Nächte im Harem - Clara Benton - E-Book

Nächte im Harem E-Book

Clara Benton

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Beschreibung

Sinnlich, exotisch, scharf: Entdecken Sie "Nächte im Harem" von Clara Benton – ein erotisches Abenteuer aus Tausend und einer Nacht jetzt als eBook. Das sittenstrenge England im Jahre 1894: Schockiert, dass ihre geliebte Schwester auf einer Reise in den Oman verschleppt wurde, begibt sich Emily wildentschlossen auf die Suche nach ihr. Ihr waghalsiges Abenteuer führt sie in den fernen Harem eines Sultans. Die verführerischen Düfte und exotischen Frauen wecken eine ungeahnte Leidenschaft in ihr. Doch alle Verlockungen des Orients sind nichts gegen den Sohn des Sultans – und dessen Lust auf Abenteuer ist genauso groß wie ihre ... Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Nächte im Harem" von Clara Benton. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 413

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Über dieses Buch:

Das sittenstrenge England im Jahre 1894: Schockiert, dass ihre geliebte Schwester auf einer Reise in den Oman verschleppt wurde, begibt sich Emily wildentschlossen auf die Suche nach ihr. Ihr waghalsiges Abenteuer führt sie in den fernen Harem eines Sultans. Die verführerischen Düfte und exotischen Frauen wecken eine ungeahnte Leidenschaft in ihr. Doch alle Verlockungen des Orients sind nichts gegen den Sohn des Sultans – und dessen Lust auf Abenteuer ist genauso groß wie ihre ...

Über die Autorin:

Clara Benton ist das Pseudonym einer britischen Bestsellerautorin. Sie wurde vor allem mit Kriminalromanen im bürgerlichen Milieu bekannt. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit unternahm sie ausgedehnte Reisen in den Nahen Osten.

***

eBook-Neuausgabe Juni 2014

Copyright © der Originalausgabe 2003 bei Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: © Renphoto - istockphoto.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-95520-628-4

***

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Clara Benton

Nächte im Harem

Roman

dotbooks.

»Wer ich bin?Ich bin Engländerin.Zur Freiheit geboren.«

aus Mozarts »Die Entführung aus dem Serail«

Prolog

Über die grünen Wiesen nördlich von Weymouth jagten zwei blonde Mädchen auf ihren Schimmeln dahin. Inmitten der zarten Nebelschleier des warmen Frühlingsabends hatten sie Ähnlichkeit mit Elfen.

Die Zwillingsschwestern lagen gleichauf, denn keine von beiden war ernsthaft bemüht, als Erste das Ziel zu erreichen. Sie strebten auf die Küste zu, genauer gesagt auf die steil abfallenden Kreidefelsen rund um Stag und Arch, an denen die duftenden, mit Blumen übersäten Wiesen jäh endeten. Unten an den Felsen brandete das Meer so heftig, als habe es die Aufgabe, die Lebenden mit seinem verführerischen Rauschen in die Tiefe zu locken.

Elinor beugte sich dicht über den Hals ihrer Stute, sie war beim Reiten so ernst wie bei allem, was sie tat. Emily, eine Stunde jünger als ihre Schwester, tat es ihr auf dem Hengst nach. Sie jauchzte, schrie gegen den Wind an und lachte, bis sie schließlich atemlos, aber glücklich das Ziel erreicht hatten. Dieser Überschwang der Gefühle war wohl in ihrer geringeren Lebenserfahrung begründet, wie Tante Gwendolin nicht müde wurde, immer wieder stirnrunzelnd zu behaupten. Doch auch darüber konnte Emily nur lachen.

Dicht vor dem Abgrund griff Elinor kräftig in die Zügel. Emily tat es ihr gleich. Die Pferde bäumten sich auf und wieherten laut, aber nach einer Weile beruhigten sie sich wieder.

Die Schwestern sprangen ab. Emily versuchte, eine von Elinors Haarsträhnen zu erwischen, doch Elinor wich geschickt aus und lachte. Wie so oft neckten sie sich übermütig. Sie waren lebenslustige junge Mädchen, die nichts betrüben oder erschrecken konnte. Sie umarmten sich schließlich stürmisch und ließen sich dann in die Wiese fallen. Die Pferde begannen sofort zufrieden zu grasen.

Elinor streckte sich, und Emily bettete ihren Kopf auf den Bauch der Schwester. Ihr volles Haar umrahmte ihr zartes Gesicht. Eine warme Brise wehte vom Meer herüber. Die beiden Mädchen spürten sie durch die dünnen Kleider auf ihren Körpern. Sie starrten einen Moment lang schweigend in den Himmel, der sich bereits rot zu färben begann, genossen das Rauschen des Meeres, den Himmel und ihre Zweisamkeit. Das war alles, was sie brauchten.

Plötzlich sagte Emily: »Als wir in London waren, wollte ich gar nicht mehr zurück nach Quill. Alles war so aufregend! Und die jungen Männer dort waren so gebildet und geistreich. Was sie alles wussten! Aber eigentlich war das College nur ein Zeitvertreib. Schließlich werden wir schon bald heiraten.«

»Und was hast du dagegen? Sind die Männer, die auf uns warten, nicht wunderbar?«, entgegnete Elinor verwundert.

»Nun, vielleicht eignen sie sich als Geliebte oder auch als lebenslange Freunde und Gesprächspartner. Aber als Ehemänner? Da schrumpft ihre Größe, und sie werden zu Gnomen, ehe du dich versiehst!«

»Woher willst du das wissen, du Schlaukopf? Sie bleiben doch immer Männer!«

»Sieh dir doch all die steifen Herren an, die uns mit ihren Frauen besuchen! Ist einer dabei, der deine Aufmerksamkeit verdient?«

Elinor seufzte. »Ich wünsche mir einen, der mir erklärt, warum ich eine jüngere Schwester habe, die so ruhelos und kritisch ist!«

Emily drehte sich auf den Bauch, kroch ein Stück nach oben und kicherte in Elinors weichen, duftenden Busen. »Ich bin so gespannt, wer von uns zuerst einen Liebhaber haben wird! Es ist herrlich, darüber nachzudenken! Wollen wir eine Wette abschließen?«

»Ich wette, ich habe zuerst einen! Es kann gar nicht anders sein! Dir genügt es doch, in lauen Sommernächten mit einem Mann, der dich anhimmelt, über den Sinn des Lebens zu philosophieren!«, parierte Elinor augenzwinkernd.

»Wie kommst du denn darauf? Du weißt anscheinend nicht, was ich jede Nacht träume!«

»Erzähl, kleine Schwester!«

»Nein, erzähl du!«

»Nein, du!«

Sie bogen sich vor Lachen. Schließlich sagte Emily: »Ich glaube, ich nehme einen Mann, der älter ist als ich. Und erfahrener. Die jungen sind so dumm! Und sie laufen einem nach wie Hunde. Sie sind irgendwie ... unterwürfig. Ältere Männer dagegen sind unwiderstehlich! Sie haben Charme und verstehen es, einer Frau Komplimente zu machen. Bei ihnen fühlt man sich geborgen. Man hat das Gefühl, sie denken nicht immer bloß an die körperliche Liebe.«

»Aber ich denke oft daran«, sagte Elinor verträumt. »Beim allerersten Mal muss es wunderschön sein, zärtlich und sanft. Wie der Sommerwind über den Blumenwiesen an der Küste.«

