NACH UNS DIE WELT - Merle Ariano - E-Book

NACH UNS DIE WELT E-Book

Merle Ariano

0,0

Beschreibung

Sondersitzung im Rat der ältesten Pflanzen: Eine seltsame Veränderung breitet sich im Raum-Zeit-Gefüge aus. Die Welt droht unterzugehen. Außer den uralten Lebewesen scheint niemand die Gefahr wahrzunehmen. Schnelles Handeln ist gefragt! Der Rat ist sich einig: Nur wenn Pflanzen und Menschen zusammenarbeiten, lässt sich die Gefahr bannen. Bald sind vier passende Menschen für die Mission gefunden. Ihre Lebenswelten sind grundverschieden, doch sie alle sind außergewöhnlich begabt: Sie können mit Pflanzen kommunizieren. Wird es Pippa, Greens, Balduin und Menkam gelingen, ihre Mission zu erfüllen? Die beiden Autorinnen, wer schrieb was: Ariano, Merle; Lanser, Jessica (Kapitel Sondersitzungen) Ariano, Merle (Kapitel Balduin und Greens) Lanser, Jessica (Kapitel Pippa und Menkam)

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 392

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Merle Ariano & Jessica Lanser

Nach uns die Welt

Ein Roman über außergewöhnliche Verbündete

Zwischen den Stühlen 16

Merle Ariano & Jessica Lanser

NACH UNS DIE WELT

Ein Roman über außergewöhnliche Verbündete

Zwischen den Stühlen 16

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Oktober 2025

Zwischen den Stühlen @ p.machinery Michael Haitel

Kai Beisswenger & Michael Haitel

Titelbild: Daniel Harms

Buchrückseitenbild (Print): Kai Beisswenger

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Kai Beisswenger

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Zwischen den Stühlen

im Verlag der p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.zds.li

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 478 6

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 679 7

Sondersitzung des Ältestenrats an einem unbekannten Ort

Alarmstufe: extrem besorgniserregend

Mitglieder:

Lilusaginsi, Neptungras, 100.298 Jahre alt

Knark, Rotfichte, 9.550 Jahre alt

Tumtalp, Landkartenflechte, 1.377 Jahre alt

Bowombe, Riesenmammutbaum, 2.532 Jahre alt

Tumtalp: »Na, das kann ja spannend werden.«

Bowombe: »Spannend? Hier geht es um Leben und Tod! Und alles, was dir einfällt, ist ein blöder Spruch! Ist ja mal wieder typisch! Wir müssen sofort was unternehmen, auf der Stelle! Wir müssen jetzt …«

Knark: »Ganz genau! In welcher Dimension befindet sich die Gefahr?«

Lilusaginsi: »Gefahr? Was für eine Gefahr? Was ist hier eigentlich los?«

Knark: »Es hat sich was verändert. Unser Gefüge ist irgendwo aus dem Gleichgewicht geraten. Wir gehen davon aus, dass die Welt untergeht, wenn keiner was unternimmt.«

Lilusaginsi: »Ach, du liebe Zeit!«

Bowombe: »Zeit ist das Stichwort! Wir müssen uns beeilen!«

Knark: »Richtig. Fangen wir an zu suchen.«

Wenige Sekunden später.

Tumtalp: »Bitteschön! Da haben wir es! Oh, das sieht nicht gut aus …«

Lilusaginsi: »Ach herrje! Was für eine Katastrophe! So was hatten wir ja noch nie! Was machen wir denn jetzt?«

Bowombe: »Das schaffen wir nicht alleine! Nicht in der kurzen Zeit!«

Lilusaginsi: »Wie meinst du das? Wer könnte uns denn helfen?«

Knark: »Ich sage es ungern, das können nur Menschen. Lebewesen, die sich geistig und körperlich schneller bewegen als wir.«

Tumtalp: »Und die sich alle Mühe geben, unsere Heimat zu zerstören.«

Bowombe: »Hör doch auf mit deinem ewigen Genörgel! Es gibt ganz wunderbare Menschen!«

Lilusaginsi: »Absolut! Ich kannte da mal einen, auf der Insel, so ein warmherziger, sensibler Mensch, der jedes Mal, wenn er auf den Felsen stand und über das Meer blickte, mit mir in Verbindung trat und mich …«

Knark: »Darum geht’s jetzt nicht. Lasst uns diese Menschen finden!«

Balduin

Tag 1

Bieler, der auf dem Beifahrersitz sitzt, ist schon wieder dabei, seinen Rucksack zu überprüfen: Fahrtenmesser, Kompass, Feldflasche, Sturmfeuerzeug, Klappspaten. Nacheinander zieht er die Sachen heraus, guckt sie an, steckt sie wieder ein. Es ist bestimmt das dritte Mal, dass er das tut. Bei jeder Bewegung schaukelt die Trillerpfeife, die um seinen Hals hängt. Er räuspert sich im Minutentakt. Die Klassenfahrtstimmung der anderen auf den Rückbänken scheint nicht bis zu ihm vorzudringen. Gerade hat die Mortier ›Champs-Élysées› angestimmt und alle außer Bieler schmettern fröhlich mit. Alle außer Bieler und Balduin. Letzterer umfasst das Lenkrad fester, lächelt der Mortier im Rückspiegel zu. Gut macht sie das, hält die Truppe bei Laune. Er bereut es nicht, sie eingestellt zu haben. Langsam, aber sicher entrümpelt er die verstaubten Kammern dieses Unternehmens, in denen sein Vater all die absurd reaktionären Grundsätze bewahrt: staubige Antiquitäten, über die jeder halbwegs im 21. Jahrhundert angekommene Mensch amüsiert den Kopf schüttelt. Balduin erinnert sich an ihr letztes Gespräch. Wie ein alter weißer Mann hatte er sich aufgebläht und sagte:

»Ah, eine Frau! Man weiß doch, was da kommt: Nächstes Jahr ist sie schwanger, fällt für drei Jahre aus und will danach in Teilzeit arbeiten.«

»Vater, sie ist fünfundvierzig! Und nebenbei: Wir unterstützen die Elternzeit für Väter und Teilzeitarbeitsmodelle. Seit drei Jahren.«

»Fünfundvierzig? Heutzutage werden doch reihenweise Fünfzig- und Sechzigjährige schwanger! Und was meinst du, was aus den männlichen Kollegen wird, wenn da eine scharfe französische Mademoiselle reinspaziert? Giselle Mortier! Uh lala! Madame! Die Hirne setzen denen aus! Statt einer Reihe fähiger Manager hast du dann eine Rotte sabbernder Hunde, brusttrommelnder Gorillas, die nicht mehr eins und eins zusammenzählen können, weil ihnen das Sperma bis unter die Schädeldecke hochkocht.«

»Sie war unsere beste Bewerberin. Außerdem backt sie bestimmt leckere Kuchen für alle und dekoriert an den Geburtstagen das Büro mit Girlanden und Glitzerkonfetti.«

Es ist sinnlos, mit dem alten Mann zu diskutieren. Soll er die Tage im Ruderclub und auf dem Golfplatz verbringen, wo er und seine Kameraden sich ihr Weltbild immer wieder aufs Neue bestätigen und alle Widersprüche mit einem beherzten Schluck Black Bowmore runterspülen.

Eine Frau in der Führungsetage erregt die Gemüter, aber der Juniorchef ist Schwarzer! Wie passt das zusammen?

»Ein Viertel schwarz und außerdem ist das doch ein völlig anderes Thema! Wir sind schließlich alle globalisierte Weltbürger! Sicher gibt es viele ausgezeichnet qualifizierte Damen, aber was ist gegen eine vernünftige Arbeitsteilung einzuwenden? Hat doch bei uns auch immer funktioniert. Man darf die Biologie nicht aus dem Spiel lassen.«

Letztlich werden die Zahlen den Vater überzeugen, dass sein Erstgeborener in der Lage ist, den Laden voranzubringen. Und dass doch noch was geworden ist aus dem verhätschelten Tagträumer. Aus dem rätselhaften Jungen, den er all die Jahre vergeblich versucht hat zu verstehen.

