Nach ihm die Sintflut - Jule Maiwald - E-Book

Nach ihm die Sintflut E-Book

Jule Maiwald

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Beschreibung

Ex und hopp Kurz vor ihrem 40. Geburtstag versammelt Anne die besten Freundinnen zur Beerdigung ihres Mannes um sich. Doch Richard ist keineswegs gestorben, er lebt und ist quietschvergnügt – mit einer anderen. Erst als sie den untreuen Gatten symbolisch unter die Erde gebracht hat, kommt Anne wieder auf die Füße. Könnte so ein Schritt nicht auch anderen Frauen helfen? Kurzerhand gründet sie eine Agentur für Scheidungsrituale. Der Laden brummt: Es werden lebensgroße Kopien der Exmänner beerdigt und wilde Trennungspartys gefeiert. Auch in Annes eigenes Liebesleben kommt langsam wieder Bewegung. Bis sie merkt: Ihre neue Flamme scheint nicht der Traummann zu sein, für den sie ihn hält, sondern ein neuer Fall für ihre Agentur ... Witzig, charmant und unbeschwert - ein Roman für alle, die schon mal Liebeskummer hatten.

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Seitenzahl: 476

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Jule Maiwald

Nach ihm die Sintflut

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Ex und hopp

 

Kurz vor ihrem 40. Geburtstag versammelt Anne die besten Freundinnen zur Beerdigung ihres Mannes um sich. Doch Richard ist keineswegs gestorben, er lebt und ist quietschvergnügt – mit einer anderen. Erst als sie den untreuen Gatten symbolisch unter die Erde gebracht hat, kommt Anne wieder auf die Füße. Könnte so ein Schritt nicht auch anderen Frauen helfen? Kurzerhand gründet sie eine Agentur für Scheidungsrituale. Der Laden brummt: Es werden lebensgroße Kopien der Exmänner beerdigt und wilde Trennungspartys gefeiert. Auch in Annes eigenes Liebesleben kommt langsam wieder Bewegung. Bis sie merkt: Ihre neue Flamme scheint nicht der Traummann zu sein, für den sie ihn hält, sondern ein neuer Fall für ihre Agentur …

 

Witzig, charmant und unbeschwert – ein Roman für alle, die schon mal Liebeskummer hatten.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2017

Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Redaktion Sarah Tober

Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagabbildungen Yulia Kim, perevezencev, Maud B/shutterstock.com

ISBN 978-3-644-56901-0

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Luzie, die angehende Schriftstellerin.

Wir glauben an Dich!

1. Unter die Erde mit ihm

Ich ging einen Schritt vor. Nur ein Fußbreit weiter, und man hätte mich gleich mitbeerdigen können. Vor mir tat sich eine tiefe Grube auf. Schon beim Gedanken daran, dass wir in wenigen Minuten die Überreste meines Mannes bestatten würden, sackten mir die Knie weg. Nur gut, dass sich Lissie bei mir eingehakt hatte. In dieser dunklen Stunde waren alle gekommen, um mir Halt zu geben: Lissie als meine beste und älteste Freundin, meine ehemalige Mitbewohnerin Jana, meine Lieblingskollegin Yvonne, und auch meine Tante Martha nahm Anteil – soweit es Gorbatschow zuließ. Der Pekinese sprang unentwegt an ihr hoch und bettelte mit solcher Hingabe um Hundekuchen, dass ich mir wünschte, mit ihm zu tauschen. Seit Richard nicht mehr da war, schien mir alles freudlos und leer.

Als würde der Himmel mir ein Zeichen senden, riss das erste Mal seit Wochen die Hamburger Wolkendecke auf, und die Sonne schien strahlend auf uns herunter. Das nasse, welke Novemberlaub glänzte im Licht. Inzwischen hatten sich auch die letzten Bäume von ihren Blättern verabschiedet. So wie ich jetzt Abschied nehmen würde von meinem Mann, dachte ich traurig.

Um uns herum herrschte Totenstille. Es war windstill wie nur selten, kein Rascheln war zu hören. Dem Anlass entsprechend trugen wir alle schwarze Kleider und Sonnenbrillen. Yvonne hatte einen riesigen Hut auf und war mit Stilettos den Schotterweg entlanggestakst. Viel zu dramatisch, fand ich, und musste unwillkürlich an Richards Worte denken, meine Freundin würde für einen guten Auftritt sogar ihre Mutter verkaufen.

Während ich mich zwang, diesen Gedanken wieder zu verscheuchen, stellte Lissie eine Holzkiste vor mich. Sie war bis zum Rand gefüllt mit Dingen, die mich an meinen Mann erinnerten.

«Bitte», sagte sie leise und trat einen Schritt zurück.

Zögernd griff ich nach Richards Lieblingsanzug. Der weiche Stoff glitt durch meine Hände. Kurz hielt ich inne, dann ließ ich das graue Jackett in die Grube fallen. Ebenso die Anzughose. Nach und nach landete alles in dem schwarzen Loch: das Schachbrett, sein Yale-Pulli, sein Lieblingspyjama, sein letzter Bestseller und unser Hochzeitsfoto. Als die Kiste leer war, konnte ich mir einen tiefen Seufzer nicht verkneifen. Ich merkte, dass ich schwankte. Beim Versuch, das Gleichgewicht zu halten, bohrten sich die Absätze meiner Pumps in den feuchten Rasen.

«Halt durch, Anne. Gemeinsam schaffen wir das», raunte mir Lissie ins Ohr und legte ihren Arm um meine Schulter.

Ich brachte ein Lächeln zustande, aber meine Hände zitterten. Immerhin lag der schwierigste Teil noch vor mir: meine Abschiedsrede. Um mich zu beruhigen, legte ich eine Hand über die Augen und tat, was ich immer tat, wenn sich meine Kehle vor Panik zusammenschnürte: Ich atmete tief ein und ging in Gedanken die Alternativen durch. Nein, ich war Richard und mir diese letzten Worte schuldig. Wofür hatte ich mich sonst tagelang vorbereitet, mir Zitate und einen roten Faden zurechtgelegt? All das wäre sinnlos gewesen, wenn ich jetzt kniff.

«Ich bin so weit», flüsterte ich Lissie zu und umklammerte dabei meine Handtasche, als ob ein Dieb hinter mir her wäre.

Sie nickte und gab mir einen Zettel. Während ich einmal um die Grube herumging, damit die anderen mich bei meiner Rede ansehen konnten, warf ich einen ersten Blick auf die unsagbaren Worte in meiner Hand. Langsam und kontrolliert holte ich Luft.

«Mein lieber Richard», begann ich mit zitternder Stimme. «Wie heißt es so hoffnungsvoll? Jeder Abschied ist ein Neuanfang oder Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen. Wer, frage ich mich, kann so etwas behaupten, der von einem Moment auf den anderen seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begraben muss? Wie kann man so etwas sagen, wenn man gerade seine große Liebe verloren hat? Und wie soll ich neu anfangen, wenn ich nicht mal weiß, wie ich den nächsten Tag beginnen soll? Denn jeder Tag beginnt mit dir, Richard. Wenn auch nur noch in Gedanken. Erinnerst du dich daran, wie wir uns getroffen haben? Ich hatte meinen ersten Tag im Verlag, als deine neue Lektorin. Was hatte ich für einen Bammel, dir, dem bekannten Romanautor, zu begegnen. Und dann war alles so einfach: Du kamst in den Raum, sahst mir tief in die Augen, nahmst meine Hände zwischen deine und sagtest: Ich freue mich, mit Ihnen zusammen arbeiten zu dürfen. Du mit mir? Du wirktest vom ersten Moment an so bescheiden, zugewandt und freundlich – fast so wie der Held deiner Arztromane, Dr. Steven Stark. Ich glaube, ich war sofort verliebt. Für mich warst du einfach alles, Freund, Mentor und Liebhaber in einem. Und seit sechs Jahren auch der Vater unserer süßen …»

Bevor ich den Satz beenden konnte, blies eine kräftige Böe die Seiten aus meiner Hand. Gerade eben hatte noch kein Lüftchen geweht, und nun konnte ich nur noch zusehen, wie der Wind meine Notizen davonjagte.

Mit ausgestreckten Armen versuchte Lissie die Blätter zu erwischen, doch sie flogen hoch in die Luft, bis sie ganz zwischen den Bäumen verschwanden.

Ratlos blickte ich auf meine leeren Hände und fragte mich mit pochendem Herzen, wie ich meine Rede nun mit Würde über die Bühne bringen sollte. Ich musste an Richard denken, der jede noch so heikle Situation mit gespielter Gelassenheit gemeistert hatte. Wie ich ihn darum beneidet hatte!

«Schaffst du es auch ohne Vorlage?», fragte mich Lissie. «Oder wollen wir zum nächsten Programmpunkt übergehen?»