»Mir würde es schon reichen, wenn ich den Mann am Ende nicht hasse. Wenn ich nicht das Gefühl habe, dass er danach das Interesse an mir verliert. Denn dann soll es erst richtig losgehen. Es soll eine geistige Gemeinsamkeit zwischen uns geben, etwas, das uns dauerhaft verbindet. Und es soll romantisch sein. Noch besser wäre es umgekehrt, wenn nämlich die Leidenschaft sich aus der geistigen Übereinstimmung ergibt und man dann gar nicht mehr anders kann als ...«

»Wie du redest! So erwachsen! Also, ich glaube dir nicht, dass du das allen Ernstes so siehst, Emily!«

»Das solltest du aber! Ich stelle mir das so vor: Man bebt und erschauert, man kämpft dagegen an, nicht die Selbstbeherrschung zu verlieren, aber die Lust ist stärker ...«

»Na also, das klingt doch schon viel besser!«

»Es muss sich anfühlen wie nach dem ersten Glas Port, wenn sich alles im Kopf zu drehen beginnt und man unbedingt noch ein weiteres Glas trinken möchte. Natürlich muss man sich zunächst zügeln. Aber dann ergibt man sich der männlichen Kraft. Man ist schier überwältigt ... na ja, du weißt schon ...«

»Es muss jedenfalls ein wunderbarer Nervenkitzel sein. Ach, könnte ich es doch bald erleben!«

»Aber meinst du nicht, dass es auch noch genug andere wunderbare Nervenkitzel gibt, die es wert sind, ausprobiert zu werden?«

»Welche denn?«

»Na ja, beispielsweise ... ach, es gibt jedenfalls genug! Die Männer allerdings kennen nur diesen einen.«

Elinor sagte: »Jedenfalls will ich nicht ewig warten. Ich kann mir auch durchaus vorstellen, mit einem reifen Mann die Liebe zu erleben. Aber es soll nicht mehr allzu lange dauern!«

»Das ist ja wohl klar, dass ich auch nicht ewig darauf warten will!«, entfuhr es Emily. »Hältst du mich etwa für prüde?«

»Nein, natürlich nicht!«

»Ich denke, dass reife Männer einem nicht nur in körperlicher Hinsicht etwas zu geben haben. Sie besitzen Geist und Erfahrung! Wie auch immer – junge Männer reizen mich überhaupt nicht. Obwohl sie vielleicht einen schöneren Körper haben, so wie unser Stallknecht Bart.«

»Bart? Wie kommst du denn auf Bart?« Elinors Stimme war misstrauisch geworden.

»Ach, nur so. Er sieht toll aus – hast du ihn dir noch nie genau angesehen? Allerdings ist er ganz schön eingebildet. Er hat nur das eine im Kopf, wie ein ... wie ein Hund. Wie all seine Altersgenossen. Sie bewegen sich so, als wollten sie uns ständig imponieren mit ihrer Kraft und ihrer Bereitschaft.«

»Ein Mädchen ist eigentlich stets im Nachteil«, sagte Elinor nachdenklich. »Es muss immer abwarten und darf ihr Interesse nicht zeigen. Wir dürfen unsere Wünsche niemals äußern. In Anwesenheit eines Mannes schlagen wir schüchtern die Augen nieder und stottern. Und viel später müssen wir seinen Avancen nachgeben, weil man es von uns erwartet.«

Emily richtete sich auf. »Ist das denn nicht herrlich? Ich glaube, dass wir im Vorteil sind. Wir haben den Männern einiges voraus. Denn wir sind nicht auf die körperliche Liebe fixiert.«

»Das stimmt.«

»Wir sind nicht abhängig von unseren Begierden wie die Männer. Wir wissen, dass es bedeutendere und schönere Dinge gibt als das Körperliche. Männer sind gar nicht in der Lage, so etwas zu empfinden.«

»Glaubst du, dass wir Frauen das stärkere Geschlecht sind, Emily?«

»Unbedingt! Wir haben in jeder Beziehung Macht über die Männer. Denn wir brauchen die körperliche Liebe nicht so wie sie. Wir können die Vorfreude genießen. Das scheint für Männer stets lästig zu sein. Sie nehmen bloß, was die Frauen ihnen geben, und keuchen dabei auch noch unanständig. Das habe ich zumindest schon oft gehört.«

Die Schwestern mussten erneut lachen, umarmten sich und wälzten sich so lange auf der Wiese hin und her, bis ihre hellen Leinenkleider von grünen Grasflecken übersät waren.

Die beiden Siebzehnjährigen redeten oft über solche Dinge. Sie schienen überlegen und selbstsicher für ihr Alter, aber in ihren Worten lag vor allem die Sehnsucht danach, endlich eigene Erfahrungen zu machen. Und zumindest Emily wusste eins genau: Bisher hatte allein die Tatsache, dass sie eine höhere Tochter war, sie an jenen Erlebnissen gehindert.

Elinor hatte mehr Geduld. Nach all den Schwärmereien würde die Zeit der wirklichen Liebe bestimmt kommen, davon war sie überzeugt.

So träumte jede der Zwillingsschwestern auf ihre Art von der Liebe. Es war ein verlockendes Gelände, eine verheißungsvolle Landschaft mit mancherlei Geheimnissen und Gefahren, ähnlich der Steilkünste mit ihren sonnenbeschienenen, herrlichen Blumenwiesen und ihrem erschreckenden, dunklen Abhang.

Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Es war bereits früher Abend, die Sonne war gesunken und schien die Felsen zu berühren, die Jahrhunderte lang der Schrecken der Seeleute gewesen waren und jetzt nur noch den Möwen als Rastplatz dienten. Als sie nun die Gesichter der Schwestern zu kitzeln begann, als wolle sie gute Nacht sagen, sprangen beide auf.

Der Himmel war jetzt dunkelblau und rot, dazwischen zeigten sich orangenfarbene Streifen. Der Sonnenuntergang an der Küste bot oftmals ein Wechselspiel unterschiedlichster Farben. Das tosende Meer schlug gegen die Klippen, und die Gischt spritzte nach oben. Die Mädchen genossen dieses Schauspiel für einen Moment, dann bestiegen sie ihre Pferde. Sie ritten noch einmal dicht am Abgrund entlang. Unbeschwert stießen sie laute Freudenschreie aus. Das Echo faszinierte sie, und sie wurden nicht müde, lustige Worte hinab in die Tiefe zu rufen.

Als der Abendwind stärker wurde, wendeten sie und ritten rasch zurück nach Quill.

I. BuchLeben in Dorset

1. Kapitel

Die Schwestern lebten auf dem Landsitz ihrer Eltern wie in einem Paradies. Lord Eduard Kenton war ein zwar verschrobener, aber herzensguter Mann. Er stammte aus einem alten Adelsgeschlecht in Dorset und bekleidete als Professor für Orientalistik einen Lehrstuhl in Southampton. Dort verweilte er die Woche über und kehrte stets erst am Freitagabend nach Quill zurück. Seine Gattin, Lady Luise Kenton, entstammte der feinen, bürgerlichen Gesellschaft von Oxford. Sie war eine gebildete, ein wenig eigenwillige, reizbare und empfindsame Dame von fünfundvierzig Jahren. Die Tochter eines vermögenden Mannes bot noch immer einen schönen Anblick, und ihre Töchter sahen ihr außerordentlich ähnlich. Nur, wenn man ihr sehr nahe kam, bemerkte man die zarten Fältchen in der hellen Haut ihres mädchenhaften Gesichts.

