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Nachtcroupière im Casino, Ärzte in Brasilien, ein Literaturprofessor, ein Formel-1-Fahrer und viele andere unscheinbare und exzentrische Menschen bewohnen die Exotik des Alltags, bringen sich absichtlich in Ausnahmesituationen oder geraten hinein, während sie versuchen, Veränderungen aus dem Weg zu gehen. Ob in Südamerika, Russland oder Deutschland, ob in augenblickhaften Ausschnitten oder größeren Zeiträumen – Gutacker gelingt es, außergewöhnliche Konstellationen detailliert vor Augen zu führen, die sich am Rande des psychischen oder physischen Absturzes bewegen oder direkt in den Abgrund weisen.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2016
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© 2016 Verlag Das Wunderhorn GmbH Rohrbacher Straße 18
D - 69115 Heidelbergwww.wunderhorn.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
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Gestaltung : Leonard KeidelISBN: 978-3-88423-548-5
Kai Gutacker
Erzählungen
WUNDERHORN
Für Helmut
Wenn ich schon mal zu frühsterben sollte, dann wie James Dean – auf einer Kreuzung, im Porsche. Zack. Aus.– Falco
Der berühmte Talkmaster Michael Pohl würde in drei Monaten, am 14. Oktober, zum letzten Mal auf Sendung gehen. So hatte er es einvernehmlich mit seinem Sendeleiter beschlossen, der ihn heute nach der Show zu sich in sein Büro gerufen und vor die Wahl gestellt hatte: entweder eine ziemlich hohe Abfindung oder ein schlechterer Sendeplatz. Beide hatten gewusst, dass das einer Entlassung gleichkam, die nur deshalb nicht offen ausgesprochen worden war, weil man einen Michael Pohl nicht entließ.
Als Pohl danach aus dem Büro gegangen war, hatte er die Lackstiefel auf dem Linoleum knarren lassen und war mit den Fingerspitzen am Rigips des schmucklosen Korridors entlang gefahren, der nach Kopierer roch. Es war ihm zumute gewesen wie sonst auch. Er war darüber so verwundert, sich nicht besonders leer oder frei zu fühlen, dass er sogar den obersten Hemdknopf geöffnet und die Krawatte gelockert hatte, um irgendeine Veränderung herbeizuführen.
Unten hatte er sich dann ein Taxi gerufen und zu seiner Stadtwohnung fahren lassen. Jetzt saß er vor seinem Schreibtisch, starrte auf den weißen Bildschirm vor sich und tippte wie gewohnt in die Suchmaske seinen Namen ein. Schlagzeilen über sein Privatleben blinkten auf, die Probleme mit seiner Frau und eine Reportage über seinen Sohn, außerdem die Werbeanzeige für ein Buch, das er vor einiger Zeit veröffentlicht hatte und ein Bericht darüber, dass die klassischen Late-Night-Shows immer mehr Zuschauer verlören, weil sich angeblich die Zielgruppen umstrukturierten. Von der Absetzung seiner eigenen Show stand noch nichts im Netz; vielleicht wartete die Presseabteilung auch bis morgen. Pohl ließ sich seufzend gegen die Lehne seines Schreibtischstuhls fallen, das Leder knarzte und der Stuhl rollte einige Zentimeter nach hinten über den dunklen Parkettboden. Niemand wusste, warum sich Einschaltquoten veränderten, eine Sendung mal öfter und mal weniger oft angesehen wurde, völlig ungeachtet ihrer Qualität. Nur der Zuschauer selbst wusste es, und Pohl glaubte, ein Gespür dafür zu haben, ob es gerade gut lief oder nicht, ohne das genau erklären zu können. Allmählich aber war ihm das Geschäft, das er von der Pike auf gelernt hatte, mehr und mehr undurchsichtig geworden; etwas, das er vorher wie im Schlaf beherrscht hatte, begann ihm aus den Händen zu gleiten, und seit einiger Zeit hatte er wieder Lampenfieber bekommen, bevor er auf die Bühne ging. Es war kein eigentlicher Niedergang gewesen, die Hochkaräter, die früher in seiner Sendung gesessen hatten, waren nicht ausgeblieben, im Gegenteil, zum Jahresbeginn hatte der Sender noch eine Erhöhung des Etats bewilligt, bevor die Einschaltquoten sanken. Seinen Gegenspieler beim Konkurrenzsender hatte es genauso getroffen, nur die Polittalks blieben verschont, und von allem Politischen hatte sich Pohl in der Öffentlichkeit immer ferngehalten; nicht, weil er keine politische Meinung hatte oder sich gescheut hätte, sie auszudrücken. Sondern weil sein Geschäft immer die Unterhaltung gewesen war, nicht die Meinungsmache. Er hatte Bands bei sich sitzen, die ihre neuen Platten vorstellten, Kabarettisten, Autoren oder Schauspieler, machte Werbung, und das Seichte, das ihm von der Presse vorgeworfen wurde, bevorzugte er nicht aus Bequemlichkeit oder Opportunismus – er musste sich oftmals vor den Kameras zügeln, nicht zu profund in ein Thema einzusteigen, und so die Leichtigkeit einzubüßen, mit der er seine Zuschauer unterhielt; erschöpfte Handwerker, stellte er sich vor, die ihren Feierabend genießen wollten. Natürlich war es so vom Sender auch gewünscht, fest auferlegt wurde es aber nie und der Erfolg hatte für sich gesprochen. Pohl ging zum Kühlschrank, schenkte sich ein Glas Zitronenlimonade ein und sah durchs Fenster hinunter auf die Straßen der Stadt, deren unruhige Lichter rot und gelb zuckten. In den Öffentlich-Rechtlichen trank man jetzt wieder Whisky, rauchte und machte Witze, die, wären es seine gewesen, einen Skandal ausgelöst hätten. Zumindest nachts bei Hellers Talk, einer Show, die gerade sehr im Kommen war, obwohl nicht einmal ein Prozent der Fernsehzuschauer sie sah. Pohl hatte um ein Vielfaches mehr Gäste, aber seine Sendezeit war auch die bessere gewesen und die Tendenz sprach für den jungen Heller. Pohl war ihm einmal bei einer Gala begegnet; der Junge hatte ihm gefallen und er hatte gewusst, dass er eines Tages groß rauskommen würde. In einem Interview hatte Heller Pohl als großes Vorbild bezeichnet, und Pohl fragte sich, ob das wohl ernst gemeint war, er hielt es eher für Sarkasmus. Jedenfalls hatte Pohl den heutigen Tag kommen sehen und versucht, sich darauf vorzubereiten. Aber dass er sich genauso fühlen würde wie sonst, damit hatte er nicht gerechnet. Pohl schloss den Browser, drehte sich mit seinem Stuhl, machte den Fernseher an, sah sich selbst im Studio einen Gast interviewen und schaltete schnell um auf eine Dokumentation über Flugzeugabstürze. Er genoss den Voyeurismus seiner eigenen Flugangst, als ein marodes Rumpfteil brach und die Maschine in zwei Teile riss, während der Sprecher erklärte, dass durch den nun entstandenen Luftwiderstand auch die anderen, noch intakten Teile zerdrückt und abgerissen wurden und unter solchen Umständen niemand überlebte. Die Dokumentation war gut gemacht, fand Pohl. Zukünftig müsste er nicht mehr so viel fliegen.
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