Na servus! - Sebastian Glubrecht - E-Book

Na servus! E-Book

Sebastian Glubrecht

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Bayern lieben – auch wenn's weh tut. Das Schlimmste, was einem aufstrebenden Berliner passieren kann: kein Job. Und das Allerschlimmste? Ein Job in München. Trotzdem findet sich Jungjournalist Sebastian eines Tages auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen wieder. Im Übergepäck: Vorurteile. Und alle berechtigt. Doch dann lernt er eine Münchnerin kennen, die nicht nur schlagfertig und hübsch ist, sondern auch Hochdeutsch spricht. Allerdings hat diese reizende Ausnahmeerscheinung einen Ziehvater. Und der ist bayerischer als Bayern – und wohnt im selben Haus ... Jan Weiler über «Na servus!»: «Sie erfahren alles über Bayern und die Liebe. Mehr kann man von einem Buch mit diesem Titel nicht erwarten.»

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2011

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sebastian Glubrecht

Na servus!

Wie ich lernte, die Bayern zu lieben

Fürdie Uli

ANMERKUNG DES AUTORS

In diesem Buch habe ich ein bisschen übertrieben. Vieles mag zwar genau so geschehen sein, aber da ich mir mehr als eine Kleinigkeit ausgedacht habe und mich kaum noch erinnern kann, welche, soll die ganze Geschichte als ausgedacht gelten.

Alle geschilderten Figuren, Begebenheiten, Kneipen und anderen Orte erkläre ich hiermit für frei erfunden. Jede Übereinstimmung oder Ähnlichkeit mit lebenden und toten Personen, Begebenheiten, Kneipen und anderen Orten ist rein zufällig.

München gibt es allerdings wirklich. Zum Glück.

Ich bitte außerdem um Nachsicht für meinen lockeren Umgang mit der bayerischen Sprache, den frei erfundenen und echten lokalen Bräuchen. Aber ich denke, das passt schon.

UNTER HEITEREM HIMMEL

Ein Ruck geht durch die Seilbahn, und mit einem Mal hänge ich in der Luft. Genau wie die anderen Gondelfahrer. Über uns strahlt der weiß-blaue Himmel, die Sonne lacht. Mir ist nicht nach Lachen zumute, denn ich habe Höhenangst.

Ein stählernes Knarren, die Kabine zittert und zuckelt noch ein Stückchen bergab, stockt, fährt doch lieber wieder bergauf und bleibt schließlich stehen. Jetzt schunkelt sie bloß noch ein wenig nach links und rechts.

Ich will ja keine Panik verbreiten, aber wahrscheinlich werden wir alle sterben. Horrorvisionen von Kampfjets, die Gondeln in die Tiefe reißen, von betrunkenen Liftwärtern und veralteten Zugseilen schießen mir durch den Kopf. Wäre ich bloß in Berlin geblieben! Bis vor kurzem noch hätte ich darauf getippt, dass es mich dort eines Tages in einem illegalen Club erwischen würde, der die Belüftungsregeln missachtet. Oder an einer Dönerbude, beim Gammelfleisch-Grillteller. Auf jeden Fall nicht hier und auch noch nicht jetzt. Nicht auf dem Rückweg vom «5.Weisenbläser- und Tanzmusikantentreffen im Allgäu».

Aber in letzter Zeit läuft sowieso alles anders als geplant.

«Wahrscheinlich is der Liftwärter bieseln gangen», scherzt einer der Mitreisenden. «Oder zum Après-Ski», kontert ein anderer. Jemand furzt laut. «Tschuidigung, des hätt a Schleicher wern soin.» Gelächter. «A varreck, den konnst sogar schmecka!», schimpft ein Wandersmann neben mir. Hyänenlachen.

Da in diesem Moment leider nicht mein Leben vor meinem inneren Auge vorbeizieht, muss ich mich anderweitig ablenken. Ich versuche mir vorzustellen, ich säße am Sonntagnachmittag mit meinen Kumpels in Berlin auf dem Boxhagener Platz, schaute dem Treiben auf dem Flohmarkt zu und genösse das süße Nichtstun. Denkste. Ständig rempelt mich jemand an, die Passagiere stehen Schulter an Schulter und schwitzen sich in der Hitze dieses sommerlichen Nachmittags gegenseitig nass: Senioren, Männer und Frauen in ihren so genannten besten Jahren, dazwischen ein paar Kinder, Trachtler – und ich. Hier ist kein Platz zum Träumen.

Um 17:00Uhr hat die Gondel die Bergstation an der Rammsklammwand verlassen. Angeblich war dies die letzte Fahrt nach unten. Knoll ist einfach oben geblieben. «Runter kimmst immer», hat er gebrummt und darauf bestanden, in Ruhe sein Bier auszutrinken. Dieser halbe Liter St.Blasius dunkel hat ihm jetzt das Leben gerettet. Ein Prosit der Gemütlichkeit. Nur ich Idiot musste mal wieder pünktlich ganz vorn in der Schlange stehen. Roni habe ich aus den Augen verloren, als das Gedränge losging.

Mit einem Mal beginnen zwei Frauen in identischen Dirndln zu singen. Von den «feschen Buam» aus ihrem Dorf, die «hohe Strümpf» tragen und «am Hütel das Edelweiß». Die beiden halten die Augen geschlossen – sie singen sich Mut an. Zwischen den Strophen jodeln sie. Wahrscheinlich die traditionelle Art, ein Notsignal ins Tal oder gen Himmel zu senden.

Einige Mitreisende wippen im Takt. Die Gondel schaukelt heftiger. «Is des ned schee, wenn oana so in da Musi versinkn ko?», fragt mich ein Wandersmann und schaut die Sängerinnen verzückt an. Ja, es ist schön. Es ist so schön in Bayern. Und ich kann nicht aufhören, mich zu fragen: Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?

