Nachkriegserzählungen - Klaus Köppen - E-Book

Nachkriegserzählungen E-Book

Klaus Köppen

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Beschreibung

Der eine meiner Großväter hieß Wilhelm, der andere, der Vater meiner Mutter, Karl. Bei Wilhelm denke ich an Kaiser Wilhelm, bei Karl an Karl den Großen. Zu wenig Zeit bleibt einem, um das Leben der Vorfahren kennenzulernen. Hat man von den Großeltern nur wenig erfahren, so ist es von den Eltern ein wenig mehr, aber längst nicht genug. So muss jede Generation ihre eigenen Erfahrungen machen, Erfolge und Niederlagen durchleben. Klaus Köppen hat als Kind den 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit erlebt. Bildhaft und einfühlsam beschreibt er die damalige Zeit, welche in seinen Geschichten wieder zum Leben erwacht. Er möchte, dass diese Zeit von der heutigen Generation nicht vergessen wird und die Geschichte sich nicht wiederholt. Mit viel Liebe beschreibt er die Schönheit unserer Heimat und zeigt uns unsere große Verantwortung, sie für unsere Kinder und Enkelkinder zu erhalten.

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EPUB
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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Nachkriegserzählungen

Klaus Köppen

Impressum:

© 2014 Klaus Köppen

Lektorat: Dorothee Leipoldt

Umschlaggestaltung und Satz:

Angelika Fleckenstein; spotsrock.de

Abbildung Buchumschlag: © Klaus Köppen

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7904-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Klaus Köppen

Nachkriegserzählungen

Der Autor:

Klaus Köppen wurde 1934 als ältester von drei Brüdern in Templin geboren.

1949 begann er eine Lehre als Baumschulengärtner, die er mit der Gehilfenprüfung abschloss. 1952 begann seine pädagogische Tätigkeit im Spezialkinderheim „Neuhof“ in Templin. Er qualifizierte sich zum Unterstufenlehrer und später, in einem Fernstudium, zum Diplomlehrer für Kunsterziehung, ein Fach, das er von 1971-1991 in der Abiturstufe unterrichtete. In einem Fernstudium erlangte er weiterhin einen Abschluss als Pressebildner und Karikaturist. Zu seinen Lieblingstätigkeiten gehören Malen, Schreiben und Angeln.

Inhaltsverzeichnis

Armutstage 1934 bis 1944

Die Begegnung

Ein Abenteuer

Kaninchenjagd

Unser Rätsch

Ein seltener Greif

Lehrzeit - Die Geschichte mit der Ziege

Groß und fett

Eine fleißige Mäusemutter

Jagdterrier Biene

Das Festmahl

Unser Jakob

Jakobs neue Heimat und sein trauriges Ende

Knickerheime

Die Spezialisten

Unsere Schweine

Eine schwierige Entscheidung

Hurra, wir gehen ins Kino!

Das Schlachtfest und seine Folgen

Ein Heim für verunglückte Vögel

Lehrer

Fackelzug

Mein erster Aal

Der Zanderberg

Der unheimliche Wels

Angelausflug in der Erfurter Bucht

Eisangeln

In der Bahnhofstraße

Unser Braunchen

Das Pilzgericht

Nachwort

Armutstage 1934 bis 1944

Auf unserem Hof roch es nach Kühen und Schweinen. Hühner gackerten und Tauben gurrten. Vor unserem Haus wehte eine große Fahne mit dem Hakenkreuz. Die Maikäfer hießen Müller, Schornsteinfeger und König und krabbelten in unseren Hemden herum. So war die Welt. Man roch und hörte sie, man sah und fühlte sie. Alles schien normal. Man war eben in diese Zeit hineingeboren, daran war nichts zu ändern. Zehn Jahre dauerte meine relativ normale Kindheit. Ich war vier Jahre alt, als mein erster Bruder geboren wurde. Danach kam unser Jüngster zur Welt. Wir waren also drei.

