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Die 14-jährige Tammy trifft auf den reichen Schnösel Isaac Aham, der sie nur eines knappen Blickes würdigt. Dieser genügt, um zu erkennen, dass sie eine rätselhafte Energie verbindet. Was die beiden nicht wissen: Sie gehören zu einem Scharonn, einer kleinen Gruppe von Gleichaltrigen, in denen die Fähigkeit zur Telepathie schlummert. Diese wird im direkten Augenkontakt aktiviert, unter dem wachen Blick des Flammenauges, einer uralten Quelle der Weisheit. Tammy ist fasziniert, Isaac hingegen hat keinerlei Interesse, sich auf das Phänomen einzulassen, bis er zufällig auf ein finsteres Familiengeheimnis stößt, dem er allein nicht gewachsen ist. So lassen sich Isaac und Tammy schließlich auf das Flammenauge ein, finden weitere Menschen ihres Scharonns und beginnen ein Abenteuer, das alles von ihnen fordert: Mut, Vertrauen, Intuition und die Verbindung zu sich selbst.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1
Bendix
Kapitel 2
Bendix
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Bendix
Kapitel 7
Kapitel 8
Bendix
Kapitel 9
Eliot
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Eliot
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Bendix
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Eliot
Kapitel 28
Eliot
Kapitel 29
Gerade noch rechtzeitig erreichte ich den großen Platz hinter der Sporthalle, auf dem jedes Jahr etliche Schulevents stattfanden – vom Flohmarkt über die Fahrradbörse bis zur Schulolympiade. Am ersten Tag der Sommerferien war der Platz aber fast leer. Nur vier Kinder standen mit ihren Müttern und jeweils einem gepackten Koffer da und warteten – wie ich – auf den Reisebus, der eigentlich längst hätte vorfahren sollen. Meine Mutter war nicht bei mir. Sie hatte auch nicht mitbekommen, dass der Reißverschluss unseres einzigen Koffers ausgerechnet heute Morgen kaputtgegangen war. Die Nähte waren gerissen und meine unmotiviert gepackten Kleidungsstücke, die Bücher und die kleine Reiseapotheke waren auf dem Fußboden meines Zimmers verteilt. Am liebsten hätte ich die Misere genutzt, um komplett auf das Ferienlager zu verzichten – ich ging eh jedes Jahr dorthin, obwohl ich nicht wollte. Eine Wahl hatte ich nie. Entsprechend übellaunig stopfte ich alles zurück in das unnütze Gepäckstück und band notdürftig eine Schnur darum, um es überhaupt bis zur Sporthalle tragen zu können.
Der Reisebus fuhr vor. Inzwischen hatte ich meine schlechte Laune in eine innere Schublade verbannt und meinen Puls nach der Hetzerei wieder unter Kontrolle. Weder Selbstmitleid noch Missmut würden mir helfen, die zehn Tage zu überstehen. Es gab nur eine Strategie für mich: Gute Miene zum bösen Spiel.
Zu melodramatisch? Mag sein. Diese Sommerlager waren ja nicht per se eine Katastrophe. Alles war lieb und nett gemeint – eine Stiftung übernahm jedes Jahr die Kosten, um Kindern aus schwierigen Verhältnissen ein paar Ferientage zu schenken. Genau das war der Punkt. Kindern! Kindern!! Mein Gott, ich war vierzehneinhalb und definitiv kein Kind mehr. Schon letztes Jahr war ich mit Abstand die Älteste in diesem Camp und ich konnte es nicht fassen, als die Sozialarbeiterin mir verkündete, ich müsse auch dieses Jahr wieder mitfahren. «Als Entlastung für deine Mutter. Das verstehst du sicher, Tammy.» Nein, tat ich nicht. «Deine Mutter gibt ihr Bestes, um euer Leben im Griff zu halten.» Nein, das tat sie nicht. Eigentlich machte sie gar nichts. «Sie braucht diese Ruhephasen. Daher ist es wichtig, dass du mitfährst. Es hat dir doch immer so gut gefallen.» Und nochmals: Nein, hat es nicht. Bei diesen gesäuselten Worten wollte ich am liebsten die Augen verdrehen. Stattdessen beschloss ich, mein Schicksal mit Fassung zu tragen.
