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An einem Sommertag erscheint Johan Nilsen Nagel in einer kleinen norwegischen Küstenstadt – niemand kennt ihn, niemand weiß, woher er kommt oder was er sucht. Er trägt einen gelben Anzug, eine Geige, die er angeblich nicht spielen kann, und eine Tasche voller Geheimnisse. Schon bald wirbelt er das träge Leben der Kleinstadt durcheinander: Er provoziert, er verführt, er lügt – und er liebt auf eine Art, die niemand versteht. Nagel ist ein Mensch des Widerspruchs. Er verachtet die Gesellschaft und sehnt sich nach ihr. Er ist charmant und erschreckend zugleich, ein Meister der Täuschung, der vielleicht niemanden so sehr täuscht wie sich selbst. Zwischen seiner leidenschaftlichen Faszination für die rätselhafte Dagny und seiner seltsamen Zuneigung zu dem verachteten Außenseiter offenbart sich ein Mann, der an der Welt leidet – und an sich selbst. Knut Hamsuns "Mysterien" ist ein verstörender, hypnotischer Roman über Einsamkeit, Wahnsinn und die dunklen Abgründe der menschlichen Seele. Ein Buch, das keine einfachen Antworten gibt – und gerade deshalb nicht mehr loslässt.
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Seitenzahl: 504
Veröffentlichungsjahr: 2026
Mysterien
KNUT HAMSUN
Mysterien, Knut Hamsun
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
86450 Altenmünster, Loschberg 9
Deutschland
ISBN:9783988682888
Quelle: https://www.google.de/books/edition/Mysterien_Roman _K%C3%B6ln_usw_Langen_1894/
Übersetzerin: Marie von Borch
www.jazzybee-verlag.de
INHALT
I.1
II.8
ΙΙΙ.16
IV.25
V.38
VI.46
VII.59
VIII.75
IX.94
Χ.106
XI.119
XII.130
XIII.138
XIV.155
XV.167
XVI.177
XVII.198
XVIII.204
XIX.219
XX.227
XXI.235
XXII.244
XXIII.251
Um die Mitte des vorigen Sommers war eine kleine norwegische Küstenstadt der Schauplatz mehrerer ganz ungewöhnlicher Begebenheiten. Ein Fremder tauchte in der Stadt auf, ein gewisser Nagel, ein merkwürdiger und eigentümlicher Scharlatan, der eine Menge auffallender Dinge beging, und ebenso plötzlich, wie er gekommen war, wieder verschwand. Dieser Mann erhielt sogar den Besuch einer jungen, geheimnisvollen Dame, die aus Gott weiß welcher Veranlassung kam und sich nicht länger als ein paar Stunden am Orte aushalten durfte, bevor sie wieder abreiste. Aber dies alles ist nicht der Anfang …
Der Anfang ist der: als das Dampfschiff gegen 6 Uhr abends am Quai anlegte, zeigten sich auf dem Verdeck zwei, drei Reisende; unter diesen ein Mann in auffallendem, gelbem Anzuge und einer weißen Samtmütze. Es war am Abend des 12. Juni; denn an diesem Tage flaggten gerade viele Häuser der Stadt zur Feier der Verlobung von Fräulein Kielland, die genau am 12. Juni stattfand. Der Hausknecht vom Zentralhotel ging sofort an Bord, und der Mann im gelben Anzuge übergab ihm seine Sachen; zugleich gab er auch einem der Steuerleute sein Billet; dann aber begann er auf dem Verdeck hin und her zu gehen, ohne sich an Land zu begeben. Er schien heftig erregt zu sein. Als es zum dritten Mal läutete, hatte er dem Restaurateur noch nicht einmal seine Rechnung bezahlt.
Als er dann im Begriff war, dies zu tun, hielt er plötzlich inne, weil er sah, dass das Schiff schon abstieß. Er stutzte einen Augenblick, dann winkte er über die Brüstung dem Hausknecht zu, der am Land stand, und rief: „Schon gut, tragen Sie meine Sachen hinauf und lassen Sie immerhin ein Zimmer bereithalten."
Und damit trug das Schiff ihn weiter hinein in den Fjord.
Dieser Mann war Johann Nilsen Nagel.
Der Hotelbedienstete schob sein Gepäck auf einer Karre fort, nur zwei kleine Koffer und einen Pelz, –– auch einen Pelz, obgleich es mitten im Sommer war, –– außerdem einen Handkoffer und einen Violinkasten. Alles ohne Namen.
Tags darauf fuhr Johann Nagel am Hotel vor; er kam mit zwei Pferden den Landweg gefahren. Er hätte ebenso gut, ja, noch leichter, den Seeweg nehmen können, und dennoch kam er gefahren. Er brachte noch einiges Gepäck mit: auf dem Rücksitz stand ein Koffer, und neben diesem lagen eine Reisetasche, ein Rock und ein Plaidriemen, der einige Sachen enthielt. Auf dem Plaidriemen stand J. N. N. mit Perlen gestickt.
Als er noch im Wagen saß, fragte er den Wirt schon nach seinem Zimmer, und als man ihn in die zweite Etage hinauf wies, begann er die Wände zu untersuchen, wie dick sie seien, und ob man in den Nebenzimmern etwas hören könne. Dann fragte er plötzlich das Stubenmädchen:
„Wie heißen Sie?"
„Sara."
„Sara." Und dann: „kann ich etwas zu essen bekommen? Sie heißen also Sara? Sagen Sie mal", sagte er von neuem, ist in diesem Hause einmal eine Apotheke gewesen?"
Sara entgegnete verwundert:
„Ja. Aber das ist schon mehrere Jahre her."
„So? Mehrere Jahre? Ja, es fiel mir in dem Augenblick ein, als ich in den Korridor trat. Ich merkte es nicht an dem Geruch, aber trotzdem hatte ich es im Gefühl. Ja, ja."
Als er zum Speisen hinunterkam, machte er während der ganzen Mahlzeit nicht ein einziges Mal den Mund zum Sprechen auf. Seine Reisegefährten vom Dampfschiff am Abend vorher, die beiden Herren, die oben am Tische saßen, machten einander Zeichen zu, als er eintrat, und trieben ziemlich unverhohlen ihren Spaß über sein Unglück von gestern, ohne dass er tat, als ob er es höre. Er speiste schnell, lehnte das Dessert kopfschüttelnd ab und erhob sich plötzlich, indem er sich rücklings über das Taburett gleiten ließ. Gleich darauf zündete er sich eine Zigarre an und verschwand, die Straße hinunter.
Und nun blieb er bis lange nach Mitternacht aus; er kam zurück, kurz bevor es 3 Uhr schlug. Wo war er gewesen? Es erwies sich später, dass er in die Nachbarstadt zurück gegangen war, den ganzen langen Hin- und Rückweg, den er am Vormittag gefahren war. Er musste eine sehr dringende Angelegenheit zu erledigen gehabt haben. Als Sara ihm die Tür aufschloss, war er durchnässt von Schweiß; er lachte dem Mädchen jedoch mehreremal zu und war in ausgezeichneter Laune.
„Gott, welchen herrlichen Nacken Sie haben, Sie Frauenzimmer!" sagte er. „Ist etwas mit der Post für mich gekommen, während ich fort war? Für Nagel, Johann Nagel? Uff! Ganze drei Telegramme! Ach, tun Sie mir den Gefallen und nehmen Sie dort das Bild von der Wand. Damit ich es nicht immer vor Augen habe. Es ist so widerlich, hier im Bett liegen und es fortwährend ansehen zu müssen. Napoleon III. hatte nämlich keinen so grünen Bart. - Danke bestens!"
Als Sara fort war, blieb Nagel mitten im Zimmer stehen. Er stand ganz still. Völlig abwesend begann er, auf einen einzelnen Punkt an der Wand zu starren, und abgesehen davon, dass sein Kopf immer mehr und mehr auf die eine Seite sank, bewegte er sich nicht. Das dauerte eine lange Weile.
Er war unter Mittelgröße und hatte ein braunes Gesicht mit seltsam dunklem Blick und feinem, frauenhaftem Munde. An einem Finger trug er einen einfachen Ring aus Blei oder Eisen. Er war sehr breitschulterig und mochte achtundzwanzig, dreißig Jahre alt sein, jedenfalls nicht über dreißig. An den Schläfen begann sein Haar zu ergrauen.
Mit einem scharfen Ruck fuhr er aus seinem Sinnen auf, so scharf, dass es fast wie gemacht aussah; genau, als ob er lange gestanden und über diesen Ruck nachgedacht hätte, obgleich er allein im Zimmer war. Daun zog er einige Schlüssel aus der Hosentasche, ein wenig Kleingeld und irgendeine Rettungsmedaille an traurig zugerichtetem Bande; diese Dinge legte er auf den Tisch vor seinem Bette. Dann schob er seine Brieftasche unter das Kopfkissen und nahm aus der Westentasche seine Uhr und ein Fläschchen, eine kleine Medizinflasche mit Giftzeichen darauf. Er hielt die Uhr einen Augenblick in der Hand, bevor er sie hinlegte, das Glas aber steckte er sofort wieder in die Tasche. Darauf zog er den Ring ab und wusch sich; das Haar strich er mit den Fingern zurück, den Spiegel benutzte er gar nicht.
