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Mark, ein desillusionierter Endvierziger, kommt nach Scheidung und Lebenskrise in den Berliner Prenzlauer Berg, den Ort seiner Kindheit und Jugend zurück. Er zieht wieder in die alte Wohnung am Teutoburger Platz ein, und beginnt nach seinen Wurzeln zu suchen. Gedankenverloren versinkt er in einem Strudel von Erinnerungen, holt in Rückblenden Vergangenes wieder in sein Bewusstsein. Unerwartet taucht sein Jugendfreund Dirk bei ihm auf, dessen labiler Zustand Mark erschreckt. Auf der Suche nach dem Grund wird Mark an einen Gegenstand erinnert, den sie als Jugendliche in einer Baugrube fanden. Ein Fund, über den Dirk Unglaubliches berichtet. Mark beginnt an Dirk‘s Verstand zu zweifeln und zieht Ritchie, einen befreundeten Historiker, hinzu, dessen Nachforschungen, jedoch alles noch mysteriöser erscheinen lassen. Das Rätsel weist in vergangene Epochen. Was haben sie damals wirklich in dem Loch gefunden ...?
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Seitenzahl: 571
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Menschen, die wie wir an die Physik glauben, wissen, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine besonders hartnäckige Illusion ist.
Albert Einstein
Es war ein heißer Tag. Der Rasen war kurz gemäht worden und strohige Halme reckten sich stopplig in die flimmernde Luft. Die Sonne brannte auf der verschwitzten Haut und jeder Schritt schien zu viel. Afrikanische Savanne mitten im Prenzlauer Berg. Mark nahm die Sonnenbrille ab, schaute über den Platz, und ging dann zügig auf einen der nahen, schattenspendenden Bäume zu.
Er sah sich um. Einiges hatte sich verändert, jedoch nicht völlig und er spürte immer noch die alte Verbindung zwischen ihm und diesem Ort. Auf dem Rasen und den umliegenden Bänken tummelten sich, die Sonne genießend, junge Leute und auf dem angrenzenden Spielplatz sah er Eltern mit ihren Kindern. Ihm fielen die vielen parkenden Fahrzeuge auf, die sich rund um den Teutoburger Platz drängten und die Straßen eng und verstopft wirken ließen. Ganz in der Nähe, in der Fehrbelliner Straße, war er aufgewachsen und damals, in den späten Siebzigern, konnte er einen Ball von seiner Haustür aus in Richtung des Platzes schießen, ohne Gefahr zu laufen ein Auto zu treffen. Jetzt sah es hier aus, als könne man unmöglich seine Einkaufstüten auf die andere Straßenseite bringen. Berlin hatte sich nach dem Mauerfall immer mehr zu einer westlichen Metropole entwickelt und mit den damit einhergehenden Verkehrsproblemen zu kämpfen. Die Gegend um den Teutoburger Platz, in der Gründerzeit konzipiert und für diese Unmengen Autos einfach nicht ausgelegt, sah aus, als hätte sich ein Lavastrom aus Blech in ihr ergossen.
Im kühlen Schatten des Baumes stand eine Bank. Er setzte sich, und begann sich daran zu erinnern wie es ausgesehen hatte, als er sich hier mit den Jungs aus der Gegend herumgetrieben hatte. Sein altes Viertel war zum Sanierungsgebiet geworden und im Zuge dessen, wurde auch der Platz neu gestaltet. Gegenüber der Bank befand sich ein altes Trafohäuschen, dass bereits in seiner Jugend nicht mehr als solches genutzt worden war und verschlossen, mit vermauerten Fenstern in einen Dornröschenschlaf gehüllt auf seine Erweckung gewartet hatte.
Offensichtlich war es soweit und das alte Häuschen hatte eine neue Bestimmung erhalten. Nun war es begehbar und durch seine weit geöffneten Türen spazierten Menschen. Als Kind war er gerne über eine angrenzende Pergola auf das flache Dach geklettert, hatte den Blick über den Teutoburger Platz genossen, oder die alten Hauswände für Ballspiele mit seinen Freunden genutzt. Das Flachdach war inzwischen durch ein neues Walmdach ersetzt worden, das dem Häuschen besser stand, und die Wände zierten nun Graffiti.
Mark kam der Gedanke, dass vielleicht einige seiner Freunde aus Kindheit und Jugend noch immer hier wohnen könnten. Er schaute sich nochmal um. Unwahrscheinlich! Vielleicht aber doch! War es nicht möglich, dass jemand von ihnen noch hier lebte? Vielleicht hatte jemand die ganze Zeit über hier gelebt, war hiergeblieben, hatte eine Familie gegründet?
Neben dem ehemaligen Trafohäuschen, nur durch einen schmalen Gehweg getrennt, der Spielplatz. Auch hier war kräftig modernisiert worden, und das alte Klettergerüst und die alten Spielröhren aus Beton waren neuen genormten Varianten von Spielgeräten gewichen. Durch das dichte Laub der Bäume hinter dem Spielplatz lugten die Fassaden der umliegenden Häuser hervor. Strahlend frische Fronten zogen sich um den Platz, hier und da noch von einer grauen Altlast unterbrochen. In den Fensterfronten spiegelten sich die Bilder seiner Kindheit und in seinem Kopf gewannen diese Bilder langsam an Schärfe. Er betrachtete die Häuser, in denen viele Freunde und Bekannte gewohnt hatten, filterte einzelne Fenster heraus und verknüpfte sie mit Namen von Personen, die er dort gekannt hatte. Unwillkürlich blieb sein Blick an der Tischtennisplatte hängen, die ebenfalls erneuert worden war, sich jedoch an der gleichen Stelle wie damals befand und durch die jugendlichen Spieler, ein vertrautes Bild bot. Oft hatte er hier selbst seine Nachmittage mit Tischtennis verbracht. Chinesisch hatten sie gespielt, waren um die Platte gehetzt, bis die Laternen angingen und hatten selbst im Schummerlicht noch weitergespielt.
Wieviel Zeit war seither vergangen? Er rechnete. 1976 waren sie hierher gezogen. Seine Familie war auch vorher schon im Prenzlauer Berg heimisch, doch die alte Wohnung in der Stargarder Straße wurde langsam zu klein, und so mussten sie umziehen. Im Grunde ist die Stargarder Straße nicht weit entfernt, doch ein 9-jähriger Junge, der auch noch die Schule wechseln musste, kam in eine völlig andere Welt.
Das Areal rechts neben den Tischtennisplatten hatte sich ebenfalls verändert. Kleine bewachsene Hügel mit niederem Busch- und Baumbestand und schmalen Pfaden, teilweise durch felsige Steine begrenzt, wirkten harmonisch und bereicherten den Gesamteindruck des Platzes. Ihnen war ein grauer Betonboden mit ebenso grauer Begrenzung gewichen, der als Fußballplatz gedient hatte. Im Winter war er oft durch einen Anwohner mit einem Wasserschlauch geflutet worden und wurde so zu einer wunderbaren Eisbahn, die bei Jung und Alt großen Anklang gefunden hatte. In Mark´s Kopf formten sich Bilder von Menschen, dick in Winterkleidung eingepackt, wacklig, mit Eisgleitern oder Schlittschuhen an den Füßen, manchmal einfach nur in Stiefeln, auf dem Eis. Die Neugestaltung war gut gelungen, doch er merkte auch, dass ihm der Fußballplatz irgendwie fehlte.
Er stand auf, ging über den Rasen zu einer Birke auf der anderen Seite, deren Krone sich leicht im Wind bewegte. Schon bald konnte er einzelne Partien der Rinde erkennen, blieb dann vor dem Baum stehen und berührte sie. Grob strukturiert wand sie sich um den kräftigen Stamm. Mark schaute hoch, bis zum ersten Ast, der sich in einiger Entfernung über seinem Kopf befand. Wie hatte er es nur fertig gebracht diesen Ast zu erreichen, kaum älter als zehn oder elf? Damals war er bis in die Krone hinauf geklettert, bis ganz nach oben, wo er Gefahr lief, die dünnen Äste würden ihn nicht mehr halten. Doch er hatte es riskiert, weil dort oben die Zeit stillzustehen schien und nichts von unten mehr Bedeutung hatte und niemand ihm dorthin folgen konnte. Unerwartet beschlich ihn der Gedanke den Baum erneut zu erklimmen, doch schon kurz darauf tat er ihn als lächerlich ab, da in diesem Moment, der fast fünzigjährige Mann, der er nun war, dem 11-jährigen Jungen Einhalt gebot. Dicht bei der Birke hatte man einen Basketballkorb angebracht, und es gab dort auch eine dreiteilige plastische Sandsteingruppe, aus einem Sockel mit Wasseraustritt, einem sitzenden Frosch darauf, einem Wasserauffangbecken und einem hockenden Mädchen bestehend.
Im Spiel lärmende Kinder rissen ihn abrupt aus seinen Gedanken, als sie kreischend an ihm vorbei rannten. Er verließ den Platz über eine kurze Treppe, nahe der Tischtennisplatte und stand nun in der Fehrbelliner Straße. Die Kinderstimmen wurden mit zunehmender Entfernung leiser, bis sie schließlich vollends verstummten, und er ertappte sich dabei, wie er in den Gesichtern der Kinder nach Ähnlichkeiten mit früheren Freunden gesucht hatte, wohl in der stillen Hoffnung, vielleicht Sohn oder Tochter eines alten Bekannten vor sich zu haben.
Mark überquerte die Fahrbahn und stand vor dem gegenüberliegenden Haus, das nach erfolgter Sanierung einen ordentlichen Eindruck machte. Mit dem Finger ging er die Namen an der Klingelanlage durch, die hier installiert worden war. „Früher gab es die nicht!”, schoss es ihm durch den Kopf. Die Häuser waren, wenn überhaupt, nur nachts verschlossen und er bedauerte diese Veränderung, da sie Ihm nicht gestattete, einen Blick ins Innere des Hauses zu werfen. Beim letzten Namen angekommen, stellte er fest, dass er niemand mehr kannte.