ABSCHIED NEHMA IS NED LEICHT, ABA DES PASST SCHO

Auf dem Weg zum Klo dreht sich Jochen noch einmal um: «Zieh ruhig nach München», ruft er. «Du kommst ja doch wieder zurück.» Mit einem Schlag verstummen die Gespräche in der Bar. Die Gäste, der DJ, der Barkeeper – alle halten inne und starren mich durch die verrauchte Luft an. Entrüstung, Verachtung, grenzenloses Unverständnis. Wahrscheinlich hätte ich selber so geschaut, wenn ich mitbekommen hätte, dass jemand unter dreißig aus Berlin, der aufregendsten Stadt der Welt oder – na gut – Deutschlands, ausgerechnet nach München ziehen will. Armer Trottel!, hätte ich gedacht. Wahrscheinlich sogar laut. Stattdessen verhalte ich mich möglichst unauffällig: Denn besagter Trottel bin in diesem Fall leider ich.

Der Barkeeper legt den Caipirinha-Stößel beiseite und kommt langsam auf mich zu. Er sieht ausnahmsweise nicht nur fertig, sondern auch traurig aus. Kein Wunder, in den vergangenen Jahren habe ich hier mehrere tausend Euro gelassen. Ich senke den Blick. «Ich hatte keine andere Wahl», flüstere ich pathetischer, als mir lieb ist. Der Barmann seufzt, schüttelt den Kopf und greift nach unserer Spezialflasche: Doppelkorn. Er holt zwei Schnapsgläser aus dem Regal und schenkt uns beiden je einen Doppelten ein. Wortlos prosten wir uns zu, trinken in einem Zug und knallen die Gläser auf den Tresen. Er schaut mir tief in die Augen: «An dieser Theke wird immer ein Platz für dich frei sein.» Es tut gut, das zu wissen.

Ich schaue mich um: Der Laden ist mal wieder gerammelt voll, keiner der Gäste wirkt älter als dreißig Jahre. Die meisten tragen weite Hosen, kaum ein Gesicht ohne Ziegenbart oder struppige Koteletten (gilt natürlich nur für die Männer). Auf dem Kopf haben sie entweder sehr lange oder sehr kurze Haare; viele zeigen ihr bunttätowiertes Fleisch. Diese Individualisten sehen doch alle gleich aus. Egal, hier fühle ich mich wohl.

Ich möchte jetzt nicht wie ein Lokalpatriot klingen, schließlich bin ich selbst erst 1997 in die Hauptstadt gezogen, aber wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, antworte ich, ohne zu zögern: «Berlin!» Allerdings hat München etwas, das Berlin fehlt: Jobs.

Jochen kehrt von der Toilette zurück. Er deutet auf sein leeres Glas und anschließend auf mich. Ich nicke. Also quetscht er sich zwischen die weiter vorn am Tresen Wartenden. Nebenbei spricht er ein Mädchen mit knallroten Zöpfchen an, eines dieser Berliner Punkrockgirlies. Sie schaut zuerst skeptisch, beginnt aber kurz darauf zu lächeln. Jochen grinst, er hat das Opfer dieses Abends gefunden.

Ich kann mir schon denken, was er gerade gesagt hat. Neun Jahre lang haben wir gemeinsam jedes Wochenende getrunken und gebaggert, bis der Morgen graute. Jochens Lieblingsspruch geht so:

Er: «Entschuldigung, bist du eigentlich haftpflichtversichert?»

Sie: «Nein, warum?»

Er: «Du hast gerade ’ne Beule in meine Hose gemacht.»

Saublöd, aber man glaubt nicht, wie viele Frauen so etwas lustig finden. Ich erinnere mich aber auch an eine sehr schöne Lachen-Nachdenken-Ohrfeigen-Kombination, die nichtsdestotrotz in eine dreiwöchige Affäre mündete.

Mitte der Neunziger kam Jochen aus einem Kaff in Mecklenburg zum Studium hierher, doch schon nach wenigen Semestern verlor er die Lust an den Rechtswissenschaften. Inzwischen schlägt er sich als Fahrradkurier durch und arbeitet manchmal auf dem Bau. Er ist 32Jahre alt, lebt aber noch immer, als sei er 22.Manchmal beneide ich ihn um seine dauerjugendliche Unbekümmertheit. Ich dagegen ahne leider, dass die Party irgendwann vorbei ist.

Im Gegensatz zu Jochen habe ich Publizistik bis zum bitteren Ende studiert und nebenbei angefangen, für ein paar Zeitungen zu schreiben. Aber von dem spärlichen Zeilenhonorar konnte ich selbst im «billjen Balin» nicht leben. Dann hat mir eine Zeitung eine Schwangerschaftsvertretung angeboten, befristet auf ein Jahr – in München. Also werde ich ins Feindesland Bayern gehen, während mein bester Freund hier die Stellung hält. Arbeiten könne er auch, wenn er tot ist, sagt er.

Ein Schlag auf die Theke reißt mich aus meinen Gedanken. Jochen ist wieder da und hat einen Gin Tonic mitgebracht. «Was zuckste denn so?», fragt er. «Schlechtes Gewissen?» Er hebt sein Glas: «Eins. Zwei. Gsuffa.» Ich bringe nur ein gequältes Lächeln zustande. «Wart mal ab, in einem Jahr haben die dir eine Gehirnwäsche verpasst, und du bist assimiliert. Das geht so schnell, das merkst du gar nicht.»

«Jochen, wenn ich nächstes Jahr nicht freiwillig zurückkomme, musst du nach München runterfahren, mir einen Sack überstülpen und mich heimholen.»

