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Ein mysteriöser Fall für die SoKo S Eigentlich hätte es für den passionierten Angler Heinz Schäfer ein geruhsamer Sonntag am Herrnweiher vor der idyllischen Kulisse der Burg Hayn werden sollen, doch dann kommt alles anders, denn nicht der erhoffte Fisch zappelt am Angelhaken sondern ein Mysterium, das die SoKo S auf den Plan ruft. Chefkriminalist Thomas Christ und sein Team bekommen es mit einem unglaublichen Geheimnis unter der malerischen Altstadt Dreieichenhains sowie mysteriösen Artefakten, fesselnden Legenden und einem von wahnhaften Vorstellungen getriebenen psychopathischen Killer zu tun.
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Seitenzahl: 464
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Buch
Das vorliegende Werk ist frei erfunden. Die Namen, Personen, Orte, Institutionen und Ereignisse dieses Romans entstammen der Fantasie der Autorin oder werden fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen oder anderen erfundenen Ereignissen, Schauplätzen, Organisationen und lebenden oder toten Personen ist vollkommen zufällig und entspricht nicht der Absicht der Autorin.
Autorin
Chris Fritzschner, Jahrgang 1960, verheiratet, eine Tochter, eine Enkeltochter, hat viele Hobbys, aber ihre wahre Passion gehört buchstäblich dem Schreiben. "Schreiben ist wie Urlaub vom Alltag, ohne die Koffer packen zu müssen!"
Von Chris Fritzschner sind bereits erschienen:
Deckname Chamäleon – ein neuer/alter Fall für die SoKo Spinnennetz
ISBN 978-3-8391-8061-7
HCI – ein brisanter Fall für die SoKo Spinnennetz
ISBN 978-3-8482-1977-3
ein mysteriöser Fallfür dieSoKo Spinnennetz
Fürmeinen Schwiegersohn
Danksagung
Mein Dank gebührt meiner Familie,die mich stets bei meinen Buchprojekten unterstützt,vor allem aber meinem Ehemann, für sein Verständnis,wenn die Tastatur mal wieder bis in die Nacht hinein klappert.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Sonntagmorgen, sechs Uhr dreiundzwanzig, 27. September
An der Schilfkante des Herrnweihers, der sich unweit der südlichen Stadtmauer Dreieichenhains ausbreitete, wartete sondierend ein hünenhafter Mann. Obwohl er ganz ruhig dastand, sah man jeder Faser seiner Statur an welch immense Kraft in ihr steckte. Aus den Augen des Hünen blitze ein gefährliches Funkeln, als er seinen Blick über das ruhige Wasser schickte. Heute würde das Objekt seiner Begierde ihm gehören, die Bedingungen waren optimal. Eine Woche hatte er auf genau diesen Zeitpunkt akribisch hingearbeitet, denn am letzten Sonntag war er auf der anderen Seite des Herrnweihers leer ausgegangen, doch das sollte sich bald ändern.
Heute bist du fällig, dachte Heinz Schäfer, seines Zeichens Fuhrparkleiter der SoKo S, der Sonderkommission, welche für die Aufklärung der besonders heiklen Kriminalfälle im Rhein-Main-Gebiet zuständig war.
Fünfzehn Pfund sollte der von Schäfer anvisierte Fang schon haben. Die Rückenflosse eines solch kapitalen Karpfens hatte er vor sieben Tagen hier, wo er heute stand, durch das Wasser pflügen sehen, und darauf gleich das erste Mal seinen vermeintlichen Fang mit Mais aus der Dose angefüttert. Das hatte Schäfer seitdem bei jedem Morgengrauen zur selben Uhrzeit getan, bevor er in die SoKo gefahren war.
Auch heute hatte der große Mann schon zwei Hände voll Mais im See versenkt, und seine Hände waren nicht gerade klein. Anschließend hatte Schäfer in aller Seelenruhe auf seinen Angelhaken Mais gezogen und die Bleie auf die Schnur. Schäfer benutzte die 0,30mm starke Schnur, denn der passionierte Angler erwartete durchaus einen harten Kampf, wenn der gewaltige Fisch, auf den er es hier und heute abgesehen hatte, anbiss.
Die Angelschnur ließ Schäfer nun mitsamt seinem Köder voller Eifer ins Wasser sausen, mit etwas zu viel Eifer, denn er warf den Köder fast bis an das gegenüberliegende Ufer und die dort seit vielen Jahren stehende alte Weide heran. Trotzdem war Schäfer zufrieden mit dem Wurf, steckte seine drei Meter lange Karpfenrute in die Haltevorrichtung, und ließ sich genüsslich auf dem mitgebrachten Klappstuhl nieder. Sein elektronischer Bissanzeiger würde ihm sagen, wann er in Aktion zu treten hatte.
Schäfers kalt berechnender Blick ging ein weiteres Mal hinaus über das Wasser in die herbstliche Landschaft, wo die Bäume noch einen langen Morgenschatten auf den Weiher warfen und ihn dunkel und düster wirken ließen.
Dem Herrnweiher schlossen sich das untere und das mittlere Becken an, die miteinander durch Überläufe verbunden waren. Das bedeutete eine Gewässerfläche von insgesamt viertausenddreihundertsiebenundzwanzig Quadratmetern, worin sich unter anderem Aale, Welse, Zander, Rotaugen, Moderlieschen und Schäfers bevorzugte Beute, die Karpfen, tummelten. Während das mittlere und das untere Becken in den siebziger Jahren von Schäfers Anglerkollegen angelegt worden waren, handelte es sich beim oberen Becken um einen Naturweiher, welcher der ehemaligen Wallgrabenanlage der Burg Hayn entstammte. Und mit den Resten der um 1080 erbauten Romanischen Stadtmauer im Rücken, die eben diese Burganlage und die Stadt einmal geschützt hatte, saß Schäfer da und wartete auf den ersehnten Biss.
Eine Stechmücke kam zu Besuch und surrte neben Schäfers Ohr, was ihn dazu veranlasste hektisch nach ihr zu schlagen. In Schäfers Blickfeld geriet dabei eine eifrige Amsel, die nur ein paar Schritte von ihm entfernt gerade das Ringen mit einem Leckerbissen aufnahm. Der schwarze Vogel zog an einem Regenwurm. Länger und länger, dünner und dünner, wurde der Wurm, bis er den Halt in seinem Loch verlor und aus der Erde herausschnellte. Die Amsel taumelte mit ihrem Fang im Schnabel zurück und erhob sich sofort in die Lüfte.
Schäfer atmete tief ein, und träumte von seinem eigenen Fang, den er heute noch zu machen gedachte.
Der Frühnebel hing in Schwaden in der Luft und die Sonne kroch langsam über den Horizont. Sie schien als schemenhafter Stern ohne Power durch den weißlichen Dunst, und doch reichte ihre Leistung aus, den vielen, mit Tau benetzten, kunstvoll gewobenen Spinnenweben um den Weiher herum ein faszinierendes Glitzern zu verleihen.
Jetzt war die Zeit für das Ritual gekommen, das für Schäfer zu einem Anglermorgen gehörte wie der Weihnachtsbaum zu Weihnachten. Der Endsechziger griff in seine rechte Jackentasche, zog eine Peterson Fathers Day Pfeife und eine Dose mit Dunhill Early Morning Tabak heraus. Aus der linken Jackentasche fischte er den dazugehörigen Pfeifenstopfer. Schäfer mochte es nicht, wenn der Stopfer an der Dose des Tabaks scheuerte, deswegen bewahrte er diese beiden Gegenstände immer getrennt auf.
Beim Blick auf die Aufschrift der Tabaksdose seufzte Schäfer im Stillen zufrieden, was für ein herrlicher früher Morgen.
Für das Stopfen seiner Pfeife ließ Schäfer sich Zeit. Gekonnt hantierte er mit den Utensilien. Schließlich war er mit der eingebrachten Tabakladung zufrieden, steckte sich das Mundstück zwischen die Zähne und verstaute die Dose mit dem Tabak, und den Stopfer, wieder in seinen Jackentaschen.
Von irgendwoher krächzte ein Rabe.
Schäfer entzündete ein Streichholz und bewegte es über die Tabakoberfläche im Pfeifenkopf, bis sich eine Glutfläche gebildet hatte. Darauf lehnte er sich gemütlich in seinem Stuhl zurück, umfasste stützend mit seiner rechten Hand, kurz unter dem edlen Metallband, den dunkelbraunen Kopf aus Bruyère-Holz und sog genüsslich an der Pfeife.
Der Herbst brachte es mit sich, dass die Blätter auf den Bäumen ihren Halt verloren. Zwei von diesen losgelösten Blättern segelten geradewegs in den Weiher, wo sie als kleine Schiffchen davonschwammen.
Schäfer bewunderte für einen kurzen Moment die beiden um die Wette schwimmenden Blatt-Schiffchen und blies den eingesogenen Rauch langsam aus.