„Suchen sie jemand?” Er zuckte zusammen, und blickte in das Gesicht eines jungen Mannes, der mit einem Schlüssel in der Hand vor ihm stand. „Kann ich ihnen helfen?“ „ Nein…!“
Er trat einen Schritt zurück, ließ den verwunderten Mann ins Haus, ging wieder auf die andere Straßenseite und spazierte die Fehrbelliner hinauf. Warum war er hier? Weshalb kam er nach all den Jahren wieder her?
Weil es sein anderes Leben nicht mehr gab! Weil er nun Zeit hatte! Er war an einem Punkt angelangt, an dem er wirklich Zeit hatte. In diesem Zusammenhang, musste er an das Häuten einer Schlange denken und fand den Vergleich durchaus treffend. Die Trennung von Melissa hatte er nun überwunden, so glaubte er, und wieder sah er ihr Lächeln, ihr umwerfendes Lächeln auf dieser Weihnachtsfeier, als sie sich kennenlernten. Erst hatten sie zusammen gearbeitet, sich dann verliebt, dann zusammen gelebt, dann verändert. Beide. Aber das war vorbei. Nun hatte er Zeit!
Der Fall der Mauer war für die meisten völlig überraschend gekommen und Mark hatte ihn im wahrsten Sinne des Wortes verschlafen. Erst am nächsten Morgen, als ein großer Teil seiner Kollegen auf der Arbeit fehlte, hatte er realisiert, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein musste. In der vergangenen Nacht war die Grenze geöffnet worden und die Welt hatte sich für immer verändert.
Gesellschaftliche Umwälzungen dieser Art haben natürlich immer direkte Auswirkungen auf die Menschen, die in diesen Zeiten leben. Damals war er ein Anhänger der Idee eines eigenständigen Weges der ehemaligen DDR, mit dem Ziel einer SPÄTEREN Wiedervereinigung gewesen, doch das sah die Mehrheit der Bevölkerung, der auch noch blühende Landschaften und die D-Mark versprochen wurde, anders. Damals wurde er gerade 23 und arbeitslos.
Sein neues Leben als frischgebackener Bundesbürger hatte er sich allerdings etwas anders vorgestellt, doch die „Umstrukturierung“ der ehemaligen DDR-Wirtschaft machte es notwendig, dass sich viele Leute beruflich neu orientieren mussten und so kam es, dass er, als er im Wartezimmer eines Augenarztes die Stellenanzeigen einer Zeitung durchging, von einem neben ihm sitzenden Mann im Anzug angesprochen wurde, der ihm schlussendlich eine Visitenkarte hinterließ. Eine Woche später hatte er dann einen Job bei einer Immobilienfirma.
Die Arbeit lief gut, und er lernte auf einer Weihnachtsfeier auch noch Melissa, eine ehrgeizige junge Frau, die ebenfalls dort arbeitete, kennen. Sie verliebten sich ineinander, zogen zusammen, arbeiteten hart und hatten bald ihre eigene Firma. Der wirtschaftliche Erfolg erlaubte es ihnen bald selbst ein Haus zu kaufen, toll gelegen, Grunewald, und wenig später heirateten sie. Er hatte Melissa wirklich geliebt, doch die Firma und das Geld, das sie verdienten, veränderten beide und irgendwann hatten sie sich nichts mehr zu sagen. Die Ehe, die kinderlos geblieben war, scheiterte und er glaubte nicht mehr an diese Art zu leben. Es ging nur noch ums Geschäft und Mark musste sich eingestehen, von oberflächlichen Menschen umgeben zu sein, die weitestgehend damit beschäftigt waren, vermeintlichen Statussymbolen hinterher zu laufen. Die Scheidung verlief einvernehmlich. Beide wollten raus aus dieser Ehe, hatten aber noch genug Achtung voreinander um alles fair zu regeln. Sie verkauften Firma und Haus, und Melissa ging nach Frankreich, um sich am Unternehmen einer Freundin zu beteiligen.
Er vergrub sich für eine Weile in einem Hotel, und als er beschloss wieder rauszugehen, wusste er nicht wohin. So war er hergekommen, lief nun die Fehrbelliner entlang und blieb an der Ecke Templiner stehen.
Gegenüber sah er die alte „Kaufhalle“ in ihrem neuen Gewand als „Kaiser´s”, deren Neubau er als Jugendlicher miterlebt hatte. Vorher hatte es hier nur einen, mit ein paar Bäumen und Büschen bewachsenen freien Platz gegeben. Der sogenannte „Hunde-Platz“ war durch ein im Krieg zerstörtes Eckhaus entstanden und weitere Gründerzeit-Häuser hatten sich bis vor zur Choriner daran angeschlossen.
In diesen alten Häusern gab es oft auch Ladengeschäfte im Vorderhaus, die jedoch, durch die Zentralisierung der DDR-Wirtschaft, Enteignung oder Flucht der Inhaber in Richtung Westen in den 50er und 60er Jahren, an Bedeutung verloren und nach und nach ungenutzt und verschlossen die Fronten zierten. Um die Versorgung der Bevölkerung mit „Waren des täglichen Bedarfs“ zu gewährleisten, wurden „Kaufhallen“ gebaut, die diese Läden ersetzten. Die verantwortlichen Planer störte es nicht im geringsten, dafür einige historische Gebäude, für deren Sanierung sowieso keine Mittel zur Verfügung standen, abzureißen, denn längst hatte man beschlossen den wachsenden Wohnungsbedarf durch ein gigantisches Neubauprogramm zu befriedigen und Berlin durch neue Stadtbezirke weiter wachsen zu lassen.
Die betreffenden Häuser hier, wurden Ende der siebziger Jahre gesprengt. Mark erinnerte sich wieder an den Anblick der Trümmer, gegenüber der elterlichen Wohnung in der Nr. 85. Alle Anwohner mussten die Wohnungen verlassen und nach ihrer Rückkehr, hatte sich die Ecke komplett verändert. Nachdem die Trümmer geräumt worden waren, begannen die Bauarbeiten mit dem Aushub des Kellergeschosses der neuen Kaufhalle und bald klaffte ein riesiges Loch, das bei Regen regelmäßig mit Wasser gefüllt wurde, auf der anderen Straßenseite.
Naturgemäß übte die Baustelle eine zwingende Anziehungskraft auf die Jungen der Gegend aus und er und seine Freunde kletterten in dem Loch herum, blieben darin stecken und versanken bis zu den Knien im Schlamm, was von ihren Eltern, die die total verdreckte Kleidung waschen und ruinierte Schuhe ersetzen mussten, überhaupt nicht geschätzt wurde. Nicht zuletzt auch wegen der Unfallgefahr, die von den Jungen damals einfach ausgeblendet wurde.
Irgendwann wurde die Baustelle dann eingezäunt und mit Baulampen versehen, was selbstverständlich keinen der Jungen davon abhalten konnte, die Baustelle weiterhin als Abenteuerspielplatz zu verstehen, und auch die Lampen erfreuten sich einiger Beliebtheit. In der sozialistischen Mangelwirtschaft wurden Dinge häufig zweckentfremdet und so dienten einige der Baulampen bald der extravaganten Beleuchtung von Jugendzimmern. Auch Mark hatte sich ein Exemplar „besorgt” und mit einer farbigen Glühbirne ausgestattet. So sorgte auch er für eine außergewöhnliche Atmosphäre in seinem Zimmer.
Er ging am Kaiser´s Markt vorbei, und schaute auf die andere Seite, wo sich an der Ecke Fehrbelliner/Chorinerstraße die Nr. 85 befand, das Haus in dem er aufgewachsen war. Plötzlich blieb sein Blick an den Fenstern der Wohnung in der zweiten Etage hängen. Er traute seinen Augen nicht, denn anstelle von Gardinen, sah er dort ein gelbes Transparent, auf dem in roten Buchstaben „Zu Vermieten“ stand. Gleich darunter war auch eine Telefonnummer angegeben.
Sein Herz begann schneller zu schlagen und eine außergewöhnliche Unruhe ergriff plötzlich Besitz von ihm und er hatte das starke Gefühl nicht zufällig hier zu sein. Ein merkwürdiger, surrealer Moment, fast schon etwas gespenstig. Doch es war eher ein wohliger Schauer, als ein beängstigendes Gefühl, dass sich in ihm breit machte.
Er betrachtete nun den Rest des Hauses. Es hatte sich äußerlich wenig verändert, obwohl Fassade und Eingangstür neu gestrichen worden waren, und sofort fühlte er sich wieder zuhause. Unten hatte nun ein kleiner Laden geöffnet, der der Lebendigkeit des Gebäudes gut tat. Die kunstschmiedeeisernen Verstrebungen, zum Schutz der Glasscheiben im oberen Bereich der schweren Eingangstür, waren ihm so vertraut wie der tägliche Blick in den Spiegel. Er ging rüber, und suchte am Klingelbrett nach bekannten Namen.
