Mutter Angelica?«, sagte Schwester Gabriel und bot einen zweiten Löffel Kartoffelbrei an. Mutter Angelica schürzte die Lippen und schüttelte langsam den Kopf. Das Mittagessen war beendet.
Das war für mich ein typischer Mutter-Angelica-Moment: Der stählerne Wille, der leicht subversive Humor und die Freude, die Millionen Menschen auf der ganzen Welt lieben gelernt hatten, waren für jeden, der den etwas stickigen Raum betrat, deutlich zu erkennen. Ich war mitschuldig an der Aufführung. Schwester Catherine, die frühere Priorin des Klosters Unserer Lieben Frau von den Engeln, behauptete, dass Mutter Angelica »eine Show abziehen« würde, wenn ich auftauchte. Es war, als ob sie sich an die vergnüglichen Stunden erinnerte, die wir in der Vergangenheit miteinander verbracht hatten, und mir zeigen wollte, dass sie immer noch zu allem bereit war – von wegen behindert!
Meine regelmäßigen Besuche bei Mutter Mary Angelica haben eigentlich nie aufgehört. Die Häufigkeit unserer persönlichen Begegnungen wurde durch ihren Schlaganfall und durch den Umstand, dass sie ihre Zelle nicht mehr verlassen konnte, erschwert, aber sie wurden, wenn auch in ganz anderer Form, bis zu ihrem Tod fortgesetzt.
Mutter Angelica stellte mich 1996 als Nachrichtendirektor bei EWTN ein und sie wurde für mich mit der Zeit viel mehr als nur eine Arbeitgeberin. Ich war einige Jahre lang Co-Moderator ihrer Sendung Mother Angelica Live, und wir hatten oft lange persönliche Gespräche am Ende des Arbeitstages oder nach den Live-Sendungen am Dienstag- und Mittwochabend. Während ich von 1999 bis 2001 an ihrer Biografie arbeitete, begegneten wir uns jeden Samstag im Sprechzimmer ihres Klosters und blickten uns durch das schmiedeeiserne Gitter, das die Welt von der Klausur trennt, an. Während dieser intensiven Gespräche konnte sie explosiv, urkomisch, verschwörerisch und heilig sein – manchmal alles auf einmal. Mit italienischem Temperament erzählte sie, wie ein hartnäckiger Glaube das Leben eines verwundeten Mädchens aus Canton, Ohio, umgestaltete und die Welt veränderte.
In dem glanzlosen Vorort von Birmingham, Alabama, gründete diese gesundheitlich angeschlagene Nonne, die kaum die High School abgeschlossen hatte, 1981 in der Garage ihres Klosters einen Fernsehsender. Zwei Jahrzehnte lang kümmerte sie sich um das inzwischen flügge gewordene Unternehmen, legte sich mit abtrünnigen Bischöfen an, schlug Übernahmeversuche zurück und kämpfte mit ihrer eigenen Gebrechlichkeit, um EWTN zum größten religiösen Medienunternehmen der Welt zu machen. Es war ihre Persönlichkeit – ihre besondere Fähigkeit, eine Verbindung mit den Zuschauern herzustellen und sie in Momenten der Not spirituell zu trösten –, die den Erfolg des Ganzen vorantrieb. Die Menschen konnten ihren Glauben spüren und wurden von ihm erfüllt. Abseits der Kameras war es Mutter Angelicas mystische Vertrautheit mit Schmerz und Leid, die das Wachstum von EWTN beförderte und sie zu einer der beliebtesten spirituellen Persönlichkeiten der Welt machte.
Die steife weiße Kopfbedeckung ihres Habits konnte das ausdrucksstarke Gesicht der Nonne kaum verbergen, als sie während unserer gemeinsamen Zeit von den dramatischen Wendungen in ihrem Leben erzählte. Mit jedem Gespräch vertiefte sich mein Verständnis für sie und unsere Freundschaft. Manchmal fühlte sie sich so wohl, vor allem bei gemeinsamen Mahlzeiten, dass sie ihr Gewicht in dem gepolsterten Ledersessel verlagerte, eine lange, schlanke Hand auf ihr Gesicht legte und sich ganz öffnete. Sie erzählte von Sorgen und Ängsten, von Vertraulichkeiten und Geheimnissen, die nur wenigen ihrer Schwestern vorbehalten waren.