Er war bereits zu Bett gegangen, als er plötzlich seinen Ring vermisste, der vergessen auf dem Waschtisch lag, und als ob er nicht ohne diesen elenden Eisenring sein könne, stand er auf und steckte ihn wieder an. Schließlich öffnete er die drei Telegramme, hatte aber noch nicht einmal das erste durchgelesen, als er kurz und leise auflachte. Er lag und lachte allein vor sich hin; seine Zähne waren außerordentlich hübsch. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst, und gleich darauf schleuderte er die Telegramme mit der größten Gleichgültigkeit fort. Sie schienen sich aber trotzdem auf eine große und wichtige Sache zu beziehen; es war darin die Rede von zweiundsechzigtausend Kronen für ein Gut, ja, sogar von einem Anerbieten, die ganze Summe bar auszubezahlen, wenn die Sache zustande käme. Es waren trockne, kurze Geschäftstelegramme, und es war gar nichts Lächerliches daran; aber sie trugen keine Unterschrift. Ein paar Minuten drauf war Nagel eingeschlafen. Die beiden Kerzen, die auf dem Tische brannten, und die auszulöschen er vergessen hatte, erhellten sein glatt rasiertes Gesicht und seine Brust, und warfen einen leichten Schein auf die Telegramme, die weit offen auf dem Tische lagen …
Am nächsten Morgen schickte Johann Nagel einen Boten nach dem Posthause, und erhielt mehrere Zeitungen, darunter auch ein paar ausländische, jedoch keine Briefe. Seinen Violinkasten nahm er und stellte ihn auf einen Stuhl mitten im Zimmer, so recht, als ob er ihn zeigen wollte; aber er öffnete ihn nicht und ließ das Instrument unberührt liegen.
Im Laufe des Vormittags schrieb er nur ein paar Briefe und ging im Zimmer lesend auf und nieder. Außerdem kaufte er in einem Laden ein Paar Handschuhe, und etwas später, als er auf den Markt kam, bezahlte er zehn Kronen für einen kleinen roten Hund, den er gleich darauf dem Hotelwirt verehrte. Den jungen Hund hatte er zum Gaudium aller Leute Jacobsen getauft, obgleich es obendrein noch eine Hündin war.
Er unternahm also während des ganzen Tages nichts. Er hatte keine Geschäfte in der Stadt und machte keine Visiten, suchte keines der Bureaux auf und kannte keine Seele. Im Hotel wunderte man sich ein wenig über seine auffallende Gleichgültigkeit gegen alles Mögliche, ja, sogar für seine eigenen Angelegenheiten. So lagen die Telegramme noch für jedermann offen auf dem Tische in seinem Zimmer; er hatte sie nicht angerührt, seitdem sie am Abend vorher eingetroffen. Er unterließ es auch, auf direkte Fragen zu antworten. Der Wirt hatte zweimal versucht, aus ihm herauszubekommen, was er sei und weshalb er nach der Stadt gekommen, aber er war beide Mal darüber weggegangen, als ob ihn das gar nicht angehe. Noch ein eigentümlicher Zug trat im Laufe des Tages bei ihm ans Licht; obgleich er absolut keinen Menschen am Orte kannte, war er trotzdem am Eingange zum Kirchhof vor einer der jungen Damen der Stadt stehen geblieben, hatte sie angesehen und sie darauf sehr tief gegrüßt, ohne ein Wort der Erklärung zu geben. Die betreffende Dame war über und über vot geworden. Darauf war der freche Mensch die Landstraße hinauf geschlendert, bis an das Pfarrhaus und darüber hinaus, –– etwas, das er auch während der folgenden Tage wiederholte. Man musste beständig die Haustür seinetwegen wieder ausschließen, nachdem das Hotel am Abend bereits geschlossen war; so spät kehrte er von seinen Wanderungen zurück.
Dann wurde er am dritten Morgen, gerade, als er aus seinem Zimmer trat, von dem Wirte angesprochen, der ihn begrüßte und ihm ein paar liebenswürdige Worte sagte. Sie traten auf die Veranda hinaus und setzten sich beide; hier fand der Wirt Veranlassung, eine Frage in Bezug auf die Versendung einer Kiste mit frischen Fischen an ihn zu richten.
„Können Sie mir wohl sagen, wie ich die Kiste verschicken muss?"
Nagel warf einen Blick auf die Kiste, lächelte und schüttelte den Kopf.
„Nein, darauf verstehe ich mich nicht", entgegnete er.
„Also nicht? Ich dachte, Sie seien vielleicht viel gereist und hätten gesehen, wie man das anderswo macht."
„Oh ja, gereist bin ich wohl; aber ...."
Pause.
„So –– dann haben Sie sich wohl meist mit anderen Dingen, ja, mit …Sie sind vielleicht kein Geschäftsmann?"
„Ich? Nein. Ich bin kein Geschäftsmann."
„Sie halten sich also nicht Geschäfte halber in der Stadt auf?"
Hierauf antwortete Nagel nicht mehr. Er zündete eine Zigarre an und rauchte langsam, indem er ins Blaue hineinsah. Der Wirt beobachtete ihn von der Seite.
„Wollen Sie uns nicht einmal etwas vorspielen? Ich sehe, Sie haben eine Violine mitgebracht," begann der Wirt von neuem.
Nagel entgegnete gleichgültig:
„Ach nein, das habe ich ausgegeben."
Gleich darauf erhob er sich ohne weiteres und ging. Einen Augenblick später kam er zurück und sagte:
„Hören Sie mal, da fällt mir ein, Sie können mir die Rechnung geben, wenn Sie wollen. Es ist mir ja gleichgültig, wann ich bezahle."
„Oh, das eilt nicht", erwiderte der Wirt. „Wenn Sie länger hierbleiben, müssen wir es ja billiger berechnen. Ich weiß nicht, ob Sie beabsichtigen, längere Zeit hier zu bleiben?"
Nagel wurde mit einem Male lebendig und entgegnete sofort, indem ihm ohne Veranlassung die Röte ins Gesicht stieg:
„Ja, das kann wohl sein, es kann wirklich gern sein, dass ich längere Zeit hierbleibe. Es kommt auf die Umstände an. Apropos, vielleicht habe ich es Ihnen noch nicht gesagt: ich bin Agronom, Landmann, ich komme von einer Reise, und nun ist es sehr wahrscheinlich, dass ich mich hier für längere Zeit niederlasse. Aber vielleicht habe ich sogar vergessen … Mein Name ist Nagel, Johann Nilsen Nagel."
Damit ging er hin und drückte dem Wirt herzlich die Hand, und bat um Entschuldigung, dass er sich ihm nicht bereits früher vorgestellt habe. In seinen Mienen lag keine Spur von Ironie.
„Mir fällt ein, dass wir Ihnen vielleicht ein besseres und ruhigeres Zimmer geben könnten", sagte der Wirt, „Sie wohnen jetzt neben der Treppe, und das ist nicht immer angenehm."
„Nein, danke; das ist nicht nötig. Das Zimmer ist ausgezeichnet; ich bin zufrieden damit. Überdies kann ich von meinem Zimmer den ganzen Marktplatz übersehen, und ich gebe viel auf gute Aussicht." Gleich darauf sagte der Wirt:
„Sie haben sich also für eine Zeit lang frei gemacht? Wollen jedenfalls den Sommer über hierbleiben?"
Nagel antwortete:
„Ja, ich will zwei, drei Monate hier bleiben, vielleicht auch länger; ich weiß es noch nicht genau. Es kommt auf die Umstände an. Ich lasse es drauf ankommen."
In diesem Augenblick ging ein Mann vorüber und begrüßte den Wirt. Ein ganz unansehnlicher Mann, klein von Wuchs und ärmlich gekleidet; sein Gang war so mühselig, dass es auffallend war; und trotzdem kam er ziemlich schnell von der Stelle. Obgleich er sehr tief grüßte, griff der Wirt nicht an den Hut; Nagel hingegen nahm seine Samtmütze ganz ab. Der Wirt sah ihn an und sagte:
„Das ist ein Mann, den wir Minutte nennen. Er ist ein wenig einfältig; aber er kann einem leid tun, er ist ein gutmütiger Bursche, der Arme!"
Dies war alles, was über Minutte gesagt wurde.
„Vor einigen Tagen las ich in den Zeitungen von einem Manne, der hier in der Gegend irgendwo tot im Walde gefunden wurde", sagte Nagel da plötzlich, „was war das eigentlich für ein Mann? Ein gewisser Karlsen, glaube ich. War er von hier?"
„Ja, er war der Sohn einer Blutigelfrau hier am Orte; Sie können ihr Haus von hier sehen, das rote Dach da unten. Er war nur während der Ferien zu Hause und machte da gleich seinem Leben ein Ende. Es war sehr schade um ihn; er war ein begabter Bursche und wäre bald Prediger geworden. Ach ja, man weiß selbst nicht, was man dazu sagen soll; aber die Sache ist verdächtig; da beide Pulsadern durchschnitten sind, kann es doch nicht gut ein Unglücksfall gewesen sein. Nun hat man das Messer auch noch gefunden; ein kleines Federmesser mit weißer Schale; die Polizei hat es gestern spät am Abend gefunden. Ja! Vermutlich war eine Liebesgeschichte mit im Spiel."
„So? Aber kann denn überhaupt noch ein Zweifel sein, dass er sich selbst umgebracht hat?"
„Man hofft das Beste; das heißt, es gibt auch Leute, die da glauben, er sei mit dem geöffneten Messer in der Hand gegangen und dann so unglücklich gestolpert, dass er sich an zwei Stellen zu gleicher Zeit geschnitten habe. Ha, mich dünkt, das ist wenig wahrscheinlich, sehr wenig wahrscheinlich. Aber man wird ihn gewiss in geweihter Erde begraben. Nein, leider wird er nicht gestolpert sein!"
„Sie sagen, man habe das Messer erst gestern Abend gefunden; lag das Messer denn nicht neben ihm?"
„Nein, es lag mehrere Schritte weiter. Nachdem er es benutzt, hat er es fortgeschleudert, in den Wald hinein. Es war der reine Zufall, dass man es fand." „So? Aber welchen Grund kann er gehabt haben, das Messer fortzuwerfen, wenn er trotzdem mit offenen Schnittwunden da lag? Es war doch klar für jeden, dass er ein Messer gebraucht haben musste."
„Ja, Gott weiß, welchen Grund er gehabt haben mag; aber wie gesagt, es war wohl eine Liebesgeschichte mit im Spiel. Ich habe nie etwas Derartiges gehört; je mehr ich daran denke, desto ärger finde ich die Sache."