«Jaja, und dann nölst du die ganze Zeit herum, du willst wieder zurück zu deinen BMWs und Biergärten.»

«Ich meine es ernst.»

«Dann brauche ich das schriftlich.»

Vom Barkeeper lässt sich Jochen ein einigermaßen sauberes Stück Papier geben und kritzelt los. Ganz oben notiert er das Wort «Vollmacht». Der Text klingt angemessen offiziell, anscheinend hat das Jurastudium doch etwas gebracht. In dem Schreiben überlasse ich Jochen alle Rechte an meiner Person, falls ich nach Ablauf eines Jahres noch in München wohnhaft bin. Er hat mich dann – ggf. unter Gewaltanwendung – nach Berlin zu entführen, wo ich hingehöre, und – unter Gewaltanwendung – dafür zu sorgen, dass ich wieder zur Vernunft komme. Nachdem wir beide unterzeichnet haben, fühle ich mich etwas besser.

Es ist ja nur zur Sicherheit. Ich weiß doch längst, was für ein Volk mich in München erwartet: Die Männer tragen zurückgegelte Haare, fahren Cabrio, spielen Golf; reiche Söhne, die zuerst zur Bundeswehr gehen, um anschließend die schönheitschirurgische Praxis von Papa zu übernehmen. Dort schrauben Vater und Sohn dann gemeinsam an den Münchnerinnen herum. Vor denen graut es mir ohnehin am meisten. Die Münchner Frauen laufen alle rum wie Topmodels. Sie sehen zwar nicht so aus, aber sie benehmen sich so, küssen zur Begrüßung zweimal die Luft über der Schulter ihres Gegenübers und lieben Geld mehr als Charakter.

«Ich habe nachgedacht», sagt Jochen. «Dein Wegzug von Berlin hat auch etwas Gutes: Du hast keine Schwaben mehr um dich. Ich habe gehört, dass sich Schwaben und Bayern nicht mögen. Deshalb ziehen die Stuttgarter doch alle nach Berlin.» Er seufzt. «Weißt du, irgendwie beneide ich dich.»

Ich seufze auch.

«Jetzt mach dich mal locker!» Jochen haut mir auf die Schulter. «Was hältst du denn von der Kleinen?» Er deutet auf die junge Frau mit den knallrot gefärbten Zöpfen. «Hmpf», antworte ich. «Ganz meine Meinung», erwidert Jochen und lässt mich wieder allein mit meinem Gin Tonic.

Ich beobachte die beiden: Sie machen sich keinen Kopf um die Zukunft, sie brauchen keinen Job und sind in Berlin genau richtig. Jochen sagt etwas, Punkrockgirlie lacht. Dann sagt sie etwas, und er lacht. Jetzt beeindruckt er sie bestimmt gerade mit Trinkerfolklore à la Tequila Suicide: Anstatt das Salz vom Handrücken zu lecken, zieht man es in die Nase, träufelt sich den Zitronensaft ins Auge und kippt dann den Tequila auf ex. So etwas macht Eindruck in Bars.

Ich bin hier überflüssig. Also beschließe ich, mich zu verabschieden, und gehe zu den beiden an die Theke. «Wie, das kennst du?», fragt Jochen gerade erstaunt. «Ja klar», antwortet Punkrockgirlie. «Meinen ersten Tequila Suicide habe ich vor einem Jahr getrunken. Mit dir.»

Jochens Augen flackern. Offenbar hat sie ihn aus dem Konzept gebracht. Das ist meine Chance. «Alter, ich glaube, ich mach die Biege.»

Er protestiert: «Aber das ist dein letzter Abend, wir müssen doch noch Abschied feiern.»

«Feiert einfach für mich mit, okay?»

«Soll ich dich morgen früh zum Flughafen fahren?», fragt er.

«Mein Flieger geht um neun, das heißt, du solltest spätestens um halb acht vor meiner Haustür stehen.»

«Kannst es wohl gar nicht abwarten, nach München zu kommen, was?» Wieder sagt er den Ortsnamen extra laut.

«Der Flug war ein Sonderangebot.»

«Du bist auch so ein Sonderangebot», murmelt Jochen. «Also morgen früh, halb neun.»

«Nein, halb acht.»

«Jaja, ist gebongt.»

Wir nehmen uns in den Arm. Jochen drückt mich so fest, dass mir die Luft wegbleibt. Als er mich losgelassen hat, gehe ich, ohne noch ein Wort zu sagen. Wie ein Held, der Frau und Kind zurücklässt.

Draußen riecht es nach ausländischen Spezialitäten, deutschem Bier und Menschen aus aller Welt. Und nach Hund. Das ist die Berliner Luft. Wonach wird es wohl in München riechen? Wahrscheinlich nach dem Schweiß redlicher Arbeit, den Auspuffgasen dicker Autos und dem Gestank des Geldes. Melancholisch, aber subversiv gestimmt, mache ich mich auf den Weg nach Hause.

Sieben Jahre habe ich in Berlin-Friedrichshain gelebt, den Stadtteil bei seiner Wandlung vom Hausbesetzerkiez zum Touristenviertel begleitet. Ursprünglich komme ich, wie jeder anständige Berliner, von auswärts. Mein Heimatdorf heißt Tiefenwald, und der Name ist nur allzu berechtigt. Eine Stunde fuhr man mit dem Auto in die nächste größere Stadt und war dann auch noch in Hannover.