Mortier hat Führungsqualitäten, Soft Skills sowieso, einen Lebenslauf wie aus dem Bilderbuch. Sie hat ein Haar über der Oberlippe links, es wächst aus einem winzigen Blutschwamm und bewegt sich hin und her, wenn sie redet oder lacht. Ihre Oberarme sind sehnig-muskulöse Freeclimberin-Arme, ihre Hände klein und weiß, wie die einer viktorianischen Porzellanpuppe. Sie benutzt gerne das Wort »unfassbar«:

»Diese schwedischen Zimtrollen sind wirklich unfassbar gut!«

»Bieler, dein Outfit ist unfassbar Outdoor!«

»Wir alle zusammen unterwegs in den Abenteuerurlaub. Unfassbar!«

Bieler neben ihm macht ihn noch wahnsinnig mit seinem Gefummel, Rumräumen und seiner Trillerpfeife.

»Ich ging allein durch diese Stadt, die allerhand zu bieten hat, da sah ich dich vorübergehen und sagte: Bonjour!«, singen alle.

Draußen wird es einsamer. Hin und wieder taucht noch ein rotes Schweden-Holzhaus auf, das ihm vorkommt wie ein eintrocknender Blutfleck auf der grüngelben Decke der Landschaft.

»Schicke Trillerpfeife!«, sagt Balduin genervt.

Bieler räuspert sich, bevor er antwortet.

»Hab ich mir noch schnell am 3-D-Drucker ausgedruckt, genau wie die Zahnbürste, die Zahnbürstenbox, die Taschenlampe. In einer Notsituation kann eine Trillerpfeife lebensrettend sein. Stell dir vor, ich falle in eine Schlucht oder werde unter plötzlich einsetzendem Schneesturm begraben! In dieser Region sind Wintereinbrüche Anfang Oktober keine Seltenheit.«

Balduin nickt und stellt sich Bieler vor, wie er als Gruppenletzter durchs Gelände wandert. Plötzlich steht eine schwefelfarbene Wolke über ihm, öffnet sich wie eine Baggerschaufel und lässt eine Ladung Schnee fallen. Die anderen wandern fröhlich singend weiter, ohne das erstickte Pfeifen zu hören.

»Du denkst ja wirklich an alles.« Der Van legt sich in eine scharfe Linkskurve. Von der Rückbank ertönt vielstimmiges Juchzen.

»Ich ging mit dir in ein Café, wo ich erfuhr, du heißt Renée. Wenn ich an diese Stunde denke, singe ich nur: Oh Champs-Élysées! Oh Champs-Élysées, Sonne scheint, Regen rinnt, ganz egal, wir beide sind so froh, wenn wir uns wiedersehen, oh Champs-Élysées!«

Bäume rücken näher an die Straße heran. Auch wenn ihn die sichere Kapsel des Vans umhüllt, fangen Balduins Augen an zu jucken. In seinem Nacken macht sich Druck bemerkbar, wie eine eiserne Hand, die langsam fester zupackt und ihre kalten Finger über seine Schädeldecke schiebt. Er tastet über seine Hosentasche, spürt mit der Fingerkuppe über die Tabletten. Der Blister ist noch fast voll.

Die Mortier beugt sich zwischen ihm und Bieler nach vorne. Haare kitzeln über seine Wange.

»Sind wir bald daaaaaaa?« Ihr Atem riecht nach Schnaps.

Balduin nickt zum Monitor. »Nur noch zehn Kilometer.«

Aus dem Augenwinkel sieht er Bielers Kehlkopf hüpfen. Die Mortier gleitet zurück in die Partyzone.

»Wie wunderschön der Abend war, da drüben in der kleinen Bar, wo Joe auf der Gitarre spielte, nur für uns zwei.«

Balduin streicht sich mit einer Hand über den Nacken. Gleich geschafft. In seiner Hosentasche vibriert das Telefon. Nicht jetzt. Er kann später zurückrufen, wahrscheinlich nur Melinda, die wissen will, ob alles gut gelaufen ist. Er sieht sie vor sich an ihrem neuen Stehschreibtisch, die Finger der linken Hand trommeln einen unregelmäßigen Rhythmus auf die Platte. Mit der rechten Hand hält sie das Headset fest, als würde es ihr sonst aus dem Ohr fallen. Sie hat ihren Blazer und die High Heels ausgezogen und wippt von einem Fuß auf den anderen, den Rücken zum Hohlkreuz durchgedrückt. Im Thermobecher auf dem Tisch stinken Ingwerscheiben im kalt gewordenen Wasser vor sich hin.

»Da, die nächste rechts!« Bieler wedelt mit dem Arm. Die Abzweigung führt sie auf einen schmalen Waldweg; dass er asphaltiert ist, lässt sich vor lauter Erde, Nadeln und Laub nur erahnen. Von beiden Seiten beugen sich Bäume über sie, wie Gaffer an einer Unfallstelle. Struppige Nadelbäume, bemooste Laubbäume, an denen die Blätter braun und gelb von den Zweigen hängen. Der Druck in Balduins Kopf nimmt zu. Er presst kurz Daumen und Zeigefinger in die tränenden Augenwinkel. Hinten haben sie zu singen aufgehört. Roman spricht über Dehydration und Elektrolyte.

»Könnte vorkommen, dass ihr ausreichend Wasser und trotzdem Muskelschmerzen habt, Druck im Kopf spürt, euch schwach fühlt und nur noch verschwommen sehen könnt. Dann fehlen euch wahrscheinlich Elektrolyte. Habt ihr kein Salz dabei und seid nicht am Meer, erlegt ein Tier. Blut ist eine gute Elektrolytquelle.«

Roman, Mitte dreißig, muskulös, sehnig. Er hat eine Haut, der man ansieht, dass er sich meistens unter freiem Himmel aufhält. Tattoos winden sich aus dem Kragen seines schwarzen Langarmshirts den Hals hinauf und aus den Ärmeln über die Handgelenke, bis auf die Handrücken. Bäume, aus deren Ästen Gesichter listiger Trolle hervorlugen, ein Bär auf den Hinterbeinen, ein aufsteigender Fledermausschwarm, ein geöffneter Kreis wie ein helles Auge auf einem Fleck zerfließender Finsternis, Buchstaben darin, vielleicht Initialen der Freundin, des Kindes, der Lieblingsband.

Einer dieser Halbverrückten, die nur auf die Apokalypse warten. Dürre, Pandemie, Terroristen, Zombies, irgendetwas wird schon kommen, damit sie endlich ihre antrainierten Fähigkeiten einsetzen können. Er hat ihn im Internet gesucht, nur das Beste für sein Team, hat sich festgelesen in den endlosen Listen: Solartaschenlampe, Trinkwasseraufbereitungstabletten, Benzinkanister, Zucker, Schweizer Taschenmesser, Kabelbinder, Steinschleuder, Jod, Reis …

Doch wahrscheinlich muss man halb verrückt sein, um Menschen dazu zu bringen, mit leuchtenden Augen Maden aus morschen Stämmen zu pulen, sich freiwillig auf Wurzeln und Fichtennadeln zu betten, und für das Ganze auch noch neunhundert Euro hinzublättern. Reihenweise beste Bewertungen. Die Leute von der Brinke und Thelenburg AG hatten letztes Jahr gebucht und erzählten noch monatelang von der unvergleichlichen Süße selbst harpunierter Lachse und der unverfälschten Freude, nach einem langen Wandertag in ein aus Zweigen errichtetes Schlaflager zu sinken.

Das Navigationssystem kündigt blinkend das Ziel an.