«Schon gut, ich versuch’s aus dem Stegreif», sagte ich und schluckte einen dicken Kloß im Hals hinunter. «Wo war ich stehengeblieben? Richtig, bei Maja. Lieber Richard, mit Majas Geburt wurde unser Glück perfekt und … und … und …» Ich geriet ins Stottern. Denn plötzlich spürte ich eine unbändige Wut in mir aufsteigen. Glück? Ohne dass ich es wollte, wurde meine Stimme laut: «Was rede ich da überhaupt? Wir – das perfekte Glück? Dass ich nicht lache! Einfach abserviert hast du mich … für … für diese junge Schnepfe!»

Jetzt, wo ich mich nicht mehr an meinen vorbereiteten Text halten konnte, schienen meine Worte ein Eigenleben zu entwickeln. Mein ganzer Frust platzte ungefiltert aus mir heraus.

«Dr. Steven Stark lässt du in deinen Schmonzetten ja schon seit Jahren die halbe Damenwelt flachlegen, nur um frischen Wind in deine Bücher zu bringen», improvisierte ich weiter. «Und so machst du es jetzt auch im wahren Leben, du Möchtegerngigolo.»

Lissie starrte mich mit offenem Mund an. Sie kannte die Urfassung meiner Rede und wunderte sich offensichtlich darüber, wie wenig davon noch übrig war – oder wie ausfallend ich werden konnte.

Egal, ich war nicht mehr zu stoppen. Gerade wollte ich zum nächsten verbalen Schlag ausholen, da hörte ich Jana hinter mir pöbeln: «Elendes Männerpack, elendes!» Nachdem sie von ihrem Mann Hannes gegen eine Jüngere ausgetauscht worden war, identifizierte sie sich mit allen weiblichen Verlassenen, was mir bislang immer gehörig auf die Nerven gegangen war. Doch in diesem Moment konnte ich ihr nur recht geben.

«Wer nicht mehr liebt», versuchte ich es trotz der Unterbrechung noch einmal, «der lasse sich begraben. So oder so ähnlich hat Goethe das mal gesagt. Und das ist tatsächlich die beste Idee seit langem: dich zu begraben, Richard. Das hätte ich schon viel früher tun sollen! Vielleicht in dem Moment, in dem du aufgehört hast, mit mir zu reden, und stattdessen lieber mit deinen ehegefrusteten Leserinnen gechattet hast.» Bei der Erinnerung daran, mit welchem Stolz er mir pausenlos aus seiner weiblichen Fanpost vorgelesen hatte, schüttelte es mich.

«Ich hätte dich begraben sollen, als du mich nach dem immer kürzer werdenden Liebesakt nicht mehr in den Armen gehalten hast, sondern nur kurz checken musstest, auf welchen Amazon-Verkaufsrang dein neuester Groschenroman gerade geklettert war. Und ich hätte dich begraben sollen, als du anfingst, die Sonntage zum familienfreien Tag zu erklären, um beim Spazierengehen Romanideen zu sammeln – ganz für dich allein, wie du stets beteuert hast. Aber in Wahrheit schon längst mit … Babette.» Bei der Erwähnung meiner Nachfolgerin überschlug sich meine Stimme, und aus meiner Kehle drang nur noch verächtliches Lachen.

Babette – erst jetzt spürte ich, wie abgrundtief ich sie hasste. Grundgütiger, woher kam auf einmal dieser Zorn? Es war doch schon ein ganzer Monat vergangen, seit Richards Betrug aufgeflogen war – und er mir ins Gesicht gesagt hatte, dass er sich in diese zwanzig Jahre jüngere Lolita verliebt hatte.

Lissie nahm mich in den Arm. «Ich weiß, ich weiß», sagte sie und reichte mir ein Taschentuch.

Ich verzog das Gesicht und wischte mir die Wuttränen weg. Während sie mir liebevoll über den Rücken strich und ich ihren vertrauten Geruch einatmete – schon seit Teenagertagen verwendete sie diesen süßen Vanilleduft –, beruhigte ich mich langsam. Es machte ohnehin keinen Unterschied mehr. Für mich war Richard gestorben, auch wenn er sich zurzeit bestimmt lebendiger fühlte denn je. Die Erinnerung an ihn zu beerdigen verdrängte zumindest vorübergehend das ohnmächtige Gefühl in mir.

Beherzt hob ich das Kinn und fing Marthas tröstlichen Blick auf. Dankbar lächelte ich ihr zu und suchte in Gedanken nach einem krönenden Abschluss für meine Rede.

Doch kaum hatte ich mit einem Räuspern um Ruhe gebeten, da erklärte Jana: «Lass es bleiben, Schätzchen, mehr Worte machen es nicht besser. Lass lieber Taten folgen.» Mit triumphierendem Blick griff sie in ihre große schwarze Handtasche und zog einen undefinierbaren Gummilappen heraus, der in der Sonne schimmerte wie helles Gold.

«Willst du baden gehen?», fragte Lissie, die das Päckchen für eine Luftmatratze zu halten schien.

Jana faltete das Teil auseinander und grinste. «Ich sage nur: Keine Beerdigung ohne Leiche.» Dann setzte sie den Mund an das Ventil und begann, wie wild hineinzupusten.

Ich traute meinen Augen nicht. Langsam formte sich eine menschliche Silhouette, eine männliche Gummipuppe, lebensgroß, mit schwarzen Locken und strahlend blauen Augen. Statt eines Mundes klaffte ein großes Loch im Gesicht des Mannes. Dafür besaß er zwischen den Beinen eine umso beeindruckendere Erhebung.

Der Anblick war so grotesk, dass ich laut losprusten musste und die anderen damit ansteckte.

Lissie, die sich gar nicht mehr beruhigen konnte, wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ab und kicherte: «Wär ich nicht glücklich verheiratet, dann –»

«Contenance, die Damen!» Jana schloss das kleine Kunststoffventil mit zwei Fingern. «Wir haben einen Gentleman unter uns!» Dann hakte sie sich bei der Puppe ein, als handele es sich um ihren neuen Freund. «Darf ich vorstellen: Loverboy Luciano», hauchte sie auf die gleiche sündige Weise wie einst Erika Berger in Eine Chance für die Liebe.

«Sehr erfreut», gab ich zurück und streckte dem Gummimann meine Hand zum Kuss hin.

Jana sah mich streng an, warf ihren langen dunklen Zopf zurück und sagte: «Nicht so voreilig, junges Fräulein. Noch muss Luciano metamorphosieren. Damit aus unserem feurigen Italiener der rammelnde Richard wird, fehlt ihm schließlich noch das passende Outfit.» Bei diesem Stichwort schaute sie eindringlich zu Yvonne, die gerade dabei war, ihr Handy zu checken, und ihren Einsatz verpasst hatte.

Man sah Yvonne eigentlich nie ohne ihr Smartphone. Ständig schielte sie auf das Display, als erwartete sie jeden Moment einen wichtigen Anruf vom Papst, der ihr eine Kampagne für mehr sexuelle Freizügigkeit andienen wollte. Als Inhaberin einer florierenden PR-Agentur müsse sie eben auf allen Kanälen erreichbar sein, behauptete sie. Ich hatte eher den Verdacht, dass sie nomophob war: Sie hatte Angst, vom Handy verlassen zu werden – so sehr, dass sie sogar über Phantomschmerzen in der linken Hand klagte, sobald sie in einer Handyverbotszone war.

«Wo ist Richards Kittel?», fragte Jana leicht gereizt. Als Theaterregisseurin war sie es gewohnt, dass alle auf ihr Kommando hörten.

Erschrocken blickte Yvonne auf, verstaute rasch das Telefon und zog einen Arztkittel aus ihrer Tasche.

Langsam wurde mir klar, was meine Freundinnen vorhatten. Das war nicht die besinnliche Abschiedsfeier, die wir zusammen geplant hatten. Es war viel besser als das: Es war eine knallharte Abrechnung mit meinem künftigen Exmann, der als lächerlich aussehende Gummipuppe mit einem gigantischen besten Stück in die Geschichte eingehen würde.

Ich sah über die Grube hinweg zu Martha. In ihrem Gesicht war abzulesen, dass die Zeremonie ganz nach ihrem Geschmack war. Meine Tante, die es mit Dr. Steven Stark aufnehmen konnte, was den Verschleiß an Sexualpartnern anging, hatte ihr frivoles Lächeln aufgesetzt.

«Wenn ich gewusst hätte, wie viel Spaß Trennungen machen», erklärte sie lachend, «dann hätte ich mich viel öfter getraut – und gleich eine ganze Fußballmannschaft Loverboys abonniert.»

Für Martha war das Ganze sowieso ein Heimspiel: Wir befanden uns im riesigen Garten von Amaroo, wie sie ihr Kapitänshaus im Blankeneser Treppenviertel getauft hatte. Amaroo, so nennen die Aborigines in Australien einen «wunderschönen Platz». Martha hatte mit Edward, ihrem dritten Mann, einige Jahre in der Nähe von Sydney gelebt und statt eines Eherings lieber den Namen mit nach Hamburg gebracht. Edward war in Down Under geblieben.

