Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten - Ludwig Thoma - E-Book

Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten E-Book

Ludwig Thoma

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Beschreibung

In "Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten" entwirft Ludwig Thoma ein eindringliches Porträt des Lebens in einer bayerischen Kleinstadt. In seinem charakteristischen, humorvollen Stil entblättert Thoma die Facetten des Alltags, der Nachbarschaftsbeziehungen und der sozialen Strukturen, die das Leben der Protagonisten prägen. Seine Kurzgeschichten sind geprägt von einem feinen Gespür für menschliche Eigenheiten und eine präzise Beobachtungsgabe, die sowohl melancholische als auch heitere Momente einfängt. Diese Erzählungen bieten einen tiefen Einblick in die bayerische Mentalität zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zeigen dabei die kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen dieser Zeit auf. Ludwig Thoma, geboren 1867, war ein bedeutender bayerischer Schriftsteller und Satiriker, dessen Werke oft mit einem scharfen Blick auf die sozialen Konventionen seiner Zeit und der bayerischen Identität verbunden waren. Als eines der zentralen Mitglieder der sogenannten "Münchner Boheme" war Thoma nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein leidenschaftlicher Kritiker der Gesellschaft, was sich in seinen Erzählungen widerspiegelt. Seine Erfahrungen als Journalist und seine Verwurzelung in der bayerischen Kultur beeinflussten maßgeblich seine literarischen Schöpfungen. "Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten" ist eine fesselnde Lektüre für alle, die an der bayerischen Kultur und Geschichte interessiert sind. Die Geschichten laden den Leser ein, sich mit den Protagonisten zu identifizieren und die Komplexität menschlicher Beziehungen im Kontext einer oft als beschaulich empfundenen Kleinstadt zu reflektieren. Thoma gelingt es, mit Witz und präziser Sprache sowohl zu unterhalten als auch zum Nachdenken anzuregen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ludwig Thoma

Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten

Bereicherte Ausgabe. Ein humorvoller Blick auf das ländliche Leben: Geschichten aus einer bayerischen Kleinstadt
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547679530

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten versammelt unter dem Namen Ludwig Thoma eine Auswahl kurzer Prosatexte, die das Leben im überschaubaren Gemeinwesen beleuchten. Ziel dieser Zusammenstellung ist es, die Vielfalt jener Stücke sichtbar zu machen, in denen der bayerische Autor Nachbarschaft, Öffentlichkeit und private Sphäre mit feinem Blick beobachtet. Die Sammlung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern bündelt charakteristische Beispiele eines thematischen Feldes aus Thomas erzählerischem Werk. Vom beiläufigen Augenblick bis zur zugespitzten Episode entfaltet sich ein Panorama, das das Komische nicht scheut und das Ernste nicht verdrängt, sondern beides in produktiver Spannung hält und im Konkreten verankert.

Im Mittelpunkt stehen Erzählungen und szenische Skizzen, bisweilen humoresk und satirisch, oft als Momentaufnahme angelegt. Die hier präsentierten Texte – von Auf dem Bahnsteig bis Der Christabend – sind keine Romane oder Dramen, sondern kurze Formen der Prosa mit pointierter Wirkung. Sie arbeiten mit dialogischer Verdichtung, knapper Beschreibung und einem Erzählton, der zwischen lakonischer Distanz und teilnehmender Nähe pendelt. Der Rahmen reicht von alltäglichen Begegnungen über gesellschaftliche Anlässe bis zu Anspielungen auf größere politische oder religiöse Diskurse, ohne die unmittelbare Lebenswelt preiszugeben, aus der ihre Beobachtungen stammen.

Die verbindenden Themen sind Nachbarschaft und Öffentlichkeit im Kleinen: Rang und Ansehen, die Macht des Geredes, höfliche Formen und heimliche Interessen. Figuren geraten aneinander, weil Gewohnheiten, Vorstellungen von Recht und Moral oder bloßes Temperament kollidieren. Titel wie Peter Spanningers Liebesabenteuer oder Papas Fehltritt verweisen auf private Verwicklungen, die unversehens öffentlich werden. Thoma spürt solchen Verschiebungen mit Humor nach und zeigt, wie schnell Hilfsbereitschaft in Kontrolle übergeht, wie Stolz sich lächerlich macht und wie Würde sich in kleinen Gesten bewährt. So entsteht ein Bild des Zusammenlebens, das zugleich entlarvt und versteht.