Balduin steuert den Van auf den Parkplatz, hält an, schaltet den Motor aus. Hier sind die Bäume noch näher, ein Tannenzweig berührt fast das Seitenfenster. Er kann tote, braune Nadeln zwischen den grünen erkennen. Ein Leprakranker, der seine faulende Hand ausstreckt. Balduin beugt sich zum Seitenfach und holt das Nasenspray hervor. Seine Nebenhöhlen pochen. Neben ihm packt Bieler schon wieder irgendetwas in den Rucksack. Feuchtkühle Luft dringt ins Auto, hinten steigen sie aus. Die Mortier lacht, sagt etwas, das er nicht versteht. Die anderen stehen um sie herum, als wäre sie der Coach und nicht Roman. Der ist dabei, die Rucksäcke aus dem Kofferraum zu laden.

»Na dann.« Bieler hält sich an den Rucksackgurten fest, lächelt, macht keine Anstalten, die Beifahrertür zu öffnen. Genau wie in den Meetings: Wer tippt noch auf sein Notebook ein, während alle schon warten? Wer räuspert sich, holt noch was zum Trinken, kratzt sich was aus den Zähnen, drückt auf dem Handy herum oder sucht weiß der Himmel was in seiner Tasche? Bieler natürlich.

Balduin klopft ihm auf die Schulter. »Na dann!«

Bieler seufzt, dreht sich halb zur Tür, stoppt, dreht sich wieder zurück.

»Nächstes Jahr sollten wir aber wirklich was machen, an dem du auch teilnehmen kannst. Ich glaube, das Team braucht das, gerade jetzt mit der Dengue-Studien-Geschichte. Hast du den Anwalt eigentlich noch erreicht?«

Wer macht ein neues Fass auf in dem Moment, wenn alle schon mit geschulterten Rucksäcken dastehen und mit den Wanderstiefeln scharren? Genau!

»Machen wir! Aber die Mehrheit hat sich für Survival entschieden, du erinnerst dich?« Er sprüht noch etwas Nasenspray nach. Es hilft nicht. Sein Gehirn ist gefangen im Schraubstock zwischen dem Druck im Nacken und dem in den Nebenhöhlen. Die Waldluft füllt inzwischen den ganzen Van aus. Auf Bielers Frage wird er jetzt ganz bestimmt nicht eingehen. Ist er etwa nicht hier? Hat er nicht, ganz vorbildlicher Chef, die Bande persönlich her gekutscht, statt irgendwen dafür zu engagieren? Zeigt er ihnen nicht damit, wie wichtig sie ihm sind? Bringt er nicht ein Opfer, indem er seine Gesundheit aufs Spiel setzt, die Kopfschmerzen in Kauf nimmt, die gequollenen Augen, die verstopften Nebenhöhlen?

Es pocht ans Beifahrerfenster. Giselle Mortiers Gesicht hängt davor wie ein strahlender Vollmond.

»Bieler-Baby, kommst du?«

Bieler sieht Balduin sekundenlang an mit seinem Bassetblick. Balduin klopft ihm noch einmal auf die Schulter. Endlich steigt er aus.

Sechs wackere Reisende auf dem Weg ins Abenteuer. Roman voran, hinter ihm die Mortier, Gandinger, Kofka, Hellmund und als Nachhut Bieler. Ihre bunten Rucksäcke verschwinden zwischen den Bäumen. Der Wald saugt sie ein in seinen Schlund; zieht sie hinunter in seine Speiseröhre, bis tief in die verworrenen Schlingen seines Verdauungstraktes.

Balduin startet den Motor, wendet und sieht, wie die blaue Rückweglinie auf dem Display verschwimmt. Er tupft sich die Augen mit dem Taschentuch. Höchste Zeit, hier raus zu kommen! Erst auf der Landstraße lassen die Kopfschmerzen ein wenig nach, seine Schultern sinken, sein Zwerchfell rückt nach unten für einen tiefen Atemzug, noch einen. Er schaltet Musik an, die Brandenburgischen Konzerte. Seine Gedanken passen sich der Symmetrie der Klänge an, fügen sich zu beruhigenden Mustern zusammen. Eine aufdringliche Melodie unterbricht die Harmonie. Das Handy klingelt wieder. Unbekannte Handynummer.

»Pech hier.« In der Leitung knackt es statisch, dann eine Frauenstimme, flötend, irgendein leichter Dialekt. Sauerland?

»Herr Pech, sehr gut, dass ich sie erreiche! Krüger hier vom …«, wieder knackt es, Balduin hält das Telefon vom Ohr weg, drückt es wieder ran, blickt sich suchend nach dem Headset um. Die Frauenstimme ist wieder da: » . Ihnen die Möglichkeit geben, uns Ihre Stellungnahme zur Dengue-Mücken-Studie mitzuteilen.«

Balduin legt auf und wirft das Telefon auf die Rückbank, als hätte es ihn in die Hand gebissen.

»Verdammt!« Woher haben die seine Nummer? So etwas darf nicht passieren! Er muss unbedingt mit dem Anwalt sprechen. Nicht hier. Nicht mitten im Wald. Er wird ihn anrufen, sobald er im nächsten Ort ist.

Wie einsam die Straßen hier sind. Ist ihm überhaupt schon ein anderes Auto begegnet? Graublaue Wolken sammeln sich am Himmel wie eine Meute schlecht gelaunter, gelangweilter Teenager. Bald wird es regnen. Auf der Rückbank plärrt das Handy wieder. Balduin pfeift die Brandenburgischen Konzerte.

Durch die getönten Scheiben sieht der Wald aus, als wäre eine Naturkatastrophe über das Land hereingebrochen: Alles steht unter Wasser, veralgtes, blauviolettes Wasser, das bis auf Meerestiere alle Lebewesen ertränkt hat. Kraken ringeln ihre noppigen Tentakel um die Stämme, Fischschwärme tauchen aus den Schatten auf und verschwinden. Die Bäume haben überlebt. Sie haben sich in Unterwasserbäume verwandelt, ihre Äste wiegen sich geschmeidig in der Strömung, in ihren Höhlen hausen Einsiedlerkrebse und Muränen. Balduin wischt sich über die tränenden Augen. Er kommt an eine Abzweigung. Geradeaus steigt die Landstraße in dichter werdenden Nadelwald an. Links zweigt ein schmaler asphaltierter Weg ab, ähnlich dem, auf dem er das Team zum Startpunkt der Tour gefahren hat. Felsen ragen aus gelbgrünem Gesträuch. Der blaue Pfeil auf dem Display dreht sich nach links. Merkwürdig. Er kann sich an die Abzweigung nicht erinnern. Wahrscheinlich war er abgelenkt, weil ihm die Mortier ins Ohr gesungen hat mit ihrem Schnapsatem. Oder Bieler hat 3-D-gedruckte weiße Kaninchen, Ballons und Blumensträuße aus seinem verdammten Rucksack gezogen.

Unter den Reifen knirscht es. Melinda und er waren schon lange nicht mehr an der Nordsee. Auf einmal wünscht er sich nichts mehr, als jetzt mit ihr am Strand entlangzulaufen, gegen den Wind, das Gesicht taub, die Mütze auf dem Kopf, in den der weite Himmel hineingesickert ist, sich ausgebreitet und alle Gedanken vertrieben hat. Sie laufen auf Herzmuscheln, Sandklaffmuscheln, Schwertmuscheln, Wellhornschnecken, zersplittert und zermahlen, aufgeschichtet wie das Kunstwerk eines extravaganten Konditors. Melinda zählt ihre Namen auf, als rezitiere sie Gedichte. Später werden sie in Bademänteln auf dem Bett liegen, dänische Plunderteilchen essen und sich gegenseitig den Zuckerguss aus den Mundwinkeln lecken.

Ein Sonnenstrahl hat sich durch die Wolken gekämpft und taucht den Weg in Gold. Rechts und links stehen die Nadelbäume wie Wachmänner. Wenn nur seine Augen nicht so tränen würden! Wischen macht es schlimmer. Balduin öffnet mit der Hand das Handschuhfach, tastet darin nach der Sonnenbrille.

In dem Moment, als seine Finger die Brille umschließen, rennt ein Kind vors Auto. Keine zwei Meter vor seiner Kühlerhaube flitzt es zwischen den Wachmannfichten hervor. Eine kleine Gestalt, rot und blau mit trommelnden dünnen Beinchen. Es flitzt wie ein gehetzter Fuchs auf die andere Seite und verschwindet im Dickicht, bevor Balduins Fuß die Bremse ganz heruntergetreten hat.