Im Juni 2001 drehte sich unser Gespräch um einige Bischöfe, die ihr in der Vergangenheit Kummer bereitet hatten, Männer, die sich nie wirklich für Mutter Angelicas geistlichen Anspruch oder ihren Stil erwärmen konnten: »Sie schenken mir keine Aufmerksamkeit. Sie warten nur darauf, dass ich sterbe. Aber das werde ich nicht! Haha!« Ihre Augen funkelten schelmisch, ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Dann atmete sie aus, und plötzlich änderte sich die Stimmung.»Ich habe kürzlich mit dem Herrn gesprochen«, vertraute sie mir leise an,»und ich habe gesagt, dass ich hierbleiben möchte, bis das Schlimmste überstanden ist – für die Kirche, für die Gemeinschaft.«
Der Herr ging auf ihren Wunsch ein. Aber ich bezweifle, dass selbst Mutter Angelica die Folgen ihrer Bitte voraussehen konnte.
Später im selben Jahr, an Heiligabend, hätte ein durch eine Hirnblutung ausgelöster Schlaganfall Mutter Angelica beinahe das Leben gekostet. Er beraubte sie der der Sprechfähigkeit, mit der sie ihr Rundfunk- und Fernsehimperium aufgebaut hatte. Im Jahr 2004 schrumpfte ihre Welt durch diese Beeinträchtigung zusammen, indem sie äußerlich auf ein Eckzimmer im Kloster Unserer Lieben Frau von den Engeln beschränkt wurde. Für Außenstehende und sogar für einige ihrer engsten Mitarbeiterinnen sah es so aus, als ob Mutter Angelicas Geschichte zu Ende wäre. Die alte Äbtissin wurde krank, war in ihrem Zimmer abgeschlossen und wartete darauf, dass Gott sie holen würde. Aber es gibt noch viel mehr zu erzählen in dieser Geschichte – einer Geschichte, die der Öffentlichkeit bis jetzt verborgen geblieben ist.
In ihrem mehr als ein Jahrzehnt anhaltenden langen Schweigen würde Mutter Angelica um ihre Seele ringen, für ihre Ordensgemeinschaft kämpfen, die Erfüllung ihrer letzten Mission erleben und das Leben von Menschen, die sie nie gekannt hatte, radikal verändern. Sie würde tatsächlich hierbleiben, bis das Schlimmste vorüber war.
Unsere Gesellschaft neigt dazu, den Wert gebrechlicher und kranker alter Menschen zu ignorieren oder zu schmälern. Ihr Leiden und ihre körperliche Entkräftung erinnern uns an unsere eigene Sterblichkeit und an den letzten Akt, der uns alle erwartet. Doch wie uns das Leben der heiligen Mutter Teresa und des heiligen Papstes Johannes Paul II.lehrt, kann das Ende der wirkmächtigste Teil eines Lebens sein. Es ist eine Zeit der Schwäche und der körperlichen Not, aber es kann auch eine Zeit der geistlichen Vereinigung mit Gott sein. Für diejenigen, die nach Heiligkeit streben, können die »letzten Dinge« übernatürliche Angriffe mit sich bringen – Versuchungen, nach einem Leben des Glaubens zu zweifeln. Mutter Angelica war da keine Ausnahme. Als ich mit den Schwestern sprach, die Mutter Angelica betreuten, erfuhr ich Einzelheiten über ihre letzten Jahre, die sich selbst diejenigen, die dem Kloster am nächsten standen, nicht hatten vorstellen können.
Auf diesen Seiten finden Sie Einzelheiten über Mutter Angelicas geheime Reise in den Fernen Osten im Jahr 2004, eine Reise, die sie teuer zu stehen kommen sollte; aus erster Hand stammende, tiefgehende Enthüllungen über ihre körperlichen Kämpfe und den unerschütterlichen Glauben, der sie aufrechterhielt, selbst während der Umwälzungen in ihrer eigenen religiösen Gemeinschaft; Berichte über die übernatürlichen Phänomene, die sie in ihren letzten Tagen umgaben, und über den geistlichen Kampf, den sie in ihrer Zelle führte, sowie sehr persönliche Geschichten aus ihren frühen Jahren, die noch nie zuvor in gedruckter Form erschienen sind.
