Mutterkorn - Rosemarie Mehrle - E-Book

Mutterkorn E-Book

Rosemarie Mehrle

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Beschreibung

Ein überwinternder Pilz, der sich in den Ähren, vor allem des Roggens, anstelle eines Kornes bildet, im Winter ausfällt und sich im nächsten Frühjahr als pulvriger Keim auf den jungen Fruchtknoten des Getreides ansiedelt und es verdirbt. Der Genuss von Erzeugnissen aus Mehl von mutterkornhaltigem Getreide verursacht schwere Vergiftungen. Wie der Pilz die Ähren des vollen Roggens zerstört, griffen die schicksalhaften Ereignisse der dramatischen Jahre um den Ersten und Zweiten Weltkrieg immer wieder in das Leben der in den ertragreichen Mühlen von Wolfstein und Hochspeyer lebenden Protagonisten ein. Die Mühlen, früher Zuflucht und Heimat für sie und die Menschen ihrer Umgebung auch in Zeiten der Not, verloren im Wandel der Zeit an Bedeutung, fielen dem Untergang anheim, so wie das Korn, das vom Gift des Pilzes befallen ist.

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Seitenzahl: 628

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wir werden zurückkehren wie der Rauch und uns an den Händen halten, wir, die von gestern in denen von heute, so, wie die Brunnen in die Brunnen fließen.

(Inschrift auf einem Gedenkstein in Temesburg, Rumänien, errichtet für die Studenten, umgekommen bei der Revolution)

Inhaltsverzeichnis

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Teil 2

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Teil 3

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Epilog

Teil 1

Zeitenwenden

Kapitel 1

Glatt wie ein Spiegel ruhte der Waginger See im Licht des vollen Mondes, der mit unzähligen Sternen übersäte Himmel verlieh der ruhigen Wasserfläche ein unwirkliches Aussehen.

Seit Wochen schon legte Franz die Strecke zum anderen Ufer Nacht für Nacht zurück und auch heute zog er erst in den frühen Morgenstunden sein Boot wieder unter den dichten Weidebüschen am Uferrand hervor, die es vor neugierigen Blicken schützten.

Doch heute war alles anders als in den Nächten der vergangenen Tage. Der eisige Schreck, der ihn durchfahren hatte, als Lore ihm offenbarte, dass die heißen Nächte des langen Sommers, den sie zusammen verbracht hatten, nicht ohne Folgen bleiben würden, lähmte noch immer seine Glieder und sein Gehirn war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

Lore, eine schöne rothaarige junge Frau, diente seit ein paar Monaten auf dem stattlichen Hof eines kürzlich verwitweten Bauern. Ihre leise, angenehme Stimme, ihr lasziver, wiegender Gang und der intensive Blick ihrer strahlendgrünen Augen weckten in manchem der Männer des kleinen Ortes begehrliche Gefühle. Auch ihr Dienstherr habe ein Auge auf sie geworfen, munkelten böse Zungen im Dorf, und sie tat nichts, um dem Gerede ein Ende zu bereiten. Im Gegenteil. Sie erwiderte die Blicke und Annäherungsversuche eines jeden Mannes, wenn es gerade in ihre Pläne passte. Doch genau so plötzlich, wie sie ein Verhältnis begann, beendete sie es auch wieder.

Niemand aber ahnte, dass sie im Geheimen nur ein Ziel verfolgte, das sie nie aus den Augen verlor: sie würde eines Tages als Herrin auf einem der großen Höfe am See Einzug halten. Nichts und niemand konnte sie von diesem Ziel abbringen, war sie sich sicher, bis eines Tages Franz in ihr Leben trat. Mit ihm war die Verwirklichung ihrer Pläne mit einem Mal in Frage gestellt.

Es war einer dieser warmen, nicht endenwollenden Sommerabende, an denen man es sich kaum vorstellen konnte, dass es jemals wieder Winter werden würde, als sie den schlanken, schwarzhaarigen Mann zum ersten Mal bewusst wahrnahm und jenes gewisse Funkeln in seinen Augen bemerkte, dem sie noch nie hatte widerstehen können. Doch Franz hatte einen entscheidenden Fehler, der sie von Anfang an zur Vorsicht hätte mahnen sollen: Nicht er, sondern sein erstgeborener Bruder würde einmal Bauer auf dem Hof seiner Eltern werden.

Damals aber, im Banne der warmen Sommernacht, hatte sie auf die warnende Stimme, die tief aus ihrem Innern klang, nicht hören wollen und jegliche Bedenken in den Wind geschlagen.

Das Gehöft, auf dem Franz im Jahre 1888 zur Welt gekommen war, lag einsam und abgeschieden einige Minuten vom See und in einiger Entfernung vom nächsten Dorf, einem kleinen Ort mit einem einzigen Laden und wenigen Häusern. Nach dem Ende seiner Schulzeit hatte der Halbwüchsige in einer der Mühlen in der Nachbarschaft seine Lehre als Müller angetreten. Der Beruf entsprach seinen Neigungen, da er ein leidenschaftlicher Tüftler und begabter Mechaniker war und so schloss er seine Lehre erfolgreich ab.

Nie hatte er bedauert, dass er nicht der Erstgeborene war. Mit dem Geld, das ihm eines Tages für seinen Verzicht auf den Hof zugunsten seines Bruders, ausgezahlt werden sollte, würde er sich seinen Traum erfüllen, den Traum von einer eigenen Mühle.

Als wäre es gestern gewesen, erinnerte er sich an den Abend der schicksalhaften Begegnung mit Lore.

Wie er, war auch sie eine begeisterte Tänzerin und sie hatten auf dem Fest keinen Tanz ausgelassen. Als sich die Kapelle um Mitternacht schließlich mit einem kräftigen Tusch verabschiedete, war Lore bei den ersten Ballbesuchern, die den Saal verließen. Draußen jedoch schien sie es alles andere als eilig zu haben, denn immer wieder verzögerte sie ihre Schritte, bis sie die schmale Straße erreichte, die zum Hof ihres Dienstherren führte. Nun endlich hörte sie die Schritte hinter sich, auf die sie die ganze Zeit über gewartet hatte.

Ohne jede Scheu wandte sie sich um und die Arme des Mannes, um den ihre Gedanken unaufhörlich kreisten, seit sie den Saal verlassen hatte, umfingen sie, noch ehe sie ein Wort hätte sagen können. Engumschlungen gingen sie zu der alten Scheune, die nicht weit vom Hof entfernt lag und deren Tor unverschlossen war. Gleich darauf umfing sie der süße Duft des erst wenige Tage gelagerten Heus, betäubte ihre Sinne und ließ sie in den lose geschnürten Ballen versinken wie in den weichen Kissen eines Hochzeitsbettes.

Von dieser Nacht an hatten sie sich nahezu nächtlich getroffen. Weder Franz´ Eltern, noch der Bauer, bei dem Lore in Stellung stand, bemerkten etwas von ihren heimlichen Treffen, die erst im Morgengrauen endete, wenn Franz Lores Zimmer im Obergeschoss des Wohngebäudes wieder verließ.

Einem aufmerksamen Beobachter hätte auffallen müssen, dass die Gestalt des jungen Mannes von Tag zu Tag noch schlanker zu werden schien, als sie es ohnehin schon gewesen war und dass unter seinen Augen tiefe Schatten lagen. Doch niemand auf dem Hof hatte Zeit und Muße, sich über das körperliche Wohlbefinden des Anderen Gedanken zu machen. Arbeit gab es mehr als genug zu dieser Jahreszeit, in der jeder mit anpacken musste, gleich, ob die Sonne vom Himmel brannte oder eine drückende Schwüle die Glieder schwer machte.

Der Tag, in dessen Nacht das Leben von Franz eine dramatische Wende erfuhr, war einer jener Tage gewesen, an denen man sich das erlösende Gewitter herbei wünschte und selbst der See sehnsuchtsvoll seine Arme den Fluten entgegenzustrecken schien, die jeden Moment aus den dunklen Wolken stürzen mussten.

Doch die Erlösung war ausgeblieben und selbst in der Nacht jenes Tages, an dem Franz sein Boot am gewohnten Platz vertäut und sich auf den kurzen Fußweg zum Hof am See gemacht hatte, lag noch eine beunruhigende Spannung in der feuchten, schwülen Luft.

Als er die von Wind und Wetter ausgelaugte Bank erreicht hatte, die vom Hof aus kaum einsehbar war und deren Lage einen einmaligen Blick über den See erlaubte, wartete Lore bereits auf ihn.

Fremd und kalt, den Schal eng um die Schultern geschlungen, saß sie auf der Bank und beim Blick ihrer kalten, grünen Augen, die durch ihn hindurch zuschauen schienen, ahnte er, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. Seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen und wurde zur Gewissheit, als er versuchte, sie in seine Arme zu ziehen.

Sie hatte ihn von sich gestoßen und mit harter Stimme gezischt: „Bleib mir ja vom Leib, nichts wünschte ich mir sehnlicher, als dir nie begegnet zu sein.“ Verstört setzte er sich neben sie auf die Bank und wartete. Irgendwann würde sie zu sprechen beginnen, vielleicht irrte er sich, und sie wollte ihr Verhältnis doch nicht beenden, wie ihre wütenden Worte befürchten ließen.