Charakteristisch ist die genaue Beobachtung von Räumen und Ritualen: Bahnsteig und Wirtshaus, Friedhof und Amtsstube, Stube und Straße. Texte wie Das Begräbnis, Krawall oder Das alte Recht markieren Situationen, in denen Ordnung, Brauch und Empfindlichkeit geprüft werden. Thoma nutzt solche Schauplätze, um die Spannung zwischen Autorität und Eigenwillen sichtbar zu machen. Sprachlich verbindet er eine klare, zugängliche Prosa mit gelegentlichen regionalen Färbungen, wo es die Figur verlangt, und mit einem Sinn für Rhythmus und Timing, der die Pointe vorbereitet, ohne die Menschen zu verraten, deren Rede und Schweigen die Szene tragen.

Immer wieder durchkreuzen übergreifende Bezüge das lokale Geschehen. Wenn ein großer Name fällt oder ein Bote von auswärts auftritt, dient dies nicht der Bühne der Weltgeschichte, sondern dem Spiegel der kleinen Verhältnisse. Stücke wie Bismarck oder Der westfälische Glaubensbote zeigen, wie öffentliche Rede, Presse und Hörensagen Erwartungen formen. Namen und Figuren wie Junker Hans oder Kaspar Asam rufen soziale Resonanzen hervor: Herkunft, Status, Projektionen. Dabei bleibt der Blick auf das Konkrete gerichtet – auf Tonfall, Geste und Milieu –, aus denen sich Charaktere abzeichnen und ihre Entscheidungen eine nachvollziehbare Notwendigkeit gewinnen.

Die Auswahl ist so angelegt, dass die Bandbreite der Töne erfahrbar wird: heiter und derb, gelassen und scharf, mit leisem Mitgefühl oder deutlicher Zuspitzung. Sie erlaubt das kontinuierliche Lesen ebenso wie das punktuelle Aufschlagen einzelner Episoden. Wer Thoma neu begegnet, findet einen Zugang über die anschauliche Nähe der Szenen; Kennerinnen und Kenner entdecken wiederkehrende Motive und Variationen. Titel wie Anfänge verweisen dabei auch auf die Werkstatt des Erzählens: auf den Moment, in dem eine Beobachtung narrativ wird, auf die Ökonomie der Szene, die funktionsreiche Nebenfigur und das präzise Ende.

Die anhaltende Bedeutung dieser Kleinstadtgeschichten liegt in ihrer dichten Konkretion und der Mischung aus Witz und Urteilskraft. Sie führen vor, wie Literatur soziale Wahrnehmung schärft, indem sie das Gewöhnliche ernst nimmt und das Erhebliche im Nebenbei zeigt. In Zeiten fragmentierter Öffentlichkeit erinnern diese Texte an Bindungen und Zumutungen des unmittelbaren Miteinanders. Sie bewahren ein Stück Lebenswelt, ohne zu idealisieren, und geben Werkzeuge der Aufmerksamkeit: für Tonlagen, für Machtspiele, für die feine Grenze zwischen Anteilnahme und Neugier. So lässt sich in ihnen eine Gegenwart erkennen, die über ihren historischen Moment hinausweist.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Kleinstadtgeschichten in Ludwig Thomas Sammlung Nachbarsleute entstehen im Spannungsfeld des wilhelminischen Kaiserreichs, in dem Bayern seit 1871 als Königreich mit Eigenrechten Teil des Reiches war. Unter Prinzregent Luitpold (1886–1912) modernisierten sich Verwaltung, Infrastruktur und Schule, während ländliche Frömmigkeit und ständische Ehrbegriffe fortwirkten. Diese Konstellation rahmt die Handlungsräume von Gaststube, Bahnhof, Pfarrhof und Amtszimmer. Thoma greift typische Konflikte eines Jahrzehnts rasanter Verdichtung auf: beschleunigte Kommunikation, wachsende Mobilität, nationale Symbolpolitik und beharrliche lokale Milieus. Seine Figuren spiegeln die Reibung zwischen neuem Reichsbürgertum und gewachsenen dörflich-kleinstädtischen Ordnungen. Schauplätze reichen von oberbayerischen Marktorten bis zu Amtsstädten mit Gendarmerieposten. Anfänge thematisiert diese Verschiebungen auf Generationsebene.