Es herrschte die friedliche Stille eines Sonntagmorgens, dessen Geräusche durch den schweren Nebel erstickt wurden, bis Schäfer hinter sich das Hecheln eines Hundes hörte.
Schäfer schaute auf seine Uhr, es war kurz nach Sieben. Mit der aufgehenden Sonne, waren die ersten Gassigeher auf dem Weg, der am Herrnweiher entlangführte, unterwegs.
Das Hecheln des Hundes kam näher, ein gequältes Hecheln, eben das eines Vierbeiners, der ungestüm nach vorne stürmen wollte, aber von einem engen Band um seinen Hals davon abgehalten wurde. Der Hund würgte und hustete, so sehr hatte das Halsband seine Kehle zugeschnürt. Anscheinend hatte der freiheitsliebende Vierbeiner, bei seiner Auseinandersetzung mit der Leine, eine reife Löwenzahnpflanze am Wegesrand gestreift, denn die losgelösten kleinen Schirmflieger schwebten zu Heinz Schäfer herüber. Das Hecheln des Hundes entfernte sich langsam.
Ein anderes Geräusch durchbrach die Stille, Schäfers Bissanzeiger meldete sich.
Das ging aber schnell, nahm Schäfer erfreut zur Kenntnis und wuchtete seine fast zwei Meter in die Höhe. Im Aufstehen legte er behutsam seine Pfeife auf den Angelkoffer neben sich. Wenn dessen Handgriff nach oben stand, bildete er eine perfekte Ablage für seine Peterson Fathers Day.
Vorsichtig griff Schäfer nach der Angel.
Jetzt ruhig bleiben, sagte er sich und spürte in den Griff hinein.
Da war es, das ihm bekannte Zucken, und er riss die Angelrute in die Höhe.
Welch ein Widerstand bot sich ihm.
Schäfer versuchte die Schnur einzuholen, aber dieser Fang wehrte sich gewaltig, nur ein kleines Stückchen gelang ihm.
Die Rute bog sich gefährlich unter den Kräften die an ihr wirkten.
Wieder zog Schäfer heftig an der Schnur, und wieder erarbeitete er ein kleines Stückchen Gewinn für sich. Trotz der Anstrengung umspielte Schäfers Mundwinkel ein Lächeln. Das, was er da am Haken hatte, das waren mehr als fünfzehn Pfund.
"Ich krieg dich schon", presste Schäfer zwischen den Zähnen hervor und zog erneut mit aller Kraft die Angel, und den Fang daran, zu sich heran, um die Rolle einmal zu drehen und die Schnur weiter einzuholen.
Was für ein Kampf.
Erneut zog der begeisterte Angler mit aller Kraft an der Schnur, doch da blieb der Gegenzug plötzlich aus und Schäfer strauchelte nach hinten.
Und schon zog die Schnur wieder an, aber das war ein anderes Ziehen, ein leichtes.
Schäfer riss an, die Angelschnur schoss aus dem Wasser und samt den Bleigewichten knapp an Schäfers Kopf vorbei.
"Jesses", entfuhr es ihm.
Im Geiste sah Schäfer seinen kapitalen Fang davonschwimmen. Der Unmut, der in Schäfer aufstieg, schien sich auf seine Umgebung zu übertragen, denn der Boden unter seinen Füßen begann plötzlich zu beben. Aus dem Schilf stiegen Enten laut schnatternd in die Lüfte. Ein Graureiher, der gerade zur Landung in der Krone der alten Weide ansetzen wollte, überlegte es sich anders, wich erschrocken zurück und flog davon.
Ein merkwürdig gedämpftes Poltern drang an Schäfers Ohren, dem ein ebenso merkwürdiges Gurgeln folgte, und dem wiederum ein Blubbern von aufsteigenden Luftblasen.
Schäfer schnappte entgeistert nach Atem. Fassungslos sah er auf den Weiher hinaus, wo sich ein Strudel mit etwa zwei Metern Durchmesser bildete, in den sich, wie bei einer Badewanne aus der man den Stöpsel gezogen hatte, das Weiherwasser ergoss. Mit wachsendem Erstaunen sah Schäfer vom Ufer aus, wie sich der Strudel immer wilder drehte.
Heinz Schäfer hatte schon viele Male hier am Herrnweiher gestanden, aber noch niemals so ratlos wie in diesem Moment.
Der Hund, der vorhin an der Leine ziehend vorbeigehechelt war, begann in der Ferne aufgeregt bellend und knurrend einen ihm unbekannten Feind zu warnen.
Der hünenhafte Schäfer stieß den angehaltenen Atem aus, als ein Anglerkollege links von ihm angerannt kam.
Der Mann nahm, von panischem Schrecken ergriffen, seinen Hut vom Kopf und starrte, die Augen weit aufgerissen, auf den Weiher und den sich dort drehenden Unheilswirbel. Als sein Blick den von Schäfer traf, war er in keinster Weise davon überrascht in den Augen des Kollegen so viel Entsetzen zu sehen. Eine geradezu furchterregende Fassungslosigkeit war ihm ins Gesicht geschrieben.
Der sonst so idyllische Ort hatte plötzlich etwas Feindseliges.
Der Körper des Mannes versteifte sich, aus seinen Augen warf er Schäfer einen Blick zu, der besagte, das hier ist heftig.
Schäfer stand wie angewurzelt, konnte sich nicht von der Stelle rühren und sah zu wie der Weiher stetig an Wasser verlor.
Der Wasserspiegel senkte sich, und je mehr er sich senkte, desto mehr kam eine Leiche zum Vorschein, eine mit zwei Rädern und einem Lenker, überzogen mit einem grünbraunen Algenschleier. Das Fahrrad war offensichtlich schon vor längerer Zeit hier entsorgt worden.
Schließlich ebbte der wild wirbelnde Strudel langsam ab. Der schlammige Grund des Weihers wurde sichtbar und mit ihm die verängstigten Fische. Sie lagen auf der Seite und schlugen aufgeregt mit den Flossen. Die, die es nicht mehr in eine Pfütze geschafft hatten, lagen mit geöffneten Mäulern, wie nach Luft schnappend, auf dem Trockenen.
Die gehen alle drauf, schoss es Schäfer durch den Kopf, und er fragte sich was er tun sollte.
Schäfer hielt immer noch die Angel in beiden Händen, doch jetzt erwachte er aus seiner Versteinerung, warf sie weg, griff in seinen Rucksack und holte sein Handy heraus.
In seiner Verzweiflung rief er die 112 an. Diese Nummer zu wählen stellte eher einen spontanen Reflex, als das Ergebnis einer durchdachten Überlegung Schäfers, dar.
Schäfer teilte dem Menschen in der Leitstelle mit was passiert war und bat um Hilfe.
Der Anglerkollege rief zu Schäfer herüber. "Ich ruf den Georg an, wir müssen die Fische retten."
Der Mann kündigte damit an, dass er den Vorsitzenden des Angelsportvereins, Georg Schüllermann, alarmieren würde.
Schäfers Mund war wie ausgetrocknet, er brachte nur ein "Jou", über die Lippen und stapfte, mit seinen Halbschuhen an den Füßen, die kleine Böschung hinunter in den Schlamm des Weihers. Mit dem Mut der Verzweiflung hob Schäfer Fische auf und trug sie in einer Senke, in der sich noch etwas Wasser hielt, zusammen. So wollte er ihr Überleben sichern, bis die Vereinskollegen mit Behältern zur Rettung kommen würden.
Auch der herbeigeeilte Kollege, der sein Telefonat beendet hatte, kam nun in den Schlamm gewatet, glücklicher Weise hatte er Gummistiefel an den Füßen.
"Was ist hier nur passiert?", fragte der Petrijünger fassungslos.
"Ich hab' keine Ahnung", gab Schäfer zu und hob hilflos verunsichert die Schultern, was selten bei ihm vorkam. Doch die Heinz Schäfer eigene hessische Frohnatur gewann wieder Überhand, muttersprachlich fuhr er fort: "Aber ich sach dir, wenn de mir jetzt mei Adrenalin abzabbe dust, reicht des zum uffwecke für die ganz Stadt!"
Sonntagmorgen, neun Uhr eins, 27. September
Etwa zwei Stunden nach Schäfers Missgeschick fragte er sich was nur aus diesem friedlichen Sonntagmorgen geworden war.
Die Menge der von den Sirenen der Einsatzfahrzeuge alarmierten Schaulustigen war vor der alten Stadtmauer bereits gewaltig angewachsen. Sogar der Bürgermeister war informiert worden und traf nun höchstpersönlich an der Unglücksstelle vor der historischen Altstadt ein.
Der Nebel war inzwischen verschwunden und hüllte nicht mehr das Gemäuer der Burg Hayn ein, wo er zusammen mit der aufgehenden Sonne noch vor ein paar Augenblicken den perfekten Rahmen für eine romantische Burgruine geboten hatte. Zum jetzigen Zeitpunkt war von Romantik nichts mehr zu spüren.
Der Bürgermeister starrte genau so verwundert auf die Szenerie wie all die anderen Menschen.