So heruntergekommen ihre Villa inzwischen war – mit efeuüberwucherten gelben Hauswänden bis zum Dach und abblätternden Holzfensterrahmen –, den riesigen, wunderschönen Garten pflegte sie mit großer Sorgfalt. Es war ein wildromantischer Ort, den ich genauso liebte wie Martha, seit ich nach dem frühen Tod meiner Mutter für längere Zeit in Amaroo untergeschlüpft war. Zwischen den leuchtend bunten Herbstblättern der prächtigen Traubenheiden und knorrigen Obstbäume eröffnete sich ein überwältigender Blick auf die Elbe. Direkt vor dem Haus stand auch die alte Buche, mit der ich viele Kindheitserinnerungen verband.

Durch den Auftritt von Loverboy Luciano hatte der Garten allerdings gerade seine Unschuld eingebüßt.

«Kann ich helfen?», bot ich mich eilig an, als Jana die Gummipuppe aus der Hand rutschte.

Ohne mich zu beachten, hob sie Luciano wieder auf und zog ihm mit sicheren Handgriffen – ohne jeden Zweifel hatte sie vorher geübt – den Kittel über, wohl als süffisante Anspielung auf «Dr. Steven Stark, den Arzt für alle Fälle».

Während wir anderen wie Statisten danebenstanden, sah es so aus, als wären die tragenden Rollen an Yvonne und Jana vergeben. Im Grunde hatten die beiden nie viel gemeinsam gehabt. Aber die Lust an der Inszenierung schien sie zusammenzuschweißen.

Mit wiegendem Schritt trat Yvonne jetzt vor und übernahm mit ausgestreckten Armen feierlich den aufgeblasenen Richard aus Janas Händen. Dann trug sie ihn im Kreis herum, damit wir uns alle von ihm verabschieden konnten. Salbungsvoll strich ihm eine nach der anderen über seine aufgedruckten Augen, bis Yvonne vor mir zum Stehen kam. Sie blickte mir tief in die Augen und hielt mir die Puppe auffordernd hin.

«Hinein in die Grube mit ihm», feuerte Yvonne mich an, aber ich war mir nicht ganz sicher, was ich mit dem Gummimann anstellen sollte. Meine Freundin, die mein Zögern anscheinend als Weigerung missverstand, sah mich kritisch an und entschied sich dafür, den Druck zu erhöhen. «Denk einfach dran, mit wem Richard gerade Spaß hat, dann wird’s einfacher.»

Diese Vorstellung traf mich wie ein Keulenschlag, also schnappte ich mir die Puppe, legte sie vor mich auf den Boden und nahm Anlauf. In hohem Bogen kickte ich den Gummimann in seine letzte Ruhestätte, mitten rauf auf Richards alten Plunder.

Jana hatte sich derweil mit einer Schaufel an der Grube aufgestellt. «Und nun: Asche auf sein Haupt!», rief sie im bewährten Kasernenton. Dann nahm ihre Stimme einen feierlichen Klang an, als wäre sie die Pfarrerin persönlich: «Erde zu Erde, Asche zu Arsch.» Sie wedelte mit ihrer rechten Hand, als wollte sie der Gummipuppe, die so kläglich in ihrem Grab lag, tatsächlich den letzten Segen geben. Doch sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie eine Handvoll Erde aufhob, um sie Richards Alter Ego hinterherzuwerfen.

Ha! Was für eine Genugtuung! Ich fühlte mich großartig. Das war ein würdiger Abschied von meinem Ex. Viel besser als dieses depressive Geflenne der letzten Wochen. Aber warum kribbelte meine Lippe so bedenklich? Zuverlässig wie eine Schweizer Uhr suchte mich dieser fiese Herpes immer dann heim, wenn ich auf eine Katastrophe zusteuerte. Es war eine Art Frühwarnsystem, das Unheil ankündigte – und das mich vor einigen falschen Entscheidungen hätte bewahren können, wenn ich darauf gehört hätte. Wie auch immer: Schuldgefühle konnte ich später immer noch entwickeln.

2. Böses Erwachen

Marthas Getzwitscher:++ Entwarnung: Bin noch unter den Lebenden + Gestern nur Tzwitzscherpause gehabt ++aus Pietätsgründen ++ Schließlich hat meine Nichte Anne ihren Mann beerdigt ++ vorerst nur im symbolischen Sinne, aber was nicht ist … ++ Ich sage immer: Lieber ein Ende mit Schrecken als mit dem Falschen verrecken ++

«You’ve lost that lovin’ feeling, whoa that lovin’ feeling …»

Als mich der Radiowecker am nächsten Morgen aus dem Schlaf riss, tastete ich hektisch nach der Schlummertaste. Radio Blue war in meinem Zustand wirklich eine Zumutung: Noch keine Minute wach, und schon war mir zum Heulen zumute – ausgerechnet heute, an meinem vierzigsten Geburtstag. Und das Kissen neben mir war unberührt.

Ich fühlte mich wund, als läge ich in einem Bett aus Brennnesseln. Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst, dann wäre endlich Schluss mit dem Schmerz. Richard war seit vier Wochen weg, und jede Nacht plagte mich der gleiche Albtraum: Ich sah ihn Arm in Arm mit seiner neuen Freundin, der ehemaligen Volontärin des Verlags. Sie war jung, schön und erinnerte mich ein wenig an Keira Knightley. In meiner Ahnungslosigkeit hatte ich Richard sogar noch davon erzählt. In meinem Traum liefen die beiden verliebt vor mir her und nahmen keine Notiz von mir. Richard hatte den Arm um Babettes Schulter gelegt, und immer wieder blieben sie stehen, um sich zu küssen. Ich rief hinter ihnen her, laut und immer lauter, damit sie aufhörten – doch sie küssten sich weiter und immer inniger. An dieser Stelle wachte ich meistens auf und hörte mich selbst laut schreien. Ausgerechnet Babette! Die Jugend dieser Frau ließ Richard alles andere vergessen: unsere Tochter, unsere Arbeit, unser Zuhause, unsere Reisen – unser ganzes gemeinsames Leben.

Offenbar hatte ich in Sachen Liebe ein genauso schlechtes Händchen wie meine Mutter. Dabei hatte ich genau das immer vermeiden wollen. Meine Mutter war mit nicht einmal 50 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. «Kummer-Krebs» hatte Tante Martha damals gesagt. Und das, obwohl alles so hoffnungsvoll begonnen hatte: Als junge Frau arbeitete meine Mutter als Assistenzärztin im Hamburger Universitätskrankenhaus. Irgendwann tauchte ein hübscher Kanadier auf, verheiratet. Er war für ein Jahr als Gastarzt nach Deutschland geschickt worden, um später die Gynäkologie in seiner Heimatklinik auf Vordermann zu bringen. Für meine Mutter war es Liebe auf den ersten Blick. Was es für ihn war, würde ich wohl nie erfahren. Jedenfalls ging alles ganz schnell. Meine Mutter wurde schwanger, trotz ihres bestens ausgebildeten Liebhabers – und mein Vater ging zurück in seine Heimat. Erst mal nur für ein paar Monate, wie er ihr versprach, bis er mit seiner Frau alles geregelt hatte. Doch aus Monaten wurden Jahre. Er ließ sich nicht mehr blicken und brach ihr das Herz. Dann, kurz nach meinem dritten Geburtstag, überfuhr ihn ein Auto – auf dem Weg von seiner neuen Geliebten zu seiner Frau. Was für eine Ironie des Schicksals! Statt des Treue-Gens hatte mein Vater offensichtlich eine Leerstelle gehabt.

Genau wie Richard, dachte ich und versuchte mühsam, die Ereignisse des gestrigen Tages in mir wachzurufen. Vieles sah ich nur noch verschwommen: Meine Freundinnen und ich im Garten von Martha, im Schutz der hohen Hecken. Niemand sollte Zeuge sein von dem, was wir taten. Nur ein paar Möwen hatten ihre Kreise über uns gezogen und misstrauisch hinuntergeblickt. Langsam erinnerte ich mich wieder: Richards teurer Anzug, seine kitschigen Romane – es war alles in diesem Erdloch gelandet. Und diese Gummipuppe … Wir schippten Erde auf sie drauf, mehr und immer mehr, bis die Grube wieder zugeschüttet war. Bis nur noch sein bestes Stück herausragte und mit jedem Windstoß hin und her pendelte. Like A Candle In The Wind. Und dann war ich mit Yvonnes Hutnadel darauf losgegangen und hatte dem Riesengemächt die Luft rausgelassen. Ganz verschrumpelt lag es da – und kam der Realität so schon deutlich näher. Sollte doch Babette damit glücklich werden, Himmel noch mal!

Bei der Erinnerung an die Beerdigung durchfuhr mich ein Schauer. Hatten wir das tatsächlich alles getan? Vor Scham zog ich mir die Decke über den Kopf. Aber auch im Dunkeln kreisten meine Gedanken weiter. Oder lag es an dem vielen Alkohol?