„Weshalb glauben Sie, dass eine Liebesgeschichte mit im Spiel gewesen ist?"
„Aus verschiedenen Gründen. Es ist übrigens schwer, etwas darüber zu sagen."
„Aber hat er denn nicht fallen können? Unfreiwillig? Er lag ja so sonderbar; lag er nicht auf dem Bauch, das Gesicht in einer Wasserlache?"
„Ja, und er hatte sich fürchterlich beschmutzt; aber das bedeutet nichts; er kann auch dafür seinen Grund gehabt haben. Er kann dadurch z. B. die Spuren des Todeskampfes auf seinem Gesichte haben verdecken wollen. Das kann keiner wissen!"
„Hat er nichts Schriftliches hinterlassen?"
„Er soll gegangen sein und etwas auf ein Stück Papier geschrieben haben; er pflegte übrigens sehr oft unterwegs zu schreiben. Nun meint man, er habe das Messer gebraucht, um den Bleistift oder etwas Ähnliches zu schärfen, wobei er gestürzt ist und ein Loch just in die eine Pulsader und dann ein Loch just in die andere Pulsader gestochen hat. Alles bei dem einen Fall. Ha, ha, ha! Nein, das geht nicht! Aber er hat allerdings etwas Schriftliches hinterlassen; er hielt ein kleines Stück Papier in der Hand, und auf diesem Papier standen die Worte: ,,Wäre Dein Stahl doch so scharf, wie Dein letztes Nein!"
,,Au! Wie affektiert! War das Messer stumpf?"
„Ja, es war stumpf."
,,Warum hat er es nicht vorher geschliffen?"
„Es war nicht sein Messer."
„Wem gehörte es denn?!
Der Wirt bedenkt sich ein wenig und sagt dann: „Es gehörte Fräulein Kielland."
„Fräulein Kielland?" fragte Nagel. Und gleich darauf fragte er weiter: „Nun, und wer ist Fräulein Kielland?"
,Dagny Kielland. Sie ist die Tochter des Pfarrers."
,,So! Sonderbar. Hat man je dergleichen gehört! … War der junge Mensch denn so verliebt in sie?"
„Ja, das war er wohl! Überdies sind alle in sie verliebt. Er war nicht der einzige."
Nagel versank in Sinnen und sagte nichts mehr. Da unterbrach der Wirt das Schweigen und sagte: ,,Was ich Ihnen gesagt habe, ist ein Geheimnis, und deshalb bitte ich Sie ...!!
„Ach so", entgegnete Nagel. „Na ja, Sie können ganz ruhig sein."
Als Nagel darauf zum Frühstück hinunter ging, stand der Wirt bereits in der Küche und erzählte, dass er nun endlich eine ordentliche Unterhaltung mit dem gelben Menschen von Nummer 7 gehabt habe. „Er ist Agronom", sagte der Wirt, und er kommt aus dem Auslande. Er sagt, er wolle mehrere Monate hierbleiben. Gott weiß, was das für ein Einfall von ihm ist ...."
Am Abend desselben Tages geschah es, dass Nagel plötzlich mit Minutte zusammentraf. Es entwickelte sich ein langweiliges und endloses Gespräch zwischen ihnen, ein Gespräch, das gut seine drei Stunden dauerte.
Das Ganze trug sich von Anfang bis zu Ende folgendermaßen zu:
Johann Nagel saß im Café des Hotels, als Minutte eintrat. Es saßen noch andere Leute an den Tischen; unter diesen eine dicke Bauernfrau mit einem schwarz und rot gestreiften, gestrickten Wolltuch um die Schultern. Minutte schien allen bekannt zu sein; er grüßte höflich nach rechts und links, als er eintrat, wurde aber mit lauten Rufen und Gelächter empfangen. Selbst die Bauerfrau erhob sich und wollte mit ihm tanzen.
„Heute nicht, heute nicht", sagt er ausweichend zu der Frau, und damit geht er direkt auf den Wirt zu und wendet sich mit dem Hut in der Hand an diesen:
„Ich habe die Kohlen in die Küche hinaufgetragen, und nun ist heute wohl nichts mehr zu tun?"
„Nein", entgegnet der Wirt, was sollte denn sonst noch zu tun sein?"
„Nein", sagt Minutte ebenfalls und tritt furchtsam zurück.
Er war ganz ungewöhnlich hässlich. Er hatte ruhige, blaue Augen, aber hervorstehende, abscheuliche Vorderzähne, und eine ganz verzwickte Gangart, denn er hatte ein körperliches Gebrechen. Sein Haar war ziemlich grau; der Bart hingegen war dunkler, aber so dünne, dass die Haut überall durchschimmerte. Dieser Mann war einmal Seemann gewesen, lebte jetzt aber bei einem Verwandten, der unten an den Quais einen kleinen Kohlenhandel betrieb. Er blickte selten oder nie vom Boden auf, wenn er mit jemandem sprach.
Vom einen der Tische rief man ihm zu; ein Herr in grauem Sommeranzug winkte ihm eifrig und zeigte ihm eine Bierflasche.
„Kommen Sie einmal her und holen sich ein Glas Brustmilch! Außerdem will ich sehen, wie Sie ohne Bart aussehen", sagt er.
Ehrerbietig, die Mütze noch immer in der Hand, mit gekrümmtem Rücken nähert Minutte sich dem Tische. Als er an Nagel vorüber kam, grinste er und bewegte die Lippen ein wenig. Er stellt sich vor den Herrn in Grau und flüstert:
„Nicht so laut, Herr Landrichter, ich bitte Sie. Sie sehen, es sind Fremde zugegen."
„Aber mein Gott", sagt der Landrichter, ich wollte Ihnen nur ein Glas Bier anbieten. Und da kommen Sie und schelten, weil ich so laut spreche."
„Nein, Sie missverstehen mich, und ich bitte um Entschuldigung. Wenn aber Fremde da sind, mag ich nicht gern was von den alten Possen hören. Ich kann auch kein Bier trinken, jetzt nicht."
„So? Sie können nicht? Sie können kein Bier trinken?"
„Nein, ich danke Ihnen, jetzt nicht."
„Wie? Sie danken mir jetzt nicht? Wann danken Sie mir denn?"
„Ach, Sie missverstehen mich, –– meinetwegen!"
„Na, na. Keinen Unsinn! Was ist Ihnen denn eigentlich?"
Der Landrichter zieht Minutte auf einen Stuhl nieder, und Minutte sitzt auch einen Augenblick, steht aber sofort wieder auf.
„Nein, lassen Sie mich in Ruhe", sagt er, „ich vertrage das Trinken nicht; seit einiger Zeit vertrage ich es weniger als früher; Gott mag wissen, woher das kommt. Ich bin betrunken, ehe ich mich's versehe, und dann rede ich lauter Unsinn."
Der Landrichter steht auf, sieht Minutte fest an, drückt ihm ein Glas in die Hand und sagt:
„Prosit!"
Pause. Minutte blickt auf, streicht das Haar aus der Stirn und schweigt.
„Nun, um Ihnen zu Willen zu sein; aber nur ein paar Tropfen", sagt er dann. „Aber nur ein wenig, um die Ehre zu haben, mit Ihnen anzustoßen."
„Austrinken!" ruft der Landrichter und wendet sich ab, um nicht laut auszulachen.
„Nein, nicht ganz, nicht ganz. Weshalb muss ich austrinken, wenn es mir zuwider ist? Ja, nehmen Sie mir's nicht übel und machen Sie deshalb kein böses Gesicht; lieber will ich es diesmal noch tun, wenn Sie es denn durchaus wollen. Hoffentlich steigt es mir nicht zu Kopf; es ist lächerlich, aber ich vertrage so wenig.
,,Auf Ihr Wohl!"
„Austrinken! Austrinken!" schreit der Landrichter wieder. „Bis auf den Grund! So –– das ist recht. Nun sehen wir uns und schneiden Gesichter. Erst können Sie mal mit den Zähnen knirschen, und darauf schneide ich Ihnen den Bart ab, um Sie zehn Jahre jünger zu machen. Zuerst also mit den Zähnen knirschen!"
„Nein, das tue ich nicht. Nicht, wenn all die fremden Leute dabei sind. Verlangen Sie das nicht von mir, ich tue es wirklich nicht", entgegnet Minutte und will gehen. „Ich habe auch keine Zeit", sagt er.
„Auch keine Zeit? Das ist traurig. Ha, ha, wirklich traurig. Nicht einmal Zeit, was?"
„Nein, jetzt nicht!"
„Jetzt hören Sie mal: wenn ich Ihnen nun erzähle, dass ich Ihnen schon längst einen anderen Rock zugedacht habe als den, den Sie anhaben Lassen Sie mich übrigens mal sehen! Ja, der ist ja total hin! Sehen Sie mal! Der hält nicht mehr einen Fingerdruck aus!" Und der Landrichter findet ein kleines Loch, in das er den Finger hineinbohrt. „Der Stoff gibt nach; er hält nicht die Spur mehr, nein, sehen Sie doch mal her!"
„Lassen Sie mich in Frieden! Um Gottes willen, was habe ich Ihnen getan? Und lassen Sie meinen Rock doch in Ruhe!"
„Aber mein Gott, ich verspreche Ihnen ja einen anderen morgen am Tage; ich verspreche es Ihnen in –– lassen Sie mal sehen; ein, zwei, vier, sieben –– also in Gegenwart von sieben Menschen. Was haben Sie heute abend eigentlich? Sie fahren auf und sind böse und möchten uns alle mit Füßen treten. Ja, das tun Sie. Nur weil ich Ihren Rock anfasse."
„Entschuldigen Sie, aber es war nicht meine Absicht, böse zu sein; Sie wissen, ich tue Ihnen gern jeden Gefallen, aber ...."
„Na, dann tun Sie mir den Gefallen und sehen Sie sich."
Minutte streicht sich das graue Haar aus der Stirn und setzt sich.
„Gut, und nun tun Sie mir den Gefallen und knirschen Sie ein bisschen mit den Zähnen."
