Mütter sind auch nur Töchter - Heike Hoffmann - E-Book

Mütter sind auch nur Töchter E-Book

Heike Hoffmann

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Beschreibung

Mütter sind auch nur Töchter Dieses Buch ist eine Ode an alle Töchter und Mütter, ihre ganz persönlichen Geschichten und ihre Erfahrungen. Die eigene Lebensgeschichte schwarz auf weiß zu lesen, rührt manche Tochter zu Tränen, andere spüren das innere Bedürfnis, endlich Frieden mit ihrer Tochter-Mutter-Beziehung zu schließen. Und dann gibt es jene Töchter, die voller Liebe und Freude auf ihre Mütter blicken. Was alle Frauen jedoch verbindet, sind ihre wahren Erlebnisse und ihre Erinnerungen an die Kindheit, die sie bis heute prägen und begleiten.

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Dieses Buch widme ich allen Töchtern und ihren Müttern.

Nimm meine Hand und begleite mich zum Horizont! Schenke mir Flügel und lass mich fliegen! Freu dich schon heute auf meine Wiederkehr!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Charlotte

Lisa

Johanna

Davina

Fanni

Noemi

Stefanie

Ingrid

Sophia

Liz

Nora

Thea

Luisa

Elisabeth

Katharina

Mary

Lena

Lotta

Maria

Nicole

Alexandra

Rike

Hannah allein im Wald

Nachwort

Danksagung

Über die Autorin

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Vorwort

Tochter zu sein und Mutter zu werden, sind unglaublich schöne und herausfordernde Aufgaben und Prüfungen in unserem Leben.

Jeden Tag in Sicherheit zu erleben, wissend, wir werden versorgt und wir können uns garantiert auf unsere Mutter verlassen, das sind Momente, die wir uns auch für unsere eigenen Kinder wünschen.

Mütter leisten große Aufgaben, die bereits mit der Geburt beginnen.

Bis die Töchter und Söhne einmal selbstständig sind, vergehen viele Jahre, die nicht immer nur von Heiterkeit und Frohsinn geprägt sind.

Es gibt auch jene Augenblicke und Stunden der Angst, der Traurigkeit oder vielleicht sogar der Verzweiflung, wenn das Kind krank ist, wenn die Pubertät beginnt, das Kind seinen eigenen Willen entwickelt und nicht jedes Geheimnis mit der Mutter teilen möchte.

Für ein friedliches Miteinander sind Urvertrauen und eine sichere Bindung zwischen Mutter und Kind die Basis, damit die Entwicklung des Sprösslings seinen positiven Lauf nehmen kann. Glücklich ist jenes Kind, welches genau diese Grundlagen erfahren darf.

Für ein heiteres und zufriedenes Aufwachsen eines Kindes gibt es kein Rezept und keine Geheimrezeptur, sodass alle Eltern ihren Weg gehen und finden müssen.

Die eigene Entwicklung dient uns dabei als unmittelbares Vorbild oder aber auch als Abschreckung.

So lange die Kinder klein und süß aus dem Kinderwagen lächeln, ist die Freude groß.

Auch wenn die ersten Worte und Schritte folgen, steigt die Begeisterung. Kinder entdecken auf ihre Weise die Welt, kein Gedanke wird wirklich an morgen verschwendet.

Erste Probleme beginnen häufig in der Schulzeit, die Pubertät leistet ihren zusätzlichen Beitrag, weil gerade in der Adoleszenz die Eltern nicht die erste Geige spielen.

Die Kinder nabeln sich ab, beginnen über ihre kleine große Welt nachzudenken, sie probieren sich aus und brechen Regeln. Grenzen werden getestet und hin und wieder überschritten.

Die Zerreißprobe für die Eltern beginnt und die Autonomie der Heranwachsenden auch.

Gerade Mütter haben in dieser Zeit oft Zweifel, ob sie etwas falsch gemacht haben, und verstehen das Verhalten ihrer Kinder wenig oder kaum.

Den Kindern ist dies mehr oder weniger egal.

Sie erinnern sich vielleicht Jahre später an ihre wilde Zeit, die sich durchaus über Jahre hinziehen kann. In der späten Jugend können sich die Wogen wieder glätten und die Harmonie kehrt zurück. Jungen und Mädchen gehen dabei ganz unterschiedliche Wege.

Es kommt der Augenblick, ab dem die Kinder selbst erwachsen sind und ihre eigenen Vorstellungen vom Leben entwickeln. Der Gedanke: „Ich werde alles anders als meine Eltern machen“, bleibt wohl den Generationen erhalten.

Und dies ist auch gut so. Die Gesellschaft verändert sich und mit ihr auch die Menschen. So wäre wohl ein Stillstand nicht nur fatal, sondern nahezu beunruhigend.

In meinem Buch „Mütter sind auch nur Töchter“ möchte ich bewusst die männlichen Familienmitglieder ausklammern.

Es sind die Töchter und Mädchen, die eines Tages selbst alt und reif genug sind und sich auf ihre Rolle als Mutter freuen und vorbereiten.

Die eigenen Erfahrungen werden von großer Bedeutung sein. Vielleicht sind bereits die Monate der Schwangerschaft der Beginn einer ersten Auseinandersetzung und ein Rückblick auf die Beziehung zwischen Mutter und Tochter.

Vielleicht werden Konflikte wieder ins Gedächtnis gerufen, vielleicht ist die Vorfreude unendlich groß, vielleicht schwingt eine gewisse Angst und Unsicherheit mit.

Der Geschichten gibt es unendlich viele.

Allenfalls beginnt aber auch die Besinnung auf die eigene Mutter, wenn die Töchter selbst mitten in der Erziehung ihrer Nachkommen stecken und sie mitunter realisieren, warum ihre eigene Mutter damals so und nicht anders gehandelt hat.

Was tun, wenn plötzlich die eigene Mutter mit ständigen Ratschlägen kommt, wenn sie immer wieder mahnt, dass ein Kind so nicht erzogen werden kann oder wenn sie dir gar nicht zutraut, ein eigenes Kind zu erziehen?

Was tun, wenn wir Töchter immer die kleinen Mädchen bleiben und ein Widerspruch hoffnungslos in ewigen Diskussionen endet?

Sind Tochter-Mutter-Beziehungen wirklich so kompliziert, weil sie immer wieder die gleichen Rollen bedienen müssen, weil sie ein Produkt der Weiblichkeit sind, weil vielleicht sogar ein gewisser Konkurrenzkampf besteht oder weil die Älteren meinen, mehr Erfahrungen zu haben und diesen Trumpf ausspielen?

Was berührt uns, was macht uns traurig und was macht uns glücklich?

Welche Konflikte sind ein Teil der Generation und warum geraten Mutter und Tochter immer wieder in Situationen, deren Herausforderungen Mütter als auch Töchter vor große Prüfungen stellen?