Nach dem Begräbnis-Spektakel war ich eigentlich schon auf dem Weg nach Hause gewesen, total erledigt von der ganzen Aktion. Und zwar nicht nur von dem anstrengenden Aufbuddeln und Zuschütten des Lochs, sondern auch von den Erinnerungen, die mich einholten. Als Yvonne anfing, Andrea Bocellis Time To Say Goodbye zu schmettern, wollte ich nur noch weg. Denn das war das Lied, das sie auf der Beerdigung meiner Mutter gespielt hatten. Ich murmelte ein kurzes «Danke, ihr Lieben» und ging mit eiligen Schritten davon. Mein Auto stand direkt vor Marthas Haus, ich war schon dabei, die Fahrertür aufzuschließen, als Yvonne mir nachgerannt kam.

«Entschuldige, das mit dem Lied war gedankenlos von mir», sagte sie zerknirscht und zückte eine Trinkflasche aus ihrer Handtasche. «Du brauchst jetzt erst mal einen Moscow Mule.» Sie strich ihren wasserstoffblonden Pixie-Cut, der bis eben unter ihrem Hut versteckt gewesen war, zurecht und drückte mir die Flasche mit dem Mix aus Ingwerbier und Wodka in die Hand. Yvonne wusste eben, wie man meine Laune heben konnte.

Zufrieden sah sie zu, wie ich die Flasche in einem Zug leerte, hakte sich bei mir ein und zog mich zurück in den Garten. Die anderen hatten mittlerweile auf Marthas Terrasse Platz genommen und kümmerten sich ebenfalls um ihre Getränke. Nur Jana als überzeugte Veganerin schüttelte angewidert den Kopf, als Yvonne ihr einen Becher vor die Nase hielt.

«Weißt du etwa nicht, dass Wodka über Milch filtriert wird?», motzte sie und schob den Cocktail mit finsterer Miene von sich weg.

In Rekordzeit kippte ich noch einen weiteren Drink herunter. Und es sollte nicht der letzte sein. Denn meine Freundinnen hatten sich vorgenommen, in meinen Geburtstag reinzufeiern.

Das Vibrieren meines Handys riss mich aus meinen Gedanken an den Vorabend. Ich sah auf das Display, vielleicht war es Maja, die mir zum Geburtstag gratulieren wollte. Sie verbrachte das Wochenende bei ihrer Freundin Lena und würde erst heute Abend zurückkommen. Ich hatte Maja vorsichtshalber verabredet, weil ich nicht einschätzen konnte, in welchem Zustand ich von dieser Beerdigungszeremonie zurückkommen würde. Doch die Nachricht war nicht von meiner Tochter, sondern nur einer der vielen Posts, die Martha tagtäglich absetzte. Natürlich ließ sie unsere Show-Beerdigung nicht unkommentiert. Meine Tante war schon seit einigen Monaten bei Tzwitscher aktiv und veröffentlichte besonders gerne bissige Alltagsbeobachtungen und kryptische Weisheiten. Mittlerweile hatte sie schon 1200 «Verfolger», wie sie es nannte, und war in einem Zeitungsartikel über internetaffine Oldies vorgestellt worden. Nur gut, dass Martha gestern Nacht nicht mehr dabei gewesen war. So konnte sie wenigstens meinen Absturz nicht mit ihrer Fangemeinde teilen.

Wir waren zu später Stunde noch in irgendeiner Bar im Schanzenviertel gelandet, und ich hatte ordentlich weitergebechert. Wie durch Zauberhand stand immer ein frischer Drink vor mir. Offenbar gehörte das zum Plan: erst Begräbnis, dann Besäufnis. Tatsächlich war mein Stimmungsbarometer im Laufe des Abends gestiegen. Yvonne und Lissie ließen es richtig krachen und tanzten am Ende sogar auf der Theke. Die anderen Gäste pfiffen und johlten dazu. Vor allem bei den Männern kamen wir gut an. Ein junger Typ, Marke Seebär, mit Zehntagebart und penetrantem Deo-Geruch, hatte sich an mir festgekrallt und wollte mich gar nicht mehr loslassen. Yvonne eilte mir schließlich zu Hilfe.

«Hey Meister.» Sie zog ihre Stilettos aus und sprang von der Theke. «Deine Mami steht draußen und will dich abholen», sagte sie in strengem Ton zu meinem Verehrer und fuchtelte mit ihren hohen Absätzen vor seinem Gesicht herum. Grummelnd zog er ab.

Dankbar fiel ich Yvonne um den Hals. In dem Moment hätte ich sie vom Fleck weg geheiratet.

Kurz vor Mitternacht wollte ich aufbrechen, aber Lissie hielt mich zurück. «Mensch, Anne!» Sie schrie mir so laut ins Ohr, dass es sogar die Bar-Jungs hinter der Theke verstehen konnten, trotz der lärmigen Musik. Ich rückte ein bisschen von Lissie weg, um mein Trommelfell zu schonen.

Wenn Lissie einen Longdrink zu viel getrunken hatte, was nur selten vorkam, konnte sie ihre eigene Lautstärke nicht mehr angemessen regulieren – ebenso wenig wie ihre Aussprache. «So tapfer, wie du dich heute deinem Schmerz gestellt hast», lallte sie und ließ ihren Arm auf meine Schulter sinken, «das war ganz große Klasse. Das hätte ich nie gekonnt.» Das Wort «Schmerz» war mit so viel Nachdruck aus ihr herausgeplatzt, dass jetzt wirklich jeder hier wusste, dass ich in einer Krise steckte. Na, herzlichen Dank!

Ich ahnte, was jetzt kommen würde. Denn Lissie therapierte für ihr Leben gern. Sie führte eine kleine Buchhandlung in Eimsbüttel und las am liebsten psychologische Bücher von Oliver Sacks bis Irvin Yalom – einfach alles, was ihr zu dem Thema in den Laden flatterte. Deswegen hatte sie ein solides Basiswissen und machte sich gern unaufgefordert als Hobbypsychologin nützlich.

Auch die Begräbniszeremonie hatte ich vor allem ihr zu verdanken. Denn nachdem sie sich wochenlang meinen Kummer anhören musste – als beste Freundin war das schließlich ihr Job –, hatte sie beschlossen, mir eine Art «therapeutischen» Schubs zu geben. Und Richards «Beerdigung» für mich organisiert: eine Zeremonie für einen klaren Schlussstrich. Dass der Abschied dann zu einem «Feuerwerk der Extravaganz» geworden war, wie Jana am Ende des Tages stolz resümierte, war für Lissie nicht entscheidend. Für sie zählte allein, dass ich wieder auf die Beine kam.

«Ganz ehrlich, Anne: Alle Achtung! Großartig! Gut gemacht!», wandte sie das Prinzip der positiven Verstärkung gleich dreifach auf mich an. «Du hast dich deinem Trauma gestellt, und das war echt stark.» Bei dem letzten Wort fing sie an zu kichern, vermutlich wegen der Assoziation zu Richards Arztfigur.

«Ach, ich weiß nicht …», hörte ich mich sagen. Aber sie ließ mich gar nicht erst ausreden, vermutlich um mir nicht die Chance zu geben, wieder in schlechte Stimmung zu verfallen.

«Doch, doch, glaub mir», sagte sie mit ungewohnt schriller Stimme. Um ihre Worte zu unterstreichen, fuchtelte sie mit erhobenem Zeigefinger vor meinem Gesicht herum.

«Abschiednehmen von einer großen Liebe ist immer ein schmerzlicher Prozess. Aber nur wenn du dich durch die vier Trauerphasen kämpfst, kannst du die Trennung auch richtig verarbeiten», dozierte sie und winkte nach einem weiteren Getränk.

«Was denn für Phasen?», fragte ich verständnislos. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch einer der Barmänner aufmerksam zuhörte, während er ihr einen Gin Tonic mixte.

«Die kennst du nicht?», sagte Lissie fassungslos und schwankte leicht, sodass ihr ganzes Gewicht auf meiner Schulter hing. Um sich zu fokussieren, blickte sie konzentriert auf ihr Glas und nahm einen kräftigen Schluck. «Ganz einfach: Schock, Wut, Loslassen und Neuanfang. Keine Sorge, die Hälfte hast du schon geschafft.» Lissie tätschelte aufmunternd meine Wange. «Phase eins hast du durchlaufen, als du Richard mit Babette in eurem VW-Bus erwischt hast.»

Ich räusperte mich nachdrücklich und warf Lissie einen strengen Blick zu. Mich hier in der Bar daran zu erinnern, wie mein Ex und seine Barbie auf dem Campingtisch kopulierten, fand ich nicht gerade einfühlsam. Außerdem würde diese Info, laut kundgetan, noch weniger dazu beitragen, meinen Marktwert zu steigern.

Doch Lissie redete einfach weiter. «Ihn sofort rauszuschmeißen war richtig. Du hast auf den Putz gehauen und diesem Dünnbrettbohrer gezeigt, wo der Hammer hängt.»

Mir fiel nur eine wenig originelle Antwort darauf ein: «Darf ich dich darauf festnageln?»

Doch Lissie überhörte meinen Baumarkt-Witz und fuhr fort: «Das Abschiedsritual heute hat dir bestimmt geholfen, deine ganze Wut herauszulassen – und damit Phase zwei hinter dich zu bringen. Das ist ein ganz großer Schritt nach vorn!»