Ich hatte kein Auto. Daher blieb ich im Dorf. Als meine Pubertät begann, verzog ich mich mit einem Haufen Bücher und Anschauungsmaterialien auf mein Zimmer, kam zwei Jahre später wieder herunter, hatte alle Bücher durchgelesen und war mit der Pubertät fertig. Danach interessierte ich mich für Hip-Hop und sprühte vor lauter überschüssiger Ausdrucksfreude «Ice-T» an die Rückwand des örtlichen Tennisclubhauses. Der Dorfpolizist, ehrenamtlicher Trainer der Damentennismannschaft, erwischte mich wenige Tage später – ich war der einzige Halbwüchsige im Dorf mit weiten Hosen und einem Ice-T-Schriftzug am Rucksack.

Zur Strafe musste ich zwei Wochenenden hintereinander sein Auto waschen und der Damentennismannschaft seichte Aufschläge servieren.

Der Schützen- und Fußballverein, wo die meisten Jungs ihre Freizeit mit Komasaufen verbrachten, reizte mich intellektuell überhaupt nicht. Trotzdem ließ mich die Dorfjugend in Ruhe, weil mich meine Eltern in weiser Voraussicht schon früh zum Karatetraining ins Nachbardorf geschickt hatten. Bei meiner Ankunft am Berliner Bahnhof Zoo habe ich mich dann allerdings trotzdem ein wenig vor den vielen Menschen erschrocken. Doch als ich am Ostkreuz aus der Straßenbahn stieg, empfing mich strahlender Sonnenschein. In einem vierstöckigen Altbau am Boxhagener Platz sollte ich meine ersten Berliner Jahre verbringen. An die Hauswand hatte jemand eine Botschaft für mich gesprüht. Als ich sie las, wusste ich: Hier bin ich richtig. In krakeligen blauen Buchstaben stand dort: «Ice-T rules.»

Endlich war ich der Provinz entflohen. Ich lernte, Kohlen zu schleppen, neben dem Studium zu arbeiten, auf Dächern zu übernachten, aufdringlichen Männern zu erklären, dass ich Frauen liebe, und aufdringlichen Frauen zu erklären, dass ich noch nicht bereit sei, mich zu binden. Ich liebte nur Berlin. Die Bars konnten so kryptische Namen wie «Ick weeß ooch nich» tragen, und die Zigaretten kosteten bei Vietnamesen bloß die Hälfte des Ladenpreises. Ich gewöhnte mich an die verstrahlten Obdachlosen in der S-Bahn («Mein Name ist Ratte, ich lebe seit zehn Jahren auf der Straße und verkaufe die aktuelle Ausgabe der Obdachlosenzeitung… der… wie heißt die noch?»), gewöhnte mich an die Raver aus dem Umland, die bei Sonnenaufgang im Herrenrock über die Warschauer Brücke flanierten («Ey, weiß du was für’n Tag heute is?»), selbst an die Pitbulls und ihre Herrchen («Der will nur spielen»). Und ich liebte es, so wie jetzt gerade, mitten in der Nacht auf den breiten Straßen spazieren zu gehen. Einer spontanen Gefühlsaufwallung folgend, springe ich über die Bordsteinkante – und lande in einem riesigen Hundehaufen.

Ach Berlin! Du fehlst mir jetzt schon.

Die Stufen zu meiner Einzimmerwohnung schleppe ich mich diesmal so langsam hinauf, wie selbst mit prallgefüllten Einkaufstüten nie zuvor. Kaiserreich, Weimarer Republik, Hitlerzeit, SBZ und DDR haben ihre Spuren hinterlassen. Die Treppe ist völlig krumm gelaufen, vom Geländer blättert moosgrüner Lack. Unten an der Wand hängt ein verwittertes Schild aus der Nachkriegszeit. Darauf stehen in Sütterlinschrift die Namen früherer Mieter. Adieu, ihr -anskis und -owskis. Bald bekomme ich die -mosers und -hammers zu spüren.

Ein letztes Mal schließe ich meine Tür auf. Die Wohnung ist sauber, das Bett gemacht, der Schrank geleert, der Schreibtisch glänzt. Ein ungewohnter Anblick.

«Suche Untermieter für ein Jahr in ruhiger 1-Zimmer-Wohnung am Boxhagener Platz» hatte ich der Mitwohnzentrale geschrieben. Innerhalb einer Woche meldeten sich zwanzig Interessenten. Alle wollen nach Berlin. Am Montag wird mein Untermieter einziehen, ein netter Dicker aus Köln, der sich ein Jahr Auszeit nimmt. Danach bin ich spätestens wieder hier.

Auch ich werde in München zur Untermiete wohnen. Über Bekannte von Kollegen habe ich eine möblierte Dachbodenwohnung in einem Stadtteil namens Daglfing gefunden. Die Vermieter, eine Familie Untermair, haben mir geschrieben, sie würden «den Knoll» schicken, der werde mich abholen und samt Gepäck nach Daglfing bringen. Keine Ahnung, wer der Knoll sein soll und wo München Daglfing liegt. Aber das werde ich noch früh genug erfahren.

8:00UHR

Ich rufe bei Jochen an. Freizeichen, dann seine Stimme: «Bin gleich da, alles super, keine Panik, kannst schon mal runterkommen.»

«Ich bin schon seit einer halben Stunde unten», schreie ich. «Weißt du, wie spät es ist?»

«Klar», sagt Jochen und legt auf.

8:10UHR

Mit quietschenden Reifen biegt der magensaftgrüne Bulli um die Ecke. Auf dem Beifahrersitz winkt das Punkrockgirlie mit den roten Zöpfchen. Jochen sieht verquollen aus. Er ist blass, trägt die Klamotten von gestern und riecht nach Rauch und Schnaps. «Keine Zeit», brüllt er, seine Lider flattern. Er packt meinen Koffer und den Seesack, wirft beides hinten in den Bulli, sprintet ums Auto. Ich steige auf der anderen Seite ein. «Es gab da ein Problem…»

«Ein Problem?»