Dieses Buch erzählt Geschichten, teilt Erfahrungen, offenbart Gedanken, verbreitet Freude oder löst eine Reflexion der eigenen Situation aus.

Jede Tochter ist ein wunderbares Produkt ihrer Mutter. Jede Tochter ist Spuren gefolgt und hat ihre eigenen hinterlassen. Jede Tochter hat sich für ihr eigenes Leben entschieden und muss sich dieser Verantwortung stellen. Nicht immer entspricht diese Rolle auch der persönlichen Vorstellung.

Sind wir überfordert mit der Tochterrolle, egal aus welchem Grund, wird der Moment auftauchen, an dem wir uns fragen, WARUM?

Was ist geschehen, wieso agiere ich wie meine Mutter und wieso kann ich meine Mutter ganz und gar nicht verstehen? Warum fällt es mir so schwer, mich von meiner Mutter zu lösen?

Es gibt sie, jene Fragen, die lohnenswert sind, beantwortet zu werden.

Folgen Sie den Töchtern, die unter einem Pseudonym einen Einblick in ihre Lebensgeschichte geben.

Charlotte

Vertrauen ist die Beziehung zweier Menschen, deren Takt auf gleicher Höhe schwingt, selbst wenn gar schräge Zwischentöne erklingen.

Mein Name ist Charlotte, ich bin 74 Jahre alt und ich würde meine Mutter wie folgt beschreiben:

Sie ist, nein, sie war eine gesellige, humorvolle, unternehmungslustige, temperamentvolle und unkomplizierte Frau. Sie war stets gepflegt und attraktiv. Ich erinnere mich, dass sie sehr streng in ihrer Erziehung war, manchmal ist ihr sogar die Hand ausgerutscht. Dennoch denke ich nicht im Zorn an sie zurück. Ich habe meine Mutter sehr geliebt, doch leider war uns nur eine kurze, gemeinsame Zeit vergönnt. Sie starb, als ich gerade einmal 28 Jahre alt war.

Ich war noch sehr jung, vielleicht drei Jahre, als meine Tante und mein Onkel meine Oma mütterlicherseits wie in einer geheimen Mission an einem späten Abend zu uns brachten.

Draußen war es schon dunkel und sie kamen aus einer anderen Stadt zu uns. Wir wohnten in einem Mehrfamilienhaus in einer Kleinstadt.

Bis heute erinnere ich mich an dieses Ereignis auf eine besonders dramatische Weise. Oma war linksseitig gelähmt und somit nicht in der Lage, sich allein fortzubewegen. So musste sie über die steile und lange Treppe im Haus nach oben getragen werden.

Sie lebte fortan in unserer Familie und ich habe ihr Bild noch genau vor Augen, wie sie tagsüber in ihrem Sessel saß, der mit Kissen ausgepolstert war. Ab und zu zog sie sich mühsam an dem großen Wohnzimmertisch hoch, stützte sich darauf ab und drehte einige Runden durch die Wohnung.

Ich realisierte, wie schlecht es ihr ging, und war froh, dass Oma bei uns wohnte, denn so waren wir beide nie allein.

Gemeinsam mit meiner zehn Jahre älteren Schwester kümmerte ich mich oft um sie und ging unserer Mutter zur Hand. Je älter ich wurde, je mehr Aufgaben konnte ich übernehmen.

So half ich meiner Großmutter hin und wieder beim Anziehen, wusch sie oder steckte ihren von mir geflochtenen Zopf zu einem Dutt. Manchmal schmierte ich ihre Brote, schnitt für sie kleine Häppchen und half ihr beim gemeinsamen Abendbrot.

Mein Vater hatte ein Zimmerklo aus Holz gebaut, welches mit einem Nachttopf ausgestattet war. Dieser musste natürlich nach jeder Benutzung gesäubert werden. Ich übernahm auch diese Aufgabe, doch manchmal fürchtete ich mich in der dunklen Jahreszeit über den unbeleuchteten Hof in das Bretterhäuschen zu gehen.

Bei der Körperpflege waren wir unserer Oma ebenfalls behilflich, denn allein hätte sie das nicht geschafft.

An manchen Tagen leistete ich ihr einfach nur Gesellschaft. Da sie später bettlägerig wurde und ihr Zustand sich weiterhin verschlechterte, musste sie gewindelt werden. Obwohl ich erst circa zwölf Jahre alt war, kümmerte ich mich auch darum.

Die Pflege der Großmutter verlangte besonders von meiner Mutter sehr viel Geduld und Anstrengung. Dennoch schien sie mir stets besonnen, an angespannte Situationen kann ich mich nicht erinnern.

Sie war sehr gewissenhaft und tat alles, um ihre eigene Mutter, so gut es ging, zu versorgen. Sie erfüllte ihre Aufgaben mit viel Opferbereitschaft und großer Kraftanspannung. Oft war sie sehr erschöpft, was sich später auch auf ihre Gesundheit auswirkte.

Ich besinne mich, dass ich nach einem Pioniernachmittag zu meiner Freundin auf den Bauernhof lief, um dort zu spielen. Noch immer trug ich meine Pionierbluse. Beim Spielen stürzte ich vom Pferdewagen, das Blut tropfte von meinem Hinterkopf auf die weiße Bluse.

Die anderen Kinder liefen mit mir gemeinsam völlig erschrocken zu meiner Oma. Zum Glück war sie immer daheim.

Da sich Oma nicht ohne Hilfe allein bewegen konnte, brachte ich ihr eine Schüssel mit Wasser und einen Lappen. Sie wusch die Wunde aus und sagte dann, ich könne weiterspielen. Als Mutter nach Hause kam und das angetrocknete Blut sah, war sie sehr besorgt. Wir fuhren ins Krankenhaus und die Wunde wurde genäht. Bis heute habe ich eine kahle Stelle und eine Narbe am Kopf.

Als Kind genoss ich es sehr, dass immer jemand zu Hause war.

Meine Mutter war nicht berufstätig. Ihr Tag war neben der Krankenpflege mit ausreichend häuslicher Arbeit ausgefüllt. Wir hatten einen Garten, in dem Obst und Gemüse angebaut wurden. Mit der Ernte begann das Einkochen der Früchte und es entstand ein guter Vorrat für den Winter.

Da Großmutter für uns Kinder immer zur Verfügung stand, spielte ich als Neunjährige mit ihr gern Karten oder wir erfreuten uns an Brettspielen wie Mensch ärgere dich nicht, Halma, Dame und Mühle.

Sie las mir gern Geschichten vor oder wir dachten uns eigene aus, was uns immer besonders viel Freude bereitete.

Sie sprach mit Vorliebe von früher und ich hörte ihren Worten voller Spannung zu.

Ich erinnere mich noch genau, wie ich mich bei ihr verkroch, wenn es draußen stürmte, blitzte und donnerte.