Der Vater war zehn Jahre jünger als die Mutter. Er war ein stattlicher Mann und kein Kostverächter, was Frauen betraf. Der Viehhandel brachte so viel ein, dass auch in den Kriegsjahren keine Not herrschte. Im Gegenteil: Auf unserem Hof gab es neben den Saisonkräften während der Ernte einen Kutscher, ein Hausmädchen und von Zeit zu Zeit eine Waschfrau. Während der Vater mit dem Viehhandel und der Landwirtschaft beschäftigt war, bemühte sich unsere Mutter um die Buchführung und vor allem um das Wohl der drei Kinder. Sie fand aber auch noch Zeit zum Klavierspielen und schrieb Gedichte. Sie sprach fließend Englisch und Französisch und unterschied sich dadurch von allen mir bekannten Verwandten.

In der Regel erinnert sich der Mensch an Ereignisse aus früherer Kindheit nur, wenn diese besonderen Eindruck auf ihn machten. Mit ungefähr drei Jahren vollbrachte ich eine antifaschistische Großtat – zumindest könnte sie aus heutiger Sicht als solche gelten. Mein Vater, ein noch junger Mann, war wie viele seiner Altersgenossen Mitglied der Hitlerpartei. Sein SA-Helm hing meistens an dem Hirschgeweih, das uns als Garderobenhaken diente. Doch am jenem Tag war die braune Kopfbedeckung wohl heruntergefallen. Ich verspürte ein menschliches Bedürfnis. Da aber kein Nachttopf zu finden war, kam mir besagter Helm gerade recht. Ich war erleichtert, und mein Vater hat die Kopfbedeckung von da an nie mehr getragen.

Der Krieg war da. Die Erwachsenen lauschten gespannt den Nachrichten aus dem Radio, einige tuschelten und taten sehr geheimnisvoll. In dieser Zeit sah ich auch fremde Soldaten– gefangene Franzosen. Sie waren im nahe gelegenen Seebad eingesperrt. So nannten wir das damals als Gefangenenlager genutzte Gebäude vor dem Landratsamt. Von dort aus wurden einige täglich unter Bewachung zu den verschiedensten Arbeiten geführt. Manche arbeiteten im Sägewerk, andere in der Landwirtschaft. Ein Gefangener – er hieß Tino – wurde jeden Morgen zu uns gebracht, am Tag waren meine Eltern für ihn verantwortlich. Tino half uns auf dem Hof und im Stall. Er war ein freundlicher junger Mann, der Kinder liebte. Da meine Mutter sich mit ihm in seiner Heimatsprache unterhalten konnte und er auch sonst in unserer Familie nicht wie ein Feind, sondern eher wie ein Familienmitglied behandelt wurde, fühlte er sich wohl bei uns. Nur wenn am Abend der Wachmann kam, um ihn zurück zum Lager zu bringen, musste er den Tisch im Zimmer verlassen, denn es war uns verboten, gemeinsam mit ihm zu essen. Am Kriegsende dankte uns Tino unsere Herzlichkeit auf seine Weise. Aber das ist eine andere Geschichte.

1943 zogen immer häufiger lange Kolonnen von Gefangenen am Haus vorbei. Es waren russische Soldaten. Zerlumpt, mit Fußlappen oder Holzschuhen, schleppten sie sich unter Bewachung die Straße entlang. Am 6. März 1944 erreichte der Krieg auch unsere Stadt. Vorher kamen Trauerbriefe von der Front. Einige meiner Cousins waren gefallen. Sie waren alle noch keine 25 Jahre alt.

Der 6. März 1944. Wenn man heute durch unser Templin geht, erinnert kaum noch etwas an diesen furchtbaren Tag. Viele der Menschen, welche an jenem Tag Augenzeugen des Grauens wurden, leben heute nicht mehr. Viele Jahre sind seitdem vergangen, aber unsere Kinder und Enkel müssen davon erfahren. Das Geschehene soll nie vergessen werden und auch darum will ich versuchen, meine ganz persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen aufzuschreiben.