Die Bustür öffnete sich. Das folgende Prozedere kannte ich aus den Vorjahren bereits bestens. Der Busfahrer, dessen Bauch jedes Jahr ein bisschen runder wurde, hob freundlich meinen Koffer hoch und bugsierte die verschnürte Eigenkreation zwischen die anderen Gepäckstücke, die ebenfalls schon bessere Tage gesehen hatten. Wie immer stieg ich vorne ein. Auf den ersten Sitzen saßen stets die vier Hauptverantwortlichen. Ich nannte die drei Frauen Rot, Pink und Grau – der Mann war Blau. Doch, doch, ich wusste durchaus, wie sie hießen. Aber ich fand die Farben einfach lustiger. Frau Rot war immer superherzlich. Man durfte ihr nur nicht zu nahe kommen, sonst riskierte man, von ihren kräftigen Armen gepackt und an ihre überdimensionale Brust gedrückt zu werden. Leider verpasste sie Jahr für Jahr, dass wir älter wurden. Sie sprach mit mir noch immer, als sei ich gerade eingeschult worden. Frau Pink hingegen war noch nicht lange im Leitungsteam. Sie war jung, ausgesprochen pädagogisch und eindeutig übereifrig. Es wäre ein Desaster, wenn ich ihrer Gruppe zugeteilt würde. Denn so viel singen, basteln, tanzen, Bäume umarmen und Glücksmomente sammeln, wie es auf Frau Pinks Programm stand, war mir definitiv zu anstrengend. Da war mir Frau Grau schon lieber. Vermutlich mochte sie Kinder nicht einmal besonders. Wer in ihrer Gruppe landete, musste entweder ihre Regeln befolgen oder unauffällig bleiben. Letzteres beherrschte ich bestens. Sie verlor dann bald das Interesse und man konnte tun und lassen, was man wollte. Herrn Blau als Betreuer zugeteilt zu bekommen, wäre ebenfalls eine akzeptable Option. Er fand die Psyche der ihm anvertrauten Kinder spannend – unsere trüben Lebensgeschichten schienen ihn zu faszinieren. Und so wurden bei ihm alle Aktivitäten gleichzeitig kleine Experimente. Die Jüngeren durchschauten das natürlich nicht. Und mir war es egal. Ich musste sogar zugeben, dass ich das letzte Lager hauptsächlich seinetwegen überstanden hatte. Nachts lag ich oft wach und hörte einmal, wie er weit nach Mitternacht nach draußen ging. Ich folgte ihm und sah, wie er sich hinter dem Anbau des Ferienlagerhauses ein, zwei oder eher drei kühle Biere gönnte. Es schien ihn nicht zu stören, dass ich plötzlich vor ihm stand. Wir setzten uns auf die Holzbank beim Hintereingang und ich ließ mich auf seine neugierigen Fragen über mein Leben und meine Gedanken ein. Nicht alles, was ich erzählte, entsprach der Wahrheit. Aber es war eine willkommene Abwechslung mit jemandem zu reden, der nicht so hoffnungslos pädagogisch sprach.
Nun zwängte ich mich vorbei an den Leitungspersonen und erreichte die Horde der Kids, von denen kaum jemand ruhig auf seinem Sitz saß. Sie knieten, beugten sich über die Rückenlehnen und pressten Hände und Nasen gegen die Scheiben. Ein unzähmbarer Haufen verhaltensauffälliger Schulkinder, die mit ihren sieben oder acht Jahren auf das große Abenteuer hofften. Bestimmt würden sie in ihren Gruppen freudig tanzen, basteln, singen und nicht merken, wie sie sich auf die Experimente von Herrn Blau einließen. Ich fand diesen Teil des Busses bei Weitem zu laut. Mein Kopf pochte beim Vorbeigehen und ein nerviger, heller Ton hallte in meinen Ohren.
Ich schob mich weiter durch die Busreihen und versuchte, den kindlichen Tumult und den hellen Ton in meinem Ohr zu ignorieren. Inzwischen war ich im Bereich der Teens angelangt. Ich würde sagen, alle ab neun Jahre gehörten zu dieser Gruppe. Die meisten waren schon mehrmals dabei, irgendwo im Team Rot, Pink, Grau oder Blau. Bestimmt war keiner von ihnen schon zwölf, aber sie führten sich auf, als gehöre ihnen die Welt. Erleichtert fiel mein Blick auf einen freien Doppelsitz in der zweitletzten Reihe. Ich ließ mich sofort nieder und stellte meinen Rucksack provokativ auf den Sitz neben mir – damit niemand auf die Idee kam, sich dorthin zu setzen.
Die letzte Reihe gehörte den Früchtchen. Das waren jedes Jahr drei oder vier Jungs aus der noblen Gegend unserer Stadt. Da, wo es Pools in den Gärten gab. Wo man auf private Schulen ging. Wo die Arroganz zum Himmel stank, und wo ich noch nie in meinem Leben gewesen war. Aber auch da, wo den Jungs so langweilig war, dass sie aus Spaß Autos knackten, Gras vertickten oder Abfalleimer in die Luft sprengten. Und bevor die Polizei aktiv wurde, regelten die reichen Papas die Angelegenheit mit einem Deal für ihre Sprösslinge. So landeten die Früchtchen im Rahmen einer Wiedergutmachung als Helfer im Camp der benachteiligten Kinder. «Eine gute Tat», sagte man dazu, «um die Jugendlichen wieder auf den rechten Weg zu bringen». Na ja. Dieses Jahr waren es drei Früchtchen, die nun ihre zehntägige Strafe antraten. Ich hatte sie nur flüchtig angesehen, da ich ohnehin nichts mit den arroganten Typen zu tun haben wollte. Und ja, es war mir natürlich auch peinlich, weil sie in meinem Alter waren – zumindest zwei von ihnen. Der dritte wirkte ein, zwei Jahre älter. Wie erwartet dröhnten schon nach wenigen Minuten Machosprüche aus der hintersten Reihe durch den Bus. Doch das freudige Geschrei der Kids, der Beat aus dem Lautsprecher der Teens und schließlich die Musik aus meinem Kopfhörer übertönten alles und halfen mir durch die dreistündige Fahrt.
Sein Kopf pochte, als Bendix gegen die Seitentür des getunten Fahrzeugs gepresst wurde. Der Aufprall drückte ihm für einen Moment die Luft aus der Lunge. Dann packte sein Stiefvater ihn am Oberarm und riss ihn so herum, dass Bendix ihm in die zornigen Augen sehen musste.
«Wie kann man nur so nutzlos sein!», brüllte der Mann. «Du bist ein Nichts.» Bei jedem Zischlaut spritzte Bendix Spucke entgegen und er kniff instinktiv die Augen zusammen, als der Mann ihm ins Gesicht schlug. Ein Schlag, dann ein zweiter. Der erste war dumpf und schwer, der zweite brannte auf der Haut.
Bendix ließ sich nichts anmerken, doch die Wut brodelte in seinen Fäusten. Er war kurz davor, zurückzuschlagen.