Der Van schlingert, das Heck bricht aus. Seinen Alfa hätte Balduin unter Kontrolle bekommen, doch dieses Ungetüm bäumt sich auf, wirft sich hin und her. Er umklammert hilflos das Lenkrad, kann nichts mehr tun, nur noch die Stämme anstarren, die immer näherkommen. Er rutscht so langsam, dass er Flechten und Moos erkennen kann. Gerade denkt er, »Zum Glück ist das Telefon noch fast vollgeladen« und danach »Wo um alles in der Welt kommt hier ein Kind her?«, dann knallt es und der Airbag fliegt ihm ins Gesicht.

Der Van, sein sicheres schwarzes Schlachtschiff, hängt mit zerdrückter Front im Fichtenstamm. Nachdem er aus der Fahrertür geklettert ist, versucht er zu begreifen, was passiert ist. Hätte Bieler noch auf dem Beifahrersitz gesessen, er wäre jetzt nur noch eine bielerartige Masse. Die Motorhaube ist auf der Seite zu engen Falten zusammengeschoben, der Sitz nach hinten gerutscht. Balduin atmet langsam ein und aus, bei jedem Atemzug spürt er einen Schmerz in der Nase. Er betastet sie, fühlt eine Schwellung, lässt die Hand sinken und starrt auf das Blut zwischen den Fingern. Ein Windstoß fährt durch die Zweige, Baumteile prasseln auf den Van. Es beginnt zu regnen.

»Das Telefon!« Balduin sagt es laut, er muss sich vergewissern, dass er da ist, dass seine Stimme nicht zerdrückt wurde wie die Motorhaube, dass sein Körper noch funktioniert, dass er noch drin ist in diesem Körper und nicht zerschmettert dort im Wrack liegt, während sein Geist überrumpelt danebensteht.

»Ich brauche das Telefon.« Er öffnet die Schiebetür, sie gleitet problemlos zur Seite. Im Wagen riecht es komisch. Von irgendwoher klickt es leise, ein beunruhigender, gleichmäßiger Ton, wie der Zeitzünder einer Bombe. Auf der Rückbank liegt eine angebrochene Tüte Spekulatius und ein Päckchen Kaugummi. Balduin schiebt sich beides in die Jackentaschen. Das Handy ist nicht zu sehen. Er beugt sich zum Fußraum. Den gibt es nur noch auf der Fahrerseite, auf der Beifahrerseite sind Sitz und Rückbank ineinander verkeilt. Das Telefon muss beim Aufprall hinuntergerutscht sein. Er späht unter den Fahrersitz, schiebt seine Hände darunter. Nichts. Er zerrt an den verkeilten Sitzen, einmal, zweimal, dreimal. Keine Chance. Er steigt aus, öffnet den Kofferraum, findet den Wagenheber, macht sich damit an den Polstern und Plastikteilen zu schaffen, hämmert, hebelt, zerrt, drückt, schwitzt, gibt nach zwanzig Minuten auf, steht mit dem nutzlosen Werkzeug in den schmerzenden Händen vor dem Wrack und seufzt.

Na? Machst du deinem Namen mal wieder alle Ehre, Pech? Er lacht, bricht ab, lacht weiter, muss niesen, lässt den Wagenheber fallen und schnäuzt sich.

Ein neuer Plan muss her. Balduin verteilt den Inhalt des Erste-Hilfe-Kastens auf seine Jackentaschen. Zum Glück hat er den Parajumpers-Parka mitgenommen, da kommen einige Taschen zusammen. Aus der Fahrertür steckt er sich noch die halb ausgetrunkene Wasserflasche ein. Sein Blick fällt auf einen Papierstapel in der Fahrertür, ach ja! Die Dengue-Studie. Optimistisch, wie er war, hat er gemeint, Zeit zum Lesen zu finden unterwegs, und um des Lesekomforts willen, den ganzen Batzen ausdrucken lassen. Kurz hängt seine Hand zögernd in der Luft, dann rollt er die beiden, von seiner Sekretärin sorgfältig zu handlichen Stapeln portionierten und mit großen Büroklammern zusammengehaltenen Papiere ein und steckt sie rechts und links in die Innentaschen.

Es ist früher Nachmittag, vor drei. Wenn er zügig geht, kann er es schaffen, vor Einbruch der Dunkelheit im nächsten Ort zu sein. Wahrscheinlich wird vorher ein Auto vorbeikommen, eine Truppe freundlicher, schwedischer Holzfäller, die ihm lachend ihre haarigen Pranken auf den Rücken schlagen und ihm Wodka aus Feldflaschen und Schinkenbrote anbieten. Oder eine Familie, Vater und Mutter in Wanderkluft, ein kleines Mädchen im Kindersitz, das am Ohr ihres fliederfarbenen Frotteelamas nuckelt. Die Eltern fragen ihn verzweifelt, ob er ihren Sohn gesehen hat. Er ist ihnen ausgebüxt beim Picknicken und hat sich bestimmt verirrt in dieser Wildnis. Vielleicht auch eine ledrige alte Schwedin mit Pfeife im Mundwinkel. Auf der Ladefläche ihres Pick-ups ein frisch erlegter Hirsch, der ihn unter langen Wimpern aus toten Augen mustert.

Kein Auto kommt. Balduin läuft, versucht nicht daran zu denken, dass er von Bäumen umgeben ist, von Gräsern, Moos, Pilzen, Flechten, Büschen, Ranken. Er nimmt noch zwei Tabletten. Immer stärker werden die Kopfschmerzen, immer heftiger tränen seine Augen. Er bekommt schlecht Luft durch die Nase. Mit jedem Atemzug durch den Mund spürt er die winzigen Pflanzenpartikel ungefiltert seinen Körper entern, durch die Mundhöhle stürmen, den Rachen hinunter, die Luftröhre bis in die letzten Verästelungen seiner Bronchien, wo sie sich einnisten, mit seinen Zellen verbinden, sie in ihrer Arbeit stören, irritieren, aus dem Gleichgewicht bringen. Er hustet. Wie viele Ärzte haben ihn angesehen, den Kopf hin und her gewiegt, von ihrem Bildschirm zu ihm und wieder zurückgeblickt, eine Reihe Geräusche und Füllwörter ausgestoßen, bevor sie ihm die Nachricht überbrachten:

»Wir können nichts finden, was Ihre Beschwerden erklärt. Eine Allergie beschränkt sich immer auf bestimmte Pflanzengruppen. Ihre Symptome scheinen eher psychosomatisch zu sein.«

Regentropfen fallen wie versprengte Geschosse. Es regnet nur punktuell. Die Bäume flüstern und murmeln, er fühlt ihre Neugier, ihre Aufmerksamkeit, die ihm folgt, fühlt ihre geballte forschende, bohrende Energie auf ihn gerichtet.

Er isst den Rest Spekulatius aus der Tüte. Seine letzte Mahlzeit war eine Zimtrolle mit Kaffee, morgens an der Tankstelle. Die Bäume umstehen ihn ungerührt, abwartend. Balduin klopft sich auf die Hosentasche. »Da könnt ihr lange warten, Freunde! Ich habe noch genug Antihistaminikum, um bis Göteborg zu kommen.« Hinter ihm rauscht und raunt, raschelt und wispert es. Sie lachen ihn aus.

Der Weg gleicht immer mehr dem schlampig rasierten Bein einer schlafenden Waldriesin. Dunkle Erde, aus der hier und da Grasbüschel ragen, vom Teerbelag ist nichts mehr zu sehen. Die Landschaft hat sich verengt, die Kronen schlucken das Tageslicht und die moosigen Felsen werden höher. An einem bleichen, toten Stamm führt eine Treppe aus Baumpilzen hinauf. Der Boden ist von niedrigen Büschen bedeckt, zwischen deren grüngelben Blättern schwarzviolette Kolben hervorgucken. Balduin ist sich nicht sicher, ob es auch Pilze sind oder verfaulte Stümpfe abgeschlagener Gliedmaßen einer einst vielarmigen Riesin, der Waldmenschen mit Äxten zu Leibe gerückt sind.