Die Eisenbahn bildet eine zentrale historische Folie, die Auf dem Bahnsteig exemplarisch aufruft. Seit dem bayerischen Lokalbahngesetz von 1884 entstanden zahlreiche Nebenbahnen; bis 1913 war das Netz im Süden dicht geknüpft. Bahnhöfe wurden zu Bühnen beschleunigter Begegnungen, mit Fahrplanrigidität, Klassentrennung der Wagen und dem Nebeneinander von Militärtransporten, Geschäftsreisen und Auswanderungswünschen. Die neuen Taktungen griffen tief in Alltagsrhythmen ein, veränderten Handel und Nachrichtenverkehr und relativierten lokale Autoritäten. Für Thoma bot der Bahnhof jene Schnittstelle, an der Sprachwitz, Missverständnis und soziale Rangfragen sichtbar werden, ohne die vertrauten Dorfordnungen völlig zu verdrängen. Telegraphenämter erweiterten die Reichweite des Gerüchts.

Konfessionelle Spannungen, die Der westfälische Glaubensbote anspielt, wurzeln in der Nachwirkung des Kulturkampfs (1871–1878) und der starken katholischen Milieubildung in Bayern. Das Zentrum, Pfarrgemeinderäte und kirchliche Vereine strukturierten Sozialleben, Feste und Wohlfahrt. Gleichzeitig wirkte evangelische Missionspraxis in gemischten Regionen wie Westfalen, was wandernde Prediger, Traktatverkäufer und polemische Presse begünstigte. In den Geschichten prallen pastorale Autorität, Volksfrömmigkeit und rationalistische Amtslogik aufeinander. Rituale wie Christabend oder Begräbnis verbinden religiöse Identität mit bürgerlicher Repräsentation. Solche Konstellationen erzeugten beim zeitgenössischen Publikum Wiedererkennung und weckten, je nach Lager, Zustimmung oder ironische Distanz gegenüber geistlicher Einmischung.

Mit Bismarck gewinnt die nationale Gedächtnispolitik Kontur. Nach der Entlassung 1890 und dem Tod 1898 entstanden Denkmäler, Bismarcktürme und Verehrungsrituale, die bis in Kleinstädte reichten. In diesem Rahmen funktionierte der Name als politisches Distinktionszeichen zwischen nationalliberalen, konservativen und katholischen Milieus. Figuren wie Junker Hans erinnern zugleich an Spannungen zwischen preußisch-ostelbischem Adelsethos und süddeutsch-bürgerlichen Lebensformen. Seit der Reichsgründung 1871 prallten Zentralisierungsanspruch und regionale Eigenarten immer wieder aufeinander. Thoma nutzt die kultische Überhöhung und die Stereotype, um lokale Rangfragen, Loyalitäten und ironische Brechungen sichtbar zu machen, ohne die Anziehungskraft nationaler Symbole zu unterschätzen.

Die rechtliche Vereinheitlichung des Reichs liefert einen weiteren Hintergrund. Mit dem Gerichtsverfassungsgesetz und der Strafprozessordnung von 1877 sowie dem Bürgerlichen Gesetzbuch, das 1900 in Kraft trat, veränderten sich Verfahren, Zuständigkeiten und private Rechtsverhältnisse. Für Bayern bedeutete dies eine spürbare Anpassung an reichsweite Normen, vom Amtsgericht bis zur Polizeiverordnung. Thoma, der juristisch ausgebildet war und zeitweise als Anwalt in oberbayerischen Orten arbeitete, beobachtete die neuen Routinen, Aktenwege und die wachsende Macht des Formulars. In Erzählungen wie Das alte Recht bricht sich daran der Widerstand lokaler Gewohnheiten, Ehrbegriffe und der symbolischen Ökonomie des Gesichtsverlusts.

Die gesellschaftliche Dynamik der Jahrzehntwende zeigt sich in Vereinswesen, Kommunalpolitik und Massenparteien. Nach Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 wuchs die SPD, Arbeiterbildungsvereine und Gewerkschaften hielten auch in Kleinstädten Versammlungen ab. Gleichzeitig erstarkten Krieger- und Gesellenvereine, katholische Casino-Gesellschaften und bürgerliche Honoratiorenkreise. Aus solchen Reibungen speisen sich Szenen von Krawall, bei denen Wirtshausräume, Gemeindesäle und Marktplätze zu politischen Arenen werden. Presse und Flugblätter, regional etwa über den Münchner Simplicissimus diskutiert, verschärften Tonlagen. Thoma schaut auf Statusängste des Mittelstands, auf die Rhetorik der Ordnung und die ambivalente Faszination von Spektakel, Hohn und öffentlichem Gesichtsgewinn.