An den Wochenenden, wenn die Familie beisammen war, gaben die Kentons oft rauschende Feste, sehr zum Vergnügen der beiden Mädchen. Hauptsächlich junge Studenten aus Southampton strömten herbei, um diese Ereignisse zu genießen. Sie trugen Flanellhosen und Stutzerjacken und legten offensichtlich viel Wert auf ihr Äußeres. Für jedes junge Mädchen wirkten sie zweifellos äußerst anziehend. Mit ihrem dandyhaften, liberalen Gehabe waren sie darum bemüht, eine gewisse Weltläufigkeit zu vermitteln. Bei den Kentons trafen sie auf die begüterten Bauernsöhne der Umgebung. Deren Eltern verdankten ihren Grundbesitz lediglich der harten, lebenslangen Arbeit. Die jungen, draufgängerischen Bauernsöhne jedoch wussten die Leistung ihrer Eltern meist nicht zu schätzen. Sie waren sich ihrer Konkurrenz aus reichem Hause bewusst und wollten auf keinen Fall hinter den Studenten zurückstehen. Sie warfen das Geld mit vollen Händen hinaus, sehr zum Unwillen ihrer Eltern. Aber die jungen Männer trachteten genau wie ihre Altersgenossen meist ausschließlich nach ihrem Vergnügen und wollten außerdem die Mädchen beeindrucken.

Elinor und Emily beobachteten die natürlichen Rivalitäten unter den jungen Männern und belachten die hoffnungsvollen Kandidaten aus beiden Lagern. Aber sie machten sich keine Gedanken über den wahren Grund dieser Rivalität. Die Beschaffenheit der Gesellschaft, die Klassenunterschiede und soziale Ungerechtigkeit waren keine Themen, die sie interessiert hätten. Sie selbst stammten aus wohlhabendem Hause, sie besaßen alles, was sie sich nur wünschen konnten. Sie hatten sich noch nie gefragt, wie es anderen ging, die in armen Verhältnissen lebten. Sie waren verwöhnte und gedankenlose junge Mädchen.

Außer den Studenten und Bauernsöhnen besuchten schneidige, junge Leutnants häufig die Feste bei den Kentons. Sie trugen stets perfekt sitzende Uniformen britischer Eliteregimenter. Die meisten gehörten der Royal Navy an. Allerdings war es unmöglich, dauerhafte Freundschaften zu ihnen aufzubauen, denn sie wurden oftmals plötzlich abberufen, um dann Monate später wieder aufzutauchen. Manche wurden nie mehr gesehen, man konnte nur mutmaßen, was ihnen in fernen Ländern zugestoßen war. Meist ließen sie ihr Leben in einem der zahlreichen Kolonialkriege, die das Empire ständig führte.

Auf jeden Fall waren es durchweg achtbare Männer, die sich auf dem Landsitz der Kentons versammelten – sofern sie sich den Mädchen gegenüber anständig benahmen. Darauf legten die Schwestern besonderen Wert. Und die jungen Herren wussten das und waren in ihrer Gegenwart äußerst bemüht, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Elinor und Emily zu gefallen war beinahe schon ein Sport geworden, den die jungen Burschen und heiratsfähigen Männer der Landbevölkerung und des Landadels gleichermaßen betrieben.

An einem Abend hatte sich Emily lange mit einem Kadetten unterhalten. Sie verbrachten nahezu den ganzen Abend miteinander und verabredeten sich für den darauf folgenden Tag zu einem Spaziergang.

Es war ein herrlicher Sommertag. Die beiden jungen Leute schlenderten am Strand von Weymouth entlang. Der Kadett hieß Langley, diente auf einem Segelmaster der Marine und schwärmte von fremden Ländern.

»Mich lockt das Unbekannte und Exotische, weißt du? Ich will Abenteuer bestehen und zu Reichtum gelangen. Aber davon wissen Mädchen wie du natürlich nichts.«

»So, glaubst?«

»Ja, das glaube ich. Ich liebe außerdem die Eisenbahn, dieses neue Gefühl von Schnelligkeit. Das ist einfach großartig! Die Menschen werden heutzutage transportiert wie Waren. Alles geht rasch.«

Emily lauschte ihm mit Hingabe. Die beiden jungen Leute setzten sich in den Sand, und Emily entledigte sich ihrer Schnürstiefel. Langley starrte für einen Moment gebannt auf ihre Füße, um dann sofort beschämt seinen Blick zu senken. Emily bemerkte, dass er leicht errötete. Am Strand tummelten sich zahlreiche Kinder, die das Spielen im Sand genossen. Um sie herum saßen Damen in hochgeschlossenen Kleidern mit Sonnenschirmen. Eilfertige Bauernjungen boten Obst an, das sie in Karren hinter sich herzogen. Am Wasser gingen Mütter mit Kinderwagen spazieren, während Marktweiber mit Eseln vorbeizogen und Erfrischungen verkauften. Männer sah man nur selten am Strand. Sie gingen ihren Geschäften nach, die sie von ihren Familien fern hielten.

Emily zog ihre Strümpfe aus. Langley konnte seinen Blick nicht von ihren Füßen lösen. Trotzdem fuhr er eifrig fort: »Ich werde mich bald auf die Grand Tour begeben!«

Emily entblößte ihre weißen Unterschenkel bis zu den Knien und fragte schüchtern: »Was ist die Grand Tour, Langley?«

»Pass auf, ich erkläre es dir. Es ist eine Bildungsreise, die bis ins letzte Jahrhundert für jeden englischen Gentleman üblich war. Er lernt Sprachen, reist zu den klassischen historischen Stätten und eignet sich eine feine Lebensart an. Manch einen führt die Grand Tour sogar um die ganze Welt. Wir Briten haben ja bereits überall Spuren unseres Lebensstils hinterlassen. Mein Vater besitzt Andenken von diesen Reisen. Er hat zum Beispiel eine Statue von Eingeborenen aus Tahiti! Kannst du dir das vorstellen?«

»Mein Vater besitzt auch solche Dinge«, versuchte Emily mitzuhalten. »Er war schon in der Türkei und in Ägypten. Ich kann sogar einige Wörter Arabisch sprechen, willst du sie hören?«

»Nein, jetzt nicht! Vielleicht ein andermal. Ich bin der Meinung, dass man selbst reisen muss, Emily! Aber das können natürlich nur Männer tun. Mädchen müssen zu Hause bleiben. Obwohl ... Ich könnte mir schon vorstellen, dass du mich auf einer solchen Reise begleitest! Wir könnten dann ...«

»Das wäre herrlich, Langley! Aber es geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Du bist mir zu eingebildet! Aber reisen werde ich bestimmt bald, darauf kannst du dich verlassen!«

Emily fieberte der nächsten Party entgegen. Aber ihre Eltern waren mit anderen Dingen beschäftigt und hatten keinen Sinn für derlei Vergnügungen.

Emily vertrieb sich die Zeit in der Bibliothek ihres Vaters. Stundenlang brachte sie dort zu und stöberte in den überfüllten Regalen. Eines Morgens betrachtete sie erneut aufmerksam die schier unendlichen Bücherreihen und nahm ein Buch heraus. Es handelte von den Reisen berühmter Engländer. Sogleich war Emilys Interesse geweckt. Ihr größter Wunsch war es, um die Welt zu fahren, fremde Länder und Kulturen zu entdecken. Sobald sie die ersten Seiten aufgeschlagen hatte, konnte sie gar nicht mehr aufhören zu lesen.

Sie setzte sich schließlich mit Lakritz und Limonade in den Park. Dort verschlang sie die Berichte über Sir Joseph Banks, James Cook und Walter Raleigh. Am meisten beeindruckten Emily allerdings die Lebensgeschichten von reisenden Frauen. Sie selbst war ein junges, wohlbehütetes Mädchen, die sich aus der Enge ihres Elternhauses in die große weite Welt träumte. Würde sie jemals die Möglichkeit bekommen, ihre Träume zu verwirklichen?