„Nein, das tue ich nicht."
„So? Sie tun es also nicht? Ja oder nein!"
„Nein, du guter Gott, was habe ich Ihnen getan?
Können Sie mich denn nicht in Ruhe lassen? Weshalb soll denn gerade ich für alle den Narren abgeben? Der Fremde da drüben sieht her; ich habe es bemerkt, er hat uns im Auge und lacht vermutlich auch. So geht es beständig; den ersten Tag, als Sie kamen, hatte Doktor Stenersen mich gefasst und lehrte Sie sofort, mich zum Narren zu machen, und jetzt lehren Sie den Herrn dort dasselbe. Einer lernt es hier immer vom andern."
„Schon gut. Schon gut! Ja oder nein?!"
„Nein! Sie hören's ja!" schreit Minutte und springt vom Stuhl auf. Aber wie wenn er fürchtete, zu heftig gewesen zu sein, setzt er sich wieder und fügt hinzu: „Ich kann nicht einmal mit den Zähnen knirschen, glauben Sie mir doch!"
„Sie können nicht? Hah, ha! Und ob Sie können! Sie knirschen ganz famos mit den Zähnen!"
„Gott steh mir bei, ich kann nicht!"
„Ha, ha, ha, Sie haben es doch schon einmal getan!"
„Ja, aber damals war ich betrunken; ich erinnere mich gar nicht mehr; es ging alles mit mir im Kreise herum. Ich war zwei Tage nachher noch krank."
„Ganz richtig", sagt der Landrichter. „Sie waren damals betrunken; das gebe ich zu. Wozu plappern Sie dies übrigens in Gegenwart all dieser Leute aus? Das hätte ich nicht getan; aber Sie haben keinen Takt im Leibe, das kann ich Ihnen sagen, obgleich Sie sonst ein ganz vortrefflicher Mann sind." Hier verließ der Wirt das Café. Minutte schweigt; der Landrichter sieht ihn an und sagt:
„Na, was wird nun daraus? Denken Sie an den Rock."
„Ich denke dran", entgegnet Minutte, „aber ich kann und will nicht mehr trinken. Damit Sie's wissen."
„Sie wollen und Sie können! Haben Sie gehört, was ich sagte? Wollen und können, sagte ich. Und wenn ich es Ihnen in die Kehle gießen soll, so..." Bei diesen Worten erhebt der Landrichter sich und nähert sich Minutte mit dem Glase in der Hand. „So –– und nun den Mund auf."
„Nein, ich schwöre bei Gott, ich will kein Bier mehr!" ruft Minutte bleich vor Erregung. „Und keine Macht auf Erden bringt mich dazu. Ja, Sie müssen mich entschuldigen, mir wird schlecht danach; Sie wissen nicht, wie mir danach ist. Tun Sie mir das doch nicht an, ich bitte Sie aufrichtig. Lieber will ich noch –– lieber noch mit den Zähnen knirschen, ohne Bier!"
„Na, das ist etwas anderes, sehen Sie mal; zum Teufel, das ist etwas ganz anderes, wenn Sie es ohne Bier tun wollen."
„Ja, lieber tue ich es ohne Bier."
Und Minutte knirscht unter dem Höllengelächter der Umhersitzenden mit seinen fürchterlichen Zähnen. Nagel liest anscheinend noch immer seine Zeitung; er sitzt ganz still hinten auf seinem Platz am Fenster.
„Lauter! Lauter!" ruft der Landrichter; „lauter knirschen, sonst können wir es nicht hören!"
Minutte sitzt steif und kerzengerade auf seinem Stuhl und hält sich mit beiden Händen fest, als ob er fürchtete zu fallen; dabei knirscht er mit den Zähnen, dass ihm der Kopf bebt. Alle lachen; die Bauerfrau lacht auch, so dass ihr die Tränen über die Backen laufen; sie weiß sich nicht zu lassen vor Lachen und spuckt vor lauter Entzücken zweimal auf den Fußboden.
„Gott bewahre mich vor Ihnen!" heult sie ganz außer sich.
„So! Lauter kann ich nicht knirschen", sagt Minutte, ich kann wirklich nicht, Gott ist mein Zeuge; glauben Sie mir, jetzt kann ich wirklich nicht mehr."
„Na, dann ruhen Sie sich aus und fangen nachher wieder an. Aber Sie müssen noch mit den Zähnen knirschen. Nachher schneiden wir Ihnen den Bart ab. Nun kosten Sie mal von dem Bier; ja, Sie müssen, hier steht es vor Ihnen!"
Minutte schüttelt nur den Kopf und schweigt. Der Landrichter zieht seine Geldbörse hervor und legt ein 25 Örestück auf den Tisch. Darauf sagt er:
„Sonst pflegen Sie es für zehn zu tun, aber ich gönne Ihnen auch fünfundzwanzig; ich erhöhe Ihre Gage. So!"
„Quälen Sie mich nicht, ich tue es nun einmal nicht."
„Sie tun es nicht? Sie weigern sich?"
„Aber du himmlischer Gott, hören Sie doch einmal auf und lassen Sie mich in Ruhe! Ich tue nun nichts mehr, um den Rock zu bekommen, ich bin doch auch ein Mensch. Was wollen Sie denn von mir?"
„Nun, ich will Ihnen eins sagen: Wie Sie sehen, knipse ich dies bisschen Zigarrenasche in Ihr Glas, sehen Sie? Und nun nehme ich dieses unbedeutende Streichholz und diese Kleinigkeit von einem Streichholz und stecke diese beiden Streichhölzer vor Ihren eigenen Augen in dasselbe Glas. So! Und nun garantiere ich Ihnen, dass Sie trotzdem Ihr Glas bis auf den Grund austrinken werden. Ganz gewiss!"
Minutte sprang auf. Er zitterte sichtlich, sein graues Haar war ihm wieder in die Stirn gefallen, und er starrte dem Landrichter ins Gesicht. Das dauert mehrere Sekunden.
„Nein, das ist zu viel, das ist zu viel!" rief sogar die Bauerfrau. „Tun Sie's nicht! Ha, ha, ha, Gott bewahre mich vor Ihnen!"
„Sie wollen also nicht? Sie weigern sich?" fragt der Landrichter. Er stand ebenfalls auf und blieb stehen.
Minutte machte eine Anstrengung zum Sprechen, brachte jedoch kein Wort hervor. Alle sahen ihn an.
Da erhebt Nagel sich plötzlich von seinem Platz am Fenster, legt die Zeitung hin und geht durch das Zimmer. Er überhastet sich nicht und macht kein Aufhebens, trotzdem aber zieht er Aller Aufmerksamkeit auf sich. Er bleibt neben Minutte stehen, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt mit lauter, klarer Stimme:
„Wenn Sie Ihr Glas nehmen und es dem Hund dort an den Kopf werfen wollen, so zahle ich Ihnen zehn Kronen bar und rette Sie auch vor den möglichen Folgen." Er deutete dem Landrichter ins Gesicht und wiederholte: „Ich meine den Hund dort!"
Es wurde mit einem Male still. Minutte sah starr vor Schreck von dem einen zum andern und sagte: „Aber …? Nein, … aber …?" Weiter kam er nicht; dies wiederholte er aber unaufhörlich mit bebender Stimme, als ob es eine Frage sei. Kein anderer sagte etwas. Der Landrichter trat bestürzt einen Schritt zurück und tastete nach seinem Stuhl; er war kreideweiß geworden und sagte ebenfalls kein Wort. Sein Mund stand offen.
„Ich wiederhole", fuhr Nagel laut und langsam fort, dass ich Ihnen zehn Kronen gebe, damit Sie dem Hund dort Ihr Glas an den Kopf werfen. Hier halte ich das Geld in der Hand. Sie brauchen sich auch vor den Folgen nicht zu ängstigen!" Und Nagel hielt Minutte wirklich eine Zehnkronennote hin.
Minutte aber betrug sich seltsam. Er steuerte plötzlich in eine Ecke des Cafés, lief mit seinen kleinen, verzwickten Schritten in diese Ecke und setzte sich dort, ohne zu antworten. Er saß mit gesenktem Kopf und schielte nach allen Seiten, während er mehrere Mal die Knie wie in Angst hoch emporzog.
Jetzt ging die Tür auf, und der Wirt kam zurück. Er begann mit seinen eigenen Sachen drüben am Büffet zu hantieren und achtete nicht auf das, was um ihn her vorging. Erst als der Landrichter plötzlich aufstand und beide Arme mit einem rasenden, beinahe stimmlosen Ruf vor Nagel emporhob, wurde der Wirt aufmerksam und fragte:
„Was in aller Welt …?"
Aber niemand entgegnete etwas. Der Landrichter schlug zweimal wild um sich, stieß aber jedes Mal gegen die geballten Fäuste Nagels. Er richtete nichts aus; sein Missgeschick reizte ihn und er schlug blindlings in die Luft, als ob er sich alles vom Leibe halten wollte; endlich schob er sich seitwärts nach den Tischen hin, taumelte auf ein Taburett und fiel auf die Knie. Er keuchte hörbar, die ganze Gestalt war unkenntlich vor Raserei; überdies hatte er sich die Arme fast wund gestoßen gegen diese beiden spitzen Fäuste, die überall waren, wohin er schlug. Jetzt brach ein allgemeiner Tumult im Café aus, die Bauerfrau und ihre Begleitung flüchteten nach der Tür, während die übrigen durcheinander schrien und sich ins Mittel legen wollten. Endlich erhebt der Landrichter sich wieder und geht auf Nagel zu; er bleibt stehen und schreit mit weit ausgestreckten Händen, schreit kurzatmig und in lächerlicher Verzweiflung, da ihm die Worte fehlen: „Du verdammter … der Teufel soll Dich schwärzen, Du Laffe!"
