My Siobhan - Shirley Sennewald - E-Book

My Siobhan E-Book

Shirley Sennewald

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Beschreibung

Ieuan sieht ein Licht am Himmel. Als dieses herab fällt und er danach sucht, findet er stattdessen ein Wesen, welches für immer sein Leben verändert. Doch nur kurz ist ihre Begegnung, und erneut beginnt die Suche. Die Geschichte entspringt dem 18. Jahrhundert. Hexenverbrennungen sind keine Seltenheit. Ieuans Familie ist ausgelöscht, und nun droht auch dem Wesen Unheil.... eine fantastische Liebesgeschichte voller Leidenschaft...die mitten ins Herz geht...

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Shirley Sennewald

My Siobhan

Nicht von dieser Welt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

In den Hallen von Kivale

Erinnerung

Der erste Fall

Die erste Begegnung

Schwarze Tage

Der zweite Fall

Sile und Angus

Auf dem Markt

Eine Nachricht

Der erste Kuss

Trotan

Erscheinung

Erste Leidenschaft

Louis Zimmer

Feuer in Kivale

Aufbruch

Heiße Gier

Tage, wie dieser

Der Vorschlag

Der Wolf

Besuch

Treffen am See

Falsches Spiel

Böse Tat, gute Tat

Dezembernacht

Ein Geschenk

Der achte Tag

Nach Inchagoill

Im Haus des Inquisitors

An den Ufern von Corrib

Das Tor nach Kivale

Abschied

Lennons Pfeil

Impressum neobooks

In den Hallen von Kivale

Helle Aufregung herrschte in den Hallen Kivales. Die bleichen Wesen, die aus Pergament zu sein schienen, schwebten unruhig durch die Nacht. Keine Farbe schmückte sie, dennoch war ihr Anblick außergewöhnlich. Ihre Haut war makellos und eben flächig wie feinst gefertigtes Porzellan.

Ruaidhri stampfte mit seiner königlichen Art vor seinem Thron hin und her. Wie oft hatte er ihr verboten, in den Ebenen zu tanzen? Die Winde waren dort tückisch.

Er konnte ihr nicht helfen, nicht bevor die folgende Nacht heran brach. Erst wenn sich erneut die Dunkelheit übers Land legte, würde er seine Tochter zurück holen können.

„Wie konnte das nur passieren?“, dröhnte seine Stimme durch die gläserne Halle.

Alannah und Pearl, seine beiden jüngeren Töchter schluchzten. Die Ungewissheit über den Verbleib ihrer älteren Schwester ließ sie bitteren Tränen weinen, die sich wie ein Regenmeer über die Wiesen des gesamten Countys ergossen.

Alle im Reich waren durcheinander und aufgebracht. Niemand traute sich nur einen Mucks zu sagen oder zu denken.

Ihr König herrschte über den Wolken, im Reich Kivales. Doch auf der Erde war seine Macht begrenzt.

„Was wirst du nun tun?“, schrieb Alannah mit kivalischen Buchstaben auf den Wolkenteppich neben den Thron ihres Vaters.

Ruaidhri blickte, wissend, dass die Sonne sich schon bald über die Ebenen von Maurice legen würde, zum westlichen Horizont. Entschlossen griff er sein aus Malera bestehendes Zepter und richtete es auf die Kastanie, unter der Siobhan verweilte.

Sie versteckte sich in der schützenden Dunkelheit unter der Baumwurzel. Ihrem kindlichen Tanze verfallen, missachtete sie die Verbote ihres Vaters und verirrte sich in den sehnsüchtigen Küssen der Erde. Sollten die ersten Sonnenstrahlen sie berühren, würde sie augenblicklich verbrennen. Verängstigt harrte sie aus im Schutz des Morgennebels, der sich wie eine Decke über den Waldboden legte.

In den Fängen des Waldes war ihre Hülle nur ein Hauch von irgendwas. Auch mit gezieltem Blick konnte man sie nur erahnen. Siobhan war perfekt getarnt.

Ruaidhri schickte einen Blitz los. Und sein Schlag traf genau in ihr Herz. Ein Schrei, gleich dem eines Kindes, durchbrach die nächtliche Stille des Waldes im selben Moment, da das erste Licht des Morgens ihren Körper erreichte.