Er stoppt und trinkt einen Schluck Wasser. Im Wald knarrt es. Von einem kleinen weißen Baum, der verrenkt unter den großen Wachbäumen steht, segeln Blätter wie Goldpapiertaler. Bewegt sich dahinter etwas? Ein Reh? Elch? Wildschwein? Jetzt ist es still. Keine Regentropfen mehr, kein Wind. In weiter Ferne krächzt ein Vogel. Da! Irgendwas bewegt sich hinter dem kleinen Goldbaum, im dichten Gebüsch, etwas Rotes, nein, Blaues, Rotblaues, es rauscht und knackt. Das Kind! Da steht es und sieht zu ihm herüber. Zu weit weg steht es und zu verschleiert sind seine brennenden Augen, als dass er Formen erkennen könnte, den Schwung des Kinns, Augenbrauen, Nase, Sommersprossen, Lippen, eine Dreckspur über der Wange. Er sieht nur ein grünliches Oval, erahnt Konturen. Haare? Das Kind dreht sich um und springt, läuft im Zickzack.

»Hey!« Balduin springt jetzt auch, stolpert vom Weg in die nassen Bodendecker, rutscht auf Glitschigem aus, fängt sich, stößt sich das Knie an einer ausgerissenen Wurzel, hält sich an einem Baum fest, fasst in klebriges Harz, rennt weiter. »Hey! Warte mal! Bleib stehen! Ich will dich nur was fragen!« Rot und blau blitzt es auf, verwischt, verschwindet.

Das Kind ist zu schnell, Balduins Sicht zu eingeschränkt. Es hilft ihm nicht, dass er drei Mal die Woche die große Geräterunde macht und eine Stunde schwimmt. Ausdauer und Kraft bringen ihn nicht weiter. Laut atmend bleibt er stehen. Seine Nase blutet wieder, seine Kopfschmerzen lodern ihm durch die Schläfen. Die Bäume haben sich dicht zusammengeschlossen, ringsum eine Mauer aus Grün, Gelb und Braun, aus Zweigen, Nadeln, Wurzeln, Stämmen, Halmen, Dornen und Ranken gebildet. Alle zusammen formen sie eine Gesamtheit, ein transpirierendes, hungriges Geschöpf. Er ist die Fliege, die ahnungslos zwei der feinen Antennenhärchen der Venusfliegenfalle berührt und ihren Mechanismus ausgelöst hat. Um ihn schließen sich die fleischigen Blätter, die giftigen Säfte steigen auf, bereit, ihn zu verdauen. Balduin schluckt. Der Nachgeschmack des Spekulatius breitet sich auf seiner Zunge aus wie Raureif und mischt sich mit dem Geschmack von Blut.

Der letzte Zwischenfall liegt ungefähr zwei Jahre zurück. Ein anderer Gast des Spas war es, der Balduin fand, auf den Fliesen der Terrasse zwischen den Sonnenliegen kauernd, atmend wie ein Dampfkessel kurz vor der Explosion, das Weiß der Augen glänzend, die Hände um den Fuß der Liege gekrallt, bewegungsunfähig. Hinter ihm, drohend, die fedrigen Blätter flüsternd im Abendwind, die Palme.

Eine der Personaltrainerinnen, die große, eckige, die ihn immer an sozialistische Arbeiterinnen denken lässt, hielt ihm eine leere Brötchentüte vors Gesicht, den anderen Arm fest um seine Schultern gelegt, während sich eine Traube nackter Schaulustiger um sie versammelte. Die Lichter im Bad spiegelten sich im Wasser des Außenbeckens und warfen zitternde Gebilde an die hohen Scheiben. Nach einer Ewigkeit beruhigte sich Balduins Atem, sein Herz fand in den gewohnten Rhythmus zurück, statt wie ein Motor mit niedrigem Ölstand zu rattern. Eine Frau mit Brüsten wie verdorrte Zierkürbisse beugte sich zu ihm, ihre Augen freundlich und groß. »Panikattacke, unangenehme Sache! Ich hatte das auch mal.« Die Badekappe auf ihrem Kopf flirrte grün. »Mir hat Auramassage sehr geholfen.«

Bei seinem nächsten Besuch war die Palme verschwunden, seine Terrassenecke strahlte wieder schier und sauber wie eh und je. Melinda erzählte er nichts, obwohl er es vorgehabt hatte. Abends, auf dem Sofa, hatte er seinen Kopf in ihrem Schoß abgelegt, hatte sich sehen können aus weiter Ferne, sich gefragt, wie es dem da wohl ging, dem langen Kerl, dessen Ränder merkwürdig verschwommen waren, als hätte ihn jemand mit Wasserfarben in seine Umgebung gemalt und den Pinsel zu nass gemacht. Er hat dem Kerl gewünscht, dass er mit der Frau sprach, die so leuchtend und klar umrissen bei ihm war, ihn hielt, vielleicht sogar davor bewahrte, ganz zu zerfließen und sich in den Farben um ihn herum aufzulösen. Die Frau hatte Ohren, hatte Haarsträhnen, die sie dahinter strich, hatte fünf Leberflecken am Hals, angeordnet wie das Kreuz des Südens. Um sie hingen die Dinge zusammen, fügten sich harmonisch zu etwas Einfachem, Verständlichem: Ein verglaster Schrank, in jedem Regal ein anderes antikes Musikinstrument, eine Flöte aus rissigem Porzellan, eine Maultrommel, eine Mandoline mit Perlmuttverzierung. An der Wand hingen in schlichten schwarzen Rahmen Fotos von musizierenden Menschen in Lagerhallen, Kirchen, Bauruinen, Kellergewölben, ausgeräumten Wohnungen. Das Licht passt sich perfekt an, betont die richtigen Stellen und lässt die richtigen im Dunkeln. Musik ist da, Bach, die Klänge teilen die Luft in ordentliche Raster.

Der lange Kerl liegt still, seine Ränder fließen. Er spricht nicht mit der Frau. Er schließt seine Augen und tut so, als gehöre er dazu.

Balduin sitzt in Kraut und Laub. Vögel krächzen unsichtbar über ihm. Er zwingt sich, langsamer zu atmen, hält beide Hände auf seinem Brustbein, murmelt beruhigende Mantras: »Einatmen. Ausatmen. Pause. Einatmen. Ausatmen. Pause.« Keine sozialistische Personaltrainerin wird kommen und ihm eine Brötchentüte vorhalten, keine Melinda seinen Kopf in den Schoß nehmen und sein Zerfließen stoppen.

»Einatmen. Ausatmen. Pause.« Unter ihm krabbelt was, das Laub, der Boden, voller Leben, voller winziger, emsiger Geschöpfe, die es nicht kümmert, ob er stirbt, hier mitten unter ihnen, die ihre Arbeit tun und seinen Körper zersetzen, nutzen, zu einem Teil ihres Systems machen, ihn in seine Bestandteile aufspalten, die von Tausenden und Abertausenden bleichen Wurzeln aufgesogen werden. Pflanzenfutter.

»Einatmen. Ausatmen. Pause.« Sein Puls hämmert, doch er kann wieder spüren, in welchem Winkel seine Beine gebeugt sind, er kann seinen Kopf von rechts nach links drehen, kann die Dinge benennen, die er sieht: ausgerissene Baumwurzel, Gebüsch, aus dem rote Beeren hervorleuchten, Kiefernstämme, moosbewachsene Felsen, kleine, abwasserfarbene Pilze. Seine Augen tränen nicht mehr. In seiner Nase pocht der Schmerz nur noch leise, wie eine Maschine, zwei Zimmer weiter.