Gebannt las sie die Biografie über Marianne North, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Natur auf sämtlichen Kontinenten auf die Leinwand zu bannen. Furchtlos und unermüdlich war sie mit ihrer Staffelei bewaffnet allein um die Welt gezogen, eine junge, selbstbewusste Frau, die keinen männlichen Schutz nötig hatte. Und dann las Emily etwas über Lady Hester Stanhope, die Nichte des britischen Premierministers Pitt. Sie stammte aus hochadligem Haus und hatte England verlassen, um in den Libanon zu gehen und dort die islamische Kultur kennen zu lernen. Eine Zeichnung zeigte die schöne, feingliedrige junge Dame in fließenden Gewändern und mit juwelenbesetztem Kopfschmuck. Ihr Dekolleté war derart gewagt, dass Emily schier der Atem stockte. Lady Stanhope lag auf prachtvollen Teppichen, und im Hintergrund erkannte Emily halb nackte Männer mit olivfarbenem Teint. Emily war hingerissen. Der Orient ... Sie schloss die Augen und stellte sich fremdartige Landschaften vor. Sie sah gut gebaute Männer voller Leidenschaft, und eine Welt sinnlicher Vergnügungen tat sich vor ihr auf. In ihrer Fantasie erklang im Orient zauberhafte Musik, es gab köstliche Pfirsiche, und es duftete nach Ambra. Vor Emilys innerem Auge erschienen wunderschöne Frauen, die in dem heißen Wüstenklima ihre Hüften kreisen ließen und ganze Nächte hindurch tanzten. Alles war bunt und lebendig – das Gegenteil von Dorset, wo strenge Regeln und unsinnige Etikette das Leben beherrschten. Hinzu kamen das kalte Wetter und die mittlerweile langweilige Gesellschaft der Studenten und der Bauernsöhne ...

Emily ließ den Blick über den Park schweifen. Vor der wilden Hügellandschaft mit ihren dunklen Hainen lagen die kunstvoll angelegten Teiche, der ganze Stolz ihres Vaters. Sie waren symmetrisch angeordnet, gesäumt von Statuen und Blumenrabatten, und hohe Wasserfontänen schossen in die Luft. Die Szenerie erschien künstlich, ähnlich den Tapisserien, die im Haus an der Wand hingen.

Emily stand auf und ging zum Bach hinunter, der sich durch die Wiesen schlängelte. Hier fühlte sie sich eher zu Hause. Pferde weideten im hohen Gras, Vogelschwärme rauschten durch die Luft, und im Schilf staksten Kraniche und Störche umher. Darüber spannte sich der endlose blaue Himmel, und Emily war in diesem Augenblick glücklich, auf der Welt zu sein. Und sie hegte die vage Hoffnung, dass sie eines Tages die Welt bereisen würde.

Wenig später sprach sie mit Elinor über das, was sie gelesen hatte. Die ältere Schwester lauschte mit gekräuselter Nase und zusammengezogenen Augenbrauen, wie stets, wenn sie skeptisch war.

»Das kann nicht dein Ernst sein, Emily. Dass du dich für so etwas interessierst! Langley hat dir anscheinend mit seinem ständigen Gerede über das Reisen einen Floh ins Ohr gesetzt. Die Aufgabe der Frau besteht wohl kaum darin, in den Orient zu ziehen. Aber sprich doch mit Vater über deine Pläne! Er weiß schließlich alles über das Morgenland!«

Emily ergriff die nächstbeste Gelegenheit und besuchte ihren Vater in seinem Zimmer.

Der Orient hatte von früher Jugend an eine übermächtige Faszination auf ihn ausgeübt, und er hatte gegen den Willen seiner Eltern jene Leidenschaft zu seinem Beruf gemacht.

Als Emily ihm von ihrem Wunsch erzählte, antwortete er ohne zu überlegen: »Du wirst eines Tages in den Orient reisen. Aber nicht als Abenteurerin. Wir werden gemeinsam nach Konstantinopel fahren und nach Alexandria, meine süße Emily. Ob Mutter mitkommt, bezweifle ich, aber du und Elinor, ihr werdet mich begleiten. Dann zeige ich euch eine neue Welt!«

»Vater, wie leben die Frauen im Orient?«

»Das kommt darauf an, wo genau sie leben. Am Bosporus ist es anders als im Jemen, in Ägypten anders als in Kuwait. Ich mache dir einen Vorschlag: Im Winter, wenn es früh dunkel wird und die Abende lang sind, setzen wir uns ans Kaminfeuer. Wir trinken einen guten Tee, und ich erzähle dir alles über den Orient, was du wissen willst. Was hältst du davon?«

» O ja, Vater! Ich will alles darüber wissen!«

Emily küsste ihren Vater auf die Wange und stürmte hinaus, um Elinor alles zu erzählen. Dabei hätte sie beinahe Lady Bristol umgerannt. Die allein stehende Hausherrin des benachbarten Landsitzes war unangemeldet herübergekommen, um etwas mit Lady Kenton zu besprechen. Emily entschuldigte sich mit erhitzten Wangen und fliegendem Atem und huschte hinaus. Ihre Mutter trat gerade ins Vestibül und rief ihrer Tochter etwas nach, doch Emily hörte sie nicht mehr.

»Ein Wildfang ... Sie ist einfach nicht zu bremsen!«, sagte Lady Kenton. In ihrer Stimme lagen zugleich Unwille und Stolz.

Lady Kenton lebte anders als ihr Mann sehr zurückgezogen. Sie bevorzugte es auch an Sommertagen, in ihren Räumlichkeiten zu verweilen. Sie schloss dann Fenster und Türen und zog die Seidenvorhänge zu. Ihre feine Blässe gab Zeugnis davon, dass sie sich der Sonne nur äußerst ungern aussetzte. Sie war eine äußerst introvertierte Frau und nahm kaum am gesellschaftlichen Leben teil. Sie saß meist in ihren Fauteuils, genoss duftenden Amontillado aus fein geschliffenem Silberkristall und las. Sie liebte es, in Romanwelten einzutauchen, die meist im fernen Mittelalter angesiedelt waren. Es war eine Art Flucht vor der tristen Realität. In den Büchern erlebte sie Dinge, die nichts mit ihrem Alltag gemein hatten. So träumte sie sich durch die Tage.

An diesem Tag nun wurde Lady Kenton bei ihrer Lektüre gestört. Lady Bristol hatte ihrer Freundin anscheinend etwas Wichtiges mitzuteilen.

Die beiden Frauen verband seit Jahren eine tiefe Freundschaft. Lady Bristol war es seinerzeit gewesen, die nach einem nächtlichen Ritt nach Weymouth den Arzt geholt hatte, als bei Lady Kenton unerwartet früh die Wehen einsetzten und ihren zarten Unterleib zu zerreißen drohten. Die Kentons waren ihr noch immer dankbar dafür, dass sie Lady Kenton zweifellos das Leben gerettet hatte, wenngleich dies für Lady Bristol eine Selbstverständlichkeit gewesen war.