„Herr Bürgermeiser“, begrüßte Georg Schüllermann das Oberhaupt der Stadt förmlich und nickte ihm kurz zu.
Auch der Angesprochene nickte, machte aber keine Anstalten, dem ihn begrüßenden Mann die Hand zu geben, was Schüllermann bei seinen schlammverschmierten Händen gut nachvollziehen konnte.
Schüllermann richtete noch ein paar Worte an den Bürgermeister, doch der hörte kaum zu, so sehr war sein Gehirn mit dem beschäftigt was er hier zu sehen bekam. Wie gebannt hing sein Blick unstet an der Szenerie. Ihm stellte sich nicht nur die Frage, was hier passiert war, sondern auch die Frage ob hier für die Bürger noch Gefahr bestand.
Nach einem kurzen diesbezüglichen Gespräch mit dem Wehrführer der Feuerwehr musste das Oberhaupt der Stadt allerdings weiterziehen zu einem anderen wichtigen Termin. Im Entfernen begriffen warf er nochmal einen Blick über seine rechte Schulter, schüttelte fassungslos den Kopf, und wandte der Sache endgültig den Rücken zu.
Die inzwischen eilig alarmierten Mitglieder des Angelsportvereins, Feuerwehrleute und zupackende Helfer parkten mit vereinten Kräften die ihres Lebensraumes beraubten Fische in herbeigebrachten Eimern und Bottichen zwischen, um sie in den nahegelegenen Burgweiher zu evakuieren.
Der Leiter der örtlichen Polizeidienststelle, Jens Robert Jeske, war ebenfalls vor Ort und regelte mit einem Kollegen das, was in so einem Fall überhaupt zu regeln war.
Der letzte umzusetzende glitschige Geselle wanderte schließlich in den Weiher vor der Burg. In diesem über achttausend Quadratmeter großen Gewässer, das mit der Burgkirche, dem Turmhügel und der Burgmauer die bekannte Kulisse Dreieichenhains bildete, würden sich die Schuppenträger sicher wohl fühlen.
Dessen sicher tauschten ein Feuerwehrmann und ein Angler zufrieden einen Handschlag aus und blickten über die ruhige Wasserfläche, auf der, wegen des großen Menschenauflaufes, ein paar verunsicherte Enten vor sich hindümpelten.
Angesichts der umherwuselnden schlammverschmierten Helfer raunte der Angler dem Feuerwehrmann zu: "Ich mag Helden die keine sein wollen aber trotzdem welche sind."
Der Angesprochene grinste zufrieden.
Ein Stückchen weiter bot sich ein ganz anderes Bild. Da war kein Wasser mehr zu sehen, sondern nur Schlamm, der viele von Schuhen und Stiefeln getretene Löcher aufwies, aber keine Fische mehr.
In diesem Schlamm stand Schäfer und vergewisserte sich nochmals, dass kein Schuppenträger vergessen worden war. „Geschafft“, ergab seine Suche und er wischte sich fahrig mit dem Ärmel seines Holzfällerhemdes über die Stirn.
Schüllermann schien ebenfalls zufrieden, als er Blickkontakt zu Heinz Schäfer aufnahm und zu ihm hinübernickte, aber es arbeitete hinter seiner Stirn.
Keine zehn Minuten nachdem man ihn infomiert hatte, war der Vorsitzende des Angelsportvereins an der Unglücksstelle aufgetaucht und hatte die Koordination der Fischrettung übernommen. Doch es war für seine Begriffe nicht viel zu retten gewesen, und er fragte sich, wo die ganzen Fische geblieben waren, die eigentlich im Herrnweiher sitzen mussten.
Schäfer schien in Gedanken ebenso mit diesem Thema beschäftigt zu sein, denn auch er blickte sich grübelnd um.
Schüllermann holte ratlos eine Packung Zigaretten aus seiner Hemdtasche und zündete sich einen der filterlosen Glimmstängel an. Tief inhalierend schaute er über das hinweg was einmal der vom Verein gepflegte Herrnweiher gewesen war.
Wo ist nur all das Wasser hin?
Das war die häufigst gestellte Frage an diesem Tag. Auch jetzt, als die Helfer vor dem Untertor zusammengerufen wurden, drehten sich dort die Gespräche um dieses Thema.
Einer der Vereinskollegen hatte aus der Not eine Tugend gemacht, seinen großen Grill geholt und die leider nur noch tot zu bergenden Fische darauf zubereitet.
Da es schon weit nach Mittag war, zeigten sich die Helfer für diese Verpflegung dankbar. Nach der Stärkung ging es an die Aufräumarbeiten und die Beantwortung der Frage des Tages. Dazu wurden die Uferböschungen abgesucht.
Es war nicht gleich ersichtlich was passiert war, da Wurzeln und Wasserpflanzen den Einsturz am Ufer verdeckten. Aber der Sog des Strudels hatte schemenhafte Spuren im Schlamm hinterlassen. Am Ende dieser Spuren sah Schüllermann ein Vereinsmitglied am Uferrand unterhalb einer alten Weide Äste und Wurzeln beiseite räumen.
Interessiert lugte der Mann zwischen den Wurzeln hindurch bis er plötzlich hochschnellte. "Hier", rief er und fuchtelte wild mit den Armen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Mit Gummistiefeln bewaffnet, stapften einige Personen den kürzesten Weg mitten durch den Weiher, besser gesagt durch den Schlamm, um an die Stelle der Aufregung zu gelangen. Dieses Unterfangen stellte sich jedoch nicht so einfach dar, da sie tief in den Schlamm einsackten und dieser die Stiefel festzuhalten schien. Immer wieder zog jemand nur den unbestiefelten Fuß aus der braunen Masse und landete bei dem nächsten Schritt mit der bloßen Socke darin. Dann zerrte er den Stiefel mit den Händen aus dem Schlamm und fuhr mit der Schlammsocke, und mit angeekeltem Gesicht, wieder in den Stiefel hinein.
Schüllermann langte am Ort der Aufregung an. Und der Mann, der diese Wanderung der Interessierten ausgelöst hatte, wies mit der Hand zu den kräftigen und stark verzweigten Wurzeln der alten Weide hin. Irgendetwas schien dort eingebrochen zu sein. Irgendeine Konstruktion, zumindest wiesen die bearbeiteten Steine, die unter den Wurzeln hervorlugten, darauf hin.
Aber was für ein Bauwerk soll hier sein?, fragte sich Schüllermann. Ein Keller? Doch von welchem Haus? Es gibt hier weit und breit kein Haus! Und welcher Keller könnte schon das ganze Wasser vom Herrnweiher aufnehmen? Schüllermann beendete seine Überlegungen indem er sich mit beiden Händen fahrig durch die Haare strich.
Nach genauerem Hinsehen stand eindeutig fest, dass irgendein gemauertes Gewölbe nachgegeben hatte. Mit bloßen Händen befreiten die Helfer den Zugang zum Einsturz vom Wurzelwerk. Hinter der Einbruchstelle lauerte nur eine undurchsichtige Schwärze, eine unergründliche dunkle Leere, und trotzdem ließ sich vermuten, dass die schemenhaft zu sehenden Wände weiter führten als man es im Moment erkennen konnte.
Schäfer kam das Ganze vor wie ein grausamer Höllenschlund, der seinen Fündzehnpfünder verschluckt hatte. Mit weit aufgerissenen Augen stierte er in den Hohlraum. Doch es ging ihm wie allen anderen auch, man konnte nicht erkennen wohin dieser Höllenschlund führte.
Pragmatisch, wie Schüllermann nun mal veranlagt war, rief er über den Weiher hinweg: "Hol' mal einer 'ne Lampe."
Einer der immer noch vor Ort weilenden Feuerwehrmänner kam kurz darauf mit einem starken Handstrahler herbeigeeilt. Natürlich wollten alle mal einen Blick in dieses mysteriöse Loch werfen.
Polizeidienststellenleiter Jeske zuckte nur mit den Schultern, als man ihn fragend dazu ansah.
Aber die Feuerwehrmänner hatten ihre Bedenken bezüglich der Statik der Baukonstruktion und wollten am Liebsten dieses Ansinnen unterbinden.
Schließlich gab man, nach einigen Diskussionen, aber doch das Betreten frei.
"Wer da reingeht, tut das auf eigene Gefahr", erklärte Jeske.
Falls Schüllermann dieser Hinweis beunruhigte, zeigte er es nicht, beherzt schnappte er sich den Handstrahler. Mit ihm wagte er sich in das unbekannte Terrain vor. Nachdem er sich einen kurzen Überblick verschafft hatte, rief er den anderen zu: "Das ist kein Keller und auch kein Gewölbe, das ist ein Tunnel!"
"Ein Tunnel!?", fragte Jeske nach, der glaubte sich verhört zu haben, und richtete sein rechtes Ohr lauschend in Richtung Schüllermann.
"Ja", kam die Bestätigung von unten, "ein Tunnel!"