„Niemand mehr da”, murmelte er vor sich hin, und drückte automatisch gegen die Tür, die sich auch prompt öffnete. Schnell griff seine Hand nach dem Türknauf, als befürchtete er, sie würde wieder zufallen, und ihm für immer den Weg versperren. Vorsichtig trat er ein, und wurde von einem angenehmen eigentümlichen Geruch im schummrigen Hausflur empfangen. Mark vermochte ihn nicht genauer zu identifizieren, es roch einfach nach diesem Haus, so wie das Haus immer gerochen hatte. Alles wirkte so, als hätte er es erst vor wenigen Stunden verlassen, mit Ausnahme der neuen Briefkästen, die sich jedoch noch am gewohnten Platz befanden. Der schmale Flur verbreiterte sich nach einigen Metern. Dort wo die beiden Paterre-Wohnungen lagen, führte eine Treppe runter, zu den Kellerräumen und auf den Innenhof, eine weitere nach oben. Langsam ging er auf diese Treppe zu und musterte die Wände. Auch hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein, die alte Malerei, ein braun-grünes Ornament, befand sich noch immer dort. Er nahm einige Stufen nach oben, und seine Hand glitt am Geländer entlang, das ebenfalls noch original war, so wie die Fenster mit den farbigen Elementen. Als Junge hatte er oft das Gefühl, eine Kathedrale zu betreten, wenn die Sonne den Flur in einem bunten Licht erstrahlen ließ. Glücklicherweise hatte das Treppenhaus den architektonischen Zeitgeist der 60er und 70er Jahre überstanden und seinen ursprünglichen Charme behalten. In diesen Jahren wurden viele der alten Häuser im Prenzlauer Berg notdürftig saniert und dabei unwiederbringlich entstellt. Man schliff die verschnörkelten Fassaden und putzte sie glatt, ersetzte die originalen Treppengeländer durch einfachere Varianten und hatte auch kein Problem damit, die ursprünglichen Malereien oder Fliesenarbeiten zu zerstören. Solche Aktionen waren teils dem Verständnis von moderner sozialistischer Architektur, die bourgeoise Elemente ablehnte, dem allgemeinen Zeitgeist, oder einfach Geldmangel geschuldet. Als später dann alle vorhandenen Mittel sowieso nur in das Wohnungsbauprogramm flossen, überließ man die Altbausubstanz einfach sich selbst, wodurch wahrscheinlich Schlimmeres verhindert wurde. Eine Ausnahme bildete hier, die zur 750-Jahr Feier Berlins umgestaltete Husemannstraße. Diese präsentierte sich danach im Stil um 1900, war aber ein reines Prestigeobjekt und hatte nichts mit der Realität im Prenzlauer Berg zu tun. Auch die wenigen gutgemeinten Sanierungen, die in einigen Vierteln in den 80er Jahren erfolgten, berücksichtigten aus Geldmangel leider nicht den Urzustand der Gebäude.
Mark erreichte das erste Fenster. Die farbigen Elemente glänzten durch das üppig einfallende Licht des Sommers und durch die klaren konnte er deswegen nur von der Seite hindurchsehen. Der Innenhof präsentierte sich ungewohnt frisch. Glatte saubere Wände ersetzten hier die alten, grauen, bröckligen Fassaden. Eine Mauer trennte den Hof vom Nachbargrundstück und Mark´s Blick folgte dem Nachbarhof bis zu einer weiteren Mauer, die das Grundstück nach hinten abgrenzte. Dort hatte in seiner Kindheit ein „Kletterweg” begonnen, über den man, durch einige verwilderte Grundstücke alter Fabrikgebäude, weitere Höfe und allerlei Gestrüpp bis zur Lottumstraße vordringen konnte. Wieder formten sich Erinnerungsfetzen in seinem Kopf zu einem Bild, von Jungen, die über offene Dachbodentüren auf die Dächer der Häuser entlang des „Kletterweges” gelangten, heimlich rauchten, den Leuten in die Fenster schauten, oder einfach nur den Sternenhimmel betrachteten. Während er weiterging, sog er begierig den Geruch des Treppenhauses ein, und stand schließlich vor der Wohnungstür in der zweiten Etage, an der es keinen Namen gab. Der alte Briefeinwurfschlitz war noch immer da und Mark ging in die Knie, öffnete ihn vorsichtig und sah hindurch. Außer einem Stück vom Fußboden konnte er nicht viel erkennen. Offensichtlich waren die Dielen abgeschliffen worden, denn anstelle der damals üblichen roten Fußbodenfarbe, fand er sie in Naturholzoptik vor.
Er trat von der Tür zurück, ging langsam wieder runter, und als er auf der Straße ankam, vermisste er plötzlich den Baum, der früher hier gestanden hatte. Nur der flache Stumpf erinnerte noch an ihn und wehmütig dachte Mark an das Spiel des Sonnenlichts in den Blättern, das ihn immer empfangen hatte, wenn er morgens das Haus verließ um zur Schule zu gehen. Noch einmal sah er zu den Fenstern der alten Wohnung hoch und seine Hände begannen zu schwitzen. Konnte das wirklich möglich sein?
Hergekommen war er, weil er am Ende war. Am Ende eines Weges, dem er in den vergangenen Jahren gefolgt war. Irgendwie war er auf der Suche, wenngleich er auch nicht hätte sagen können wonach. Doch vielleicht würde er genau hier etwas finden? Konnte es möglich sein, dass hier etwas auf ihn wartete? Ein neuer Anfang? Hastig fingerte er sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer vom gelben Transparent. Er hatte sich entschlossen und wollte es versuchen!
Eine Woche später stand Mark wieder vor dem Haus in der Fehrbelliner Straße. Er hatte den Mietsvertrag tatsächlich bekommen und die Schlüssel dabei. Wieder kam er in das Treppenhaus und konnte es kaum erwarten, die Wohnung zu sehen, und als er endlich in der zweiten Etage ankam, zögerte er noch einen Moment, bevor er aufschloss und die Wohnung nach Jahrzehnten wieder betrat.
Drinnen hüllte ihn das Halbdunkel ein und fast andächtig öffnete er die erste Tür auf der linken Flurseite. Der Raum, der damals das Wohnzimmer gewesen war, empfing ihn in warmes Tageslicht getaucht mit weißen Wänden und geschliffenen Dielen. Mark ging zu einem der beiden Fenster, schaute kurz auf die Straße und öffnete dann die doppelflügelige Verbindungstür zwischen dem ehemaligen Wohn– und Schlafzimmer. Das zweite Zimmer, beinahe eine Kopie des vorherigen, besaß ebenfalls zwei Fenster, war in gleicher Weise gestaltet worden, jedoch etwas kleiner. Er sah sich kurz um, verließ es durch die Tür zum Flur, um dann den nächsten Raum an der Stirnseite gegenüber der Eingangstür zu betreten, ein schmales Zimmer mit nur einem Fenster, das er sich damals mit seinem Bruder geteilt hatte. Er stellte fest, dass in allen Räumen die alten Kachelöfen entfernt und durch Heizkörper ersetzt worden waren.
Obwohl Kohleschleppen und Entsorgen der Asche nicht gerade angenehm gewesen waren, vermisste er die Öfen und dachte an ihre wohlige Wärme und an Bratäpfel aus der Ofenröhre an kalten Winterabenden.
Damals hatte die Wohnung noch aus einer Küche, in der sich, da sie über kein Bad verfügte, die Familie in einer großen Schüssel auch wusch, einer kleinen Toilette und einer „Wäschekammer“, einem schmalen Raum mit einem sehr kleinen Fenster, bestanden. Anfangs wurde die Kammer tatsächlich zum Trocknen der Wäsche genutzt, später umgestaltet und für ihn als Zimmer hergerichtet. Da die Kammer jedoch über keinen eigenen Ofen verfügte und im Winter schwer zu beheizen war, teilte er sich bald wieder das Zimmer mit seinem Bruder.
Die Küche präsentierte sich im Grunde wie in seiner Kindheit, mit Ausnahme eines Fliesenspiegels im Nassbereich. Toilette und Kammer waren zu einem modernen Badezimmer verschmolzen, das Mark nun betrat und sich an sein altes Jugendzimmer zu erinnern versuchte. Hier hatte es damals genug Platz für eine Liege mit Bettkasten, ein Wandregal mit etwas Stauraum, und einen Tisch mit zwei Stühlen gegeben.
Das Bad verfügte nun über Toilette, Wanne und Waschbecken, war ordentlich gefliest und wirkte freundlich und hell. Mark machte einige Schritte auf das inzwischen neue, aber ebenfalls kleine Fenster zu und befand sich ungefähr an der Stelle, wo in seinem alten Zimmer der Tisch gestanden haben musste, an dem er gemeinsam mit zwei Freunden, Micha und Ole, seinen 14.Geburtstag feierte. Currywurst hatte es gegeben, Currywurst mit Pommes Frites und jeder hatte ein Glas Bier bekommen, das sie stolz getrunken und sich erwachsen gefühlt hatten. Er dachte darüber nach, ob er an diesem Tag sein erstes Bier überhaupt getrunken hatte, wusste es aber nicht mehr. Nachdem er noch einmal in allen Räumen gewesen war und sich den Erinnerungsfetzen, die unweigerlich hier und da zum Vorschein kamen, hingab, beschloss er die Wohnung zu verlassen und zum Teutoburger Platz zu gehen.
Auf dem „Teute“, wie der Platz allgemein genannt wurde, suchte er sich bei den Hügeln einen schattigen Platz, setzte sich ins Gras und atmete durch. Nun lebte er wieder hier! Zwar wusste er nicht genau, was er nun eigentlich tun sollte, wollte jetzt aber auch nicht viel darüber nachdenken, denn der Tag war warm, der Himmel blau und die vertrauten Geräusche des Platzes, die an sein Ohr drangen, luden dazu ein, sich zu entspannen. Der Erlös aus dem Verkauf der Firma und des Hauses, den er gewinnbringend angelegt hatte, würde ihn ohnehin eine Weile sorgenfrei halten. Er machte es sich auf der Wiese bequem, lauschte dem Treiben um sich herum, und während der warme Wind sein Gesicht streichelte, schlief er langsam ein.
Ein warmer Wind wehte auch den beiden Jungen entgegen, als sie die Kastanienallee runterrannten und an der Ecke Fehrbelliner zum Stehen kamen. Ein warmer Wind im Sommer 1976. Die Jungen schauten sich um und warteten auf die Frauen, die in einiger Entfernung folgten. Mark und sein Bruder bemerkten den Park auf der anderen Seite und schielten neugierig rüber. Die grüne Wand aus Bäumen und Sträuchern lag unbekannt und geheimnisvoll vor ihnen und lockte. Nun waren auch die Frauen bei ihnen angekommen. „Das da drüben ist der Weinbergsweg”, sagte ihre Mutter, die die kleine Schwester im Wagen schob.