Ein heller Ton – kurz und klar – erklang in seinem Ohr und lenkte ihn einen Moment ab. Doch bevor er sich darauf konzentrieren konnte, wurde er erneut gepackt und in die Kammer neben der Werkstatt gedrängt, die schon seit zwei Jahren sein Zuhause war.
«Fucking Bastard», hörte er noch, dann knallte die Tür ins Schloss. Bendix stieß aufgebracht mit der Stirn gegen die verschlossene Tür. Warum hatte er die Schläge wieder zugelassen? Warum hatte er sich nicht gewehrt?
Erst jetzt bemerkte er, wie Blut von der Stirn über seine dunkle Haut rann und in kleinen Tropfen zu Boden fiel. Und während er dastand, war das Einzige, was blieb, ein leises Echo in seinem Kopf.
«Team Rot», rief Frau Rot fröhlich und klatschte in die Hände, als wären wir ihre Lieblingsmannschaft. Acht hyperaktive Kids, vier Teenager und eines der drei Früchtchen – Jeremy mit seinen Markenklamotten – standen um uns. Die Einteilung war abgeschlossen, doch das Gefühl blieb, in einer riesigen Theateraufführung gelandet zu sein. Frau Rot sprühte wie immer vor Herzlichkeit, während sie uns den Schlafsaal zeigte und beim Beziehen der Betten half. Immer wieder blickte sie lächelnd in die Runde, als wäre das hier ein echter Neuanfang für alle.
Etwas später an diesem Tag trieb uns ihre fröhliche Stimme nach draußen vors Haus – zum Begrüßungsritual. Wie jedes Jahr standen wir im Kreis und warfen uns einen Ball zu, damit wir die Namen der anderen lernten. Widerwillig machte ich mit. Die Kids schauten mich respektvoll an, als sei ich eine der Betreuerinnen. Das nahm der ganzen Sache wenigstens etwas von der Peinlichkeit. Jeremy hingegen warf mir einen unmissverständlichen Blick zu – herablassend und spöttisch. Das nervte mich. Er fragte sich bestimmt, was ich in den Reihen der Heimkinder zu suchen hatte. Ich war ja kaum jünger als er, aber definitiv nicht in seiner Liga. Nun, mein Gesicht mit dem neckischen Muttermal auf der Stirn, die dunklen Augen und wilden Haaren hatten vielleicht Potenzial. Zumindest hörte ich das immer wieder von meiner Clique. Für einige war es unverständlich, warum ich mich nicht mit Schminke aufpolierte und meine Kleider mehr bequem als chic und meist zu groß waren. Schon mehrmals hatten sie versucht, mich zu einem Umstyling zu überreden. Sie stritten sich sogar darum, wer das Before-and-After leiten durfte und hofften, damit Likes und Faves auf Social Media abzustauben. Ich tat ihnen den Gefallen aber nie. Jeremys Blick wich auf jeden Fall kaum mehr von mir – ungläubig, fast anbiedernd. Es überkam mich die ernsthafte Befürchtung, dass dies sehr, sehr schwierige zehn Tage werden konnten.
Und ja, schwierig wurden die Tage tatsächlich. Und anstrengend. Und vor allem sehr verwirrend. Das hatte aber überhaupt nichts mit Jeremy zu tun, dem reichen Typen mit dem belanglosen Pickelgesicht. Auch wenn er es war, der bei den beiden anderen Früchtchen über mich lästerte und es nur zwei Tage dauerte, bis ich mit allen dreien – Jeremy, Roy und Isaac – Stress hatte. Ihre herablassenden Blicke und Sprüche provozierten mich maßlos. Ich hätte sie einfach ignorieren sollen. Doch impulsiv, wie ich nun mal war, schoss ich mit bissigen Kommentaren zurück – genau das, worauf sie aus waren.
Bereits am dritten Abend kam meine Strategie – Gute Miene zum bösen Spiel – ins Wanken. Ich war gereizt und zischte die arme Frau Rot wie eine zerknitterte Wildkatze an, weil ihre vielen fürsorglichen Ratschläge mich wahnsinnig machten.
«Ich kann verdammt nochmal auf mich selbst aufpassen!», raunte ich sie an – oder vielleicht dachte ich es auch nur. Auf jeden Fall würdigte ich sie keines Blickes mehr und verschwand im Schlafsaal. Dort fand ich alles – Kuscheltiere, eingenässte Bettwäsche, Schnuffeltücher – nur keinen Schlaf.
Ich steigerte mich regelrecht in den Ärger hinein, der sich feuerrot in mir ballte, und wusste nicht einmal, was genau mich so rasend machte. Die blöden Sprüche der Früchtchen? Die misslungene Strategie? Oder Frau Rots unerschütterliche Freundlichkeit? Kurz vor Mitternacht verließ ich den Schlafsaal und durchlief sämtliche Räume bis zum Hinterausgang, den ich noch vom letzten Jahr her kannte. Ich hoffte inständig, hinter dem Haus auf Herrn Blau und sein Bier zu treffen. Sein psychologisches Blabla, mit dem ich mich aber ernst genommen fühlte, vermochte mich vielleicht zu beruhigen.