Als ich erneut die Interviews durchging, die ich drei Jahre lang mit Mutter Angelica geführt hatte – ihre letzten Interviews –, stieß ich auf Dinge, von denen ich nicht wusste, dass es sie gab, oder die ich beim Schreiben der Biografie übersehen hatte. Mutter Angelicas unveröffentlichte Worte werfen ein neues Licht auf ihre schmerzvollen letzten Jahre und rücken sie ins rechte Licht. Nachdem ich eine umfassende Biografie über Mutter Angelica geschrieben und drei Bände mit ihren Lehren und Gebeten herausgegeben hatte, dachte ich, ich hätte mein letztes Buch über sie bereits geschrieben. Ursprünglich wollte ich einen Epilog für die Biografie verfassen, der aus einigen Details ihrer letzten Tage und einigen Auszügen aus unseren Interviews bestehen sollte, und es dabei belassen. Aber als ich mich zum Schreiben hinsetzte, kam so viel neues Material zum Vorschein, dass sich ein weiteres Buch anbot.
Ebenso faszinierend wie die Fakten über ihre letzten Jahre sind die vielen Menschen, die sie während ihrer langen Abwesenheit in der Öffentlichkeit beeinflusst hat. Durch Wiederholungen auf EWTN war und ist Mutter Angelica weiterhin Teil unseres Lebens. Obwohl ihre Karriere als Live-Fernsehmoderatorin längst vorbei war, führte sie das Wichtigste ihres Dienstes – Schmerz und Leiden zum Wohle anderer aufzuopfern – in ihren letzten Jahren im Kloster ungehindert fort. Hier ist die Frucht ihrer Mühen zusammengetragen: die persönlichen Zeugnisse vieler Menschen auf der ganzen Welt, die sie von einem Bett im Kloster in Hanceville, Alabama, im geistigen Bereich erreicht hat.
Dieses Werk gibt mir auch die Möglichkeit, über meine persönliche Beziehung zu Mutter Angelica nachzudenken, worüber ich noch nie zuvor geschrieben habe.
Was folgt, ist das Ende von Mutter Angelicas Biografie, eine Zusammenschau auf ihr Leben, das zu diesem Werk führte, mein persönlicher Bericht über unsere tiefe Freundschaft und eine Hommage an ein verehrtes spirituelles Vorbild.
Aufmerksamen Lesern und Leserinnen wird nicht entgehen, dass EWTN hier nur am Rande erwähnt wird, da Mutter Angelica in ihren letzten Jahren nur noch wenig mit dem Sender zu tun hatte. Nach ihrem Rücktritt im Jahr 2000 und dem vollständigen Rückzug im Jahr 2001 hatte sie keinen Einfluss mehr auf die tägliche Arbeit des Senders und sie oder ihre Schwestern waren auch nicht mehr in die Verwaltung eingebunden. Dennoch blieben die spirituellen Bande zu EWTN tief, und Mutter Angelica betrachtete EWTN immer als Teil einer persönlichen Mission, die ihr allein anvertraut worden war.
Vor vielen Jahren musste ich Mutter Angelica versprechen,»die ganze Geschichte« ihres Lebens zu erzählen. Dies ist nun das letzte Kapitel dieser Geschichte – ein Kapitel, das ebenso überraschend und inspirierend ist wie alles, was davor kam. Ehrwürdige Mutter, das ist für Sie.
Selbst jetzt noch treffe ich Mutter Angelica in der Erinnerung und im Geiste. Und obwohl ich ihre physische Anwesenheit vermisse, hat mir das Schreiben dieses Werkes ermöglicht, noch einmal viele Stunden mit Mutter Angelica zu verbringen und andere an ihrem Wesen teilhaben zu lassen. Dieses letzte Buch im Kanon umfasst die letzten bittersüßen Jahre einer gläubigen Frau, die in ihrem großen Schweigen und durch große Schmerzen mehr Lebenswege verändert und mehr Gutes getan hat, als sich irgendjemand hätte vorstellen können. Es ist auch eine Gelegenheit, ein letztes Mal die Schwester zu besuchen, die wir »Mutter« nannten.