Großmutter, meine ältere Schwester und ich schliefen gemeinsam in einem Zimmer. Oft erzählte ich noch viel am Abend, weil ich eine kleine Quasselstrippe war. Meine Oma wollte mich aber irgendwann zur Ruhe bringen und oft sagte sie zu mir: „Dreh dich auf die linke Seite, wer zuerst eingeschlafen ist, der pfeift.“

Manchmal halfen Omas Worte tatsächlich. Noch heute muss ich darüber schmunzeln.

Als sich der Gesundheitszustand meiner Großmutter zusehends verschlechterte, war es uns nicht möglich, sie weiterhin zu Hause zu versorgen.

Zehn Jahre lang hatte sie bei uns gewohnt und nun musste sie die letzten Monate in einem Pflegeheim verbringen. Als Oma abgeholt wurde, bin ich heulend auf dem Fahrrad hinter dem Krankenwagen hergefahren.

Trotz dieser schweren und komplizierten Zeiten fiel bei uns zu Hause nie ein böses Wort. Es herrschte immer ein respektvoller Umgangston untereinander, auch im Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter. Freche Beschimpfungen und ordinäre Ausdrücke habe ich nie gehört.

Nachdem Oma von uns gegangen war, begann für meine Mutter als auch für mich ein neuer Lebensabschnitt.

Meine Schwester war inzwischen erwachsen, und Mutter hatte nun mehr Zeit, sich mir zu widmen und sich mit mir intensiver zu beschäftigen.

Im Sommer fuhren wir beide gern mit dem Fahrrad zum Schwimmbad. Dort hatten wir mit einigen anderen Müttern und Kindern einen Stammplatz, wo wir uns trafen.

Manchmal schwamm meine Mutter mit mir um die Wette und oft bewunderte sie meinen Kopfsprung vom Dreimeterbrett.

Wenn meine Mutter einmal nicht mit in die Badeanstalt kommen konnte, wurde sie von den anderen Frauen sehr vermisst. Sie war, wie bereits erwähnt, beliebt und immer gern gesehen.

Am Abend nach dem Essen spielten wir manchmal Federball oder wir gingen hinunter an den Fluss, um dort zu baden. Die Jeetze floss nicht weit von unserem Haus.

Natürlich musste ich auch in die Schule gehen. Es war für mich jedoch keine Belastung oder Anstrengung, Mutter musste mir nie helfen. Ich lernte gut und schnell, sodass ich immer recht zügig mit der Erledigung meiner Aufgaben vorankam. Sehr oft beeilte ich mich ganz bewusst, weil ich wusste, dass wir dann gemeinsam schöne Dinge unternehmen.

Dazu gehörte auch Hausmusik. Wir waren eine sehr musikalische Familie; wir sangen oft zusammen und viele verschiedene Instrumente begleiteten unsere kleinen Konzerte. Ich hatte eine eigene Ziehharmonika, die ich von einem Freund meiner Schwester geschenkt bekommen hatte. Meine Mutter, meine Schwester und ich lernten autodidaktisch darauf zu spielen.

Außerdem konnten beide auf der Mandoline musizieren.

Mein Vater beherrschte die Klarinette und die Geige auf wundervolle Art. Er besaß noch eine Querflöte und ein Horn aus dem Spielmannszug. Auf dem Horn zu blasen, war nicht einfach, dennoch gelang es mir, zwei Signale aus ihm hervorzulocken.

Die Mundharmonika war ein weiteres Instrument, auf dem wir fast alle Lieder zum Klingen brachten.

Ich habe diese Momente des Beisammenseins sehr geliebt.

Meine Eltern ermöglichten mir sogar, eine Musikschule zu besuchen.

Dort lernte ich, auf der Blockflöte und auf der Gitarre zu spielen.

Allerdings konnte mich die Gitarre nicht sonderlich begeistern.

Meine Mutter war eine vielseitig talentierte Frau und in jeder Hinsicht ein großes Vorbild für mich – bewusst oder unbewusst, das vermag ich nicht einzuschätzen. All ihr Engagement hat mich immer wieder beeindruckt.

Sie interessierte sich für schöne Kleider und ließ für sich und uns Kinder gute Garderobe schneidern. Auch wenn es Konfektionen von der Stange gab, so hatte Mutter doch immer ganz eigene Ideen.

Selbstgeschneidertes war eben etwas Besonderes und Individuelles zugleich. Sie hatte große Freude daran, mich mit Geschenken zu überraschen. Ich konnte mich immer so herzlich freuen, was ihr wiederum gefiel.

Mutter liebte Gesellschaften und lud hin und wieder Nachbarn und Freunde zu uns ein. Bei Unterhaltungen war sie sehr schlagfertig und humorvoll. Ich glaube, gerade das machte sie so liebenswert.

Manchmal kamen Cousins und Cousinen aus den umliegenden Dörfern zu Besuch. Sie gingen in der Stadt zur Berufsschule und übernachteten des Öfteren bei uns. Das Abendessen fand an einem großen Esstisch in der Stube statt.

Besonders gern mochte ich Milchsuppe mit Mehlklunkern. Häufig stand auch eine große Schüssel mit Bratkartoffeln auf dem Tisch, von der sich jeder bedienen konnte. Die Gäste fühlten sich bei uns einfach wohl und so wurden wir ebenfalls gern eingeladen. Zu meiner Freude durfte ich meine Mutter manchmal begleiten.

In meiner Jugend war Sexualität ein öffentliches Tabuthema. Zwischen mir und meiner Mutter gab es keinerlei Aufklärungsgespräche.

Sie äußerte sich nie diesbezüglich; es fiel kein Wort über Sexualität oder Liebesbeziehungen. Doch so erging es den meisten heranwachsenden Jugendlichen. Zärtlichkeiten zwischen den Eltern wurden nie im Beisein der Kinder ausgetauscht.

Folglich erzählte ich auch nichts von meiner ersten Liebe. Meine Angst vor dem ersten Kuss war groß. Ich nahm immer an, dass man erst mit einem Mann schläft, wenn der Wunsch nach einem Kind besteht.

Bereits mit 14 Jahren lernte ich meinen späteren Ehemann kennen.

Meine Mutter erlaubte nicht, dass wir uns vor der Haustür trafen. Sie holte uns immer in die Wohnung herein. Die Nachbarn sollten uns nicht sehen und wahrscheinlich wollte sie uns auch unter Kontrolle haben.

Mit 19 wurde ich schwanger. Natürlich musste geheiratet werden.

Unverheiratete Frauen, die ein Kind erwarten, wurden von der Gesellschaft nicht akzeptiert.

Glücklicherweise bekamen wir recht schnell eine eigene Wohnung.

Als unsere Tochter zur Welt kam, war meine Mutter sehr glücklich, denn sie hatte bereits vier Enkelsöhne.

In dieser Zeit blieb unser Verhältnis weiterhin intensiv. Mütter erhielten in der damaligen Zeit nur vier Wochen vor und sechs Wochen nach der Geburt des Kindes Mutterschutz.