Er wird zurück zur Straße laufen, wird den nächsten Ort vor Einbruch der Dunkelheit erreichen, einen Ort, an dem seine Brieftasche und die Kreditkarten ihm wieder von Nutzen sein und ihm alle Türen öffnen werden. Er wird ein Telefon kaufen, den Anwalt anrufen, Melinda anrufen, ein Hotelzimmer buchen, dort die Mietwagenfirma kontaktieren und mit ihr vereinbaren, wo sie den zerdrückten Van abholen kann und wohin sie einen Ersatzwagen liefern, während er sich die schmerzenden Füße reibt und einen Schluck süßen Minibar-Rotwein im Mund hin und her spült.

Balduin steht auf, klopft sich die feuchten Nadeln und Blätter von den Hosenbeinen. Am linken Knie klebt schwarz und schleimig ein Fetzen, der einen beißenden, an Tabasco erinnernden Gestank absondert. Mit einem Mulltuch kratzt Balduin den schwarzen Schleim ab, bis nur noch eine Spur bleibt, säubert seine Hände mit einem weiteren Tuch, verscharrt beide im Laub und macht sich auf.

Mulchig und weich sogt der Boden an seinen Sohlen. Schwer und feucht dringt die Luft in seinen Mund, füllt seine Lungen und lässt sich nur widerwillig wieder ausatmen. Um ihn atmet der Wald, dünstet obszöne Würzmischungen aus, rekelt sich knackend und rauschend und tropfend. Balduin schwitzt, obwohl es mit sinkender Sonne immer kühler wird. Sein Schweiß ist kalt und zäh wie geronnenes Fett in der Pfanne, in der er sich Speckstreifen am Sonntagmorgen brät, wenn Melinda auf Geschäftsreise ist und nicht mit vorwurfsvoll ausladenden Bewegungen alle Fenster aufreißt.

Sein Herzschlag wummert. Er schiebt Zweige beiseite, kleine rote Blätter rieseln ihm in den Nacken. Fliegen stieben aus einer morastigen Mulde auf, Spinnennetze legen sich auf seinen Ärmel. Er müsste längst angekommen sein, müsste die Straße längst wieder erreicht haben. Kurz bleibt er lauschend stehen, Vögel lachen ihn zirpend aus, andere stimmen ein. Die Bäume wiegen ihre borkigen Bäuche. Er denkt an sein Handy, an Navigation und Satelliten, an Kompasse, Landkarten, Straßen wie Adern auf dem schmalen Land. Das hier ist Schweden! Südschweden, verdammt! Nicht der Amazonasdschungel, nicht mal Alaska, das hier ist Europa, klein und übersichtlich, und ohne Wildnis. Von fern schallt etwas an sein Ohr. Ein Ton, lang gezogen, klagend, wild. Nein! Oder doch? Selbst in Deutschland gibt es wieder Wölfe. Ungefährlich, scheu, zu Unrecht in Verruf. Das ist es doch, was man über sie liest. Wie bei den Haien. Und er denkt an seinen Freund Rick, der ein Bein verloren hatte, nachdem ein großer Weißer ihn mit einer Robbe verwechselte.

Es lässt sich nicht mehr leugnen: Er hat sich verirrt. Die Straße ist verschwunden, irgendwo in den Tiefen dieser heimtückischen Bande von pflanzlichen Nichtsnutzen, diesen wuchernden, treibenden, sprießenden Halunken. Und es dunkelt. Unter den hohen Bäumen sammeln sich die Schatten, kriechen näher wie träge Riesenschlangen, die sich das Tageslicht einverleibt haben. Sie sind immer noch nicht satt, sie züngeln nach den letzten hellen Tupfern und Streifen. Am Himmel gleichen die Wolken stahlgrauen, wuchtigen Monstern, rund und schwer, die alle Helligkeit verschlingen. Aus einer Wolkenlücke schaut blass ein erster Stern hervor. Teilnahmslos blickt er auf Balduin hinunter. Das verhangene Auge eines uralten Himmelsgeschöpfes: Ein Gott? Ein Engel? Ein Dämon?

Vielleicht wird der Wolf kommen, die Wölfe, ein Rudel, ihn hetzen, einkreisen und ihm das Fleisch von den Knochen reißen. Vielleicht wird er sich zusammenrollen in einer Kuhle, wie ein Rehkitz, wird im Schlaf überrascht und verzehrt. Wen interessiert es? Die Welt ist voll von Balduins, voll von Verlorenen, Kranken, Verletzten, Sterbenden. Irgendwo im Kreiskrankenhaus der nächsten Stadt kämpft sich der Kopf eines Kindes aus seiner Mutter und schreit gierig dem Leben entgegen. Irgendwo hört das Herz eines Mannes auf, zu schlagen.

Vorausschauend zu handeln ist jetzt wichtig, zu planen, den Rest mühsam zusammengekratzter Nerven zu bewahren und besonnen zu bleiben. Er braucht einen sicheren Platz für die Nacht. Am besten auch warm, vor Regen geschützt. Balduin nimmt ein paar Schlucke aus der Flasche. Noch hat er Wasser. Einen halben Liter etwa. Doch Wasser wird er problemlos finden bei diesem Wetter. Nahrung? Es wird ohne gehen. In kleinen Schritten denken. Nur an die Nacht denken. Ein sicherer Ort. Auf einem Baum? Niemals! Unter einem Baum? Schon eher. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Ist die Nacht erst ganz heraufgezogen, wird er blind durchs Geäst stolpern, stürzen, sich den Knöchel verstauchen, ein Auge ausstechen, im Sumpf versinken.

Balduin sieht sich um. Das Gelände ist hügelig, zu seiner Rechten eine Erhebung, auf deren Kuppe eine Gruppe junger Fichten eng gedrängt beieinandersteht. Um sie ragen hohe Kiefern auf und ein einzelner, fast schon kahler Laubbaum, dessen Stamm sich schwarz gegen die Dämmerung abzeichnet. Er stapft hinauf, muss immer wieder stehen bleiben, sein stampfendes Herz beruhigen, indem er die Hände zu Fäusten ballt und sein Ausatmen in die Länge zwingt. Die Fichten empfangen ihn kratzig, wehren sich, als er ihre tief sitzenden Zweige auseinanderschiebt, doch schließlich schlüpft er hinein in die trockene, mit Nadeln gefüllte Senke unter ihnen. Es überrascht ihn, wie weich der Untergrund sich anfühlt, beinahe, wie etwas Menschengemachtes, ein Kissen, Schaumstoff, ein Produkt der Zivilisation. Wenn nur der Geruch nicht wäre, beißend, erdig, dreidimensional in seinem Rachen hängend, der ihm das Schlucken erschwert und Bilder von toten Insektenleibern heraufbeschwört. Die Senke ist gerade groß genug, dass Balduin sich darin im Schneidersitz hinsetzen oder in Embryostellung hinlegen kann. Das Sitzen gibt er auf, immer sticht und pikst es ihn hier oder da, obwohl er Zweige abgebrochen hat. Die Embryostellung gibt er nach einer endlosen unruhigen Minute auch auf. Zu verletzlich fühlt er sich, zu bloß. Also schaufelt er mit den Händen Nadeln und Erde, bis die Kuhle so tief ist, dass er darin kauern kann. Mit dem Rücken angelehnt, die Beine aufgestellt und an den Körper gezogen. Der Daunenparka schützt ihn zwar vor Feuchtigkeit und Kälte, doch in der Nacht wird er mehr brauchen. Er tastet in den Taschen, bis er die Rettungsdecke gefunden hat. Knisternd hüllt sie sich um seine erschöpften Glieder.

Wenn die anderen wenigstens eine der Schnapsflaschen zurückgelassen hätten. Er schließt die Augen, träumt von Pastis, den die Mortier von ihrem letzten Frankreichbesuch mitgebracht hat. Warm und tröstend breitet er sich in seinem Mund aus, bis die Schleimhaut taub ist, bis er die Abgrenzungen der Zunge nur noch ahnen kann und der Anisgeschmack sich ihm in die Lippen brennt, ihn in eine Glocke einschließt, süß, plüschig-wohlig und weitab von dem, was die Welt ihm gnadenlos als sein Schicksal präsentiert.