Raymond Arroyo
Virginia, April 2016
Wir müssen geduldig nicht nur die Last des Krankseins tragen, sondern das Kranksein an dieser konkreten Krankheit, die Gott für uns bestimmt hat, unter den Menschen, bei denen wir nach seinem Willen sein sollen, und mit den Beschwerlichkeiten, die er uns zu erfahren gewährt hat.
Hl. Franz von Sales
Ich sah das vertraute Augenzwinkern bei der alten Äbtissin, als ich die Frage stellte. Zu diesem Zeitpunkt war nur ein Auge zu sehen, da eine schwarze Augenklappe, die von ihrer Brille gehalten wurde, das andere verdeckte. Die linke Seite ihres Gesichts war einige Wochen zuvor durch eine Reihe kleinerer Schlaganfälle gelähmt worden. Ihre Mundwinkel hingen schlaff herab, sodass sie nicht mehr lächeln konnte, wie sie es immer getan hatte, und ihr Sprechen verzerrt war. Während unseres letzten offiziellen Interviews im November 2001 fragte ich Mutter Angelica, was ihr nächstes großes Werk sein würde – ihr nächstes Projekt. Sie hielt einen Moment inne, wischte sich ein paar Kekskrümel von ihrem Habit (wir aßen zwischendurch eine Kleinigkeit) und sagte mit undeutlicher Stimme: »Gründungen. Der Herr ruft uns jetzt auf, Ihm neue Gründungen zu schenken – neue Klöster. Wir haben hier viele Nonnen, und ich meine, das steht jetzt als Nächstes an.«
Zu diesem Zeitpunkt befand sich Mutter Angelica bereits in einem lang ersehnten, wenn auch recht anspruchsvollen Ruhestand. Zwar war sie eine kontemplative Klarissin, doch Mutter Angelica war auch immer eine Macherin und Erbauerin gewesen, Gründerin nicht nur einiger religiöser Orden, sondern eines riesigen internationalen Radio- und Fernsehimperiums. Im März des Jahres 2000 zog sie sich von der Arbeit im Sender EWTN zurück, und obwohl sie weiterhin die Mother Angelica Live-Sendung moderieren würde, hatten sich ihre Ziele geändert. Zu Beginn ihres 78. Lebensjahres beabsichtigte die Äbtissin, ihren Ruhestand im Kloster zu verbringen, über die Heilige Schrift zu meditieren, sich um ihre Gemeinschaft zu kümmern und später auch Nonnen auszusenden, um neue Klöster zu bauen.
Diese Pläne lösten sich am Weihnachtsabend 2001 in Luft auf. An diesem Tag hätte sie ein verheerender, durch eine Gehirnblutung verursachter Schlaganfall beinahe das Leben gekostet. In der Folge war Mutter Angelicas Sprache stark eingeschränkt, und sie konnte sich nur noch mühsam bewegen. Sie war gezwungen, sich auf ihre körperliche Genesung zu konzentrieren. Selbst das Schieben einer Gehhilfe durch die Gänge des Klosters erwies sich als Herausforderung. Plötzlich wurde das Lesen ihrer geliebten Schriften zur Qual. Sie fand keine Worte mehr, um ihre Nonnen zu unterrichten, und die Hoffnung, den Bau neuer kontemplativer Häuser zu beaufsichtigen, schien illusorisch.
Einige ihrer Schwestern – junge Professschwestern in den späten 1990er-Jahren – erinnern sich daran, dass Mutter Angelica ihnen in dem überfüllten Kloster von Birmingham, das einst das Heim ihrer Gemeinschaft gewesen war, lange vor ihrem Schlaganfall Unterricht erteilt hatte. Sie musterte damals die Gesichter ihrer jungen Schwestern und verkündete mehr als einmal: »Macht euch bereit, Schwestern, der Herr wird euch wie Rosenblätter über das Land verstreuen. I«hre jungen Schwestern sollten diese prophetische Aufforderung so schnell nicht vergessen.
