Nächte einer Hexe - Genoveva Dimova - E-Book

Nächte einer Hexe E-Book

Genoveva Dimova

0,0
20,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Kosaras Kampf mit zwölf Hexenschatten – die mitreißende Fortsetzung von Tage einer Hexe Wenn im Hochsommer Schnee fällt und eine Hexe mit zwei Schatten tot aufgefunden wird, dann stimmt etwas nicht. Der Feuerhexe Kosara wird schlagartig klar, dass die Grenze zwischen dem Reich der Menschen und dem der Monster durchlässig geworden ist …  Kosara hat ihre Magie zurückgewonnen, eigentlich sollte ihr Leben eigentlich wieder ganz normal sein  – doch so einfach ist es leider nicht. Sie ist nun zwar im Besitz von zwölf Hexenschatten und das sollte ihr ungeahnte Macht verleihen. Dafür müssten die Hexenschatten aber erstmal auf sie hören. Und dann geschieht auch noch ein neuer Hexenmord. Auf der anderen Seite der Mauer, in Belograd, verfolgt Inspektor Asen Bacharow eine einzige Spur, die zu dem Schmugglerboss Konstantin Karaiwanow führt und direkt zurück nach Chernograd. Dort geschehen unheimliche Dinge und es werden Monster, die eigentlich nur in den Tagen nach Neujahr auftauchen dürften, gesichtet. Und Kosara ist sich sicher, dass sie Schuld an der sich anbahnenden Katastrophe trägt. Ein neues Abenteuer beginnt … »Ein mitreißender Abschluss […] Fans von Dimovas Debüt werden von der Fortsetzung begeistert sein.« Booklist 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 520

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Dies ist der Umschlag des Buches »Nächte einer Hexe« von Genoveva Dimova, Wieland Freund, Andrea Wandel

Genoveva Dimova

Nächte einer Hexe

Aus dem Englischen von Wieland Freund und Andrea Wandel

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.

Hobbit Presse

www.hobbitpresse.de

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart

Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Witch’s Compendium of Monsters,

Book 2: Monstrous Nights« im Verlag Tor Books, New York

© 2024 by Genoveva Detelinova Dimova

Für die deutsche Ausgabe

© 2025 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und

Data Mining i. S. v. § 44 b UrhG vorbehalten

Cover: Klett-Cotta

unter Verwendung einer Illustration von © Vera Drmanovski

Farbschnitt der Erstauflage: © Vera Drmanovski

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-608-96685-5

E-Book ISBN 978-3-608-12491-0

Für Mama, Baba und Marti

1

Kosara

Es war kurz nach Mitternacht. In den verwaisten Straßen hallten die Schläge der Turmuhr noch nach. Kosara eilte durch eine dunkle Gasse. Es roch nach Kohlenfeuer und aufziehendem Schnee, und wenn sie nicht gewusst hätte, dass Frühling war, hätte sie geglaubt, es wäre Dezember. Ihre Ohren brannten vor Kälte.

Schließlich erreichte sie ihr Ziel, das Haus mit dem eindrucksvollen Salon in der Hauptstraße. Für gewöhnlich leuchtete es einladend aus den großen Fenstern. Zurückgezogene Samtvorhänge gaben den Blick auf die behaglichen Räumlichkeiten frei. An diesem Abend jedoch war alles stockdunkel. Über der Tür baumelte an quietschenden Ketten ein Schild: ZUR RUHENDEN HEXE.

Der Name des Salons bezog sich nicht auf seine Kundschaft. Hexen, die etwas auf sich hielten, kamen nicht hierher. Stattdessen war er nach seiner Besitzerin Sofiya Karajova benannt. Sofiyas Kunst bestand darin, leidgeprüfte Geister aus dem Totenreich zu locken, damit ihnen dämliche Verwandte aufdringliche Fragen stellen konnten.

Kosara war der festen Überzeugung, dass das eigene Ableben eine unschlagbare Ausrede war, Familienzusammenkünften fernzubleiben, das Geschäftsmodell Sofiyas aber missfiel ihr noch aus einem ganz anderen Grund. Während der Schmutzigen Tage, wenn sich die Reiche der Toten und der Lebenden am nächsten waren, häufte Sofiya ein Vermögen an. Wo die meisten anderen Hexen alle Hände voll zu tun hatten, die Stadt vor den Monstern zu schützen, war Sofiya ganz auf ihre Gewinne fixiert.

Kosara klopfte an. Als sich die Tür zum Salon öffnete, stand, wenig überraschend, Vila vor ihr. Es war die alte Hexenmeisterin gewesen, die Kosara mitten in der Nacht hierhergerufen hatte.

Überraschend allerdings war, wie müde Vila wirkte. Ihrer Haut fehlte der übliche Glanz. Ihre Augen waren blutunterlaufen.

»Komm rein«, sagte Vila. »Schnell. Ich habe keine guten Nachrichten.«

Kosara folgte ihr durch den Flur. Der dicke Teppich dämpfte ihre Schritte. Weihrauch lag in der Luft, doch Kosara stieg noch ein anderer, übler Geruch in die Nase. Blut.

»Was geht hier vor?« Sie flüsterte, ohne recht zu wissen, warum. Vielleicht, weil es im Salon so still war, dass es unpassend schien, die Stimme zu heben. »Du hast gesagt, es wäre dring…«

»Das ist es. Wenn die Polizei erst spitzkriegt, dass hier etwas nicht stimmt, rücken sie gleich mit ihren Tütchen, Pinzetten und Fläschchen an und schrubben alles sauber. Ich will, dass du es vorher siehst.«

»Dass ich was sehe?«

Vila drehte sich so abrupt um, dass Kosara beinahe in sie hineingelaufen wäre. Im Licht des Kristalllüsters wirkten ihre Tränensäcke noch größer als zuvor. »Sofiya ist tot. Ermordet.«

Kosara stand bloß da, blinzelnd und mit halb offenem Mund. Es brauchte einen Moment, bis sie begriff, was Vila da gesagt hatte.

»Ermordet?«

»Enthauptet.«

Kosara zuckte, doch Vilas Stimme blieb ungerührt. »Ihre Schatten sind weg.«

»Alle beide?«

»Alle beide.«

Unwillkürlich griff Kosara nach der Kette um ihren Hals. Sie hatte versucht, die Hexenschatten zu Hause zu lassen, doch ganz gleich, wie viele Bannkreise sie auch gezogen hatte, allein hatten sich die Schatten nicht sicher gefühlt. So viel hatten sie ihr preisgegeben.

Die beiden Schatten Sofiyas waren nicht wie Kosaras zwölf Schatten. Kontrollieren konnte Kosara einzig ihren eigenen, die anderen hatten ihren eigenen Willen. Und das war auch kein Wunder – schließlich hatten ihre ursprünglichen Besitzerinnen die Schatten nicht freiwillig hergegeben. Zwar hatten die elf ihr geholfen, den Zmey zu besiegen. Ihr Eigentum waren sie deshalb noch lange nicht.

Sofiya hingegen hatte die volle Kontrolle über ihre Schatten gehabt. Umso unheimlicher, dass sie jemand ermordet hatte.

»Verstehst du jetzt, warum ich dich gerufen habe?«, sagte Vila. »Jemand macht Jagd auf Hexenschatten. Mal wieder.«

»Wie kann das sein?«, fragte Kosara. »Wenn sie weg sind, heißt das, dass Sofiya sie freiwillig rausgerückt haben muss. Und dann …«

»Und dann hat man sie wie einen dahergelaufenen Upir einen Kopf kürzer gemacht.«

»Aber warum sie enthaupten? Aus Angst, sie könnte wiederauferstehen?«

Selbst dann hätte ein Paar Silbermünzen auf ihren Augen gereicht. Oder ein Espenpfahl in ihrem Herzen. Oder, zur Hölle, ein Sack Reis in ihrem Grab, damit sie über dem Zählen der Körner das Rauskriechen vergessen würde.

Sie zu enthaupten, wirkte wie ein Overkill.

Kosara biss sich auf die Lippen. Sie waren rissig und wund von der Kälte.

»Zeig’s mir.«

Vila holte tief Luft, bevor sie die Tür aufstieß. Einen Augenblick später verstand Kosara auch, warum. Ein süßlich-fauliger Gestank schlug ihr entgegen.

Im Raum war es warm. Im Kamin brannte ein helles Feuer, das die Wände in Gelb- und Orangetöne tauchte und sich in den stockenden Blutlachen auf dem Parkettboden spiegelte. Die Leiche war in einem schlimmen Zustand und nackt – abgesehen von dem Fläschchen zwischen den Brüsten, in dem Sofiya ihren zweiten Schatten aufbewahrt hatte. Darüber, blutig und verschmiert, der Stumpf ihres Halses.

Kosara drehte sich der Magen um. Vila starrte sie ungeduldig an, aber eigentlich wollte Kosara bloß nach draußen rennen und Luft holen, die nicht nach Tod schmeckte.

»Was willst du von mir?«, blaffte sie.

»Du hast Erfahrungen in solchen Dingen. Sieh dich nach Hinweisen um.«

Kosara schnaubte verächtlich. Damals in Belograd hatte sie in ihrer Verzweiflung das Zimmer Irnik Ivanovs durchsucht, aber das ließ sich wohl kaum als »Erfahrung« verbuchen. Über Asens jahrelange Übung verfügte sie nicht. Sie gab trotzdem ihr Bestes, kniete sich neben die Leiche, begutachtete sie und würgte die aufsteigende Galle runter.

Einen verzweifelten Moment lang hoffte sie, die tote Frau könnte doch nicht Sofiya sein. Im Zwielicht des Salons wirkte die Haut der Toten etwas zu dunkel.