Der 6. März 1944 war schon fast 12 Stunden alt. Ein herrlicher blauer Himmel spannte sich über unser Städtchen, die Sonne lockte das zarte Grün der Frühblüher aus der feuchten Erde und die ganze Welt schien glücklich und froh, weil der Frühling den Winter besiegt hatte. In der Schule sollte die letzte Stunde beginnen. In unserer Klasse stand eine Mathearbeit an und als die Sirenen Fliegeralarm heulten, freuten wir uns, denn die Mathestunde fiel aus und wir mussten in den Luftschutzkeller. Da wir in der letzten Zeit fast täglich einmal Alarm hatten, wenn die amerikanischen Bomber Berlin anflogen, waren wir daran gewöhnt. Keiner nahm diesen Alarm ernst, war doch bis dahin noch nie etwas passiert. Wenn wir nicht in der Schule waren, standen wir vor den Häusern und verfolgten mit den Augen die tief brummenden, grauen Punkte am Himmel. Nun waren wir im Schulkeller und machten Späße. Eine 25er Glühbirne spendete kümmerliches Licht, denn die Fenster waren von außen mit Sandsäcken und Brettern, die als Schutz gegen Splitter dienten, abgedichtet. Plötzlich wurde unser lustiges Treiben durch ein furchtbares Krachen übertönt. Fensterglas und Holz splitterten. Putz fiel von der Decke. Die Verkleidung der Fenster wurde durch eine unsichtbare Gewalt in den Keller geschleudert. Die Lampe war erloschen und Staub kroch in unsere Lungen. Nach dem ersten Schock wenige Sekunden Stille, dann husteten wir los. Einige waren leicht verletzt. Viele begannen zu weinen und zu schreien. Nur langsam legte sich der Mörtelstaub, das Tageslicht kroch durch die Fensteröffnungen und brachte den Geruch von Rauch mit herein. Hastige Schritte auf der Straße, Rufe und Geschrei drangen von draußen zu uns, in das Kellergewölbe der heutigen Goetheschule.

Nach fast einer Stunde ungewissen Wartens kam ein Feuerwehrmann in den Keller und erlaubte den Lehrern, uns gehen zu lassen. Die Sirenen waren zerstört und die Entwarnung konnte nicht erfolgen. Wir rannten los. Schnell nach Hause. War die Familie noch am Leben? Wohin waren die Bomben gefallen? Über dem Ratsteich lag eine schwarze Rauchwolke, in der Arnimstraße brannte es noch, hoch leckten die Flammen in den blauen Frühlingshimmel. Dort, wo das Feuer war, konnte unser Haus sein. Als ich keuchend den Berg am Strandgarten erreicht hatte, sah ich, wie Luftschutzhelfer verstümmelte Leichen auf Tragbahren zum Prenzlauer Tor schleppten. Wie in einem Rausch nahm ich das Furchtbare wahr. Hinter dem Sägewerk brannten der Asphalt und das Seebad. Ich durchbrach die Menschenkette und rannte, die Mütze vor Mund und Nase gepresst, durch den beißenden Rauch. Keuchend und völlig am Ende meiner Kräfte, stand ich vor unserem Haus. Es hatte kein Dach mehr, sämtliche Fenster und Türen fehlten, breite Risse zogen sich durch die Mauern, aber es stand noch. Den Hof bedeckte eine dicke Erdmasse, gespickt mit Pflastersteinen aus der Umgebung. Ein alter Apfelbaum vom Nachbargrundstück lag entwurzelt und zerfetzt obenauf. Ich schrie: „Mutti, Mutti, Walter, Jochen!“ Die Wohnung war leer. Die Deckenlampen waren aus ihren Halterungen gerissen und mit dem Deckenputz auf den Fußboden gestürzt. Aus dem Keller hörte ich Rufe; in meiner Eile fiel ich fast die steile Kellertreppe hinunter. Alle waren am Leben, glücklich und weinend schlossen wir uns in die Arme.

Vater war nicht zu Hause gewesen; er war mit dem Viehwagen über Land. Als er zurückkam, wunderte er sich über die aufgerissenen Straßen am Wasserturm. Es gab viele Bombentrichter. Nur zehn Meter von unserem Haus entfernt waren einige Bomben detoniert und hatten riesige Krater in den Boden gerissen. Einige Häuser in der Nachbarschaft waren dem Erdboden gleichgemacht, das überbelegte Krankenhaus war, bis auf einen kleinen Seitenflügel, völlig zerstört worden. In wenigen Minuten waren einige hundert Menschen umgekommen. Nach diesem Luftangriff musste ein neuer Friedhof angelegt werden; damals entstand der Waldfriedhof in der Röddeliner Straße. Schlichte Holzkreuze geben heute noch Auskunft über die Opfer, aber nicht auf jedem Kreuz steht ein Name, denn viele der Leichen konnten nicht mehr identifiziert werden.