Im Jahr 2004 eilte eine rundliche, lebhafte Nonne, Schwester Mary Fidelis, durch die Gänge des Klosters Unserer Lieben Frau von den Engeln, um ihre Freundin, Schwester Marie André, zu suchen. Fidelis hatte das Gefühl, dass Gott sie dazu berief, ihr Ordensleben an einem anderen Ort fortzusetzen. Sie hatte gehört, dass ein Bischof im Westen nach kontemplativen Nonnen für seine Diözese suchte. Um herauszufinden, ob noch jemand ihren Wandergeist teilte, sprach Fidelis Marie André an, eine schlanke Nonne mit mandelförmigen Augen, einem abenteuerlustigen Geist und einer Vorliebe für die Trilogie »Der Herr der Ringe«. Auf die Frage, ob sie Interesse daran hätte, das Auenland von Hanceville zu verlassen, um ein neues Kloster zu gründen, lehnte Schwester Marie André ab. Doch später, im Juni desselben Jahres, als bei Marie André Brustkrebs diagnostiziert wurde, änderte sie ihre Meinung.
»Ich hatte das deutliche Gefühl, dass der Herr mich zur Gündung eines neuen Klosters berief«, erzählte mir Schwester Marie André.»Man hätte meinen können, dass ich lieber an Ort und Stelle geblieben wäre, während ich die Chemotherapie erhielt. Aber ich glaube, dass der Herr mich aus meiner Komfortzone herausholen wollte.«
Die Schwestern Marie André und Fidelis teilten ihre Gedanken der Priorin des Klosters Unserer Lieben Frau von den Engeln, Schwester Mary Catherine, mit. Catherine war die rechte Hand von Mutter Angelica, ihre Stellvertreterin, die die täglichen Angelegenheiten des Klosters während der gesundheitlichen Probleme von Mutter Angelica regelte. Die Priorin war eine praktische, aber impulsive Nonne aus der Bayou-Region von Louisiana. Als sie erfuhr, dass diese jungen Schwestern sich von Gott berufen fühlten, ein weiteres Kloster zu gründen, möglicherweise in Phoenix, Arizona, wurde sie sofort aktiv. Im Spätsommer 2004 stellten die Priorin und die beiden jüngeren Schwestern Mutter Angelica die Idee vor.
Die alte Äbtissin ruhte sich in ihrem Zimmer aus, als sie dort ankamen. Die Schwestern erklärten, was ihnen eröffnet worden war, sie sagten Mutter Angelica, dass der Bischof von Phoenix kontemplative Schwestern in seiner Diözese willkommen heißen würde, und baten sie um die Erlaubnis, ein neues Kloster zu gründen. Mutter Angelica hörte aufmerksam zu, musterte die Schwestern Marie André und Fidelis und erklärte dann entschlossen: »Ich sage, geht!« Die Schwestern schrieben umgehend nach Rom und baten um Erlaubnis.
Die Nachricht, dass jüngere Schwestern eine neue Gründung ins Leben rufen wollten, wurde von einer kleinen Gruppe der 42 Nonnen des Klosters Unserer Lieben Frau von den Engeln nicht positiv aufgenommen. Einige der älteren Ordensschwestern waren der Meinung, dass es keine neuen Gründungen geben sollte, da ihr derzeitiges Haus, das mehrere Millionen Dollar gekostet hatte, noch kaum fünf Jahre alt war. Auch die Art und Weise, wie die jüngeren Nonnen vorgegangen waren, ohne vorher den Segen der älteren Schwestern auf einer Kapitelsitzung einzuholen, stieß auf Unverständnis. Mit der vollen Unterstützung von Schwester Catherine, ihrer Priorin, hatten die jungen Nonnen die übliche Abfolge der notwendigen Genehmigungen neu geordnet. Sie wollten am Ende den Segen der Professschwestern einholen, aber nicht gleich am Anfang.
Das alles erinnerte an die Art und Weise, wie eine andere Oberin, Mutter Veronica in Canton, Ohio, in den späten 1950er-Jahren die Vision einer ihrer jungen Nonnen – einer gewissen Schwester Mary Angelica – Wirklichkeit werden ließ. Die Äbtissin unterstützte den Traum von Schwester Angelica, ein Kloster im Süden zu errichten, in dem um eine Lösung der Rassenspannungen gebetet werden sollte. Die Ankündigung, dass Angelica Pläne für eine Gründung in Birmingham schmiedete, löste heftige Rivalitäten innerhalb der Mauern des Klosters Sancta Clara in Canton aus. Letztlich erhielt Angelica die erforderliche Genehmigung und ihre Äbtissin erlaubte ihr, einige der besten jungen Schwestern des Klosters in den Süden mitzunehmen. Das Vorgehen der Oberin sollte das Kloster in Canton um künftige Führungspersönlichkeiten bringen und es in den nächsten Jahren destabilisieren.