Doch das war ein dummer Gedanke. Sofiya war reich und konnte sich einen exotischen Trip in die Sonne leisten. Alles wies darauf hin, dass Kosara ihre tote Kollegin vor sich hatte – vom typischen feuerroten Nagellack bis zu dem kleinen Tattoo am Handgelenk: drei Spiralen, die sich in einem komplizierten Muster kreuzten.

Kosara fing an, den Raum zu durchsuchen. Der Mörder hatte darauf geachtet, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.

Abgesehen von Blut fanden sich keine Spuren auf dem Boden, keine Fußabdrücke und auch kein verlorenes Haar. Kosara warf einen Blick in den Aschenbecher, der vor dünnen Zigarettenfiltern überquoll, alle mit Sofiyas rotem Lippenstift beschmiert. Auf dem Bord stand ein einsames Weinglas, an seinem Rand dasselbe Rot.

Alles deutete darauf hin, dass Sofiya den Abend allein verbracht hatte. Andererseits musste die Person, die ihre Schatten genommen hatte, ein Bekannter gewesen sein. Man konnte einen Hexenschatten nicht stehlen – er musste freiwillig hergegeben werden.

Aber warum sie umbringen, wenn man doch schon hatte, was man wollte? Welches Motiv gab es für diesen sinnlosen Tod?

Kosara atmete tief ein, um ihr rasendes Herz zu beruhigen, und bereute es sofort. Der Gestank von Tod setzte sich gleich in ihrer Nase fest.

»Irgendwas?«, fragte Vila.

»Nichts. Außer …« Kosaras Blick fiel wieder auf Sofiyas Brust. Unter dem zerbrochenen Fläschchen befand sich ein altes, längst verblasstes graues Mal. Die beiden gekreuzten Ks von Karaiwanow.

»Das ist mir auch aufgefallen«, sagte Vila. »Er gibt einen ziemlich überzeugenden Verdächtigen ab, was?«

»Anzunehmen.«

Dies war nicht der erste Mord in Chernograd in den vergangenen Monaten. Kosara hatte an zahlreichen Nachtwachen für kürzlich Verstorbene teilgenommen. Bei einem Mordopfer war die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in einen Upir oder, noch schlimmer, in eine Kikimora verwandelte, doppelt hoch. Es galt, viele Vorsichtsmaßnahmen zu treffen: Sämtliche Spiegel mussten verhängt werden, die Kerzen durften nicht verlöschen, und man musste die Hauskatzen fernhalten, damit sie nicht über den Leichnam sprangen.

Kosara vermutete, der dramatische Anstieg der Morde hing damit zusammen, dass sie mit ihrem Zauber die Mauer geschwächt hatte. Die zurückgebliebenen Angehörigen waren nicht gerade gesprächig gewesen, doch auf mehreren der Opfer hatte sie das Symbol Karaiwanows entdeckt.

Sie weigerte sich, die Schuld dafür bei sich zu suchen – wer sich bereit erklärte, für Karaiwanow zu arbeiten, wusste, worauf er sich einließ. Sie alle hatten das Risiko gekannt.

Und doch, manchmal, mitten in der Nacht, wenn sie über den kalten, toten Körper eines weiteren jungen Menschen wachte, konnte sie nicht anders und fragte sich, ob sie vielleicht einen Fehler gemacht hatte. Was, wenn Malamir recht gehabt hatte und es einzig die Mauer gewesen war, die Chernograds fragile Ordnung aufrechterhalten hatte?

Kosara seufzte und betrachtete erneut das Symbol auf Sofiyas Brust. »Ich wusste gar nicht, dass sie für ihn gearbeitet hat.«

»Ich auch nicht«, sagte Vila. »Um ehrlich zu sein, es überrascht mich.«

»Warum? Sofiya war immer nur allzu bereit, einen guten Preis über ihre Moral zu stellen.«

»Du bist zu hart in deinem Urteil.«

»Ich weiß, ich weiß, man spricht nicht schlecht über die Toten.«

»Das ist es nicht. Ich habe Sofiya seit Jahren gekannt. Es ist wahr, sie hatte keine Skrupel, reichen Narren das Geld aus der Tasche zu ziehen, aber dass sie sich mit Schmugglern abgibt, hätte ich nicht gedacht. Sie hatte Stil.«

Kosara schnaufte, dann bekam sie ein schlechtes Gewissen. Die Frau war tot. Sich über sie lustig zu machen, war nicht richtig. Nicht jetzt und nicht hier.

»Sie hatte keine Klasse«, sagte sie. »Sie hatte nur das Geld für schicke Klamotten und Schmuck, um stilvoll rüberzukommen.«

»Grund genug, sich von den Schmugglern fernzuhalten. Sie brauchte das Geld nicht.«

»Vielleicht, als sie jünger war? Bevor sie ihren zweiten Schatten bekam …«

»Mag sein. Weiß Gott, wir haben alle Dummheiten gemacht, als wir jung waren.«

Kosara trat von einem Fuß auf den anderen und schwieg. Vila wusste nur allzu genau, was für Dummheiten Kosara in ihrer Jugend gemacht hatte. Ganz Chernograd war im Bilde. Sie wünschte sich, ihre Beziehung mit dem Zmey wäre so leicht zu verbergen gewesen wie Sofiyas hässliches Tattoo.

Vila schwieg einen Moment, dann sagte sie beiläufig: »Ich sehe, du hast die Schatten immer noch.«

Kosara spielte mit ihrer Halskette. Die Schattenperlen waren warm. »Richtig.«

»Du wolltest dich doch auf die Suche nach ihren Besitzerinnen machen.«

»Habe ich. Alle tot.«

»Schattenkrankheit?«

»Der Zmey.«

»Oh«, sagte Vila trocken. »Haben sie es dir erzählt?«

»Auf ihre Weise.«

Kosara hatte jeden der Schatten peinlich genau befragt, bis sie endlich mit der Wahrheit rausgerückt waren. Leicht war das nicht gerade gewesen. Ein Schatten war keine Person und ließ nicht einfach mit sich reden. Stattdessen hing jeder von ihnen in einem Bruchstück seiner Vergangenheit fest und teilte das in einer Mixtur aus Wispern und Visionen mit.

Kosara befürchtete, dass ein paar von ihnen während ihrer Zeit beim Zmey völlig den Verstand verloren hatten. Ihr Gebrabbel ergab wenig Sinn.

Was sie aber erfahren hatte, war wenig überraschend. Der Verdacht war ihr bereits gekommen, als sie begriff, dass alle elf Schatten einmal jungen Frauen gehört hatten. Über viele Jahre und auf vielen Reisen nach Chernograd hatte der Zmey seinen Bräuten ihre Schatten abgezwungen.

»Was hast du mit ihnen vor?«, fragte Vila ein bisschen zu leise. Hätte Kosara sie nicht besser gekannt, hätte sie glauben können, Vila wäre betroffen.

Doch das war ausgeschlossen. Erschüttern konnte Vila nichts.

»Ich weiß es nicht«, sagte Kosara. »Vorerst muss ich sie behalten. Ich kenne keinen Zauber, der stark genug ist, um sie zu beschützen, wenn ich nicht bei ihnen bin.«

»Sie machen dich zur Zielscheibe.«

»Und helfen mir, mich zu wehren.«

Vilas Blick wanderte wieder zu Sofiyas Leiche. »Sei vorsichtig. Meines Wissens hat noch keine andere Hexe je so viel Macht angehäuft. Sieh zu, dass es dir nicht zu Kopf steigt.«

Kosara sah auf ihre Stiefelspitzen. Sie hätte es Vila gegenüber nie zugegeben, aber manchmal glaubte sie, die Schatten noch flüstern zu hören, selbst wenn sie zu einer Perlenkette gebunden um ihren Hals hingen. Hin und wieder war sie sich sicher, im Augenwinkel eine vertraute Gestalt auszumachen, die direkt aus dem Gedächtnis der Schatten kam.

Sein Haar hatte die Farbe von Gold, und seine Augen leuchteten im Blau einer Flamme.

Nachdem sie den Zmey in die Mauer gesperrt hatte, war sie sich sicher gewesen, ihn für alle Ewigkeit los zu sein. Langsam kam ihr der Verdacht, dass sie sich geirrt hatte.

2

Asen

Das Blut war überall. Rostrote Spritzer auf der Goldtapete und der Stuckdecke. Ein paar Tropfen waren auf dem Kristalllüster gelandet und hingen mitten in der Luft wie in Bernstein eingeschlossene Fliegen.

»Montag, was?«, sagte Lila. Der Magiedetektor in ihrer Gesäßtasche piepte leise. Sie zog ihr Notizbuch hervor. »Wie, sagtest du, hieß sie noch gleich?«

»Natalia«, sagte Asen, ohne den Blick vom Opfer zu wenden. »Natalia Rusewa. Sie war die Inhaberin der Boutique Hexenkessel.«

Lila zog die Augenbrauen hoch. »Ist das nicht der Laden, den du im Verdacht hattest, dass hier mit geschmuggelten magischen Objekten gehandelt wird?«

»Genau der.«

Natalias Körper lag ausgestreckt auf den blutdurchtränkten Laken – bleich, aufgedunsen und splitternackt. Ein Abdruck im Kissen zeigte, wo ihr Kopf gelegen haben musste. Übrig war allerdings nur der blutige Halsstumpf.

Für Asen war es beinahe zu viel. Er stürzte zum geöffneten Fenster und schnappte nach Luft. Es duftete nach Lindenblüten. Gemixt mit Todesgestank ergab das einen ekelhaften Cocktail.

»Sieht aus, als wäre sie schon eine Weile tot«, bemerkte Lila und drehte den Arm des Opfers, um sich das kleine Tattoo an ihrem Handgelenk anzusehen: drei in einem komplizierten Muster verbundene Spiralen. »Bestimmt länger als nur ein paar Stunden. Was meinst du?«

»Das überlassen wir besser den Pathologen.«

Lila schnaubte und machte so deutlich, was sie von ihren Kollegen aus der Pathologie hielt. Mit schnellen Strichen hielt sie sämtliche Wunden der Leiche in ihrem Notizbuch fest. »Sie hat sich heftig gewehrt.«

Asen murmelte Zustimmung, sah aber gar nicht auf die blauen Flecken des Opfers. Er betrachtete das Symbol, das in ihre Brust geritzt war.