«Na ja, wir haben Tequila Suicide gemacht, aber irgendwann gab es nur noch den braunen mit Orangen und Zimt!»

Punkrockgirlie erklärt: «Der Zimt hat sich bei ihm in der Stirnhöhle festgesetzt. Da mussten wir noch zur Notaufnahme fahren.»

Erst jetzt sehe ich, dass Jochen tamponartige Wattestöpsel in der Nase hat. «Stirnhöhlenverzimtung», murmele ich. «Mal was anderes.»

«Keine Angst, mir geht’s super!», brüllt Jochen und tritt aufs Gas. «Ich bin tierisch wach!»

8:50UHR

Ankunft am Flughafen Tegel. Keine Schlange am Schalter, nicht mal Personal. Die Schalterdamen haben sich bereits hinter die Sicherheitsglasscheibe zurückgezogen. Ich rudere mit den Armen, bis eine von ihnen hervorkommt.

«Das klingt sicher komisch, aber ich muss wirklich sehr dringend nach München.»

Sie verzieht keine Miene. «Der Zufahrer ist schon abgefahren. Ich kann nichts mehr für Sie tun.»

9:05UHR

Bevor ich umbuche, rufe ich in München bei Herrn Untermair an, um zu fragen, ob mich jener Knoll auch eineinhalb Stunden später abholen könne. «Der Knoll ist schon weg», sagt er. Und seine Handynummer? Schallendes Gelächter. «Der hat doch kein Handy!» Ich werde also in München ankommen, und mein Abholer wird bestenfalls zwei Stunden auf mich gewartet haben. Schlimmstenfalls ist er nicht mehr da. Ich schlurfe zum Ticketschalter. «Da hat wohl eener sein Flug verpasst, wa?», berlinert mich eine Ostmutti mit pflaumenblauen Haaren an. Ich nicke. «Schicksal, meen Hübscha. Hier in Balin is ett ehmt doch am schönsten.»

DA PREISS HOD DIE PÜNKTLICHKEIT FEI NED ERFUNDN

Von oben sieht Bayern aus wie eine Siebziger-Jahre-Gardine: ein biederes Muster aus Vierecken in Gelb, Grün und Kacke. Das wirkt sehr nährstoffhaltig. Kein Wunder, dass die bayerischen Bauern während des Ersten Weltkrieges ganz Preußen versorgen konnten, mit den Erträgen ihrer riesigen Äcker und der Milch ihrer fetten braunen Kühe. Heute nennt man diese Schnorrerei offiziell Länderfinanzausgleich. In der Zeitung stand: 2006 zahlte Bayern 2,08Milliarden Euro in den Topf, nur noch überflügelt vom neureichen Hessen. Berlin zahlte gar nichts ein, Berlin kassierte – und zwar mehr als alle anderen: 2,7Milliarden Euro, umgerechnet 794Euro pro Kopf. Dass die Berliner das meiste Geld davon für Partys ausgeben, wissen die Leute, auch ohne dass es in der Zeitung steht.

Vor vier Jahren plädierte eine Berliner Spaßpartei bei den Kommunalwahlen für einen offiziellen Anschluss Berlins an Bayern – zur Tilgung der Senatsschulden. Ich hielt das für eine lustige Idee und habe die Partei gewählt. Aus Spaß. Ironie des Schicksals, dass ich nun nach München ziehen muss.

Als engagierter Journalist habe ich weiterrecherchiert und noch mehr Fakten über Bayern herausgesucht:

Jeder zweite Einwohner des Freistaates ist übergewichtig.

Verheiratete Bayern neigen eher zu Fettleibigkeit als ledige.

Das unter Freigeistern verhasste Studienfach Betriebswirtschaftslehre (BWL) ist seit Jahren das beliebteste Fach bei bayerischen Studenten.

Auf je tausend Bayern kamen zu Jahresbeginn 2006 durchschnittlich 603Pkws.

Mit einer Gesamtlänge von 86000Kilometern könnte das bayerische Abwassernetz zweimal die Erde umspannen.

So würde wenigstens die bayerische Jauche etwas von der Welt sehen.

«Meine Damen und Herren, bitte legen Sie die Sitzgurte wieder an und klappen Sie die Lehnen hoch. In wenigen Minuten landen wir auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen von München.» Franz-Josef-Strauß-Flughafen! Danke, keine weiteren Fragen.

Das Flugzeug wackelt, als es durch die Wolkendecke bricht. Die meisten Passagiere blicken nicht einmal von ihren Notebooks oder der Financial Times auf. Meine Sitznachbarin, die in ihrem Bürokostümchen aussieht wie die «Sekretärin» aus einem Pornofilm, klammert sich an ihre braune Handtasche. Die blonden Haare hat sie streng zurückgekämmt, auf ihrer Stupsnase trägt sie eine Brille mit schwarzem Rahmen. Knallrot geschminkte Lippen stechen aus ihrem blassen Gesicht hervor. Nicht uninteressant. Hoffentlich ist sie haftpflichtversichert.

Ich lege meine Hand auf die Armlehne zwischen uns. Sie soll sie ruhig ergreifen. Auf ihrer braunen Handtasche stehen die Buchstaben LV in übereinandergelegten Lettern. «Entschuldigen Sie», sage ich, um sie ein bisschen von ihrer Flugangst abzulenken. «Ich sehe gerade die Initialen auf Ihrer Handtasche und frage mich, wofür die wohl stehen – etwa für Lola Vanderbildt oder Livia Vonderleyen?»