»Robert hat mir geschrieben«, sagte sie gerade. »Ich habe den Brief vorgestern erhalten. Sein Dienst im Eliteregiment geht nun schon ins zweite Jahr. Er bekommt jetzt Urlaub, will aber nicht nach Hause kommen, was ich natürlich sehr bedaure. Er möchte in den Oman reisen. Robert fragt mich in seinem Brief, ob ich ihn nicht besuchen will. Er ist so begeistert vom Orient und würde mir gern verschiedene Dinge dort zeigen. Ich habe gründlich darüber nachgedacht und mich nun entschlossen hinzufahren.«

»Das kann ich gut verstehen, Hester. Dein Sohn ist ein so wunderbarer Junge!«

»Worüber ich nun mit dir sprechen will – ja, danke, ich nehme ein Gläschen –, ist Folgendes. Ich will nicht allein reisen.« Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein und trank einen Schluck. »Im Sultanat Oman ist es gefährlich. Deshalb fände ich es herrlich, wenn ihr beide, du und dein Gatte, mich begleiten könntet. Sir Alfred, der ein so versierter Kenner des Orients und seiner Sitten ist, wäre ein idealer Reisebegleiter. Ich bin ja völlig hilflos in einem solch fremden Land. Roberts Beschreibungen sind äußerst bruchstückhaft – nun, er ist eben kein begnadeter Schriftsteller, aber dafür ein hervorragender Soldat. Nun, Luise, was hältst du von der Sache? Wie wäre es, wenn ihr beide mitkämt?«

Lady Kenton nippte vorsichtig an ihrem Glas. Sie sah zum Fenster hinaus, hinter dem sich das Leben abspielte. Der Vorhang wehte sachte im Wind. Leise sagte sie: »Ich glaube nicht, dass ich mitfahren möchte. Nein, eigentlich bin ich sicher. Das ist nichts für mich. Wie gern würde ich dir diesen Gefallen tun, das weißt du hoffentlich, Hester. Aber ich kann nicht. Eine Reise in den Orient? Nein, wirklich nicht!«

Enttäuscht blickte Lady Bristol sie an. »Bist du sicher, Liebes?«

»Du kennst mich, Hester. Kannst du dir vorstellen, dass ich über einen Basar gehe und in den Auslagen der Händler krame? In Pampelmusen und Artischocken?«

»Warum nicht?«

»Nein, es bleibt dabei. Aber frage ruhig Alfred! Er hat ohnehin gerade Ferien. Er wird begeistert sein. Wenn er dich begleitet, bist du in sicheren Händen.«

Nachdenklich schaute Lady Bristol ihre Freundin an. »Vielleicht ist das eine gute Idee. Es wäre mir zwar lieber, ihr beide wäret an meiner Seite ... Das wäre ganz nach meinem Geschmack. Aber wenn du nicht willst ...«

»Soll ich mit Alfred sprechen?«

»Ja, bitte, da wäre ich dir sehr dankbar!«

»Wir können es ihm auch zusammen erzählen. Komm, wir gehen gleich hinüber zu ihm! Er wird sich gern in seinen Studien unterbrechen lassen. Für ihn – ich kenne ihn schließlich gut genug – ist das Reisen immer das A und O seiner Wissenschaft gewesen. Wie du weißt, genügt mir hingegen das Reisen in meinen illustrierten Büchern.«

Die beiden Frauen lachten. Beide nahmen noch einen Schluck Sherry und erhoben sich. Sie hakten sich unter und gingen den Flur entlang. Lady Kenton klopfte an der Tür zu Sir Alfreds Studierzimmer, und die beiden Frauen betraten den Raum.

Der Lord sah unwillig auf. Er schrieb gerade einen Brief an den Dekan des Trinity College in Cambridge, der ihn für eine Gastvorlesung gewinnen wollte. Doch als seine Frau ihm die Idee Lady Bristols erläuterte, blitzten seine Augen. »Ah, eine prächtige Idee, Lady Hester! Einen solchen Wunsch kann ich Ihnen nicht abschlagen. Ihr könnt ja auch unmöglich allein eine solche Reise machen. Außerdem war ich so lange nicht mehr im Orient. Ich müsste dringend einige Dinge vor Ort in Augenschein nehmen. Also, lasst uns in den Oman reisen! In das Land von Weihrauch und Myrrhe!«

Lady Kenton musste über die jugendliche Begeisterung ihres Gatten schmunzeln. So hatte sie ihn schon lange nicht mehr erlebt. »Und was ist mit der Gastvorlesung in Cambridge? Du sagtest, sie sei für dich als ehemaliger Student in Oxford eine große Genugtuung.«

»Der Termin ist erst im Herbst. Bis dahin wären wir längst wieder zurück, nicht wahr, Hester?«

»Ja, ich habe vor, Anfang Juni zu aufzubrechen. Zwei Monate später sind wir wieder in England.«

»Geliebtes England«, begann Lord Kenton zu deklamieren, »wenn die Menschen hier wüssten, in welchem Reichtum sie im Gegensatz zu der Bevölkerung im Orient leben, in welchem Land der üppigen Gaben und des Überflusses, dann fielen sie täglich mehrmals vor Gott auf die Knie und dankten ihm dafür ...«

»Aber Alfred«, mahnte Lady Kenton, »achte auf dein Herz ...«

»Ja, ja, Liebes. Aber ich weiß es eben zu schätzen!«

»Wie ist es denn nun im Oman?«, wollte Lady Bristol wissen. »Robert schrieb so begeistert und enthusiastisch, aber ich kann mir das Land dennoch nicht im Einzelnen vorstellen.«

»Es ist das Paradies! Und wir werden es erobern, meine Damen! Lasst uns die konkreten Vorbereitungen bei einem Brandy besprechen!«

»Alfred, ich fahre nicht mit. Ich fürchte mich vor dem Orient.«

»Du willst nicht mit?« Befremdet blickte Sir Alfred seine Frau an.

»Nein. Du wirst mit Hester allein reisen müssen.«

Sir Alfred war weder neugierig noch irritiert von Lady Kentons Absage. Im Grunde kannte er seine Frau und hatte auch gar kein allzu großes Interesse daran, dass sie mitfuhr. Er war vielmehr ein wenig ärgerlich, dass sie seine Pläne behinderte. Mit blitzenden Augen schaute er schließlich zu der stattlichen Lady Bristol hinüber. »Nun denn! Lassen Sie uns alles genau besprechen! Ihren Arm, Hester!«

Als die Schwestern von den Reiseplänen ihres Vaters hörten, waren sie sofort Feuer und Flamme. Vor allem Emily war davon überzeugt, dass die Reise in den Oman der Höhepunkt ihres Lebens sein würde. Sie kam gar nicht auf den Gedanken, dass sie und Elinor nicht mitfahren sollten.

Als sie ihren Vater fragte, was sie denn auf der Reise anziehen solle, verstand der erst überhaupt nicht, wovon sie sprach. Verwirrt sah er seine Tochter an.

»Ich muss doch etwas Passendes haben, denn im Orient ist es schließlich sehr heiß, oder nicht?«, erwiderte Emily verdutzt.

Lord Kenton begriff endlich und winkte entschieden ab. »Dass ihr Mädchen mitkommt, ist ausgeschlossen. Ihr seid noch viel zu jung! Eines Tages reisen wir in den Orient, ich habe es dir ja schon versprochen. Aber nicht jetzt und nicht unter solchen Umständen!«

»Aber Robert würde sich bestimmt freuen, wenn wir mitkämen!« Die beiden Schwestern waren mit Robert aufgewachsen und hatten einen Großteil ihrer Kindheit mit ihm verbracht.