Zwei gekreuzte Ks. Das Zeichen von Konstantin Karaiwanow.

»Was denkst du?«, fragte Lila. »Konstantin? Oder jemand, der sich für ihn ausgibt?« Sie fuhr fort, ohne Asen Zeit für eine Antwort zu lassen: »Das wäre doch reichlich dumm, oder? Wenn es Konstantin war, meine ich. Sie so liegen zu lassen. Das Symbol sticht einem ja geradezu ins Auge.«

»Was kümmert es ihn?« Asen versuchte, möglichst beiläufig zu klingen. »Was kümmert ihn bei seinem Sündenregister ein Mord mehr?«

»Trotzdem. Was macht es für einen Sinn, die Leiche auszuziehen?«

»Vielleicht ist es eine Warnung.«

»An wen?«

An mich. Asen sprach es nicht aus. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie bebten.

Reiß dich zusammen, schalt er sich. Er durfte sich vor Lila nicht anmerken lassen, wie sehr ihn dieser Mord mitnahm. Sonst würde sie anfangen, Fragen zu stellen, und über kurz oder lang die Wahrheit herausfinden. Sie war wie eine Bulldogge: Wenn sie sich einmal in eine Spur verbissen hatte, ließ sie nicht mehr los.

Lila beugte sich über das Opfer, und ihre Augen wurden schmal. »Ihr Schatten ist weg.«

»Ich weiß.«

Asen war es gleich aufgefallen. Der Gedanke, dass wieder jemand Jagd auf Hexenschatten machte, ließ ihn schaudern. Hoffentlich war Kosara in Sicherheit.

»Wir schaffen besser ein Team her.«

»Jawohl, Boss.« Sie klappte ihr Funkgerät auf, zog die Antenne raus und runzelte die Stirn, als bloß ein Knistern aus dem Lautsprecher drang. So tief im Haus gab es keinen Empfang. Asen hatte damit gerechnet.

Ihre klobigen Absätze klapperten auf dem Marmorboden. Lila verließ den Raum, aber Asen machte keine Anstalten, ihr zu folgen.

Er tastete nach dem Samtbeutelchen in seiner Tasche. Es war mit Kräutern gefüllt – Lavendel, Baldrianwurzel und Zitronenmelisse –, und dem ersten Eindruck nach war es bloß ein Zauber für schöne Träume. Doch im Beutel steckte auch ein Zettel. Eine Einladung zu einer illegalen Auktion an einem geheimen Ort, verfasst von Karaiwanow höchstselbst.

Am Tag zuvor hatte Asen einen Informanten fürstlich bezahlt, damit er die Nachricht unter Natalia Rusewas Kopfkissen stahl. Gerade noch rechtzeitig.

»Kommst du?«, rief Lila aus dem Flur.

»Ich komme.« Er vergewisserte sich, dass das Beutelchen sicher in seiner zugeknöpften Tasche steckte, und verließ den Raum.

Asen hätte das Samtbeutelchen dem Ermittlungsteam übergeben müssen. Wenigstens hätte er seiner Chefin davon berichten müssen. Der Beutel machte deutlich, dass es tatsächlich eine Verbindung zwischen Rusewa und Karaiwanow gab, und war somit ein wichtiges Beweisstück in einer Mordermittlung.

Dann allerdings hätte Asen erklären müssen, wie er an das Beutelchen gekommen war. Und wäre die einzige Spur los gewesen, die ihn zu dem Loch führen könnte, in dem sich Karaiwanow gerade verkrochen hatte.

Asen konnte es sich einfach nicht leisten, seine Karten auf den Tisch zu legen. Fraglos hatte Karaiwanow Leute bei der Polizei. Tatsächlich hatte Asen langsam das Gefühl, keinem einzigen seiner Kollegen mehr trauen zu können. In letzter Zeit hatte es in der Stadt viele Morde gegeben, und niemand, nicht mal seine Chefin, schien deshalb sonderlich beunruhigt zu sein.

Die einzige logische Erklärung dafür war, dass Karaiwanow die Polizeimaschine schmierte und so dafür sorgte, dass die Fälle noch schneller als sonst zu den Akten gelegt wurden. Und der Schmuggler selbst? Seit Monaten hatte ihn niemand mehr gesehen. Und mit jedem Tag, der verging, wuchs in Asen die Angst, dass er nicht würde halten können, was er Boryana versprochen hatte.

Wütend trat er gegen die Pflastersteine, wobei sich ein Grasbüschel löste, das in den Ritzen wuchs. Es war ein wunderschöner Nachmittag, einer der letzten Frühlingstage, und Fensterscheiben und Autos waren von Lindenblütenpollen bedeckt. In einer Woche würde der Sommer beginnen, und glaubte man den Wetterhexen, dann würde es ein glühend heißer.

Er fragte sich, was Kosara wohl zur Sonnenwende geplant hatte. Er wusste, dass man in Chernograd Mittsommer feierte – am Johannistag waren die Kräuter am wirksamsten, und wenn man sie dann pflückte, behielten sie das ganze Jahr lang ihre Kraft.

Asen ertappte sich in letzter Zeit oft dabei, dass er an Kosara dachte. Wie es ihr ging, was sie wohl machte. Ob sie an ihn dachte.

Das war albern. Seit dem Tag, an dem sie ihn in Belograd zurückgelassen hatte, hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Die Mauer konnte man jetzt passieren – hätte sie ihn sehen wollen, sie hätte es jederzeit gekonnt. Offenkundig wollte sie also nicht. Er hatte sie damals zum Abendessen eingeladen, aber sie hatte dankend abgelehnt.

Konnte er es ihr verübeln? Sie war eine der mächtigsten Hexen in Chernograd, und was war er? Ein korrupter Bulle aus Belograd.

Er betrat das Polizeirevier und ging die Treppe hoch zum Büro seiner Vorgesetzten. Er hatte noch nicht geklopft, als von drinnen bereits eine Stimme ertönte.

»Kommen Sie rein, Bacharow.« Seine Schritte auf der knarzenden Treppe hatten ihn offensichtlich verraten.

Asen öffnete die Tür. »Tag, Chefin.«

Polizeichefin Anahit Vartanian saß hinter ihrem Schreibtisch, eine Tasse mit heißem Kakao in beiden Händen.

Sie war eine untersetzte Frau in den Fünfzigern, die selbst im tiefsten Winter geblümte Kleider und lange baumelnde Ohrringe trug. Asen hatte sich nie, nicht ein einziges Mal, von ihrem gut gelaunten Auftreten hinters Licht führen lassen. Vartanian mochte Seidenhandschuhe tragen, aber sie regierte mit eiserner Faust.

»Was haben Sie diesmal angestellt, Bacharow?«, fragte sie, kaum dass ihr Blick auf ihn fiel.

»Was? Ich? Nichts!«

»Ich weiß immer, wenn Sie was ausgefressen haben. Ihr ganzes Gesicht sackt dann in sich zusammen.« Zur Demonstration zog sie ihre Wangen nach unten. Ihre Nägel waren in einem grellen Pink lackiert. »Also?«

Sie zeigte auf den Stuhl, und er setzte sich. »Ich habe gar nichts ausgefressen. Lila und ich sind zufällig über einen Mord gestolpert.«

»Zufällig gestolpert?«

»Sie wissen, wie das ist. Seit die Mauer weg ist …«

»Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, war die Mauer noch da. Und ich danke Gott dafür.«

»Sie wissen, was ich meine. Karaiwanows Handlanger drehen durch. Seine ganze Organisation frisst sich von innen auf.«

»Klingt nach einer guten Sache für mich.«

»Menschen sterben.«

Vartanian zuckte mit den Schultern. »Kriminelle. Wen hat es diesmal erwischt?«

»Natalia Rusewa. Ihr gehörte die Boutique Hexenkessel auf der Hauptstraße.«

Vartanian zog die Augenbrauen hoch. »Tja. Was können Sie mir darüber sagen?«

Asen beschrieb den Tatort, wie Lila und er ihn vorgefunden hatten. Vartanian hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen.

»Ihr Kopf fehlte also«, sagte sie schließlich. »Irgendeine Idee, warum?«

»Vielleicht hatte der Mörder Angst, dass sie wiederaufersteht. Rusewa kommt aus Chernograd …«

»Auf dieser Seite der Mauer gibt es keine Menschen, die wiederauferstehen, Bacharow.«

Asen schwieg. Er hatte die Gerüchte gehört wie jeder andere in der Stadt. Seit die Mauer durchlässig geworden war, hörte man von Leichen, die aus ihren Gräbern stiegen, und von verdächtig großen Wölfen, die bei Vollmond durch die Straßen streiften.

Nur waren das eben – Gerüchte. Niemand hatte ein Foto gemacht oder andere Beweise beibringen können. Bisher jedenfalls.

»Jemand muss das Opfer identifizieren«, sagte Vartanian. »Nur damit wir sagen können, dass alles nach Vorschrift gelaufen ist. Hatte Rusewa einen Partner?«

»Nicht dass ich wüsste.« Asen wusste allerdings, dass Rusewa ein paar junge Liebhaber gehabt hatte, darunter auch seinen Informanten.

»Familie?«, fragte Vartanian.

»Ich hatte noch keine Gelegenheit, das zu überprüfen.«

»Nehmen Sie eine ihrer Angestellten, wenn es nicht anders geht.«

»Ja, Boss.«

Vartanian nippte an ihrem Kakao und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »War da nicht letzte Woche schon so was am Fluss? Eine Enthauptung? Der Kopf fehlte? Und bei den Docks doch auch. Ich bin mir da ziemlich sicher.«

Asen fuhr sich durchs Haar. »Ziemlich sicher« schien ihm als Formulierung so unangemessen wie Vartanians beiläufiger Tonfall. Asen hätte jedes Detail dieser Fälle herbeten können – nur glaubte er nicht, dass es seine Chefin interessierte.