Doch gleich darauf hatte sie mit eisiger Stimme, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ, dieser Hoffnung ein jähes Ende gesetzt: „Denk ja nicht, dass ich das Balg, das ich in mir trage, großziehen werde und dich heirate. Wenn das Kind auf der Welt ist, musst du zusehen, wie du damit zurechtkommst. Ich will nichts von ihm wissen.“

Das war es also, sie erwartete ein Kind! Ungläubig starrte er in ihre kalten Augen. Nichts erinnerte mehr an die zärtlichen Blicke, mit denen sie ihn in unzähligen Nächten liebkost hatte. Es konnte nur ein böser Traum sein, gleich würde sie ihm sagen, dass alles nur ein Scherz gewesen sei, dass sie sich auf das Kind freue und ihr Leben mit ihm teilen wolle.

Doch da war sie auch schon aufgestanden und hatte ihm, bereits im Weggehen, ins Gesicht geschleudert: „Wenn das Kind auf der Welt ist, bringe ich es auf euren Hof, sieh zu, was du damit anstellst, du hast vollkommen freie Hand“.

Sekunden später war die schlanke, dunkle Gestalt im Nebel, der wie ein riesiges Leichentuch über dem See aufgezogen war, verschwunden. Als er, zu Hause angekommen, sein Boot wieder an seinem Liegeplatz vertäute, wusste er nur noch, dass er es unter dem Schilf hervorgezogen hatte, aber nicht mehr, wie er nach Hause gekommen war.

Es war kurz nach Mitternacht, als Franz sich erschöpft auf sein Bett warf. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte keinen Schlaf finden. Immer wieder sah er die kalten Augen Lores vor sich, hörte ihre unheilvollen Worte. Wie in aller Welt sollte er seinen Eltern beibringen, dass er Vater wurde? Er hatte keine Ahnung.

Nach endlos scheinenden Stunden, in denen er sich ruhelos von einer Seite zur anderen wälzte, schlug die alte Standuhr in der Diele endlich sechs Mal.

Er sprang aus dem Bett, hielt den Kopf unter kaltes Wasser, kleidete sich sorgfältig an und entschied sich, seinen Eltern unverzüglich reinen Wein einzuschenken. Was dann geschehen würde, wusste er nicht, doch sein Entschluss stand fest, nichts und niemand konnte ihn hier noch halten. Er würde den Hof so schnell wie möglich verlassen und niemals mehr zurückkehren. Das Kind, das er hasste, bevor es geboren war, konnte auf dem Hof aufwachsen. Seine Eltern würden sich schon um das Balg kümmern, wenn es ihm gelang, die richtigen Worte zu finden.

Franz erreichte den Zug nach München gerade noch rechtzeitig. In der Landeshauptstadt verlief alles nach Plan und schneller, als er gedacht hatte, war er zum zweiten bayerischen Kavallerieregiment eingezogen, mit der festen Zusage in der Tasche, nach Ablauf seiner Grundausbildung zu einer Übung in die Pfalz abkommandiert zu werden.

„Möglichst weit weg, gottlob, es ist mir gelungen“, sprach er laut vor sich hin und musterte sich zufrieden im Schaufenster eines der großen, luxuriösen Geschäfte in der Nähe des Hofbräuhauses, zog den neuen Trachtenjanker zurecht, den er sich bei seinem letzten Besuch hier in der Stadt geleistet hatte, entfernte einen Fusel von der grauen Wollhose, die ihm durch seine nächtlichen Eskapaden eine Nummer zu groß geworden war und beschloss, im Donisl, seinem Lieblingslokal, noch eine Brotzeit einzunehmen, bevor er sich auf den Weg nach Hause machte. Schon nach dem ersten Bissen fühlte er, dass es ihm leichter ums Herz zu werden begann.

Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Sein neues Leben konnte beginnen.

Kapitel 2

Nach den ersten Wochen seit dem Tod der Bäuerin des großen Hofes am See, die nach zwanzigjähriger, kinderlos gebliebener Ehe unerwartet schwanger geworden und dann im sechsten Monat, an den Folgen einer Fehlgeburt gestorben war, begann der scharfe Schmerz im Herzen ihres Witwers langsam erträglicher zu werden und er begann, Lore bei der Arbeit zu beobachten. Er bemerkte mit Wohlgefallen, dass sie eine gute Hauswirtschafterin war, ihr die Arbeit flink von der Hand ging und ihr niemals etwas zu viel zu werden schien. Schon bald überließ er ihr daher das Regiment im ganzen Haus.

Als das Trauerjahr vorüber war, ertappte sich der ältere Mann immer öfter bei dem Gedanken, dass ihm die Anwesenheit der jungen Frau auf dem Hof Freude bereitete und er es kaum erwarten konnte, bis sie am Abend beisammen sitzen würden, um die Arbeit des nächsten Tages zu besprechen.

Wie jeden Abend an warmen Sommerabenden, saßen sie sich am Tisch vor dem Haus gegenüber und genossen die Abendsonne, die das rote Haar der jungen Frau aufleuchten ließ wie eine Haube aus Kupfer. Plötzlich hatte er das dringende Bedürfnis, ihr eine der vorwitzigen, metallisch flirrenden Strähnen aus der schönen Stirn zu streichen, und lange noch glaubte er das Feuer zu spüren, das die Berührung ihres Haares auf seiner Hand entzündet zu haben schien, als sie ihn nicht abwehrte.

Lore, die sich um die Stelle auf dem Hof beworben hatte, als sie von der Schwangerschaft der Bäuerin erfuhr, der strenge Bettruhe verordnet war, hatte sich ihrem Ziel nahe gesehen und war fest entschlossen, sich die Chance, die sich nach dem plötzlichen Tod der Frau hier so unerwartet bot, nicht entgehen zu lassen. Von diesem Tag an gab sie dem einsamen Mann mit kleinen, unaufdringlichen Gesten zu verstehen, dass er ihr nicht unsympathisch war und wartete geduldig und mit für sie ungewohnter Zurückhaltung, bis er den Tod seiner Frau endgültig überwunden haben würde.

Als Franz in Lores Leben trat und es mit Leidenschaft erfüllte, war die ‚Festung Hofbauer‘ nahezu sturmreif geschossen.

Sie war sich der Gefährlichkeit ihrer neuerwachten Gefühle bewusst, doch sie hatten sich stärker als ihr Verstand erwiesen. Sie fühlte sich mit magischen Kräften zu dem Mann hingezogen, dessen bloße Anwesenheit ihr Blut in Wallung brachte.

Dem Bauer blieb nicht verborgen, dass Lore mit einem Mal ein dunkles Geheimnis umgab. Die Ursache der rastlosen Ruhelosigkeit aber, die seit einiger Zeit in ihren grünen Augen loderte und ihre schlanke Taille noch schmaler werden ließ, hatte er sich lange nicht erklären können. Er fühlte, dass eine unbestimmte Bedrohung in der Luft lag, der er auf den Grund gehen musste, wollte er die heimlich Geliebte nicht verlieren.

Als er schließlich entdeckte, dass sie Nacht für Nacht Besuch erhielt, wusste er mit welcher Art Gegner er es zu tun hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lore bemerkt, dass sie schwanger war und der Schock lähmte für kurze Zeit jeden klaren Gedanken. Dann, nach ein paar Tagen, in denen sie sich alles andere als sicher war, ob ihr Lebensplan, als Bäuerin auf dem Hof einzuziehen, noch in Erfüllung gehen konnte, gewann schließlich ihr Verstand wieder die Oberhand. Als sie nach eingehender Prüfung analysierte, dass jegliches Gefühl für den Vater des Kindes in ihr erloschen war, fasste sie den Entschluss, dem Bauern reinen Wein einzuschenken. Noch waren sie sich nicht so nahe gekommen, dass er ihr Verhältnis zu Franz als Treuebruch hätte ansehen können. Für das Kind hatte sie eine Lösung gefunden: es musste vom Hof.

Von ihrem Abschiedstreffen mit Franz zurückgekommen, trat sie zögerlich in die geräumige Küche des Hofes, in der der Bauer bereits auf sie gewartet zu haben schien.

Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und begann mit stockender Stimme ihr Geständnis.

Als sie ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte und ängstlich darauf wartete, was er ihr erwidern würde, stand er wortlos auf, zündete mit bedächtigen Bewegungen seine Pfeife an und verließ wortlos den Raum.

Vor der Tür angekommen, versuchte er seiner Gedanken und Gefühle Herr zu werden und eine Antwort auf die alles entscheidende Frage zu finden: Wollte er diese Frau jetzt noch für sich, vor allem aber, konnte er mit einem fremden Kind auf dem Hof leben? Doch es wollte ihm nicht gelingen, so sehr er sich auch bemühte.

Er musste eine Weile mit sich allein sein. In seine schweren Gedanken versunken trat er den Weg zum See an.