Die von den beiden Männern ausgetauschten Worte hatten natürlich alle Umstehenden vernommen. Sie verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Sofort schossen die Gerüchte in die Höhe, dass man den verschollenen Geheimgang der Burg gefunden haben könnte.
Mordechai von Eschersleben, der Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins, der unter den Schaulustigen weilte, wurde sofort dazu befragt.
„Es ist mir ein Mysterium woher an dieser Stelle ein Tunnel kommt und wohin er geht. Aber möglich ist alles“, räumte er ein und begab sich zu der Einsturzstelle, um sich ein besseres Bild von der Sache machen zu können.
Dort herrschte eine gewisse Ratlosigkeit, aber auch eine schrecklich schöne Faszination ging von dem Loch unter den Wurzeln der alten Weide aus.
Von Eschersleben wagte sich nach einem kurzen Gespräch mit Jeseke in den Tunnel, und auch Schäfer ließ es sich nicht nehmen zu schauen was sich da aufgetan hatte.
Einer der Feuerwehrmänner ließ die beiden, wie er es vorher schon bei Schüllermann getan hatte, an den Händen durch das Loch in den Tunnel hinab.
Als Schäfer festen Boden unter den Füßen hatte, schaute er sich um.
Rechter Hand vom Einsturz war kein Weiterkommen, Steine waren aus der Decke und der Wand herausgebrochen und versperrten den Weg. Morsche, unbearbeitete Holzbalken ragten aus den Trümmern. Nach links allerdings war der Weg frei. Wobei frei nicht frei von Wurzeln bedeutete. Ein Wurzelgeflecht aus feinen Fäden bis hin zu armdicken Strängen hing von der Decke herab oder hatte sich den Weg durch die Wände gebahnt.
Schüllermann war schon ein Stück in den Tunnel vorgedrungen, was der gut zehn Meter entfernte Lichtkegel des Handstrahlers zeigte. Die beiden Nachzügler folgten ihm durch das Wirrwar aus Feinwurzeln und Grobwurzeln. Sie waren kaum ein paar Schritte gegangen, als die Dunkelheit sie auch schon umhüllte, da sie außerhalb des Bereichs gelangten, in den der Durchbruch Licht fallen ließ.
Beim Vorreiter angekommen, machte man sich gemeinsam auf den Tunnel zu erkunden. Schüllermann stakste vorne weg, gefolgt vom Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins, der ihm dicht auf den Fersen hing. Schäfer bildete die Nachhut.
Der Tunnel war sehr niedrig, die drei Männer mussten in gebückter, vor allem für den hünenhaften Schäfer unangenehmer Haltung voranschreiten. Der Boden und die Wände waren feucht und die benetzten Wurzeln, die den Männern durch das Gesicht strichen, fies. Auf dem Untergrund hatte sich Schlamm abgelagert. Das quatschende Geräusch, das jeder ihre Schritte erzeugte, hallte seltsam von den Wänden wider, die etwa achtzig Zentimeter auseinander lagen. Es waren alte Wände, sehr alte Wände, an denen offensichtlich der Zahn der Zeit genagt hatte. Wurzeln der verschiedensten Pflanzen ragten aus der Decke und den Wänden heraus. Ein weißer Belag überzog die einzelnen Steine und vor allem die Fugen. Schäfer mutmaßte, dass es sich um Salpeter handeln könnte.
Schüllermann richtete den Strahl der Lampe nach vorne. Hinten bei Schäfer kam kaum noch etwas von dem Licht an, um ihm zu einer besseren Sicht auf den Boden des Tunnels zu verhelfen. Unsicher mit den Füßen tastend folgte er dem Vorausgehenden.
Von irgendwoher tropfte stetig Wasser in eine Pfütze. Das stetige Geräusch nervte Schäfer, aber es gab weit und breit keinen Wasserhahn den er hätte zudrehen können. Mit jedem neuen Tropfen hatte Schäfer das Gefühl, dass das Geräusch lauter wurde, auch wenn dem so nicht war.
Schüllermann stolperte und kam ins Straucheln. Er fing sich wieder, dabei wurde klar wo die fehlenden Fische geblieben waren, sie lagen zu seinen Füßen.
Schäfer lief etwas versetzt auf der rechten Seite hinter Mordechai von Eschersleben und beobachtete die bizarren Formen, die der Lichtkegel von Schüllermanns Handstrahler an den Wänden den Tunnels hervorzauberte. Er war ganz fasziniert von dem was er voraus sah, als er mit dem Fuß gegen ein Hindernis stieß. Er tat einen Schritt zur Seite, aber das Etwas lag ihm immer noch im Weg. Schäfer konnte schemenhaft die Umrisse erkennen und beugte sich tief hinunter. Er traute seinen Augen kaum, aber Schäfer hatte sich nicht getäuscht, da lag er, sein Fünfzehnpfünder, den er heute so gerne gefangen hätte.
In seiner ganzen Pracht hatte der Fisch hier wohl seinen letzten Schnapper getan. Unvermittelt zuckte der Fisch hoch.
Schäfer erschrak einen kurzen Moment, packte jedoch flugs zu. Vielleicht lebt er noch! Er hob den Karpfen auf und schaffte ihn zurück zum Durchbruch, wo das spärliche Licht von draußen kaum noch Helligkeit spendete. Dort hievte er den Kawenzmann zu einem Feuerwehrmann nach oben.
Doch dieser Karpfen war definitiv tot.
Wenigstens hatte Schäfer auf diese Weise doch noch seinen kapitalen Fang heute in der Hand gehalten, wenn auch ganz anders als er es sich gedacht hatte. Ihm wäre es lieber gewesen den Kampf mit dem circa siebzig Zentimeter großen Fisch an der Angel aufgenommen zu haben. Enttäuscht warf er einen letzten Blick auf den toten Fisch.
"Und?", forderte der Feuerwehrmann Auskunft zu dem was im Tunnel zu sehen war.
"Stockfinster da drin", raunte Schäfer, "habt Ihr mal noch ne Lampe für mich?"
Jemand drückte Schäfer eine Taschenlampe in die Hand, worauf er zurück zu den beiden anderen Tunnelerkundern wollte. Schäfer bückte sich wieder in den Gang hinein, als ein kehliger Laut, von der Stelle wo von Eschersleben und Schüllermann sich aufhielten, zu ihm drang. Schäfer glaubte von dort das Wort "Scheiße" aus Schüllermanns Mund zu vernehmen. Er blickte in die Richtung der Unmutsbekundung, von wo das Licht des Handstrahlers wild hin- und herschwankend auf ihn zukam. Der Mann der ihn trug schien zu rennen.
"Raus hier", herrschte Schüllermanns Stimme Schäfer schon von weitem an.
Vollkommen perplex drehte sich Schäfer um und reckte die Arme nach oben, um sich von dem Feuermann, der ihm die Hände entgegenstreckte, nach oben helfen zu lassen.
Wieder oben stehend beobachtete Schäfer wie Schüllermann den Handstrahler, der immer noch seinen Dienst versah, aus dem Tunnel heraus auf den schlammigen Grund des Weihers schleuderte, und sich darauf mit von Eschersleben auch von dem Feuerwehrmann aus dem Tunnel helfen ließ. Nur sprangen die beiden Männer geradezu aus dem Tunnel heraus, als hätten sie ein Gespenst gesehen.
Beiden schien ein noch größerer Schrecken in die Glieder gefahren zu sein, als das Leerlaufen des Weihers ihn schon bewirkt hatte. Ihr ganzes Gebaren drückte eines deutlich aus: Weg hier, nur weit weg hier!
Schüllermann deutete erschrocken, mit zittrigem Finger, zum Tunnel hin. "Da,… da liegt ein Toter drin", brachte der Vorsitzende des Angelsportvereins, dessen Gesicht mit einem Mal fahl wirkte, fast lautlos über die bebenden Lippen. Als er nun diese Worte aussprach, überkam ihn die Erkenntnis dessen, was er da unten im Tunnel gesehen hatte, mit einer solchen Wucht, dass ihm flau wurde, sein Magen revoltierte. Und dieses Gefühl steigerte sich, bis ihm speiübel wurde und er sich schnell ein paar Schritte entfernte, um sich zu übergeben.
Schäfer blickte zu Jeske hin und starrte ihn aus geweiteten Augen an. "Oh Gott", entfuhr es ihm, obwohl er sich alles andere als gläubig bezeichnete.
"Sie dürfen ruhig Herr Jeske zu mir sagen", entgegnete der Polizeibeamte trocken, der das Ganze noch für einen schlechten Scherz hielt. Doch er änderte langsam seine Haltung, als von Eschersleben fassungslos ergänzte: "Ein Toter in einem Tauchanzug."
Alles Blut war aus dem Gesicht des Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins gewichen, er atmete schwer. Seine Miene zeigte nacktes Entsetzen.
Jeskes Blick schnellte zu Schüllermann zurück. "Was?", raunzte er mit einem Unterton, der belegte, dass er sich immer noch verarscht vorkam.