»Viele Leichen in letzter Zeit«, sagte er trocken.

»Schießen wie Pilze aus dem Boden, was? Sie sollten einen Aktenvermerk machen. Wahrscheinlich gibt es da einen Zusammenhang. Irgendeine Ahnung, was das Motiv sein könnte?«

Asen hielt es für offensichtlich. Natalia Rusewa gehörte zu Karaiwanows Bande. Sie war zu seiner geheimen Auktion an diesem Abend eingeladen gewesen, wie das Beutelchen in seiner Tasche bewies. Dann war irgendwas zwischen den beiden vorgefallen, und der Schmuggler hatte beschlossen, sie loszuwerden. Womöglich war es sogar Asens Schuld, weil er sich Rusewas Einladung beschafft hatte. Sollte Karaiwanow irgendwie herausgefunden haben, dass sie sie verloren hatte, war es durchaus denkbar, dass er sie in seiner Wut hatte umbringen lassen. Bei diesem Gedanken drehte sich Asen vor Schuldgefühlen der Magen um.

Aber Rusewa war nicht Karaiwanows erstes Opfer. Und sie würde auch nicht sein letztes sein.

Sicher, die Spurensicherung würde ihre Arbeit machen und einen Hinweis am Tatort entdecken – einen verschmierten Fingerabdruck oder das winzige Haar einer Augenbraue –, und dann würde die Polizei den Killer schnappen, den Karaiwanow geschickt hatte … Aber war das entscheidend? Spielte es eine Rolle, einen seiner Handlanger von der Straße zu holen, wenn er doch Hunderte davon hatte? Welchen Unterschied machte es, ihm sein Werkzeug zu nehmen, wenn er selbst weiter frei herumlief?

Asen wusste, dass er zu lange geschwiegen hatte, denn Vartanian starrte ihn eisern an.

»Kein Motiv bisher«, sagte er. Er konnte Vartanian nicht sagen, dass er Karaiwanow verdächtigte, ohne zu riskieren, dass sein gesamter Plan scheiterte. Es war durchaus möglich, dass der Schmuggler auch seine Chefin in der Tasche hatte.

Vartanian hielt inne. »Irgendwas stimmt hier nicht, Bacharow.«

»Mit dem Mord?«

»Mit Ihnen. Seit Sie mit Schürfwunden und blauen Flecken aus dem Winterurlaub zurückgekehrt sind …«

Asens Herzschlag beschleunigte sich. »Was soll ich sagen? Ich bin halt kein besonders guter Skifahrer.«

Vartanian schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Kakao schwappte aus der Tasse. »Halten Sie mich für blöd? Es sind nicht bloß die blauen Flecken. Ihr ganzes Verhalten hat sich verändert.«

Asen rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her, sagte aber keinen Ton.

Vartanian starrte ihn ein paar Sekunden lang an. »Sie müssen mir etwas versprechen.«

»Ja?«

»Ich will, dass Sie nach Hause gehen und lange und intensiv in den Spiegel schauen. Morgen kommen Sie dann wieder her und verraten mir, ob Sie einen Beamten der Belograder Polizei oder etwas ganz anderes darin gesehen haben.«

Asen machte den Mund auf, um zu widersprechen, aber Vartanian streckte einen Finger in die Luft. »Wir sehen uns morgen.«

Asen seufzte. »Bis morgen, Boss.«

Als er nach Hause kam, schaute er nicht in den Spiegel. Er wusste nur allzu gut, wer er war.

Er zog das Samtbeutelchen aus der Tasche und fischte den Zettel heraus. Ein starker Lavendelgeruch stieg ihm in die Nase.

Er hatte keine Ahnung, wohin ihn die Symbole auf dem Zettel führen würden. Er wusste nicht mal, ob der magische Zirkel ohne einen besonderen Spruch oder die richtige Beschwörung sicher war. Kosara hätte die Symbole deuten können, aber er würde den Teufel tun, nach sechs Monaten Funkstille mit einem solchen Anliegen bei ihr aufzutauchen.

Was er sicher wusste, war, dass der Zirkel nur einmal funktionieren würde. Es war eine Einladung aus konkretem Anlass, zu einer Auktion magischer Objekte an genau diesem Abend. Er hatte nur diese eine Chance.

Er sollte sie besser nicht vermasseln.

3

Kosara

Kosara würde kein Feuer machen. Ausgeschlossen. Es war Juni. Auch wenn ihr Atem in der kalten Luft Schwaden bildete und ihre Finger, erfroren und steif, sich wie Eiszapfen anfühlten, war es einfach zu teuer. Feuerholz wuchs nicht auf Bäumen. Metaphorisch gesprochen.

Nach ihrer Rückkehr aus Sofiyas Salon goss sie sich ein Glas Wein ein, um ihre Nerven zu beruhigen, und setzte sich ins Wohnzimmer, das sie zu ihrer Werkstatt umfunktioniert hatte. Überall standen bunte Flaschen, Fläschchen und Gläser herum. Von den Deckenbalken baumelten Kräuter, Kaninchenpfoten und Hartriegelzweige, Rubafedern und an Schnüren aufgefädelte Karakonjul-Ohren.

Um den Raum ein bisschen freundlicher zu gestalten, hatte sie in einem kleinen Belograder Kramladen eine große Kristallkugel erstanden.

Die Kugel sah sehr hübsch aus auf dem Tisch – mit dem darin wirbelnden Nebel. Darüberhinaus allerdings erfüllte sie, soweit Kosara es zu beurteilen vermochte, keinerlei Zweck.

Erst jetzt bemerkte sie den roten Fleck darauf. Offenbar hatte Kosara die Kugel beim Abendessen mit Ljutika bekleckert. Sie war gerade dabei, den Fleck mit dem Ärmel abzuwischen, als es klopfte.

Die leise tickende Standuhr in der Ecke zeigte bald zwei in der Früh, und Kosara fielen fast die Augen zu. Auf dem Weg durch den dunklen Flur blieb ihr Schatten ihr dicht auf den Fersen, streckte sich demonstrativ und gab vor zu gähnen.

Ich weiß, ich weiß, dachte sie. Aber so ist es nun mal. Chernograd schlief nie, warum also sie?

Bevor sie die Tür öffnete, erlaubte sie sich, nur für einen Augenblick in Betracht zu ziehen, dass Asen draußen warten könnte. Vielleicht hatte er Schwierigkeiten in Belograd und brauchte ihren Rat. Oder vielleicht wollte er sie einfach bloß sehen.

Stattdessen stand ein großer, in einen dicken Mantel gehüllter Mann auf der Schwelle. Sie ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken. Es war ohnehin eine idiotische Idee gewesen. Wieso sollte Asen plötzlich mitten in der Nacht bei ihr auftauchen, nachdem er in den letzten sechs Monaten nicht mal angerufen hatte?

Es lag auf der Hand: Asen wollte mit Chernograd nichts zu tun haben. Er wollte mit ihr nichts zu tun haben.

Und konnte sie es ihm verübeln? Seinen letzten Besuch hatte er nur knapp überlebt.

»Kosara, bin ich froh, dass du zu Hause bist«, seufzte der Mann auf der Schwelle und klapperte mit den Zähnen. Seine Wollmütze hatte er sich so tief in die Stirn gezogen, dass sie sogar die Augenbrauen bedeckte. Nur die knallroten Ohren schauten hervor.

Kosara kniff die Augen zusammen … Dann machte es endlich klick. Der Bäckerlehrling. »Ibrahim? Himmel, ich habe dich kaum erkannt. Was ist los?« Bibbernd fügte sie hinzu: »Komm rein, du kannst es mir drinnen erzählen.«

Auf dem Weg ins Wohnzimmer schnippte Kosara mit den Fingern und murmelte einen Zauberspruch. Es gab einen lauten Knall. Im Kamin loderte das Feuer auf.

Jetzt hatte sie ja Besuch. Die perfekte Ausrede für ein bisschen Wärme.

»Setz dich«, sagte sie, und Ibrahim schlurfte zu einem Stuhl. »Möchtest du Wein? Oder etwas Stärkeres?«

»Etwas Stärkeres, bitte.«

Kosara schenkte ihm ein Glas Aprikosen-Rakija ein, selbst gebrannt und so stark, dass ihr allein vom Geruch die Augen tränten. Ibrahim leerte es in einem Zug.

Kosara füllte das Glas wieder auf. »Was ist los? Du bist weiß wie ein Gespenst.«

Ibrahim sah sie mit seinen schwarz umrandeten Augen lange an. »Ich glaube, ich bin tot.«

Kosara lachte auf, aber seine Miene blieb ernst. Das Lachen erstarb auf ihren Lippen. »Tot? Wie das?«

»Ich habe am Radio rumgebastelt und mir einen Stromschlag geholt. Ich versuche, Signale aus dem Reich der Monster zu empfangen.«

Kosara hatte von dieser verrückten Idee gehört. Als ob die Monster einfach rumsitzen und Radio hören würden wie die Menschen. »Ja.«

»Ich dachte, ich hätte endlich was. Ich schwöre, dass ich seine Stimme gehört habe.«

»Wessen Stimme?«

»Die des Zmey.«

Kosara lachte noch mal auf, diesmal um einiges schriller. Die Hand, in der sie die Flasche hielt, zitterte, und die bernsteinfarbene Flüssigkeit darin schwappte hin und her. Sie war versucht, sich auch ein Glas einzuschenken. »Der Zmey ist fort, Ibrahim.«

»Und ich sage dir, dass ich ihn gehört habe. Und dann bin ich mit dem Schraubenzieher abgerutscht, und er kam mit irgendwas in Kontakt, und ich habe einen Stromschlag bekommen. Und bin gestorben. Mein Partner … Dancho, du müsstest ihn eigentlich kennen …« Ibrahim hielt inne und fügte dann mit einem Hauch von Stolz hinzu: »Er ist Arzt.«

»Ich kenne ihn.«

»Er fand mich rußbedeckt und zusammengesunken am Schreibtisch. Schau her.« Ibrahim nahm die Mütze ab und entblößte seine buschigen Augenbrauen und sein wirres, in alle Himmelsrichtungen abstehendes Haar.