So unterstützte mich meine Mama bei der Betreuung meiner Tochter.

Ich brachte die Kleine morgens zu ihr und fuhr in der Mittagspause mit dem Fahrrad zum Essen zu ihnen. Ich stillte meine Tochter, was damals nicht selbstverständlich war, versorgte sie mit einer frischen Windel und fuhr dann wieder auf die Arbeit zurück.

Meine Mutter besaß einen Schlüssel zu unserer Wohnung, wo sie unangemeldet ein- und ausgehen konnte. So brachte sie mir meine Tochter zum Feierabend manchmal direkt nach Hause.

Bedingt durch den Beruf meines Mannes zogen wir 1971 nach Halberstadt. Meine Mutter litt sehr unter dieser Trennung. Glücklicherweise besaßen wir einen PKW und die Entfernung von circa 145 Kilometern stellte kein großes Problem dar. Wir fuhren sehr häufig nach Hause zu meinen Eltern. Da sie ebenfalls ein Auto hatten, besuchten auch sie uns regelmäßig.

Wir reisten gern zusammen in den Harz oder nach Wernigerode, eine Stadt, die meine Mutter sehr liebte, wohl auch wegen des Wiener Cafés, wo sie gern einkehrte.

Die gute Beziehung zu meiner Mutter blieb trotz der räumlichen Entfernung erhalten.

Unsere Tochter wurde eingeschult, als ich im fünften Monat mit unserem Sohn schwanger war.

Nach seiner Geburt blieb ich acht Monate zu Hause und genoss die Nähe der Kinder. Meine Tochter musste in dieser Zeit nicht in den Hort gehen und ich konnte mich um die beiden kümmern.

Später fanden wir eine liebevolle Kinderfrau zur Betreuung unseres Sohnes und ich konnte wieder halbtags arbeiten gehen.

Leider wurde meine Mutter bald sehr krank. Sie litt stark an Rheuma, hatte dicke Hand- und Fingergelenke und bekam obendrein noch Diabetes.

Doch dabei blieb es nicht. Irgendwann habe ich Blut in ihrer Unterwäsche entdeckt. Ich sprach sie sofort darauf an, aber sie tat es mit der Bemerkung ab, das käme von den Hämorrhoiden.

Sie begab sich zum Arzt und erhielt umgehend eine Überweisung ins Krankenhaus.

Eine Episode möchte ich in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen. Mein Mann und ich besuchten meine Mutter in der Medizinischen Akademie auf der Beobachtungsstation und hatten unseren zweieinhalb jährigen Sohn unter der Jacke hineingeschmuggelt.

Wir hatten wenig Hoffnung, dass meine Mutter wieder nach Hause kommt und so sollte sie ihren kleinen Enkelsohn noch einmal sehen.

Abwechselnd spielten mein Mann und ich mit dem Kleinen vor der Tür, bis die Oberärztin sagte, gehen Sie ruhig mit ihm hinein. So konnten wir ganz offiziell in Familie zu meiner Mutter ans Krankenbett.

Leider erhielten wir die traurige Mitteilung, dass die Ursache ihrer Erkrankung Krebs im fortgeschrittenen Stadium war. Eine Operation kam nicht mehr infrage und nach mehreren wochenlangen Krankenhausaufenthalten wurde sie entlassen. Mutter war wieder in ihrem Haus.

Mein Vater und meine Schwester versorgten sie, so gut sie konnten.

Auch ich beantragte immer häufiger unbezahlte Freizeit, um bei ihr zu sein und um meinen Vater und meine Schwester zu entlasten.

Meine berufstätige Schwester wohnte mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in der Nähe unseres Elternhauses.

Der Gesundheitszustand meiner Mutter verschlechterte sich rapide.

Im Februar wurde der Krebs entdeckt und im Oktober desselben Jahres verstarb sie mit 61 Jahren. Ich war damals gerade 28 Jahre alt.

Ich denke, dass gerade diese schwierige und traurige Zeit mich sehr ermutigte und mich in meiner persönlichen Entwicklung stärkte.

Meine Mutter hatte diese Krankheit so tapfer ertragen und durchgestanden, dass ich spätestens zu diesem Punkt realisierte, was für eine tolle Frau sie war.

Bis heute ist sie mir ein großes Vorbild geblieben. Immer wieder hatte ich ihren Mut und ihre Genügsamkeit reflektiert.

In diesem Moment hatte ich mir vorgenommen, sollte ich in eine ähnliche Situation kommen, möchte ich genauso tapfer und stark wie sie sein.

Ich hatte mir ebenso vorgenommen, für meine Kinder eine liebevolle, tolerante und verständnisvolle Mutter zu sein, wollte mit ihnen Abenteuer erleben, sie aber gleichzeitig auch zu lebenstüchtigen Menschen erziehen.

Meine Tochter hatte eine hohe Auffassungsgabe und benötigte während der Schulzeit kaum meine Unterstützung.

Auf der Suche nach Talenten in ihrer Schule nahm sie an verschiedenen Tests teil und wurde als musikalisch begabt eingeschätzt. So lernte sie ab der zweiten Klasse in der Musikschule Geige zu spielen, was ihr sehr viel Disziplin abverlangte.

Es fiel mir nicht leicht, immer konsequent mit ihr zu sein. Ich verfügte wohl nicht über die Strenge, welche ich manchmal durch meine eigene Mutter erfahren hatte. Trotzdem übte unsere Tochter fleißig und engagiert.

Jahre später bedankte sie sich wiederholt für diese große Chance, denn sie erlebte wunderbare Jahre mit ihrem Schulorchester.

Als unsere Familie Mitte der 70er-Jahre nach Berlin zog, konnte sie ihre Freude an der Musik in einem Jugendorchester fortsetzen. Diese Möglichkeit erleichterte ihr gleichzeitig einen guten Einstieg in das neue Umfeld. Später spielte sie sogar in einer irischen Volksmusikgruppe.

Wir lebten in einer sehr kleinen Wohnung in Berlin. Die Bedingungen waren nicht ganz leicht, aber wir arrangierten uns gemeinsam als vierköpfige Familie.

Nach langen Überlegungen und intensiver familiärer Beratung nahmen mein Mann und ich das Angebot für einen Auslandseinsatz an.

Mein Mann wurde im Rahmen der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit (WTZ) der DDR mit Entwicklungsländern als Berater in der Bank von Mozambique eingesetzt. Ich begleitete lediglich meinen Mann. Da ich keinen Sprachkurs erhielt, bekam ich auch keine Anstellung vor Ort.

Der Einsatz bedeutete allerdings, dass unser sieben-jähriger Sohn mitreisen durfte, unsere Tochter aber in einem Internat bleiben musste.

Obwohl wir schon monatelang auf das Startzeichen für unsere Abreise gewartet hatten, kam der ersehnte Augenblick dann doch sehr plötzlich.