„Dürfen wir da hin?”, fragte Mark die andere Frau, seine Oma.
„Später vielleicht”, antwortete sie. „Wir wollen doch erst die neue Wohnung angucken.“ Die Familie bog links in die Fehrbelliner ein, und die Jungen verdrehten noch einige Male ihre Hälse und schauten sehnsüchtig nach dem Park zurück.
„Kommt jetzt! Wir sind bald da.“ Die beiden gehorchten, rannten weiter bis zur nächsten Straßenkreuzung, und bald erreichten alle das Haus, dass ihr neues Zuhause werden sollte.
Mark´s Eltern hatten sich getrennt und da auch seine Oma allein lebte, entschlossen sich Großmutter und Mutter in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, was den Kindern, die ihre Oma liebten, natürlich gefiel.
Seinen Großvater hatte er nie kennengelernt, und aus den Erzählungen der Erwachsenen wusste er nur, dass er aus Belgien stammte, und auch seine Oma gleich nach dem Krieg dort gelebt hatte. Belgien, darüber wusste Mark nicht viel, nur soviel, als dass man dort nicht mehr hin konnte. Irgendwie lag es sowieso am anderen Ende der Welt, da er damals felsenfest davon überzeugt war, dass die Welt aus zwei Teilen bestand. Einem sozialistischen und einem kapitalistischen, und der Teil in dem er lebte, der sozialistische, war der gute und gerechte. Hier hatten sich die Arbeiter und Bauern nach dem Krieg von ihren Unterdrückern befreit, das hatte er in der Schule gelernt. Der andere, das war der kapitalistische, in dem die Arbeiter noch ausgebeutet wurden. Dort war es auch sehr gefährlich, wie er aus dem Fernsehen wusste, denn in zahlreichen Filmen und Serien konnte man ja sehen wie es dort zuging. Überall konnte man Waffen kaufen und haufenweise Verbrecher tobten sich dort aus. Meist wurden sie jedoch von Bullen, Privatschnüfflern oder Strafverteidigern, in der Regel coole Typen wie Starsky und Hutch oder Petrocelli, zur Strecke gebracht.
Seiner Oma haftete, eben weil sie den Krieg miterlebt hatte, harte Zeiten kannte und auch in Belgien gewesen war, etwas Geheimnisvolles an. Zweifellos hatten sie die harten Zeiten geprägt und ihren Charakter geformt, Zeiten, die Mark bestenfalls aus Büchern und Filmen kannte. Oft wirkte sie verschlossen und eigenbrödlerisch, war den Kindern gegenüber jedoch immer gütig und geduldig.
Als sie nun vor dem Haus standen, dass ihr neues Zuhause werden sollten, sahen sie in einiger Entfernung zum allerersten Mal die Bäume des nahen Teutoburger Platzes, und nachdem sie die Wohnung angesehen hatten, entschlossen sich die Frauen den Kindern auch ihren neuen Spielplatz zu zeigen. Mark, damals gerade neun Jahre alt, war im Prenzlauer Berg aufgewachsen. Seine Familie stammte ursprünglich jedoch aus Ostpreußen, das er auch nur aus Erzählungen kannte. In den zwanziger Jahren waren seine Urgroßeltern dann in die Reichshauptstadt gezogen und hatten sich im Prenzlauer Berg angesiedelt. Seit frühester Kindheit hatte er auf Helmoltz- und Humannplatz gespielt und nun wehmütig seine alte Gegend verlassen, doch Neugier und Unbedarftheit, zwei jedem Kinde innewohnende Eigenschaften, sollten es ihm leicht machen, das neue Umfeld anzunehmen.
Auch im Sommer 76 war der Platz voller Menschen. Zu beiden Seiten der grauen Begrenzung des Fußballplatzes hatten sich Jugendliche Bänke herangeholt, hingen dort herum, hörten Musik, rauchten und tranken Bier. Sie trugen die Haare schulterlang, meist Mittelscheitel und waren mit Jeanshosen- und Jacken, Hemden mit den typisch langen Kragen der Siebziger oder T-Shirts, die man damals noch Nicki nannte, bekleidet. Die „Großen“ waren ein rauer, lauter Haufen und wurden von den Jungen aus der Ferne bewundert. Es schien ihnen, als wären diese Jugendlichen die freiesten Menschen der Welt, da sie nur das taten wozu sie gerade Lust hatten und sich nicht im geringsten um die Erwachsenen scherten. Piraten gleich lebten sie auf IHRER Insel, dem Teutoburger Platz, dessen unangefochtene Herren sie offenbar waren.
Auf dem Rasen und dem angrenzenden Spielplatz tummelten sich Kinder verschiedensten Alters und auch am Trafohäuschen wimmelte es davon. Das Häuschen wurde als Klettergerüst benutzt, und besonders Mutige hatten es sogar bis auf das Dach geschafft. Einige der Kinder sahen zugegebenermaßen etwas verwildert aus, hatten aber sichtlich Spaß. Die Frauen setzten sich auf eine der Bänke am Rande der Rasenfläche und holten die kleine Schwester aus dem Wagen, während die Jungen schüchtern die spielenden Kinder beobachteten.
Noch in diesem Sommer bezogen sie die neue Wohnung und am ersten Tag des neuen Schuljahres stand Mark vor den Schülern einer neuen Klasse, blickte in fremde, neugierige Gesichter und wurde von seiner Klassenlehrerin Frau Kleine vorgestellt. Er stand dort zusammen mit Eike, einer Schülerin, die wie er gerade erst hergezogen war, und hier auch die vierte Klasse beginnen sollte. Die „Dr.-Kurt-Fischer-Oberschule”, benannt nach einem Altkommunisten und Chef der deutschen Volkspolizei, in den ersten Jahren nach Kriegsende errichtet, war eine typische Polytechnische Oberschule. Das Gebäude, ein grauer, grob verputzter Flachbau mit zwei Höfen, einem Sportplatz mit dazugehöriger Halle, einem Eingang aus vier Bogengängen mit schmiedeeisernen Toren, einem kleinen Schulgarten, liebevoll betreut von Herrn Berger, einem alten Lehrer, der auch den Werkunterricht gab und einem sogenannten „Hortgarten”, der durch eine Mauer getrennt, etwas abseits lag und der Beschäftigung der Hortkinder am Nachmittag diente.
An seinem ersten Schultag hatte ihn die Mutter gebracht und sie hatten das Gelände von der Schönhauser Allee aus, durch einen der Torbögen betreten. Anfänglich hatte Mark den kasernenhaften Charakter des Gebäudes etwas bedrückend empfunden, doch schon bald verschwand dieses Gefühl.
Auf dem Schulhof herrschte reger Betrieb, denn die Ferien waren zu Ende und man hatte sich naturgemäß viel zu erzählen. Freunde und Klassenkameraden sahen sich wieder und schnatterten wild drauf los, und der gesamte Schulhof vibrierte von den Stimmen der Kinder. Noch gehörte er nicht dazu, überquerte, still und artig neben der Mutter gehend, das Gelände, bis sie ins Innere des Schulgebäude gelangten, wo es ebenfalls von Schülern wimmelte, die er nun genauer wahrzunehmen begann. Einige der Gesichter glaubte er bereits vom „Teute“ zu kennen, wo sich er und sein Bruder nun regelmäßig aufhielten.
Sein Bruder Thomas, drei Jahre jünger, sollte erst im nächsten Jahr eingeschult werden und so erreichte er, allein mit seiner Mutter das erste Stockwerk, wo vor dem Sekretariat bereits Eike und ihre Mutter warteten. Die Frauen begrüßten sich, wechselten ein paar Worte und die Kinder fingen an sich zu beäugen. Dann öffnete sich die Tür des Sekretariats und zwei Lehrerinnen kamen heraus. Eine der beiden verschwand nach einem knappen Kopfnicken in einem langen Gang und die andere, Frau Kleine, kam zu ihnen herüber, nahm sie in Empfang und brachte die Kinder, nach einer kurzen Begrüßung in ihre Klasse.
Der Unterricht machte ihm Spaß und er lebte sich schnell ein. Die Schüler der Unterstufe, zu der man bis zur 4. Klasse gehörte, waren im rechten Flügel des Gebäudes untergebracht und die der Oberstufe von der 5. bis zur 10. Klasse im linken. Auf dem Lehrplan standen Mathematik, Deutsch (Lesen, Schreiben, Rechtschreibung und Grammatik, sowie mündlicher und schriftlicher Ausdruck), Heimatkunde, Schulgarten, Werken, Zeichnen, Musik und Sport. Am liebsten hatte er Deutsch, Heimatkunde, die musischen Fächer und Sport. Mathematik und Schulgarten mochte er nicht.
Ein besonderes Highlight stellte immer der Werkunterricht dar, der in eigens dafür eingerichteten Räumen im Keller stattfand, der durch eine doppelflügelige Tür betreten wurde, gefolgt von einer Treppe, an deren Ende man durch einen eigentümlich muffigen Geruch empfangen wurde. Hier begann das Reich von Herrn Berger, einem kauzigen alten Lehrer, kurz vor der Rente, der sich selbst als „Reichsten Werklehrer Europas“ bezeichnete, was sich auf sein hervorragend ausgestattetes Materiallager bezog, dem unangefochtenen Herrn über Schulgarten und Werkkeller. Bald gewann man den Eindruck, Berger würde in dem muffigen Keller leben und nur herauskommen um im Schulgarten zu arbeiten, froh darüber, bald wieder in sein unterirdisches Domizil verschwinden zu können.