Schüllermann richtete sich aus seiner gebückten Haltung wieder auf, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und blickte Jeske ins Gesicht. "Wirklich, da liegt ein Toter drin!", kam ihm wispernd über die Lippen.
Nun trat der Polizeidienststellenleiter in Aktion. Er schnappte sich den von Schüllermann in den Schlamm geschleuderten und immer noch leuchtenden Handstrahler und raunte bestimmend: "Sie bleiben alle hier draußen."
Schäfer zeigte sich entsetzt. War er etwa für den Tod der Person dort unten verantwortlich? War der Mann ertrunken, weil er vielleicht mit dem Zug an seiner Angel den Einsturz des Tunnels bewirkt hatte?
Noch während Schäfer sich all diese Fragen stellte, betrat Jeske den Tunnel.
Für Heinz Schäfer stand unterdessen außer Frage, wen er über diese Sache hier zu informieren hatte. Den Mann, der an solchen Vorfällen immer Interesse zeigte, zumindest so lange, bis seine übernatürliche Intuition ihm sagte, dass es sich um kein Verbrechen handelte, was da an ihn herangetragen wurde.
Diese Frage war hier und jetzt noch offen, und genau für so einen Fall hatte Schäfer sie, diese eine Telefonnummer, in seinem Kurzwahlverzeichnis. Und damit war Schäfer einer der wenigen Personen, der die private Festnetznummer von Thomas Christ, dem Chef der SoKo S, besaß.
Schäfer hatte überhaupt keine Skrupel den SoKo-Chef an einem Sonntagabend um diese Uhrzeit anzurufen, denn er wusste, dass Christ, dies sicher fast von ihm, einem Mann aus seiner Truppe, erwartet hätte, und es ihm verübeln würde, wenn er es nicht tat.
Sonntagabend, neunzehn Uhr siebenunddreißig, 27. September
Thomas Christ, der knallharte Kopf an der Spitze der Sonderkommission, die sich mit den ‚heißen Eisen’ im Rhein-Main-Gebiet befasste, saß mit Anita, seiner Ex-Frau, am Tisch in der Küche seines Hauses und genoss nach dem Abendessen einen schwarzen Tee mit Milch. Gedanklich bereitete Christ sich gerade auf einen gemütlichen Abend vor, als aus dem Zimmer, das er hier in seinem Haus als Büro eingerichtet hatte, das störende Geräusch des klingelnden Telefons an sein Ohr drang.
Christ blickte zu Anita, die seit diesem Sommer wieder bei ihm eingezogen war, und auf die Uhr hinter ihr an der Wand. Er runzelte die Stirn und begab sich zu dem klingelnden Apparat. Eine Christ unbekannte Handynummer erschien auf dem Display, er nahm das Gespräch an und war ziemlich überascht, als er am anderen Ende: "Guude Abend Schef" vernahm.
Christ wusste diese, vom hessischen Dialekt geprägte, Stimme gleich zuzuordnen. Um sich selbst nochmals die Uhrzeit zu bestätigten blickte Christ auf die Uhr, die seinen Schreibtisch zierte. Auch bei dieser wanderte der kleine Zeiger auf die Acht zu.
"Schäfer!?", fragte Christ mehr als er den Namen sagte, unterließ es aber ein durchaus vorwurfsvolles: Sie wissen schon, dass heute Sonntag ist, hinterherzuschicken. Christ war sich sicher, dass Heinz Schäfer an einem Sonntagabend, um diese Uhrzeit, nur mit einem guten, mit einem sehr guten, Grund anrief.
"Ja, Schef", säuselte Schäfer irgendwie abgelenkt ins Telefon, klang aber durchaus erleichtert, den Angerufenen erreicht zu haben. "Es iss wischdisch", schob er entschuldigend hinterher.
Das habe ich mir schon gedacht, meinte Christ im Stillen, forderte aber aufmerksam: "Legen Sie los!"
"Es geht um Folschendes. Isch war angele, und jetzt hätt isch da mal e Problemche", druckste Schäfer.
"Ein Problem", kam von Christ mit stoischer Ruhe.
"Isch glaab, Sie müsste mir mal helfe und dadezu misste se jetzt zu mer komme." Gehetzt kamen die Worte über Schäfers Lippen. "Sie glaabe net was mir hier passiert is. Ei, isch bin ja fix und ferddisch!"
Das war alles was Christ wörtlich vom anderen Ende der Telefonleitung hörte. Aber er hörte auch noch etwas anderes heraus, Schäfer schien unter Schock zu stehen.
Seit Christ beim Ertönen des Klingeltons stirnrunzelnd seine Ex-Frau angeblickt hatte, hatten sich die Furchen auf seiner Stirn kontinuierlich vertieft. Was sollte diese Ansage Schäfers?
"Wo sind Sie?", fragte Christ schließlich um die eingetretene Stille zu unterbrechen.
Schäfer erklärte wo er sich befand.
"Ich komme", sagte Christ und legte ohne ein weiteres Wort auf.
Thomas Christ schnappte sich die Krawatte, die er gestern Abend auf dem Schreibtisch deponiert hatte, ruckzuck hatte sie einen Windsorknoten. Während seine Hände das schmale Seidenband am breiten Ende von links nach rechts unter dem schmalen Ende herumführten, um danach das breite Ende nach links um den halben Knoten herumzuschlagen, schlugen auch Christs Gedanken sich herum. Der SoKo-Chef überlegte was Schäfer so aus der Fassung gebracht haben konnte.
Christ erinnerte sich, dass er, beim Verlassen der SoKo am gestrigen Abend, Schäfer gesehen hatte und der ihm, unter den Wünschen für einen schönen Feierabend, lässig zugewunken hatte. Das Urgestein der SoKo S hatte dabei ausgeglichen und zufrieden gewirkt wie immer. Seinen dunkelblauen Kittel hatte er wie stets zugeknöpft gehabt und die inzwischen grauen Haare seines Wuschelkopfes waren zerzaust, so als hätten sie an diesem Tag noch keinen Kamm gesehen. In der Hand hatte Schäfer einen Schraubenschlüssel gehalten. Dieses Bild vor Augen dachte Christ: Also alles wie immer, ganz im Gegensatz zu jetzt.
Gedankenversunken nahm Christ das Jacket seines Anzugs, das über der Stuhllehne seines Bürostuhles hing und lief zurück in die Küche, zu Anita. Sie war gerade damit fertig geworden das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine zu räumen. Nur noch Christs halb gefüllte Teetasse stand auf dem Buchenholztisch, den vier Stühle umgaben.
Anita schloss die Tür der Spülmaschine und schaute auf zu dem Mann, der ihr so viel bedeutete.
Eigentlich hatten sie geplant nach dem Abendessen einen gemütlichen Fernsehabend zu verbringen, aber Anita sah sofort in den Augen von Thomas, dass dieser nun erst einmal gecancelt war. Während die Miene ihres Ex-Ehemannes nur schwer zu interpretieren war, da er sein Mienenspiel fortwährend unter Kontrolle hatte, konnte Anita sozusagen zwischen den Zeilen lesen und musste ihm dazu nur in seine dunkelbraunen Augen schauen. Dort konnte Antia lesen wie in einem offenen Buch.
Christs Augen waren das erste in was Anita sich damals verliebt hatte. Unabhängig von seinem Sean Connery Charme waren es diese weisen gütigen Augen gewesen, die zugleich raffiniert, hart und auch sexy sein konnten, in die sie sich verguckt hatte.
"Du", druckste Christ, "ich muss kurz mal nach Dreieichenhain, Schäfer hat wohl irgendein Problem", sagte er mit entschuldigendem Unterton.
Anita wusste, wenn Thomas den Ausdruck 'kurz mal' verwandte, bedeutete das nicht unbedingt 'kurz mal'.
"Du kannst ja schon das Programm bestimmen", bot Christ im Hinblick auf den ursprünglich geplanten Abend galant an. "Ich schaue dann mit, wenn ich zurück bin."
Wie immer unterließ es Anita ihren Thomas zu fragen was passiert war. Sie wollte gar nicht in das manchmal so erschreckende Unsiversum ihres Ex-Mannes eintauchen. Und sie wusste, wie sehr der SoKo-Chef sich um seine Aussagen, einen Fall betreffend, wand.
Anita seufzte nur, schnappte sich die Teetasse vom Tisch, "Ich nehme mal an, du hast nicht mehr die Zeit den noch zu trinken", warf sie emotionslos in seine Richtung, leerte den Darjeeling in das Spülbecken, öffnete nochmals die Spülmaschine und stellte die Tasse hinein.
Nach der langen Trennung hatten die beiden Ex-Eheleute im Juni beschlossen wieder zusammen leben zu wollen, und Anita hatte ihre kleine Wohnung in Frankfurt aufgegeben. Irgendwie konnte der eine ohne den anderen nicht.
Anita hatte sich mit der Art wie Christ seinen Beruf auslebte abgefunden und bemühte sich es zu verstehen. Die wenige Zeit, die sie für sich hatten, versuchten die beiden deswegen umso intensiver zu nutzen.