Die Luft war mild, als ich in die Nacht hinaustrat, und es knirschte und raschelte in den Sträuchern und Bäumen. Der Mond war anfangs von einer Wolke verdeckt, aber je länger ich auf der Bank wartete, desto mehr schob diese sich zur Seite. So sah ich ein Eichhörnchen, das emsig an dem Baum, der knapp in Sichtweite stand, hoch und runter sprang. Das drollige Tier lenkte mich davon ab, dass Herr Blau wohl nicht mehr auftauchen würde. Um es nicht zu verscheuchen, achtete ich darauf, keine falsche Bewegung zu machen. Denn neben mir befand sich ein Sensor, der die helle Außenbeleuchtung automatisch einschaltete. Das würde die Fellnase bestimmt erschrecken. Also saß ich bewegungslos da. Ziemlich lange. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass Herr Blau sich noch blicken lassen würde. Bis ich das Öffnen der Hintertür hörte, dann Schritte, die gezielt hinüber zum Baum führten. Das Eichhörnchen hüpfte schnell in einen Busch in der Nähe, da der Weg zum Baum nun versperrt war. Aufmerksam lauschte ich und hoffte, das Zischgeräusch einer Bierdose zu hören. Das geschah aber nicht. Stattdessen kratzte in dieser windstillen Nacht ein Zündholz über die Schachtel und ich erkannte eine Flamme, die eine Zigarette zum Glühen brachte. Im Schein des Feuers sah ich für einen kurzen Moment das Gesicht hinter dem Glimmstängel, was mich stutzig machte. Das war nicht das Gesicht von Herrn Blau … gewiss war es nicht Frau Rot und Frau Pink war deutlich kleiner als die Person, die dort stand. Konnte es Frau Grau sein? Das wäre verheerend. Die regeltreue Betreuerin würde mir ordentlich den Marsch blasen, wenn sie mich hier erwischte. Und in meiner labilen Verfassung war zu befürchten, dass ich ihr im Affekt den Marsch gleich zurückgeblasen hätte.
So wartete ich, eingelullt in meinen angestauten Frust. Ich hörte, wie die Zigarette ausgedrückt wurde, das dumpfe Aufprallen des Stummels auf den Boden und schließlich Schritte, die zum Glück zum Hintereingang zurückführten. Auch die kleine Fellnase wirkte erleichtert und wollte sofort zurück auf ihren Baum hüpfen. Die Person, die inzwischen nur wenige Meter neben mir stand, hörte das Geräusch des Tierchens und drehte sich abrupt um. Fluchtartig sprang das Eichhörnchen in die entgegengesetzte Richtung – leider genau vor den Sensor. Das Licht flackerte zweimal, bevor es uns anstrahlte wie ein Spot auf der Bühne.
Geschockt starrte ich in die stahlblauen Augen von Isaac, dem Früchtchen aus der Gruppe Grau. Mein Herz raste urplötzlich, denn sein Blick hielt meine Augen fest wie ein unsichtbarer Magnet, dem ich nicht entkommen konnte. Dazu war wieder dieser helle Ton da – und in mir loderten visionsartig blaue Flammen auf, tanzend und lebendig. Sie wirkten so echt, als könnte ich sie greifen – und doch wusste ich, dass sie nur in meinem Kopf existierten, wie ein Traum, der sich für einen Moment real anfühlte. Aus den Flammen formte sich ein mysteriöses Auge, das mich durchdringend ansah. Mein Atem stockte, mir wurde heiß und kalt zugleich. Inmitten meiner taumelnden Gedanken bemerkte ich, wie auch Isaac erstarrte und sich ans Ohr fasste. Ein intensives Kribbeln breitete sich in mir aus, als würde mein ganzer Körper erkennen, was mein Verstand nicht fassen konnte.
Wir verharrten beide in dieser Spannung, bis ich mich schließlich zwang, den Kopf wegzudrehen. Mit diesem Bruch verblasste das Flammenauge sofort. Der helle Ton aber verklang nicht, und wir standen regungslos da, bis das Licht erlosch und die Situation rettete. Ohne ein Wort drehte Isaac sich um und verschwand durch die Hintertür ins Haus.
Das metallene Klacken des Schlüssels hallte in Bendix’ Gedanken und rief den Moment wach, an dem alles begann: Vor zwei Jahren hatte er die Schule unerwartet verlassen müssen. Eigentlich war Bendix damals optimistisch. Spontan vertraute er sich einem Lehrer an und erzählte von der Stimme in seinem Kopf. Er wusste, dass sie ungewöhnlich war, doch er mochte sie und wollte mehr darüber erfahren. Was bedeuteten die fremden Gedanken, die er zwischen dem hellen Ton in seinem Ohr hören konnte? Sie verweilten kurz, hinterließen Wortfetzen und verschwanden dann wieder – für unbestimmte Zeit. Der Lehrer reagierte besorgt, aber verständnisvoll und erklärte, es gebe Wege, damit umzugehen. Doch leider wählte der Mann ausgerechnet den Weg zu seinem Stiefvater. Dem war die psychische Auffälligkeit ein Dorn im Auge. Lehrer und Freunde glaubten bis heute, Bendix wäre irgendwo in Therapie. Sein Stiefvater hatte jedoch nie vorgehabt, ihm zu helfen. Er nahm ihn von der Schule und zwang ihn seitdem zur Arbeit. Alles, was Räder hatte, musste repariert werden – in einer Werkstatt irgendwo im Industriegebiet am Rande der Stadt. Und da Bendix talentiert war, witterte sein Stiefvater den Gewinn. Er drängte den Jungen zu immer mehr Leistung, wurde zunehmend rabiater und schreckte schließlich vor Schlägen nicht mehr zurück. Wie auch dieses Mal. Bendix war noch immer in der fensterlosen Kammer eingesperrt. Über der Wunde an seiner Stirn war inzwischen eine Kruste getrocknet. Doch seine Dreadlocks fielen ihm eh so tief ins Gesicht, dass die Verletzung fast vollständig verdeckt war. Hätte er sich seinem Lehrer bloß nie anvertraut.