»Robert hat lediglich seine Mutter eingeladen, sonst niemanden. Ich glaube nicht, dass er kleine Mädchen gebrauchen kann.«

Empört entgegnete Emily: »Hast du mich schon einmal in einem dieser neuen Badekostüme gesehen? Ich bin jetzt siebzehn!«

Lord Kenton errötete. »Du – trägst ein Badekostüm? Etwa eins von diesen neumodischen, gestreiften Dingern, die eng am Körper anliegen? Am Strand? In aller Öffentlichkeit?«

»Nein, natürlich nicht!« Emily blickte verlegen zu Boden. Dann stemmte sie die Arme in die Seiten. »Aber neulich war ich mit Langley unten in Weymouth. Dort baden alle, wenn es nicht gerade zu kühl ist. Es ist so herrlich erfrischend!«

»Emily, Emily! Diese Jugend! Immer neue Moden!«

»Ach, Vater, lass mich doch mitfahren!«

»Nein!«

»Und wenn ich dich anflehe?«

»Unter gar keinen Umständen! Der Orient ist noch nichts für dich. Warte, bis du volljährig bist! Dann zeige ich ihn dir, meinen Orient!«

»Aber das dauert ja noch eine halbe Ewigkeit!« Entgeistert blickte sie ihn an.

»Du übertreibst, Kind. Aber es wird dir nicht schaden, dich ein wenig in Geduld zu üben. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören.« Er beugte sich wieder über seine Bücher und beachtete Emily nicht weiter.

Emily wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte, auf ihren Vater einzureden. Enttäuscht zog sie von dannen.

Für ihren Vater war sie immer noch ein kleines Mädchen. In seiner Gegenwart empfand sie sich stets als unbeholfen und kindisch, aber sobald er nicht in der Nähe war, fühlte sie sich reifer und selbstsicherer. In diesen Augenblicken war sie davon überzeugt, dass ihre Sicht der Dinge die richtige war. Sie verstand, was wirklich wichtig war im Leben. Was wussten denn die Alten schon von der herrlichen Welt, die da draußen auf sie wartete?

Im vergangenen Jahr war sie zur Frau geworden. Aber das konnten ihre Eltern natürlich nicht wissen. Und sie wollten mit Sicherheit auch gar nichts davon hören.

Für sie waren die Zwillingsschwestern wohl behütete, kleine Edelsteine, die erst noch geschliffen werden mussten.

Zwei Tage nach jener Unterredung brach sich Lord Kenton ein Bein. Es passierte während eines Cricketspiels in Weymouth. Er stolperte über eine Wurzel und fiel der Länge nach hin. Er stürzte so unglücklich, dass das Bein genau auf einem harten Stein aufschlug. Er wurde sofort ins Spital gebracht. Die Ärzte waren äußerst besorgt, denn es war recht bald klar, dass es sich um einen komplizierten Bruch handelte. Nach gründlichen Untersuchungen bezweifelten sie, dass das Bein jemals vollkommen wiederhergestellt werden könne.

Lord Kenton selbst wollte es nicht wahrhaben, dass ein äußerer Umstand so plötzlich seine Pläne durchkreuzte. Er war in seiner Fantasie bereits unterwegs in den Oman. Er hatte sich schon genau ausgemalt, welche Orte er besuchen, welche Studien er dort betreiben würde. Er sprach noch einmal ausführlich mit seinen Ärzten. Aber allmählich sah er ein, dass sie Recht hatten. Er würde Lady Bristol in seinem Zustand nicht begleiten können.

Emily witterte eine neue Chance. Sie besprach alles ausgiebig mit ihrer Schwester. Aber Elinor war an der Reise nicht mehr interessiert. Sie war ohnehin nicht so begeistert gewesen wie ihre Schwester. Sie dachte noch einige Tage gründlich darüber nach. Aber sie konnte Emilys Verzückung ohnehin nicht nachvollziehen. Ihr Entschluss stand fest. Und sie versuchte Emily davon zu überzeugen, dass es auch für sie besser sei, daheim zu bleiben.

Ihr Interesse war schon allein deshalb nur mäßig, weil ihr Vater ihr als Kind ununterbrochen vom Orient vorgeschwärmt hatte. Er gab ihr unzählige Bücher zu lesen. Anschließend prüfte er, ob sie auch alle Details behalten hatte. Dieses Land war gewiss wunderschön, aber sie konnte es einfach nicht unvoreingenommen betrachten.

An ihre Schwester gewandt sagte sie: »Vater wird es dir nicht erlauben. Du bist viel zu jung – und viel zu unvorsichtig.«

Kämpferisch erwiderte Emily: »Das werden wir ja sehen!«

2. Kapitel

In den folgenden Tagen ritt Emily oft allein aus. Das hatte sie nie zuvor getan. Aber in letzter Zeit empfand sie Elinor zuweilen als fremd.

Vielleicht lag es ja auch an ihr selbst. Aber wenn sie genau darüber nachdachte, konnte sie bei sich keine Veränderung feststellen. Es war zweifellos Elinor, die sich von ihr entfernte. Plötzlich interessierte sich die Schwester für völlig andere Dinge als zuvor. Sie befasste sich intensiv mit der Geschichte Englands. Dies, so sagte sie, sei viel spannender als die Entdeckung ferner Länder. Oder sprach sie nur so, um ihre Enttäuschung zu verbergen, dass Emily ohne sie in den Oman reisen wollte? Schwang in ihren Worten so etwas wie Bitterkeit? Dabei konnte sie doch genauso gut mitfahren! Elinor, das war Emily klar, war immer schon bodenständiger und weniger neugierig gewesen als sie selbst. Aber war es denkbar, dass sie ihre Schwester insgeheim beneidete?

Emily war ratlos. Die Schwester wirkte so verschlossen, und ihre Versuche, offen mit ihr zu reden, schlugen allesamt fehl. Emily sah keine Möglichkeit, zu ihr vorzudringen.

Und so sattelte sie ihren Hengst immer öfter, wenn Elinor gerade mit etwas anderem beschäftigt war.

Elinor selbst ritt kaum noch aus. Sie saß in letzter Zeit auffallend oft mit ihrer Mutter zusammen. Die beiden genossen offensichtlich die innige Zweisamkeit. Es war so, als ahnten sie, dass etwas auf sie zukam, gegen das sie sich wappnen mussten. Es blieb Emily rätselhaft, was die beiden miteinander verband. Hatte es wohl mit ihren Plänen zu tun? Womöglich hatte Elinor ihrer Mutter sogar davon erzählt. Das wäre wirklich gemein und hinterhältig. War Elinor tatsächlich dazu in der Lage? Emily fühlte sich zunehmend ausgeschlossen und wagte es kaum einmal, sich dazuzugesellen. Sie hielt sich von den beiden fern und versuchte, die bösen Gedanken zu verdrängen.

Sie war fest entschlossen, nicht von ihrem Plan abzulassen, und in ihrer Fantasie war sie schon längst im Hafen von Maskat eingelaufen. Sie besuchte nun des Öfteren Lady Bristol. Früher war sie häufig hinübergegangen, um Robert zu treffen. Dann hatte sie mit seiner Mutter lange und angeregt geplaudert, aber seit Roberts Abreise in den Oman vor mehr als einem Jahr waren diese vertrauten Stunden seltener geworden.

Das junge Mädchen ging außerordentlich geschickt vor. Sie wollte auf jeden Fall Lady Bristols Vertrauen gewinnen. Sie gab sich besonders verständig und erwachsen. Außerdem versuchte sie, die ältere Dame mit ihrem starken Interesse für den Orient zu begeistern. Sie erkundigte sich über Roberts Berichte und erzählte ihrerseits von den Dingen, die sie bereits über dieses ferne Land wusste. Unermüdlich las Emily in Geschichtsbüchern und wusste bald außerordentlich gut Bescheid über das Land ihrer Träume.

Schließlich kam Lady Bristol von selbst der Gedanke, die jüngere der beiden Kenton-Schwestern könne sie begleiten – zumal Robert vor seiner Abreise für sie geschwärmt hatte.