Bevor ich einwenden konnte, dass ich immer noch eine Mordswut auf Richard hatte und nach wie vor mit dem Gedanken spielte, Nagellackentferner auf seinen babetteverseuchten Bus zu schütten, klopfte sie mir freudestrahlend auf die Schulter.

«Mensch Anne, du bist jetzt mitten in Phase drei: dem Loslassen. Da heißt es: mit Vergangenem abschließen und sich Neuem zuwenden.» Wie um diesen Satz zu unterstreichen, hielt sie mir mit einem aufmunternden Lächeln einen neuen Drink hin, den ich dankbar annahm. «Es kann nur aufwärtsgehen!»

Den letzten Satz brüllte sie so laut über die Theke, dass die Barmänner lachend applaudierten. Lissie lächelte ihnen voller Stolz zu, während ich verlegen auf den Boden des Glases starrte, als hätte ich dort einen Goldklumpen entdeckt. Aufwärts? Wenn sie doch nur recht hätte! In Wahrheit fühlte es sich an, als könnte es nur noch weiter bergab gehen. Ich steckte doch immer noch voll drin im Schlamassel. Wo stand noch gleich Richards Bus?

3. Augen zu und durch

Marthas Getzwitscher:++ Sie spinnt Stroh zu Gold – das wäre ein passender Titel für meine Biographie ++ Überlege darum, einen Wegweiser für ein glückliches Leben zu schreiben ++ Denn ich glaube nicht daran, dass es Menschen gibt, die zum Glücklichsein geboren werden, und andere, die zum Unglücklichsein bestimmt sind ++ Alles nur Miesepeter, die das behaupten ++

Mein Schädel brummte, und das bisschen Tageslicht, das durch die Jalousien drang, bohrte sich schmerzhaft in meine Augen. Ich drückte mir das Kissen aufs Gesicht und wollte noch mal wegdämmern. Doch ich hatte die Rechnung ohne Tante Martha gemacht.

«Aaahhhh!» Ich stieß einen Schrei aus, als mir plötzlich das Kissen vom Kopf gerissen wurde und eine feuchte Hundezunge durch mein Gesicht pflügte.

Dank ihres Zweitschlüssels war Martha mit ihrem Pekinesen Gorbatschow in die Wohnung gekommen.

«Verdammt, müsst ihr mir so einen Schreck einjagen! Noch nie was von Klingeln gehört?», fluchte ich und fuchtelte vergeblich mit den Händen, um den Hund zu verscheuchen. Doch er schlabberte ungerührt weiter, und Martha ließ ihn wie üblich gewähren.

Ich mochte diese hyperaktive Töle nicht. Für mich war ein Hund erst ein Hund, wenn er einem Erwachsenen übers Knie reichte. Alles darunter gehörte in die Gruppe der Nagetiere – und ganz sicher nicht in mein Bett. Aber Martha liebte ihren Gorbi so innig, dass sie ihm keine Grenzen setzen mochte.

«Nimm deinen Köter weg», rief ich genervt und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass dieses Vieh umso anhänglicher wurde, je mehr Abneigung ich ihm entgegenbrachte.

«Gorbi mag dich halt», sagte Martha, und damit war das Thema für sie erledigt.

Kaum zu glauben, dass Martha die Schwester meiner Mutter war. Schmeichelhaft formuliert war sie eine Diva – und eine überaus flatterhafte Person. Viermal war Martha verheiratet, mindestens zehnmal verlobt und fast ein Jahrzehnt lang die Geliebte von Johann, einem verheirateten Richter, gewesen. Die gängigen Moralvorstellungen konnten sie noch nie von etwas abhalten. Nach dem Tod seiner Frau heiratete sie Johann. Die beiden waren glücklich, bis er vor fünfzehn Jahren beim Äpfelpflücken tot von der Leiter fiel. Als pensionierter Richter hinterließ er ihr ein stattliches Auskommen. Der Überlieferung nach lauteten seine letzten Worte, bevor eine Böe ihn von der Leiter fegte: «Gut, dass der Wind nachgelassen hat.»

Martha nahm es, wie es kam, das Hamburger Wetter hatte eben seine Launen. Immerhin musste sie über Johanns Satz nicht noch jahrelang grübeln.

Anders als bei mir und meiner Mutter. Bis heute versuchte ich vergeblich, ihre letzten Worte zu verstehen.

«Die Dinge sind nicht so, wie sie sind», hatte sie mir damals vom Krankenhausbett zugeflüstert, bevor sie endgültig die Augen schloss.

Was wollte sie mir damit sagen? Wie sollten die Dinge denn sein, wenn sie nicht waren, wie sie waren? Und von welchen Dingen sprach meine Mutter überhaupt? Von sich selbst und ihrer Vorstellung vom Tod? Oder von uns beiden und unserem schwierigen Verhältnis zueinander? War es möglich, dass sie erst im Angesicht der Endlichkeit das Leben wirklich begriffen hatte?

So undurchsichtig und kryptisch wie alter Kaffeesatz waren ihre letzten Worte – und sie nahmen Besitz von mir. Sie zogen bei mir ein, machten es sich bequem in meinem Körper, ja sogar in meinen Träumen. Sie breiteten sich in mir aus wie ein großer Wasserfleck. Jahrelang zermarterte ich mir den Kopf über den Sinn oder Unsinn dieser Worte und suchte nach einer Erklärung. Ich wollte die Bedeutung dahinter verstehen, denn sie waren ihr Vermächtnis an mich. Doch so sehr ich auch nachdachte, ich wurde nicht schlau daraus. Ich nahm mir vor, mit etwas Besserem aufzuwarten, wenn irgendwann mein letztes Stündlein schlagen würde.

Martha hatte sich bereits die passenden Worte zurechtgelegt: Sie wollte sich am Sterbebett ein Zitat von Marlene Dietrich ausborgen. Die Schauspielerin soll in ihrer letzten Stunde einem Freund gesagt haben:

«Wir wollten alles, und wir haben es bekommen.» Das gefiel Martha natürlich. Sich alles nehmen, was man will, ganz nach der Devise: Ja, soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen? Und zweifellos: Martha gefiel den Männern. Von ihrem Charisma, ihrer etwas drallen Figur, den grünen Katzenaugen, die so gut zu ihrem schon seit Ewigkeiten rot gefärbtem Haar passten, und ihrem sinnlichen Mund … von ihrer ganzen Erscheinung ging ein Leuchten aus, dass nicht nur Männer ihres Alters anzog.

Frauen fänden ohnehin erst in der Mitte des Lebens zu ihrer wahren Sexualität, hatte sie mir einmal erklärt und dabei ihr kehliges Lachen gelacht. Damals war ich gerade zehn, und sie bereits am Beginn ihrer Menopause. Und nun, mit weit über 70, lebte und liebte sie noch immer mit einer Unbekümmertheit und Spontaneität wie die Hippies zu ihren besten Zeiten. Im sogenannten Herbst des Lebens noch auf «den einen» zu warten, wenn es doch weit mehr Kandidaten gab, die sie glücklich machen konnten, war aus ihrer Sicht verlorene Zeit: «Warten kannst du, wenn du tot bist, Liebelein.»

Bevor ich zum Studium nach Heidelberg gegangen war, hatte ich drei Jahre bei Martha in Amaroo gewohnt und mich von ihrer Lebensfreude inspirieren lassen. Nun war ich vierzig. Der Hochsommer des Lebens war vorbei, und ich spürte förmlich, wie die ersten Herbststürme aufzogen. Richard hatten sie bereits rausgefegt. Es war nicht mehr zu leugnen: Ich war eine alleinerziehende Mutter in der Mitte des Lebens und musste nur die Zeitung aufschlagen, um zu sehen, zu welcher Zielgruppe ich ab jetzt gehörte. Ich zählte nun zum Leserkreis der «Brigitte Woman». Von nun an würde ich wöchentlich meinen Ansatz färben, Ü40-Partys besuchen und jeden Monat eine neue Krampfader begrüßen müssen – und das alles ohne Partner an meiner Seite, mit dem ich gemeinsam in Würde altern konnte. Von der Aussicht auf «wahren» Sex, wie Martha es nannte, ganz zu schweigen. Richard war weg – und in meinem Alter noch einen Mann zu finden, der nicht verheiratet und kein Ladenhüter oder Psycho war, das schien mir unwahrscheinlicher als die Verleihung des Literaturnobelpreises an meinen Exgatten.

Ein ploppendes Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Martha hatte soeben einen Crémant entkorkt. Ihren Mantel hatte sie achtlos auf mein Bett geworfen, als käme es in meiner Wohnung nicht mal mehr auf den Versuch an, Ordnung zu halten. Mit der Sektflasche in der Hand bahnte sie sich einen Weg durch das Chaos in meinen vier Wänden. Mit ihren eleganten Stiefeletten kickte sie die ungelesenen Zeitungen zur Seite, die auf dem Boden verteilt lagen – ebenso wie mein schwarzes Kleid, die Strumpfhosen und die Wollstrickjacke. Mein BH hing am Fenstergriff, und meine elektrische Zahnbürste steckte zwischen Bergen ungefalteter Wäsche mitten im Raum. Man hätte meinen können, hier wären gestern zwei Liebeshungrige übereinander hergefallen. In Wirklichkeit war ich so weit entfernt von einer heißen Affäre wie meine vegane Freundin Jana vom Verzehr einer Currywurst.