Rituale des Lebenszyklus und der Jahreszeiten strukturieren das soziale Feld. Das Begräbnis verweist auf eine Phase, in der kommunale Friedhofsordnungen, Hygienedebatten und Versicherungswesen den Tod zunehmend verwalteten, während Rangabzeichen, Musik und Trauergeleit Ehrkonflikte schürten. Der Christabend zeigt das katholisch-süddeutsche Nebeneinander von Frömmigkeit, Geselligkeit und wachsender Konsumkultur; elektrische Beleuchtung, Schaufenster und Vereinsfeiern prägten um 1900 das Fest. In Kaspar Asam klingt der barocke Erbe-Stolz süddeutscher Städte an, der Handwerk, Kirchenkunst und Lokalpatriotismus verknüpfte. Diese Hintergrundschichten erklären, warum kleine Gesten große Bedeutung tragen und soziale Rollen permanent beglaubigt werden müssen. Auch Peter Spanningers Liebesabenteuer und Papas Fehltritt werden so zu Prüfsteinen öffentlicher Reputation.

Thomas Perspektive entsteht aus biografischen und publizistischen Erfahrungen. Aufgewachsen in Oberbayern, juristisch geprägt und seit den späten 1890er Jahren im Münchner Umfeld des Satireblatts Simplicissimus tätig, verband er genaue Milieubeobachtung mit bissiger Pointierung. Zeitgenössisch traf das auf großes Echo: Leser erkannten Typen von Amtmann, Pfarrer, Wirt und Honoratior und lachten über die Fallstricke kommunaler Ehre. Zugleich markiert sein späterer Nationalismus und polemischer Antiliberalismus die Schattenseite eines Blicks, der gesellschaftliche Grenzen oft verhärtete. Nach 1918 verschob dies die Rezeption, ohne die frühen Kleinstadtgeschichten als Dokumente wilhelminischer Alltagskultur an Anschaulichkeit verlieren zu lassen.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Kleinstädtische Bühne und Rituale (Auf dem Bahnsteig; Das Begräbnis; Der Christabend)

Auf dem Bahnsteig, Das Begräbnis und Der Christabend zeigen die Kleinstadt in Momenten gemeinschaftlicher Öffentlichkeit, wo Höflichkeit, Tratsch und Rangfragen aufeinandertreffen.

Mit lakonischem Witz entlarven sie die Mechanik von Ritualen, in denen Nähe behauptet und Distanz gepflegt wird.

Ordnung, Glaube und Politik (Krawall; Der westfälische Glaubensbote; Bismarck; Das alte Recht)

Krawall, Der westfälische Glaubensbote, Bismarck und Das alte Recht kreisen um Autorität – weltlich wie geistlich – und zeigen, wie Parolen, Predigten und Paragraphen den Alltag bestimmen.

Der Ton schwankt zwischen satirischer Zuspitzung und nüchterner Beobachtung, wodurch Loyalitäten und Opportunismus im Kleinen sichtbar werden.

Stände, Typen und Eigenwillige (Junker Hans; Kaspar Asam)

Junker Hans und Kaspar Asam porträtieren Figuren, deren Standesbewusstsein oder Eigensinn Reibung mit der Umgebung erzeugt.

Die Geschichten arbeiten mit pointierten Charakterstudien, die Komik aus Überzeugungen und Macken gewinnen, ohne die Figuren gänzlich zu denunzieren.

Herz, Haus und kleine Verfehlungen (Peter Spanningers Liebesabenteuer; Papas Fehltritt; Anfänge)

Peter Spanningers Liebesabenteuer, Papas Fehltritt und Anfänge entfalten private Verwicklungen zwischen Begehren, Moral und Peinlichkeiten.

In leichtem Ton zeigt sich, wie schnell Selbstbilder bröckeln, wenn Routine, Eitelkeit und Zufall zusammentreffen.