Der Abschied von unserer Tochter war schmerzlich, mein Mutterherz weinte sehr.

Bis zur Lautsprecherdurchsage: „… das Flugzeug wird in wenigen Minuten landen“, hingen meine Gedanken nur bei ihr. Ich hatte das Gefühl, mir hätte jemand einen Arm abgerissen.“

Aus heutiger Sicht weiß ich, dass diese Entscheidung mein Leben und das Verhältnis zu meiner Tochter drastisch beeinträchtigt hat.

Meine Mutter als auch mein Vater sind mir bis heute sehr nahe geblieben. Je älter ich werde, je intensiver sind die Erinnerungen an meine Eltern. Auf die Frage: „Was hattest du für eine Kindheit?“,

antworte ich ohne Zögern: „Ich erlebte eine sehr schöne Zeit“.

Lisa

Die Stärke im Licht reflektiert die Gedanken in der Dunkelheit.

Ich heiße Lisa und bin 17 Jahre jung. Meine Mutter ist heute 41 Jahre alt. Es fällt mir sehr schwer, meine Mutter mit wenigen Adjektiven zu beschreiben. Für mich ist sie sehr mächtig, dabei hat sie keine Macht im eigentlichen Sinne. Sie hatte einfach immer die Macht über mich und ich hatte Angst vor ihr. Sie betrachtete alles, was sie tat, als richtig. War jemand anderer Meinung, befürchtete sie eine Verschwörung. Hinter allem vermutete sie das Böse und projizierte ihre verschobenen Ansichten auf Personen, die mir nahestanden, wie beispielsweise meine Oma oder mein Papa.

Rückblickend kenne ich meine Mutter in der Regel als arbeitslos. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich vier Jahre alt war. So lebte ich mit ihr und meinem jüngeren Bruder zusammen. Wir verfügten nie über ausreichend Geld, oft reichte es nicht einmal für das Nötigste.

Als Kind kann man noch nicht wirklich differenzieren, was gut oder schlecht für einen selbst ist. Während meiner Grundschulzeit hatte ich allerdings bemerkt, dass etwas nicht richtig lief. So ist meine Klassenlehrerin häufig mit mir vor der Stunde ins Sekretariat gegangen und hat mir die Haare gekämmt, und hin und wieder habe ich Kekse von ihr erhalten.

Des Weiteren erinnere ich mich daran, dass meine Tante meinem Cousin extra mehr Essen mitgab, um mir etwas davon abzugeben.

Aufgrund mangelnder Hygiene habe ich sowohl am Körper als auch aus dem Mund gestunken. Schnell bemerkten das meine Mitschüler und ich wurde „das Mädchen, welches aus dem Mund nach Hund stinkt“. Infolge meines dreckigen Äußeren wurde ich von anderen Kindern gemobbt.

Meine Mitschüler haben über mich gelästert, mich beleidigt und mich sehr oft aus ihrem Kreis ausgeschlossen. Freunde fand ich lediglich in einer jüngeren Klassenstufe.

Meine Mutter hat uns nie gezeigt oder erklärt, wie man sich die Zähne putzt und dass wir uns regelmäßig waschen müssen. Sie hat nie in Betracht gezogen, dass wir Hunger haben könnten. Der Kühlschrank blieb meist leer und ihre Antwort lautete immer, sie hätte eben kein Geld. Auch für Kleidung reichten wohl die Finanzen nicht.

Meine Tante gab mir die abgetragenen Sachen meiner Cousine, damit ich wenigstens etwas zum Anziehen hatte. Meine Mutter hat es nie gekümmert, wie wir herumliefen. Sie beschäftigte sich viel lieber mit ihren Tieren. Wir hatten auf dem Hof zwei Pferde, drei Katzen und zwei Hunde und später kamen noch vier Kühe und auch Hasen hinzu.

Doch um ehrlich zu sein, war das nicht das Schlimmste. Über all diese fehlenden materiellen Dinge kann man hinwegsehen, solange es jemanden gibt, der sich um einen kümmert, solange man Zuneigung, Liebe und Geborgenheit erfährt, solange man weiß, dass Mama immer diejenige ist, der man vertrauen kann und die einen bedingungslos unterstützt. Sie hat all das für mich jedoch nie verkörpert. Ich will ihr nicht unterstellen, dass sie mich nicht geliebt hat oder es immer noch tut, aber sie hat es mir nie gezeigt. Immer wieder wurde gesagt: „Wenn du das jemandem erzählst …“. Sie hat diesen Satz nie beendet, aber es hat gereicht, um mich einzuschüchtern.

Und nicht nur das. Ich hatte einfach riesige Angst vor ihr. Sie hat kontinuierlich einen starken emotionalen Druck auf mich ausgeübt, sodass es Tage und Nächte gab, in denen ich viel geweint habe. Andere Male war ich einfach nur still und habe versucht, nichts Falsches ihr gegenüber zu äußern. So sagte ich nur, was sie hören wollte, um jeglichen Konflikt oder Ärger zu vermeiden. Ich entschuldigte mich für alles, sogar dann, wenn ich mir keiner Schuld bewusst war. Teilweise übernahm ich dieses scheinbare Schuldgefühl auch für meinen Bruder, einfach nur, damit er nicht darunter leidet. Ich bin die Ältere von uns Geschwistern und wir hatten immer nur uns. Einige Male wurde meine Mutter nicht nur psychisch, sondern auch physisch gewalttätig. Für Vergehen, die wir teils nicht zuordnen konnten, mussten wir uns mit dem Bauch über ihre Knie legen und sie versohlte uns den Hintern. Und obwohl wir weinten und sogar schrien, hörte sie nicht auf, uns zu schlagen.

Ich kann mich an eine Situation erinnern, in der die Katze von der Heizung fiel und mit den Krallen in einem darauf befestigten Gitter hängen blieb. Rein zufällig stand ich daneben und war als kleines Mädchen mit der Situation total überfordert. Ich wollte die Katze dort herunternehmen, hatte aber Angst, dass sie mich mit den Krallen verletzt. Genau in dem Moment kam meine Mutter und half zuerst der Katze, bevor sie mir dann mit voller Wucht ins Gesicht schlug. Bis heute weiß ich nicht, warum.

Oft habe ich mich nicht wie eine Tochter, sondern eher wie eine Mutter gefühlt. Ich habe mit zunehmendem Alter immer mehr Aufgaben im Haushalt übernommen. So putzte ich und bereitete irgendwie etwas Essbares für uns zu. Meistens hat Oma uns Essen gekocht oder sie hat etwas für uns gekauft. Sie wohnte nur zwei Häuser weiter und konnte uns Kindern somit helfen und uns hin und wieder zur Seite stehen. Meine Mutter hasste sie und hat uns den Kontakt teilweise verboten beziehungsweise stark eingeschränkt.