Auch Thomas Christ hatte inzwischen verstanden was Einsamkeit und Warten für seine Frau bedeutete, deswegen sagte er fast entschuldigend: "Schäfer braucht mich anscheinend dringend."
Christ beschäftigte immer noch das Telefonat, er runzelte die Stirn. Schäfer hatte etwas verwirrt geklungen, und sein Dialekt war stärker als sonst zu vernehmen gewesen, was ihm verdeutlichte, dass sein Fuhrparkleiter wirklich sehr aufgregt war.
Die beiden Ex-Eheleute schauten sich an.
"Beeil' dich!", war alles was Anita sagte. Ihr Blick war dabei nicht vorwurfsvoll sondern erwartungsfroh.
Thomas Christ gab ein nickendes Versprechen, strich Anita zärtlich eine vorwitzige Strähne ihrer schwarzen Haare aus dem Gesicht und drückte ihr zum Abschied einen Kuss auf die Stirn. Er verließ die schlanke Frau mit einem unguten Gefühl, eine Empfindung, die er sich niemals anmerken lassen würde, vor den Kollegen. Da gab der SoKo-Chef stets den Harten, er wollte es sich nicht leisten, seine durchaus auch bestehende Verletzlichkeit zu zeigen, obwohl es nicht einmal sicher war, dass er es nicht konnte. Seine Kollegen hätten ihm das sicher nachgesehen. Aber Christ ließ das Visier niemals fallen, nicht mal einen Spalt breit. Seine Truppe war viel zu gut im Aufspüren von Schwäche, und Dosske, der wohl vorlauteste Kollege aus Christs Truppe, würde eine solche bestimmt zur Zielscheibe seiner Sprüche machen.
Thomas Christ hatte es sich anerzogen stets der SoKo-Chef mit der unerschütterlichen Miene zu sein. Willenskraft gepaart mit einer guten Portion Schauspielerei hatte er schon immer besessen.
Die Kollegen bewunderten diesen erfahrenen Mann, die Gangster fürchteten ihn, und die Presse mochte den wortkargen Chef der SoKo nicht. Aber das Wichtigste für Christ war, Anita liebte ihn.
Auf dem Weg nach Dreieichenhain machte sich Christ so seine Gedanken über Schäfers Anruf. Er wusste, dass sein Fuhrparkleiter gerne angelte. Und er wusste auch, dass der Hüne dies leidenschaftlich an den Wochenenden zelebrierte. Aber es war ihm noch nicht klar was er nun dabei sollte. Er konnte sich kaum vorstellen, dass Schäfer ihn wegen eines großen Fanges zu sich bestellt hatte. Sicher, Schäfer hatte schon montags seine geangelten Fische mit in die Soko gebracht und den Kollegen geschenkt. Aber was das nun mit heute Abend zu tun hatte erschloss sich Christ immer noch nicht.
Sonntagabend, zwanzig Uhr acht, 27. September
Seit Christs Verabschiedung von seiner Ex-Ehefrau waren nicht einmal zwanzig Minuten vergangen, als der SoKo-Chef an der Burg Hayn eintraf und auf den Parkplatz am Untertor vor der Burgmauer abbog.
Dicke Nebelschwaden hingen nun wieder über dem Weiher vor der Burg, die von gelblichtigen Strahlern angeleuchtet wurde. Das diffuse Licht des Abends verpasste dem alten Gemäuer geradezu ein mysteriös gespenstisches Aussehen.
Schäfer war vom Herrnweiher zum Parkplatz am Untertor vorgelaufen, und als er den Audi A8 in Gletscherweiß Metallic seines Chefs erspäte, lief er dorthin wo Christ einparkte.
Christ stieg bedächtig aus seinem Wagen aus. Seinen ersten Eindruck bestimmten die Schaulustigen, die immer noch beobachteten was hier vor sich ging. Über den vielen Köpfen ragte die eine oder andere Hand mit einem filmenden oder fotografierenden Handy heraus, um alles für die Nachwelt festzuhalten. Ebenso registrierte Christ die abgestellten Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und der Polizei.
Inmitten all der Hektik erspähte Christ seinen Fuhrparkleiter, der eiligen Schrittes zu ihm herüber kam. Er bot ein Bild des Jammers. Noch im Laufen sagte Schäfer kleinlaut: "Danke Schef, dass se komme sin."
Christ nickte nur.
Und doch sah Schäfer im Gesichtsausdruck des Chefs der SoKo S andeutungsweise etwas wie ein verständnisvolles Lächeln und fühlte sich gleich besser.
"Isch weiss gar net wo isch anfange soll", druckste Schäfer, dessen Gesicht etwas Verzweifeltes hatte. "Am Beste komme se einfach mit", bat Schäfer und wies mit der Hand auf den Weg, der links vom Untertor begann und an der Stadtmauer entlangführte.
Christ nickte wieder nur und ließ Schäfer den Vortritt. Der stapfte auch sogleich los und Christ folgte ihm schweigend.
Auf dem schmalen Fußweg, vorbei an Sträuchern und Büschen, begegneten ihnen Menschen, und zwar weit mehr, als man hier im Normalfall den ganzen Tag über zu sehen bekam. Sonst saßen die Angler nebenan ruhig um den Weiher, und die Herrchen führten ihre Vierbeiner gassi, heute jedoch lag die unheimliche Aura von etwas Merkwürdigem über diesem Fleckchen Erde.
Die vielen Augenpaare, die Christ auf Schritt und Tritt verfolgten, prasselten an ihm ab wie ungeschaut, während Schäfer jeden einzelnen Blick wie ein Messer, das man ihm in den Leib rammte, zu spüren glaubte.
Endlich kamen sie vor dem leergelaufenen Herrnweiher zum Stehen.
Schäfer wies mit der Hand auf den Schlammboden. "Isch hab de Stepsel aus dere Badewann gezoge", gab Schäfer mit einem aufgesetzten Grinsen an, das ganz eindeutig nicht seiner wirklichen inneren Verfassung entsprach. "Glaab isch", schob er noch hinterher.
Christ sah auf den schlammigen Grund des ehemaligen Gewässers, von dem ein modriger Geruch ausging, und fragte sich was er hier nun tun sollte. Er entdeckte zwar die Fahrradleiche in der Mitte des Sees, konnte sich aber nicht vorstellen, dass Schäfer ihn deswegen gerufen hatte. Das da vielleicht zugrundeliegende Diebstahlsdelikt fiel nun wirklich nicht in seinen Zuständigkeitsbereich.
Schäfers ungutes "Aber des ist net des größte Problem", zog Christs Aufmerksamkeit wieder auf den Fuhrparkleiter, aus dessen sonst so lustigen rehbraunen Augen heute etwas ganz anderes sprach.
"Wir misste da rüber", klagte Schäfer und wies mit der Hand auf die Stelle, wo uniformierte Polizeibeamte und Feuerwehrleute mit Taschenlampen hantierten, und wo Schäfer, seinem ganzen Gebahren nach, eigentlich gar nicht hinwollte. Trotzdem stapfte Schäfer voraus.
Christ folgte ihm und nahm dankbar zur Kenntnis, dass Schäfer nicht den direkten Weg durch den Schlamm wählte, sondern den Weiher auf seiner Uferbefestigung umrundete.
Je näher sie kamen, desto interessierter wurde Christ auf das was hier vorgefallen war. Das rotweiße Flatterband mit dem schwarzen Aufdruck Polizeiabsperrung, das man um den Weiher gespannt hatte, wirkte geradezu elektrisierend auf Christ. Hinzu kam, dass er natürlich den Leiter der örtlichen Polizeidienststelle, Jens Robert Jeske, der auf dem aufgewühlten Grund des Weihers stand und mit jemandem sprach, erkannt hatte.
Jeske blickte, und wies mit der Hand, zu den mächtigen Wurzeln einer alten Weide hin, doch für Christ war dort von hier aus noch nichts Auffälliges zu erkennen. Als sie näher heran waren erkannte Christ, dass Jeske in ein Loch unterhalb der Weide geblickt hatte.
Jetzt bemerkte Jeske den Chef der SoKo. "Ah, Herr Christ."
"Jeske", antwortete Christ begrüßend.
"Warten Sie, ich komme hoch zu Ihnen", erklärte Jeske und stieg über den Uferrand des Weihers zu Christ nach oben.
Anscheinend war Jeske nicht überrascht, dass der SoKo-Chef hier auftauchte. Sicher hatte Schäfer den Dienststellenleiter unterrichtet, dass er Christ hergebeten hatte.
Als Jeske neben Christ stand, begann er diesen über das, was hier vorgefallen war, zu unterrichten. "Kleiner Haken, große Wirkung", scherzte er und erklärte: "Also, bis jetzt stellt sich das Ganze für uns so dar, dass der Angelhaken von dem jungen Mann hier", er sah zu Schäfer hin, "sich in den Wurzeln dieser Weide verfangen hat. Diese waren wohl wiederum in das Mauerwerk dieses unterirdischen Ganges oder Tunnels eingedrungen gewesen, und als Schäfer seinen vermeindlichen Fang mit aller Kraft aus dem Wasser ziehen wollte, hat das eine Wand wahrscheinlich zum Einsturz gebracht und das Wasser des Weihers lief in den Gang."