Nagel sah ihn an und lächelte, trat an den Tisch, nahm den Hut des Landrichters und überreichte ihn diesem mit einer Verbeugung. Der Landrichter riss den Hut an sich und wollte ihn in seiner Raserei zurückschleudern, bedachte sich aber und drückte ihn sich mit einem Knall auf den Kopf. Darauf drehte er sich um und ging zur Tür hinaus. Er hatte zwei große Beulen im Hut und bekam dadurch ein komisches Aussehen.
Nun drängte der Wirt sich vor und verlangte eine Erklärung. Er wandte sich an Nagel, fasste ihn beim Arm und sagte:
„Was geht hier vor? Was soll das bedeuten?"
Nagel entgegnete: „Wollen Sie wohl augenblicklich meinen Arm loslassen? Ich laufe Ihnen nicht fort. Übrigens geht hier nichts vor; ich habe den. Mann beleidigt, der eben hinausging, und er wollte sich verteidigen; dagegen ist nichts zu sagen, alles ist in bester Ordnung!"
Der Wirt wurde aber böse und stampfte mit dem Fuß.
„Bitte hier kein Aufhebens zu machen!" rief er, „in keiner Weise Aufhebens! Wenn Sie Spektakel machen wollen, so gehen Sie auf die Straße, aber in meinem Lokal will ich nichts davon wissen. Ich glaube, die werden hier alle verrückt!"
„Ja, das ist alles recht gut!" mischen sich hier ein paar Gäste ein, aber wir haben das Ganze gesehen." Und mit dem Hang der meisten Leute, es mit dem zu halten, der für den Augenblick Sieger ist, nehmen sie unbedingt Partei für Nagel. Sie erklärten dem Wirt den ganzen Zusammenhang.
Nagel selbst zuckte die Achseln und ging zu Minutte. Ohne irgendwelche Einleitung fragte er den kleinen, grauköpfigen Narren:
„Aber in welchem Verhältnis stehen Sie zu dem Landrichter, dass er Sie auf diese Weise behandeln darf?"
„Reden Sie keinen Unsinn!" antwortet Minutte, „ich stehe in gar keinem Verhältnis zu ihm, er ist mir fremd. Ich habe ihm einmal auf dem Marktplatz für zehn Öre etwas vorgetanzt. Überdies treibt er immer seinen Spaß mit mir."
„Sie tanzen also den Leuten was vor und nehmen Bezahlung dafür?"
„Ja, dann und wann. Aber das geschieht nicht oft, es ist nur, wenn ich die zehn Öre notwendig brauche und sie nirgend anderswo auftreiben kann."
„Wozu brauchen Sie denn das Geld?"
„Ich brauche Geld zu vielen Dingen. Erstens mal bin ich ein dummer Mensch, ich bin wenig begabt, und das ist traurig für mich. Als ich Seemann war und mich allein ernähren konnte, ging es mir in allen Dingen besser; dann aber bekam ich einen Schaden, ich fiel aus dem Mast und trug einen Bruch davon, und seitdem kann ich mich nicht mehr so gut durchschlagen. Ich bekomme mein Essen und alles, was ich brauche, von meinem Onkel; ich wohne auch bei ihm und habe es gut, ja, sogar Überfluss, denn mein Onkel betreibt einen Kohlenhandel, von dem er lebt. Aber ich selbst trage auch ein bisschen zu meinem Unterhalt bei, besonders jetzt im Sommer, da wir beinahe gar keine Kohlen verkaufen. Das ist so wahr, als wie ich jetzt hier vor Ihnen sitze und Ihnen die Sache erkläre. Das sind so die Tage, wo einem zehn Öre gut zu statten kommen, ich kaufe dann immer etwas dafür und bringe es mit nach Hause. Was aber den Landrichter betrifft, so amüsiert es ihn, mich tanzen zu sehen, gerade weil ich den Schaden habe und nicht ordentlich tanzen kann."
„Geschieht es also mit Wissen und Willen Ihres Onkels, dass Sie so für Bezahlung auf dem Marktplatz tanzen?"
„Nein, nein, das nicht. Das dürfen Sie nicht glauben. Er sagt oft: Weg mit diesem Bajazzogeld! Ja, er nennt es oft Bajazzogeld, wenn ich mit meinen zehn Öre komme, und er schilt mir den Buckel voll, weil die Menschen mich zum Besten haben."
„Na, dies war also das erste. Nun zum zweiten!"
,,Wie?"
„Zum zweiten!"
„Ich verstehe nicht."
„Sie sagten, erstens seien Sie ein dummer Mensch, na, und nun zweitens?"
„Wenn ich das gesagt habe, bitte ich um Entschuldigung."
„Sie sind also nur dumm?"
„Ich bitte aufrichtig um Entschuldigung."
,,War Ihr Vater Pastor?"
„Ja, mein Vater war Pastor."
Pause.
„Hören Sie mal", sagt Nagel, wenn Sie nichts zu versäumen haben, so kommen Sie ein wenig mit mir hinauf auf mein Zimmer. Wollen Sie? Gut! Rauchen Sie? Gut! Also bitte! Ich wohne oben. Wenn Sie mit hinaufkommen, bin ich Ihnen sehr dankbar."
Zur größten Verwunderung aller gingen Nagel und Minutte in die zweite Etage hinauf, wo sie den ganzen Abend zusammen blieben.
Minutte nahm Platz und zündete sich eine Zigarre an. „Trinken Sie nichts?" fragte Nagel.
„Nein, ich trinke nicht viel; mir wird davon so wirr im Kopf, und nach kurzer Zeit sehe ich alles doppelt", antwortete sein Gast.
„Haben Sie jemals Champagner getrunken? Das haben Sie natürlich!"
„Ja, vor vielen, vielen Jahren, auf der silbernen Hochzeit meiner Eltern habe ich Champagner getrunken."
„Hat er Ihnen geschmeckt?"
„Ja, ich kann mich besinnen, dass er gut schmeckte." Nagel schellte und bestellte Champagner.
Während sie an den Gläsern nippen und dazu rauchen, sagt Nagel plötzlich, indem er Minutte fest anblickt:
„Sagen Sie mir ja, es ist nur eine Frage, die Ihnen vielleicht obendrein lächerlich vorkommt; aber, könnten Sie sich nicht für eine gewisse Summe als den Vater eines Kindes eintragen lassen, dessen Vater Sie nicht sind? Es fällt mir nur so zufällig ein."
Minutte sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an, schwieg jedoch.
„Für eine kleinere Summe, fünfzig Kronen, oder sagen wir bis zu ein paar hundert Kronen?" fragt Nagel. „Es kommt nicht so genau darauf an."
Minutte schüttelt den Kopf und schweigt lange.
„Nein", antwortete er dann.
„Könnten Sie es wirklich nicht? Ich würde Ihnen das Geld kontant auszahlen."
„Das hilft nichts! Nein, ich kann es nicht tun. Damit kann ich Ihnen nicht dienen."
„Weshalb denn eigentlich nicht?"
„Halt! Sagen Sie nichts, und bitten Sie mich nicht; lassen Sie mich. Ich bin doch auch ein Mensch."
„Ja, natürlich sind Sie ein Mensch! Na, aber vielleicht war es auch allzu grob! Weshalb sollten Sie einem Menschen denn auch solch einen Dienst erweisen? Aber ich hätte Lust, noch eine Frage an Sie zu richten! Sind Sie willens könnten Sie für fünf Kronen durch die ganze Stadt gehen mit einer Zeitung oder einer Papierdüte auf dem Rücken festgeheftet, hier am Hotel anfangen und dann den Weg über den Marktplatz und den Quai nehmen –– könnten Sie das? Und für fünf Kronen?"
Minutte senkt beschämt den Kopf und wiederholt mechanisch: fünf Kronen. Sonst sagte er nichts.
„Nun ja, oder zehn Kronen, wenn Sie wollen; sagen wir zehn Kronen. Für zehn könnten Sie es also tun?"
Minutte streicht sich das Haar aus der Stirn.
Ich begreife nicht, woher alle Leute, die hierher kommen, schon im Voraus wissen, dass ich für alle den Narren abgebe", sagt er.
,,Wie Sie sehen, kann ich Ihnen das Geld sofort überreichen", fährt Nagel fort, es kommt nur auf Sie an."
Minutte heftet die Blicke auf den Schein, starrt einen Augenblick wie verloren auf das Geld, man sah ihm förmlich den Lecker an, und ruft aus:
,,Ja, ich …."
„Entschuldigen Sie!" sagt Nagel hurtig, entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche", sagt er wieder, um den andern am Sprechen zu hindern. „Wie ist Ihr Name? Ich weiß nicht, ich glaube kaum, dass Sie mir gesagt haben, wie Sie heißen."
„Mein Name ist Gröngaard."
„So? Gröngaard? Sind Sie denn verwandt mit dem Eidsvoldsmann?"
„Ja, auch das."
,,Wovon sprachen wir doch gerade? Also Gröngaard? Nun, Sie wollen diese zehn Kronen natürlich nicht auf solche Weise verdienen? Wie?"
„Nein", flüstert Minutte schwankend.
„Nun will ich Ihnen etwas sagen", sagt Nagel und sprach dabei sehr langsam, ich will Ihnen mit Freuden diese zehn Kronen geben, weil Sie nicht tun wollen, was ich Ihnen vorgeschlagen habe. Und ich will Ihnen überdies noch zehn Kronen geben, wenn Sie mir die Freude machen wollen, sie anzunehmen. Springen Sie nicht auf; diese kleine Gefälligkeit geniert mich nicht; ich habe jetzt viel Geld, sehr viel Geld; so etwas bereitet mir keine Verlegenheit." Als er das Geld herausgesucht hatte, fügte Nagel hinzu: „Sie machen mir nur eine Freude, bitte!"
Aber jetzt sitzt Minutte stumm da; sein Glück steigt ihm zu Kopf, und er beginnt mit den Tränen zu kämpfen. Während einer halben Minute blinzelt er mit den Augen und schluckt; da sagt Nagel:
„Sie werden ungefähr vierzig Jahre alt sein, oder so."