Oma hat dann später auch unsere Wäsche gewaschen. Zu Hause bei meiner Mutter musste ich jedoch die Erwachsene sein. Ich habe mit meinem Bruder die Hausaufgaben für die Schule erledigt und mit ihm gelernt. Wir haben gemeinsam gespielt, gegessen und eigentlich unabhängig von unserer Mutter gelebt.

Leider war das noch nicht alles. Meine Mutter war nie da. Ich weiß nicht, wo sie war, aber sie war nicht bei uns. Wir waren immer allein.

Das war auch einer der Hauptgründe, der es uns erlaubte, Oma und Opa regelmäßig zu sehen, denn beide haben sich häufig um uns gekümmert. Einmal hatte meine Mutter wieder einen neuen Mann, der mit dem LKW sehr lange Strecken fahren musste. Sie war mit ihm 14 Tage unterwegs und hat uns, ihre Kinder, mit zwei Dosen Essen, ohne Geld oder sonst irgendetwas allein zu Hause zurückgelassen.

Und ehrlich gesagt, gehört diese Zeit zu den besten zwei Wochen meines Lebens. Ich konnte somit immer zu Oma und Opa gehen.

Wir haben dort geschlafen, gut gegessen, wir haben uns gewaschen und erfuhren sehr viel Liebe.

Ich kann wahrhaftig nicht behaupten, dass ich mich als richtige Tochter fühle oder mich gar als Tochter betrachte. Meine Mutter war auch nicht die Person, welche man als Mutter bezeichnen würde. Sie hatte eigentlich nur eine einzige Erwartung an mich: Ich musste ihr gehorchen. Solange ich das tat, hat sie mich nicht weiter gequält. Dabei war die gesamte Situation selbst schon unerträglich für mich. Sie hat auch nie von uns erwartet, dass wir gut in der Schule sind oder dass wir überhaupt in die Schule gehen. Ich hatte sogar das Gefühl, dass sie das gar nicht wollte. Vielleicht lag es auch daran, dass sie selbst keinen Schulabschluss hat und unsere Hilfe schon für einfache Subtraktionsaufgaben benötigte.

So durfte ich nach der vierten Klasse auch nicht auf das Gymnasium, weil da angeblich schwarze Männer herumlaufen würden.

Erst dachte ich, sie meinte Männer, die schwarze Kapuzenpullover trugen, jedoch bezog sie sich auf Männer mit dunkler Hautfarbe.

Also ging ich auf eine Sekundarschule.

Trotz allem gab es für mich auch einige schöne Momente mit ihr, die mir besonders viel bedeutet haben. Ich war natürlich auch ein Kind, welches grundsätzlich an seine Mutter glaubt und folglich ihr Verhalten erst einmal als das richtige annimmt. Ich habe sie geliebt.

So kann ich mich noch an einen außerordentlichen Augenblick im Spätsommer erinnern. Ich trug ein schwarzes Kleid, welches mit roten Rosen bedruckt war. Es war ein verregneter Tag und es hat wie aus Eimern geschüttet. Meine Mutter und ich haben uns die Gummistiefel angezogen, wir sind hinausgelaufen und sind gemeinsam einfach in den Pfützen herumgesprungen. Wenn ich jetzt daran denke, kommen mir die Tränen. Solche Momente wird es nie mehr geben.

Doch dann gab es einen ganz entscheidenden Wendepunkt in meiner Geschichte und der Beziehung zu meiner Mutter. Ich muss ungefähr in der siebenten Klasse gewesen sein. Ich sprach über all das, was mich so sehr beschäftigte, zum ersten Mal mit einer Freundin.

Wir saßen im Bus und sie erklärte mir, dass ich endlich mit meinem Papa über meine Situation sprechen solle. Mein Papa lebte nicht bei uns. Wenn wir ihn besuchten, bekam er unser Erscheinungsbild aber natürlich mit. Über meine seelische Belastung wusste er jedoch nichts, da ich nie etwas darüber erzählte, so wie es mir stets befohlen worden war. Papa hat natürlich immer versucht, uns zu helfen, konnte aber anscheinend nicht wirklich viel ausrichten, das ist allerdings ein anderes Thema. Letztendlich redete ich mit ihm und wir fällten beide eine Entscheidung: Ich solle zu ihm ziehen.

Meiner Mutter habe ich diese Neuigkeit erst nach Silvester mitgeteilt, denn ich hatte in der Tat große Angst. Ich schaffte es kaum, ein ordentliches Wort hervorzubringen. Innerlich war ich auf alles eingestellt, auch darauf, dass sie weint und traurig ist. Ebenso war ich auf einen Wutausbruch und Schläge vorbereitet. Drei Tage lang erhielt ich keine Reaktion von ihr. Aber was wirklich geschah, hatte ich so keineswegs erwartet.

Meine Mutter hat mich ausgelacht. Sie hat einfach nur gelacht und nicht geglaubt, dass ich es ernst meine. Auch nachdem ich ihr meine Beweggründe erklärt hatte, lachte sie. Bereits ein halbes Jahr zuvor hatte ich begonnen, diesen Schritt für mich vorzubereiten.

Ich war unglaublich überfordert. Ich habe meine Mutter verloren und sie hat nur darüber gelacht. Bis heute habe ich keine Erklärung dafür. Einige Tage später hat sie mich rausgeworfen. An diesem Tag habe ich meine Sachen gepackt, um zu meiner Oma zu gehen, da mein Papa mich erst am Tag darauf abholen konnte. Doch das erlaubte mir meine Mutter nicht. Deshalb verbrachte ich die folgende Nacht noch in ihrer Wohnung, bevor mich mein Papa am nächsten Tag abholte und mich zu sich nahm. Mein Bruder blieb jedoch bei ihr.

Ich war voller Vorfreude, hatte aber gleichzeitig auch Angst. Es ging alles sehr schnell und wieder fühlte ich mich völlig überfordert. Seitdem wohne ich bei ihm.

Mein Papa ging vor Gericht und beantragte das Aufenthaltsbestimmungsrecht für mich, um den Umzug offiziell zu machen. Dabei wurde auch ich vernommen. Die Richterin war sich nach meiner Aussage in ihrer Entscheidung schnell sicher und stimmte dem Antrag zu.

Meine Mutter erfuhr über diese Entscheidung zu Beginn des Prozesses. Sie wurde gebeten, dem Antrag ebenfalls zuzustimmen. Sie weigerte sich jedoch.

Dennoch durfte ich bei meinem Papa wohnen.

Ich sollte noch erwähnen, dass es zuvor bereits einige Versuche von offizieller Stelle gegeben hatte, etwas an unserer Situation zu ändern.