Ihr ängstlicher Blick weicht einem herablassenden Lächeln. «Das wissen Sie nicht? Das ist doch das Muster von Louis Vuitton. In der Maximilianstraße haben wir eine Dependance. Ich arbeite da.»

Das Flugzeug rummst auf die Landebahn. Die Frau hört schlagartig auf zu prahlen und greift nach meiner Hand. Geht doch. Als sicher ist, dass wir auf dem Boden bleiben werden, lässt sie mich leider wieder los. Ihre Wangen bekommen etwas Farbe. Sofort holt sie ein kleines Döschen heraus, klappt es auf, wirft einen prüfenden Blick in den Schminkspiegel und legt weißen Puder nach, bis sie wieder krank aussieht. Ganz geschäftsmäßig greift sie in die Innentasche ihres Jacketts und überreicht mir eine Visitenkarte wie zum Handkuss. Darauf steht: Theresa Schlugt.

Kaum erlöschen die Anschnallgurtsymbole, springt das Fräulein Schlugt auf, öffnet mit sicherem Griff die Gepäckablage und verschwindet mit einer weiteren LV-Mustertasche zum Ausgang. Genauso die Anzugträger mit ihren Krawatten und Notebooktaschen. Hier hat man keine Zeit zu vergeuden, hier wird Geld verdient! Schließlich nehme auch ich meinen Rucksack und verlasse das Flugzeug. Zum ersten Mal in meinem Leben betrete ich bayerischen Boden.

Der Flughafen sieht aus wie das Projekt einer Designhochschule zum Thema «Airport der Zukunft». Im Vergleich dazu ist Berlin-Schönefeld eine Hühnerfarm, Berlin-Tegel ein Busbahnhof und Berlin-Tempelhof, na ja, so hat sich Adolf Hitler eben die Zukunft vorgestellt. Hier auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen werden die Ankommenden über eine gläserne Brücke mittels Laufbändern und raffinierter Passagierleitsysteme kilometerweit in eine von vielen Gepäckhallen geleitet. Entgegen meinen Erwartungen sehe ich nirgendwo Stacheldraht oder Polizisten mit Maschinengewehren, die uns von hohen Türmen aus beobachten. Vor dem Ausgang wachen keine deutschen Schäferhunde. Hat Innenminister Beckstein geschlampt? Alles läuft erstaunlich glatt. Bis ich Edmund Stoiber erblicke. Von einem Plakat am Eingang der Gepäckhalle grinst mich der Landesvater an, den linken Mundwinkel hat er angestrengt nach oben gezogen, der rechte weist nach unten. «Willkommen in Bayern» steht unter der Grimasse. Eine kostengünstige, aber effektive Abschreckungsmaßnahme.

Am Ausgang der Gepäckhalle warten die üblichen Familien, Geschäftsmänner und sonstigen Abholer. Etwas abseits steht sogar ein echter Bayer in voller Tracht. Er sieht aus wie einem Bilderbuch entsprungen: original mit Vollbart, Wanderschuhen, Kniestrümpfen, Lederhose und einer offenen grünen Lodenjacke, die den stattlichen Bauch eher betont als verhüllt. Sehr drollig. Der Bilderbuchbayer drückt sich an den Papierkörben herum. Ein Pfandflaschensammler? Seine Haltung ist leicht gebeugt, hin und wieder greift er mit der hohlen Hand an die Lippen. Ziemlich auffälliges Verhalten, erstaunlich, dass die Polizei ihn noch nicht aufgegriffen hat. Jetzt sehe ich, dass er in der Hand eine Zigarette versteckt hält. So ein Fuchs! Er nimmt einen tiefen Zug, drückt die Kippe aus und hält ein Schild hoch. Darauf steht ein Name. Mein Name.

O nein. Instinktiv drehe ich mich weg. Bitte nicht so einer! Aber was hilft’s? Langsam wende ich mich wieder um, suchend, wie bestellt und nicht abgeholt. Ich setze ein Hallo-ich-bin-derjenige-welcher-Lächeln auf, winke und gehe ihm entgegen. Mein fester Schritt soll Vorfreude suggerieren.

Selbst als ich direkt vor ihm stehe, verzieht der Bayer keine Miene, sondern mustert mich nur schweigend von oben bis unten. «Guten Tag», sage ich und stelle mich vor.

«Grüß Gott», antwortet er.

«Mach ich», witzele ich. «Wenn ich ihn sehe.»

«Da kannst Gott glei ausrichtn», entgegnet der Bayer, «der Preiß hod die Pünktlichkeit fei ned erfundn.»

Das ist also Bairisch: Ein anderes Land, eine andere Sprache. Vielleicht sollte ich’s lieber mit Englisch versuchen? Weil ich etwas zu lange mit offenem Mund dastehe, ergreift der Bayer die Initiative und streckt mir die Hand entgegen. Ich schüttele sie. «Knollhubert», brummelt er. Ich entschuldige mich für die Verspätung. «Passt scho», meint er.

Mit meinem vollbeladenen Gepäckwagen folge ich Knollhubert auf den Parkplatz. Wir wechseln kein Wort. Ich traue mich nicht, ein Gespräch zu beginnen, nachher verstehe ich bloß wieder nichts. Er steuert auf einen roten Pick-up zu, einen Geländewagen mit Ladefläche. Am Heck kleben zwei Fahnensticker, ein weiß-blauer und ein roter mit Sternenkreuz: die amerikanische Südstaatenflagge, das Symbol der Sklavenhalter. Knoll deutet mit einem Finger auf die Ladefläche und murmelt: «Dei Graffe haust oben auffi.» Ich stutze, entnehme aber seiner Handbewegung, was er von mir erwartet. Also Graffe auffi.

Nachdem ich die Koffer auf der Ladefläche abgelegt habe, steige ich ein.