Wiederkehrende Motive und Stil

Wiederkehrend sind der Blick auf die sozialen Mikroregeln der Kleinstadt, die Dynamik von Gerede, und das Spannungsfeld zwischen Tradition und Modernisierung.

Stilistisch verbinden die Texte Dialognähe, Ironie und präzise Milieuschilderung, wodurch die Alltäglichkeit der Situationen ihre komische und gelegentlich bittere Schärfe erhält.

Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten

Hauptinhaltsverzeichnis
Auf dem Bahnsteig
Das Begräbnis
Junker Hans
Krawall
Der westfälische Glaubensbote
Bismarck
Kaspar Asam
Anfänge
Das alte Recht
Peter Spanningers Liebesabenteuer
Papas Fehltritt
Der Christabend

Auf dem Bahnsteig

Inhaltsverzeichnis

»Es wird Herbst!« sagte Major Burkhardt und blickte den Studienlehrer fest an mit seinen furchtlosen Soldatenaugen.

Er sagte es mit Betonung, als suchte er in seinem Begleiter bestimmte Vorstellungen zu erwecken.

»Ja – – ja«, seufzte Professor Hasleitner, »es wird allmählich kalt.«

»Und ungemütlich. Kalt und ungemütlich.«

Der Major wies auf die Kastanien vor dem Dornsteiner Bahnhofe, deren gelbe Blätter sich fröstelnd zusammenkrümmten.

»Um fünf Uhr wird es Nacht. Ein schlecht geheiztes Zimmer. Eine qualmende Lampe. Die Zugeherin bringt lauwarmes Essen aus dem Gasthof. Stellt es unfreundlich auf den Tisch. Das ist Ihr Leben.«

Hasleitner hatte ins Weite geblickt, zu dem Walde hinüber, an dessen Fichten der Nebel lange Fetzen zurückließ.

Der soldatisch bestimmte Ton des pensionierten Majors weckte ihn auf.

»Wie?« fragte er.

»Ich sage, Sie müssen heiraten.«

Der alte Soldat deutete auf die tiefer gelegene Stadt, deren Häuser behaglich aneinandergerückt waren.

»Das ist das Glück!« sagte er. »Eine Frau am Herde, fleißig, um unser Wohl besorgt und stattlich.«

Er beschrieb mit der Rechten eine nach rückwärts ausbauchende runde Linie.

»Und stattlich!« wiederholte er.

Hasleitner sah, wie es weiß und grau und dick und dünn aus vielen Kaminen rauchte, und er schien die Gemütlichkeit des Anblickes zu verstehen.

In seine Augen trat ein freundlicher Schimmer, und man konnte glauben, daß er an Herdfeuer dachte, oder an die runde, sich nach rückwärts ausbauchende Linie.

Überhaupt, er war ein träumerischer Mensch.

Sorglos im Äußeren, den Hemdkragen nicht immer blendend weiß, die Krawatte verschoben, den Bart naß von der letzten Suppe, aber in den Augen Herzensgüte, im ganzen Wesen eine Verträumtheit, die immer wieder zum Nasenbohren führte.

Kein Mann, der Backfische begeistern konnte, aber einer, der älteren Töchtern hundert Dinge zeigte, die man in lieber Häuslichkeit flicken, stopfen und bürsten mochte.

Und doch – dieser Mann, geschaffen, von den Ärmeln einer bürgerlichen Schlafjacke umfangen zu werden, war durch eine seltsame Laune des Schicksals mit einer verdorbenen Phantasie belastet, also daß seine Gedanken an das weibliche Geschlecht sich stets mit Vorstellungen von Eisbärenfellen verbanden, von Eisbärenfellen, auf denen dünne, lasterhafte Beine in schwarzen Seidenstrümpfen ruhten. Noch dazu lehrte er die Wissenschaft der Geographie und stieß auf der Landkarte immer wieder auf Orte, wo seine Sinne knisternde Seide und herrlich verstöpselte Parfüms vermuten durften.

Paris – Wien – Budapest –

Ein Gefühl, das mit seiner heimlichen Sehnsucht zusammenhing, trieb ihn täglich zum Bahnhofe, wo Punkt fünf Uhr der große Schnellzug hielt, der glücklichere Menschen von einer Großstadt in die andere führte.

Hier hatte nun der quieszierte Major den Träumer angesprochen, und ein freundlicher Zufall fügte es, daß beide, als sie auf dem Bahnsteige kehrtmachten, der Gattin des Offiziers gegenüberstanden, wie auch der Tochter Elise.