»Also gut«, sagte Kosara und schenkte ihm noch mal nach. Wenn er so weitermachte, würde er bald unter dem Tisch liegen, ganz gleich, ob tot oder lebendig. »Ich verstehe ja, dass du einen Schreck bekommen hast, aber es scheint dir doch ganz gut zu gehen …«

»Du verstehst nicht. Dancho hat keine Lebenszeichen festgestellt. Keinen Puls. Ich war tot, Kosara. Mausetot.«

»Na ja, manchmal kommt es vor, dass man für ein paar Minuten tot ist, aber wiederbelebt werden kann. Mit Reanimation kennt Dancho sich doch aus.«

»Das tut er, aber es waren Stunden, nicht bloß Minuten. Ich starb am Morgen und bin am Nachmittag mit totalem Heißhunger aufgewacht.«

»Du hattest kein Mittagessen.«

»Heißhunger auf Blut, Kosara.«

Kosara betrachtete stirnrunzelnd Ibrahims blasse Haut und seine blutunterlaufenen Augen. Sie musste zugeben, dass er als Upir hätte durchgehen können, aber genauso gut konnte er einfach ein Mann sein, der sich gerade vom Schreck seines Lebens erholte. So ein Schock vermochte bei einem Menschen, einigen Schaden anzurichten.

»Das kann nicht dein Ernst sein«, sagte Kosara. »Ich habe schon Upire auferstehen sehen. Die bloße Tatsache, dass du hier ein zivilisiertes Gespräch mit mir führst, ohne mich aussaugen zu wollen, beweist mir, dass du keiner bist.«

»Aber gibt es nicht auch Upire, die sich Reste ihres Verstands bewahren?«

»Nicht gleich nach ihrem Erwachen! Zwanzig, dreißig oder hundert Jahre später – wenn sie es so lange machen – erlangen einige von ihnen vielleicht Teile ihrer Persönlichkeit zurück. Oder entwickeln eine neue, da bin ich mir nie ganz sicher. Aber Stunden? Ein junger Upir ist durchgeknallt wie ein tollwütiger Hund.«

»Und doch bin ich hier.«

»Ibrahim«, sagte Kosara mit ruhiger Stimme. »Ich versichere es dir als Hexe. Glaub mir. Du bist kein Upir.«

»Aber ich will Blut trinken, Kosara! Weißt du, was ich gemacht habe, als ich zu mir gekommen bin? Wir halten Hühner, weißt du? Ein paar Hennen. Ich bin gleich rüber zum Hühnerstall. Dancho hat mich ertappt, als ich mir gerade eine geschnappt hatte, drauf und dran, ihr den Kopf abzubeißen.«

»Unter Schock machen Leute die komischsten Sachen. Vielleicht hast du Eisenmangel.«

»Ich habe Blutmangel!«

»Hast du dich mal gepikst? Upire haben schwarzes Blut.«

»Alle? Ich dachte, manche …«

»Ja, stimmt, manche kriegen ihr rotes Blut zurück, aber das ist die Ausnahme. Hast du’s versucht?«

»Dancho hat mich mit einer Nadel gepikst.« Ibrahim zeigte ihr einen kleinen Fleck auf seinem Zeigefinger. »Rot.«

»Siehst du?«

»Aber manche …«

»Hör zu, ich braue dir einen Trank, was hältst du davon? Spinat, Walnüsse, Karakonjul-Leber. Jede Menge Eisen. Das trinkst du ein paar Tage und schaust dann, ob es besser wird. Einverstanden?«

Ibrahim seufzte. »In Ordnung. Ist ja nicht so, als ob ich eine Wahl hätte. Dancho bringt mich um, wenn ich seine Hennen töte.« Er lachte bitter. »Obwohl er dafür vielleicht mein Herz mit einem Espenpfahl durchbohren muss!«

Kosara braute den Trank in aller Eile, weil ihr beinahe schon die Augen zufielen. Es war ein langer Tag gewesen. Neben ihrer üblichen Kundschaft, die Tränke für die Wehwehchen brauchte, kamen in letzter Zeit immer mehr Leute, die einen verhängnisvollen Ausflug nach Belograd hinter sich hatten. In Chernograd war man das exotische Essen und den Alkohol nicht gewohnt, viele brauchten etwas gegen ihren Kater oder gegen Magenschmerzen. Dazu kamen allergische Reaktionen auf fremde Kosmetika, Seekranke, die nie zuvor auf einem Schiff gewesen waren, und Leute, die sich wegen irgendeines kulturellen Missverständnisses auf dumme Streitigkeiten eingelassen hatten.

Doch es waren nicht nur Menschen aus Chernograd, die zu ihr kamen. Halb Belograd strömte jetzt in die Stadt, und binnen weniger Monate hatte sie mehr Upir-Bisse und Varkolak-Kratzer behandelt als in all den Jahren zuvor. Möchtegernmonsterjäger, glotzäugige Touristen, Extremsportler und Auswanderer der zweiten oder dritten Generation auf der Suche nach ihrem alten Familiensitz: Die Schlange vor ihrer Werkstatt nahm kein Ende.

Kaum dass der Trank aufgekocht war, füllte Kosara ihn in ein Fläschchen und reichte es Ibrahim. »Komm in ein paar Tagen wieder und erzähl mir, wie es dir geht.«

»Danke. Ich hoffe, es hilft. Was schulde ich dir?«

»Drei Groschen.«

Ibrahim schnappte nach Luft. »Drei?«

»Ist das ein Problem?«

»Na ja, wir sind gerade aus dem Urlaub in Mesambria zurückgekommen und ein bisschen knapp bei Kasse. Du weißt doch, wie teuer es im Ausland ist. Und wenn wir jetzt auch noch eine Beerdigung ausrichten müssen …«

»Für wen?«

»Für mich.«

Kosara seufzte tief. »Zum letzten Mal, Ibrahim, du bist nicht tot. Gib mir einen Groschen und zieh Leine.«

»Einen Groschen? Bist du sicher? Allein die Karakonjul-Leber kostet mehr.«

»Glaub mir, das weiß ich.«

Als Ibrahim gegangen war, beschloss Kosara, nicht in ihr kaltes Schlafzimmer umzuziehen. Das Feuer in der Werkstatt war zu angenehm, außerdem war es oben, jetzt, wo Nevena fort war, immer so still.

Seit jener Winternacht, in der sie den Zmey in die Mauer gesperrt hatte, hatte Kosara die Stimme ihrer Schwester nicht mehr gehört. Mehr und mehr kam es ihr so vor, als hätte sie sich das alles auch vorher nur eingebildet.

Es waren traumatische zwölf Tage gewesen. Kein Wunder, dass sie am Ende Stimmen gehört hatte.

Doch als sie sich unter einem Haufen Decken auf das Sofa kuschelte und in die lodernden Flammen sah, konnte sie nicht abstreiten, dass es da durchaus eine Stimme gab, die sie hörte.

Meine kleine Kosara, flüsterte der Zmey. Wo bist du? Es ist so kalt hier draußen. So bitterkalt.

Sie wurde verrückt. Eine andere Erklärung konnte es dafür nicht geben. Die Einsamkeit hatte sie in den Wahnsinn getrieben, und jetzt hörte sie Stimmen. Es war eben nicht normal, in einem großen, knarzenden Spukhaus zu wohnen. Sie sprach auch viel zu oft mit den Hausgeistern, obwohl sie die außerhalb der Schmutzigen Tage nur dann und wann wie Schatten vorbeihuschen sah.

»Nazdrave, Tantchen«, prostete sie der Küchenfee zu, wenn sie abends noch ein Gläschen Wein trank.

»Guten Morgen, Onkel«, grüßte sie den Badezimmergeist, wenn sie sich morgens die Zähne putzen ging.

Immerhin hatte sie es ihnen zu verdanken, dass das Haus noch nicht über ihr zusammengebrochen war und sie unter vergammelten Tapeten, Staub und rostigen Nägeln begraben hatte. Sie hatte in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, dass kaum Zeit zum Putzen oder für Reparaturen geblieben war. Sie musste ihre Kunden betreuen und in zwielichtigen Stadtvierteln nach Karakonjul-Spuren suchen. Für viel mehr reichten die Stunden eines Tages nicht.

»Guten Morgen, Onkel«, sagte sie wie üblich, als sie frühmorgens ins Badezimmer kam. Es war so kalt, dass an dem kleinen runden Fenster über der Badewanne Eisblumen blühten.

Frost. Im Juni!

Kaum dass sie sich die Zähne geputzt hatte und unter die Dusche hüpfen wollte, klopfte es unten an der Haustür. Kosara seufzte. Nicht mal in dieser Herrgottsfrühe konnte man sie in Ruhe lassen.

Wieder klopfte es, so laut, dass die Schwalben, die unter dem Dach nisteten, aufschreckten und wütend tschilpten.

»Ich komme schon«, rief Kosara und zog sich ihren Pullover auf der Treppe wieder an.

Als sie die Tür öffnete, stand Ibrahim davor und sah noch schlechter aus als gestern – noch müder und so nervös, dass ihm die Hände zitterten.