Der Vater meiner Gastfamilie in den USA besaß auch so einen Pick-up. Einmal fuhren wir alle gemeinsam in den Bush-Gardens-Freizeitpark, um uns mittels originalgetreu nachgebildeter Dörfer aus Deutschland, England, Frankreich, Italien, Schottland und Irland in die Welt des alten Europa zurückversetzen zu lassen. Darauf hatte ich natürlich gerade Lust. Das Oktoberfest sei «im vollen Schwingenjahr rund an den Busch Gärten Williamsburg» warb der Prospekt. Und weiter: Verschalen Sie den großen schlechten Wolf und das Rennen durch ein verlassenes bayerisches Dorf. Das 2000-seat Festhaus stellt ein Oompahart Band zur Schau und authentischer Deutscher tanzt zusammen mit dem country’s feinsten cuisine. Spitze!

Nach einem Marsch durch den lustigen Englandpark und das langweilige Frankreich hörte ich schon aus der Ferne das satte Furzen einer Tuba. Wir näherten uns Deutschland. Genauer: der bayerischen Apokalypse. Überall wehten weiß-blaue Fahnen. Hölzerne Giebel und grellgrüne Geranienkästen verschandelten die Häuser. An jeder Ecke tanzte ein amerikanischer Minilohn-Empfänger Schuhplattler. Auf dem original bayerischen Marktplatz vor dem «Festhaus» blieben meine amerikanischen Freunde stehen. Sie bildeten einen kleinen Kreis wie beim Breakdance. Dann nickten sie mir aufmunternd zu. Als ich mich nicht rührte, begann einer nach dem anderen, die Knie in den Baggypants hochzureißen und sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel zu klatschen. Zuerst dachte ich, sie wollten mich veräppeln, und lachte kumpelhaft. Aber es war kein Scherz. Ich hätte am liebsten meinen Kopf durch das original Kopfsteinpflaster ins Erdreich gerammt. Aber dann wäre ich bei meinem Glück wahrscheinlich im Allgäu wieder herausgekommen. Meine friends müssen meinen inneren Kampf gespürt haben. Sie fragten, was denn mein Problem sei.

«Bavaria», antwortete ich.

Am Innenspiegel von Knollhuberts Pick-up baumeln zwei kleine Anhänger: eine indianische Trommel und ein Mini-Jagdhorn. Seine Pranke fährt zum Autoradio, er schnippt die Kassette heraus. «Was mogstn hearn?», fragt er. «Blasmusi?» Er grinst provokant.

Ich zögere, denn ich weiß nicht, wie lange die Fahrt dauern wird. «Ach, da bin ich ganz offen», lüge ich tapfer.

«Ja dann», sagt Knoll, klappt die Armstütze hoch, greift sich eine Kassette und schiebt sie in den Recorder. Ich nehme mir fest vor, weder zu lachen noch zu weinen – selbst wenn er zu jodeln anfinge.

Leider werde ich nicht enttäuscht: Aus den Boxen scheppert ein Marsch, wie man ihn aus den Musikantenstadln der Regionalsender kennt. Aber im Fernsehen kann man weiterzappen, hier nicht. «Mogst des?», fragt Knoll und grinst noch ein wenig breiter.

«Klingt super», antworte ich höflich.

«Dann moch i a bisserl lauter, da host mea davo.»

Langsam rollen wir vom Parkplatz auf die Straße. Vor uns fährt stockend ein BMW; offensichtlich ein Mietwagen, dessen Fahrer aus einem Land kommt, in dem es keine Handschaltungen gibt. «Herrschaftszeitn, jetz deafst aba schee langsam schnella wean», flucht Knoll.

Nachdem wir eine halbe Minute im Schneckentempo hinter dem ruckelnden BMW hergerollt sind, gibt er Gas, schert aus, setzt sich neben den Mietwagen und führt mit einer Hand die international gültige Plemplem-Geste in Richtung des Fahrers aus. Der Asiate am Steuer schaut zu uns herüber und lächelt entschuldigend. Knoll zieht vorbei und flucht leise in seinen Bart: «Saupreiß, kinesischer.»

Die Straße mündet in eine vierspurige Autobahn. Dichter Verkehr, von beiden Seiten überholen uns teure, schwarze Autos, in denen in der Regel nur der Fahrer sitzt. Rechts ein futuristisches Kolosseum (das neue Münchener Fußballstadion), am Horizont glänzt ein Büroturm. Alles picobello und effizient organisiert. Sogar die Schilder der Vororte strahlen wie frisch poliert. Die Namen darauf enden gern mal auf -ing: Eching, Garching, Ismaning. Ich habe gehört, dass es in Bayern die Orte Petting, Poing, Tittmoning und Dingharting gibt. Insgeheim hoffe ich auf die Stadtteile Mobbing, Doping oder Cockring. Leider kommt bloß Daglfing. Dort werde ich fortan wohnen müssen.

Jeder weiß, dass man in München keine Wohnung findet, ganz gleich, was für eine man sucht. Die Zeitung, bei der ich arbeiten werde, hat mir sehr geholfen. Umstandslos vermittelten mir meine neuen Kollegen eine Bleibe weit draußen vor den Toren der Stadt, die zwar genauso groß ist wie meine Berliner Wohnung, aber doppelt so viel kostet. Zum Glück zahlt die Zeitung die Hälfte.

Daglfing entpuppt sich als typischer Kleinfamilienhort. Die meisten Häuser sind solide Neubauten mit zwei Stockwerken, einem Balkon aus hellem Holz und einem kleinen Garten mit einem großen Zaun drum herum. Von den Einfamilienhäusern anderswo unterscheiden sich die in Daglfing vor allem durch die heimatfilmreif aufgeklappten Fensterläden. An so einem Fenster schüttelt die bayerische Hausfrau sicher leidenschaftlich gern ihr echtes Federbett im kleinkarierten Überzug.