Ein kalter, heller Mond stand über der dunklen Wasserfläche und ließ sie abweisend und fremd erscheinen. Tiefe Einsamkeit umfing ihn, in seinen Ohren klang noch immer das Geständnis der jungen Frau und erfüllte ihn mit tiefer Traurigkeit. Als eine dunkle Wolke den Mond für eine Weile verdeckte und den See in Dunkelheit versinken ließ, wusste er plötzlich, dass sein künftiges Leben ohne Lore farblos und eintönig dahinfließen würde, bis es schließlich ebenso freudlos zu Ende ging.

Es blieb ihm keine Wahl, er musste ihr verzeihen. Mit einer entschlossenen Bewegung klopfte er seine Pfeife am Stamm einer alten Weide am Wegesrand aus und lief zurück zum Haus. Seine Entscheidung war gefallen.

Als er seine Arme um die schmale Gestalt Lores legte, die dort auf ihn gewartet hatte, wusste sie, dass sie am Ende ihres langen Weges angekommen war.

Zur gleichen Zeit, als sich Franz mit seinem Regiment auf den Weg in die Pfalz machte, wurde am Waginger See ein Junge geboren, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war.

Sofort nach der Geburt ließ Lore das Kind auf den Hof seiner Großeltern bringen und verstieß es für immer aus ihrem Herzen und ihren Gedanken.

Zwei Monate, nachdem sie sich vom Wochenbett erholt hatte, wurde auf dem Hof am See Hochzeit gefeiert – still und in kleinem Rahmen, kaum einer im Dorf nahm Notiz davon.

Im Buch des Lebens der frischgebackenen Seehofbäuerin war ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ein Kapitel, in dem keine Zeile Platz fand für Franz und seinen Sohn.

Kapitel 3

Der rotlodernde Ball der Abendsonne versank mit einem letzten, glühenden Aufbäumen hinter der finsteren Kulisse des Waldes, der das Wiesental wie eine undurchdringliche Mauer begrenzte, als die Schwadron der Fünften Kompanie des Zweiten Bayerischen Kavallerieregiments in das kleine Dorf einritt, das kaum mehr als fünf Kilometer von Kaiserslautern entfernt lag.

Hohl klang das grobe Kopfsteinpflaster unter den Hufen der Pferde. Den gesenkten Köpfen der Tiere war die Anstrengung des langen Rittes, den sie hinter sich hatten, genau so deutlich anzumerken, wie den müden, staubigen Gesichtern der Männer, die sie auf ihren Rücken trugen und deren Glieder schmerzten. Sie waren tagelang nicht aus dem Sattel gekommen und nur die wenigen Stunden Schlaf in der Kühle der schon kurzen Nächte des Spätsommers hatten ihnen etwas Erholung verschafft.

Der athletische, junge Mann, der unmittelbar hinter dem Rittmeister ins Dorf einritt und dessen helle, für einen dunkelhaarigen Mann erstaunlich blaue Augen ein rätselhafter Schatten verdunkelte, stieß einen tiefen, wehmütigen Seufzer aus. Vor ihm, im noch sanften Rot der untergehenden Sonne, breitete sich der kleine See aus, der zum Dorf zu gehören schien und in dessen unmittelbarer Nachbarschaft der Hof liegen musste, in dem sie für die nächsten Tage Quartier beziehen sollten.

Heimweh befiel ihn. Nicht ein Tag verging, an dem seine Gedanken nicht den Versuch unternahmen, an jenen anderen See zurück zu flüchten, an dessen Ufer er geboren war und in dessen warmen, fischreichen Wasser er vor noch nicht einmal vier Monaten seinem Körper Entspannung verschaffte, wenn die endlosen Stunden mühsamer Feldarbeit endlich hinter ihm lagen.

Doch kaum, dass jener See schemenhaft vor seinem inneren Auge erschien, scheuchte er das vertraute Bild seiner Jugend mit einer fast wütenden Bewegung zurück in die Tiefen seines Unterbewusstseins, zurück in jenes andere Leben, das er aus seinen Gedanken verbannen musste, koste es was es wolle.

Die Schwadron bog um die letzte Kehre der schmalen Straße, die zu einem imposanten Sandsteingebäude am hinteren Ende des geräumigen Hofes führte, auf dessen breiter, geschwungener Treppe bereits der Bauer, ein großer, stattlicher Mann mit mächtigem Schnurrbart, auf sie gewartet zu haben schien.

Der Bauer begrüßte den Rittmeister und seine Begleiter, deren Ankunft ihm vom Bürgermeister bereits vor zwei Wochen angekündigt worden war, mit einem freundlichen Lächeln und unterzog sie mit wachen Augen, denen nichts zu entgehen schien, einer gründlichen Prüfung. Dann führte er die beiden Männer, anscheinend zufrieden gestellt, bereitwillig ins Haus, wo ihnen zwei Zimmer zugewiesen wurden, während die Schwadron auf den an den Hof angrenzenden Wiesen ihr Zeltlager errichtete.

Peter, der Bauer, war ein geachteter Mann und gesuchter Zimmermann und auf dem weitläufigen Hof, dem der gediegene Wohlstand und die gute Führung an zahlreichen Kleinigkeiten anzusehen war, lebten mit ihm seine Frau Magdalena, die jeder nur Lene nannte, Gust, sein Erstgeborener, die Zwillinge Maria und Karl, sowie Herrmann, ein wilder, ungestümer Zwanzigjähriger. Seit dem Tode Karls, seines Bruders, war der zur Fülle neigende junge Mann noch unberechenbarer geworden, als er es ohnehin schon war und seine Eskapaden häuften sich. Zwar war er Peter eine unentbehrliche Hilfe bei der Arbeit, doch bedurfte es allzu oft seiner harten Hand, um ihn auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, wenn er wieder einmal über die Stränge geschlagen hatte.

Peter führte die Männer in die gute Stube, einen großen, kühlen Raum voll mit dunklen, schweren Eichenmöbeln, der nur an Sonn- und Feiertagen bewohnt wurde, holte aus der geschnitzten Vitrine drei dickwandige Gläser hervor, die er mit selbstgebranntem Birnenschnaps randvoll goss und stieß mit den Fremden an, bevor er sein eigenes Glas mit einem Zug leerte. Dann ließ er ihnen Zimmer am Ende des langen, im schattigen Halbdunkel liegenden Flures anweisen. Die Zimmer, seit Tagen schon hergerichtet, waren geräumig wie jeder Raum in dem Haus, doch karg möbliert. Trotz der spätherbstlichen drückenden Schwüle, die den ganzen Tag über geherrscht hatte, waren die Räume angenehm kühl.

Kaum war Franz allein, stieß er einen erleichterten Seufzer aus, ließ sich auf das breite, frisch bezogene Bett fallen und zog schweratmend die engen, schweißgetränkten Lederstiefel von den geschwollenen Beinen, auf denen sich blaue Aderstränge beängstigend prall abzeichneten. Es schien ihm, als würden sie von Woche zu Woche dicker und praller. Er wischte seine aufkeimende Besorgnis mit einer imaginären Handbewegung hinweg. ´Was soll`s, es wird schon gut gehen, morgen sieht alles wieder anders aus.´Auf dem Waschtisch, in einer Kanne aus weißem Porzellan, war kühles Wasser vom hofeigenen Brunnen bereitgestellt, das er vorsichtig in die dazugehörende Schüssel goss, um gleich darauf laut prustend den Kopf darin einzutauchen. Dann wusch er sich die Füße und begoss seine schmerzenden Beine, bis er endlich fühlte, dass die Spannung in ihnen nachzulassen begann.

Sorgfältig zog er einen scharfen Scheitel durch das nasse, schwarzglänzende Haar, drehte seinen Schnauzbart in Form und betrachtete sich flüchtig im Spiegel, bevor er sich auf dem gestärkten, weißen Leinen des Bettes ausstreckte, um sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.

Maria lauschte dem Schlag der alten Standuhr, die, seit sie denken konnte, ihren Platz neben dem Treppenaufgang in der Diele hatte. Achtzehn Uhr, höchste Zeit, sich in der Küche sehen zu lassen, erschrak das Mädchen. Katharina, die Magd, machte aus ihrem Herz keine Mördergrube, wenn ihr etwas gegen den Strich ging, und nichts hasste sie mehr, als abends nicht beizeiten mit der Arbeit fertig zu werden, um Zeit für ihre einzige Leidenschaft zu haben: dem Stricken von Generationen von Wollstrümpfen. Jeder, der sich in ihrer näheren Umgebung aufhielt, wurde mit ihnen bedacht, ob er sie wollte, oder nicht.

Eilig flocht Maria das weizenblonde Haar zu einem langen Zopf, der ihr fast bis zur Taille reichte und rannte die Treppe hinunter.

In der geräumigen Küche pellte Katharina bereits die ersten der dicken, heißen Kartoffeln, die zum Abendbrot serviert werden sollten. Das Mädchen, dessen blau-weiß kariertes Sommerkleid ab der Taille in reichen Falten über die zierlichen Hüften fiel, nahm ihr das Messer aus der Hand, um mit, durch jahrelange Übung fast mechanisch gewordenen Bewegungen, die Arbeit Katharinas fortzusetzen.