Die Begegnung mit Isaac hinter dem Ferienlagerhaus ließ mich die halbe Nacht wach liegen. Am nächsten Morgen war ich dann viel zu müde für den geplanten Spaß- und Spielmarathon und meldete mich kurzerhand krank. Ich log Frau Rot etwas von Krämpfen und Beschwerden vor. In ihrer verständnisvollen, aber naiven Fürsorge organisierte sie mir prompt ein Einzelzimmer, in das ich mich einen Tag lang zurückziehen konnte – ein echter Glückstreffer! Mein erstes Ziel war es, Schlaf nachzuholen. Danach wollte ich nachdenken – über das, was beim Augenkontakt mit Isaac geschehen war. Und über das, was sich verändert hatte.
Ja, etwas war anders. Dieser helle Ton im Ohr ließ mir keine Ruhe. Ich hatte ihn in den letzten Jahren oft gehört – er kam und ging ohne ersichtlichen Grund. Und letzte Nacht, beim Blick in Isaacs Augen, schallte er so laut wie nie zuvor in meinem Kopf. Auch noch, nachdem Isaac im Haus verschwunden war. So lange, bis ich zufällig eine Art Gedankenmuskel entdeckte, mit dem ich den Ton stoppen konnte. Verblüfft experimentierte ich damit: Wenn ich mich konzentrierte, ließ sich den Ton ein- und in gleicher Weise wieder ausschalten. Sehr seltsam.
Auch das blaue Flammenauge ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Als ob Isaac mir dieses Bild in den Kopf gesetzt hätte. Es war intensiv da gewesen, solange ich ihn anschaute, und verschwand sofort, nachdem ich mich abgewendet hatte. Was war gestern Nacht geschehen? Wer war dieser Isaac? Am Ende dieses ruhigen Tages war mir klar: Ich musste mit ihm reden – über alles, was vorgefallen war.
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Am vierten Tag des Sommerlagers sah ich Isaac zum ersten Mal seit der nächtlichen Begegnung wieder. Man erwartete heftigen Regen, daher quetschten sich alle Gruppen in den stickigen Speisesaal, in dem gerade Frühstück serviert wurde. Die drei Früchtchen saßen am Ende des langen Tisches, an dem auch ich mit dem Rest der Gruppe Rot Platz nahm. Mehr als einmal versuchte ich, Augenkontakt aufzunehmen, aber weder Isaac noch seine Kumpel Jeremy und Roy beachteten mich. Erst als sie ihre Teller zur Geschirrrückgabe trugen und hinter mir vorbeigingen, drehte ich mich zu Isaac um.
«Hey», sagte ich so, dass nur er es hören konnte. Isaac hob den Blick, und unsere Augen trafen sich. Die blauen Flammen flackerten sofort auf, und der helle Ton hallte erneut in meinem Kopf. Isaac zuckte zusammen – genau wie ich. Und jetzt war ich mir sicher: Der Idiot spürte das alles ebenso! Meine Aufregung stieg, aber Isaac ignorierte mich und eilte davon. Schnell ging ich hinterher und bekam sein T-Shirt zu fassen.
«Ey, warte!» Isaac aber stieß meine Hand weg und reagierte genervt, ohne mich anzublicken.
«Lass mich in Ruhe! Ich hab’ dir nichts zu sagen.»
Jetzt erst sahen mich die beiden anderen Früchtchen. Während Isaac aber offensichtlich nichts mit mir zu tun haben wollte, waren Jeremy und Roy noch in bester Mobbinglaune. Roy setzte bereits zu einem dummen Spruch an, doch Isaac ging dazwischen.
«Alter, lass uns verschwinden.» Er rückte sein Cap auf dem Kopf zurecht und marschierte davon. Roy und Jeremy schienen nicht zu begreifen, folgten aber artig dem Rädelsführer.
«Isaac!», rief ich ihm wütend hinterher, aufgestachelt von seiner schroffen Arroganz. Er blieb stehen und drehte sich langsam zu mir um. Sein Cap zog er tief ins Gesicht, um mich nicht ansehen zu müssen.
«Verpiss dich», sagte er leise, aber scharf. «Ich will dich nicht mehr sehen.» Er drehte sich um und verließ genervt den Raum.
Was glaubt der eigentlich, wer er ist? «Du Arsch!», rief ich hinterher. Ich war verdammt sauer und meine Stimme wohl etwas gar laut. Sofort kamen drei Menschen gleichzeitig auf mich zu: Der supergenervte Isaac, die beschwichtigende Frau Pink und Frau Grau, die einen Zettel in der Hand hielt. Isaac machte sich davon, als er die beiden Frauen sah. Frau Pink faselte etwas von kontrollierter Wut und davon, dass man auf die Wahl der Worte achten sollte – irgendein BlaBla eben. Von Frau Grau erwartete ich eine Standpauke, stattdessen sagte sie: «Es hat jemand für dich angerufen. Es geht um deine Mutter. Du sollst bitte umgehend auf diese Nummer zurückrufen. Das Telefon ist unten im Büro, erste Tür links neben dem Haupteingang.»
Oh nein, was war jetzt schon wieder passiert? Meine Mutter schaffte es nicht mal eine Woche ohne mich – und das machte mich ehrlich gesagt wütend. Ein Teil von mir hoffte noch immer, sie wäre anders. Aber sie war nie etwas anderes als unfähig und ich hatte keinen Nerv mehr, enttäuscht zu sein.
Natürlich wusste die Sozialarbeiterin nichts davon. Jene Frau, die meinen Fall seit Langem schon betreute, mich alljährlich hier in dieses Kinderlager schickte, ansonsten aber froh war, wenn es nicht zu viel Arbeit für sie gab. Sie wusste kaum etwas über mich. Woher auch? Ich hätte nie erzählt, wie es bei uns zu Hause wirklich lief. Sonst wäre ich längst zurück im Heim, wo ich zwar nur kurz, aber definitiv lang genug gewesen war. Und es funktionierte ja auch zu Hause. Solange ich da war, um die Probleme meiner Mutter auszubügeln.