Vor einem dieser Häuser hält Knoll. Die Fassade ist unten herum weiß gestrichen und oben herum mit dunkelbraunen Holzleisten verkleidet. Im zweiten Stock hängen weiß-blaue Gardinen. Wie damals im Bavaria-Land. Ganz unten auf dem Klingelschild steht passenderweise «Untermair», darüber «Knoll» und oben «Einliegerwohnung». Das bin dann wohl ich. Knoll klingelt.

Kaum hat er den Finger vom Knopf gelöst, öffnet ein Mittdreißiger die Tür, dessen Erscheinungsbild nur mit «gelackt» zu fassen ist: gelackte Haare, Lackschuhe, Lackaffengrinsen. Ich schalte auf professionell: «Wie schön, Sie kennenzulernen», sage ich und stelle mich vor. Mein Gegenüber entblößt zwei tadellos weiße Zahnreihen.

«Untermair, grüß Sie Gott.»

«Was für ein schönes Haus», lüge ich los. «Es erinnert mich an die Gegend bei Hannover, in der ich aufgewachsen bin.»

«Hannover?», fragt Untermair mitleidig. «Früher haben wir immer gesagt: Nix ist doofer wie Hannover.»

«Das ist ja lustig», antworte ich.

Im Flur hängen alte Stickereien und Kupferstiche von Jagdszenen. Wir steigen eine kalte Steintreppe hinauf. Den zweiten Stock schmücken Fotos und Erinnerungsstücke: zwei Bergsteiger unterm Gipfelkreuz, das Gruppenfoto einer Cowboy-Posse, ein in seine Meditation vertiefter buddhistischer Mönch. In der Mitte prangt ein Foto von einem Lederhosenträger in der roten australischen Wüste vor diesem legendären Berg da. «Hier wohnt der Herr Knoll», erläutert der Vermieter. «Er ist die gute Seele des Hauses, nicht wahr, Knoll?» Ich drehe mich um. Aber Knoll ist verschwunden. Wahrscheinlich zum Lachen in den Keller. «Knoll?», ruft der Vermieter. Keine Antwort. «Na ja, der Knoll hat so seine Eigenarten», erklärt er. «Aber die werden Sie noch früh genug kennenlernen.» Ich kann es kaum erwarten!

Meine zwei Zimmer bilden das Dachgeschoss des Hauses. Rustikale Fachwerkbalken durchziehen die Wohnküche; auf dem grauen Teppichboden steht ein trauriger alter Korbsessel, dem ein schemelartiger Tisch Gesellschaft leistet. An der Wand klebt eine rudimentäre Kochzeile mit zwei Herdplatten, darüber ein Poster mit bunten Gewürzpulverhäufchen drauf. Die Dusche ist winzig, das Klo auch. Der weiße Einbauschrank ist mit Hanuta-Bildern längst abgetretener Fußball-Nationalspieler zugepflastert: Guido Buchwald, Thomas Häßler, Olaf Thon. Neben einem grauen Tisch und einem braunen Stuhl gibt es noch ein achtzig Zentimeter breites und ziemlich kurzes Bett. Wahrscheinlich wird in dieser Gegend traditionell nicht so viel geschlafen.

Im zweiten Zimmer stehen ein Fernseher und eine mit verwaschenem Neonstoff bezogene Achtziger-Jahre-Couch. «Das ist das Fernsehzimmer», erklärt der Vermieter. «Hier oben habe ich früher gewohnt. Jetzt lebe ich mit meiner Frau und Kilian unten», seufzt er. «Ich stelle Sie vor, wenn Sie Ihr Gepäck heraufgetragen haben.»

Plötzlich drückt sich etwas an meine Wade. Mit einem erschrockenen «Huch!» ziehe ich das Bein hoch. Eine rotgetigerte, erstaunlich fette Katze flitzt unter mir hindurch, hopst auf das Sofa und wälzt sich, dass die Haare fliegen. Dann hält sie inne, um mich garstig anzufauchen. «Ruhig, Ludwig», besänftigt Untermair das Tier. «Das ist Ludwig, der Hauskater. Bitte halten Sie stets die Fenster geschlossen, damit er nicht herausfällt. Ach ja, ich hoffe, Sie haben keine Katzenallergie.» Ohne eine Antwort abzuwarten, dreht Untermair sich um und verlässt das Zimmer. Ich öffne das Fenster.

Eine halbe Stunde später lerne ich Frau Untermair kennen: rote Bäckchen, stämmige Arme, blonde Haare – eine echte Bayerin. «Griaß di», sagt sie zu mir. Ich nicke freundlich. Hinter ihrem ausladenden Gesäß versteckt sich ein Kind. Wahrscheinlich der kleine Kilian. Ich gehe in die Hocke und sage: «Na, wo ist denn der kleine Mann?»

«Saupreiß, damischer!» Kilians Stimmchen dringt gedämpft hinter Mutters schützendem Hintern hervor.

Frau Untermair errötet: «Des müssens entschuldigen, des hat er vom Opa, der is so a Grantler», klärt sie mich auf.

«Glädzn», flucht Kilian jetzt schon mutiger hinter ihrem Rock in meine Richtung.

Ich: «Was heißt denn Klettsen?»

«Ah, des is a Dummkopf», erklärt Frau Untermair freundlich. «Kilian, du duast di bei unsam Untermieter entschuldigen.»

«Dua i ned, der Papa hod aa gsagt, dass des a bleda Saupreiß is.»