Während ihrer Arbeit lauschte Maria angespannt auf die Geräusche des noch stillen Hauses, ließ mit einem erleichterten Seufzer die letzte Kartoffel in die weiße Steingutschüssel fallen, die vor ihr auf dem Rande des Tisches stand, nahm die Schüssel vorsichtig auf und stellte sie auf dem blankgescheuerten Tisch neben den angerührten Kräuterquark. Dann warf sie verstohlen einen neugierigen Blick in den dunklen Flur und hastete der Magd hinterher, die auf der Weide in der Nähe des Hauses mit dem Zusammentreiben der Kühe begonnen hatte. Angefeuert von den lauten Rufen der beiden Frauen setzten sie sich nur unwillig in Bewegung, trotteten dann aber gutmütig den geräumigen Stallungen entgegen.

Abend für Abend die gleiche eintönige Arbeit, dachte die Siebzehnjährige missmutig, während sie die Tür des Stalles sorgfältig hinter sich schloss. Neben der Tür des Stalles waren bereits drei große Metallkannen zum Abholen der Milch gerichtet, die sie heute gemolken hatten. Aus dem kleinen Raum neben dem Stall, in dem die Geräte gesäubert wurden, die man zum Melken benutzte, drang das laute Scheppern der Blechgefäße und zeigte an, dass Katharina sie bereits auf ihren gewohnten Platz zurück räumte.

´Endlich, sie konnte ihr Zimmer aufzusuchen. Der Abend versprach interessant zu werden, eine Unterbrechung ihres täglichen Einerleis, des ewigen, gleichförmigen Wechsels von Arbeit und Schlaf ´, fieberte es in ihren Gedanken.

Sie stürmte die Treppe zum Obergeschoss hoch, schlug die Zimmertür hinter sich zu und musterte nachdenklich den kargen Inhalt ihres Kleiderschrankes.

`Was nur ziehe ich heute an? Etwa das kornblumenblaue Sonntagskleid, das perfekt mit der sommerlichen Bräune meiner Haut und meinem blonden Haar harmoniert?´ `Nein´, verwarf sie den Gedanken sofort. Sie konnte sich nur allzu gut die erstaunten Blicke ihrer Familie vorstellen, ganz zu schweigen von den spitzen Kommentaren ihres Bruders, der kein Blatt vor den Mund nehmen würde.

Nicht auszudenken, wie peinlich das für sie werden könnte.

Sie entschied sich schließlich für den roten Faltenrock, den sie sich vor kurzem genäht hatte, und eine der beiden weißen Blusen, die frisch gebügelt auf der Lehne des Stuhls darauf warteten, dass sie endlich in den Schrank geräumt würden, legte einen breiten Gürtel um die schmale Taille und bürstete sich mit Inbrunst das Haar, bevor sie es wieder in einen festen Zopf zwang.

Ein letzter kritischer Blick in den Spiegel fiel zu ihrer Zufriedenheit aus, und Maria verließ das Zimmer, um nach unten zu gehen. Der Gong der Uhr schlug die halbe Stunde, höchste Zeit, den Tisch zu decken.

Dann war es endlich soweit, ihre Eltern betraten den Raum und schickten Hans, den Knecht, die beiden Fremden zum Essen zu rufen. Nach einer kleinen Weile hörte man schwere Schritte sich der Tür nähern.

Der Rittmeister betrat als erster den Raum, hinter ihm Franz, dessen Augen sich mit denen des Mädchens trafen, als er über die Schwelle des Raumes trat.

Unfähig, den Blick zu senken, fühlte Maria, wie eine Gänsehaut über ihren Körper kroch, zuerst ein Kribbeln, dann ein heißes Brennen auslöste, das ihr wie eine heiße Flamme bis ins Gesicht loderte und die helle Haut mit einer tiefen Röte überzog. Als es ihr endlich gelungen war, die Augen aus denen des Mannes zu lösen, senkte sie verlegen den Kopf über ihren Teller, als verrichte sie andächtig ihr Tischgebet und hoffte inbrünstig, dass niemand auf ihren Zustand aufmerksam geworden war.

Während des Abendessens blieb die Welt um sie versunken. Geistesabwesend leerte sie ihren Teller und hätte, obwohl sie das Essen selbst zubereitet hatte, nicht sagen können, was sie gegessen hatte. Die Gespräche der Menschen am Tisch hörten sich an, als fänden sie hinter einer Wand aus Watte statt, und die wildesten Gedanken jagten sich hinter ihrer Stirn, Gedanken, die einen seltsamen Schmerz in ihr auslösten, wie sie ihn noch nie gefühlt hatte.

Maria schreckte schuldbewusst auf, als ihr Vater ihr den grauen Steingutkrug reichte: „Geh in den Keller und hole einen weiteren Krug Bier!“ Dankbar, den aufmerksam gewordenen Blicken wenigstens für eine Weile zu entkommen, sprang sie auf und hastete die Kellertreppe hinunter. Unten angekommen, lehnte sie den heißen Kopf an den feuchten Stein der dicken Sandsteinmauer und hoffte, dass dessen Kühle die Röte ihres Gesichtes, die sie noch immer schmerzhaft spürte, endlich verschwinden ließe. Mit fahrigen Fingern zapfte sie das Bier in den Krug und machte sich wieder auf den Weg nach oben.

Während der Dauer des Abendessens fühlte sie die Augen des jüngeren der beiden Männer immer wieder auf sich ruhen, doch sie mied seinen Blick und konnte es kaum erwarten, den Tisch endlich verlassen zu dürfen. Gleichzeitig aber regte sich in ihr eine unbestimmte, rätselhafte Sehnsucht, in dessen Nähe zu bleiben, ein Zwiespalt, dem sie mit einem plötzlichen, entschiedenen Aufstehen ein Ende setzte und in die Küche flüchtete, wo Katharina bereits beim Aufräumen war.

Dort verrichteten ihre Hände die gewohnte Arbeit wie von selbst und ehe sie sich dessen bewusst geworden war, war die Küche aufgeräumt, das Geschirr im Schrank verstaut und Katharina mit einem kurzen Gruß verschwunden.

Nicht lange danach löschte Maria das Licht in der Küche und stieg die Treppe hoch in ihr Zimmer.

In dem kleinen, nach Westen ausgerichteten Fenster stand der Mond vor der dunklen Kulisse des Waldes, der unweit vom Haus das Tal begrenzte. Feuchte, dünne Nebelschwaden lagen wie ein Schleier über den Wiesen und zeugten noch zu dieser späten Stunde von der ungewöhnlichen Hitze, die am Tage geherrscht hatte.

`Ein Abend wie jeder andere und doch so vollkommen anders´, dachte das Mädchen, und das Herz pochte ihr erneut in den Ohren.

`Soll das der Mann sein, auf den ich warte?´ Doch der harte Schlag ihres Pulses machte es ihr unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen.

`Wenn er es sein sollte, wie soll es uns gelingen, uns näher zu kommen, in der kurzen Spanne Zeit, die seine Schwadron hier verbringt? In drei Wochen ist der Spuk vorüber und er für immer aus meinem Leben verschwunden.´ Ratlos zog sie sich aus, legte sich in ihr Bett und vergrub den Kopf in den weichen Kissen. Als sie endlich einschlief, war ihr Schlaf von wilden Träumen geplagt.

Im Wohnzimmer hatten die drei Männer inzwischen die Krüge geleert und sich verabschiedet. Peter war zufrieden. Es hätte den Hof schlimmer treffen können. Mit diesen beiden Männern würde auszukommen sein, sagte er sich, während er zu seiner Frau in den Garten ging, um ihr beim Gießen der wenigen Salatköpfe behilflich zu sein, denen es gelungen war, die ungewöhnliche Trockenheit der vergangenen Wochen zu überleben.

Als Franz sein Zimmer betrat, das sich, was er nicht wissen konnte, unter dem des Mädchens befand, fiel sein Blick als erstes auf den Mond, der mitten im Fenster stand und es nahezu ausfüllte. In seinem Hof glaubte er für einen flüchtigen Augenblick das Gesicht des Mädchens zu erkennen, dessen blondes Haar glänzte wie gesponnenes Gold.

`Ich werde hier wohl zum Romantiker´, lachte er über sich selbst und begann nachdenklich sein Bett für die Nacht herzurichten. Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit breitete sich in seinem Innern aus und er wartete, dass der Schmerz wiederkäme, der ihn mit schöner Regelmäßigkeit jeden Abend heimsuchte, doch nichts geschah.

`Der Heilungsprozess meines verletzten Stolzes scheint fortzuschreiten. Ich vergesse die kalten Augen der Rothaarigen´, dachte er im Dahinschlummern und ehe er sich versah, war er eingeschlafen.

Für Maria war die Nacht um sechs Uhr zu Ende. Wie an jedem Morgen setzte sie in der Küche das Wasser auf den schon glühend heißen Herd, von Katharina angeheizt, bevor sie in den Stall ging. Dann richtete sie mit fahrigen, müden Bewegungen den Frühstückstisch.