Erinnerung

Irland/Oktober 1783

Ieuan saß wie an so vielen Abenden unter der alten, knorrigen Eiche, die mit ihrem gewaltigen Wuchs alle Bäume des Waldes überragte. Ihre Blätter schienen wie jedes Jahr dem Herbst zu trotzen.

Es war der schönste Ort am Rande von Clar Cloinne Mhuiris. Die Dorfbewohner nannten ihn die 'Ebene von Maurice'. Den Namen hat sie vom normannischen Eroberer Maurice de Prendergast, der um 1170 dies Land sein Eigen nannte.

Schon seine Mutter liebte diesen Ort. Als Ieuan gerade fünf Jahre alt war, wanderte Màire mit ihm ins Tal.

Viele Jahre vergingen seit her. Und viele Tage und Nächte quälten ihn seine Erinnerungen an die Zeit seiner Kindheit. So auch jener Tag im November 1758:

Sein Vater Aidan hatte drei Tage und Nächte in den Wäldern westlich von hier gelauert. Der kalte Wind und die immer andauernde Feuchtigkeit hatten ihm ordentlich zugesetzt. Am vierten Tag kam er erschöpft, doch erfolgreich von der Jagd. Die Hungersnot sollte nun ein Ende haben. Das Schwein, das Aidan erlegt hatte, stand allerdings selbst kurz vor dem Hungertod. Und damit war nicht viel Fleisch an ihm. Aber es sollte für die nächsten Wochen reichen.

„Ich werde mich an die Arbeit machen und das arme Tier abziehen“, sprach Màire, endlich wieder Hoffnung schöpfend.

„Lennon, Ieuan, lauft schnell in den Wald und holt Holz!“

„Heute Nacht werden wir satt zu Bett gehen.“

Aidan rieb sich den knurrenden Bauch, als befände der saftige Braten sich bereits in ihm. Die Sorge in den müden Augen des Vaters war verschwunden. Das gefiel Ieuan sehr.

Die Jungen flitzten wie der Wind, der sie flugs ins Tal führte.

„Lass uns nach rechts gehen.“

„Aber dort ist das Moor. Da dürfen wir nicht hin.“

Ieuan wusste, ihr Vater würde sie hart bestrafen.

Da liegt massenhaft trockenes Holz. Ich sah es schon beim letzten Mond. Wir brauchen es nur noch einsammeln."

„Aber wir werden großen Ärger bekommen.“

Lennon war sieben Jahre älter als Ieuan und ignorierte seine Worte. Er rannte, von seinem Schatten gejagt. Er schien beinah abzuheben. Sein braunes Haar hüpfte bei jedem Sprung mit und fiel zunehmend schwerer vom feuchten Hauch des aufsteigenden Abendnebels auf seine schmalen Schultern.

Ieuan konnte ihm nicht folgen. Seine kleinen Füße trugen ihn nicht schnell genug. Sie hatten seit Tagen so gut wie nichts gegessen. Und der Hunger zeichnete seinen kleinen Körper am meisten. Die scharfen Halme des Moores schnitten ihn zwischen seine Zehen. Die kalte Nässe kroch in seinen Körper. Und etwas hatte ihn in die Wade gebissen. Es brannte wie Feuer. Doch die Wut über Lennons Ignoranz ließ ihn durchhalten.Völlig außer Atem erreichte er schließlich seinen Bruder, nur um die Worte deutlicher zu wiederholen:

„Aber wir werden großen Ärger bekommen.“

Sein großer Bruder riss die Arme weit zu den Sternen, und jeder Zug in seinem Gesicht jubelte. Sein Blick zeigte auf einen umgefallenen Baum, der auf dem Moorboden über einem Graben lag.

„Was habe ich dir gesagt? Wir brauchen nur noch alles zusammenbinden. Und dann nach Hause.“

Die Kiefer musste im vergangenen Herbst der starke Sturm umgerissen haben. Es war genau zu sehen, an welcher Stelle das Unwetter sie brach.

Ieuan hatte noch nicht die Kraft, Zweige und Äste zu brechen. Er sammelte einfach nur das herumliegende Holz und packte es auf einen Haufen. Beide machten sich keine Gedanken darüber, wie sie es den ganzen Weg zurück tragen sollten.