Den Schülern bot der Werkunterricht eine willkommene Abwechslung zum sonstigen Schulalltag, da sie die Möglichkeit bekamen, sich praktisch zu betätigen. Herr Berger machte sie mit Werkzeugen wie Hammer, Säge, Feile oder Raspel vertraut und so fertigten sie kleine praktische Gebrauchsgegenstände, die sie zuhause stolz präsentieren konnten. Ein Beispiel für das große handwerkliche Geschick des Werklehres und seiner Schüler, stellte eine hölzerne Sitzbank dar, die kreisförmig um einen der drei Kastanienbäume auf dem Schulhof errichtet worden war und bei Schülern sowie Lehrern großen Anklang fand.
Schüler, die Herr Berger besonders mochte, nahm er kurz beiseite und offerierte ihnen einen „Spezialauftrag“, was bedeutete, dass sie an einer Bohrmaschine arbeiten durften. Diese Liebenswürdigkeit vergalten sie ihm aber meist damit, dass sie sämtliche hölzernen Handfeger, eigentlich zum Beseitigen von Holzspänen gedacht, mit Bohrlöchern versahen und sonstigen Unfug trieben, was zur Folge hatte, dass sie ihren „Sonderstatus“ schnell wieder einbüsten.
Gleich in seiner ersten Werkunterrichtsstunde lernte Mark auch eine besondere Eigenart des alten Lehrers kennen. Einige Mitschüler hatten ihm erzählt, dass es während des Werkunterrichts möglich wäre, das Schulgelände zu verlassen, um sich in einem nahen „Konsum” eine Brause zu kaufen, obwohl die Schulordnung das strikt untersagte. Berger sollte es jedoch erlauben, ja sogar jemanden gezielt zum „Konsum“ schicken. In dieser ersten Stunde waren die Schüler damit beschäftigt, verschieden Materialien wie Holz oder Metall zu bearbeiten und der Lehrer, die schwarzen, an vielen Stellen grau durchzogenen Haare, streng nach hinten gekämmt, etwas untersetzt, im Werkkittel, ging durch die Reihen und begutachtete die Arbeiten der Kinder durch seine dunkle Brille. Er steuerte auf eine Gruppe von Jungen zu, die sich über ihre Werkstücke beugten und ungeschickt daran herumfeilten.
„Holt sich einer von euch was zu trinken?”, fragte er unvermittelt und Mark unterbrach gleich seine Arbeit, denn während die anderen noch zögerten, wollte er die Gelegenheit nutzen. „Ja...ich gehe, wenn ich darf!”, antwortete er schnell und dachte im nächsten Moment auch schon darüber nach, ob Berger einen „Neuen“ gehen lassen würde. Der Gedanke war wohl auch nicht so abwegig, denn es schien, als würde auch der Lehrer darüber nachdenken.
„Gut...dann gehst du!”, sagte Berger schließlich, und Mark legte sein Werkzeug beiseite und schickte sich an, den Raum zu verlassen. „Warte...geh gleich hier raus!“ Der Lehrer öffnete ein Fenster des Werkkellers. „Muss ja nicht jeder mitkriegen.”
Dem Jungen gefiel die Heimlichtuerei und er schob das Schutzgitter beiseite, kletterte die kleine Nische vor dem Fenster empor, überwand die Umzäunung und stand auf dem Schulhof, der zur Unterrichtszeit menschenleer war. Er schaute sich um und überquerte dann zügig den Hof, wo er immer Gefahr lief, durch den zufälligen Blick eines Lehrers, aus einem der Fenster entdeckt zu werden. Kurz darauf verließ er auch schon das Schulgelände, bog links in die Choriner ein und lief schnell bis zur Schwedter vor, wo sich an der Ecke ein kleiner „Konsum“ befand. Konsum war eigentlich die Kurzbezeichnung für Konsumgenossenschaft der DDR, einer Handelskette, wurde aber allgemein für kleine Lebensmittelgeschäfte gebraucht.
Der kleine Eckladen war zu dieser Tageszeit nicht besonders voll und Mark fand schnell die hölzernen Getränkekästen, entnahm eine Flasche Bitter Lemon, ging zur Kasse und bezahlte. Dann machte er sich wieder auf den Rückweg und bevor er das Schulgelände wieder betrat, verstaute er die Flasche unter dem Pullover. So erreichte er unentdeckt die Umzäunung und kletterte in den Werkkeller zurück.
„Na da bist du ja wieder”, sagte Berger und schloss das Fenster hinter dem Jungen, während die Schüler im Keller tuschelten und Mark angrinsten. Der alte Werklehrer setze sich nun vorne an sein Pult, holte eine abgegriffene lederne Aktentasche hervor, und entnahm ihr ein gigantisches Stullenpaket. Dann begann er langsam das Butterbrotpapier zu öffnen und mehrere dicke Schmalz- und Leberwurstbrote kamen zum Vorschein und verströmten ihren Duft.
„So mein Junge”, sagte er an Mark gerichtet. „Gib mir doch mal bitte einen Schluck.” Während er das sagte, hatte er die Brille abgenommen und strich sich nun mit der Hand durchs Haar. Etwas verwundert reichte ihm Mark die Flasche und Berger, der die Brille inzwischen wieder aufgesetzt hatte, öffnete sie mit einem rostigen Stück Metall, das er irgendwo hervorgeholt hatte, und stellte sie vor sich aufs Lehrerpult. Die anderen Schüler stupsten sich an, grinsten unentwegt und Mark, der sich fragte, was sie wohl hatten, konnte keine Erklärung für ihr Verhalten finden.
Langsam nahm der Lehrer nun eine der Stullen aus dem Paket und biss hinein. Genüsslich kaute er dann Bissen um Bissen durch, und das Fett seines Brotes lief ihm an den Mundwinkeln hinunter. Es schien ihm so gut zu schmecken, dass er die Schüler keines Blickes mehr würdigte und den Unterricht völlig vergessen hatte. Irgendwann griff er nach der Brause, nahm einen kräftigen Zug und während er trank, hörte man, durch fettverschmierte Lippen verursachte Sauggeräusche. Berger stellte die Flasche wieder ab und schob sie wortlos zu Mark rüber, der mit offenem Mund vor dem Lehrerpult stand und allmählich begriff, was seine Mitschüler so belustigt hatte. Einige Teile vom Frühstück des Werklehres schwammen munter in der halbleeren Bitter Lemon herum, und Mark bemühte sich nicht allzu angeekelt auszusehen. Er war voll in die Falle getappt, ging nun mit der Flasche an seinen Platz zurück und versuchte den schadenfrohen Blicken seiner Klassenkameraden auszuweichen.
„Toll...Bitter Lemon mit U-Booten”, flüsterte ihm Ralf zu, der neben ihm arbeitete. „So ein Mist!”, ärgerte sich Mark und wies auf die Flasche, die er nun völlig umsonst gekauft hatte. „Bei Berger musst du immer zuerst trinken und ihm was übrig lassen”, meinte Micha mit einem breiten Grinsen im Gesicht, als er zu ihnen an den Platz kam. „Na was ist denn da los?”
Offenbar hatte Berger sein Frühstück beendet und war bereit, sich wieder dem Unterricht zu widmen, aus dem Mark heute eine wichtige Lehre ziehen konnte. Trink immer zuerst!
Als Mark aufwachte war es bereits Abend geworden, ein milder Sommerabend, und der Platz immer noch belebt. Er stand auf, schlenderte gemütlich über den Rasen und beschloss durch die Christinenstraße zum Senefelder Platz zu gehen und dann weiter zu seiner alten Schule. In der Christinenstraße gegenüber dem Platz begann das Gelände des Pfefferbergs, einer ehemaligen Brauerei, nach dem bayrischen Braumeister Joseph Pfeffer benannt, der hier ab 1841 untergäriges Bier braute. Zu DDR Zeiten wurde das Gelände zuerst vom Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED, später dann von der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) genutzt. Während der Nutzung durch die KWV, waren hier einige Werkstätten untergebracht, wo er in den Ferien oft gearbeitet hatte. Auch Unterrichtsräume für das Fach Produktive Arbeit waren hier angesiedelt gewesen.
Die Ferienarbeit war freiwillig, wurde gut bezahlt und war bei den Schülern sehr beliebt, bot sie doch die Möglichkeit, das schmale Taschengeld aufzubessern. Produktive Arbeit, ab der siebten Klasse Pflichtfach, wurde nicht unbedingt von jedem geliebt, da es sich meist um stupide Arbeiten handelte. Die Unterrichtsräume im Pfefferberg waren in einen Maschinenraum, in dem die Schüler mit einigen Maschinen für die Metallverarbeitung vertraut gemacht wurden, was einigermaßen Anklang bei ihnen fand, ein Lötkabinett und einen Raum für reine Handarbeit unterteilt. Beim Anblick des Geländes wurde Mark sofort wieder an die manuelle Bearbeitung von kleinen Metallwürfeln mit der Feile erinnert, von denen er damals nie genau gewusst hatte, wofür sie eigentlich benötigt wurden. Wahrscheinlich schmolz man sie gleich wieder ein, um daraus neue Rohlinge zu machen, die man den Schülern sofort wieder zur Bearbeitung vorlegte, und aus einer scheinbar nie versiegenden Quelle sprudelten unaufhörlich neue kleine Metallwürfelrohlinge. Der mysteriöse Kreislauf dieser Würfel würde wohl ein ewiges Geheimnis bleiben.