Christ sah zu Schäfer und verzog keine Miene.
Schäfer dagegen blickte unglücklich drein. "Es könnt aber auch Altersschwäche von dem Tunnel gewese sein", erklärte Schäfer in einem untauglichen Versuch alle Schuld von sich zu weisen. "Aber des is noch net des Schlimmste", hauchte er und blickte zu dem eingestürzten Tunnel hinüber.
"Wir haben einen Toten im Gang gefunden", sprach Jeske endlich das aus was Schäfer nicht über die Lippen kommen wollte.
"Einen Taucher", stammelte Schäfer ergänzend.
"Einen Taucher!?", fragte Christ nach, als ob er sich verhört hätte.
Schäfer nickte.
"Ja, einen Taucher", bestätigte auch Jeske, "aber ohne Taucherbrille oder Pressluftflasche."
Christ wusste nicht so recht was er mit dieser Aussage anfangen sollte und sah zu Schäfer hin.
"Isch hab den net uff dem Gewisse, der iss schon länger hin gewese", befleissigte sich Schäfer anzugeben. Jesske hatte dies geäußert, nachdem er wieder aus dem Tunnel aufgetaucht war, wo er einen kurzen Blick auf den Toten geworfen hatte.
Christ Augenbrauen wanderten in die Höhe.
"Wir haben einen Mann gefunden, der in einem Tauchanzug steckt", verdeutlichte Jeske. "Aber er trug eben nur diesen Anzug und keine sonstigen Tauchutensilien.
"Weiss man um wen es sich handelt?"
"Nein. Im Tauchanzug trägt man selten einen Personalausweis bei sich", raunte Jeske flapsig.
Von all den Theorien, die Christ momentan durch den Kopf schossen, war nicht eine zufriedenstellend. "Ist er aus dem Weiher in den Gang gespült worden, oder war er schon im Gang", wollte er interessiert wissen.
Jeske zuckte mit den Schultern. "Das wissen wir nicht mit Sicherheit", räumte er ein. "Ebensowenig wie wir wissen um wen es sich handelt."
Christ war nicht im Geringsten darauf bedacht Autorität an den Tag zu legen, er strahlte sie einfach aus, als er so dastand und zum Einsturz hinschaute.
"Schef", wandte sich Schäfer an Christ und sah ihn bittend an. "Ich dacht, dass des vielleicht ein Fall für unser SoKo wär", brummte er, offensichtlich durch ein schlechtes Gewissen geplagt.
Christ schnaufte kurz durch, denn seine übernatürliche Intuition rührte sich und signalisierte ihm, dass es sich hier nicht um einen simplen Tauchunfall handelte, sondern dass mehr dahinter steckte, und er sollte so recht behalten.
"Wer hat denn jetzt die Leitung", erkundigte sich Christ und kniff nachdenklich die Augen zusammen.
"Ich", sagte Jeske. "Wir sind nicht böse drum wenn die SoKo die Sache übernehmen kann, wir sind im Moment voll mit Arbeit", erklärte Jeske, der sehr wohl um die Befugnisse Christs wusste, die ihn dazu berechtigten.
Doch der Chef der SoKo S ließ Jeske zappeln.
Thomas Christ hielt seine Emotionen wie stets unter Verschluss, kein Anzeichen von dem was er gerade empfand ließ er an die Oberfläche gelangen, geschweigedenn erkennen. Aber noch während Jeske sprach, sortierte Christ schon gedanklich seine nächsten Schritte.
Christ wandte sich schließlich an Jeske. "Haben Sie schon die Spurensicherung verständigt?"
"Nein."
Wieder schaufte Christ tief durch, und die Art und Weise wie er schnaufte, ließ in Schäfer Hoffnung aufkeimen, er kannte den SoKo- Chef schließlich lange genug.
Schäfer gehörte zur ersten Grundausstattung, als Christ damals, zur Jahrtausendwende, seine Sonderkommission gründete. Mit der von ihm erarbeiteten neuen Sicherheitsachitektur deckte Christ den Bedarf an Spitzenkompetenz in der Verbrechensaufklärung im Rhein-Main-Gebiet ab. Der Vollblutkriminalist plädierte immer dafür, dass seine SoKo, wenn sich irgendetwas auch nur zaghaft andeutete, zugriff und sich der Sache annahm.
Und jetzt hoffte Schäfer, dass Christ zugriff.
Der Blick, mit dem Christ den Dienststellenleiter fixierte, war so durchdringend, dass Jeske das Gefühl hatte, er könne seine Gedanken lesen. Und als Christ schließlich fast lapidar erklärte: "Ich übernehme den Fall mit der SoKo", fühlte Jeske sich in seinem Empfinden bestätigt.
Beim Seitenblick, den Christ bei seiner Ansage auf Schäfer warf, sah er, wie sich das verzweifelt wirkende Gesicht des Hünen aufhellte. Die Anspannung wich aus seinem Körper und er sackte erleichtert in sich zusammen. Schäfers ganze Haltung drückte sein unerschütterliches Vertrauen in die Aufklärungsarbeit der SoKo S und deren Schef an der Spitze aus.
"Wer war denn schon alles in dem Tunnel?", fragte Christ, dem schwante, dass kriminalistisch relevante Spuren, die bei der Sachlage sowieso schwierig zu ermitteln sein würden, vielleicht schon zerstört waren.
Jeske deutete auf Schüllermann, zählte ihn, von Eschersleben, Schäfer und sich auf. "Aber der von Eschersleben ist nachhause gegangen, ihm war übel", wusste er noch zu berichten.
Christ hakte nach, wer sich hinter den beiden ihm unbekannten Namen verbarg, und was sie mit der Sache zu tun hatten.
Jeske erklärte es ihm.
"Sorgen Sie dafür, dass niemand mehr in den Tunnel geht", lautete endlich Christs erste Anweisung in diesem Fall. "Alle Personen, die hier nichts zu suchen haben, verlassen das Areal und gehen auf die andere Seite des Weihers", forderte Christ.
Dass er damit die Arbeit an dem Fall aufgenommen hatte, war Schäfer klar. Er nickte Christ dankbar zu, als sein Blick ihn erneut erfasste.
"Ich möchte mit diesem Herrn Schüllermann sprechen", erklärte Christ.
Jeske bewegte seinen Kopf mit einem gewissen Einverständnis auf und ab, und veranlasste die nötigen Schritte um die Schaulustigen, Feuerwehrleute, und auch seine Kollegen weg von dem Tunnel zu der anderen Seite des Weihers, und Schüllermann zu Christ, zu schicken.
Christ griff zu seinem Handy und sandte an die Kollegen seiner SoKo, die er gerne hier vor Ort hätte, eine SMS mit Instruktionen.
Schäfer beauftragte er, die Kollegen, so wie er es vorhin bei ihm getan hatte, vom Parkplatz abzuholen. Er selbst blieb an der Einsturzstelle, um mit dem Vorsitzenden des Angelsportvereins ein paar aufschlüsselnde Worte zu wechseln. Dem sich mit hängenden Schultern entfernenden Schäfer rief Christ hinterher: "Besorgen Sie mir irgendwo Gummistiefel!"
Solche Gummistiefel tauchten auch als Instruktion in Christ SMS auf, die bei Rechtsmediziner Doktor Mark Wenright, Forensiker Fynn Pfeiffer und den Soko-Beamten Antonio Brucati, Samira Stein und Daniel Dosske einging. Der mit ihr verbundene Blick der Kollegen auf den Absender der SMS ließ sie gleich erahnen, dass ihr Sonntagabend damit gelaufen war.
Sonntagnacht, zwanzig Uhr achtundfünfzig, 27. September
Daniel Dosske, der muskulöse Dunkelblonde mit der großen Klappe, traf als erster auf dem Parkplatz am Untertor ein, wo Schäfer ihn schon erwartete. Dosske hatte es aus seiner Wohnung in Offenthal nicht weit bis hier her gehabt.
Im Gesicht des gut genährten Kriminalisten spiegelte sich die Überraschung wider, eine ihm bekannte hünenhafte Gestalt hier zu sehen.
Heinz Schäfer hatte er noch nie an einem Tatort angetroffen. Er zählte in Christs Truppe nicht unbedingt zu den Ermittlern oder gar Kämpfern an erster Front. Schäfer war dafür zuständig den Fuhrpark in der SoKo- Zentrale in der Flughafenstraße einsatzbereit zu halten. Ihn 'draußen' zu sehen, ja gar an einem Tatort, war sonderbar.
Die Verwunderung fand in Dosskes Stimme Niederschlag, als er seine Autotür zuschlug und interessiert fragte: "Was machst du denn hier?"
Doch von Schäfer kam als Antwort nur ein Seufzen.