Lennon trat gegen die dicksten Äste und sprang auf ihnen herum. Der erste Sprung gab den Takt an. Er tanzte auf den Ästen. Die Zweige wippten mit, und er fühlte den Trommelschlag unter seinen nackten Füssen. Er trat und sprang, und sprang und trat. Und dann passierte es.

Er rutsche ab und fiel in den Graben.

Es war tief genug, dass ein spitzer Ast sich in seinen Brustkorb bohrte.

Dieses Bild brannte sich für immer in Ieuans Kopf.

Die ganze lange Nacht schluchzte er, legte sich auf die Brust des Toten. Bis zur Erschöpfung weinte er und wischte sich die Tränen von den Wangen, und so vermischte sich das Nass auf seinem Gesicht mit dem Blut von Lennon. In diesen Stunden verschwand die Unschuld, die Reinheit aus dem Gesicht des Vierjährigen. Seine Augen hatten den kindlichen Blick verloren. Die zusammengepressten Lippen verrieten seine Verzweiflung. Er hoffte so sehr, dass bald jemand käme. In seinen Gedanken wiederholte er den immer gleichen Satz:

Das ist nicht fair, Vater wird schimpfen, weil wir nicht auf ihn gehört haben.

Und sein winziger Körper krümmte sich vor Hunger, Angst und Kälte.

Doch Aidan Ó Briain schimpfte nicht, als er seine beiden Söhne am nächsten Morgen fand. Schweigend nahm er Ieuans Hand und hob seinen kleinen, erschöpften Körper hoch und drückte ihn an sich. Sein Blick richtete sich zögernd auf seinen Erstgeborenen. Das Leid schmerzte in jedem seiner Glieder, auf jedem Zentimeter seiner Haut.

Nein, er schimpfte nicht. Er schimpfte nie wieder seit jenem Tag.

Der erste Fall

Oktober 1783

Der Wind wehte mild über die satten Wiesen. Immerzu schienen sie grün. Das Land des ewigen Frühlings. Die reine Luft ließ Ieuan vergessen, ließ ihn ziehen für einen Augenblick. Zu tief noch saß der Schmerz, den er erleiden musste. Wird er je wieder lieben können ? Wird sein unendlicher Hass auf die Engländer sein ständiger Begleiter sein?

Sie waren verantwortlich.

Zu viele derer, die er kannte, mussten ihr Leben lassen, ob in Krankheit, vor Hunger oder im scheinbar aussichtslosen Kampf um ihre Freiheit.

Auch sein Vater wurde Opfer. Er starb vor einigen Wochen. Eine mysteriöse Krankheit, sagte Lennon Mac Suibhne. Er war der beste Freund seines Vater. In vielen Schlachten und Aufständen gingen sie Seite an Seite. Dreimal schon rettete er Aidan das Leben.

Und wofür?

Für nur noch mehr Leid?

Dafür, dass er in seinem Bett dahinsiechte wie ein kranker Hund?

Dafür, dass er seiner Frau Màire beim Sterben zusehen musste?

Dafür, dass er so viele um sich herum sterben sah?

Ieuan war wütend, und es gab niemanden, dem er das sagen konnte. Er saß allein unter der alten, knorrigen Eiche. Seine grauen Augen starrten abwesend auf die Wurzelenden, die sich wie Finger in den Boden gruben. Die Rinde rieb an seinem Rücken. Und ein Ast schwankte in den Fängen des Windes hin und her. Ieuans Blick folgte ihm.

Schon Großvater erzählte von der alten, knorrigen Eiche, die alles hören und sehen konnte.

Welche Geheimnisse verbarg sie wohl unter ihrer warmen, schützenden Rinde?

Ieuan lauschte dem Rascheln der herabfallenden Blätter.

Sie kam in die Jahre. Es war noch nicht einmal November und sie verlor schon ihre Blätter.

Die Kräuter und der Pinienduft badeten im Westwind und legten sich müde auf Ieuans Gesicht. Seine Lider wurden schwer. Sein Kopf schmerzte. Zu viele Gedanken durchstreiften sein Hirn. Ein Donnergrollen fuhr durchs Firmament und legte sich tonnenschwer auf seine Schläfen.

In den Ebenen von Maurice zog ein starker Sturm auf. Die Wolken zogen schneller als gewöhnlich vorbei. Ein Teppich aus Laub, Sand und Blüten verschiedenster Art legte sich übers Land.

Wenn es am Horizont auch noch finster war, konnte man doch die ersten Sonnenstrahlen schon erahnen. Die Winde kreiselten über jeden Zentimeter der Erde, so als suchten sie nach etwas.

Ieuan zuckte zusammen, als auch er durchstöbert wurde. Seine Augen öffneten sich im selben Moment, als fünfhundert Meter westlich von ihm, neben den Mooren etwas vom Himmel zu fallen schien. Ein heller Lichtstrahl zwang ihn, die Augen zuzukneifen. Er konnte nicht genau erkennen, was es war.

Schnell sprang er auf, wollte loslaufen und nachschauen. Seine Füße rutschten im nassen Gras aus. Der Hunger hatte seinem Körper stark zugesetzt, und er hatte in den letzten Monaten mehr als zwanzig Pfund verloren. Doch Beine und Arme trugen eine schwere Last. Es fiel ihm schwer zu laufen. Und jeder Meter, den er dem Moor näher kam, wurde zu einem gefühlten Tagesmarsch.

Seit dem Tod seines Bruders hatte er das Moor immer gemieden.

Heute war es anders. Etwas außergewöhnliches hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nicht zu erklären war das, was seine Augen vor Sekunden erspähten. Für einen Vogel war es zu schnell und auch zu groß. Etwas war aus den Wolken gefallen. Ieuan musste unbedingt wissen, was es war.

Die erste Begegnung

Siobhans Augen waren geschlossen. Der Schutzzauber, mit dem ihr Vater sie belegte, marterte ihren zerbrechlichen Körper. Ihr braunes Haar verriet einen Hauch von Gold, es legte sich mit sanften Wellen über ihr makellos schönes Gesicht. Ihr Körper war nackt und wirkte grazil und gebrechlich, nur geschützt von der Kastanienwurzel. Ihre Haut war so ebenmäßig und rein und straff, dass sie wie eine Hülle wirkte. Ihre Seele lief völlig wirr durch ihre Träume, die ihren Kopf im Schlaf durchströmten.

Ieuan schleppte sich durch den Tag, den Abend und die heran brechende folgende Nacht. Seine mageren Waden waren von dem Gestrüpp, das er durchwanderte, völlig zerkratzt. Ohne es zu ahnen, hatte er den richtigen Weg genommen. Nur bewegte er sich kurz vor dem Ziel ständig im Kreis. Erschöpft blieb er schließlich stehen und schaute sich vorsichtig um, sofern seine Augen in der Finsternis etwas erblicken konnten. Da war nichts, nur göttliche Stille.

Ging er sonst nächtens durch diese Wälder, wurde er immer von den neugierigen Augen der Baumbewohner beobachtet. Und es knisterte und knarrte und raschelte. In dieser Nacht schien selbst sein Herz lautlos zu schlagen.

Gerade kam ihm der Gedanke, vielleicht von seinen Augen getäuscht worden zu sein, vielleicht ist doch nichts vom Himmel gefallen. Wie konnte das auch sein. Sicher hatte er nur einen Vogel gesehen,der nun verendet hier irgendwo in den Büschen lag.

Siobhan öffnete ihre Augen, es war anders wie sonst zu sehen, klarer und dennoch nebulös. Der Körper schien ihr voll und rund. Das Atmen fiel ihr schwer.

Sie hatte keine Kraft in den Beinen, und Gleichgewicht war praktisch nicht vorhanden. Sie wollte sich irgendwo festhalten, um sich aufzurichten. Der Ast, nach dem sie griff, rutschte allerdings durch ihre Finger, da auch sie grazil und gebrechlich waren. Ein unweigerliches Aaah entwich ihrem Mund, und sie erschrak so sehr vor ihrer eigenen Stimme, dass sie aufsprang ohne das Gefühl jeder Anstrengung.

Da stand sie, verwirrt, makellos schön und nackt.

Und Ieuan erstarrte, als er sie vor sich sah.

Allem Anstand zum Trotz konnte er seine Blicke nicht von ihrem perfekt proportionierten Körper lassen.

„Das ist sehr unhöflich“, dachte sie eigentlich nur, doch die Worte waren ihrem Mund bereits entfleucht.

Aus seinem Wachtraum herausgerissen, öffnete er nervös und ungelenk sein Lèine, das Band, welches er um seine Hüften trug. Schnell zog er das Hemd über den Kopf, und nein, er zog sich nicht aus, um ihr gleich zu tun, er reichte es ihr langsam herüber. Gerade streckte sie ihre Hand aus, um es zu greifen, als ein lautes Donnern den Himmel erfüllte. Beide erschraken.

Ruaidhri schickte zwei Blitze los. Einer traf Ieuan, der sogleich das Bewusstsein verlor. Der andere machte Siobhan wieder zu dem, was sie war. Nur ein Hauch voller Gedanken, getragen vom Nebel zog sie gen Himmel. Wie ein flüchtiger Kuss streifte sie die schorfige Wange des Fremden zum Abschied.

In tiefer Nacht durchfuhr ihn ein Zucken. Und in der Sekunde, da sich seine Augen wieder öffneten, suchten seine Blicke sogleich die Verschollene. Die vorher herrschende Finsternis wurde nun durch den Mondschein verdrängt, der ein so wundervolles Schattenspiel in die Landschaft zauberte, dass Ieuan für einen Moment dachte, er würde sich noch immer in einem Traum befinden. Der Mond war voll und stand weit oben. Seine Helligkeit ließ nichts ungesehen.

So suchte Ieuan Ò Briain nach der Frau, die von nun an sein Leben verändern sollte.

Schwarze Tage

„Du musst ihn vergessen!“

Seine Worte waren streng und bestimmend und schienen endgültig.

Siobhan weinte bittere Tränen.

„Ich kann ihn nicht vergessen. Als ich einen Körper hatte, konnte ich fühlen, wie mein Herz schlägt - für ihn, Vater.“

„Er ist ein Erdling. Ich befehle dir, ihn zu vergessen!“

Sie hatte sich in ihrer Trauer vergraben. Nicht ein einziges Mal mehr hatte sie getanzt. Ihr farbloser Körper regte sich nicht mehr, sie wirkte unsichtbar, kein Gedanke durchlief sie, kein Gefühl der Trauer und des Schmerzes regte sich in ihr. Ihre pergamentscheinende Hülle wirkte nun wie Glas. Niemand konnte ihren Geist erreichen. Ihre Schwestern machten sich Sorgen.

„Vater, du musst sie gehen lassen!“, Pearls Stimme durchdrang die Ohren des Königs wie ein Pfahl aus Eis.

Ruaidhris Blick ruhte auf dem Haus des Bogners. Er beobachtete ihn unaufhörlich seit jener Nacht. Tief im Innern wusste er, seine Tochter würde ihn bis ans Ende ihrer Tage verachten für seine Sturheit.

„Vater, du musst dich entscheiden.“

„Ich soll sie da runter schicken in dieses Elend?“

Alannah trat hervor, seine Jüngste. Mit sanfter Stimme sprach sie in sein Ohr: „Wir werden sie verlieren.“

„Ich hab sie doch schon verloren“, sprach er mit einem Grollen, das die Kraft seiner Worte unterstützte.

„Sie liebt dich doch.“

„Ist sie nah, ist sie dir fern. Und ist sie fern, wird sie dir nah sein. Du musst dich entscheiden!“

Pearl streifte die Hand ihres Vaters mit ihrer ganzen Wärme: „Gib ihr einen Körper! Nur du kannst das.“

Die Entscheidung war bereits gefallen. Doch versuchte ein letzter Zweifel seine Gedanken zu verlassen.

„Ich soll sie da runter schicken, da wo die Männer sich seit Jahrhunderten auf den Feldern abschlachten wie Vieh, und ihre Frauen verbrennen auf Scheiterhaufen ? Wie könnte ich das tun?“

Clar Cloinne Mhuiris/November 1783:

Seine Verzweiflung ließ das Wetter über dem County unberechenbar werden. In einer Minute schien die Sonne, der Wind wehte gleichmäßig von Westen her, und Sile Ò Ceallaigh hängte ihre Wäsche auf.