Mark bemerkte, dass die alte Pforte verschwunden war und man das Gelände gerade sanierte. Traditionell war der Prenzlauer Berg ein Brauereistandort und um 1900 hatte es hier vierzehn Brauereien gegeben! Die Schultheiss Brauerei AG in der Schönhauser Allee, die Brauerei Königstadt AG, die Malzbierbrauerei Christoph Groterjan & Co GmbH, die Weißbierbrauerei „Zum Berliner Bären“ (Kienz), die Brauerei Pfefferberg, die Actien-Brauerei Friedrichshain, die Berliner Weißbierbrauerei AG (Landré-Breithaupt), die Bayerische Malzbier Brauerei Max Böhm, die Berliner Stadtbrauerei A. Lorch & Co GmbH, die Brauerei Saxonia, die Brauerei Schneider mit dem Biergarten „Schweizer Garten“, die Brauerei Weißenburg E. Lewin, das Volksbrauhaus Georg Tarlau und die Bötzow-Brauerei als größte Berliner Privatbrauerei. Dieses Erbe war im Bezirk immer präsent gewesen und überall stieß man auf Reste alter Brauereigebäude, teilweise in jämmerlichem Zustand. Ebenfalls traditionell hoch war die Kneipendichte und einige der Kneipen, formal Schankwirtschaft, seit Jahrzehnten in Familienbesitz, hatten Kultstatus erlangt und waren immer das verlängerte Wohnzimmer der hier ansässigen Arbeiterfamilien gewesen. Sofort tauchten in Mark´s Gedächtnis Namen wie Metzer Eck, Altberliner Bierstuben, Rechenberg, Wörther Eck, Choriner Eck, Schildkröte, U-Bahn, Schusterjunge, Hackepeter, Lothar´s Bierbar, Grell-Eck, der Oderkahn und das damals berüchtigte Trümmerkutte an der Oderbergerstraße/Ecke Kastanienallee auf.
Die Anfänge des Gebietes, des heutigen Prenzlauer Berges lagen in der landwirtschaftlichen Nutzung, da die Wälder durch Bauern, teilweise bereits im 13. Jahrhundert gerodet wurden. Der Weinbau war zeitweise für die Region relativ bedeutend und es hatte Äcker und Windmühlen gegeben. Die vormals einzige Bebauung war jedoch das königliche Vorwerk, das um 1708 entstanden war. 1802 legten die St-Marien und St-Nicolai-Gemeinden ihren heute so genannten Alten Friedhof vor dem Prenzlauer Tor und 1814 die Georgengemeinde vor dem Königstor den ihrigen an. Als in Preußen 1808 eine neue Städteordnung erlassen wurde, galten Stadtrecht, also Gesetzgebung und Steuerrecht, auch im Umland einer Stadt. Dieses Gebiet wurde Weichbild genannt und somit wurden auch die nördlich gelegenen Felder 1831/32 in das Weichbild Berlins eingegliedert. Durch die Stein- und Hardenbergischen Reformen (1807–1810) wurden auch die Bauern nördlich Berlins von der Grundherrschaft befreit. Das hatte zur Folge, dass ihnen ihr Gelände zwischen 1822 und 1826 als freies Grundeigentum überschrieben wurde, wenn sie die Hälfte ihrer Flächen abgaben oder das 18-fache eines Jahresertrages zahlten. Gemeinsam bewirtschaftete Flächen teilte man unter ihnen auf, um zusammenhängende Wirtschaftsflächen zu erhalten, und davon profitierten hauptsächlich die Familien Griebenow, Büttner und Bötzow, da sie den Großteil der Fläche besaßen.
Die Flächen der Kleinbauer jedoch, die sich ja nochmal halbierten, reichten nicht mehr aus um wirtschaftlich zu überleben und somit spezialisierten sie sich auf die Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, wodurch auch einige Schnapsbrennereien und der „Windmühlenberg” entstanden. Dieser, zwischen der heutigen Schönhauser- und Prenzlauer Allee gelegen, avancierte bald zum wichtigsten Mühlenstandort Berlins. Da die Wasserqualität ebenfalls hervorragend war und die dicke Tonschicht sich ausgezeichnet zur Anlage von unterirdischen Kühlräumen eignete, entwickelte sich das Gebiet langsam auch zum wichtigsten Brauereistandort der Stadt, und es entstanden Ausflugslokale wie der „Prater“ in der Kastanienallee. 1827 wurde ein erster Bebauungsplan durch den zuständigen Oberbaurat Johann Carl Ludwig Schmid erstellt, da die Stadt innerhalb der Mauern stark wuchs, welcher sich an den bereits vorhandenen Chausseen (der heutigen Schönhauser Allee, Prenzlauer Allee und Greifswalder Straße) orientierte. Obwohl von König Friedrich Wilhelm III. genehmigt, scheiterte er jedoch, da die benötigten Grundstücksflächen entschädigungslos von den Bauern zur Verfügung gestellt werden sollten, an deren Widerstand. Dennoch wurden die Flächen des heutigen Prenzlauer Berg 1829-31 nach Berlin eingemeindet. 1840 veröffentlichte der Magistrat einen Plan des Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné, der einen großen Ringboulevard vorsah. Auch dieser Plan war zum Scheitern verurteilt, da er zu großräumig geplant war und die wirtschaftlichen Interessen der Grundbesitzer missachtete. Bereits wenige Jahre später durchschnitten erste Eisenbahnlinien den geplanten Boulevard.
Zu Beginn der 1850er Jahre, wurden alle älteren Planungen durch den damaligen Bauinspektor Köbicke zusammengetragen und das Umland in 14 Planabteilungen aufgeteilt. 1859 trat dann James Hobrecht die Nachfolge Köbickes an und veröffentlichte 1862 den Hobrecht Plan. In diesem war auf den inzwischen zu Berlin gehörenden Gebieten eine Erweiterung der Stadt bis an die Grenzen des Weichbildes und ein grobes Straßennetz mit Straßenbreiten von 19 bis 68 Metern vorgesehen. Ein Teil dieser Planungen musste jedoch ebenfalls aufgegeben werden, da auch diesmal Grundstücksbesitzer unentschädigt bleiben sollten und sich natürlich wehrten. Die vorhandenen Chausseen sollten verbreitert werden und auch ein seit 1822 existierender Feldweg, der sogenannte Communikationsweg, wurde erweitert. Er sollte zusammen mit der Warschauer- und Petersburger Straße Teil eines Ringes um die Stadt werden. Diese Straße, die heutige Danziger Straße, wurde aber nie nach Westen verlängert. Ein zweiter Ring entlang der heutigen Osloer, Bornholmer, Wisbyer und Ostseestraße sollte an der Grenze des Weichbildes im Norden verlaufen und wurde von der Bevölkerung stark kritisiert, da man sich nicht vorstellen konnte, dass die Stadt jemals bis dahin wachsen würde!
Der Plan wurde 1862 genehmigt und stellte die Grundlage für das Wachstum des Bezirkes in den folgenden Jahrzehnten da. Die Planungen betrafen ausschließlich die öffentlichen Flächen und sahen keine Einschränkungen bei der Art der Bebauung vor. In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts begannen die ersten Berliner die stadtnahen Gebiete mit kleinen zweigeschossigen Häusern zu bebauen, deren Dachgeschosse später, um weiteren Wohnraum zu schaffen, ausgebaut wurden. Innerhalb der nächsten 20 Jahre wurden die Bauten auf die gesamte Grundstücksbreite ausgeweitet und auf vier Etagen aufgestockt. Langsam schlossen sich die letzten Lücken und schon bald entstanden, bis 300 Meter von der Stadtmauer entfernt, geschlossene viergeschossige Häuserzeilen mit einfachen Fassaden und selten mit Balkonen.
Hinter den Vorderhäusern entstanden Wirtschaftsgebäude und Werkstätten, die in der folgenden Zeit aufgestockt und über einen Seitenflügel mit dem Vorderhaus verbunden wurden und bald wurden mehrgeschossige Seitenflügel und Hinterhäuser auch als Wohnraum üblich. Ab 1870 wurden dann nur noch Baugenehmigungen für befestigte und gepflasterte Straßen erteilt. 1873 kam es zu einem großen Börsenkrach und die darauffolgende Rezession ließ die Bautätigkeit rapide abnehmen, und um diese wieder anzukurbeln begann die Stadt den heutigen Prenzlauer Berg zu erschließen. Auf einem 20 Hektar großen Gelände, zwischen der in diesem Bereich schon 1867 fertiggestellten Ringbahn und der Danziger Straße, beschloss man die vierte Gasanstalt der Stadt zu errichten. Der erste von sechs bis 1900 fertiggestellten Gasbehältern entstand 1874.
Ebenfalls errichtete der Magistrat zwischen 1878-1881 den Central Vieh- und Schlachthof, auf einem 48 Hektar großen Gelände, östlich der Landsberger Allee, auch hier mit Bahnanschluss, der für viele Jahrzehnte einer der modernsten Anlagen dieser Art in Europa bleiben sollte. 1883 folgte ein Feuerwehrdepot in der Oderberger Straße und 1886 an der Prenzlauer Allee das „Städtische Hospital“ (seit 1934 Bezirksamt) und das „Städtische Obdach“. 1889 entstand in der Knaackstraße eine von 13 Berliner Markthallen, die jedoch zu groß bemessen und schlecht ausgelastet war und schon bald für andere Zwecke genutzt wurde.
Ab 1873 wurde James Hobrechts Kanalisationsplan umgesetzt und die großen Alleen bis 1885 kanalisiert, was in kleineren Straßen jedoch noch einige Jahrzehnte länger dauerte. Mitte der 1890er Jahre erreichte die Bebauung die Danziger Straße und die Investoren ließen die neu erschlossenen Grundstücke sehr dicht bebauen. 1887 wurde das Errichten von Kellerwohnungen durch den Magistrat verboten und 1897 gab es dann erstmals auch Vorschriften für größere Innenhöfe. Zwischen 1895 und 1910 entstanden nun jährlich ca. 100 neue Häuser und auch die Seitenstraßen wurden dicht bebaut. In dieser Zeit entstand die typische „Mietskaserne”, bestehend aus einem fünfgeschossigen Vorderhaus mit Ladengeschäften im Erdgeschoss und pro Etage zwei Wohnungen, wovon eine einen länglichen Raum besaß, der in den Seitenflügel hineinragte und von einem Fenster dort das Licht bekam. Dieser wurde als sogenanntes „Berliner Zimmer“ bekannt. Mit dem Nachbargrundstück teilte man sich einen Hinterhof, und im Hinterhaus gab es pro Etage meist vier Wohnungen für ärmere Mieter. Häuser dieser Art bestanden also aus ein bis zwei Läden und dreißig bis vierzig Wohnungen, wobei jedes Haus individuell verziert wurde, was die aufkommende industrielle Produktion genormter Fliesen ermöglichte.