"Hast du dich verirrt? Oder gar vergessen wo deine Werkstatt ist?", fragte Dosske provokativ.
"Des ist e länger Gschicht, ich zeigs dir gleich", antwortete Schäfer abgelenkt. Er hatte wohl jemanden erspäht, denn er vollführte mit seiner rechten Hand eine Hierher-Geste.
Dosske folgte seinem Blick und entdeckte Antonio Brucati, der auf sie zuhielt.
"Hi, Toni!", begrüßte ihn Dosske.
"Hi!", gab Brucati zurück. Auch auf der Miene des italienischstämmigen Kriminalisten spiegelte sich die Überraschung wegen Heinz Schäfers Anwesenheit wider. Nur im Gegensatz zu Dosske, der selten ein Blatt vor den Mund nahm, unterließ er jegliche verbale Anspielung. "Was gibt’s?", fragte er lapidar.
"Erzähl isch euch gleich", wehrte Schäfer wieder ab. "Lasst grad die annern noch komme", bat er.
"Unser Schäfer macht's spannend", raunte Dosske. "Und das an einem Sonntag, wo ich eigentlich etwas Besseres vorhatte", murrte er.
Worauf Brucati die Augen verdrehte und die Gegend sondierte.
"Hier war ich echt schon lange nicht mehr", äußerte Dosske sich umblickend, aber ohne jegliche Euphorie.
"Hm", entgegnete Brucati.
Man merkte Dosske sichtlich an, dass er in seiner Sonntagsruhe gestört worden war. Seine Mundwinkel zeigten nach unten. Seit Dosskes Handy ihn mit der jazzigen Titelmelodie des Films Spiderman aus seiner sonntäglichen Ruhe gewissen hatte, murrte er vor sich hin. Als der Unheil verkündende Klingelton an sein Ohr gedrungen war, hatte er gerade gedacht mit einem Bierchen den Abend zu verbringen. Das hatte er sich schließlich redlich verdient gehabt, denn er war den Samstag über zum Shopping mit seiner Freundin unterwegs gewesen, und heute am Nachmittag mit ihr spazieren gegangen. Doch so sehr er Deborah auch vielleicht mochte, sie war einfach anstrengend. Und Christ SMS hatte Dosske sein Entspannungsbierchen gründlich versaut.
Kriminalistin Samira Stein folgte bald den beiden SoKo-Kollegen. Ein leichter Wind spielte mit ihren langen blonden Haaren, als sie zu ihnen herüberlief.
"Hi, Sammy", raunte Dosske der Kollegin zu, als sie sich dem Trio hinzugesellte.
Stein hob begrüßend die Hand. Sie mochte diesen von Dosske für sie gerne gebrauchten Spitznamen eigentlich nicht, aber wenn ihr Kollege ihn wie eben benutzte, drückte er so viel Vertrautes aus.
Dosskes schlechte Laune schien bei Steins Anblick verschwunden zu sein. "Schau doch nur", sagte er strahlend zu Brucati, "wie Steins Augen glänzen, wenn sie mich sieht!"
"Das ist sicher eine allergische Reaktion auf dich", entgegnete Brucati sarkastisch.
"Ich bin rezeptpflichtig", gab Dosske selbstgefällig an.
Stein musste grinsen. "Wo müssen wir denn hin?", fragte sie.
"Das wüssten wir auch gerne", raunte Dosske, "aber unser Herr Fuhrparkleiter hält sich noch bedeckt!"
Die drei sahen zu Schäfer hin, der sich offensichtlich in seiner Haut nicht gerade wohl fühlte.
"Lasst uns grad noch uf de Doc und es Pfeiffersche warte", bat Schäfer, "die misse auch gleich da sein."
Dass Schäfer den Namen des Forensikers Fynn Pfeiffer verniedlichte war durchaus verständlich, der schmächtige SoKo-Kollege war einen ganzen Kopf kleiner als Fuhrparkleiter Schäfer, der so etwas wie einen väterlicher Freund für den jungen Forensiker darstellte.
Seit die beiden Pfeiffers altes Motorrad, eine Honda CB 200 aus dem Baujahr 1970, wieder auf Vordermann brachten, sah man sie oft zusammen.
"Man, weiß Christ nicht, was heute für ein Wochentag ist?", murrte Dosske, der dieses Thema immer noch nicht abgehakt hatte.
"Doch, das weiß er", brummte Schäfer, "ein scheiß Sonntag!"
"Unmöglich!", beschwerte sich der in seiner Sonntagsruhe gestörte Dosske.
"Unmöglich?", nahm Brucati die Äußerung des Kollegen auf. "Nimm mal 'nen Duden und geh damit zu Christ. Das Wort kennt der nämlich nicht!"
"Stimmt!", entfuhr es Dosske und er tippte sich mit der Hand an die Stirn, als wenn ihm gerade ein Licht aufgegangen wäre. "Das habe ich auch schon gehört", spielte er mit.
Während sie auf das aus Pfeiffer und Doc Wenright bestehende Forensische Team warteten, nutzten die angekommenen SoKo-Kollegen den Moment für einen ersten Überblick.
Viele Menschen drängten sich um die Burg und ihren Weiher herum, unwiderstehlich angezogen von dem, was sie an diesem Sonntag gehört hatten. Auch hier, direkt am Ort des Geschehens sprach man aufgeregt miteinander. In der Menschenmasse standen ein paar mit Schlamm beschmierte Individuen, die müde und erschöpft wirkend diskutierten, während andere mit ihren Handys alles festhielten.
Drüben, auf der Dachterrasse des 'The Aircraft at Burghof', von wo man einen herrlichen Ausblick auf die historische Burg und den Weiher von Dreieichenhain hatte, standen die Menschen Schulter an Schulter am Geländer und diskutierten über das was hier geschah.
Dosskes Blick ruhte auf der Dachterrasse und dem Gebäude darunter, welches für Tagungen, oder auch für Konzerte, oder Gala-Dinner und so weiter zu buchen war. "Das nenne ich mal einen Logenplatz", raunte er.
Die Gäste des Hauses würden diesen Abend sicher so schnell nicht vergessen, unabhängig wie toll das Event auch sein mochte, zu dem sie eigentlich hier hergekommen waren, zumal auf sie auch noch ein schauriger Anblick, von dem sie jetzt noch nichts ahnten, wartete.
"Falls wir hier ermitteln müssen", begann Dosske, "die Befragung da drüben", er deutete in Richtung des noblen Tagungsortes, "übernehme ich."
"Das kann ich mir denken", entgegnete Brucati. "Du willst doch nur wieder in die Captain's Lounge und dich mit einem Cocktail in einen der Frist-Class-Sitze schmeißen", warf er Dosske vor.
Der antwortete mit einem unschuldigen Lächeln.
Brucati wusste, wie sehr Dosske das Ambiente der unglaublichen Bar in 'The Aircraft' faszinierte, von der es in den großen Veranstaltungsraum abging, der dem Inneren eines Flugzeuges nachempfunden war, bis hin zu Details wie Flugzeugsitzen und Flugzeugfenstern, hinter denen man unter anderem den Start oder die Landung eines Flugzeugs ablaufen lassen konnte.
Um keine weitere Diskussion aufkommen zu lassen, öffnete Dosske den Kofferraum seines Wagens und schlüpfte, genau wie Stein und Brucati es schon getan hatten, in Gummistiefel. Dabei bemerkte Dosske unter den Schaulustigen am Ufer des Weihers zwei Personen die er kannte. "Ach nee", raunte der Kriminalist, worauf Brucati und Stein ihre Aufmerksamkeit auf ihn richteten.
"Pfeiff' mal!", forderte er Brucati auf.
Und als der nicht folgte, bat Dosske herzzerreißend aber eindringlich: "Pfeiff' mal!"
Brucati spitzte die Lippen und stieß einen kurzen Pfeifton aus.
"Ich glaube mein Schwein pfeift", rief Dosske.
Brucati warf seinem Kollegen einen strengen Blick zu, der bedeutete: Spaß beiseite. Aus Dosskes entgegnendem Augenaufschlag ließ sich schließen, dass ihm dieser unduldsame Blick nicht fremd war.
"Die Presse ist doch immer schnell", sagte Dosske anerkennend. Mit dem Kopf wies er in eine bestimmte Richtung. "Guck mal", sagte er zu Stein, "da ist ja deine Freundin, diese Presse-Sherlockine und ihr Doktor Watson."
Stein war seinem Blick gefolgt und entdeckte die Journalisten Vivian Pfitz und Steve Quaid.
Die beiden hatten vor einiger Zeit im selben Fall wie die SoKo S recherchiert und sich dabei auf ein gefährliches Terrain begeben, aus dem die SoKo-Truppe sie letztendlich gerettet hatte.
Seit ein paar Wochen waren Samira Stein und Vivian Pfitz nun miteinander befreundet. Und als Dosske das mitbekam, hatte er Pfitz den Spitznamen Presse-Sherlockine verpasst.
Die Blicke der beiden Frauen trafen sich.