Nicht lange, nachdem die Familie ihr Frühstück beendet hatte, erschienen der Rittmeister und sein Adjutant.

Unter Aufbietung all ihrer Kräfte, gelang es Maria, den Männern mit halbwegs unbefangener Miene gegenüberzutreten, und tatsächlich schien niemand etwas von ihrem Seelenzustand zu bemerken.

Als der Tisch abgeräumt war, verließ der Rittmeister den Raum und Franz blieb allein am Tisch zurück. Er zog ein gelbes Büchlein hervor und begann sich Notizen über die Pläne des morgigen Tages zu machen, an dem das Manöver beginnen sollte. Manöver seiner Majestät waren nichts Außergewöhnliches in der Gegend, denn der Prinzregent zeigte gerne Präsenz in diesem Teil seines Reiches, dessen mildes Klima und malerische Landschaften seinen Vater veranlasst hatten, sich bei Edenkoben eine prächtige, klassizistische Sommerresidenz zu bauen. Hier verbrachte er von Zeit zu Zeit ein paar Wochen mit seinem Hofstaat und führte sein gesamtes benötigtes Mobiliar mit sich.

Franz steckte seine Aufzeichnungen in eine kleine schwarze Tasche, verließ er den Raum und suchte die Küche auf.

Maria, die mit kräftigen Strichen den Spülstein scheuerte und tief in ihre unruhigen Gedanken versunken war, bemerkte ihn erst, als er nahe hinter ihr stand und sie seinen Atem spürte. Sogleich pochte ihr wieder das Blut in den Ohren und, wie am Tag zuvor, färbte heiße Röte ihre Wangen, ohne dass sich ihr diesmal eine Gelegenheit geboten hätte, sie vor ihm zu verbergen.

Franz stellte das Glas auf dem Spülstein ab, ergriff die feuchten Hände Marias und legte sie behutsam auf seine Schultern, umfasste mit festem Griff die Taille des Mädchens, drehte es zu sich herum und sie versanken in einem langen Kuss.

Draußen vor der Tür ertönte das blecherne Scheppern der schweren Milchkannen, das laute Lachen Katharinas kam näher und holte sie zurück in die Wirklichkeit.

Wie konnte sie nur, heiße Scham durchfuhr Maria. Mit hochrotem Kopf entwand sie sich hastig den Armen des Mannes, der sie nicht freigeben wollte, stürzte aus der Küche, als sei der Teufel hinter ihr her und hörte im Hinausgehen gerade noch, wie Franz ihr mit halblauter Stimme zurief: „Komm um zweiundzwanzig Uhr zum Gelterswoog, zum Pappelwäldchen!“ Als Maria ihr Zimmer endlich erreicht hatte, warf sie sich auf ihr Bett und genoss die kühle Frische des weißen Leinens auf den heißen Wangen.

`Was um Himmels willen soll ich tun? Meine Eltern hintergehen?´ Sie war verzweifelt. Sie hatte sie noch nie hintergangen, doch diese Verabredung konnte sie ihnen auf keinen Fall beichten, wenn sie sich wirklich entschließen sollte, ihr Folge zu leisten.

Peter und Lene hatten ihre Tochter auf die Hauswirtschaftsschule nach Kaiserslautern geschickt, um sie auf das Leben als Hausfrau und Bäuerin vorzubereiten. Unter den Söhnen der Höfe in der Umgebung würde sich früher oder später ein geeigneter Mann für sie finden lassen, davon waren sie überzeugt.

Und Maria, die sich der Pläne ihrer Eltern durchaus bewusst war, hatte diese nie in Frage gestellt. Sollte dieser Fremde jetzt ihr Leben aus den vorgezeichneten Bahnen werfen und ihr zum Schicksal werden? Wie würde ihr Vater reagieren, wenn er Wind von dem Treffen bekam oder Herrmann, ihr unberechenbarer Bruder? Sie ahnte, dass er die Peitsche, mit denen er seine Pferde malträtierte, wenn er, der Spanier, wie er im Dorf mit leisem Spott genannt wurde, vierspännig in wilder Fahrt durch den Ort jagte, ohne zu zögern auch gegen Franz erheben würde, sollte er sie bei dem heimlichen Stelldichein ertappen.

Durfte sie ihren guten Ruf aufs Spiel setzen? Ihr Verstand sagte nein, doch ihr Herz wusste, dass sie gehen musste, es gab kein Entrinnen, das Feuer, das in ihrem Innern loderte, war nicht mehr zu löschen.

Nachdem sie ruhiger geworden war, verließ sie ihr Zimmer, um ihre gewohnte Arbeit zu verrichten.

Der Mond leuchtete hell über den silbrig schimmernden Blättern der Pappeln, ihre lange Arme schienen sich im sanften, warmen Abendwind nach den Klängen einer imaginären Melodie zu wiegen und tauchten die Allee, die zum See führte, in ein unwirkliches Licht, als Maria leise die schwere Haustür hinter sich zuzog. Sie verhielt einen Moment im schützenden Dunkel der noch warmen Wand des Hauses, welche die letzten Strahlen der späten Abendsonne gierig aufgesogen und in ihren Steinen gespeichert hatte, um zu lauschen.

Alles blieb still, niemand schien ihr Verschwinden bemerkt zu haben. Kurz darauf erreichte sie die ersten Bäume des Wäldchens und lehnte erschöpft den Kopf an den Holzstoß, der, wie ein mächtiger Pfeiler, den Eingang des Seitenweges markierte, in dem sie sich treffen wollten. Seine feuchte Kühle drang durch den Stoff ihres dünnen Kleides und jagte ihr einen eisigen Schauer über die Haut, so dass ihre Glieder zu zittern begannen. Doch schon löste sich aus dem Dunkel des Waldes eine hohe Gestalt und trat geräuschlos hinter sie. Eine tiefe, ruhige Stille war plötzlich in ihr, das Zittern erlosch. Kein Laut mehr drang in ihr Bewusstsein, als der Mond hinter einer riesigen Wolke verschwand und die Lichtung in tiefes Dunkel hüllte, ein Dunkel, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bedeutungslos werden ließ im heißen, süßen Duft der warmen Spätsommernacht.

Kapitel 4

Zwei Wochen zuvor hatte Franz einen langen Brief seiner Mutter im Briefkasten vorgefunden, in dem sie ihm mit unbeholfenen Worten mitteilte, dass sein Sohn nun bei ihnen auf dem Hof lebe und die Mutter seines Kindes mit dem Hofbauern, bei dem sie den Haushalt führte, verheiratet war.

Das dichte Schilf, das den Uferrand des Gelterswoog`s säumte, bewegte sich leise im Wind, und sein sanftes Rascheln weckte in ihm Erinnerungen an die nächtlichen Fahrten in seinem früheren Leben Für einen kurzen Augenblick fühlte er noch einmal die Erinnerung an den stechenden Schmerz der ersten Wochen der Trennung, doch dann war auch dies vorüber.

`Tempi passati, ein anderer Ort, eine andere Zeit´, dachte er mit leisem Zynismus, als die Dunkelheit Marias leichte Schritte verschlungen hatte und er die vergangenen Stunden Revue passieren ließ. Er zündete sich mit tastenden Griffen eine der Zigarren an, die er immer bei sich trug und warf das abgebrannte Streichholz in weitem Bogen in das Dunkel des Sees.

Nicht mehr lange und auch die letzte Erinnerung an die Frau, zu der ihn seine Fahrten geführt hatten, würde verflogen sein. Doch die Frucht dieser Verbindung lebte.

Zum ersten Mal regte sich sein Gewissen. Konnte er das Vertrauen des unschuldigen Mädchens, das ihm hier über den Weg gelaufen war, rechtfertigen, konnte er es mit seiner bewegten Vergangenheit konfrontieren? Er dachte an seine finanziellen Verpflichtungen, an die Gegenleistungen, die er seinen Eltern und seinem Bruder für das Großziehen des Kindes schuldete, allzu viel würde von seinem Erbteil wohl nicht mehr übrig geblieben sein, wenn der Junge in der Lage war, für sich selbst zu sorgen. Der Traum von der eigenen Mühle war wohl für immer ausgeträumt, wenn nicht noch ein Wunder geschah.

Wie er dieses Kind hasste! Seine Geburt hatte alles zerstört, was ihm einmal lieb und teuer, seine erste große Liebe, seine schönsten Träume. Doch alles Hadern mit der Vergangenheit und seiner Gegenwart half nichts, in den nächsten Wochen musste er es formell als sein Kind anerkennen, die Vorladung zu dem Termin am Königlich-Bayerischen Amtsgericht in München war ihm vor Tagen zugestellt worden. Nicht auszudenken, wie die Familie Marias reagieren würde, wenn sie erfuhr, wem ihre behütete Tochter ihre Liebe schenkte, ihm, einem Habenichts und unehelichen Vater, der nichts als eine unsichere Zukunft vorzuweisen hatte.