Die Familien Bötzow, Büttner und Griebenow forcierten die Bautätigkeit und taten einiges um ihre Grundstücke gut verkaufen zu können. Sie gaben nun freiwillig Flächen für den Straßenbau an die Stadt ab und so entstanden 1893, auf gestifteten Grundstücken, die Imanuelkirche an der Prenzlauer Allee, als Schenkung der Familie Bötzow, und die Gethsemanekirche als Schenkung der Witwe Caroline von Griebenow, in völlig unbebautem Gebiet. Selbstredend rentierten sich diese Stiftungen schon bald, und bis Ende der 1890er Jahre wurden auch die umliegenden Grundstücke vollständig bebaut.
1890 baute man den Nordring viergleisig aus, um Güter- und Personenverkehr zu trennen. Das Verkehrsaufkommen verstärkte sich weiter, da die innerstädtischen Industriebetriebe, die das Wachstum von Prenzlauer Berg auslösten, zunehmend in die Berliner Randbezirke zogen. Die Ringbahn wurde bereits 1892 von 30 Millionen Fahrgästen benutzt!
In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg verlor der Bezirk an Bedeutung und einer der Gründe dafür, war die schlechte Verkehrsanbindung in die Innenstadt. Zwar existierte die Ringbahn, aber es gab keine Schnellbahn ins Zentrum und die langsamen Pferdeomnibuslinien reichten bei weitem nicht aus. So gab es Planungen für eine Bahn vom Alexanderplatz zum Ring, jedoch wehrten sich die Anlieger der Schönhauser Allee gegen die Ausführung als Hochbahn, anstelle einer Untergrundbahn, indem sie notwendige Grundstücke für den Bahnhofsbau nicht verkauften. Die Linie, von den Bewohnern als „Magistratsschirm“ bezeichnet, konnte deshalb erst am 27. Juli 1913 eröffnet werden. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, kam die Bautätigkeit komplett zum Erliegen, und als der Krieg 1918 endete, lag die Wirtschaft am Boden. Viele Kriegsheimkehrer zog es in die Großstädte, wodurch große Wohnungsnot herrschte.
Das Obdachlosenasyl an der Prenzlauer Allee, die „Palme“, nach einer Kübelpflanze am Einlass so genannt, platzte aus allen Nähten und häufig nächtigten hier mehr als 4000 Menschen. Auch zu Beginn der 20er Jahre kam es kaum zu Neubauten, da die neue sozialdemokratische Regierung das Baurecht verschärfte und Höchstmieten festlegte.
Nach über zehnjährigem Ringen, wurde am 1. Oktober 1920 „Groß Berlin“ gegründet und fasste das alte Berlin, sieben weitere Stadtgemeinden, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke organisatorisch zu einer Stadt zusammen, nachdem sie ja bereits zusammengewachsen waren. Berlin war nun, der Fläche nach, die zweitgrößte Stadt hinter Los Angeles und nach London und New York, mit 3,8 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt, nach Einwohnerzahl. Man teilte Berlin in 20 Stadtbezirke, von denen einer zuerst „Prenzlauer Tor” und kurz darauf „Prenzlauer Berg“ genannt wurde. Dieser Bezirk hatte eine Fläche von 10 Quadratkilometern und rund 300000 Einwohner.
Nach der Inflation wurde in der Weimarer Republik ein Wohnungsbauprogramm gestartet. Da das Immobilienvermögen von der Inflation verschont geblieben war, mussten die Hausbesitzer auf eingenommene Mieten eine Hauszinssteuer zahlen, die in die neu gegründete Wohnungsfürsorgegesellschaft floss, die wiederum billige Kredite für Neubauten vergab. Mitte der 20er Jahre kam es so wieder zu einer starken Bautätigkeit und vor allem nördlich der Ringbahn, aber auch anderswo schloss man Baulücken.
Nun wurde jedoch völlig anders, als vor dem ersten Weltkrieg gebaut. Die Architekten des „Neuen Bauens”, hatten sich das Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und soziale Gesichtspunkte traten in den Vordergrund. Ihre Häuser zeichneten sich durch eine unverzierte, vereinheitlichte Bauweise mit Flachdächern aus. So entstanden Tausende neuer Wohnungen im Prenzlauer Berg, wobei die Bevölkerungszahl ziemlich konstant blieb, da man nun Überbelegung reduzierte. Zu den bekanntesten Berliner Siedlungen dieser Zeit gehören, die von Bruno Taut und Franz Hoffmann 1927/1928 errichtete GEHAG-Siedlung zwischen Greifswalder, Grell- und Rietzestraße, nahe dem S-Bahnhof Greifswalder Straße und die Wohnstadt Carl Legien von Bruno Taut und Franz Hillinger, die zwischen 1928 und 1930 in der Erich-Weinert-Straße, zwischen Gubitz- und Sültstraße errichtet wurde. Letztere gehört exemplarisch mit fünf weiteren Siedlungen zum UNESCO Weltkulturerbe „Siedlungen der Berliner Moderne“. Weitere Beispiele sind Tauts Wohnanlage in der Paul-Heyse-Straße im östlichen Teil des Bezirks (1926/1927), sowie der Bereich der nördlichen Dunckerstraße (Gudvanger Straße bis Wisbyer Straße), erbaut zwischen 1926 und 1928 von Paul Mebes, Paul Emmerich, Eugen Schmohl und anderen.
Dann kam die Weltwirtschaftskrise und eine Notverordnung kürzte die Hauszinssteuer, die Haupteinnahmequelle für das Wohnungsbauprogramm, womit auch die massive Überbauung endete. Damals war der Prenzlauer Berg eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt und über 325.000 Menschen lebten in 100.000 Wohnungen. So lebten beispielsweise in London pro Haus im Schnitt gerade einmal acht Menschen, in New York 17, in Berlin jedoch 76 und im Prenzlauer Berg 110. Ein Ende des Wachstums Berlins war nicht absehbar und so existieren aus dem Jahr 1913 Wohnungsplanungen für 21 Millionen Menschen!
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden nur die Siedlungen zwischen Eberswalder- und Topsstraße (1937) und an der heutigen Anton-Saefkow- und John-Schehr-Straße (1939) errichtet, und mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges, kam die Bautätigkeit abermals völlig zum erliegen.
Während der Hitlerzeit verübten die Nazis ihre Gräueltaten auch im Prenzlauer Berg, besonders auf dem Gelände des Wasserturms. Der Wasserturm, zwischen Knaack- und Belforter Straße gelegen, ist der älteste Wasserturm Berlins. Er ist 44 Meter hoch, wurde zwischen 1875 und 1877 vom Architekten Henry Gill erbaut und diente, nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren, zur Versorgung des rasch wachsenden, einstigen Arbeiterbezirks. In Betrieb blieb er bis 1952. Unterhalb des Wasserbehälters befanden sich die Wohnungen der Maschinenarbeiter des Turms. Diese Wohnungen werden auch heute noch als begehrter Wohnraum geschätzt. Als Wahrzeichen des Bezirks, war der Turm Bestandteil der beiden Bezirkswappen von 1920 bis 1987 und 1987 bis 1992.
Im Frühjahr 1933 diente das Maschinenhaus der SA als wildes Konzentrationslager, in dem zahlreiche dem Regime unliebsame Personen interniert und ermordet wurden. Eine Gedenkwand erinnert seit 1981 an diese Verbrechen. Ab Juni 1933 erfolgte der Umbau zum „SA Heim Wasserturm”, und das rund 1000 Quadratmeter große Maschinenhaus I diente den SA Mitgliedern als Speise- und Aufenthaltsraum, das Maschinenhaus II als Schlafsaal. Im Herbst 1934 wurde das SA Heim jedoch aufgelöst und man begann das Gelände in eine öffentliche Grünanlage umzugestalten, deren Einweihung am 1.Mai 1937 erfolgte und im Zuge dieser Neugestaltung wurde auch das Maschinenhaus I gesprengt. Heute befindet sich an seiner Stelle ein Spielplatz. Die Zahl der jüdischen Bewohner sank von über 20.000 schon bis 1939 auf unter 10.000 und nach Juden benannte Straßen, wurden durch die neuen Machthaber umbenannt. Jüdische Kinder durften keine öffentlichen Schulen mehr besuchen, weshalb die Schülerzahl in der 1904 gegründeten jüdischen Schule in der Rykestraße von 170 auf 750 stieg, bis auch diese 1941 schließen musste.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine Schadensbilanz erstellt, die, da der Prenzlauer Berg keinen Flächenbombardements ausgesetzt war recht günstig ausfiel. Nur etwa 10 % der Gebäude galten als vollkommen zerstört, 7 % als schwer beschädigt und 11 % als „wiederherstellbar“. 72 % der Gebäude hingegen waren gar nicht oder nur leicht beschädigt und bewohnbar. Die Zerstörungen betrafen meist strategische Ziele, das Gaswerk, Bahnanlagen, sowie wichtige Zufahrtsstraßen. Zerstört wurde auch der Block zwischen Schönhauser Allee, Franseckystraße (heute Sredzkistraße), Tresckowstraße (heute Knaackstraße) und Wörtherstraße, in dessen Inneren sich eine Luftwaffenschule befand. Ebenso wurden einige Blocks und zahlreiche Eckgebäude, um ein besseres Schussfeld zu haben, von der SS gesprengt oder fielen Artilleriebeschuss zum Opfer.