So hatten wir zweimal Besuch vom Jugendamt. Angeblich, so sagte mir meine Mutter, würden die Vertreter des Jugendamtes ihr Kind so nicht aufwachsen lassen, aber es läge keine Kindeswohlgefährdung vor. Als meine Mutter erfuhr, dass der zweite Besuch von mir arrangiert worden war (eigentlich anonym), hat sie mich genommen und ist mit mir in die Salus, also in die Psychiatrie gefahren. Dort haben die Ärzte mich unter anderem gefragt, ob ich mich umbringen wolle.

Am Ende sind sie zu der Feststellung gekommen, dass mir nichts fehlt, außer einer Mutter.

Es folgten keine weiteren Gespräche und auch keine anderweitige Hilfe.

Heute, mit 17 Jahren, fehlt mir meine Mutter natürlich sehr. Ich vermisse sie nicht unbedingt als Person, sondern ich vermisse eine Mutter. Mir fehlt eine Frau, die täglich für mich da ist, die mit mir spricht, mit mir einkaufen fährt, mit mir zum Friseur geht oder mir in Liebesdingen einfach zur Seite steht. Mir fehlt eine Mutter, der ich meinen Freund vorstellen kann, die irgendwann mit mir ein Brautkleid aussuchen wird und sich liebevoll um meine Kinder kümmert, wenn ich einmal Unterstützung benötige. Ich weiß, dass ich diese Mutter nicht haben werde. Inzwischen weiß ich aber auch, dass Eltern nicht alles im Leben sind. Es gibt so viele andere liebevolle Menschen, die helfen können und mir wirklich Beistand leisten.

Glücklicherweise ist mir noch meine Oma geblieben.

Sie heiratete meinen Opa mütterlicherseits erst nach der Geburt meiner Mutter. Das bedeutet, dass sie ihre Stiefmutter ist. Ich habe meine Oma schon immer bei mir gehabt und ich kann getrost sagen, sie ist zu meiner Ersatzmutter geworden. Sie ist diejenige, die alles für uns getan hat, all das, wozu meine leibliche Mutter nicht bereit war. Mein Opa schlug mir vor, erst einmal zu ihnen zu ziehen, doch allein die örtliche Nähe zu meiner Mutter machte dies unmöglich für mich. Ich wollte einen Neuanfang. Ich wollte keineswegs meiner Mutter die Chance geben, mich in einem Wutanfall aus dem Haus meiner Großeltern zu reißen, um mir das Leben weiterhin schwer zu machen.

Außerdem gibt es da noch meine Tante, die mich ebenfalls in sehr vielen Dingen unterstützt. Leider wohnen sowohl meine Oma als auch meine Tante recht weit von uns entfernt, sodass ich sie nur alle zwei bis drei Wochen besuchen kann.

Meine Situation hat sich durch den Umzug leider nicht wesentlich verbessert. Ich habe ein sehr schwieriges Verhältnis zu der neuen Frau meines Vaters. Sie redet nicht mehr mit mir, sie wäscht meine Wäsche nicht und ich bekomme nichts von ihrem Essen. Das klingt nicht nur seltsam, das ist es auch.

Es gab eine Zeit zu Beginn, in der sie mit mir gesprochen hat. Da habe ich auch noch mit der Familie am Tisch essen dürfen und generell Essen bekommen. Ich durfte auch mit ihnen in den Urlaub fahren, was nun nicht mehr der Fall ist.

Man muss sich die Situation folgendermaßen vorstellen: Sie wäscht die Wäsche für alle, für sich, ihren Sohn und meinen Vater.

Doch aus irgendeinem, mir unbekannten Grund findet sie meine Wäsche abstoßend, weshalb sie diese eben auch nicht wäscht. Die Waschmaschine darf niemand außer ihr benutzen. Alle zwei Wochen übernimmt das dann meine Oma oder meine Tante für mich. Papas neue Frau geht auch für die Familie einkaufen, zu der nur mein Halbbruder, mein Vater und sie gehören - ich nicht. So besorge ich mir entweder selbst etwas zum Essen oder Papa fährt mit mir einkaufen, um ausschließlich mich mit Nahrung zu versorgen. Dieses Essen lagere ich dann in meinem Zimmer, da ich auch den Kühlschrank nicht benutzen darf. Mein Papa unternimmt leider nichts dagegen.

Er meint, dass er sich diese Frau nun einmal ausgesucht habe und mit ihr alt werden möchte. Ich verstehe das alles nicht und möchte ausziehen, um mir einen eigenen Kühlschrank und eine eigene Waschmaschine zu kaufen und natürlich, um diese Frau loszuwerden.

Was ich sagen will, ist, dass meine Oma für mich nach wie vor die wichtigste Bezugsperson in meinem Leben ist. Bei ihr mangelt es mir an nichts. Sie ist immer für mich da und schenkt mir all die Liebe, die ein Kind benötigt.

Die Konsequenzen und die Auswirkungen meiner Kindheit sind fließend in meinem Alltag integriert. Ich bin emotional sehr instabil und weine sehr oft. Dabei bin ich nicht immer traurig. Ich weine, wenn ich wütend, traurig oder auch sehr fröhlich bin. Wahrscheinlich fühle ich mich dann einfach emotional überfordert. Das Problem ist, dass diese Gefühlsausbrüche jederzeit passieren können. Mein Berater von Pro Familia nennt sie Auslösemomente.

Ich erlebe beispielsweise in der Straßenbahn eine Situation, wie eine Mutter ihrem Kind aus einem Buch vorliest und dann kommen mir plötzlich die Tränen. Ich muss einfach weinen.

Ganz schlimm ist es auch, wenn ich mit der Familie meines Freundes zusammen etwas unternehme. Anfangs fiel es mir schwer, mich vor allem mit seiner Mutter zu unterhalten. Besonders zu Frauen in dem Alter meiner Mutter kann ich nur sehr schwer eine Beziehung aufbauen (so auch leider nicht mit der Frau meines Vaters). Doch die Mutter meines Freundes ist sehr lieb zu mir und so wurde ich nach und nach immer mehr integriert, sodass sie mich schon als ihr drittes Kind betrachtet. Ich habe zu seiner Familie ein sehr gutes Verhältnis.

Diese Tatsache, all die Liebe und diese neue Familie machen mich so glücklich, dass ich vor Freude nahezu platzen könnte.

Doch immer, wenn mir solche positiven Gedanken widerfahren, muss ich an meine eigene Familie denken und an all das, was eben mit meiner biologischen Mutter nicht funktionierte. Ich empfinde manchmal so großen Schmerz, dass ich am liebsten schreien möchte.

Ich verstehe einfach nicht, wie man ein hilfloses Kind so im Stich lassen kann. Ich fühle mich ratlos und ungeliebt, allerdings nicht von allen Menschen.

Dennoch fehlen mir die Liebe und die Geborgenheit meiner Eltern.