In merkwürdig schnellem Gedankengange brachte der Professor das vorausgegangene Gespräch von Stattlichkeit in Zusammenhang mit der Erscheinung Elisens, und vielleicht ohne daß er es wollte, drang seine unlautere Phantasie dem älteren Mädchen durch Mantel und Rock und begann, sich Dinge auszumalen.

Freilich nicht langgestreckte, seidenumhüllte Beine, aber Rundlichkeiten, mit denen sich die Vorstellung von Wärme und Innigkeit verbindet.

Die Tochter des Majors fühlte den sengenden Blick des Philologen, und als eine reife Blume, die sie war, öffnete sie willig ihre Blätter den wärmenden Strahlen. Dieses heimliche, unbewußte Suchen und dieses bewußte Entgegenkommen spann Fäden zwischen den beiden, welche das erfahrene Mädchen bald genug aufzuspulen beschloß, und es schickte sich alsbald mit einem lieblichen Lächeln dazu an.

Freilich war dieser Professor kein Gegenstand für brennende Wünsche und verzehrende Glut, indessen wohl ein Objekt, das sich mit baumwollenen Ärmeln sanft umfangen ließ, nachdem es vorher sorgfältig gereinigt war.

Keine berauschend süße Frucht, sondern ein säuerlicher, deutscher Hausapfel, der aber, im Kachelofen gebraten, einigen Wohlgeschmack bieten konnte.

Und das Mädchen schickte sich alsbald an, den heimlichen Faden zu ergreifen, als mit dumpfem Brausen der Schnellzug in die Station einfuhr.

Die riesige Lokomotive schnaufte, als wäre sie in der langen, stürmischen Fahrt außer Atem gekommen, und die langen, schönen Wagen standen da, als ruhten sie kurze Augenblicke, um weiterzujagen in die weite Welt.

Mit einem Male hatte Hasleitner alle Gedanken an runde Mädchenreize vergessen; sie versanken vor ihm, er sah sie nicht mehr.

Dort im ersten Coupé schob eine schmale Hand den Vorhang zurück, und ein Paar müde Augen blickten entsetzt auf die Philister, hier prallte ein entzückender Kopf entrüstet zurück.

Es war die große Welt, die eine Minute lang Dornsteiner Luft einzog und Pariser Odeurs zurückgab.

Und da stand es auf weißen Tafeln und war darum kein phantastisches Märchen: Paris – Avricourt – Wien –

Ja… Ja… diese nämlichen Wagen waren gestern noch in Paris gewesen!

Jene fabelhaften Damen, von denen man sich erzählt, daß sie gierig und unerbittlich Jagd machen auf gutgebaute Männer, waren an ihnen vorbeigewandelt, hatten süße Blicke in sie hineingeworfen, und von ihrem Dufte hing etwas an Türen und Fenstern und verwirrte den Sinn eines deutschen Jugendbildners.

Wußte man, ob nicht eine solche Tigerin da drinnen auf schwellenden Polstern saß und einen breitbrüstigen Germanen mit ihren Blicken verschlang?

Odette, Suzette – Germaine – ah!

Hier steht ein Gymnasiallehrer von gänzlich unverdorbener Jugend, und der für schlanke Waden und schwarze Strümpfe die heftigsten Empfindungen angestaut hat.

Warum seufzt ihr erleichtert auf, da sich nun der Zug in Bewegung setzt?

Ihr saht erstaunt auf die Kostüme, die im Dornsteiner Atelier für modes und confection kreiert waren, ihr saht Spitzbäuche und gepreßte Busen, faltenreiche Hosen und geschmierte Stiefel, aber ihr saht nicht in das Herz des blonden Professors und wißt nicht, wie er so ganz der Eure ist!

Fort!

Die Lokomotive pfeift jubelnd aus der Station hinaus, als freute auch sie sich, diesem Nest entronnen zu sein…

Diesem Himmelherrgott…

»Warum so träumerisch?« lispelte Elise und blickte schelmisch auf den Professor, der dem Zuge nachstarrte und in der Nase bohrte.

Da traf sie ein Blick, so leer, so fremd und so feindselig…, daß sie unter dem flanellenen Höschen eine Gänsehaut überlief.

– – Der Faden war zerrissen – –