Nun war ich aber seit einigen Tagen weg. Nein, eigentlich erstaunte mich der Anruf nicht. Vermutlich wollte sie mir etwas vorjammern. Sie war nämlich nicht nur unfähig, sondern dachte obendrein auch, die Welt drehe sich nur um sie. Im Moment wollte ich mich aber um meine eigenen Angelegenheiten kümmern und nach diesem Anruf mit Isaac reden. Ich ging ins Büro und wählte die Nummer, die auf dem Zettel stand.
Kurz darauf musste ich mich hinsetzen. Und fünf Minuten später knallte ich den Hörer des alten Telefons frustriert auf die Station, ohne viel gesagt zu haben. Meine Mutter hatte sich mit irgendwelchen Substanzen zugedröhnt und in ihrem Zustand versehentlich unsere Küche in Brand gesetzt. Nun liege sie mit leichten Verbrennungen und Verdacht auf Rauchvergiftung im Krankenhaus. Anschließend müsse sie für einige Zeit in eine Kur. Die Wohnung sei nicht mehr bewohnbar. Für mich werde nach einer Lösung gesucht und ich solle mich in zwei Tagen wieder unter derselben Nummer melden.
Ich war zwar froh zu hören, dass sich nun jemand um meine Mutter kümmerte. Aber shit, ich konnte nicht mehr nach Hause?! Mein langweiliges und manchmal echt beschissenes Leben würde noch komplizierter werden. Ich brauchte dringend etwas, das mich ablenkte – etwas Spannendes, wie zum Beispiel dieses verrückte blaue Flammenauge, sonst würde der Sommer zum Desaster. Der Frust bestärkte mich nur noch mehr. Jetzt wollte ich erst recht wissen, was hier vor sich ging und war fest entschlossen, diesen reichen Schnösel Isaac zur Rede zu stellen.
Ich verschwand durch die Hintertür und setzte mich zum Nachdenken auf die Holzbank. Ich würde Isaac so lange bedrängen, bis er mir sagte, was er bei unserem Blickkontakt gesehen hatte. Oder ich lauerte ihm hier draußen auf, falls er wieder zum heimlichen Rauchen herkommen würde … Meine Gedanken brachten mich auf eine Idee … schnell ging ich hinüber zum Baum der kleinen Fellnase, wo Isaac nachts gestanden hatte. Und prompt: Auf dem Wurzelwerk fand ich sogleich, wonach ich suchte. Den Stummel von Isaacs Zigarette, der – wie vermutet – ein Joint war. Wie dumm konnte der Typ nur sein? Der kiffte tatsächlich mitten in seiner Bewährungszeit. Damit war das, was ich in den Händen hielt, ein Druckmittel. So würde ich meinen Willen durchsetzen – und seine Antworten bekommen.
Isaac wischte lustlos den Fußboden des Schlafsaals. Die beiden anderen Früchtchen begleiteten die Gruppen Blau, Pink und Rot auf eine Wanderung. Nur Frau Grau war mit ihrer Kinderschar noch da, und die wuselte eine Etage tiefer im Kreativzimmer herum. Ich hatte von Frau Rot eine weitere Schonfrist bekommen, da ich mich krankgejammert hatte, um im Haus bleiben zu dürfen. Nun hatte ich die Gelegenheit, Isaac ungestört zur Rede zu stellen. Leise schlich ich in den großen Schlafraum und sprach ihn an, während er noch mit dem Rücken zu mir stand.
«Es war ein Joint», sagte ich selbstsicher, ohne eine Antwort abzuwarten. «Hier sind die Reste, und jeder im Haus wird es heute noch erfahren, es sei denn, du redest jetzt mit mir.»
Isaac hielt inne und stützte sich auf den Besenstiel. Meine Botschaft, die natürlich eine fiese Drohung war, verfehlte ihre Wirkung nicht. Er stand da, angespannt, noch immer mit dem Rücken zu mir, vermutlich genervt, aber meinem Willen ausgeliefert. Ich wusste es. Er wusste es.
Also fragte ich: «Was hast du gehört, als wir uns in die Augen schauten? Warum hast du dir ans Ohr gefasst?» Isaac schwieg trotzig, also tat ich so, als würde ich den Raum verlassen, um meine Drohung wahrzumachen. Das zeigte Wirkung – er drehte sich um.
«Ich hatte einen unangenehmen Pfeifton im Ohr.»
Das hatte ich mir gedacht – genau wie ich.
«Und was hast du dabei gesehen?» Dieses Mal kam die Antwort schnell, aber leise und widerwillig. «Wahrscheinlich das Gleiche wie du. Die blauen Flammen und dieses Auge.»
Wir hatten also tatsächlich das Gleiche gesehen und gehört – wie verrückt war das denn? Aufgewühlt setzte ich mich auf das nächstbeste Bett, noch immer ein gutes Stück von Isaac entfernt.
«Was weißt du über diese blauen Flammen?», fragte ich weiter. Isaac zog sein Cap tief über die Augen und setzte sich in einiger Distanz ebenfalls hin. Angespannt war er noch immer.
«Ich weiß nichts. Es waren halt ein Ton und einige Flammen.»
«Und du konntest es sehen, als wir uns in die Augen schauten?»
«Ja, sagte ich doch schon.»
«Das kann kein Zufall sein!», rief ich, doch Isaac zuckte nur mit den Schultern. Sein fehlendes Interesse nervte mich.