Vielleicht war es die Erinnerung an diese vergangenen Entwicklungen, was die älteren Nonnen im Kloster Unserer Lieben Frau von den Engeln zögern ließ, als 2004 die Rede von einer Neugründung aufkam.
Es gab eine Kerngruppe von Nonnen, die sich regelmäßig in der Zelle von Mutter Angelica versammelten. Dieser kleine Schwesternkader gehörte zu einem seit vielen Jahren bestehenden inneren Kreis, der Mutter Angelica schon lange, bevor sie krank wurde, umgab. Jede von ihnen diente ihrer Äbtissin auf ihre eigene Weise und jede von ihnen ist zumindest teilweise dafür verantwortlich, dass Mutter Angelica trotz ihrer körperlichen Einschränkungen noch so lange Zeit leben konnte. Sie bezeichneten sich manchmal selbst als »kleine Mütter«:
Schwester Margaret Mary, die Krankenpflegerin, war eine ernste Nonne von zarter Statur und mit sicherem Geschmack. Sie überwachte die Einnahme der Medikamente und den Gesundheitszustand Mutter Angelicas;sie war auch die heimliche Planerin und Gestalterin des Heiligtums vom Allerheiligsten Sakrament in Hanceville.
Schwester Michael, die Köchin, eine loyale Schwester polnischer Abstammung mit einer durchdringenden Stimme und einer ausgeprägten eigenen Meinung. Sie gehörte zu den ersten Nonnen, die 1962 mit Mutter Angelica von Ohio nach Alabama gingen.
Schwester Regina, die Gärtnerin, eine herzliche Nonne aus dem Süden mit einem unbeschwerten italienischen Lachen und einer leidenschaftlichen Ergebenheit gegenüber ihrer Äbtissin.
Schwester Gabriel, die Wäscherin und Pflegerin, eine zierliche vietnamesische Schwester und ein wahres Energiebündel. Sie liebte Mutter Angelica abgöttisch und sorgte dafür, dass ihre Ordenstracht und ihre Bettwäsche bis zum Schluss immer makellos sauber waren.
Schwester Agnes, die Sekretärin, eine gesprächige, ebenso kluge wie schöne Schwester. Sie hatte einen trockenen Humor und Augen auf der Rückseite ihres Schleiers.
Schwester Antoinette, die Historikerin und Geigerin, eine bodenständige Italienerin, die eine Brille trug, die Geschichte der Gemeinschaft liebte und ein gehorsames Herz ihr eigen nannte.
Einige von diesen Schwestern hatten Vorbehalte gegen das neue Kloster, das in Arizona gegründet werden sollte. Und sie waren nicht allein. Die Priorin, Schwester Catherine, teilte Schwester Marie André mit, dass sie sich nicht sicher sei, ob die Mehrheit der Nonnen mit Profess jemals der Gründung zustimmen würde. Die Hoffnung in Bezug auf das neue Kloster wurde immer kleiner.
Am Morgen des 19. November hatte Schwester Marie André einen lebhaften Traum: »Mutter Angelica saß in ihrem Rollstuhl vor der Kirchentür in Hanceville. Sie rief mich bei meinem Taufnamen und sagte: ›Meghan, mach dir keine Sorgen, die Schwestern werden einverstanden sein. Du wirst gehen. Du wirst gehen.‹T«rotz dieser tröstenden Worte im Traum war Marie André angesichts all dessen, was sie gehört hatte, sicher, dass die älteren Schwestern der Gründung in Arizona niemals zustimmen würden. Nachdem sie an diesem Morgen ihre Chemotherapie erhalten hatte, teilte Marie André den Verantwortlichen in Phoenix mit, dass das neue Kloster »nicht zustande kommen würde«. Später am Nachmittag berief Schwester Catherine überraschenderweise eine Kapitelsitzung ein.
Die Nonnen mit Ewiger Profess versammelten sich, darunter auch die kränkliche Äbtissin in ihrem Rollstuhl. Die Schwestern Marie André und Schwester Fidelis versuchten zu argumentieren, dass sie lediglich das tun wollten, was Mutter Angelica getan hatte, als sie Canton, Ohio, verlassen hatte, um in Alabama eine neue Klostergründung vorzunehmen.