«Kein Wunder, dass du den Weg ins Bad nicht mehr findest», sagte Martha kopfschüttelnd. «Du weißt, du kannst jederzeit mit Maja zu mir nach Amaroo ziehen. Ich bring’ dich schon wieder auf Vordermann.» Was das bedeuten würde, wusste ich nur zu genau.

«Ich soll mich wegen eines kurzen Durchhängers wieder deinem strengen Regiment unterwerfen? Und mich morgens beim ersten Hahnenschrei von dir wecken lassen, um Callanetics zu machen, bis ich die Treppen nicht mehr hochkomme? Danke, aber nein danke», sagte ich schmunzelnd beim Gedanken an ihre manchmal doch recht bestimmende Art.

«Im Ernst, Martha: Ich weiß dein Angebot zu schätzen, aber ich kann nicht immer, wenn es schwierig wird, bei dir Schutz suchen, sosehr ich Amaroo auch liebe. Ich möchte auf eigenen Beinen stehen, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie», sagte ich. «Außerdem ist die Villa in dem jetzigen Zustand auch nicht wirklich geeignet für ein Kind, oder?»

«Wie du meinst, meine Tür steht euch jedenfalls immer offen. Und jetzt auf!» Martha hielt mir die Flasche hin. «Wir haben Anlass zu feiern!»

Beim Stichwort «feiern» fing Gorbatschow an zu bellen und Pirouetten zu drehen. Sie hatte ihn hervorragend abgerichtet oder besser: abrichten lassen. Bei «Detlefs Dogwalk», einer Kaderschmiede für Hunde, die etwas auf sich hielten. Der exklusive Club an der Alster kostete ein Vermögen, aber Martha sagte immer, bei der Ausbildung mache sie keine Kompromisse. Außerdem seien Lauf- und Posiertraining inklusive. Der Erfolg gab ihr recht: Auf sämtlichen Hundeschauen im Land war Gorbatschow ein Platz auf dem Siegertreppchen sicher. Kein Wunder, er war ein echtes Prachtexemplar: Sein langes, üppiges Fell glänzte champagnerfarben. Am Kopf wies sein Fell einen rostbraunen Fleck auf wie bei dem russischen Politiker, der bei der Namensgebung Pate gestanden hatte. Seine großen Kulleraugen ließen ihn keck und intelligent wirken, und sein Gang war fast so grazil wie der einer Gazelle. Nur dass seine Schlappohren dabei rauf und runter wippten, nahm dem Gesamtbild wieder etwas an Eleganz.

Ich rieb mir die Schläfen. Zum Feiern und Trinken war ich nicht aufgelegt. Mit meinem Kater von gestern hatte ich genug zu tun.

«Tut mir leid, Martha, ich bin nicht in Stimmung. Mein Geburtstag fällt heute aus», murmelte ich und zog mir die Decke über den Kopf.

«Papperlapapp», widersprach sie. «Deswegen bin ich nicht hier. Oder hast du mich jemals meinen Geburtstag zelebrieren sehen?»

Ich überlegte kurz – tatsächlich hatte ich nie eine Feier bei Martha erlebt. Genau genommen wusste ich nicht mal, wann sie überhaupt geboren war.

Neugierig schlug ich die Decke zurück.

«Warum dann der Sekt?», fragte ich. Martha würde ja doch keine Ruhe geben.

«Crémant, Liebelein. Crémant! So viel Zeit muss sein», berichtigte sie mich und beantwortete dann meine Frage: «Na, weil heute dein Schloschim zu Ende ist. Zieh dich an, wir gehen zum Friseur.»

Mein was? Aber bevor ich nachfragen konnte, hörte ich Martha schon in der Küche poltern. «Wo sind die Champagnergläser?», rief sie über den Flur.

Das konnte ich ihr ganz genau sagen. «Da, wo auch das Rosenthal-Geschirr, das nagelneue Rolf-Benz-Sofa, mein geliebter Teakschrank und die skandinavischen Designer-Stühle sind – in Babettes Wohnung in Eppendorf.» Dort war Richard nach unserer Trennung «vorübergehend» eingezogen. Ich war zu schockiert gewesen, um zu protestieren, als die Möbelpacker vor der Tür standen.

Martha trat wieder ins Zimmer und erklärte pragmatisch: «Mach dir nichts draus. Besitz macht nur unfrei. Also, auf deinen Schloschim!» Sie führte die Flasche an den Mund und besiegelte ihre Worte mit einem tiefen Schluck.

«Schloschim? Wovon redest du überhaupt?», fragte ich verwirrt, während ich Gorbatschow dabei zusah, wie er meine teuren Lederstiefel ableckte.

«Ach Anne, man merkt, dass du intellektuell etwas abgebaut hast in den Jahren mit Richard.»

Na toll, wie aufbauend, dachte ich und schob schmollend die Unterlippe nach vorne.

Martha reichte mir den Crémant, und ich griff zu. Protestieren war ohnehin sinnlos.

«Du erinnerst dich doch an Amos, meinen Exfreund?»

Natürlich erinnerte ich mich. Amos war so was wie mein Lieblingsonkel in Marthas Karawane von wechselnden Männern gewesen. Sieben Jahre lang war er ihre große Liebe. Er kam ursprünglich aus Israel, war Koch in einem jüdischen Restaurant in Berlin und konnte die köstlichste Matzeknödel-Suppe der Welt zaubern. Außerdem, und das fand ich als Kind noch viel beeindruckender, konnte er einen Luftballon so durch die Nase ziehen, dass er aus dem Mund wieder rauskam. Wie er das anstellte, begriff ich bis heute nicht.

«Was ist mit Amos, seid ihr wieder zusammen?» Ich wollte gerade einen ordentlichen Schluck auf diese Nachricht nehmen, als Martha mir die Flasche schon wieder aus der Hand riss.

«I wo, ich blicke niemals zurück, das weißt du. Nein, als wir gestern deine Ehe beerdigt haben, ist mir ein Trauerritus in den Sinn gekommen, den ich von ihm und seiner Familie kenne: Schloschim.» Sie nahm einen weiteren kräftigen Schluck. «Als seine Mutter mit 98 Jahren überraschend beim Gemüseputzen starb, hat er 30 Tage lang Schloschim gehalten. Der Tradition nach gehen die Trauernden in dieser Zeit nicht aus dem Haus, rasieren und frisieren sich nicht und tragen kein Make-up.»

So wie ich, dachte ich. Hatte ich mich nicht ganz ähnlich verhalten und unbewusst auch so etwas wie einen Schloschim eingelegt? Vermutlich dachte Martha bei meinem jämmerlichen Anblick genau dasselbe. Meine Haare sahen aus wie ein Vogelnest, und mein Gesicht hatte seit Wochen keinerlei Kosmetik zu sehen bekommen.

«Nach dem Schloschim soll man dann allmählich wieder in den Alltag zurückfinden. Ich denke, für dich wird es jetzt Zeit.» Sie prostete mir zu. «Zeit für einen neuen Haarschnitt! Denn so ist es Brauch: Nach dem Ritual nehmen Freunde den Trauernden mit zum Frisör. Und wenn ich richtig gerechnet habe, ist Richard heute vor 30 Tagen ausgezogen. Hab ich recht? Also los, zieh dein schickes rotes Strickkleid an! Schloschim ist vorbei!» Martha warf sich ihren Mantel über und stupste mich an. «Wenn ich bei jedem Mann so lange getrauert hätte, wäre ich noch immer ein so unerfahrener Backfisch wie du und um viele lustvolle Erfahrungen ärmer.»

Ihre blitzenden Augen machten mir Angst. Eine Schrecksekunde lang fragte ich mich, ob sie mir zusammen mit der neuen Frisur auch noch einen Mann für gewisse Stunden spendieren würde. So wie an meinem Junggesellinnenabschied. Bei dem Gedanken daran wurde mir immer noch ganz anders. Damals hatte meine Tante zur großen Begeisterung meiner Freundinnen gleich ein ganzes Orchester strippender «Ordnungshüter» nach Amaroo bestellt. Als ich am Morgen danach mit schmerzendem Kopf in Marthas Gästezimmer aufgewacht war und das Fenster öffnen wollte, schlüpfte gerade einer der halbnackten «Polizisten» verstohlen durch die Gartenpforte. Martha wusste, was ihr guttat – so viel stand fest. Und sie meinte, das auch für mich zu wissen.