„Dreiundvierzig, ich bin über dreiundvierzig."
„So, stecken Sie jetzt das Geld in die Tasche und … Wohl bekomm's! Hören Sie mal, wie heißt der Landrichter, mit dem wir unten im Café sprachen?"
„Das weiß ich nicht, wir nennen ihn nur den Landrichter; er ist Landrichter der Hardesvogtei."
„Na, ja, es ist auch ganz gleichgültig. Sagen Sie mir ..."
„Verzeihung!" Minutte vermag sich nicht länger zu halten, er ist überwältigt und will sich durchaus erklären, obgleich er stammelt wie ein Kind. „Verzeihung! Vergeben Sie mir!" sagt er. Und während einer ganzen Weile vermag er nicht, mehr hervorzubringen.
,,Was wollten Sie sagen?"
„Ich wollte Ihnen Dank sagen, aufrichtigen Dank aus aufrichtigem ....."
Pause.
„Na ja, damit sind wir fertig", schließt Nagel.
„Nein, warten Sie mal!" rief Minutte. Entschuldigen Sie, aber wir sind noch nicht fertig damit. Sie haben geglaubt, ich wolle es nicht tun, es sei Böswilligkeit von meiner Seite, und es mache mir Freude, mich auf die Hinterbeine zu stellen; aber so wahr es einen Gott gibt … Sind wir also fertig damit? Können wir sagen, dass wir damit fertig sind, wenn es auf Sie doch vielleicht den Eindruck machte, dass es mir nur auf den Preis ankam, und ich es nicht für fünf Kronen tun wollte? Ich hoffe, Sie glauben nicht, dass ich es in Hinsicht auf die Bezahlung nicht tun wollte. Weiter wollte ich nichts sagen."
„Ja, ja, es ist schon gut! Wir sprechen nicht mehr davon. Ein Mann mit Ihrem Namen und Ihrer Bildung darf solche Narrenspossen nicht machen. Nicht wahr? Da fällt mir eben ein –– Sie kennen natürlich alle Verhältnisse der Stadt, nicht wahr? Ich will Ihnen sagen, ich beabsichtige nämlich, mich eine Zeit lang hier aufzuhalten, mich in der Tat für einige Sommermonate hier niederzulassen; was meinen Sie dazu? Sind Sie von hier?"
„Ja, ich bin hier geboren; mein Vater war hier Pastor, und ich wohne seit 13 Jahren hier, seitdem ich den Schaden habe."
„Tragen Sie Kohlen herum? Mich dünkt, Sie sprachen davon, dass Sie Kohlen hier ins Hotel getragen hatten?"
„Ja, ich trage Kohlen in die Häuser. Es geniert mich nicht, wenn Sie deshalb fragen. Es ist eine alte Gewohnheit, und es schadet mir nicht, wenn ich auf den Treppen nur vorsichtig bin. Im vorigen Winter aber bin ich einmal gefallen und verschlimmerte es dadurch, so dass ich lange am Stock gehen musste."
,,Wirklich? Wie ging das zu?"
„Es war auf der Treppe der Bank, auf den Stufen lag ein wenig Eis. Ich steige mit einem ziemlich schweren Sack hinauf. Als ich ungefähr zur Hälfte oben war, sehe ich ganz oben Konsul Andresen, der herunterkommt. Ich will also umkehren und wieder hinunter gehen, damit der Konsul weiterkommt; er verlangte es nicht von mir, aber es war selbstverständlich, und ich würde es unaufgefordert getan haben; im selben Augenblick aber hatte ich das Unglück auf der Stufe auszugleiten und zu fallen. Ich fiel auf die rechte Schulter; es klingt lächerlich, aber ich fiel wirklich auf die rechte Schulter nachdem ich mich ein paarmal umgedreht hatte. Wie ist Ihnen? sagt der Konsul zu mir; Sie schreien nicht, Sie haben sich also nicht weh getan? Nein, sage ich, die Sache ging noch glücklich. Aber es dauerte keine fünf Minuten, da fiel ich zweimal hintereinander in Ohnmacht; außerdem schwoll mir der Unterleib an wegen meines alten Leidens. Der Konsul hat mich hinterher übrigens reichlich bedacht, obgleich er keine Schuld hatte."
„Haben Sie nicht sonst noch Schaden genommen? Haben Sie sich den Kopf nicht gestoßen?"
„Oh doch, ein wenig. Ich spie auch etwas Blut."
„Und der Konsul hat Ihnen während der Krankheit geholfen?"
„Ja, und das in großartiger Weise. Er schickte mir bald dies, bald jenes, er vergaß mich nicht einen einzigen Tag. Das beste von allem aber war, dass er an dem Tage, wo ich wieder auf war und zum Konsul ging, um ihm zu danken, schon die Flagge hatte hissen lassen. Er hatte ausdrücklich Order gegeben, die Flagge zu hissen, nur mir zur Ehren, obgleich es auch gerade der Geburtstag von Fräulein Friederike war."
„Wer ist Fräulein Friederike?"
„Seine Tochter."
„So. Ja, das war hübsch von ihm … Ach ja, wissen Sie nicht, weshalb hier vor einigen Tagen geflaggt wurde?"
„Vor einigen Tagen? Lassen Sie mich mal nachdenken war es vor ungefähr einer Woche? Nun ja, dann war es wegen Fräulein Kiellands Verlobung, Dagny Kiellands Verlobung. Ja, ja, eine nach der andern verlobt sich, und heiratet und reist fort. Ich habe jetzt so zu sagen Freundinnen und Bekannte im ganzen Lande, und darunter ist keine, die ich nicht gern wiedersehen möchte. Ich habe sie spielen und in die Schule gehen und konfirmiert werden und heranwachsen sehen, alle miteinander. Dagny war erst dreiundzwanzig Jahre alt und der Liebling der ganzen Stadt. Sie war auch hübsch. Sie hat sich mit Leutnant Hansen verlobt, der mir seiner Zeit die Mütze geschenkt hat, die ich hier habe. Er ist auch von hier."
„Hat dieses Fräulein Kielland helles Haar?"
„Ja, sie hat helles Haar. Sie ist ganz ungewöhnlich hübsch, und alle hatten sie lieb."
„Ich habe sie wohl beim Pfarrhof gesehen. Pflegt sie mit einem roten Sonnenschirm zu gehen."
„Richtig. Soviel ich weiß, hat keine andere einen roten Sonnenschirm. Sie haben sie gewiss gesehen, wenn sie eine Dame mit einem dicken, blonden Hängezopf gesehen haben; sie ist keiner andern ähnlich. Aber Sie haben vielleicht noch nicht mit ihr gesprochen?"
„Doch; vielleicht auch mit ihr gesprochen." Und nachdenklich sagt Nagel vor sich hin: „Nein, –– das war also Fräulein Kielland!"
„Ja, aber nicht ordentlich? Sie haben wohl kein längeres Gespräch mit ihr geführt? Das bleibt Ihnen noch vorbehalten. Sie lacht sehr laut, wenn sie etwas komisch findet, und oft lacht sie auch über nichts. Wenn Sie mit ihr sprechen, werden Sie sehen, wie aufmerksam sie auf das horcht, was Sie sprechen, bis Sie fertig sind, und dann antwortet sie auf das, was Sie gesagt haben; wenn sie aber antwortet, wird sie rot; ich habe das oft bemerkt, wenn sie mit jemand spricht. Mit mir ist es jedoch etwas anderes, mit mir plaudert sie, wenn es sich gerade so trifft; sie macht weiter keine Umstände mit mir. Ich könnte z. B. auf der Straße zu ihr gehen; sie würde stehen bleiben und mir die Hand geben, selbst wenn sie es eilig hat. Wenn Sie es nicht glauben, brauchen Sie nur einmal darauf zu achten."
„Doch, ich glaube es gern. Sie haben also eine gute Freundin an Fräulein Kielland?"
„Natürlich nur in der Weise, dass sie immer Nachsicht mit mir hat; auf andere Weise könnte es natürlich nicht sein, das ist ja klar. Ich bin dann und wann im Pfarrhof, wenn ich eingeladen werde, und soviel ich sehen kann, bin ich auch nicht unwillkommen, wenn ich einmal ungebeten hingehe. Fräulein Dagny hat mir sogar Bücher geborgt, als ich krank war, sie ist sogar selbst damit gekommen und hat sie den ganzen Weg unterm Arm getragen."
„Was für Bücher können das gewesen sein?"
„Sie meinen, was für Bücher können das sein, die ich lesen und verstehen kann?"
„Nein, diesmal missverstehen Sie mich; Ihre Frage ist scharfsinnig, aber Sie missverstehen mich. Sie sind ein interessanter Mensch! Ich meinte: was für Bücher mögen es sein, die diese junge Dame selbst hält und liest? Das zu wissen, wäre mir angenehm."
„Ich erinnere mich, dass sie mir einmal Garborgs „Bauernstudenten" brachte, und noch zwei andere ; das eine war wohl Turgenjews „Rudin." Bei einer anderen Gelegenheit aber las sie mir laut aus Garborgs „Unversöhnlich" vor."
„Und das waren ihre eigenen Bücher?"
„Ihres Vaters Bücher. Der Name des Vaters stand darin."
„So –– Nein, jetzt müssen Sie trinken! Wollen wir nicht auf irgendjemandes Wohl trinken? Zum Beispiel auf das Wohl der Familie Kielland? Das muss eine gute Familie sein."
Nachdem sie getrunken hatten, sagte Nagel: „Apropos! als Sie damals zu Konsul Andresen kamen, um ihm zu danken, wie Sie erzählen...."
„Ich wollte ihm für seine Hülfe danken."
„Allerdings. Aber war die Flagge an jenem Tage schon gehisst, bevor Sie kamen?"
„Ja, er hatte sie mir zu Ehren ausziehen lassen; er selbst hat es mir erzählt."
Pause.
„Mag sein. Aber sollte die Flagge doch wohl nicht zu Ehren des Geburtstages aufgezogen gewesen sein?"