Schlafen kann er nicht, doch immer wieder sackt ihm kurz der Kopf auf die Brust, von wo er ihn mit einem heftigen Ruck zurück nach oben zieht. Die Dämpfe des Waldes haben sich hinter seiner Stirn gesammelt, beschlagen sie von innen, suchen sich ihren Weg durch die verzweigten Gänge seines Frontallappens, weiter in den Temporallappen und die Tiefe seines Hippocampus.

Er ist wieder fünf Jahre alt, seine bloßen Fußsohlen federn über streichelweiches Gras, kurz und so leuchtend grün wie die Götterspeise, die in durchsichtigen Plastiksektgläsern auf seinem Geburtstagsbuffet steht. Obendrauf schwimmt ein Klecks cremige Vanillesoße, er hat sie von drei oder vier Gläsern mit dem Finger herunter gestippt und abgeleckt, bis seine große Schwester es merkte und ihre Mutter rief.

Jetzt läuft er vor ihr und ihren peitschenden Worten davon, Worte wie die kleinen Giftpfeile der Amazonasindianer in seinem Kinderatlas. Sie schwirren hinter ihm her durch die schwüle Spätsommerluft, zielsicher und schnell, aber er ist schneller. Seine Füße trommeln, das Gras fühlt sich warm an, gestern hat der Gärtner den Rasen gemäht. Hinter Balduin fallen die Pfeile herunter. Er ist entkommen. Seine Hände fassen die glatten Äste, blank gerieben an seinen Aufstiegsstellen, durch Hunderte und Tausende Berührungen seiner Finger und Füße, seiner Beine, die sich schlingen, hochdrücken und stemmen können. In wenigen Sekunden hangelt er meterweit über dem leuchtenden Grün des Rasens. Violette Blätter, manche so dunkel, dass sie fast schwarz aussehen, berühren sanft seine Wangen, seinen Hals, seine Arme. Er zieht sich auf die Plattform. Raue Bretter, schon ein paar Mal hat er sich einen Splitter gerissen, den seine Mutter mit der Pinzette ziehen musste. Hinterher hat sie aus einer kleinen weißen Flasche Wundspray darauf gesprüht, das in seiner Hand biss wie Millionen winziger Zähne und einen betäubenden, nicht unangenehmen Geruch verströmte.

Balduin sitzt auf den Brettern, späht durch die dichten dunklen Blätter. Er ist ein Wachtposten. Er ist ein Schatzsucher auf der Flucht vor den Amazonasindianern. Er ist Indiana Jones, immer einen Schritt weiter als seine Verfolger, die Hand liegt auf dem Lasso an seiner Hüfte. Seine große Schwester und sein Cousin haben ihn den Film mitgucken lassen, als die Eltern nicht da waren. Er hatte gequengelt und gebettelt, bis sie nachgaben, unter der Bedingung, dass sie seine Portion Chips bekamen. Später im Bett wälzte er sich hin und her und träumte von Monstern mit Affenfratzen, die ihm Arme und Beine hinunterdrückten und ihm das Herz aus der Brust rissen, ein zuckender, fleischiger Klumpen, aus dem Augäpfel auf seine Bettdecke tropften.

Unten auf dem Rasen wuseln die anderen Kinder herum. Es sind seine Gäste, aber er weiß nicht, was er mit ihnen anfangen soll.

Ein Zauberer ist da, ein alter Mann in einem nachtblauen Umhang mit silbernen Sternen darauf. Er trägt einen spitzen hohen Hut. Seine Hände sind voller brauner Sprenkel und er riecht aus dem Mund nach Hasenstall, als er sich über Balduin beugt, um ihm einen Taler hinter dem Ohr hervorzuziehen.

Die anderen Kinder sind laut, sie rufen rhythmisch Gemeinheiten, schubsen mit puderzuckerklebrigen Händen, klemmen seinen Kopf in ihrer verschwitzten Ellenbeuge fest und rubbeln mit den Knöcheln der freien Hand auf der Kopfhaut, bis es zwiebelt. Sie formen aus Daumen und Zeigefinger einen Kreis »Guck mal, meine neue Rolex!«, und wenn er guckt, knuffen sie ihn hart gegen den Oberarm, an der Stelle, an der es am meisten wehtut, direkt über dem Knochen. Im Kindergarten ist es genauso.

Zwei Wochen ging Balduin hin, jeden Mittag saß er stumm und schlaff im Kindersitz neben seiner Mutter, die den Porsche durch die Straßen jagte, als folgten die Kinder ihnen auf Motorrädern, blau und silbern glänzende Zwergenmotorräder mit brüllenden Motoren und Flammen, die aus fetten Auspuffrohren schlagen. Zu Hause stand Balduin vor der Küchentür und hörte seine Eltern streiten, ihre Stimmen wattig, als hielten sie sich beim Sprechen Stoffservietten vor den Mund.

»Er braucht Freunde, Kinder in seinem Alter, er wird sich schon einleben.«

»Das reicht auch noch, wenn er zur Schule kommt. Er ist noch nicht so weit. Es geht ihm nicht gut. Bodo, du weißt nicht, wie unglücklich er aussieht, jedes Mal, wenn ich ihn abhole. Ich will nicht, dass er dasselbe erleben muss wie ich.«

»Maus, wir leben nicht mehr in den Sechzigern in einem niederbayrischen Dorf, und er muss lernen, sich durchzusetzen.«

»Das lernt er aber nicht, indem er sich Tag für Tag quälen muss. Was er braucht, ist Liebe und Fürsorge, eine Mutter, die ihn kennt und ihn nicht unter Druck setzt. Ich melde ihn ab.«

Die Wut seines Vaters war vor ihm her gebrandet, quoll unter der Tür hindurch, erreichte eiskalt Balduins Zehen und er floh, flink und lautlos in großen Sprüngen die Treppe hinauf in sein Zimmer.

Unten auf dem Rasen schnüffeln die anderen Kinder herum. Ein Wolfsrudel auf der Suche nach dem einsamen Wanderer. Sie wittern ihn, sie wissen, dass er ganz in der Nähe sein muss. Unruhig blecken sie die Zähne, gelber, zäher Geifer tropft aufs Gras. Sie tänzeln, knurren, folgen ein Stück der Fährte, die schwammigen Nasen kriechen über den Boden, heben die Köpfe, ihre Ohren drehen sich wie kleine Satellitenschüsseln. Ganz still sitzt Balduin und beobachtet sie. Sie werden ihn nicht entdecken, sie werden ihn nicht mal riechen. Die Blätter um ihn, lilaschwarz, sind ein Tarnmantel. Sie machen ihn unsichtbar, machen ihn zu einem Teil des Baumes, seine Arme und Beine Äste, sein Körper ein Stamm. Seine Haut ist Moos. Die Buche beschützt ihn, sie ist seine Freundin, sie ist wie er.

»Hier ist er auch nicht!«

»Lass uns im Haus suchen!«

»Nein, das ist langweilig, spielen wir Wrestling. Ich bin Razor Ramon!«

»Du bist immer Razor Ramon! Ich bin Razor Ramon!«

»Ich hab’s zuerst gesagt!«

»Das ist unfair!«

Das Rudel entfernt sich. Hungrig und frustriert trotten sie über die Wiese davon. Ihre Beute ist ihnen entwischt, ihre Mägen knurren, ihre Fangzähne sehnen sich danach, Fleisch und Sehnen und Muskeln zu zertrennen.

Um Balduin herum rauschen Blätter, sachte bewegen sich Zweige, halten ihn sicher in ihrer Mitte. Aus den Tiefen der Wurzeln, ihrem Netz, verwoben mit dem Myzel des Frauentäublings, steigt ein Geruch nach Boden auf, nach verwesenden Körpern von Wühlmäusen und Maulwürfen und Kohlmeisen, nach Larven und Würmern und zerfallenden Chitinpanzern der Ameisen, Erdwespen, Feuerkäfern, nach Schichten modernder Blätter, Gräser, Bucheckern. Den Stamm hinauf steigt der Geruch, verästelt sich und erreicht Balduins bebende Nasenlöcher.