»Er war tatsächlich Feuer und Flamme für dich«, hatte sie Emily während eines jener innigen Gespräche anvertraut, »niemals für Elinor.«

Daran musste Emily denken, während sie auf ihrem Hengst zwischen Quill und der Küste unterwegs war. Eines Abends ritt sie, vollkommen in die Planung ihres weiteren Vorgehens versunken, nach Hause. Als sie kurz vor dem elterlichen Landsitz an der Behausung des Stallburschen vorbeikam, bemerkte sie etwas, das sie aus ihren Gedanken riss.

Bart bewohnte ein Dachzimmer über dem Stall, aber in seiner Freizeit hielt er sich meist in einem kleinen, roten Backsteinhaus mit heruntergezogenem Walmdach auf. Das Dach sah beinahe aus wie eine gerunzelte Stirn, unter der die beiden Fenster im Obergeschoss wie Augen hervorblickten. Das Haus war von einem ungepflegten Garten mit alten Bäumen umgeben. Überall blühten Ginster und gelber Jasmin, außerdem wunderschöne rote und blaue Blumen, die Emily jedoch nicht mit Namen kannte. Efeu rankte an der Hauswand empor, und aus einem der beiden Schornsteine quoll dünner, weißer Rauch. Die Fenster im Erdgeschoss waren halb geöffnet.

Hinter den Fenstern brannte Licht. Emily ließ das Pferd ein wenig näher herangehen und schaute hinein. Sie erblickte einen jungen Mann und ein Mädchen, die hin und her huschten. Das Mädchen kicherte. Emily konnte den Blick nicht abwenden. Es ging sie nichts an, was dort passierte, aber da sie dem gut gebauten Bart des Öfteren heimlich sehnsüchtig nachschaute und wusste, dass jener sie ebenfalls begehrte, erwachte die Neugier so unbezähmbar wie ein wilder Vogel, der in ihr aufflatterte.

Sie stieg ab, ließ den Hengst grasen und schlich leise auf das Fenster zu. Da es schon dunkelte, bestand kaum die Gefahr, entdeckt zu werden. Sie spähte in das Zimmer hinein, in dem Kerzen in einem mehrarmigen Halter flackerten. Was sie nun erblickte, nahm sie derart gefangen, dass sie alles um sich herum vergaß.

Ihre Tante Gwendolin hatte ihr bereits erzählt, dass zwischen den Beinen der Männer etwas war, das mit dem Geschlecht von Pferden verglichen werden konnte. Emilys Hand fuhr manchmal gedankenlos zwischen ihre Schenkel. Dort war es warm und weich, und es wurde feucht, sobald sie sich dort berührte.

Jetzt erblickte sie den nackten Bart und sah, dass seine Männlichkeit auf unnatürliche Weise von seinem gebräunten Körper abstand. Vor ihm kniete ein nacktes Mädchen. Das musste Lydia, die Küchenhilfe, sein. Emily stockte der Atem. Lydia ergriff das steife Geschlecht des kräftigen Jungen, rieb es mit beiden Händen und umschloss es dann mit ihren Lippen.

Es war ein schönes Bild und ein schockierendes zugleich. Emily spürte unvermittelt eine große Erregung. Das war es also, was alle taten! Das war es, wozu die Männer die Frauen zwangen. Die körperliche Liebe ... Vor der die Lehrer nicht müde wurden zu warnen. Das war also das Animalische, das Männer zu Hunden machte, die demütig herumliefen und aus feurigen Augen die Mädchen anhimmelten.

Aber wie hatte Bart Lydia dazu bringen können, so etwas zu tun? Während Emily noch darüber nachdachte, konnte sie sehen, wie die Lenden des jungen Mannes sich in kreisenden Bewegungen bewegten. Plötzlich erlosch eine Kerze. Es wurde dunkler im Raum, und das steigerte noch Emilys Erregung.

Stürmische Leidenschaft schien von dem jungen Paar Besitz ergriffen zu haben.

Bart entzog sich nun den Lippen Lydias. Er nahm die junge Frau in den Arm, zog sie mit sich hinunter auf den Teppich und bedeckte ihren nackten Leib mit zärtlichen Küssen. Für einen Augenblick verschwand sein Kopf zwischen ihren angewinkelten Schenkeln. Lydia seufzte. Emily starrte gebannt auf Barts Glied.

Dann richtete sich Bart auf und setzte sich mit dem Gesicht zu Lydia gewandt auf deren Schoß. Emily fuhr unwillkürlich mit der Hand zwischen ihre Beine, zog sie aber schnell wieder zurück, als sie sich dessen bewusst wurde.

Die beiden waren gänzlich 'versunken. Lustvolles Stöhnen und geflüsterte Wortfetzen drangen an Emilys Ohr. Nach einer Weile wechselte Bart die Stellung. Er drehte Lydia sanft herum. Sie kniete sich auf den weichen Teppich und ließ Bart von hinten in sie eindringen. Lydia war nun der heimlichen Betrachterin zugewandt, und Emily fand sie wunderschön. Ihre Brüste waren klein und fest, ihr knabenhafter Leib war schlank, hatte aber leicht runde Hüften und pralle Schenkel. Ihre Haut glänzte wie Seide im Kerzenlicht.

Barts Hände streichelten über Lydias Rücken. Dann umarmte er sie. Mit einem sanften Griff zog er sie näher zu sich heran und berührte dann ihre Brüste. Dabei bewegte er sich immer schneller.

Emily hielt vor Schreck die Luft an. Taten dem Mädchen die harten Stöße nicht weh? Es sah aus wie bei den Hengsten und Stuten, das hatte Emily einmal bei einer Zuchtveranstaltung auf dem Land zu Gesicht bekommen. Aber Lydia wehrte sich nicht, im Gegenteil, ihr schien das Ganze zu gefallen, denn sie seufzte nun erneut.

Bart griff ihr zwischen die Beine, an jene Stelle, wo er in sie eingedrungen war. Emily vernahm leise, schmatzende Geräusche. Sie wartete ab. Das Bild war so faszinierend, dass sie den Blick einfach nicht abwenden konnte. Bart küsste sein Mädchen zärtlich von hinten auf den Nacken, er leckte ihren Hals und knabberte an ihrem Ohr. Seine sehnigen Hände bedeckten ihren Busen, und immer noch bewegte er seine Hüften auf und ab.

Emily schloss für einen Moment die Augen. Als sie wieder hinschaute, saß Bart auf dem Boden und das Mädchen hockte auf ihm. Zunächst verharrten sie dort, es war vollkommen still, während sie sich ernst in die Augen blickten. Dann bewegten sie sich wieder, ihre Gesichter einander zugewandt, verzückt von der Gegenwart des anderen und im Bewusstsein ihrer intimen Nähe.

Emily hielt es auf ihrem Beobachtungsposten kaum noch aus. Wie nah mussten die beiden sich fühlen! Eine solche Nähe war für sie unvorstellbar! Nie hatte sie sich in ihren schwesterlichen Umarmungen mit Elinor so verbunden gefühlt! Nein, das Gefühl, das die beiden da drinnen teilten, musste völlig anders sein.

Emily durchzuckte der Gedanke, durch das Fenster hineinzuspringen und einfach mitzumachen. Sich die Kleider vom Leib zu reißen und in diesen Kreis nackter Leiber einzutauchen. Sich von der schwülen Hitze, den leidenschaftlichen Seufzern und Küssen überwältigen zu lassen. Aber im gleichen Moment kam sie wieder zu sich. Sie war eine Kenton! Und das dort waren die Bediensteten ihres Vaters.