«Komm schon!», drängte ich. «Wenn wir uns anschauen, blitzt es in meinem Kopf. Wir sehen beide ein blaues Flammenauge und hören einen hellen Ton. Das kann doch …»
«Ach, halt’s Maul!», unterbrach mich Isaac gereizt. Seine Gleichgültigkeit schlug um in reine Frustration. «Es hat ewig gedauert, bis ich dieses beschissene Auge ignorieren konnte. Und jetzt fängst du wieder mit dem ganzen Scheiß an!»
Seine Wut ließ mich kalt, aber meine Neugier wuchs. «Bedeutet das, du hast die Flammen früher schon gesehen?»
«Manchmal, ja.»
«Seit wann?»
«Weiß nicht genau. Etwa seit ich zehn bin.»
«Schon so lange?»
«Nun, vier Jahre eben.»
«Du bist erst 14? Ich hätte dich älter geschätzt.»
«Das sagen alle. Im Januar werde ich 15.»
Mein Herz pochte schneller. «An welchem Tag?»
«Am ersten», murmelte er, und mir stockte der Atem.
«Das ist auch mein Geburtstag!» Konnte das ein Zufall sein?
Oder war es ein Wink des Schicksals? «Isaac, wir wurden am genau gleichen Tag geboren!» Er hob den Kopf und für einen Moment trafen sich unsere Augen über die Distanz. Blitzartig sah ich die Flammen lodern, nur kurz, wie das Zucken von statisch aufgeladener Energie. Isaac senkte den Blick sofort wieder und kommentierte meine Erkenntnis mit keinem Wort.
«Ey, das alles kann dir doch nicht egal sein!»
«Vergiss es einfach, Tammy!», zischte er scharf.
Aha, er kannte meinen Namen. Nicht aber meine Sturheit. Nie im Leben würde ich ihn damit in Ruhe lassen. Zu groß war meine Neugier. Also stand ich auf und ging quer durch den Schlafsaal auf Isaac zu. Direkt vor ihm setzte ich mich auf ein Bett. Er drehte seinen Kopf leicht zur Seite und wich meinem Blick konsequent aus.
«Okay, Isaac, ganz ruhig. Hast du mit jemandem über das Flammenauge gesprochen?»
«Nein. Aber ich kann online recherchieren. Der Mist in meinem Kopf ist definitiv nicht normal!»
«Hörst du denn jetzt auch den hellen Ton?», fragte ich, ohne auf seine Aussage einzugehen.
«Ja.»
«Hörst du ihn ständig?»
«Nein.»
«Kannst du den Ton ein- und ausschalten?»
«Warum zur Hölle sollte ich ihn einschalten?»
«Ich meine, kannst du ihn irgendwie steuern?»
«Ich glaube nicht, nein.»
«Wann hörst du ihn denn normalerweise?»
«Völlig random. Kommt plötzlich und verschwindet wieder.»
«Aber er wurde lauter, als du mich angeschaut hast?»
«Ja.» Seine Geduld bröckelte.
Ich atmete durch und ging in die Offensive. «Isaac, wir müssen herausfinden, was dahintersteckt. Ich will in deine Augen schauen. Nur einen Moment lang.» Isaac wollte natürlich nicht.
Kurz entschlossen schob ich sein Cap hoch. Als er es wieder tief ins Gesicht ziehen wollte, kreuzten sich unsere Blicke – und es passierte erneut: Unsere Augen reagierten wie Magnete, die sich nicht lösen konnten. Die blauen Flammen loderten in dieser mysteriösen und zugleich faszinierenden Verbindung, und das große Auge zeigte sich deutlich inmitten des Feuers. Mit jeder Bewegung der Flammen wurde der helle Ton lauter, bis er sich wie ein Echo in meinem Kopf ausbreitete. Ich spürte, wie die Flammen im Takt meines Herzschlags zu pulsieren begannen. Immer stärker. Immer schneller. Plötzlich nahm ich einen Öl- und Benzingeruch wahr. Woher kam das nur? Es irritierte mich vollkommen.
Alles fühlte sich an, als würde etwas Unsichtbares auf uns zurollen oder das Auge gleich explodieren. Nur sah ich, wie Isaac die Geduld verlor. Seine Schultern spannten sich an, seine Hände bewegten sich unruhig. Und plötzlich riss er sich los, drehte sich ab und der Augenkontakt kappte. Die Energie verschwand, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
«Ey, echt jetzt?!», rief ich und fühlte mich, als hätte ich gerade etwas Unglaubliches verpasst. Mein Herz raste. «Warum hast du es unterbrochen?»
Isaac stand abrupt auf. Ohne mich eines Blickes zu würdigen schritt er zur Tür – schnell, beinahe fluchtartig. Dann krachte es, als er die Tür hinter sich zuschlug.
«Idiot», murmelte ich. Das hörte er aber nicht mehr. Wie konnte er nur so verdammt desinteressiert sein? Ich verstand es nicht. Vermutlich war das eben das Aufregendste, was je in meinem Leben passiert war. Ich konnte mich kaum beruhigen und wünschte, ich hätte mein Phone ins Lager mitnehmen dürfen. Vielleicht hätte mir ChatGPT erklären können, was es mit diesem rätselhaften Phänomen auf sich hatte.
Am nächsten Tag war es so weit: Frau Rot war endgültig überfordert mit mir. Ich hatte schon wieder die halbe Nacht wachgelegen und war am Morgen nicht aus dem Bett zu kriegen. Mangels Alternativen ließ sie mich einfach unter der Bettdecke. Alle anderen waren am See, um den sonnigen Tag zu genießen – das jährliche Highlight für die Kids des Ferienlagers. Auch ich mochte das Wasser und hatte mir vorgenommen, diesen Sommer noch einige Tage im Strandbad beim Sportzentrum zu verbringen. Doch heute wollte ich nur eins: allein sein und nachdenken. Das Lagerhaus war leer – die perfekte Gelegenheit. Ich schlief erst einmal bis gegen Mittag, schnappte mir dann drei Scheiben Brot und setzte mich draußen in den Schatten.