»Die Hühner!«, kreischte er. »Kosara, die Hühner wurden alle umgebracht!«

Chernograd war nie besonders fröhlich, nicht mal im Sommer. In diesem Juni jedoch war die Stadt grauer und düsterer denn je. Sonst hatten die Cafés und Restaurants draußen Tische und Stühle aufgebaut, und ein Eiscremeverkäufer radelte durch die Stadt. Nicht so in diesem Juni. Die Fenster der meisten Wirtshäuser waren vernagelt, die Konkurrenz auf der anderen Seite der Mauer war einfach zu groß. Und Kosara hatte gehört, dass der Eisverkäufer nach Belograd ausgewandert sei.

Ibrahim wohnte ganz in der Nähe, in einem Mietshaus, das versteckt in einer Gasse abseits des Marktplatzes lag. Er schloss die Tür auf und führte sie in einen dreckigen Flur.

»Ich bin früh aufgestanden, weil ich zur Arbeit musste«, erklärte er, während er in seinen Manteltaschen nach dem Schlüssel für das Gartentor suchte. »Den Teig setzen wir normalerweise schon um drei Uhr morgens an, damit er Zeit hat aufzugehen. Dann den Blätterteig ausrollen, was ewig dauert … Aber egal, ich bin aufgestanden und runter, um die Hennen zu füttern. Dancho hat heute Nachtschicht.« Mit zitternden Fingern schloss er das Tor zum Garten auf. Nervös fuhr er sich durch sein dunkles Haar. »Gott, er wird furchtbar sauer auf mich sein. Er hat diese Hennen geliebt, als wären sie seine Kinder. Hat jeder einen Namen gegeben, ist das zu fassen?«

»Jetzt beruhig dich mal«, sagte Kosara. »Er wird nicht wütend auf dich sein. Es ist doch nicht deine Schuld.«

»Und wenn doch?« Ibrahim warf ihr einen panischen Blick zu. »Was, wenn ich schlafgewandelt bin und es getan habe?«

»Deine blutverschmierten Hände wären dir beim Aufwachen wohl aufgefallen.«

»Vielleicht habe ich sie mir gewaschen.«

»Hast du noch immer Blutdurst?«

»Nein.« Ibrahim hielt inne. »Nein, ich glaube nicht.«

»Der Trank hat also geholfen.«

»Vielleicht habe ich ihn mitten in der Nacht auch einfach auf anderem Weg gestillt.«

Kosara langte an ihm vorbei und stieß das Tor auf. »Sehen wir uns doch mal am Tatort um.«

Sie hatte es scherzhaft gemeint, aber bald musste sie feststellen, dass an der Situation rein gar nichts komisch war. Im Garten sah alles nach einem Gemetzel aus. Kleine gefiederte Körper waren kreuz und quer über den Rasen verstreut und stapelten sich im Hühnerhaus. Augen wie schwarze Perlen starrten sie an, mit leblosem Blick.

Blut allerdings gab es keines. Die meisten Hennen sahen aus, als wären sie eingeschlafen, ohne jemals wieder aufzuwachen. Nur der Hahn schien sich gewehrt zu haben: Sein Flügel stand in einem unnatürlichen Winkel ab, und sämtliche seiner Krallen waren abgebrochen.

»Was zur Hölle …« Kosara sah sich um. »Ihr teilt euch den Garten mit niemandem sonst? Niemand außer euch hat einen Schlüssel?«

»Nicht dass ich wüsste.«

Mit der Stiefelspitze drehte Kosara den Hahn um, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht anzufassen. Entweder stammten seine Verletzungen von einem Kampf, oder er hatte sie sich selbst zugefügt, als er in blinder Panik gegen die Wände des Hühnerstalls gerannt war. Aber was würde einen Vogel derart in Panik versetzen?

»Der Nachbar meint, wir sollen sie rupfen«, sagte Ibrahim dumpf. »Und Hühnersuppe kochen. Aber ich habe es einfach nicht über mich gebracht. Ich kann Dancho doch nicht seine eigenen Hühner vorsetzen.«

»Nicht. Fass sie nicht an! Wir wissen nicht, woran sie gestorben sind. An deiner Stelle würde ich den Tierarzt holen, damit er einen Blick auf sie wirft.«

»Glaubst du, sie waren krank?«

Kosara zögerte. Im Lauf der Jahre hatte es viele Fälle von Vogelgrippe in Chernograd gegeben – das kommt davon, wenn man auf engem Raum so viele Tiere hält. Aber das hier …

Ihr Blick fiel wieder auf den Hahn mit dem gebrochenen Flügel. Irgendetwas stimmte nicht. Ihr sechster Sinn schrie regelrecht, dass das hier nicht natürlich war.

Es lag eine seltsam vertraute Spannung über dem Hühnerstall, so stark, dass sie beinahe knisterte. Und in der Luft hing ein Geruch, der Kosara ebenfalls bekannt vorkam, ohne dass sie hätte sagen können, woher.

Ibrahim musterte sie mit gerunzelter Stirn.

»Du hast sie nicht umgebracht«, sagte Kosara mit Bestimmtheit. »Es hat auch niemand ihr Blut getrunken. Irgendwas anderes muss sie erwischt haben.« Oder jemand.

»Bist du sicher?«

»Lebst du nicht mit einem Arzt zusammen? Sehen diese Hühner aus, als hätte man sie ausgesaugt?«

»Vielleicht habe ich ja nur das Blut von ein paar wenigen getrunken, bis mein Hunger gestillt war. Und dann habe ich die übrigen umgebracht, denn sie waren ja Zeugen.«

Kosara starrte ihn an. »Machst du Witze?«

»Ich weiß es nicht, Kosara! Ich war nicht ich selbst.«

»Ruf den Tierarzt. Ich wette, er kann das Rätsel lösen.«

Kosara war eine Hexe. Sie war nicht zuständig für Hühnermassaker. Wäre Asen hier, hätte er den Fall vermutlich im Handumdrehen gelöst.

Kosara schüttelte den Kopf. Sie musste aufhören, an Asen zu denken.

»Lass mich wissen, was der Tierarzt sagt«, rief sie auf dem Weg zum Tor. »Ich bin sicher, es gibt eine logische Erklärung für das Ganze.«

Auf dem Heimweg jedoch wurde sie das Gefühl nicht los, etwas übersehen zu haben.

Da war etwas im leeren Blick der Hühner gewesen. Etwas an den abgebrochenen Krallen des Hahns. Etwas an dem vertrauten Geruch.

Zu Hause angekommen, zog sie sogleich das Bestiarium aus dem Regal und wischte den Staub vom Umschlag. Es war ein paar Jahre her, dass sie in Chernograd einem unbekannten Monster begegnet war – Lamia nicht mitgerechnet, versteht sich.

Kosara blätterte durch die Seiten und betrachtete die Illustrationen.

In alphabetischer Reihenfolge waren da all die üblichen Monster zu sehen: Chuma, Hala, Karakonjul …

Dann fiel ihr Blick auf die Zeichnung eines riesigen schwarzen Hahns mit glühenden Augen.

Mratinyak stand da in kunstvoller Schrift über dem Kopf des Vogels. »Verursacht Krankheiten bei domestizierten Vögeln«, hieß es im Text.

Und darunter: »Der große Vorbote von Pest und Tod.«

4

Asen

So ein Teleportzauber war nichts für einen schwachen Magen. Asens sämtliche Organe wurden von innen nach außen gekehrt. Er glaubte, seine Eingeweide würden zerfasern. Sein Blut schien dünn zu werden und zu schäumen. Sein Herz pumpte es mit Hochdruck in Finger und Zehen, die sich daraufhin blähten wie Ballons.

Eine Sekunde später ging ein Ruck durch seinen Körper. Er landete hart, mit den Füßen zuerst. Grelles Licht blendete ihn. Eine Wand aus Lärm drückte gegen sein Trommelfell – eine Menschenmenge. Er hatte sich kaum zur Hälfte materialisiert, als ihn jemand anrempelte und brüllte, er solle gefälligst aufpassen, wo er hinlaufe.

Immer noch orientierungslos lehnte sich Asen an eine hochaufragende Säule und atmete tief durch. Er blinzelte, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten.

Offenbar befand er sich in einem Opernhaus: einem großen Saal mit samtbezogenen Sitzreihen, dazwischen breite Gänge und vorn eine Bühne.

Elegant gekleidete Besucher schlenderten umher, pafften importierte Zigarillos und Zigarren und kippten in einem solchen Tempo Sekt, dass es selbst hartgesottene Kneipengänger beeindruckt hätte. In den höher gelegenen Logen wurde mit Handfächern gewedelt. Operngläser blitzten auf.

Asen war unentschieden. Er wusste nicht recht, wohin er sich wenden sollte. Jeder schien hier jeden zu kennen. Er hingegen entdeckte keine bekannten Gesichter, was eine Erleichterung war. Die Gefahr, dass einer von Karaiwanows Leuten ihn erkannte, war damit ein Stück geringer. In den zurückliegenden Wochen hatte er sich extra einen Bart wachsen lassen. Außerdem hatte er sich bemüht, sich möglichst unauffällig zu kleiden, also hatte er sich einen einfachen schwarzen Anzug angeschafft. Das war schon mal ein Fehler gewesen. In dieser Masse aus Perlen, Federn, teuren Steinen und importierten Stoffen stach er damit heraus wie ein bunter Hund.

Um sich unsichtbar zu machen, schnappte er sich ein Sektglas von einem Tablett und ignorierte den Kellner, der es trug. Er hatte den Eindruck gewonnen, die Versammelten sagten weder »Bitte« noch »Danke«.

»Sie sind neu hier«, hörte er jemanden hinter sich.

Asen drehte sich um. Eine Frau musterte ihn durch eine rubinbesetzte Stielbrille.

Er bildete sich etwas darauf ein, das Alter von Menschen genau schätzen zu können. Wann immer er jemanden kennenlernte, fertigte er im Geist eine Personenbeschreibung an. Doch in diesem Fall hatte er Schwierigkeiten. Die Frau hatte füllige Wangen und war kräftig und farbenfroh geschminkt, wodurch sie jünger wirkte. Ihr kunstvoll aufgetürmtes Haar jedoch durchzogen graue Strähnen.