Wollte er das Mädchen wirklich für immer an sich binden, durfte fürs erste niemand von seiner Vergangenheit erfahren und sollte es wirklich zu einer Heirat kommen, würde sich irgendwann alles finden, beschwichtigte er sein Gewissen.

Er warf die Überreste seiner Zigarre ins feuchte Gras, löschte die Glut mit einer entschlossenen Drehung seines Fußes und machte sich auf den Weg zum Hof, nicht ahnend, dass sein heimliches Treffen mit Maria nicht unbemerkt geblieben war.

Wie in jeder Nacht, in der sie auf ihren Sohn wartete, wanderte Lene unruhig in der Küche auf und ab, wischte über den ohnehin schon sauberen Tisch und räumte noch eine vergessene Tasse in den Spülstein. Sie wusste, dass dies nur eine Alibihandlung war, denn mit einem Ohr lauschte sie unablässig in die Nacht, ob nicht endlich das Stakkato der Hufe von Herrmanns Pferd die Stille durchdringen würde. Seit Karl, der Zwilling Marias, gestorben war, konnte sie keinen Schlaf finden, wenn er unterwegs war, was in den letzten Wochen immer öfters geschah. Das bange Warten fand erst ein Ende, wenn die schwere Tür ins Schloss fiel und sie wusste, dass er sicher nach Hause gekommen war.

Anfänglich schien es, als stünde mit den Kindern alles zum Besten, damals, in den ersten Jahren nach ihrer Geburt. Die Zwillinge, die vier Jahre nach Gust zur Welt gekommen waren, bereiteten keinerlei Probleme und Karl, ein ruhiger, gelassener Junge, fügte sich willig dem Kommando Marias, seiner resoluten Schwester, die fünf Minuten früher als er das Licht der Welt erblickt hatte.

Dann kam Herrmann, ihr Ältester, in die Pubertät und es war, als würde das Blut des kräftigen, ohnehin schon temperamentvollen Halbwüchsigen zu kochen beginnen. Kein Mädchen im Dorf war mehr sicher vor ihm.

Sein gewinnendes Lächeln und seine offene, ehrliche Art, machten ihn zum König eines jeden Festes und ließen ihm die Herzen der Menschen zufliegen, wo immer er auch auftauchte. Wehe aber, wenn er mehr als üblich dem Alkohol zugesprochen hatte, dann änderte sich sein Charakter und eine unbändige Wildheit brach wie feurige Lava aus einem Vulkan, aus dem sonst friedfertigen, freundlichen jungen Mann.

Glücklicherweise hielten sich diese Exzesse in erträglichem Rahmen und damit auch die Angst, die in jenem schicksalhaften Geschehen ihre Wurzeln hatte, welches das Leben der ganzen Familie für immer veränderte – plötzlich und unerwartet – wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Als im Dorf eine Epidemie ausgebrochen war, eine schwere, meist tödlich verlaufende Diphtherie, an der mehr als die Hälfte der Dorfbewohner erkrankte, zählten die Zwillinge mit zu den ersten Krankheitsfällen.

Tag und Nacht wachten die Frauen des Hofes an den Betten der beiden Kinder, doch so sehr sie sich auch bemühten und alle erdenklichen Heilkräuter anwendeten, das hohe Fieber wollte nicht weichen. Nach und nach breitete sich im ganzen Haus eine bedrückende Hoffnungslosigkeit aus, der selbst Herrmanns wilde Lebenslust zum Opfer zu fallen schien. Die kranken Kinder, die kaum Nahrung zu sich nahmen und von Tag zu Tag schwächer wurden, schienen schließlich nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen.

Lenes Verzweiflung wuchs von Tag zu Tag. Lange würde sie dieser Prüfung nicht mehr gewachsen sein, wusste sie mit tödlicher Sicherheit. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie unter der Last dieser Qual zusammenbrach.

Wie an jedem Tag, saß sie auch an diesem Nachmittag an dem Krankenlager der Kinder und lauschte voller Pein den pfeifenden, fiebrigen Atemzügen, die sich aus ihrem Brustkorb quälten, als sie im Hof eine Kutsche vorfahren hörte. Sie erhob sich, trat ans Fenster und sah einen ältlichen Mann im dunklen Mantel vom Kutschbock steigen, in dem sie Nathan, den jüdischen Viehhändler erkannte.

In mehr oder minder regelmäßigen Abständen machten Peter und der Viehhändler miteinander Geschäfte und Nathan nutzte die Gelegenheit sie zu besuchen, wann immer er in der Umgebung zu tun hatte. Er blickte sich verwundert um, als keines der Kinder und niemand vom Gesinde sich blicken ließ. Im selben Augenblick trat Peter mit Herrmann aus der Scheune und ihre ernsten Mienen ließen erkennen, dass etwas Außergewöhnliches geschehen sein musste. Als Peter mit kurzen Worten die bedrohliche Situation der Kinder geschildert hatte, bot Nathan sich an, einen Blick auf die Zwillinge zu werfen. „Vielleicht habe ich eine Lösung“, sagte er mit beruhigender Stimme.

„Ob das, was den Kühen gelegentlich hilft, wenn sie von Krankheiten heimgesucht werden, nicht auch Kindern helfen kann? Man müsste es ausprobieren.“ Franz starrte ihn erwartungsvoll an, doch Nathan sprach nicht weiter.

Zuerst musste er sich ein Bild vom Zustand der Kinder machen. Dann erst würde er die Eltern von seinen Plänen unterrichten. Peter nahm sein Angebot an und führte ihn an das Krankenbett. Angesichts des Zustands der Kinder kostete es ihn einige Mühe, sein Erschrecken vor den Eltern zu verbergen.

Hier konnte nur noch ein Wunder helfen! Als er sich einigermaßen gefasst hatte, unterbreitete er ihnen seinen Vorschlag.

„Vor ein paar Monaten habe ich einem Kälbchen das Leben gerettet, das der Bauer schon aufgegeben hatte. Ihr müsst aber wissen, es ist ein riskantes Unterfangen, auch mir ist das durchaus bewusst und, ich bin kein Arzt. Doch euere Kinder befinden sich in einem Zustand, bei dem selbst ich erkennen kann, dass guter Rat teuer ist. Es ist kaum mehr etwas falsch zu machen. Wenn ihr einverstanden seid, sollten wir es riskieren. Vielleicht können wir wenigstens das Fieber senken.“

Lene, die am Vormittag vom Doktor erfahren hatte, dass er mit seinem Latein am Ende war, traten die Tränen in die Augen. Sie tauschte einen fragenden Blick mit Peter und nach kurzem Zögern stimmten sie seinem Vorhaben zu.

Nathan befahl dem Knecht, eine Wanne mit kaltem Wasser herbei zu schaffen, und Lene, die Kinder auszukleiden. Dann drückte er ihr das Mädchen in die Arme, er selbst griff sich Karl, dessen Körper sich leicht wie eine Feder anfühlte.

„So, Lene, ich zähle bis drei, dann tauchten wir die Kinder in die Wanne.“

Und so geschah es.

Die Prozedur, die in Wirklichkeit nur wenige Sekunden dauerte, erschien Lene wie eine Ewigkeit, denn Maria wehrte sich aus Leibeskräften.

„Unglaublich, welche Kraft in dem abgemagerten Körper noch immer steckt“, sagte Nathan verwundert und registrierte bedrückt, dass der Junge die Behandlung willenlos über sich ergehen ließ. Kurze Zeit später lagen die Kinder wieder warm verpackt in ihren Betten.

Nach etwa einer Stunde begann das Fieber Marias zu fallen, der zarte Körper des Mädchens entkrampfte sich und fiel in einen ruhigen, tiefen Schlaf, die Krise war überwunden.

Karl aber starb noch in derselben Nacht.

In den ersten Wochen nach dem Tod ihres Kindes schien Lene in einer anderen Welt zu leben. Ihre Arbeit im Haus und auf dem Hof verrichtete sie, als sei sie ein Automat, sprach mit niemanden, auch nicht mit den Kindern, und bewegte sich wie eine Fremde in der gewohnten Umgebung. Um Maria, die ihren Bruder vermisste und sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit erholte, kümmerte sich Katharina. Sie tat ihr Bestes, um dem Mädchen die Mutter zu ersetzen, die nicht mehr in der Lage schien, ihr auch nur das geringste Zeichen von Zuneigung entgegen zu bringen.

Nachdem Lenes Lethargie zwei Monate andauerte und noch immer keine Änderung ihres Zustandes zu erkennen war, hatte Peter sich entschlossen, zu handeln.

„Zieh deine guten Kleider an“, befahl er seiner Frau mit keinen Widerspruch duldenden Worten. „Wir fahren zum Fruchtmarkt nach Kaiserslautern.“

Es schien, als hätte sie ihm nicht zugehört, stand aber zur verabredeten Zeit im Hof und nahm teilnahmslos neben ihm auf den Kutschbock Platz. Peter setzte das Fuhrwerk in Bewegung.

„Früher hättest du dich über die Fahrt in die Stadt und den Besuch des Marktes gefreut. Du hast ihn als Höhepunkt im Kreislauf des Jahres bezeichnet.