Pippa

Tag 1

»Nur drei Bilder heute.«

Pippa kramt ein paar zerknitterte Scheine aus ihrer Geldbörse und wirft sie auf den Tisch. Der einzige Tisch in Pippas Hütte und der einzige Sitzplatz. Aus grau lackiertem Treibholz, inzwischen von Gebrauchsspuren veredelt. Ein Mitbringsel vom Las Dalias, als Wigand noch da war und der alte Fiat mit dem Anhänger. Ansonsten gibt es hier nur Kissen, der ganze Boden voller Kissen, Regale an den Wänden und einen Bodhibaum.

»Der vierte saß schon da. Dann ist er plötzlich aufgesprungen und weggerannt.«

»Heiliger Feigenbaum! Was war denn mit dem los?«, sagt der Bodhibaum.

Pippa lächelt. Im Kühlschrank ist noch etwas Mandelkuchen vom Wochenende. Morgen wird sie einkaufen, es ist kaum noch Vanillesoße da. In dem kleinen Supermarkt im Ort, da haben sie Vanillesoße in kleinen Eimern. Und dann geht’s zu Anitas Bar, einen Hierbas trinken und nach der Post sehen. Saskia hat schon lange nicht mehr geschrieben.

Pippa backt jedes Wochenende einen Mandelkuchen. Sie isst Mandelkuchen zum Frühstück, nachmittags zum Kaffee auf der Hollywoodschaukel, manchmal auch abends, bevor sie ins Bett geht. Einmal hat sie einen anderen Kuchen versucht, einen Flao, mit gutem Honig und Minzblättern, so ähnlich wie der Käsekuchen von Oma, nur dass Pippas Oma statt Honig Zitronensaft in den Teig rührte.

»Es ist Oktober, es ist nicht mehr viel los.«

Sie setzt sich auf den Tisch, lehnt sich etwas nach hinten, über ihr die großen, herzförmigen Blätter des Bodhibaums, neben ihr eine blau-weiß gestreifte Keramiktasse mit Pulverkaffee.

»Ich weiß nicht, was mit dem los war. Schade eigentlich. Er hatte ein gutes Gesicht.«

»Gute Gesichter sind selten. Gute Gesichter, die in sich ruhen. In der Ruhe liegt die Kraft.«

»Ja, ich weiß. Aber diesmal war es anders«, meint Pippa.

Pippa kennt das gut, Kunden, die mittendrin aufspringen. Manche haben vorher schon ein paar Mal gefragt, wie lange es noch dauert, manche lassen sich nichts anmerken, das denken sie zumindest, aber Pippa sieht es. Ein leichtes Zucken im Mundwinkel, im Augenwinkel, eine leichte Veränderung in der Pupille, die Stirn ändert sich auch, wenn Menschen ungeduldig sind.

Die meisten jedoch harren geduldig aus. Schließlich sind sie gespannt auf Pippas Werk. Es ist eine Anspannung, die jeder kennt, der schon einmal Modell gesessen hat. Ganz ruhig soll man sitzen, bloß nicht angespannt sein, das macht sich nicht gut auf dem Bild. Pippa weiß, wie sich Anspannung abzeichnet, und daher weiß sie auch, was sie tun muss, um Anspannung wegzuzeichnen. So, als ob sie gar nicht da ist, als ob sie nicht echt ist.

Pippa zeichnet keine Karikaturen. Da gibt es auch welche, die überzeichnen alles, was sie in einem Gesicht finden können; die Leute finden das lustig. Es ist viel einfacher, einer Karikatur ins Gesicht zu sehen, einer überzeichneten Karikatur des eigenen Spiegelbildes, als dem wahren Gesicht nahezukommen.

Nach jahrelanger Übung hat Pippa gelernt, Gesichter so zu zeichnen, dass die Menschen ihr Gesicht mögen. Wenn sie die Zeichnung in der Hand halten und einen Blick auf die feinen Bleistiftlinien wagen, dann lächeln sie. Ein Lächeln der Erleichterung, so schlimm ist es gar nicht geworden, so schlimm bin ich doch gar nicht, seht her, ich kann mich sehen lassen. Und dann zeigen sie das Bild herum, stolz und strahlend, ein kleines Kunstwerk, angefertigt von einer unbekannten Porträtzeichnerin.

Sie sind meistens nicht allein, oft stehen noch welche herum und gucken ihr über die Schulter, aber das kann Pippa nicht aus der Ruhe bringen. Sie macht diese Arbeit schließlich nicht seit gestern, nein, um genau zu sein, seit mittlerweile fünfzehn Jahren.

Als Oma ihr zum zwölften Geburtstag eine Staffelei zum Aufklappen schenkte, war Pippa nicht so begeistert, wie Oma es erwartet hatte. Pippa war es gewohnt, auf dem Tisch zu malen, unter dem Blätterdach des Bodhibaums. Da hatte sie eine kleine Ecke für sich mit wenigen Utensilien, die sie benötigte, um in ihrer Fantasie einmal um die Welt und wieder zurückzureisen. Bleistifte mochte sie am liebsten und den Kohlestift, den benutzte sie manchmal, um schwarze Haare nachzuziehen. Pferdemähnen hat sie gemalt, lange, wehende Pferdehaare, jedes einzelne nachgezogen mit schwarzer Kohle.

Aber die Staffelei, die konnte sie mitnehmen, und das hatte viele Vorteile für Pippa. Sie konnte sie aufstellen, wo sie wollte, am liebsten mitten in der Natur, zwischen den Hibiskusbüschen und den Ringelblumen hinterm Haus. Dort, wo es keine Menschen gab, sondern nur wilde, ungezähmte Natur. Dass es dahinter wieder Menschen gab, dass da irgendjemand doch wieder irgendwo hauste, das hatte Pippa natürlich irgendwann herausgefunden.

Bald nahm sie die Staffelei mit zum Markt, wo Marlene frische Poffertjes verkaufte. Die kleinen holländischen Pfannkuchen waren Verkaufsschlager. Marlenes Poffertjes, das war eine bekannte Marke auf den Hippiemärkten Punta Arabi und Las Dalias. So bekannt, dass ein Backwarenhersteller aus Ibizastadt eine Zusammenarbeit vorgeschlagen hatte. Marlene lehnte jedoch ab, weil sie die Idee von Teigwaren nicht mochte, die in einer Fabrik hergestellt und in Plastik verpackt wurden.

Auf dem Markt studierte Pippa Gesichter mit dem Stift, kritzelte erst heimlich und versteckt im hintersten Winkel des Verkaufszelts, bis Oma eines Tages auf die Idee kam, ein Schild aufzustellen. Eine Bananenkiste, auf der Rückseite ein roter Schriftzug: »Portrait für 10 Euro«.

Pippa stellt den Teller und die Kaffeetasse auf dem Kühlschrank ab, der neben dem alten Gasherd steht. Nachts hört sie ihn gurgeln, doch die Kühlung ist noch intakt. Einen neuen Kühlschrank kann sich Pippa nicht leisten, zudem könnte sie ihn nicht bis zur Hütte transportieren, über die lange Sandpiste, ohne Auto, ohne Anhänger. Noch nicht mal einen neuen Leiterwagen hat sie, der alte hat das riesige Schlagloch bei den Wacholderbüschen nicht überlebt.

»Oma hätte das nicht durchgehen lassen.«

Die Blätter des Bodhibaums beginnen sanft hin- und herzuschaukeln. Das sieht so aus, als ob er winkt. Es ist aber seine Art, zu zeigen, dass er sich amüsiert.

»Meinst du, sie wäre hinterhergerannt?«

»Vielleicht hätte sie ihn zurückgepfiffen. Sie konnte doch so gut pfeifen, auf zwei Fingern.«

»Was war denn so gut an seinem Gesicht?«

»Es waren seine Augen. Die waren grün und kugelrund.«

»Aha.« Es klingt etwas enttäuscht. »