Außerdem kam sie ihm schrecklich bekannt vor. Asen runzelte die Stirn und überlegte angestrengt, wo er ihr schon einmal begegnet sein könnte.

»Maria heiße ich«, sagte sie. »Maria Hajieva.«

Oh, verdammt.

Sie waren sich begegnet, sogar mehrfach. Nur dass ihr Haar damals stets zu einem strengen Dutt gebunden gewesen war, sie nur leichtes Make-up getragen hatte und ihre Kleidung geschäftsmäßig konservativ gewesen war. In diesem roten Rüschenkleid hätte er sie niemals erkannt.

Maria Hajieva war die Bürgermeisterin von Belograd.

»Ah, es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Maria«, sagte Asen mit einem Akzent, der selbst in seinen eigenen Ohren peinlich aufgesetzt klang. »Kostas Dimitriadis ist mein Name. Ich bin ein reicher Seidenhändler aus der großen Stadt Stambul auf der anderen Seite des Marmormeers.«

Asen fluchte still in sich hinein. Was zur Hölle machte er da? Kein Mensch redete so. Wer stellte sich selbst schon als »reichen Händler« vor? Natürlich hatte er seine Geschichte einstudiert, aber daheim vor dem Spiegel war sie viel besser rübergekommen.

Er musste sich zusammenreißen. Offensichtlich hatte die Bürgermeisterin ihn nicht erkannt. Noch hatte er ihren Verdacht nicht geweckt.

»Ein Drink?«, fragte er und rollte das R. Was für ein Akzent sollte das sein? Aus Stambul war er schon mal nicht, so viel war sicher.

Die Bürgermeisterin nahm die Sektflöte, die er ihr reichte. »Also, Kostas, was führt Sie heute Abend hierher?«

»Ach, wissen Sie, reine Neugierde eigentlich. Ich habe von den magischen Schätzen Belograds gehört und wollte sehen, was es damit auf sich hat.«

»Es hat viele Nachteile, so arme Nachbarn zu haben«, sagte die Bürgermeisterin trocken. »Aber ich muss zugeben, die Magie, die jetzt über die Mauer in unsere Stadt strömt, zählt nicht dazu.«

»Warum sind Sie hier, B…« Meine Güte, Asen, reiß dich zusammen! Beinahe hätte er sie »Bürgermeisterin« genannt. »Beste Maria?«

Als die Bürgermeisterin sich vorbeugte, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, stieg ihm der zitronige Duft ihres Parfüms in die Nase. »Ich habe gehört, dass die Auktion heute etwas ganz Besonderes sein soll. Offenbar hat unser großzügiger Gönner eine Überraschung geplant.«

»Was für eine Überraschung?«

Maria lachte auf und tippte Asen neckisch mit dem Fächer auf die Schulter.

»Na, wenn er es mir verraten hätte, wäre es ja keine Überraschung mehr, oder?«

Asen sah irritiert auf seine Schulter und dann ins Gesicht der Bürgermeisterin. Sie flirtete. Deshalb hatten sein unmöglicher Akzent und seine noch unmöglichere Geschichte ihre Alarmglocken nicht läuten lassen. Es war ihr egal, wer er war, ihr ging es einzig darum, einen reichen Fremden in einem gut geschnittenen Anzug abzuschleppen.

Das war in Ordnung. Damit konnte Asen arbeiten.

»Hören Sie, Maria.« Ihren Namen zu wiederholen, war immer eine gute Idee, wie Asen aus dem Handbuch für Verhöre wusste. So etwas wog die Leute in Sicherheit. »Sie sehen aus wie eine großzügige Frau. Vielleicht können Sie mir helfen. Die Wahrheit ist: Ich bin heute Abend nicht zufällig hier. Man hat mich in einer wichtigen Mission entsandt.«

»Oh?« Die Bürgermeisterin zog eine Braue hoch. Sie hatte Rubine darauf geklebt, die funkelten, sobald sie das Gesicht verzog. »Was für eine Mission?«

»Kennen Sie den Padischah von Stambul?«

»Wir sind uns mal über den Weg gelaufen.«

»Ich arbeite für ihn. Er weiß um den guten Ruf, den Ihre Stadt in Sachen Magie genießt. Wenn es Magie wirklich gibt, dann in Belograd, heißt es doch.«

Asens Versuche, an den Patriotismus der Bürgermeisterin zu appellieren, hatten offenbar Erfolg. Sie strahlte ihn an. »Also, was möchte Ihr Padischah haben?«

»Wie Sie wissen, ist er unvorstellbar reich. Er hat alles, was ein Mann sich wünschen kann …« Eine dramatische Pause. »Außer einer Sache.«

»Welcher?«

»Liebe. Seine junge Frau ist vor ein paar Jahren gestorben.«

»Oh, wie furchtbar.«

»Er würde alles dafür geben, noch einmal ihre Stimme zu hören.« Asens Lächeln wurde breiter. Er hatte sie am Haken. »Schauen Sie, deshalb hat er mich hergeschickt. Er hat von den Hexen aus Chernograd gehört, die mit den Toten sprechen können …«

»Er muss nach Chernograd reisen und Sofiya aufsuchen. Während der Schmutzigen Tage, wenn die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten am dünnsten ist …«

»Wie Sie wissen, ist er mittlerweile ein alter Mann und außerstande, weit zu reisen. Kann man denn gar nichts anderes tun? Es muss doch irgendein Amulett geben.«

»Von so einem Objekt habe ich keinerlei Kenntnis.«

»Aber wenn Sie sich vielleicht einmal umhören könnten … Mir ist etwas zu Ohren gekommen – von einem Mann in Chernograd, der jeden nur erdenklichen Zauber beschaffen kann.«

Die Bürgermeisterin verzog den Mund. »Sie bitten also um eine Audienz bei unserem erlauchten Gönner, ist es das?«

Asen stockte. Das war viel zu einfach gewesen. »Ich gebe zu, ich hatte gehofft, ihn heute Abend hier anzutreffen.«

Die Bürgermeisterin wollte etwas entgegnen, wurde aber von einer lauten Stimme unterbrochen. »Bürgermeisterin!«

Ein hochgewachsener Mann legte ihr die Hand auf die Schulter. Er war vielleicht Mitte vierzig, überdurchschnittlich groß und trug einen dicken schwarzen Schnurrbart, der wie der Zwilling seiner buschigen schwarzen Augenbrauen wirkte.

Die Bürgermeisterin sah lächelnd zu ihm auf, doch Asen war nicht entgangen, wie sich ihr Mund für den Bruchteil einer Sekunde ärgerlich verzogen hatte. Sie hatte Asen nicht verraten, was sie beruflich machte. Vermutlich war sie auf einen schnellen Seitensprung aus, ohne Persönliches preiszugeben.

»Anton, wie schön, dich hier zu sehen«, sagte sie. Der Mann beugte sich vor, und sie hauchten sich gegenseitig falsche Küsse auf die Wangen. »Das ist Kostas. Er hat mir erzählt, dass er in Stambul ein Vermögen mit Seide gemacht hat.«

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen«, sagte Asen, wobei er das Wort »Vergnügen« mit einem möglichst fremdländischen Zungenschlag aussprach. Himmel, sein Akzent klang von Mal zu Mal aufgesetzter.

»Seide, was?«, sagte Anton und schüttelte Asen energisch die Hand. »Spinnen- oder Muschelseide?«

Asen, der nicht die leiseste Ahnung von Seide hatte, hielt es für das Sicherste, so zu tun, als habe er nicht verstanden. »Entschuldigung, Ihr Dialekt bereitet mir Schwierigkeiten. Könnten Sie die Frage für mich wiederholen?«

Glücklicherweise ließ die Bürgermeisterin sie nicht noch tiefer in die Geheimnisse des Seidenhandels eintauchen. »Lass gut sein. Kostas hatte gehofft, heute Abend Konstantin kennenzulernen«, sagte sie zu Anton. »Weißt du, ob er kommt?«

»Ich fürchte nein, Mimi.«

Jetzt, da Asen Zeit gehabt hatte, ihn genauer in Augenschein zu nehmen, war ihm klar, dass Anton einer von Karaiwanows Leuten war. Allein seine Größe und die nur unzureichend versteckte Waffe unter seinem Jackett ließen darauf schließen.

Asen musste sich beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen. Öffentlich vertrat die Bürgermeisterin eine harte Haltung gegen die Schmuggler. Privat bandelte sie mit ihnen an.

»Oh, warum denn nicht?«, fragte sie.

»Na ja, du weißt schon. Er lässt sich im Moment ja kaum noch draußen blicken.«

Asen hatte keine andere Antwort erwartet. Konstantin Karaiwanow war für seine Versteckspiele bekannt. Jahrelang war er der Polizei wieder und wieder entwischt. Er würde nie einfach so in einen Saal wie diesen spazieren.

»Aber weißt du, was ich gehört habe?«, sagte Anton. »Er hat einen Weg gefunden, wie er sich aus seinem Unterschlupf wagen kann.«

Maria hob eine Braue und ließ die Rubine funkeln. »Wie das?«

Anton warf einen misstrauischen Blick auf Asen, der sich bemühte, wie ein argloser Fremder zu wirken, von seiner Umgebung so eingenommen, dass er dem Gespräch der beiden keinerlei Aufmerksamkeit schenkte. Anton zögerte, doch dann siegte sein Verlangen, vor der Bürgermeisterin mit seiner Beziehung zu Karaiwanow anzugeben.

»Angeblich hat er eine Möglichkeit gefunden, sich unkenntlich zu machen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es glauben soll. Er wird ganz schön … äh … abergläubisch auf seine alten Tage. Er schleppt auch immer diese Hexe mit sich rum, die ihm die Zukunft weissagt.«

»Er hat vor, sein Aussehen zu verändern?«, fragte Maria, offenkundig ganz Ohr. »Will er sich etwa operieren lassen?«

Asen versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn die Antwort interessierte.