Ich kämpfe immer noch jeden Tag um Essen, um saubere Wäsche und um Geborgenheit. Immer wieder habe ich das Gefühl, ich muss alles festhalten, was mir guttut, und deshalb bin ich sehr anhänglich gegenüber Menschen, die ich in mein Herz gelassen habe, wohingegen Fremde es bei mir eher schwer haben. Ich habe Angst, die Menschen, die ich liebe, zu verlieren, und ich weiß nicht, wie weit ich diesen Verlust ertragen beziehungsweise solche Ereignisse bewältigen kann. Diese Gedanken machen mich täglich sehr traurig und sie geben mir ein Gefühl der Ohnmacht.

Ich möchte einfach nur noch raus und mein eigenes Leben gestalten.

Natürlich ist mir vollkommen bewusst, dass ich meine Vergangenheit nicht hinter mir lassen kann, denn sie wird immer ein Teil von mir sein.

Und genauso gehört auch mein Bruder zu mir, doch wir haben keine Verbindung. Vielleicht hat er sich bei meinem Auszug im Stich gelassen gefühlt. Das könnte ich sogar sehr gut verstehen. Er war noch recht jung und wollte bei unserer Mutter bleiben. Dadurch kann ich keinen Kontakt zu ihm ertragen, denn das fühlt sich gleichsam an, als hätte ich Kontakt zu meiner Mutter.

Vielleicht hilft mir der notwendige Abstand zur Vergangenheit über die Zeit, alles aufzuarbeiten und auch meinen Bruder wieder in meinem Leben zuzulassen.

Mein großes Ziel ist es, einfach nur glücklich zu sein.

Das geht natürlich nicht sofort und wird nicht innerhalb weniger Momente geschehen, aber ich möchte für die Zukunft ein inneres Gefühl von Glück und Zufriedenheit erreichen. Ich möchte den Tag mit einem fröhlichen Lachen begrüßen können und mich von den täglichen Tränen verabschieden.

Und eines Tages möchte ich meinen Kindern eine gute Mutter sein, ganz anders, als ich es selbst als Kind erfahren musste.

Johanna

Lebensfreude ist wahre Kunst, wenn sie ein Leben lang anhält, auch wenn es gebrechliche Tage gibt.

Ich heiße Johanna und bin 55 Jahre alt. Meine Mutter ist 77 und hat mich im jungen Alter von 22 Jahren auf die Welt gebracht.

Spontan würde ich sie wie folgt beschreiben: Sie ist eine herzliche Frau, mitunter sehr rechthaberisch und manchmal sogar schnell eingeschnappt.

Heute ist sie nicht mehr so lebenslustig wie früher, aber noch immer bemuttert sie mich gern.

Um ehrlich zu sein, habe ich mich mit dem Thema „Töchter und Mütter“ nie zuvor so intensiv beschäftigt wie jetzt, wo ich mich bewusst auf die Beziehung zu meiner Mutter konzentriere.

So bin ich sehr glücklich und dankbar, dass ich auf dieser Welt bin.

Mir geht es gut, ich bin mit mir im Reinen und fühle mich heute nicht mehr überlastet bezüglich meiner eigenen Rolle als Mutter.

Inzwischen genieße ich das Muttersein sogar sehr. Meine Tochter ist bereits 23 Jahre alt.

Betrachte ich rückblickend das Zusammenleben mit meiner eigenen Mutter, dann war und bin ich wohl immer noch etwas überfordert.

Es ist sehr schwierig und kompliziert, mit ihr ins Gespräch zu kommen beziehungsweise sich konstruktiv mit ihr zu unterhalten.

Sie ist sehr in ihrer eigenen Meinung gefestigt und kaum bereit, eine andere Auffassung zu akzeptieren. Bemerkt meine Mutter, dass ein Gespräch nicht ihrer Ansicht entspricht, wendet sie sich schnell ab und beendet die Unterhaltung. Das ist äußerst schwierig für mich, weil ich natürlich nicht möchte, dass die Situation eskaliert. Also bin ich froh, wenn das Thema schließlich sein Ende nimmt. In solchen Streitsituationen oder festgefahrenen Diskussionen freue ich mich immer, wenn ich nach Hause fahren kann, wissend, es gibt wieder neue und bessere Momente.

Ich würde mir sehr wünschen, dass sie auch Meinungen und Gedanken anderer Menschen akzeptieren und deren Stärke erkennen könnte.

Trotzdem würde ich meine Mutter als herzensgute Frau bezeichnen, die es immer jedem recht machen möchte. Sicherlich ist das durchaus schön, aber viel zu oft vergisst sie sich selbst dabei.

Ich habe das Gefühl, dass ich diese Eigenschaft von ihr übernommen habe.

Meine Mutter ist mir eine gute Freundin, weil ich ihr zu einhundert Prozent vertraue. Ich kann ihr all meine Sorgen und Bedenken mitteilen und ich weiß, sie sind gut bei ihr aufgehoben. Mir ist es sehr wichtig, ein schönes und vertrautes Verhältnis zu meiner Mutter zu haben.

Unser Kontakt ist sehr eng. Wir schreiben uns täglich kleine Nachrichten oder telefonieren so oft wie möglich. Da zwischen unseren Wohnorten eine größere Entfernung liegt, können wir uns nicht regelmäßig besuchen. Hin und wieder fahre ich zu ihr und manchmal besucht mich meine Mutter in meiner Wohnung. Seit ich einen neuen Partner habe, genießt sie die gemeinsamen Treffen bei mir sehr.

Das sah in der Vergangenheit ganz anders aus, denn sie konnte mit meinem Ex-Mann nicht wirklich umgehen, weil sie wusste, dass er sie nicht besonders mochte. Glücklicherweise hat sich das nun zum Positiven verändert.

Meine Mutter hat früh geheiratet und recht bald Kinder bekommen.

Wir wurden sehr streng erzogen und ich erinnere mich an manche Situationen, als ich das gekochte Essen zum Abendbrot nicht essen wollte. Infolgedessen musste ich auf mein Zimmer gehen und die Tür schließen. Ich bekam auch später nichts zu essen und musste bis zum Frühstück am nächsten Morgen warten.

Manchmal bekam ich sogar Hiebe mit dem Teppichklopfer. Was ich damals angestellt hatte, weiß ich heute nicht mehr. Immerhin existieren dazu einige Anekdoten, wie die folgende.

Nach einem scheinbar falschen Verhalten schnappte sich meine Mutter den Teppichklopfer und jagte mich durch die Wohnung. Ich war jedoch immer schneller als sie und verschanzte mich so schnell wie möglich in meinem Zimmer und spürte so eine gewisse Sicherheit.

Das erheiterte mich natürlich sehr.

Es kam auch vor, dass mich meine Mutter ausschloss, weil sie den Schlüssel von innen stecken ließ und ich somit die Tür nicht öffnen konnte.

Als ich 15 Jahre alt war, verbrachte ich einmal die Zeit auf der Treppe vor unserer Wohnung. Besonders amüsant war dies jedoch nicht, als ich eines Morgens gegen fünf Uhr von einem Fest kam.