Das Türknallen von Isaac hallte noch in meiner Erinnerung, doch heute fühlte ich mich dennoch motiviert. Denn in der wachgelegenen Nacht hatte ich es definitiv verstanden: Ich konnte den hellen Ton kontrollieren. Es gelang mir, ihn wie einen imaginären Lichtschalter im Kopf ein- und in gleicher Weise wieder auszuschalten – ON, OFF – ON, OFF. Nur dieses innere Bild des Flammenauges konnte ich nicht mehr sehen, so sehr ich es auch versuchte. Das – so vermutete ich – war nur im Augenkontakt mit Isaac möglich. Vielleicht gehörte das blaue Feuer sogar zu ihm, da er es offenbar schon länger sah – ob er wollte oder nicht.
Isaac traf ich erst gegen Abend wieder, als die überdrehte Meute vom Badetag zurückgekehrt war. Es herrschte ein unglaubliches Gewusel im Haus. Kreischende Kids und aufgekratzte Teens trugen ihre freigesetzte Energie in den Speisesaal, in dem gerade das Abendessen vorbereitet wurde. Streit, Geschrei, Raufen und ein klirrender Teller − binnen Minuten wurde der Raum zu einem Albtraum, aus dem ich schnellstmöglich erwachen wollte. Ich versuchte, alles auszublenden und schöpfte hungrig eine Portion Tomatenspaghetti. Frau Rot und Herr Blau schafften es derweil, die Lautstärke im Raum zu drosseln – Frau Rot mit ihrem natürlichen Wohlwollen, Herr Blau, indem er gezielt die größten Störenfriede ausmachte und sie mit seiner eigensinnigen Autorität zur Ruhe brachte. Jetzt konnte man zumindest das eigene Wort wieder verstehen.
Schweigend aß ich und blickte hin und wieder zu Isaac hinüber. Seine dichten, sonst gestylten Haare lagen wild durcheinander – ein Überbleibsel des heutigen Badetags. Seine gebräunte Haut zeigte nicht einmal einen Hauch von Sonnenröte – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass er wohl oft draußen war. Er sah auch nicht aus wie die Gamer meiner Klasse, die tagelang im Schein ihres Monitors saßen und NPCs vermöbelten. Nein, Isaac war eher der sportliche Typ und seiner Erscheinung nach hätte ich nicht gedacht, dass er sich mit Kiffen das Leben schwer machen würde. Vermutlich – so reimte ich mir zusammen – suchte er einfach den Kick des Illegalen, da sein stinkreiches Dasein sonst keine Herausforderungen bot.
Im Moment war er mit seinen Kumpels ins Gespräch vertieft. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich die drei etwas vorschnell in denselben Topf geworfen hatte. Zwar war jeder von ihnen super arrogant und durch den Luxus des Alltags geprägt, aber sie waren keine Freunde, sondern eher eine Zweckgemeinschaft. Die Gespräche blieben oberflächlich und sie passten ihr Verhalten einander an, wohl jeder mit dem Ziel, die Zeit in diesem alten Lagerhaus mit den durchgeknallten Sozialfällen irgendwie zu überstehen.
Isaac stand auf. Vermutlich wollte er eine zweite Portion Spaghetti holen. Auf diese Gelegenheit hatte ich gewartet, denn er sollte seinen Kopf frei haben für das, was ich vorhatte. Nun schaltete ich den hellen Ton ein – ON – und beobachtete Isaac genau. Tatsächlich! Sein kurzes Zucken und Zögern verrieten mir, mein Ton war bei ihm angekommen. Wahnsinn! Ich sendete den Ton, er empfing ihn! Das war der Beweis für das Unerklärliche, das hier vor sich ging und eindeutig besser war als jeder Fantasyfilm.
Bevor Isaac mit der zweiten Portion zu seinem Platz zurückgehen konnte, stand ich auf und trat an ihn heran.
Leise, aber bestimmt sagte ich: «Um Mitternacht, draußen bei der Bank.» Ich musste dringend noch einmal mit ihm allein sprechen und wusste, er würde kommen. Zu groß war sein Risiko, dass ich ihn sonst auffliegen lassen würde.
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Die Hitze des Tages hing noch in der Luft, als ich kurz vor Mitternacht die Tür zum Hinterausgang aufstieß und ein paar Schritte in die Nacht hinaus trat. Überrascht sah ich, dass Isaac bereits auf der Bank saß und auf seinem Phone tippte – das er offenbar im Gegensatz zu mir ins Lager mitbringen durfte. Der Mond schien noch heller als die Nächte zuvor, aber mehr als Isaacs Silhouette konnte ich trotzdem nicht erkennen. Sein Kopf war geneigt und der Geruch verriet eindeutig, dass er – warum auch immer – wieder Gras geraucht hatte. Er schaltete sein Phone aus, als ich mich neben ihn setzte.
In ernsthaftem Ton sagte er: «Hör zu. Ich will, dass du mich in Ruhe lässt. Und wenn du jemandem etwas über mich erzählst, bleibt mir nichts anderes übrig, als dir das Leben richtig schwer zu machen.» Ich rollte mit den Augen, denn diese Drohung war lächerlich und aus billigen Filmen zitiert. Isaac jedoch blieb angespannt. Sein Problem. Ich war eindeutig in der besseren Position und drängte ihn dezent, aber schonungslos in die Ecke.