„Doch, das war sie wohl, das kann sein; auch gut. Es wäre eine Schande, wenn die Flagge an Fräulein Friederikes Geburtstag nicht gehisst gewesen wäre."
„Da haben Sie ganz recht … Doch um von was anderem zu sprechen: Ihr Onkel, wie alt ist er?"
„Er ist sicher beinahe siebzig. Nein, das ist doch wohl zu viel, aber jedenfalls ist er über sechzig. Er ist sehr alt, aber rührig für sein Alter; zur Not kann er noch ohne Brille lesen."
„Wie heißt er?"
„Er heißt auch Grögaard. Wir heißen beide Grögaard."
„Besitzt Ihr Onkel ein Haus oder wohnt er zur Miete?"
„Er hat das Zimmer gemietet, in dem wir wohnen; der Kohlenschuppen aber gehört ihm. Es fällt uns nicht schwer, die Miete zu zahlen, wenn es das ist, was Sie meinen; wir bezahlen mit Kohlen, und zuweilen kann ich auch durch irgendeine kleine Arbeitsleistung zahlen."
Ihr Onkel trägt wohl keine Kohlen aus?"
„Nein, das fällt mir zu. Er misst und versteht sich auf alles, und ich trage sie aus. Ich kann ja besser damit umher gehen, weil ich stärker bin."
„Allerdings. Und dann haben Sie also irgendeine Frau, die für Sie kocht?"
Pause.
„Entschuldigen Sie", antwortet Minutte, „werden Sie nicht ärgerlich; aber ich will gern gehen, wenn Sie meinen. Ganz, wie Sie wünschen. Sie behalten mich vielleicht hier, um mir eine Freude zu machen, obgleich es Ihnen selbst doch kein Vergnügen machen kann, von meinen Verhältnissen zu hören. Es mag auch sein, dass Sie aus irgendeinem Grunde mit mir reden, den ich nicht verstehe; dann ist es gut. Aber wenn ich auch gehe – mir tut niemand was zu Leide; das dürfen Sie nicht glauben, ich begegne keinen übelgesinnten Menschen. Der Landrichter passt mir nicht vor der Tür auf, um sich zu rächen, wenn Sie das vielleicht fürchten; und selbst, wenn er dort stände, würde er mir jedenfalls kein Leid antun; das glaube ich nicht."
„Tun Sie, wozu Sie Lust haben. Mir machen Sie ein Vergnügen, wenn Sie bleiben; aber Sie sollen sich nicht verpflichtet fühlen, mir etwas zu sagen, nur weil ich Ihnen ein paar Kronen für Tabak vorgestreckt habe. Tun Sie ganz, wie Sie wollen."
,,Ich bleibe! Ich bleibe!" ruft Minutte, „und Gott segne Sie!" ruft er. „Ich bin glücklich darüber, dass Sie ein wenig Vergnügen an mir finden, obgleich ich mich sowohl über mich selbst, wie darüber schäme, dass ich hier in diesem Anzug sitze. Ich hätte doch bedeutend anständiger sein können, wenn ich ein bisschen Zeit zur Vorbereitung gehabt hätte; ich habe einen von Onkels alten Röcken an, und der hält nichts mehr aus, es ist wirklich wahr, man darf ihn nicht anfassen. Sehen Sie mal, hier hat nun auch der Landrichter einen langen Riss gemacht, den Sie hoffentlich entschuldigen … Nein, was die Frau zum Kochen betrifft, so haben wir keine Frau dazu. Wir kochen und waschen alles selbst. Es ist nicht so besonders schwer, und überdies machen wir es uns so leicht wie möglich. Wenn wir z. B. morgens Kaffee kochen, trinken wir abends den Rest, ohne ihn wieder heiß zu machen, und ebenso ist es mit dem Mittagbrot, das wir auch sozusagen gleich ein für alle Mal kochen. Was können wir in unserer Lage denn auch mehr verlangen? Und außerdem kommt das Waschen auf mein Teil; es ist sogar ein kleiner Zeitvertreib, wenn ich nichts anderes zu tun habe."
Jetzt läutet unten eine Glocke, und die Leute beginnen zum Abendessen hinunterzugehen. „Das ist die Essensglocke", sagt Minutte.
"Ja", erwidert Nagel. Aber er erhebt sich nicht und gibt auch kein Zeichen der Ungeduld; im Gegenteil, er setzt sich noch einmal zurecht und fragt: „Sie kannten vielleicht auch den Karlsen, den man neulich tot im Walde gefunden hat? War das nicht ein trauriges Ereignis?
„Ja, ein äußerst trauriges Ereignis. Und ob ich ihn gekannt habe! Ein prächtiger Mensch und ein edler Charakter. Wissen Sie, was er mir einmal gesagt hat? Eines Sonntagsmorgens früh wurde ich zu ihm gerufen; es mag jetzt ein Jahr her sein; es war im Mai vorigen Jahres. Er bat mich, einen Brief für ihn zu besorgen. –– "Ja", sagte ich, das will ich tun; aber ich habe heute keine anständigen Schuhe an; in diesen Schuhen kann ich nicht gut zu Leuten gehen. Wenn es Ihnen recht ist, gehe ich nach Hause und borge mir andere."
„Nein, das ist nicht nötig", antwortet er, „ich glaube, das tut nichts, wenn Sie in denen nur keine nassen Füße bekommen." –– Sogar das bedachte er, dass ich mir keine nassen Füße holen solle! Na, dann steckte er mir heimlich eine Krone in die Hand und gab mir den Brief. Als ich schon auf dem Flur war, reißt er die Tür auf und kommt mir nach; er strahlt über das ganze Gesicht, und ich bleibe stehen und sehe ihn an; Tränen stehen ihm in den Augen. Da fasst er mich um, ja, er schmiegt sich förmlich an mich und sagt: „Gehen Sie jetzt mit dem Briefe, alter Freund, ich werde später an Sie denken. Wenn ich Prediger bin und einmal ein Amt habe, sollen Sie zu mir kommen und immer bei mir bleiben. Ja, ja, nun gehen Sie aber, und Glück mit Ihnen!" –– „Leider hat er nie ein Amt bekommen; aber er hätte mir gewiss sein Wort gehalten, wenn er gelebt hätte!"
„Und da brachten Sie den Brief fort."
„Ja."
„Und freute Fräulein Kielland sich, als sie ihn bekam?"
„Wie können Sie wissen, dass er an Fräulein Kielland war?"
,,Wie ich das wissen kann? Sie haben es ja eben selbst gesagt."
„Ich habe es selbst gesagt? Das ist nicht wahr."
„He, he, nicht wahr? Glauben Sie, dass ich Ihnen etwas vorlüge?"
„Nein, entschuldigen Sie, es kann gern sein, dass Sie recht haben; aber jedenfalls hätte ich es nicht sagen dürfen. Es geschah aus Unachtsamkeit. Habe ich es wirklich gesagt?"
„Weshalb nicht? Verbot er Ihnen denn, es zu sagen?"
„Nein, er nicht."
„Aber sie?"
„Ja."
„Schon gut; bei mir ist es sicher aufgehoben. Aber können Sie begreifen, weshalb er gerade jetzt starb?"
„Nein. Das Unglück sollte nun einmal sein."
„Das Unglück? Ach ja, richtig! Er ist also gefallen und hat sich totgestochen?"
Ja, vermutlich ging er so in Gedanken dahin, ist gestolpert und hat sich im Fallen die Pulsadern aufgeschnitten. Ein beklagenswertes Unglück."
,,Wissen Sie, wann er begraben wird?"
„Ja, morgen Mittag."
Dann wurde nicht weiter über die Sache gesprochen. Eine Weile sprach keiner von beiden. Sara steckte den Kopf zur Tür hinein und meldete, dass das Essen fertig sei. Gleich darauf sagte Nagel:
„Nun ist Fräulein Kielland also verlobt. Wie sieht ihr Bräutigam denn aus?"
„Er ist Leutnant Hansen, ein mutiger, wirklich ausgezeichneter Mann. Sie wird keinen Mangel bei ihm leiden."
„Ist er reich?"
„Sein Vater ist sehr reich."
„Ist er Kaufmann?"
„Nein, er ist Schiffsreeder. Er wohnt ein paar Häuser von hier, es ist gerade kein großes Haus, das er hat, aber er braucht es auch nicht größer; wenn der Sohn fort ist, sind nur die beiden Alten da. Sie haben auch eine Tochter, aber die ist in England verheiratet."
„Wieviel glauben Sie, dass der alte Hansen besitzt?"
„Na, er hat vielleicht eine Million. Das weißniemand!"
Pause.
„Ja", sagt Nagel dann, „es ist ungeschickt verteilt auf dieser Welt! Was, Grögaard, wenn Sie nun so ein wenig von seinem Gelde hätten?"
„Nein, Gott bewahre, weshalb das? Nein, wir müssen zufrieden sein mit dem, was wir haben. Vielleicht sind die auch nicht so viel glücklicher, die so viel haben."
„Nein, so sagt man … Aber da fällt mir gerade etwas ein: Sie haben wohl nicht viel Zeit für andere Arbeit übrig, wenn Sie all die Kohlen umhertragen müssen, nicht wahr? Nein, das begreife ich wohl. Aber ich bemerkte, dass Sie den Wirt fragten, ob er heute noch etwas anderes für Sie zu tun habe; erinnern Sie sich dessen?"
„Nein."
„Ja, unten im Café; Sie sagten, Sie hätten die Kohlen in die Küche gebracht, und da fragten Sie gleichzeitig, ob heute sonst noch etwas zu tun sei; besinnen Sie sich nicht drauf?"
„Doch, aber das hatte einen anderen Grund. Haben Sie es beachtet? –– Nein, die Sache ist nämlich die, dass ich hoffte, gleich Bezahlung für die Kohlen zu bekommen; aber ich mochte nicht geradezu darum bitten, deshalb sagte ich nur, heute sei wohl nichts anderes mehr zu tun. So hängt es zusammen. Wir waren gerade in Verlegenheit und setzten unsere Hoffnung auf die Bezahlung."