In der anderen Minute zogen finstere Wolken auf und der Regen prasselte im 45° Winkel auf Siles frische Wäsche, die sie sogleich wieder abnahm.

Dann schien wieder die Sonne. Sile schaute misstrauisch und hängte nach kurzem Zögern ihre Wäsche wieder auf.

Dann zogen Wolken auf, finsterer noch. Sile schnaubte und riss die Sachen wieder von der Leine. Und so ging das stundenlang.

Währenddessen hockte Ieuan in seinem Haus aus Stein und Lehm, eigentlich war es nur eine Hütte, und er fühlte sich hier schon lange nicht mehr zu Hause. Das Dach musste repariert werden, die Tür schloss nicht mehr richtig. Eines der drei Fenster im vorderen Teil war zu gehangen. Seit Monaten hatte niemand mehr den Boden gefegt oder Staub gewischt. Es war schummerig. Jegliches Gefühl von häuslicher Geborgenheit war im März diesen Jahres mit seiner Mutter gestorben. Ieuan erinnerte sich an diesen furchtbaren Tag und ihre Worte:

„Es ist ein Ende abzusehen, mein Sohn.“

Was sie damit meinte, wusste er damals noch nicht. Máire sagte es jedes mal, wenn sie zu der alten, knochigen Eiche kamen. Der Baum war riesig und wirkte beinah lebendig. Wenn Ieuan unter ihm im dichten Gras lag, schienen seine gewaltigen Äste vom Wind getrieben nach ihm zu greifen.

Ieuan wurde älter, wuchs heran, und mit ihm das Wissen, welches das Geschehen um ihn herum betraf. Es wurde seltener, aber der Geruch, der widerliche Gestank brannte sich in seine Nase. Eigentlich waren die schlimmsten Zeiten der Hexenverfolgung und Verbrennung in Irland bereits vorbei. Und sie hatten noch Glück gehabt. In Mitteleuropa , erinnerte er sich gehört zu haben, gab es Tausende, meist Frauen und auch deren Kinder, die sie auf den Scheiterhaufen verbrannten. Doch es gab auch hier immer irgendeinen von teuflischem Ehrgeiz getriebenen Inquisitor, der einen Grund für eine Anklage fand.

Ieuans Körper spannte sich an, jeder Muskel verhärtete sich. Und im schummerigen Licht der Kerzen konnte man meinen, sein Körper sei in Bronze gegossen. Wie glühende Kohle hatten sich die Worte seiner Cousine von jenem Tag in sein Hirn gebrannt:

"Sie sind hinter mir her. Sie wollen mich töten! Lasst nicht zu, dass sie mir weh tun!"

„Caoimhe, beruhige dich!“

Máire holte sie ins Haus und nahm ihr den durchnässten Umhang ab. Ihr Gesicht war mit Blut und Dreck verschmiert.

Ieuan saß in der Ecke und schnitzte Pfeile für die Jagd. Er war groß gewachsen wie sein Vater. Und er hatte den Schein der Abendsonne im Gesicht, der sich durch die Fensteröffnungen quälte.

Stumm und Anteillos verfolgte er das hastige Gespräch zwischen Caoimhe und seiner Mutter.

„Sie werden dich nicht auf den Scheiterhaufen bringen. Sie haben keine Beweise.“

„Sie brauchen keine Beweise. Letzten Monat nahmen sie die junge Brighid Ó Riagáin und ihren erst drei Jahre alten Sohn Fearghas fest. Nur einen Tag später wurden sie beide verurteilt und verbrannt.“

Caoimhe zitterte am ganzen Leib. Die Angst schnürte ihren Hals so eng, dass sie nur noch flüsterte. Máire schüttelte ihren Kopf unweigerlich hin und her, nicht verstehend, was hier passierte. Sie wollte ihr Trost spenden und hielt ihre Hände. Sie waren geschwitzt und kalt.

„Was war die Anklage?“

Caoimhe trank hastig einen Schluck Wasser, den Máire ihr in einem Tonbecher gereicht hatte.

„Für uns brauchen sie doch keine Anklage. Wir sind Frauen, Mütter.“

Sie schluchzte und rang nach Atem, bevor sie weiter reden konnte.