Relativ schnell begannen die Hausbesitzer mit den nötigen Reparaturen und gingen dabei behutsam vor, sodass der Gründerzeitstil weitestgehend erhalten blieb. Fassaden wurden zwar oft vereinfacht wiederhergestellt, dafür fügten sich Neubauten aber gut in die vorhandene Bausubstanz ein.
Während der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone wurden wieder Haftstätten im Prenzlauer Berg geschaffen, in denen gemäß der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz, Kriegsverbrecher und NS-Funktionäre inhaftiert werden sollten. Der wichtigste Haftort, wurde 1945 vom sowjetischen Geheimdienst NKWD, im Keller eines Gebäudes an der Prenzlauer Allee, eingerichtet. Heute „Haus 3“ auf dem Gelände des vormaligen Bezirksamtes Prenzlauer Berg.
Bald bestanden die Verhafteten jedoch kaum noch aus ehemaligen NS-Mitgliedern, sondern aus Menschen, die sich antisowjetisch oder antikommunistisch geäußert hatten. Von 1950 -56 wurde die Anlage vom Ministerium für Staatssicherheit weitergeführt und die Gebäude noch bis in die 1980er Jahre vom MFS genutzt.
Mit dem Bau der Mauer am 13.08.1961 kam es zu einem tiefen Einschnitt in der Stadtstruktur und die städtebaulich stark miteinander verbundenen Bezirke Wedding und Prenzlauer Berg wurden praktisch über Nacht getrennt. Entlang der Grenze entstand ein Sperrgürtel, der durch den Abriss von Gebäuden geschaffen wurde.
Das Berlin Konzept der DDR Führung sah die Konzentration auf das Zentrum um den Alexanderplatz vor, und somit wurden die großen Chausseen Schönhauser Allee, Prenzlauer Allee und Greifswalder Straße gefördert, wobei man die Wohnareale dazwischen vernachlässigte. Die alten gewerblichen Gebäude in den Höfen, die nun ungenutzt waren, verfielen ebenso wie die eigentliche Wohnsubstanz. Das Wohnungsbauprogramm der DDR zielte ausschließlich auf den Neubau von Plattenbauten in bisher unbebautem Gebiet ab und die Einwohnerzahl sank, da vor allem junge Familien mit Kindern den Bezirk verließen, um in eine Neubauwohnung zu ziehen. Die Zahl der unbewohnbaren Wohnungen stieg rapide und es gab tatsächlich Planungen den gesamtem Bezirk abzureißen und die alten Gebäude durch Plattenbauten zu ersetzen!
Glücklicherweise legte man diese Überlegungen auf Eis, denn offenbar saßen in den Planungskomissionen doch einige Leute, denen das städtebauliche Erbe am Herzen lag, und so begann man mit einem Pilotprojekt rund um den Arminplatz. Die Überbauung wurde dort durch Abriss von Seitenflügeln und Quergebäuden reduziert, auf den Freiflächen wurden Spielplätze angelegt und die verbleibenden Gebäude von Grund auf saniert. Dennoch sahen die DDR Planer das Projekt nicht als Erfolg an, denn es wurden dadurch keine neuen Wohnungen geschaffen und für die Bewohner mussten sogar Ausweichwohnungen freigehalten werden.
So scheiterten diese im Ansatz guten Einzelmaßnahmen an den staatlichen Mitteln, die es nicht erlaubten, neben der Stadterneuerung durch Neubauten, eine längst überfällige Altbausanierung im großen Stil durchzuführen. Stattdessen riss man, das im Mai 1981 stillgelegte Gaswerk an der Danziger Straße ab, um den, schon im Dritten Reich bestehenden Plan zur Anlage eines Volksparks umzusetzen. In Betrieb für die Anwohner ein stinkendes Ärgernis, hofften jedoch viele, dass, das Industriedenkmal nach der Stilllegung kulturell genutzt werden könne, doch der für DDR Zeiten seltene, starke zivile Widerstand, der sich gegen einen Abriss aussprach wurde schlichtweg ignoriert. Das unter Denkmalschutz stehende Gasometer wurde am 28. Juli 1984 unter dem Vorwand statischer Probleme in einer Nacht und Nebelaktion gesprengt, und ein neu errichtetes Planetarium, an der Prenzlauer Allee, sollte die Gemüter beruhigen.
Auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks entstand neben dem „Ernst-Thälmann-Park”, inklusive eines gewaltigen Ernst-Thälmann-Denkmals, zudem ein Wohnkomplex in Plattenbauweise mit 1300 Wohnungen. Offizielle Einweihung war am 15. April 1986. Weiterhin entstand auch auf unbebauten Gartengrundstücken, östlich der Greifswalder Straße, eine Plattenbausiedlung und für das Jahr 1989 waren großflächige Abrissarbeiten im Bereich Rykestraße vorgesehen, die sehr kurzfristig geschehen sollten, um dem erwarteten Widerstand der Bevölkerung keine Chance zu lassen. Nur die politische Wende im Land verhinderte die Durchsetzung solch katastrophaler Entscheidungen.
Diese Wende hatte ihren Ursprung nicht zuletzt im Prenzlauer Berg, denn hier hatte sich in den siebziger und achtziger Jahren ein Zentrum der DDR Opposition entwickelt. Von hier aus organisierten auch die Umwelt Bibliothek und andere oppositionelle Gruppen die Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen im Mai 1989 und die Mahnwache in der Gethsemanekirche im Oktober 1989. Schließlich wurde der Grenzübergang an der Bornholmer Straße am 9. November 1989 als erster geöffnet.
Nach der deutschen Wiedervereinigung, zu Beginn der 1990er Jahre, galt der Prenzlauer Berg als größtes zusammenhängendes Sanierungsgebiet Europas. Dieses setzte sich aus fünf ausgeschriebenen Sanierungsgebieten im südlichen Bereich des damaligen Bezirkes zusammen, in denen die Sanierung von 32.202 Wohneinheiten mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde. Heute sind große Teile des Ortsteils saniert und bilden das größte Gründerzeitgebiet Deutschlands. 67% aller Wohnungen stammen aus den Jahrzehnten zwischen der Reichsgründung im Jahr 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914.
Die historische Bausubstanz konnte so glücklicherweise erhalten bleiben, jedoch hatte man eines der zentralen Ziele der Sanierungsgebiete nicht erreicht, und es zogen große Teile der ursprünglichen Bevölkerung aufgrund steigender Mieten und der Zunahme von Eigentumswohnungen in andere Bezirke, und der Prenzlauer Berg begann sich erneut zu verändern. Junge Leute, die als Studenten hergekommen waren, fanden gefallen daran, hier zu leben und blieben, und das Haushaltseinkommen stieg bald auf die Werte von Steglitz-Zehlendorf.
Mark schlenderte die komplett zugeparkte Christinenstraße hinauf und betrachtete die sanierten Gebäude. Er schaute, weg von den Fahrzeugen, nach oben, sah nur den blauen Himmel und die oberen Etagen. Jedes dieser Häuser hatte die Zeit aufgesogen, die Schicksale der einstigen Bewohner in seinen Mauern verborgen. Was hatten sie im Laufe der Jahre wohl alles gesehen?
Freud und Leid gleichermaßen, Liebe und Hass, all das, was Menschen empfinden konnten. All das hatte sich an ihnen abgesetzt. Stumme Zeugen einer bewegten Geschichte, vom Kaiserreich bis zum heutigen Tage, und jeder Abschnitt dieser Geschichte, jede Epoche, hatte sich selbst als wichtig empfunden, als das Neue, das Kommende. Doch schon bald, war sie bereits wieder vorbei, nur eine Phase, eine Fußnote in den Geschichtsbüchern, und es galten andere Regeln und andere Menschen lebten in den Häusern. So hatte es den Anschein, als müssten sich die Häuser immer wieder dem Willen neuer Bewohner fügen.
Doch dem war nicht wirklich so, denn wenngleich die Bewohner die Häuser geprägt hatten, wurden sie selbst auch vom Leben in diesen Häusern geprägt, und langsam wurde den Häusern durch diese Wechselwirkung Seele eingehaucht.
Die Seele der Häuser und die Schicksale ihrer Bewohner jedoch, waren tief in das Mysterium Zeit eingewoben, und manchmal gelang es jemandem, die Fäden ein wenig zu lockern und die Vergangenheit für einen flüchtigen Augenblick durch Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen.
Mark ging weiter und erreichte bald die Schwedterstraße, in die er rechts einbog und sich auf den Senefelder Platz zu bewegte. Auch hier hatte sich einiges verändert und Neues und Vertrautes wirkten gleichermaßen auf ihn ein. Damals hatte hier noch ein kleines, zweistöckiges Haus gestanden, mit einem kleinen Hof, auf dem ein alter Baum stand.
Er dachte an Ramona. Sie waren kaum älter als vierzehn, fünfzehn gewesen und zusammen. Ramona, ebenfalls in der Fischer-Schule, eine Klasse tiefer, hatte zusammen mit ihrer Mutter die Hochpaterrewohnung ebendieses Hauses bewohnt. Wieder sah er ihr Gesicht vor sich, die dunklen Augen, die ihn ansahen, als sie sich über ihn beugte und mit Jagdwursthappen, auf die sie vorher etwas Senf getan hatte, fütterte. Damals waren sie in ihrem Zimmer, lagen auf einer Liege und hörten eine Peter Maffay Platte. „Es war Sommer”, auch den Song wusste er noch. Warum erinnerte er sich gerade an diesen Augenblick?
Das ist das Rätselhafte an Erinnerungen. Man hatte jemanden jahrelang gekannt und erinnert sich später an diese Person. Sofort fallen einem bestimmte Situationen und Begebenheiten ein, die scheinbar nicht anders als andere Erlebnisse mit dieser Person waren. Warum also gerade dieser Tag und nicht jeder X-beliebige, an dem man genau dieselben oder ähnliche Dinge getan oder erlebt hatte? Warum also gerade Jagdwursthappen mit Senf und „Es war Sommer”? Warum also gerade dieser Augenblick?