,,Wieviel brauchten Sie wohl, um aus dieser Verlegenheit zu kommen?" fragt Nagel.
„Gott bewahre mich!" ruft Minutte mit lauter Stimme. Sprechen Sie nicht mehr davon; uns ist schon mehr als reichlich geholfen. Das Ganze drehte sich um sechs Kronen, und nun sitze ich hier mit Ihren zwanzig Kronen in der Tasche, und Gott vergelt's Ihnen! Aber diese sechs Kronen waren wir gerade schuldig; unser Kaufmann hatte sie zu fordern für Kartoffeln und andere Dinge. Er hatte uns die Rechnung geschickt, und wir beide dachten immerfort daran, wieviel Geld wir brauchten; aber nun hat es keine Not mehr, davor können wir jetzt ruhig schlafen und morgen wieder aufstehen und ganz vergnügt sein."
Pause.
„Ja, ja! aber jetzt ist's am besten, wenn wir austrinken und uns gute Nacht sagen", sagt Nagel und steht auf. „Prosit! Ich hoffe, wir haben uns nicht zum letzten Mal getroffen. Sie müssen mir wirklich versprechen, wiederzukommen; ich wohne auf Nummer 7, wie Sie sehen. Danke für Ihren Besuch!"
Nagel sprach dies im aufrichtigsten Ton und schüttelte Minuttes Hand. Er begleitete seinen Gast hinunter und brachte ihn an die Haustür; hier nahm er seine Samtmütze ab, wie schon einmal zuvor und grüßte tief.
Minutte ging. Er verbeugte sich unzählige Mal, während er rückwärts die Straße hinunter ging; aber er brachte nicht ein Wort hervor, obgleich er sich die ganze Zeit bemühte, etwas zu sagen.
Als Nagel ins Speisezimmer trat, bat er Sara höflich um Entschuldigung, weil er zu spät zum Abendessen kam.
Johann Nagel erwachte am nächsten Morgen davon, dass Sara anklopfte und ihm seine Zeitungen brachte. Er sah diese flüchtig durch und warf sie dann auf die Erde, je nachdem er mit ihnen fertig war; ein Telegramm, dass Gladstone einer Erkältung wegen das Bett gehütet habe, jetzt aber wieder wohl sei, las er zweimal durch und lachte dabei hell auf. Dann kreuzte er die Arme im Nacken und überließ sich folgendem Gedankengang, dann und wann laut vor sich hin sprechend:
„Es ist gefährlich, mit geöffnetem Taschenmesser in den Wald zu gehen. Wie leicht kann man nicht so ungeschickt ausgleiten, dass die Klinge sich um ein, oder beide Handgelenke schließt! Wie ist es Karlsen nicht ergangen! ... Na, übrigens weshalb nicht? Wozu in aller Welt erhält man sich so krampfhaft aufrecht? Besonders wenn man trotzdem in geweihte Erde kommt und obendrein noch ein Privattelegramm in „Verdens Gang" bekommt. He, he, he! Und dann, wo ist eigentlich der Unterschied, ob man mit einem geöffneten Federmesser in der Hand oder einer kleinen Medizinflasche in der Westentasche umhergeht?
Nein, Gladstone ist doch ein wahrer Riese. Gladstone lebt ganz entschieden bis er eines Tages vor lauter Wohlbefinden stirbt. Und hoffentlich wird er die Menschheit noch ungezählte-Jahre mit einer Erkältung au courant erhalten. Gladstone ist gewaltig, Gladstone ist unbedingt der größte Mann der Jetztzeit. Wer sollte sonst wohl unser größter Mann sein? Victor Hugo ist tot, und … Ich nehme jetzt an, wir schrieben 1703, sagen wir den 5. März 1703: eine Welt ohne Gladstone eine öde Welt, nur konservative Zeitungen!
Wäre Dein Stahl doch so scharf wie Dein letztes Nein! Wie schön das ist! Wie entzückend abgeschmackt! Ah, schwulstig genug, um menschlich zu sein! Ich muss dabei an eine so recht geschwollene Kindernase denken. Aber die richtige Energie hat er doch gehabt; unter anderem hat er eine natürliche Stellung gewählt, auf dem Bauche liegend, mit dem Gesicht in einer Wasserlache. Aber die Zeit! –– nein, Gott bewahre mich! Am hellen Tage, mit einem Lebewohl in der Hand, pfui! Übrigens hatte der Mann Geschmack; er ging mit der Affaire in den Wald, und da halte ich mit ihm. „Es ging ein Knäblein in den Wald, la la la la!" Da haben wir nun zum Beispiel die Vardalwälder, auf dem Wege von Gjövik heraus. Dort liegen und duseln und sich selbst vergessen, und in die Lust starren, in den Himmel hinein gucken, so dass man beinahe erfährt, wie da oben über Einen hier unten geflüstert und getuschelt wird. Der da, sagt die selige Mama, nein, wenn der herauf kommt, so gehe ich meiner Wege, sagt sie und macht eine Kabinettsfrage daraus. He, he, sage ich, und: Pst, lass mich nicht stören, lass mich nur nicht stören! Und das sage ich so laut, dass ich die allgemeine Aufmerksamkeit von zwei weiblichen Engelein auf mich ziehe, nämlich Fairi Töchterlein und Svava Björnson …
Aber die Zeit war absolut unglücklich gewählt. Ich hätte eine herrliche Unwetternacht gewählt, eine Nabenfinsternis ohne einen einzigen Stern. Und von einem schriftlichen Lebewohl wäre gar keine Rede gewesen .... Weshalb liege ich übrigens hier und denke daran? Was geht das mich an? Was in aller Welt habe ich mit diesem sentimentalen Theologen mitsamt seinem Stahl und seinem letzten Nein zu schaffen? He, he, he, he, was Teufel habe ich damit zu schaffen ....?
Wieviel absonderliche Laute doch in einem Menschen sind! So zum Beispiel das Lachen; woher kommt es und wohin geht es? Ein widerlicher Laut, ein schamloser Laut, ein Laut, der an Elstern und Affen erinnert. Das Lachen muss einfach ein Rudiment sein, ergo ist das Lachen ein Rudiment. Und dieser unsinnige, unartikulierte Laut kommt aus irgendeiner Stelle in meinem Körper, wenn man mich nur unterm Kinn kitzelt! Was hat Schlachter Hange mir doch so manches Mal gesagt, Schlachter Hange, der selbst ein so starkes Lachen hatte, und dadurch sehr zur Geltung kam? Er sagte, dass kein Mensch mit seinen fünf Sinnen …
Nein, das reizende Kind, das er hatte! An dem Tage, wo ich sie auf der Straße traf, regnete es; sie trug einen Eimer in der Hand und hatte das Geld für die Dampfküche verloren; sie ging und weinte. Du selige Mutter, sahst Du vom Himmel, dass ich nicht einen einzigen Schilling besaß, mit dem ich das Kind hätte erfreuen können? Dass ich mir das Haar auf der Gasse rauste und nicht einen Öre besaß? Da kam die Musik vorüber; die hübsche Diakonissin drehte sich einmal um und warf mir einen glänzenden Blick zu; dann ging sie still weiter, mit gesenktem Kopf, vermutlich trauerte sie über sich selbst wegen des glänzenden Blickes, den sie mir gegönnt. Aber im selben Augenblick riss mich ein langbärtiger Mann mit weichem Filzhut am Arm, sonst wäre ich überfahren worden. Ja, weiß Gott, überfahren …
„Seht! Ein ... zwei ... drei; wie langsam sie schlägt! Vier... fünf … sechs … sieben … acht; ist es schon acht? Neun zehn. Nein, Gott steh mir bei, ist die Uhr schon zehn! Ja, dann muss ich aufstehen. Auf, auf, auf, auf, auf, auf, auf, auf, ach, ja freilich! Wo mag die Uhr geschlagen haben? Im Café konnte das doch nicht sein? Na, das ist ja auch gleichgültig. Aber war das gestern Abend im Café nicht ein komischer Auftritt? Minutte zitterte; ich kam gerade zu rechter Zeit; es hätte ganz gewiss damit geendet, dass er sein Bier mit der Asche und den Streichhölzern drin getrunken hätte. Na ja, und was dann? Darf man so naseweis sein und Dich fragen: was dann? Wozu mische ich mich in anderer Leute Angelegenheiten? Geschah es auf Grund irgendeiner Katastrophe im Universum, zum Beispiel auf Grund von Gladstones Erkältung? He - he - he, helf Dir Gott, Kind, wenn Du sagst, was wahr ist: dass Du eigentlich auf dem Wege in die Heimat warst, dass Du aber plötzlich beim Anblick dieser Stadt so lebendig bewegt wurdest –– wie klein und elend sie auch ist –– dass Du nahe dran warst vor geheimnisvoller, Dir fremder Freude zu weinen, als Du all die Flaggen sahst. Apropos: es war am 12. Juni; wegen Fräulein Kiellands Verlobung wurde geflaggt. Und zwei Tage später traf ich sie selbst.
Weshalb musste ich sie gerade an dem Abend treffen, da ich mich in so zerrissener Stimmung befand, und es mir ganz gleichgültig war, was ich tat? Wenn ich jetzt über das Ganze nachdenke, schäme ich mich wie ein Hund.
Guten Abend, Fräulein! Ich bin hier fremd, verzeihen Sie mir, ich gehe spazieren und weiß nun nicht, wo ich hingeraten bin.
Minutte hat recht, sie wird gleich rot, und wenn sie antwortet, errötet sie noch mehr.
Wohin wollen Sie? sagte sie und misst mich mit den Blicken.
Ich nehme die Mütze ab und stehe im bloßen Kopfe da, und während ich noch immer mit der Mütze in der Hand dastehe, fällt es mir ein zu sagen:
