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»Die vietnamesische Schriftstellerin zeigt sich als souveräne und feinsinnige, dabei trocken-knappe Stilistin mit einem subtilen Sinn fürs Dunkle und Satirische.« The New York Times Book Review »Le Minh Khue beschenkt uns mit einem kostbaren und seltenen Insiderblick auf Vietnam.« The Columbus Dispatch Die vietnamesische Schriftstellerin Le Minh Khue beschreibt die Wirkung von Krieg und Machtmissbrauch im Alltag, im familiären Rahmen. Hier zeigt sie in zwei Erzählungen – Stürmische Zeiten und Eine kleine Tragödie –, wie Menschen ohnmächtig und vereinzelt vor den Konsequenzen vergangener Gewalttaten stehen. Das ist reflektierende, dunkle Literatur über Verbrechen und Moral. In Stürmische Zeiten geht es um eine Familie, deren Mitglieder auf beiden Seiten des Krieges gekämpft haben, um Rache und Versöhnung und um die Aufklärung eines Massenmords. In Eine kleine Tragödie scheitert eine geplante Hochzeit, weil sich Verbrechen der Vergangenheit ins Bewusstsein drängen, unter denen die soziale Fassade einstürzt. Nach und nach enthüllt sich, wie dramatisch die Folgen von Krieg und Landreform ihre Schatten in die Gegenwart werfen. Le Minh Khues zwei Erzählungen sind elegant-realistische Sittenbilder über die Folgen von Krieg und Gewalt, unaufgeregt, lakonisch, mit kühlem Galgenhumor und durchaus noir.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2017
»Le Minh Khue beschenkt uns mit einem kostbaren und seltenen Insiderblick auf Vietnam.« The Columbus Dispatch
»Die vietnamesische Schriftstellerin zeigt sich als souveräne und feinsinnige, dabei trocken-knappe Stilistin mit einem subtilen Sinn fürs Dunkle und Satirische.« The New York Times Book Review
Die vietnamesische Schriftstellerin Le Minh Khue beschreibt die Wirkung von Krieg und Machtmissbrauch im Alltag, im familiären Rahmen. Hier zeigt sie in zwei Erzählungen, wie Menschen ohnmächtig und vereinzelt vor den Konsequenzen vergangener Gewalttaten stehen. Das ist reflektierende, dunkle Literatur über Verbrechen und Moral.
In Stürmische Zeiten geht es um eine Familie, deren Mitglieder auf beiden Seiten des Krieges gekämpft haben, um Rache und Versöhnung und um die Aufklärung eines Massenmords. In Eine kleine Tragödie scheitert eine geplante Hochzeit, weil sich Verbrechen der Vergangenheit ins Bewusstsein drängen, unter denen die soziale Fassade einstürzt. Nach und nach enthüllt sich, wie dramatisch die Folgen von Krieg und Landreform ihre Schatten in die Gegenwart werfen.
Le Minh Khues zwei Erzählungen sind elegant-realistische Sittenbilder über die Folgen von Krieg und Gewalt, unaufgeregt, lakonisch, mit kühlem Galgenhumor und durchaus noir.
Le Minh Khue, geboren 1949, verlor in den Wirren der Landreform ihre Eltern, wuchs unter Bombardierungen der US-Luftwaff e bei Onkel und Tante auf. 1965 meldete sie sich freiwillig zur Armee, lebte 4 Jahre im Dschungel, las Tschechow, London, Steinbeck, Hemingway und viele andere, notierte ihrerseits, was um sie herum geschah. 1969 kehrte sie nach Hanoi zurück und schrieb bis 1975 als Kriegsberichterstatterin für Presse und Rundfunk. Nach dem Krieg setzte sie ihre Tätigkeit als Journalistin und Schriftstellerin fort, bekam eine Tochter und wurde Lektorin im Vietnam Writers’ Association Publishing House
Le Minh Khue
Nach der Schlacht
Erzählungen
Deutsch von Günter Giesenfeld, Marianne Ngo und Aurora Ngo
eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2017
Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg
Tel. +4940 31108081, [email protected]
www.culturbooks.de
Alle Rechte vorbehalten
Copyright für beide Erzählungen: © Le Minh Khue
»Stürmische Zeiten«: Nhiệ t đớ i gió mù a (2011), in: Nhiệ t đới gió mù a, Hanoi (Verlag nhà xuấ t bả n hộ i nhà văn) 2012
»Eine kleine Tragödie«: Bi kị ch nhỏ (1986), in: Mộ t mì nh qua đườ ng, Hanoi (Verlag nhà xuấ t bả n hộ i nhà văn) 2006
Deutsch von Günter Giesenfeld, Marianne Ngo und Aurora Ngo
Herzlichen Dank an Marianne Ngo und Günter Giesenfeld, durch deren Engagement dieses Projekt möglich wurde und die die meiste Arbeit damit hatten.
Printausgabe: © Argument Verlag 2016
Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj
Lektorat: Iris Konopik
Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj
eBook-Herstellung: CulturBooks
Erscheinungsdatum: März 2017
ISBN 978-3-95988-079-4
Nach der Schlacht zeigt uns Vietnam gestern und heute, eine traumatisierte Kultur. Das Kino hat uns an eine Fremdperspektive gewöhnt: Von Cimino über Coppola und Kubrick bis zu Levinson und Stone weist Hollywood Vietnam als amerikanische Tragödie aus. Le Minh Khue aber eröffnet einen anderen Blick, den Blick von innen. Zwischen Pragmatismus und trockenem Humor hält sich der bittere Nachgeschmack von Krieg und Machtmissbrauch, wir sehen Leute ohnmächtig und vereinzelt den Nachwirkungen der Geschichte gegenüberstehen. Es ist schnörkellose Literatur ohne Sicherheitsabstand, die ruhig und kühl vom Alltag im Schatten brachialster Gewalt erzählt.
Die 1949 geborene Le Minh Khue verlor in den Wirren der Landreform ihre Eltern und wuchs unter dem Bombardement der US-Luftwaffe bei Onkel und Tante auf. Beide lasen leidenschaftlich und kämpften gegen die Fremdherrschaft. Mit 16 meldete sich Le Minh Khue zur Armee und kam in eine Jugendbrigade, die am Ho Chi Minh-Pfad die Verbindungswege offen hielt. Vier Jahre lebte sie im Dschungel. In ruhigen Stunden las sie Tschechow, London, Steinbeck und Hemingway und begann aufzuschreiben, was um sie herum geschah. 1969 ging sie zurück nach Hanoi, war sechs Jahre als Kriegsberichterstatterin für Presse und Rundfunk tätig und zog in den letzten Kriegstagen mit einer Einheit nach Da Nang. Nach dem Krieg wurde sie Lektorin bei Nha xuat ban hoi nha van (Verlag des Vietnamesischen Schriftstellerverbands) in Hanoi. Daneben schrieb sie Romane und Geschichten, in denen sich Vietnams Nachkriegsentwicklung widerspiegelt.
Le Minh Khues Erzählungen sind keine Genre-Texte, es sind sondierende, dem Realismus verpflichtete Sittenbilder über die Folgen des Krieges, aber auch über eine uneitle Kultur, die in der Gegenwart neue, eigene Wurzeln auszubilden sucht. Die fast spröde angelegten Figuren und ihre Odysseen vermitteln eine Ahnung vom mühsamen Ringen um Frieden, um Emanzipation von der kolonialen Prägung und um eine Zukunft, in der die Narben heilen können.
Sein Gesicht war fast nicht zu erkennen, ein blutiger Fleischklumpen, vom Messer zerhackt.
Quy bekam kaum Luft. Mit jedem Atemzug sprudelte Blut aus seiner Nase, dennoch richtete er seinen Blick mühsam auf die Baracke mit dem Blechdach auf der anderen Hofseite, in der man nach dem überraschenden Überfall auf diesen Stützpunkt in der Nacht zuvor die nordvietnamesischen Soldaten eingesperrt hatte. In dem Raum, in dem Quy sich befand, standen ein paar Stühle aus Plastik oder Aluminium, die per Hubschrauber hierher transportiert worden waren. Soldaten liefen geschäftig hin und her, brachten auf Tragbahren Verwundete zum Helikopter, M16-Gewehre im Anschlag, bereit, Kugeln zu versprühen wie Regen. Durch den Blutverlust nahezu ohnmächtig, dachte Quy darüber nach, dass er vielleicht hätte entkommen können, obwohl er von einer Mine am Bein getroffen worden war. Aber er hatte sich umgedreht nach dem Versteck von Hieu, dabei Duc und Phat ineinander verschlungen tot daliegen sehen, laut aufgeschrien und nicht mehr weiterlaufen können. Genau in diesem Moment hatte drüben ein Maschinengewehr losgerattert …
Jetzt spürte Quy keinen Schmerz mehr, er fühlte nur, wie das Leben langsam aus seinem Körper strömte. Er hörte die Soldaten, die sich laut rufend in allerlei Dialekten verständigten, vom tiefsten Südvietnamesisch über das Mittelvietnamesische bis hin zum Dialekt von Hue, ja sogar in Nordvietnamesisch. Der Kerl mit dem nördlichen Zungenschlag war offenbar Hauptmann Phong. Er trug einen Stahlhelm und Militärstiefel, rauchte, wirbelte mit den Händen irgendeine Strippe durch die Luft. Als Quy ihn eingehender betrachtete, stellte er verblüfft fest, dass der Kerl Hieu ungemein ähnlich sah: groß, mit geraden Beinen, hochgereckte Nase, hohe Wangenknochen, feingeschnittene hagere männliche Gesichtszüge – all das deutete darauf hin, dass er aus dem Norden stammte. Quy hatte Mühe, scharf zu sehen und seine Beobachtung zu überprüfen, Blut floss ihm übers Gesicht.
Hieu war an ihrer Marine-Akademie Studentenvertreter gewesen, dann Quys Kompaniechef geworden; gestern waren sie zusammen hinter den Zaun in Feindesgebiet eingedrungen, und bestimmt war inzwischen auch Hieu dieser Bande in die Hände gefallen. Von ihrer Gruppe waren außer ihm nur Hieu und Nham noch am Leben. Da war er sich sicher. Quy erinnerte sich, wie er früher als Schüler oft bei Hieu zu Hause gewesen und von dessen Mutter mit Nudelsuppe und Eiern bewirtet worden war. Warum sah dieser Kerl hier ihm bloß so ähnlich? Und damit auch Hieus Vater, Herrn Co? Warum hatte Hieu nie erzählt, dass er einen Bruder im Süden hatte? Quys Gedächtnis arbeitete fieberhaft. Das Nachdenken zehrte an seinen Kräften. Sein gesamter Organismus schien sich aufzulehnen, sich gegen das Ende zu wehren. Quy war vollkommen klar im Kopf, obwohl er seine Glieder nicht rühren konnte, obwohl er trotz größter Anstrengung kaum einen Ton herausbrachte … Draußen auf dem Hof eskortierten zwei Soldaten einen Gefangenen in zerrissener Kleidung irgendwohin. Er schwankte, der Soldat neben ihm musste ihn stützen. Der andere machte sich einen Spaß daraus, ihm die Fußspitze in die Kniekehle zu stoßen, so dass er stürzte. Dem Ersten passte diese Art von Scherzen offenbar nicht. Die beiden gerieten in Streit, dann verschwanden alle drei hinter den Wellblechbaracken. Im gleichen Moment sah Quy, wie Hieu, lediglich in Shorts und mit auf dem Rücken gefesselten Händen, und hinter ihm Nham, auch er in Shorts, von zwei Soldaten ebenfalls hinter den Block der Wellblechhütten getrieben wurden. Obwohl Quy sich kaum noch wach halten konnte, bemerkte er wieder die außergewöhnliche Ähnlichkeit zwischen dem Kerl, dem Offizier, der dort stand und rauchte, und seinem Kompaniechef Hieu.
Der Kerl kam herein, musterte die Tragbahre, auf der Quy lag, daneben müde der Wachsoldat auf seinem Metallstuhl. »Wird der abtransportiert?«
»Jawohl, Herr Hauptmann, wir warten auf den nächsten Hubschrauber.«
»Bei den Verletzungen bringt das doch nichts. Wir sollten ihn hier in der Krankenstation behalten und ihn ausquetschen. Danach kann man ihn gleich verscharren, so macht er es eh nicht mehr lang …«, sagte der Kerl und beugte sich über das übel zugerichtete Gesicht. Er sprach im gleichgültigen Ton eines Mannes, der sein Metier beherrschte, den Anblick von Leichen gewohnt war, sich auf den Umgang mit Kriegsgefangenen verstand. Quy lauschte angestrengt. Es war wirklich unglaublich: Auch seine Stimme glich der von Hieu, es war der geschmeidig-melodische Klang der Hanoier in den 50er Jahren. Quy, selbst aus Hanoi, hatte schon damals den Tonfall der Männer aus den vornehmen gebildeten Familien, die in den alten Stadtvierteln lebten, bewundert.
Der Offizier wandte sich ihm zu. »Hast du was zu sagen?«
Quy wollte gerade ein verneinendes Zeichen geben, da bäumte sich sein wie leblos daliegender Körper schlagartig noch einmal auf. Er versuchte zu sprechen, aber aus seinem blutigen Mund kam nur ein unverständliches Nuscheln.
Der Offizier unterdrückte seinen Ekel vor dem Blutgeruch und dem Gestank der Gase, die der Körper kurz vor dem Tod absonderte, und bückte sich.
Quy bewegte ein paar Finger, und dann sprudelten plötzlich, unerwartet, Worte aus ihm hervor: »Ich bin nur ein einfacher Soldat, ich habe meine Pflicht getan als ein Soldat, der nichts weiß und nichts aussagen kann. Ich opfere mein Leben für das Vaterland und ich bitte darum, dass man mich, wenn ich tot bin, mit meinem Namen in der Hemdtasche begräbt … Ich bin Quy aus der Ba Trieu-Straße in Hanoi … Wie können meine Eltern es erfahren? Mit mir wurden zwei weitere Männer gefangen genommen, ich habe gesehen, wie sie nach da hinten abgeführt wurden … Einer von ihnen ist ein Nachbar von mir, bitte benachrichtigen Sie ihn von meinem Tod …«
»Welcher?«, fragte Phong und versuchte in dem blutüberströmten Gesicht einen Mann zu erkennen, der doch tatsächlich in der Stadt seiner Kindheit gelebt hatte. Phong erinnerte sich an die riesigen xa cu-Bäume[1], die den Häusern Schatten spendeten, die Straßenbahn, die bimmelte wie in den alten Spielfilmen, das blendend weiße Eis am Stiel mit Kokosgeschmack, das Eiscafé Long Van mit Ausblick auf die The Huc-Brücke … Unwillkürlich empfand Phong so etwas wie Mitgefühl mit dem im Sterben liegenden ideologischen Gegner. »Was war das eben mit dem Nachbarn?«
»Ich habe zwei Freunde, die mit mir gefangen genommen wurden. Einer ist aus Hanoi. Sein Name ist Hieu, sein Vater ist Herr Co in der Ba Trieu-Straße …«
Phong fing an zu grübeln. Ba Trieu? Hieß diese Straße in der Franzosenzeit vielleicht Gia Long? Ich habe in meiner Kinderzeit nie von einer Ba Trieu-Straße gehört!
»Wessen Sohn?«, fragte Phong nach.
»Der Sohn von Professor Co, der an der Architekturakademie lehrte, seine Mutter ist Frau Han, Apothekerin …« Quy versuchte, dem südvietnamesischen Offizier möglichst viel Hintergrund über Hieu zu liefern, denn er zweifelte jetzt nicht mehr daran, dass diese beiden verwandt waren, wie sonst konnten sie sich so ähnlich sehen, fast wie Zwillinge? Konnte das Hieu vielleicht das Leben retten? Solche persönlichen Informationen schadeten weder Hieu noch der Armee, außerdem würde er selbst sowieso bald tot sein, also konnte ihm niemand einen Vorwurf machen, Hauptsache, Hieu und Nham überlebten.
Phong sprang auf, am ganzen Leib zitternd vor Aufregung. Dieser Gefangene gab ihm gerade Informationen über den Menschen, nach dem er schon so lange auf dieser Seite des elektrischen Zauns suchte. Laut rief er in Richtung der Krankenstation mit dem roten Kreuz auf der anderen Seite des glatt zementierten Hofs: »Hierher! Sofort diesen Mann versorgen!«
Zwei Überläufer aus dem Strafbataillon[2] rannten mit gesenktem Kopf und grünlich angelaufenen Gesichtern herbei und hoben die Tragbahre an. Einer nahm ein Stück Mull und wischte das Blut von Quys Gesicht, so dass seine todmüden Augen zum Vorschein kamen, die einst, als er mit seinen Freunden auf den Straßen Hanois mit dem Fahrrad unterwegs war, schön gewesen sein mochten. Als Phong weggegangen und der Wachposten abgelenkt war, weil er drinnen nach etwas zu trinken suchte, bückte sich ein anderer Überläufer in der Annahme, dass Quy noch bei Bewusstsein war, zu ihm hinunter. »He, der Offizier da ist ein Verhörspezialist! Ich verstehe nicht, warum du heute so nett behandelt wirst, wo der doch sonst furchtbar kalt und grausam ist. Also sei nicht dickköpfig, damit schadest du dir nur. Er prügelt nicht selbst, er hat aber viele routinierte Leute. Wenn du also etwas weißt, dann solltest du aussagen …« Da kam Phong zurück, der Überläufer verstummte und ging weg.
Phong rief: »Halt! Ich habe noch eine Frage.« Er stellte fest, dass die Augen des Gefangenen regungslos waren und das Blut nicht weiter aus seiner Nase quoll. Die beiden Träger senkten den Kopf. Phong befahl: »Drückt ihm die Augen zu!« Einer der Träger setzte sein Ende der Bahre ab und schloss Quy die Augen, dann wischte er seine blutverschmierte Hand am Hemd des Gefangenen ab, dessen Schulterpartie schon ganz steif war vom eingetrockneten Blut. Phong nahm einen Zettel, schrieb darauf die Worte »Quy aus der Ba Trieu-Straße, Hanoi«, steckte ihn in einen Plastikbeutel für Mullbinden, den er aus dem Sanitätszimmer holte, und schob diesen in Quys Hemdtasche. Es war eine Geste, wie man sie unwillkürlich ausführt, wenn man zufälliger Ohrenzeuge des letzten Wunschs eines Sterbenden wird.
Dies geschah unter den erstaunten Blicken der beiden aus dem Strafbataillon, die erst auf die eine Seite übergelaufen waren aus Todesangst, dann auf die andere, ebenfalls aus Todesangst. Und nun wurden sie als Vorposten in Zone Eins[3] geschickt, um einen Dienst zu tun, der noch gefährlicher war als der Einsatz an der Waffe. Als Phong außer Sicht war, sahen die beiden sich an und schüttelten den Kopf, dann trugen sie die Bahre mit dem toten Gefangenen zum Leichenhaus, am Nachmittag würde die Planierraupe den Sandhügel dort hinten abtragen und eine Grube ausheben. Ein Toter, egal auf welcher Seite er gestorben war, blieb doch das Kind einer sich sorgenden Mutter. Sich um ein Grab zu kümmern schadete nichts, auch wenn es für die zuständige Deserteurtruppe eine Plackerei war, die Leichen beider Seiten zu begraben und Gräber mit Steinen zu markieren, die, wie jeder wusste, schon bald vom nächsten Sandsturm weggefegt würden. »Im heimatlichen Sandboden liegt man auch nahe den Eltern!«, flüsterte der Überläufer zum Abschied und strich Quy übers Haar.
Phong schritt in Gedanken versunken dahin, den Gruß der Offiziere aus dem Befehlsstand erwiderte er nicht. Er erinnerte sich daran, was seine Mutter über die Gia Long-Straße gesagt hatte, wenn sie dort ab und zu in der Rikscha entlangfuhren. Sie zeigte dann auf die dreigeschossige, von Mauern umgebene Villa und erklärte, das sei das Haus seines Vaters, aber sie beide seien gesellschaftlich nicht anerkannt und dürften es nicht betreten. Phong sah die Liane vor sich, die die Wand emporrankte, das imposante eiserne Tor, den gedämpften Schein der Lampen im zweiten Stock, wobei er damals nicht wusste, wer der glückliche Bewohner dieses Zimmers war. Gut möglich, dass die ruhige, verkehrsarme Gia Long-Straße von damals, im Jahr 1952, später umbenannt wurde in Ba Trieu-Straße. Also Herr Co! Um wen sonst konnte es sich handeln!
Der große Sergeant beobachtete den Vernehmungsoffizier mit einer Mischung aus Respekt und Furcht. Er kannte die Verhöre, auf deren Grundlage die Gefangenen in verschiedene Kategorien eingeteilt wurden. Wohin wurden sie gebracht? Wurden sie interniert, um ihnen weitere Informationen abzupressen, oder wurden sie nach Phu Quoc deportiert? Die Verhöre waren wirklich sehr hart, wirklich grausam. Leute mit schwachen Nerven fingen an zu zittern. Er selbst war schon lange hier, aber an die Schmerzensschreie, das Gebrüll, das drüben aus dem Kellerschacht drang und manchmal nicht mehr von einem Menschen zu kommen schien, hatte er sich bis heute nicht gewöhnt. Der Sergeant salutierte, die Hand an der Schläfe.
»Geht’s gut?«
»Danke, Hauptmann, alles in Ordnung.«
»Wo befinden sich die nordvietnamesischen Neuzugänge? – Nein, ich will nicht rein, nur durchs Observierungsfenster gucken!«
Phong blickte durch das handbreite, aus der eisernen Tür ausgefräste kleine Fenster. Die beiden nordvietnamesischen Soldaten saßen in ihren mit Blut und feuchtem Sand befleckten kurzen Hosen auf dem nackten Boden des knapp zwei Meter breiten, sargähnlichen Raums und flüsterten miteinander. Phong wies den Sergeant an: »Diese Kerle bleiben hier, nicht per Hubschrauber überstellen!«
Der Sergeant salutierte.
Phong taxierte noch einmal den Gefangenen mit dem hochgewachsenen, schlanken Körper, seine breiten, athletischen Schultern und die kräftigen langen Beine. Kein Zweifel: Phong erblickte sein Ebenbild. Seine Mutter hatte immer gesagt, sie finde es unglaublich, wie sehr die Nachfahren des Herrn Gouverneurs, Phongs Großvater väterlicherseits, einander glichen, und zwar egal, ob es Herrn Cos Brüder oder seine Kinder waren – begegnete man einem von ihnen irgendwo, wusste man sofort: Der gehört zur Familie. Das gute Aussehen, das gewinnende Wesen der männlichen Familienmitglieder zog häufig Unheil nach sich wegen der Geliebten und außerehelichen Kinder und der dadurch ausgelösten Eifersüchteleien der Frauen. Phong betrachtete sein Ebenbild dort drinnen und erkannte mit Befremden, wie sein langjähriger Wunschtraum endlich Wirklichkeit wurde. Er hatte so sehr gehofft, Hieu als Vernehmungsoffizier zu begegnen.
Unvermittelt brüllte er: »Wer von euch heißt Hieu? Aufstehn! Sofort!«
Sein Ebenbild richtete sich langsam auf, nicht aus Müdigkeit oder wegen seiner Verletzungen, diese Langsamkeit war vielmehr Ausdruck einer provozierenden Gleichgültigkeit.
»Na also!«, rief Phong, und plötzlich brach es aus ihm heraus: »Spar dir deine Arroganz! Hier drin ist Schluss mit der nordvietnamesischen Hochnäsigkeit, verstanden!«
Der Sergeant war überrascht, dass der Chef den Gefangenen so durch die Tür anschrie, ohne sich ihm zu zeigen. Phong wirkte starr von Kopf bis Fuß, dabei prickelte es vor Hochspannung in all seinen Poren, als würde er von tausend Nadeln gestochen. Seine Ahnung hatte sich bestätigt.
Pat von der CIA hatte damals wie eine Hyäne die richtige Spur gewittert: »Wenn du den Kerl, den du jagst, stellen willst, musst du rauf in Zone Eins. Du hast gehört, dass er als Student in die Armee eingetreten ist?«
»Richtig.« Phong führte aus, dass seine Mutter noch in Kontakt stand zu Herrn Cos jüngerem Bruder, der in Frankreich lebte. Da der Briefverkehr zwischen Nordvietnam und Frankreich kaum gestört war, erreichten ihn weiterhin Nachrichten über Herrn Cos Familie in Hanoi. Seine Mutter wusste sogar, an welchem Tag und von welcher Universität aus Hieu in die Armee eingetreten war. Pat zufolge waren diese Studenten fast alle diesseits des Flusses Ben Hai[4] stationiert, um Quang Tri zu verteidigen. Möglich, dass er sich irrte, was Phongs älteren Bruder betraf, aber die Studierten wurden an die allergefährlichsten Orte geworfen. Es war unklar, ob es einen besonderen Grund dafür gab oder ob es nur dem üblichen Vorgehen der kommunistischen Befehlshaber entsprach: Intellektuelle waren nichts als ein Stück Scheiße, also ab an den passenden Ort mit ihnen!
Ha, ha! Pat lachte hämisch. »Du hast da draußen einen Job zu machen, also halt die Augen offen und nimm die Fährte auf!« Das hatte Pat vor fast einem Jahr gesagt. Ein Jahr, in dem Phong immer mal wieder herübergekommen war auf diese Seite des McNamara-Zauns[5], um sich auf die Lauer zu legen wie ein Krokodil, das während der Laichzeit der Lachse sein Maul weit aufgesperrt hielt und darauf wartete, dass ihm die Beute in den Schlund schwamm.
Phong befahl dem Sergeant: »Gebt ihnen zu essen und zu trinken, das sind wichtige Gefangene. Bewacht sie streng, sollte etwas passieren, kannst du mit deinem Leben abschließen!« Denn Phong kannte das starrköpfige Temperament, das dieser Sippe seit den Zeiten des altehrwürdigen Provinzgouverneurs anhaftete, nur zu gut. Phongs Mutter hatte Herrn Co geliebt und sich angesteckt mit diesem Gebaren, dann hatte sie all die Jahre ihren Hass genährt. Und obwohl sie ein florierendes Geschäft besaß, mochte sie doch mit niemandem zusammenleben außer mit ihrem Sohn, nichts auf der Welt konnte diesen abgrundtiefen Widerwillen mindern.
Phong überlegte, dass er in dieser Angelegenheit besser Pat hinzuziehen sollte. Der CIA-Mann war darauf spezialisiert, Gefangene zu verhören und ihnen Informationen abzuringen. Sein Vorgehen dabei war ebenso grausam wie das der koreanischen Soldaten[6]. Einmal verhörte Pat eine Gefangene, eine Verbindungsagentin aus der Stadt, indem er sie rücklings auf einem Metalltisch festbinden ließ; an der Zimmerdecke über ihr hing ein Ventilator. Allein wie die junge Frau da nackt auf dem Rücken lag, bedeutete eine starke psychische Belastung, die auch eine Kommunistin nicht unerschüttert lassen würde. Pat hielt ihr zwei angespitzte Gänsefedern vors Gesicht. »Wirst du reden?« Als sie den Kopf schüttelte, befahl er einem der koreanischen Helfershelfer, ihr eine Feder in die Brustwarze zu bohren. Sie schrie so laut, dass die Koreaner wie von einem Stromschlag getroffen zurückfuhren, aber – es heißt, die Tapferkeit eines Vietcong sei so groß wie der Himmel – die junge Frau schüttelte immer noch den Kopf, als Pat ihr befahl, den Namen einer bestimmten Person zu verraten. Der Koreaner auf der anderen Seite des Tischs stieß ihr die zweite Gänsefeder in die andere Brustwarze. Und das war erst der Anfang. Gegen Abend ordnete Pat Verschärfung der Folter an. Der leise rotierende Deckenventilator drehte sich stärker, erst sachte, schließlich wirbelte der erzeugte Wind die beiden Gänsefedern herum und trieb sie immer tiefer in die Brustwarzen der Frau. Die Schmerzen waren so unerträglich, dass sie nicht einmal in Ohnmacht fallen konnte, ihr ganzer Körper kämpfte dagegen an, ihre Haut sonderte eine weißlich-trübe, milchige Flüssigkeit ab. An jenem Tag ging Phong nach draußen und rauchte, nur Pat und die Helfer führten das Verhör. Die Aufgabe, durch Verhöre Informationen zu gewinnen, rechtfertigte eigentlich jede Maßnahme, aber es gab Dinge, die Phong nicht mit ansehen, nicht mit anhören konnte, es war das Beste, das den Amerikanern und Koreanern zu überlassen.
Man erzählte sich, dass Pat einmal eine bedeutende Figur des kommunistischen Nachrichtendienstes aufgestöbert hatte, einen Kurier, der viele Verbindungen zum Untergrundnetz kannte. In solchen Fällen nutzte Pat jede List, um Informationen herauszuholen, diesmal jedoch ohne Erfolg, also musste er zu härteren Maßnahmen greifen. Er bediente sich einer Gruppe von Medizinstudenten aus den USA, zusammen mit zwei koreanischen Helfern fesselten sie den Mann, nahmen eine gewöhnliche Säge und fingen an, ihm ein Bein zu amputieren, von jedem Bein ließ Pat dreimal ein Stück absägen, insgesamt sechs Mal, aber in Erfahrung brachte er nichts. Schließlich entschloss er sich, den Oberschenkel des Gefangenen bis zum Hüftgelenk abzutrennen, allerdings bekam ein vietnamesischer Arzt Wind davon. Es bestand die Gefahr, dass etwas nach außen durchsickerte und Pats entsetzliches Vorhaben bekannt wurde. Ohne Hüftgelenk musste ein Mensch ein Leben lang liegen. Wer könnte das ertragen? Pat entledigte sich des Arztes, indem er ihn beim Überqueren der Straße vor dem Krankenhaus von einem Auto überfahren ließ. Die Operation Hüftgelenk blies er trotzdem ab …
Phong wusste nur durch Hörensagen von dem Vorfall, aber er hatte den Gefangenen auf seinen verbliebenen Beinstümpfen sitzen sehen, unerschütterlich, standhaft, mit eisernem Gesichtsausdruck, bereit, den Tod in Kauf zu nehmen. Pat war verblüfft, als die zwei von ihm initiierten Verhöre nicht die geringste Information erbrachten. Die einfacheren Verhörmethoden wie Fingernägel- oder Zähneausreißen überwachte Pat nicht persönlich, sondern ordnete an, nach dem Muster der Gestapo zu verfahren … In keinem Fall jedoch bekam er brauchbare Informationen. »Wie also umgehen mit der Kommunistenbrut?«, fragte Pat Phong und schüttelte den Kopf, dass die schwarzbraunen Haare flogen, die er seiner gemischten Abstammung von Weißen und Latinos verdankte. Phong war immer aufs Neue erstaunt, wenn er miterlebte, wie Pat mit anderen Amerikanern herumscherzte, mit Mädchen flirtete oder mit ihm im Lokal saß, nachdenklich in seinem Kaffee rührte und erklärte, er vermisse die Maisfelder in Iowa, wo ein Onkel von ihm Landwirt war und Mais anbaute. »Ich bin in New Orleans geboren, einer sumpfigen Gegend wie bei euch hier in Vietnam der tiefe Süden, aber ich möchte lieber nach Iowa, um Mais anzubauen, dort ist die Luft sauberer, die Erde grüner, der Himmel blauer.« Einmal sagte Pat, vielleicht werde er später nicht heiraten, der Krieg habe ihn dazu gebracht, eine Abneigung gegen Frauen zu hegen, eine Abneigung gegen die Ehe, im Krieg müsse man ja die schmutzigsten Dinge tun, er stehe im Dienst des Präsidenten, er diene dem Ideal der USA, das kommunistische Lager zu zerschmettern, durch Folter Informationen zu gewinnen verursache ihm keinen Ekel, Misserfolg aber sehr wohl … Schließlich verstieg er sich zu der Aussage, die USA seien das Höchste Ideal, und er habe das Recht, jeden, der diesem Ideal nicht folgte, als Tier zu betrachten. Als Tier!
»Und ich, bin ich auch ein Tier?«, fragte Phong.
Pat antwortete: »Möglich. Ohne das amerikanische Geld seid ihr nichts!« Da sie inzwischen ziemlich vertraut miteinander waren, äußerte sich Pat oft unverblümt, ohne die geheuchelte Höflichkeit mancher anderer.
Phong empfand seit langem Widerwillen gegen Pat, aber in dieser Angelegenheit musste er ihn wohl hinzuziehen.
Hieu lag da, mit dem Rücken zur Tür. Jetzt in der Nacht war es in dieser Wüstengegend weniger heiß, doch die Dürre saugte alle Flüssigkeit aus dem Körper. Zum Glück mussten sie keinen Durst leiden, da der Wachsoldat ihnen eine Plastikflasche voll Wasser hineingeschoben hatte. Das Knattern der Hubschrauber, die verletzte Soldaten und Kriegsgefangene abtransportierten, war am frühen Abend verstummt. Als Hieu erkannte, dass er selbst, anders als die vielen anderen Soldaten, die am Morgen hier waren, nicht weggebracht wurde, fühlte er sich verlassen, denn es war immer noch besser, mit den Kameraden ins Gefängnis zu gehen, als hier zurückgelassen zu werden. Zum Glück war noch Nham da. Unbekümmert, wie er war, hatte er die Zeit genutzt und auf dem Sandboden eine Weile geschlafen.
Die größte Angst, wenn man das Gewehr ergreift und in den Krieg zieht, ist die, dem Feind in die Hände zu fallen. Solange Hieu unter Kameraden gewesen war, hatte er diese Angst nur dumpf gefühlt, aber nun war sie gegenwärtig und ließ ihn an seine Mutter denken. Die hatte mal gesagt: Das Leben endet mit dem Tod. Je mehr Angst du hast, desto schneller kommt er. Wenn du jetzt in den Krieg ziehst, musst du fest daran glauben, dass du auf jeden Fall zu deiner Mutter zurückkehren wirst!
In diesem Jahr herrschte speziell hier in Zentralvietnam, auf dieser Seite des McNamara-Zauns, extreme Hitze. Durchs Fernglas konnte Hieu die Amis beobachten, wie sie in ihren dicken, hitzeabweisenden Kampfuniformen, den Stahlhelm bis zu den Augen heruntergezogen, mit allerlei Waffen und Gerätschaften hantierten und sich angesichts der trockenen Hitze mit Temperaturen bis fünfzig Grad sichtlich unwohl fühlten. Diese Kerle hatten von den Wüstenbewohnern gelernt, als Schutz gegen die Hitze ihren Körper vollständig zu verhüllen, ihn zu isolieren wie in einer Kabine, sie brauchten bis zu fünf Liter Trinkwasser pro Tag und konnten doch den Durst nicht stillen. Noch ehe die Sonne hoch am Himmel stand, wechselte der Sand bereits seine Farbe von Goldgelb zu Hühnerleber-Braun. Die Soldaten der Republik Vietnam[7] kauerten hinter Sandwällen unter einem Schutzdach aus Wellblech. Auch das war von Hieus Spähposten aus zu sehen. Wellblech! Welch großartige Idee der Weißen, den Menschen dieses Landes Wellblech für ein Dach zu spendieren. Ein Wellblechdach über dem Kopf. Die Frauen dort wirkten streng in ihrer dunklen Kunstfaserkleidung. Die südvietnamesischen Soldaten schauten zu, wie weiter hinten die Herren Amerikaner ihre Koppel festschnallten. Möglicherweise fanden sie es gut, dass andere Menschen ebenfalls unter der Wüstenhitze litten. Ein paar Soldaten aus der Gegend im Mekongdelta, die »Weißer Reis – klares Wasser«[8] genannt wird, hockten eng beieinander. Sie reichten große Zweiliterflaschen Wasser herum und zeigten mit dem Finger auf die Stellungen der Nordvietnamesen. Hieu nutzte die Zeit, solange die Bomben und Raketen schwiegen, und beobachtete aufmerksam die gegnerische Front.
Die nordvietnamesischen Soldaten lagen in Gräben, die entlang der Maniokfelder ausgehoben worden waren. Tagsüber war es heiß, nachts kühlte es nicht ab. Schweiß gemischt mit Sand. Diese beiden bösen Plagen lassen Ideale nicht selten verkümmern und verblassen. Einige gebildete Soldaten sprachen darüber, wie irgendwo in einem angenehm frischen, kühlen Zimmer Leute saßen und den lieben langen Tag über den Krieg palaverten, ohne eine Ahnung, wie es sich anfühlte, hier Tag und Nacht in Blut und Sand zu verbringen. Der Krieg zog sich schon so lange hin, dass man ihn satthatte und der Kampfeswille schwand. Immer wieder hatte Hieu mitdiskutiert und war lautstark für die Dinge eingetreten, die er für gut und richtig hielt; das Ziel war richtig, es brauchte nur noch etwas Geduld. Aber die Gedanken, auch wenn sie kontrolliert und vom Strom der Gedanken anderer mitgerissen werden, neigen stets dazu, in andere Richtungen auszuscheren. Und einige hatten gängige Bahnen eingeschlagen: Der Mensch muss doch leben, muss doch lieben, welchen Sinn hat es, sich unablässig gegenseitig in den Kopf zu schießen?
Der klare blaue Himmel Zentralvietnams verdunkelte sich in jenem Jahr mehr als in den Jahren zuvor, auch wenn die Bombardements früher dichter waren, als die USA ihre Invasion noch heftig vorantrieben. In diesem Kampf standen sich jährlich achtundzwanzig Milliarden Dollar aus den USA und zwei Milliarden Dollar aus der Sowjetunion gegenüber.