Erinnerst du dich, als letzten farbigen Tupfer, bevor die kalte Jahreszeit endgültig das Zepter übernimmt?“, versuchte er ein Gespräch. Doch sie schwieg.

Vielleicht änderte sich das in der Stadt, wo man überall in den Straßen auf Bekannte trifft, die man schon lange nicht mehr gesehen hat und auf die man sich freut, hoffte er und stellte seine Bemühungen, ein Gespräch in Gang zu bringen fürs Erste ein.

Lene aber starrte weiterhin teilnahmslos in die Kulisse des farbenprächtigen Herbstwaldes, den sie in zügigem, gleichmäßigem Trapp durchquerten. Als sie Kaiserslautern erreicht hatten und gerade einmal eine halbe Stunde durch das lebhafte Treiben auf dem Fruchtmarkt geschlendert waren, einen kleinen Imbiss zu sich genommen hatten, von dem sie fast die Hälfte unberührt stehen ließ, drängte sie ihren Mann auch schon wieder zur Heimfahrt. Sie verlief genauso schweigsam wie die Hinfahrt.

Doch als sie in Hohenecken einfuhren, hatte Peter die Pferde nicht wie gewohnt zum Hof gelenkt, sondern den Weg zum Friedhof eingeschlagen.

Das Grab Karl´s lag an der Friedhofsmauer unter einer riesigen Buche, in deren Schatten ein paar armselige Blumen ihr Dasein fristeten. Lene hatte den Friedhof nicht mehr betreten, seit ihr kleiner Sohn dort zur letzten Ruhe gebettet worden war. Nun fasste Peter sie mit hartem Griff am Arm und zwang sie, den Weg einzuschlagen, der zum Grab führte. Dort angekommen, schien der Damm, den sie um ihren Kummer errichtet hatte, endlich zu brechen.

Mit lauten Schluchzen und weit ausgebreiteten Armen hatte Lene sich auf die kalte Erde geworfen, als wolle sie das Kind, das dort unten begraben lag, noch einmal an ihr Herz drücken. Doch sie spürte nur die gleiche, unbarmherzige Kälte, die von dem kleinen Körper ausgegangen war, als sie ihn damals in seinen Sarg gelegt hatte.

Nachdem eine paar Sekunden vergangen waren, hatte Peter sich über seine Frau gebeugt, sie behutsam hochgezogen und mit den Worten zu trösten versucht: „Du hast doch noch drei Kinder, Lene, sie leben und brauchen dich.

Und, Maria ist seine Zwillingsschwester und ein Teil von Karl, vergiss das nicht“. Lene hob das tränenüberströmte Gesicht und sah ihrem Mann in die Augen. Zum ersten Mal bemerkte sie die tiefen Runen, die ihm der Kummer um sein totes Kind ins Gesicht gemeißelt hatte. Er war in den letzten Wochen um Jahre gealtert, sie schämte sich, dass sie sein Leid nicht bemerkt hatte.

Sie klopfte sich die feuchte Erde vom schweren Tuch ihres Rockes, strich ihm über die raue Wange, wandte sich wortlos um und lief schleppenden Schrittes zurück zur Kutsche.

Peter, der ihr langsam folgte, war eine schwere Last vom der Seele genommen. Seine Frau hatte in den Kreis der Familie zurückgefunden, das Leben würde weitergehen, war er sich sicher.

Er hatte sich nicht geirrt. Die tiefe Depression Lenes, die sie in den vergangenen Wochen in ihren Klauen gefangen hielt, war überwunden, und sie war wieder zu der Frau geworden, die er geliebt und geheiratet hatte.

In langen, schlaflosen Nächten aber, wie diese eine war, überfiel sie die Sehnsucht nach dem toten Sohn wie ein wildes Tier und entließ sie erst wieder aus ihren Fängen, wenn Herrmann endlich nach Hause kam.

Für heute hatte er ihr sein spätes Kommen wohlweislich angekündigt, sein bester Freund feierte Geburtstag.

`Vielleicht ist es besser, wenn ich versuchte, ein paar Stunden Schlaf zu finden´, seufzte sie im Stillen. Sie erhob sich, um das Licht zu löschen, als sie die Haustür leise ins Schloss fallen hörte. Gleich darauf huschten leichte Schritte die Treppe hinauf.

Lene wartete ein paar Minuten, bevor sie vor die Haustür trat, von wo aus zu erkennen war, in welchem der Zimmer des Obergeschosses Licht brannte.

Es war das Zimmer ihrer Tochter. Maria stand am Fenster, starrte unbeweglich wie eine Statue in die Nacht. Die Silhouette ihres Körpers zeichnete sich wie ein Scherenschnitt vor dem hellen Hintergrund des beleuchteten Zimmers ab.

Betroffen ging Lene ins Haus zurück und zog leise die Tür hinter sich ins Schloss. Wo war das Mädchen in der Nacht gewesen? Sie würde Maria morgen zur Rede stellen müssen.

`Es trifft sich gut, dass der Rittmeister und sein Adjutant früh am nächsten Morgen ohne Frühstück zum Ort des Manövers aufbrechen‘, überlegte sie, ‚so wird sich die Gelegenheit dazu bieten.´ Als Lene am nächsten Morgen das Esszimmer betrat, das ungewohnt still und leer wirkte, fiel ihr zu ihrem eigenen Erstaunen auf, wie schnell man sich an die Männer gewöhnt hatte. Kaum vorstellbar, dass sie in wenigen Tagen wieder verschwunden waren und dass bald nichts mehr an sie erinnern würde.

Sie ging zur Küche und schickte die Magd unter einem Vorwand hinaus.

Während sie das Geschirr vom Vorabend in den Schrank räumte, beobachtete sie ihre Tochter, die leise vor sich hin summte und mit der kleinen schwarzen Katze spielte, die ihr Ein und Alles war.

`Welch Bild der Unschuld´, dachte Lene und suchte nach den richtigen Worten, um ein Gespräch zu beginnen. `Niemand, der das Mädchen so sieht, würde ihm etwas Unrechtes zutrauen. Und doch hat sie mich hintergangen.´ Da entwand sich die kleine Katze den Händen Marias und flüchtete. Das Mädchen erhob sich, um die Küche zu verlassen.

„Bleib noch einen Augenblick, Maria, ich habe mit dir zu reden“, setzte Lene zu sprechen an, fand aber nicht die richtigen Worte und schwieg schließlich wieder.

Maria blickte ihrer Mutter scheu ins Gesicht. „Du weißt wohl schon, dass ich gestern Abend noch draußen war, nicht wahr, Mutter? Ich hätte dir heute davon erzählt, auch wenn du nicht davon angefangen hättest.“

„Ich werde es deinem Vater sagen müssen, das ist dir hoffentlich klar. Ich denke auch, dass ich weiß, mit wem du dich so spät noch getroffen hast, ohne dass du dafür unser Einverständnis gehabt hättest.“

Die zarte Gestalt des jungen Mädchens richtete sich auf und ihre kindlichen Züge verhärteten sich, als sie ruhig und bestimmt antwortete: „Richtig, es war Franz, der Adjutant des Rittmeisters, und ich liebe ihn“. Trotzig schürzte sie die Lippen und Lene wurde schmerzlich bewusst, welch ein Kind sie noch immer war.

„Du kennst diesen Mann erst seit wenigen Tagen, woher willst du wissen, dass ausgerechnet er der richtige Mann für dich sein soll?“

„Ich weiß es eben“, lächelte Maria und küsste ihre Mutter auf die Stirn, „und wenn ihr mir keine Steine in den Weg legt, werde ich ihn auch heiraten, wenn er mir einen Antrag macht. Wenn du mir wirklich helfen willst, sprich mit Vater darüber, er wird mich verstehen, wenn er sich erst einmal mit Franz länger unterhält.“

Lene sah, dass sich Maria ihrer Sache sicher war und ihren Willen durchsetzen würde, koste es, was es wolle, so kannte sie ihre Tochter. Und ihren Vater würde sie sowieso um den Finger wickeln. Ihnen, den Eltern, blieb es überlassen, dafür zu sorgen, dass die Brautzeit in geregelten Bahnen verlief.

Maria und ihr Zwillingsbruder waren an einem heißen Sommertag im Jahre 1895 zur Welt gekommen, an einem Tag, an dem noch niemand mit ihrer Geburt gerechnet hatte. Nichtsahnend war Peter gerade beim Festnageln der letzten Ziegel auf dem Turm der kleinen Dorfkirche, als unten auf dem Kirchplatz eine kleine Gestalt ihm wild gestikulierend bedeutete, herunterzukommen.

Mit einem letzten, kritischen Blick begutachtete er sein Werk. Die Herbststürme, die den Turm bald umtosen würden und in dieser Höhe ungehindert ihr zerstörerisches Werk verrichten konnten, bestraften selbst die kleinste Nachlässigkeit unnachsichtig. Dann stieg er vorsichtig die engen Stiegen des Turms hinunter und ihm schwante, dass das plötzliche Erscheinen des Knechtes wohl etwas mit der bevorstehenden Niederkunft Lenes zu tun haben musste.