Mit einem Stöhnen erhob ich mich aus dem Bett, schlurfte durch die seltsam leere Wohnung Richtung Badezimmer und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Himmel! Ich hatte ja geahnt, dass ich übel aussah – aber dieser Anblick erfüllte mich derart mit Entsetzen, dass ich gleich wieder umdrehte und zurück zum Bett taumelte. Auf meiner Unterlippe hatte sich ein riesiger Herpes ausgebreitet. Ich sah aus wie nach einer misslungenen Schönheits-OP. In meinem alkoholisierten Zustand musste ich gestern Nacht vergessen haben, mein Wundermittel aufzutragen. Normalerweise half Teebaumöl, das Schlimmste zu verhindern.

Ich deutete auf mein Gesicht und sagte schwach: «So gehe ich nirgendwohin.»

Martha zog ihre linke Augenbraue hoch. «Papperlapapp. Herpes hin oder her: Du kommst mit. Manche Leute geben viel Geld aus für so volle Lippen. Also aufstehen, Krönchen richten und weitergehen.»

4. Und: Cut!

Marthas Getzwitscher:++ An den Männern scheiden sich seit Jahrhunderten die Geister ++ Nachdem ich viele ausprobiert habe, kenne ich die entscheidenden Kategorien: laues Lüftchen oder Orkan ++ Ich halte es darum mit meinem Lieblingsfriseur, der sagt: «Männer sind wie Frisuren. Wechsle sie, bevor sie tun, was sie wollen, ihre Form verlieren oder langweilig werden.» ++

Zwei Stunden später saß ich im Salon von Bodo Balz im edlen Pöseldorf. Üppige Kronleuchter hingen von der schätzungsweise sechs Meter hohen Stuckdecke. Die Wände schimmerten in Violett und Gold. Über dem Tresen am Eingang baumelten Dutzende von goldenen Scheren, angeordnet zu einem Kreis, der an eine gigantische Krone erinnerte. Wann immer sich die Tür öffnete, brachte der hineinfegende Wind die Scheren so hell und warm zum Klingen, dass ich mich fühlte, als sei ich in einem königlichen Kammerkonzert und nicht beim Friseur. Überhaupt ähnelte der Laden wenig den Salons, die ich sonst besuchte.

Windhunde aus Porzellan, behängt mit Diamanthalsbändern aus der eigenen Hundekollektion von Bodo Balz, flankierten die Friseursessel. Gorbatschow wirkte beim Anblick dieser hochkarätigen Konkurrenz sichtlich irritiert und wendete sich beleidigt ab. Zu allem Überfluss kam nun auch noch Poupette, der Windhund des Maestros, angelaufen und schnupperte Gorbi am Hinterteil. Martha nahm ihren Schützling schnell auf den Arm und tätschelte ihm beruhigend den Kopf.

Während ich noch darüber nachdachte, ob die Klunker an den Porzellanhunden wohl echt waren, kam ein junger, metrosexuell wirkender Mann auf mich zu, dessen enge Jeans in Ugg Boots steckten. «Bonjour, ich bin Serge und werde alle Ihre Wünsche erfüllen.»

Er führte mich zu einem samtenen Thron. Der Kunde ist König – es schien, als interpretierten sie das Motto hier sehr streng. Kaum saß ich auf dem ausladenden Stuhl, da fragte mein persönlicher Assistent: «Ein Gläschen Lillet Rouge oder quelque friandises?»

«Merci bien», trällerte ich zurück, obwohl ich nicht genau wusste, wovon er eigentlich sprach. Langsam fand ich Gefallen an meinem Besuch in diesem unwirklichen Etablissement.

Mittendrin stand plötzlich der Maestro und betrachtete zufrieden sein Königreich. Sein fliederfarbenes Sakko wölbte sich über einem schwarzen, viel zu engen T-Shirt. Dafür glänzte sein volles weißes Haupt wie poliertes Tafelsilber – und seine Haare waren schließlich seine Visitenkarte.

Ohne Martha hätte ich natürlich niemals einen Termin bei ihm bekommen – schon gar nicht an einem Montag, wo Bodo Balz nur ganz besondere Kunden empfing. Meine Tante hatte eben beste Beziehungen. Als nebenberuflicher Designer für Hundeaccessoires war Bodo Balz nicht nur Exklusivausstatter bei «Detlefs Dogwalk», sondern mit Poupette auf denselben Hundeshows wie Gorbatschow unterwegs, auch wenn die beiden in unterschiedlichen Gewichtsklassen antraten.

«Bodo legt persönlich Hand bei dir an, Liebelein», flüsterte Martha mir stolz ins Ohr. «Und wenn einer weiß, wie man aus einer Promenadenmischung einen 1a-Rassehund macht, dann er!»

Besten Dank auch für diesen mal wieder aberwitzigen Vergleich. Aber wenn ich ehrlich war, wurde es höchste Zeit, etwas gegen das Büschelkraut auf meinem Kopf zu unternehmen.

Das sah Bodo Balz offenbar genauso. Kaum war er aus heiterem Himmel hinter mir aufgetaucht, griff er wortlos in meine Haare und warf sie ein paarmal schwungvoll nach oben, um zu zeigen: So sieht Volumen aus. Dabei zog er ein Gesicht, als hätte ihm jemand einen verdorbenen Hering in den Mund geschoben. Ein paar Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, schaute er konzentriert auf mein Haupt und summte hingebungsvoll Whitney Houstons Song I Have Nothing mit, der im Hintergrund lief. Der Text schien wie für mich geschrieben zu sein.

Endlich platzte die erlösende Nachricht aus ihm heraus: «Das kriegen wir hin! Schließlich bin ich …», er machte eine kunstvolle Pause, «… Bodo Balz!» Dann drehte er sich zu Martha, die neben mir stand. «Martha, meine Liebe», wandte er sich ihr zu und gab ihr drei Küsschen auf die Wange. «Wunderbar siehst du aus, wie frisch vom Friseur. Und das ist also dein Sorgenkind Anne?»

Ich war seltsam erleichtert. Auch wenn ich mich vor meinem inneren Auge bereits auf einem OP-Tisch liegen sah, gerupft und nackt und um den Tisch herum ratlose Gesichter, die auf mich hinabblickten, und allgemeines Kopfschütteln. Dann, in letzter Sekunde, betrat Dr. Steven Stark den Raum, in der Hand ein neues Herz für mich …

Langsam dämmerte mir, dass es hier um mehr ging als nur um einen neuen Haarschnitt.

«Was hältst du von ein bisschen Aufhellung, Martha?» Bodo Balz sah meine Tante fragend an und wartete auf ihr fachmännisches Urteil. Meine Meinung galt hier offenbar nichts.

«Das würde definitiv ihrem Teint schmeicheln», stimmte Martha ihm zu. «Gibt gleich ein bisschen mehr Frische …»

«Außerdem», unterbrach er sie, während er erneut durch meine Mähne fuhr … müssen die hier radikal ab!»

Das Wort Haare war ihm angesichts meiner Frisur wohl im Halse steckengeblieben. Durch den Spiegel wanderte mein Blick von einem zum anderen, und ich kam mir vor wie eine passive Zuschauerin, über deren Schicksal längst entschieden war.

Aber es stimmte: Ich sah einfach farblos aus, mit meinem zerzausten, strähnigen Aschblond und so völlig ungeschminkt. Die blasse Haut, meine hellgrünen Augen von tiefen Schatten eingerahmt – alles wirkte mehr tot als lebendig. Unauffällig fasste ich mir an meine geschwollene Unterlippe.

Vom Stuhl neben mir blickte eine ältere Frau mit gebleachtem Lächeln zu mir herüber und deutete mit ihrem linken Zeigefinger auf ihre ebenfalls recht üppige Lippe. Schwer zu sagen, ob aus Mitgefühl, weil sie in mir ein weiteres bedauernswertes Opfer einer Botoxpanne sah, oder weil sie sich mit dem gleichen Virus rumschlagen musste. Oder machte sie sich etwa über mich lustig? Das wäre im Hinblick auf ihr momentanes Äußeres mehr als dreist gewesen: Auf dem Kopf trug sie einen silberfarbenen Aluball mit Antennen. Die straffe Haut auf Stirn und Wangen stand in krassem Gegensatz zu ihrem faltigen Hals. Alles in allem sah sie aus wie eine verdorrte Außerirdische.

Hinter ihr stand ein Mann mit Schiebermütze, vermutlich ihr Fahrer – oder war es ihr Toyboy? – und klammerte sich an die überdimensionale Designerhandtasche seiner Chefin. Vermutlich bestand ihr größtes Problem morgens in der Frage, ob sie mit der Luggage-Bag von Céline oder der Birkin-Bag von Hermès vor die Haustür treten soll. Im Vergleich dazu fand ich meine Probleme doch wesentlich existenzieller. Aber immerhin lief ich nicht herum wie eine Witzfigur. Also lächelte ich zurück, so warm und mitfühlend, wie es mir möglich war. Eine kleine solidarische Geste unter Frauen, gut fürs Karma.

«Ich sage immer, beim Hair-Design gibt es nur ganz teuer oder ganz billig, Schätzchen», erklärte Bodo Balz in seinem manierierten Singsang. Überflüssig hinzuzufügen, zu welcher Kategorie er sich zählte. Gut, dass Martha angeboten hatte zu bezahlen. Das Rundumpaket kostete vermutlich so viel wie meine Nettokaltmiete.