»Ihr könnt euch nicht mit Mutter Angelica vergleichen«, korrigierte sie eine der älteren Nonnen. Mutter Angelica versuchte, etwas zu sagen, brachte aber zunächst kein Wort heraus. Die Aphasie hatte ihre Ausdrucksfähigkeit stark vermindert. Sie konnte die Worte, die sie sagen wollte, in ihrem Kopf hören, aber sie konnte sie nicht richtig aussprechen. Nach einiger Zeit gelang es ihr, etwas über die Gründung zum Ausdruck zu bringen, die »Gottes Wille« sei. Man stimmte ab, und die Gründung in Phoenix erhielt überraschenderweise die Zustimmung des Kapitels. Schwester Marie André und vier andere Nonnen richteten nun ihre Aufmerksamkeit über die Mauern des Klosters Unserer Lieben Frau von den Engeln hinaus schnell in Richtung Westen. Gleichzeitig wandte sich eine andere Gruppe von Schwestern dem Osten zu – dem Fernen Osten.
Gründungsfieber
Die Zelle von Mutter Angelica war nicht nur das Schlafzimmer der Äbtissin, sondern auch ein Versammlungsraum für die Schwestern, die ihr am nächsten standen. Hier besprachen die Nonnen des inneren Kreises regelmäßig die Angelegenheiten des Klosters, ließen Mutter Angelica an Informationen teilhaben oder verbrachten einfach ihre freie Zeit mit dem Anschauen alter Folgen von I Love Lucy miteinander. Seit 2004 wechselten sich die Schwestern in Mutter Angelicas Zimmer ab, sodass jede Nonne die Möglichkeit hatte, ihre Äbtissin näher kennenzulernen. Aber es gab einige Schwestern, die aufgrund ihres Dienstes für Mutter Angelica sich regelmäßig in diesem Zimmer aufhielten. Schwester Margaret Mary war eine dieser Schwestern. Sie war Mutter Angelicas ständige Betreuerin und sorgte dafür, dass die Schwestern, die Mutter Angelica besuchten, sich ihr gegenüber angemessen verhielten. So war es nur logisch, dass Schwester Antoinette, wenn sie etwas mit Schwester Margaret Mary zu besprechen hatte, ins Zimmer der Äbtissin ging, um dies zu tun. Das war Ende 2004 der Fall, etwa zu der Zeit, als sich die Nachricht von der Klostergründung in Phoenix verbreitete.
Seit einiger Zeit korrespondierte Schwester Antoinette, die Historikerin der Gemeinschaft, mit einem Mitglied ihres Ordens in Japan. Obwohl sie Schwester Agatha aus dem Fukuoka-Kloster nie persönlich getroffen hatte, kannte sie die Notlage der japanischen Nonne sehr gut. Schwester Agatha hoffte, das Kloster in Japan (in dem sie selbst lebte) als ein offizielles Kloster neu zu gründen. Es gab nur ein Problem: Schwester Agatha war die einzige Nonne im ganzen Gebäude.
Als Antoinette von der Notlage der japanischen Nonne und ihrer Bitte um Schwestern erzählte, fühlte Margaret Mary sich inspiriert. Bald war sie von dem Gedanken einer neuen Klostergründung in Japan ganz begeistert. In Mutter Angelicas Zimmer begannen die Nonnen aufgeregt, eine Reise nach Fukuoka zu planen, um das Kloster in Augenschein zu nehmen. Schwester Margaret Mary sollte die Äbtissin der neuen Gründung werden, und Antoinette erklärte sich damit einverstanden, als ihre Priorin zu arbeiten. Sie fassten den Plan, einen Flug mit Northwest Airlines nur für sie beide zu buchen. Aber Mutter Angelica hörte zu.
Laut Schwester Antoinette runzelte Mutter Angelica jedes Mal die Stirn, wenn die Schwestern sich über einen weiteren Aspekt der Japan-Reise unterhielten. Dann, ganz plötzlich, kündigte die Äbtissin an, dass sie »gehen wolle«. Mutter Angelica wollte an dem Abenteuer persönlich teilnehmen. Und irgendwo in den Tiefen ihres verletzten Gehirns erinnerte sie sich vielleicht an das Wort: Gründungen. Der Herr ruft uns jetzt auf, Ihm neue Gründungen zu schenken – neue Klöster. Die beiden Schwestern versuchten, Mutter Angelica davon abzubringen, eine solch beschwerliche Reise auf die andere Seite der Welt zu unternehmen. Aber die Äbtissin hatte ihre Entscheidung getroffen. Sie würde nach Japan reisen, um ein neues Kloster zu gründen.