In die letzten Monate der Schwangerschaft hatte seine Frau unter der Hitze des Sommers sehr zu leiden. Gut, wenn diese Schwangerschaft endlich ihr Ende fand und dieses Mal musste das letzte Mal gewesen sein. Er hatte sich fest vorgenommen, sein Möglichstes dazu beizutragen.

Peter war bei der Kutsche angekommen und sah mit Verwunderung das breite Grinsen im Gesicht des Knechtes. Als dieser endlich mit der Sprache herausrückte, ließ er sich sprachlos auf den Kutschbock fallen. Seine Frau hatte ein Pärchen geboren.

`Zwillinge, auch das noch!´ Mit diesem unerwarteten Segen hatte niemand gerechnet. Auf dem Hof angekommen, war er eilig aus der Kutsche geklettert, hatte mit zittrigen Fingern seine Pfeife ausgeklopft und zögernd das Zimmer der Wöchnerin betreten. In den Armen seiner erschöpften Frau lag sein neugeborener Sohn, auf dem Tisch ein schreiendes kleines Bündel, in Windeln gepackt, daneben stand Gust, der fasziniert jede Bewegung der Hebamme verfolgte, die auch ihn zur Welt gebracht hatte. Die ältere Frau forderte Peter auf, das kleine Mädchen auf den Arm zu nehmen, an dem sich sein Blick festgesogen zu haben schien. Sein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen, er hatte eine Tochter.

Vorsichtig nahm er das Bündel auf den Arm und trat zum Bett der Mutter, an deren Brust sein Sohn zufrieden schlummerte. Schlechten Gewissens beugte er sich über den schlafenden Säugling, streichelte ihm mit einer schüchternen, unbeholfenen Bewegung die runzlige Stirn und wandte sich wieder seiner Tochter zu, die so wusste er vom ersten Augenblick an, künftig den ersten Platz in seinem Leben einnehmen würde.

Als Maria zum ersten Mal die Augen geöffnet hatte, waren sie schon von demselben seltsamen Blaugrau, das die Menschen ihrer Umgebung ein ganzes Leben lang für sie einnehmen würde.

`War es ihre geringe Größe und Zierlichkeit, die Beschützerinstinkte nicht nur in mir, ihrem Vater weckten, sondern auch in anderen, die ihr begegneten?´ fragte er sich noch heute. Doch an einigen Anlagen ihrer Gestalt war bereits in ihrer Jugend zu erkennen, dass sie im fortgeschrittenen Alter wohl zur Fülle neigen würde.

Während der Zeit ihres Heranwachsens hütete er sie wie seinen Augapfel und hatte lange Zeit nur vage Pläne, was ihre Zukunft betraf, vor allem aber verdrängte er jeden Gedanken an eine künftige Heirat des Mädchens. Doch es blieb ihm nicht verborgen, dass die Blicke der heiratsfähigen jungen Männer sie immer häufiger verfolgten, je älter sie wurde. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis er sie verlieren würde.

Dieser Zeitpunkt war nun gekommen, wusste er, als Lene ihm von Marias nächtlichem Ausflug berichtete.

Stundenlang wogen sie das Für und Wider einer möglichen Verbindung mit dem Fremden gegeneinander ab und kamen schließlich zu dem Schluss, den Mann, der das Herz ihrer Tochter erobert hatte, nach seiner Rückkehr einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Es würde sich schnell herausstellen, welche Absichten er wirklich verfolgte. Dann erst würden sie ihre Entscheidung treffen und Maria musste sich ihr fügen, noch war sie nicht volljährig.

Das Resultat ihrer Überlegungen teilten sie Maria am nächsten Morgen mit, von da an erwähnte niemand mehr das Geschehene.

Am dritten Tag erklang das vertraute Geräusch der Hufe der Pferde auf dem regennassen Asphaltpflaster. Müde ritten der Rittmeister und sein Adjutant Seite an Seite in den Hof ein, das Manöver war zu Ende.

Kapitel 5

Trotz des flüchtigen, unruhigen Schlafes der letzten Nacht, in der Franz immer und immer wieder aus wirren Träumen aufschreckte, war ihm genug Zeit geblieben, mit sich und seinen Gedanken ins Reine zu kommen.

`Was kann mir Besseres widerfahren als die Zuneigung dieses Mädchens? Sie ist jung und hübsch, stammt aus gutem Hause, und ist auch noch einigermaßen wohlhabend. Wieso sie wohl ausgerechnet in mich verliebt ist? Das ganze Leben liegt noch vor ihr´, fragte er sich.

Für ihn, den zehn Jahre älteren Mann, war es höchste Zeit, endlich sesshaft zu werden, zumal seine Tage beim Militär gezählt waren.

`Es kann nicht anders sein, dieses Mädchen hat mir der Himmel geschickt. Sie wird wohl eine anständige Mitgift erhalten´, überlegte er, schaut man sich den Hof und alles, was dazugehört, an.´Durch sie rückte der Traum von der eigenen Mühle, der längst ausgeträumt schien, wieder in greifbare Nähe. Er entschied sich, noch heute mit Marias Vater zu reden, die Angelegenheit duldete keinen Aufschub mehr. Wenig später setzte er sein Vorhaben in die Tat um, suchte Peter und fand ihn nach kurzer Suche in der großen Halle hinter der Scheune.

Er ahnte nicht, dass er diesem nur zuvor gekommen war und sein unerwartetes Auftauchen bestens in dessen Pläne passte. Noch ehe er mit seinen Fragen beginnen konnte, hatte Franz bereits die Initiative ergriffen und um ihre Hand angehalten.

`Er hat also redliche Absichten, wenigstens das!´ Peter fiel ein Stein vom Herzen und eine Welle der Erleichterung überflutete ihn. `Alles Weitere wird sich finden, wenn er mir seine Verhältnisse offengelegt hat.´ Bedächtig öffnete er die Tür des kleinen, wurmstichigen Schränkchens, das in der dunklen Ecke der Halle kaum auszumachen war, holte aus dessen verborgener Tiefe eine noch fast volle Flasche und zwei Gläser hervor, füllte sie bis zum oberen Rand und reichte eines der Gläser Franz mit den Worten: „Der heutige Tag muss begossen werden“.

Franz kostete vorsichtig von dem wasserfarbigen Getränk und verzog den Mund zu einem anerkennenden Lächeln. „Birnenschnaps bester Güte, das muss der Neid Ihnen lassen“, prostete er dem Bauern zu.

Als sie ihre Gläser geleert hatten, stellte Peter all die Fragen, die ihm seit Tagen auf der Seele brannten. Sie wurden bereitwillig beantwortet und fielen zu seiner Zufriedenheit aus. Doch dass sie nur die halbe Wahrheit waren, war dem unschuldigen Gesicht seines künftigen Schwiegersohnes nicht anzusehen. Das Kind, das ohne Vater und ohne Mutter in Bayern aufwuchs, erwähnte er mit keiner Silbe.

„Gut, dann hätten wir ja alles zur Zufriedenheit geregelt. Ich gehe zur Küche, um die beiden Damen nicht weiter auf die Folter zu spannen.“

„Ich habe den Heiratsantrag deines Künftigen angenommen“, verkündete er mit einem Lächeln im Gesicht und sah seiner Tochter erwartungsvoll in die Augen, als er fortfuhr: „Ich schlage vor, den Hochzeitstermin auf Mitte Oktober festzulegen, wenn dein Bräutigam aus der Armee entlassen ist. Kläre das mit ihm.“

Von nun an hatte das Brautpaar keine Chance mehr, sich heimlich zu treffen.

Stets war jemand anwesend, der sich in ihrer Nähe zu schaffen machte, wenn sie aufeinander trafen, bis endlich die Stunde des Abschieds schlug. Franz machte sich auf den Weg nach Hause, von wo er erst kurz vor der Hochzeit zurückkommen würde

Kapitel 6

Marias Aussteuer war komplett. Kräftiges, blütenweißes Leinen lag sorgfältig gestärkt und geplättet in der schweren, mit kunstvoll verzierten Eisenbeschlägen verschlossenen Eichentruhe und in der Küche waren die Hochzeitsvorbereitungen in vollem Gange. Eine große Zahl Gäste wollte bewirtet werden.

`Wir werden der neuen Verwandtschaft, den Bayern, eine Hochzeit bieten, die denen in ihrer Heimat in nichts nachsteht´, hatte Peter seine Frau angewiesen, nachdem Franz ihnen von den Gepflogenheiten seiner Heimat erzählt hatte.

Mitten in die Hochzeitsvorbereitungen platzte eines Nachmittags Nathan, mit dem Peter noch immer Geschäfte machte und der auch heute wieder die Neuigkeiten der ganzen Umgebung parat hatte. Nachdem die beiden Männer ihren Handel zur beiderseitigen Zufriedenheit abgewickelt hatten, setzten sie sich auf die Bank unter dem alten Apfelbaum, weit weg vom Haus und dem Trubel, der dort herrschte.

„Eine Oase der Ruhe“, seufzte Peter, „wenn dieses Hochzeitstheater nur endlich vorüber ist.“