Der Krieg hatte uns also endgültig erreicht und im letzten Kriegsjahr war an geregelten Unterricht nicht mehr zu denken. Nach dem 6. März 1944 häuften sich die Luftangriffe der Amerikaner. Wir liefen jetzt bei jedem Alarm sofort in die Keller. Bomben fielen aber nicht mehr auf Templin. Erst kurz vor Kriegsende kam es zu großen Zerstörungen. Im Januar 1945 zogen immer wieder Gefangene durch unsere Stadt. In Lumpen gehüllt, schlurften sie, von SS-Leuten bewacht, mit ihren Holzschuhen über das Straßenpflaster. Es waren völlig entkräftete und gequälte Menschen. Kleine Gruppen von ihnen wurden auch bei uns zum Bau von sinnlosen Panzersperren und Panzergräben eingesetzt.

Als Kinder schlichen wir uns an den Bahndamm, wo russische Gefangene Panzergräben schippten. Wir brachten ihnen heimlich Kartoffeln und Brot und sie gaben uns geschnitztes Spielzeug dafür. Aber das alles musste so geschehen, dass die Wachposten nichts bemerkten. Auch nach dem 6. März gab es noch große Siegespläne der Machthaber. So wurde die Jugend weiterhin missbraucht und die Zehn- bis Vierzehnjährigen, die „Pimpfe“, sollten jetzt den Endsieg erringen. Den Lebenslauf von Adolf Hitler konnten wir im Schlaf aufsagen. Guten Tag oder guten Morgen gab es nicht, nur ‚Heil Hitler‘. Mit dem gestreckten Arm und den zusammengeschlagenen Hacken galten wir nicht nur in der Schule als groß, sondern auch beim Einkauf in den Geschäften. Wir sollten sein, wie der Führer es befahl: zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und flink wie die Windhunde. Dazu kam der Dienst am Eichwerder unter den Linden. Dort, wo heute der Tennisplatz und der Sportplatz der Goetheschule sind, war der Schutt vom Angriff aufgeschichtet. Auch das Seeufer war mit den Trümmern des ehemaligen Krankenhauses aufgefüllt. Hier war unser Stellplatz. Dort wurde marschiert und geschliffen, über den Schutt, Marsch, Marsch! Hinlegen, auf, Marsch, Marsch! Brutale Geländespiele und Gewaltmärsche nahmen hier ihren Anfang. Einige von uns mussten auch beim Bau von Panzersperren und beim Schippen von Gräben helfen. Der Volkssturm war die letzte Reserve: Alte, Kranke und Jugendliche sollten das Reich verteidigen. Auch unser Lkw, ein Opel Blitz, wurde konfisziert und als Transporter für die Front eingezogen.

Die Begegnung

Unablässig strömten in den letzten Kriegstagen Flüchtlingstrecks an unserem Haus vorbei. Der Schlachtenlärm aus dem Osten war schon zu hören, als auch unsere Eltern Panik ergriff. Unseren Opel Blitz hatte der Volkssturm konfisziert und Züge verkehrten nicht mehr. Auf dem Vorstadtbahnhof erlebte ich meinen ersten Luftangriff durch Tiefflieger. Mit einem voll bepackten Handwagen zogen wir los und wurden förmlich von dem Flüchtlingsstrom gen Westen aufgesogen. Es gab kaum ein Vorwärtskommen, die Lychener Straße war vollkommen verstopft. Zwischen den Fuhrwerken, Pferden und Kühen Handkarren und Militärautos. Die Russen kommen! Die bringen alle um, schnell weg! Die verschonen nicht einmal die Kinder! Fürchterliche Gräuelmärchen wurden verbreitet. Dazu die Tiefflieger. Alles war in Panik. Noch vor der Abzweigung nach Gandenitz entschieden sich meine Eltern, die Straße zu verlassen, um im Waldstreifen am