«Absolut zutreffend: Wer Klasse will, muss Klasse bezahlen», bestätigte meine Tante und musterte mich erneut, wobei sie ihr Gewicht von einem Bein aufs andere verlagerte. «Ich sehe Anne mit einem gestuften Bob mit Pony, bloß kein Beton auf dem Kopf. Wir wollen ja nicht, dass Anne aussieht wie eine Nachrichtensprecherin in den Wechseljahren.»

Bodo warf Martha einen strengen Blick zu. «Hast du je eine Nachrichtensprecherin auf meinem Stuhl gesehen?» Dann wandte er sich wieder an mich, die Hand unter das Kinn gestützt. «Also, warum bist du wohl hier, Anne?» Bodo geriet ins Philosophieren.

«Äh, weil ich eine neue Frisur brauche?»

Er schüttelte den Kopf. «Warum bist du bei mir?», setzte er sein Fragespiel fort. «Bei Bodo Balz?»

«Weil Martha mich hierhergeschleppt hat?»

«Falsch, du bist hier, weil du es dir wert bist!» Er machte eine bedeutungsschwere Pause. «Verstehst du, Anne, ein Haircut, das ist ein Versprechen.»

«Wofür?», fragte ich.

«Für eine bessere Zukunft! Deine Haare verkörpern nichts weniger als deine Wünsche, Träume und ein ganz besonderes Lebensgefühl», begann er zu dozieren, und ich dachte, dass dieser Mann an Wichtigkeit von Satz zu Satz wuchs.

«Zeig mir deine Haare, und ich sag dir, wer du bist. Oder einfacher ausgedrückt», fuhr er fort, als hätte er eben noch Latein gesprochen, «wenn die Fassade stimmt, dann klappt auch alles andere.» Was er mit alles andere meinte, ließ er nicht lange offen. «Vergiss nicht, selbst bei Aschenputtel kam der Prinz erst nach dem Makeover.»

Während er sich ohne ein weiteres Wort umdrehte, um sich seinem nächsten Härtefall, der Botox-Tante neben mir, zu widmen, blickte diese zu mir herüber und nickte so ausdauernd, dass ihr fast die Haube vom Kopf fiel.

Serge legte mir ein nach Lavendel duftendes Tuch übers Gesicht und begann, meinen Kopf zu massieren. Ich war froh, damit für eine Weile dem Vortrag zu entrinnen und ließ mich fallen. Aber so richtig entspannen konnte ich nicht. Seit Richard mich verlassen hatte, konnte ich einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen. Da, wo ein Katastrophenplan hätte Gestalt annehmen sollen, herrschte das reinste Chaos. Wovon sollten wir leben, Maja und ich? Mit dem bisschen Unterhalt für meine Tochter würden wir nicht weit kommen. Ich musste selbst wieder Geld verdienen, und zwar schnell.

Als Richard in mein Leben getreten war, hatte ich mich im Rote-Rosen-Verlag gerade von der Praktikantin zur Lektorin hochgearbeitet. Ein Traumberuf! Ich liebte es, mich den ganzen Tag mit Büchern zu beschäftigen und dafür auch noch bezahlt zu werden. Ich war gut darin, die Autoren zu beraten und ihre Werke in Form zu bringen. Bis Maja sich ankündigte, hatte ich Richards Romanreihe betreut. Alle sechs Monate erschien ein neuer Fortsetzungsband über den gutaussehenden Arzt, der auf der Suche nach der großen Liebe Frauen verschliss, Tote zum Leben erweckte und Waisenkindern ein Dach über dem Kopf schenkte.

Auch wenn ich privat andere Bücher las: Dr. Steven Stark war erfolgreich, und die Romane machten meinen Mann von Jahr zu Jahr bekannter und wohlhabender. Denn Richard Surenbach, so schrieben die Zeitungen, war nicht weniger als die deutsche Antwort auf Rosamunde Pilcher – auch wenn seine Geschichten nicht an den Küsten Cornwalls, sondern am Chiemsee spielten.

Mit der Geburt von Maja änderte sich mein Leben von Grund auf. Als ich nach einem Jahr wieder arbeiten wollte, packte mich Richard bei meinem mütterlichen Gewissen. «Sie ist noch nicht bereit für eine Kita, sie braucht uns noch, merkst du das nicht?»

«Uns» hieß in dem Fall natürlich: mich. Denn er selbst verbrachte den ganzen Tag in seinem Schreibbüro. Meist kam er erst nach Hause in unsere Eimsbütteler Altbauwohnung, wenn Maja schon schlief. Dann drückte er mir seine neuen Manuskriptseiten in die Hand und ließ mich im Grunde dasselbe machen wie vorher als Festangestellte – nur ohne Bezahlung.

«Schau mal kurz drüber», sagte er, bevor er sich mit einem Glas Rotwein und seiner Zeitung an den Kamin setzte. Was heute unverschämt klingt, erschien mir damals irgendwie natürlich. Außerdem war ich glücklich. Ich mochte es, gebraucht und gefordert zu werden, und dachte gar nicht daran, ihm diese Bitte auszuschlagen. Rückblickend kann ich kaum glauben, wie naiv ich gewesen war. Denn letztendlich hatte nur einer von diesem Deal profitiert – und das war nicht meine Wenigkeit.

«Irrwege der Seele» – der Band zum 25. Jubiläum von Dr. Steven Stark, unser letztes Gemeinschaftswerk – hätte mir schon beim Überarbeiten eine Warnung sein müssen. Denn darin beschrieb Richard sehr genau, wie ein Gefühlsorkan den Halbgott in Weiß dazu brachte, seine fünfte Ehefrau und Praxisassistentin Hanna zu verlassen – für den «Engel mit den Samtaugen», eine Frau namens Barbara. Ein Pseudonym für Babette, wie mir zu spät klarwurde. Mit «Irrweg» war folglich ich gemeint.

Inzwischen war Maja sechs, und bis auf die Stark-Reihe und gelegentliche freie Projekte hatte ich nicht mehr in meinem Beruf gearbeitet. Was die Zukunft anging, war ich auch nicht viel aktiver. Abgesehen von ein paar halbherzigen Initiativbewerbungen bei diversen Verlagen hatte ich noch nichts in die Wege geleitet. Vermutlich wartete da draußen ohnehin niemand auf mich. Bislang hatte ich jedenfalls nur Absagen kassiert.

Doch an all das wollte ich jetzt lieber gar nicht denken. Ich seufzte tief, als Serge mir sanft das Tuch vom Gesicht nahm.

«Wer wird dann da so stöhnen?», fragte Bodo mit gespielter Empörung, während er gerade die Furchen am Hals meiner Sitznachbarin mit irgendwelchem Füllmaterial zuspachtelte. «Nur keine Sorge! Ein Bodo Balz ist bekannt dafür, dass er selbst aus dem ältesten Besen noch einen hinreißenden Feger machen kann.»

Die andere Kundin lachte verschmitzt. Ich musste ebenfalls grinsen, und mit einem Mal war sie mir sympathisch. So viel Selbstironie hätte ich ihr gar nicht zugetraut.

Als ich eine Stunde später in den Spiegel sah, war ich kaum wiederzuerkennen. War das wirklich ich? Die hellen Strähnen sahen tatsächlich ganz natürlich aus, und der stufige Schnitt bis zur Schulter passte auch wesentlich besser zu meinem schmalen Gesicht als die undefinierbare Länge vorher. Martha sah mich bewundernd an.

«Da hast du ganze Arbeit geleistet, Bodo.»

Er nahm sie in den Arm und deutete mit seiner goldenen Schere auf mich wie auf ein teures Œuvre.

«Wir, Martha, wir! Du solltest bei mir als Typberaterin anheuern.»

Martha lachte kokett: «Gar keine schlechte Idee, aber in puncto Typen berate ich erst mal exklusiv meine Nichte», sagte sie und sah mich prüfend an. «Wir wollen doch sichergehen, dass du in Zukunft einen weiten Bogen um Nieten wie Richard machst, nicht wahr, Anne?»

Ich bedachte die beiden mit einem besonders frostigen Blick. Jetzt kamen sie schon wieder mit dem Thema.

«Ein neuer Mann ist wirklich das Letzte auf meiner To-do-Liste. Erst mal brauche ich dringend einen Job.»

Bodo musterte mich kritisch. «Glaub mir, Mädchen», sagte er und gab noch etwas Wachs in meine Haare. «Vom Arbeiten ist noch keine reich geworden. Ich weiß, wovon ich spreche, ich habe hier schon viele Frauen kommen und gehen sehen. Du hast doch gute Anlagen! Frisch regelmäßig deine Fassade bei mir auf, zieh in das nobelste Viertel der Stadt und sieh zu, dass du auf den exklusivsten Partys auftauchst. Dann hast du schneller einen Millionär an der Angel, als du unbezahlte Überstunden sagen kannst.»