Anton öffnete den Mund, doch noch bevor er etwas sagen konnte, unterbrach ihn eine Stimme, die aus den Lautsprechern kam.

»Nehmen Sie bitte alle Platz!«

Asen war so vertieft in Antons und Marias Gespräch gewesen, dass er aufschreckte.

»Oh, entschuldigen Sie mich«, sagte Maria und nahm Antons ausgestreckten Arm. »Ich hoffe, wir sehen uns wieder, wenn das hier vorbei ist, Kostas.«

Asen schenkte ihr ein charmantes Lächeln. »Das hoffe ich auch, Maria.«

Anton geleitete sie zu einer der Treppen, die zu den Logen führten. Verdammt.

Doch noch war nicht alles verloren. Die Bürgermeisterin schien sehr interessiert daran zu sein, ihn später wiederzusehen. Das gab Asen Zeit, seine Nerven zu beruhigen und sich nicht alles mit seinen jämmerlichen Schauspielkünsten zu ruinieren.

Er schlurfte zu seinem Platz in der Mitte des Parketts. Wenn er nur tief genug in seinem Sitz versank, würde ihn hoffentlich niemand auffordern zu gehen. Asens Herz setzte kurz aus, als sich eine Dame auf ihn zubewegte.

Ihre Haut war so fahl, dass sie fast durchsichtig wirkte. Ihre Augen waren blutunterlaufen.

Das kann nicht sein, sagte er sich. Was wollte ein Upir aus Chernograd hier?

Doch dann ließ sie sich auf dem Platz zu seiner Linken nieder, und er begriff, dass ihre Haut nicht von Natur aus so fahl war. Ein paar Partikel ihres blau-weißen Gesichtspuders hatten sich in den feinen Härchen auf ihren Wangen verfangen. Aus einem bestimmten Winkel glänzten ihre Augen, was darauf schließen ließ, dass sie Kontaktlinsen trug.

Einmal mehr widerstand Asen dem Drang, die Augen zu verdrehen. In den besseren Kreisen Belograds griff in letzter Zeit die bizarre Mode um sich, sich als Monster aus Chernograd zu verkleiden. Einmal darauf aufmerksam geworden, fielen Asen jetzt die unzähligen Samodiva-Perücken auf, die in der Menge glitzerten, nicht zu reden von den Halsketten mit Upir-Zähnen und den Diademen aus Rusalka-Schuppen.

Komisch, dachte Asen. Auf der anderen Seite der Mauer war es bittere Notwendigkeit, Hüte aus Karakonjul-Fellen zu fertigen. Hier war es ein Ausweis von Reichtum.

Er konnte das Publikum nicht länger studieren, die Lichter gingen aus. Nach ein paar Sekunden erwartungsvoller Stille trat ein großer Mann auf die Bühne und winkte in die Menge. Asen erkannte ihn sofort und runzelte die Stirn. Er hatte gerade erst seine Bekanntschaft gemacht. Es war Anton.

Asen wollte schon applaudieren, ließ die Hände aber sinken, weil sonst kein anderer Anstalten machte.

»Willkommen, willkommen, Freunde.« Anton stand hinter dem Mahagonipult und griff nach dem bereitliegenden Hammer. »Wie wundervoll ihr alle ausseht. Habt ihr denn auf euren Einladungen nicht gesehen, dass das hier ein informeller Anlass ist?«

Die Menge brach in Gelächter aus. Asen verzog das Gesicht.

»Heute Abend haben wir eine große Auswahl an wertvollen Objekten, darunter natürlich« – Anton zwinkerte dem Publikum zu – »unsere große Überraschung. Lasst uns anfangen!«

Diesmal gab es Applaus. Asen fiel verspätet ein.

Es folgte eine lange Prozession magischer Objekte, von Anton auf die Bühne gebracht und von der Menge mit Aaahs und Ooohs bedacht. Von einfachen Glücksbringern wie Kaninchenpfoten bis hin zu in Einmachgläsern versiegelten Flüchen war alles dabei. Asen rutschte unbehaglich hin und her, als eine herzförmige Flasche mit blutrotem Inhalt zum Verkauf stand. Ein Liebestrank.

Liebestränke waren eine hässliche Sache. Nicht nur ihrer Wirkung wegen, selbstredend ein gewissenloses Unterfangen, sondern auch wegen der Art und Weise, wie sie hergestellt wurden. Er hatte von verschiedenen Rezepten gehört, von denen jedoch keines ohne Zutaten wie Jungfrauen-Dieses oder Mädchen-Jenes auskam.

Asen notierte sich die Beschreibung des älteren Herrn, der das höchste Gebot abgab, um sie an Vartanian weiterzuleiten.

Endlich, als Asen schon langsam unruhig wurde, erloschen die Lichter im Saal. Anton wartete, bis es mucksmäuschenstill war, und sagte dann: »Und jetzt die Überraschung!«

Ein paar von Karaiwanows Handlangern zerrten einen Käfig auf die Bühne. Asen machte einen langen Hals und richtete seine müden Augen auf die verschattete Gestalt im Innern des lichtdurchfluteten Käfigs.

Ein lauter Schrei wie von einem Raubvogel erklang, und Asen wusste auf der Stelle, was – oder wer – in dem Käfig steckte. Es war, als hätten sich seine Augen bisher geweigert, das eigentlich Unmögliche anzuerkennen. Jetzt zeichneten sich die Umrisse einer großen, mit wächsernen Federn bedeckten Gestalt umso deutlicher ab.

Sie kreischte wieder, schrill und furchtbar vertraut. Asen hatte diese Schreie eine ganze Nacht lang gehört, eingesperrt in einem Käfig auf dem Palastdach des Zmey, er würde sie überall wiedererkennen. Es war der Schrei einer Ruba.

Das Publikum war verstummt, als der Käfig auf der Bühne erschien, jetzt begann es zu raunen, erst leise und dann immer lauter.

Asen sah, wie die Ruba in ihrem Käfig wütete und sich mit der Brust gegen das Gitter warf. Ihre Augen wanderten über die Menge und begegneten seinem Blick. Sie waren hell, ihr Ausdruck flehentlich und verstörend menschlich.

Sie wirkte täuschend echt. Was sie natürlich nicht sein konnte. Erstens konnte eine Ruba nach dem Ende der Schmutzigen Tage nicht in der Welt der Menschen bleiben. Zweitens hätte sie niemals die Mauer überwinden können.

Andererseits – hatte Malamir nicht erst vor ein paar Monaten einen Karakonjul nach Belograd geschafft? Irgendwie hatte er ihn dazu gebracht, in einen Teleportzirkel zu springen.

Asen hatte sich schon gefragt, wie lange es wohl dauern würde, bis jemand anders auf dieselbe Idee kam. Alles hing mit Karaiwanows Fortschritten beim Teleportzauber zusammen. Asen konnte sich noch erinnern, wie die Schmuggler zunächst einen Ring verwendet hatten, der sie über die Mauer bringen sollte. Das funktionierte aber nur knapp jedes zweite Mal. In den übrigen Fällen zerriss es den Ringträger von innen. Asen und der Rest von Karaiwanows Truppe hatten viele Nachmittage damit verbracht, Blut, Eingeweide und Hirnmasse von diversen Wänden zu schrubben.

Heutzutage schienen die Teleportzauber, gemessen an der Häufigkeit, mit der sie zum Einsatz kamen, nicht nur weit ungefährlicher zu sein, auch der Transport mehrerer Personen war mittlerweile möglich. Was würde wohl als Nächstes kommen? Der Teleportzauber für die ganze Familie? Wozu brauchte man noch öffentliche Verkehrsmittel, wenn man, statt in den Zug zu steigen oder die Fähre zu nehmen, einfach einen Kreidekreis zeichnen und ein paar Zaubersprüche murmeln konnte?

Allerdings wusste Asen nur zu gut, was es sonst noch für einen Teleportzauber brauchte, nämlich nicht nur eine qualifizierte, erfahrene Hexe, sondern auch ihren Schatten. Ein derart mächtiges Artefakt ließ sich nur herstellen, wenn man eine Hexe dazu brachte, ihre Magie zu opfern und einen langsamen Tod zu sterben.

Das war etwas, was alle Chernograder instinktiv wussten, die Belograder aber nur selten verstanden. Alle Magie hatte ihren Preis. Kein Zauber war ein Schnäppchen.

»Ruhe!«, rief Anton auf der Bühne. »Ruhe, bitte!«

Das Raunen ebbte ab. Nur noch die Schreie der Ruba waren zu hören.

Anton ging zum Käfig hinüber. »Ist sie nicht wunderschön?« Er langte durch die Gitterstäbe, um den Kopf der Ruba zu berühren. Sie zischte und schnappte nach ihm. Schnell zog er den Arm zurück. »Sie ist ein bisschen wild, aber das macht ja schließlich ihren Reiz aus, nicht wahr? Sie können sie eigenhändig zähmen.«

Asen kam die Galle hoch. Selbst wenn es ein Trick war und hier keine echte Ruba im Käfig steckte, handelte es sich doch um ein lebendes, atmendes Wesen. Karaiwanow musste eine Frau in den Käfig gesperrt haben, und dann … Wer wusste das schon? Vermutlich war ihm mit einer perversen Kombination aus Tränken und chirurgischen Eingriffen diese verstörend überzeugende Maskerade gelungen.

»Also, liebe Gäste.« Anton klatschte in die Hände. »Von wem kommt das erste Gebot?«

Der Mann mit der Mütze aus Karakonjul-Fell gleich neben Asen hob die Hand. Die Scheinwerfer, magisch behandelt, sodass sie auf Bewegung reagierten, strahlten ihn an.