Schwester Margaret Mary erkannte, dass Widerstand zwecklos war. Sie telefonierte sodann mit einem Wohltäter und trug ihm die Bitte vor, ein Privatflugzeug zu organisieren;aufgrund des Gesundheitszustandes der Äbtissin war eine normale Reise mit einem Linienflugzeug ausgeschlossen. Wegen Mutter Angelicas schwacher Gesundheit und eingeschränkter Mobilität dachte Margaret Mary daran, dass ein Arzt die Äbtissin begleiten sollte. Zwei Ärzte, Michael Hall und James Hoover, teilten sich die Arbeit und verbrachten jeweils eine Woche in Japan. Pater Joseph und Pater Dominic von den Franziskaner-Missionaren des Ewigen Wortes, dem männlichen Zweig der von Mutter Angelica gegründeten Ordensgemeinschaft, erklärten sich ebenfalls bereit, die Reise anzutreten. Margaret Mary kaufte Sprachlern-CDs von Rosetta Stone, mit deren Hilfe sie und Mutter Angelica ernsthaft mit dem Erlernen der japanischen Sprache begannen.
Am 3. Dezember 2004 ließ sich Mutter Angelica in voller Ordenstracht, versehen mit einem zusätzlichen braunen Umhang gegen die Kälte, auf dem Rollfeld in Birmingham fotografieren, umgeben von ihrer gesamten Begleitung. Die Schwestern Gabriel, Michael, Antoinette, Margaret Mary und die junge Schwester Francesca konnten ihre Aufregung kaum verbergen. Innerhalb weniger Augenblicke schnallten dann ein paar Sicherheitsleute, die ebenfalls zur Reisegruppe gehörten, Mutter Angelica auf einem Metallstuhl an und hoben sie in den Privatjet. Alles war bereit für die 7246 Meilen lange Reise nach Fukuoka, Japan. Ohne die Zeit für das Auftanken in Anchorage mitzuberechnen, sollte der Flug fünfzehn Stunden dauern.
Mutter Angelica war voller Tatendrang, die letzte große Reise ihres Lebens anzutreten. Waghalsige, kühne Abenteuer waren für die alte Nonne nichts Neues. Schwierige Phasen und Prüfungen, überraschende Wendungen und erstaunliche Gnaden kennzeichneten ihren Weg seit Langem. Schon von Anfang an war es so gewesen.
Von Rita Rizzo zu Mutter Angelica: 1923–2004
Mutter Angelicas Reise begann am 20. April 1923 im Rotlichtviertel im südöstlichen Canton. Dort wurde Rita Rizzo, ein pummeliges Kind mit vollem dunklem Haar, in eine Familie hineingeboren, die gelinde gesagt dysfunktional war. Ihr Vater John war Schneider und ein notorischer Schürzenjäger. Mae, ihre Mutter, war eine elegante, redegewandte Frau, die sich immer danach sehnte, das italienische Armenviertel, in dem sie geboren und aufgewachsen war, weit hinter sich zu lassen.
Am Tag von Ritas Taufe legte ihre Mutter das Kind auf den Altar der Schmerzhaften Muttergottes. Mae schaute hinauf zu dem Bild der trauernden Madonna, deren Herz von Schwertern durchbohrt war, und sagte: »Ich gebe dir meine Tochter.«Der intensive Tanz des Kindes mit dem Leiden und Glauben begann also an diesem Tag – und er sollte mehr segensreiche Ergebnisse zeitigen, als sie es sich je hätte vorstellen können.
Schon lange vor Ritas Geburt hatte John seine Frau körperlich und seelisch missbraucht. Als das Kind fünf Jahre alt war, verließ der Vater die Familie und kam erst zwei Jahre später wieder zurück. Mae und Rita mussten selbst schauen, wo sie blieben. Eine Zeit lang wohnten sie bei Maes Familie in der Liberty Street, aber familiäre