Sie nahm sich zusammen. Mit einem Mal schämte sie sich. Sie hatte kein Recht, zu spionieren. Aber hatten die Bediensteten ein Recht, etwas Derartiges miteinander zu treiben? Immerhin waren sie nicht verheiratet!

Emily kam zu dem Schluss, dass es ihr egal sein konnte. Sie schlich leise zu ihrem Pferd zurück und ergriff die Zügel. Dann ging sie ein Stück zu Fuß weiter und als sie außer Hörweite war, stieg sie auf. Dann gab sie dem Hengst die Sporen und jagte den letzten Kilometer zum Anwesen zurück. In ihrem Kopf kreisten unaufhörlich die Bilder, die sie soeben gesehen hatte.

Als sie Bart am nächsten Tag begegnete, schaute sie unwillkürlich zwischen seine Beine, wo sich lediglich eine kleine Wölbung abzeichnete. Bart bemerkte ihren Blick und blinzelte verwirrt. Dann grüßte er höflich wie immer.

Emily nahm seinen freundlichen Gruß zur Kenntnis und nickte hoheitsvoll mit dem Kopf. Doch dann kam ihr dieses Verhalten dumm vor, sie drehte sich um und rief: »Schöner Tag heute, nicht wahr, Bart?«

»Ja, Lady Emily, wunderschön!«

Emily ging weiter. Ihre Gefühle waren in Aufruhr. Bart übte eine magische Anziehungskraft auf sie aus. Aber das durfte nicht sein. Sie musste sich zusammenreißen! Bart war nichts weiter als ein Hengst. Und sie war alles andere als eine Stute. Sie war ein adliges, wohl erzogenes Mädchen. Jedenfalls hätte ihr Vater das schon oft so ausgedrückt.

Emily jedoch, mit dem nächtlichen Geschehen vor Augen, verspürte beim Anblick des Stallburschen ein seltsames Gefühl in ihrem Schoß. Ein süßes Brennen machte sich breit. Und auch als Bart bereits außer Sichtweite war, ließ es nicht nach.

Später, nach dem Lunch, hatte sich Emily wieder gefangen. Es ist doch absolut egal, ob man Stallbursche oder Grundbesitzer ist, jeder will offensichtlich nur das eine, dachte sie bei sich. Aber wollte das wirklich jeder? Und vor allem: Jede? Hatte man ihr gegenüber nicht wiederholt angedeutet, die Frauen wollten es unter gar keinen Umständen und taten es nur, um die Männer bei Laune zu halten? Oder war das am Ende eine Lüge?

Wenn sie an die empfindliche Stelle zwischen ihren Schenkeln dachte, bekam sie Zweifel an der Weisheit der Lehrer und Erzieher. Was wussten sie schon von der körperlichen Liebe? Sie steckten ihre Köpfe doch immerzu in verstaubte Bücher und zitierten ausschließlich veraltete Texte!

Emily war zunehmend verwirrt. Hatte sie selbst bisher nicht geglaubt, das Gespräch zwischen Mann und Frau sei das Wichtigste? Hatte sie das nicht bei jeder Gelegenheit laut verkündet? Und hatte sie nicht trotz der spöttischen Blicke ihrer Gegenüber behauptet, ein gebildetes Gespräch über die Liebe sei das Allerhöchste?

Emily musste an Elinor denken. Sie konnte mit ihr jedoch nicht darüber sprechen, denn sie befürchtete, dass ihre Schwester sie dafür verachtete. Sie hätte mit Sicherheit kein Verständnis dafür aufgebracht, dass Emily den Stallburschen beim Liebesspiel beobachtet hatte. Und für ihre Fantasien ebenso wenig. Am Ende würde sie sie für leichtfertig halten, wie jene Frauen, die sich in den Hafenspelunken herumtrieben.

Plötzlich hatte sie also ein Geheimnis. Die Erinnerung an den letzten Abend gehörte nur ihr, und sie glaubte jetzt zu wissen, was das Leben ausmachte.

Am Abend war Lady Bristol zu Gast. Man plauderte am Kamin, wo während der warmen Jahreszeit lediglich ein kleines Feuer brannte. Alle tranken Jerez und Port aus fein geschliffenen Gläsern. Lady Bristol war noch immer mit den Vorbereitungen für ihre Reise beschäftigt, war aber noch unschlüssig, wen sie als Begleitung mitnehmen sollte. Sie erwähnte mit keinem Wort, was sie und Emily zuvor besprochen hatten.

»Ich habe meinen Schwager gefragt, aber er fühlt sich zu alt für solche Anstrengungen. Und unseren Verwalter Cristal will ich nicht dabei haben. Er wäre gut geeignet, ein wirklich tatkräftiger Kerl. Aber zu vorlaut. Ich muss ihn oft zügeln, wenn er sich aufführt, als sei er der Besitzer von Bristol Castle.«

Nimm mich mit, ich bin bereit, flehte Emily innerlich. Aber sie ließ sich natürlich nichts anmerken.

Lord Kenton hatte ein paar Tage zuvor das Hospital an Krücken verlassen und freute sich über seine stetig voranschreitende Genesung. Er nutzte das gesellige Beieinandersein, um über den Oman zu dozieren. Lady Bristol hatte ihn nämlich gebeten, etwas über das Leben und die Liebe in islamischen Gesellschaften zu erzählen. Sie wollte schließlich nicht gänzlich unwissend in den Oman reisen.

»Der Islam gestattet dem Mann, mit mehr als einer Frau zur gleichen Zeit verheiratet zu sein«, sagte Kenton gerade. »Allerdings bin ich der Meinung, dass diese Polygynie schon vor Mohammed in der arabischen Welt üblich war. Andere Gelehrte bestreiten das. Ebenso scheint mir gesichert, dass im vorislamischen Arabien auf ... nun, dem erotischen Gebiet ... ähm ... offenbar recht lockere Verhältnisse herrschten. So sind die Eheverträge dort erst durch das Aufkommen des Islam eingeführt worden.«

»Und wie ist es im Oman?« Emily platzte vor Neugier. Sie wollte alles darüber erfahren.

»Aber Kind, was geht dich das an?«, tadelte sie ihre Mutter.

Lord Kenton paffte jedoch ungerührt an seiner Zigarre und antwortete: »Im Oman? Nun, im Oman ist es heutzutage so wie überall in Arabien. Seit wir dieses Protektorat besitzen, ist uns bewusst, dass wir niemals Zucht und Ordnung in dieses Land bringen werden. Die Omani machen, was sie wollen. Es ist eine merkwürdige Kultur. Obwohl ... andererseits ... wenn ich mich recht erinnere, sagte der Prophet durchaus kluge Dinge. Zum Beispiel antwortete er auf die Frage, wie die Frau beschaffen sein müsse, damit sie zur Ehefrau tauge: ›Diejenige ist die beste, die den Mann erfreut, wenn er sie ansieht, die ihm gehorcht, wenn er befiehlt, die sich ihm nicht widersetzt.‹ Das klingt doch durchaus vernünftig, nicht wahr?«

»Besitzen denn die Frauen dort gar keine Rechte?«

Lord Kenton blickte seine jüngste Tochter nachdenklich an. »Doch, doch, natürlich! Sie sind den Männern sogar gleichgestellt, jedenfalls in sozialer Hinsicht. Aber sie werden gesteinigt, wenn sie die Ehe gebrochen haben. Auch das ist ja vernünftig.«

»Warum?«

»Warum? Weil die Frau dem Mann zu absolutem Gehorsam verpflichtet ist. Er muss sich darauf stets verlassen können.«

»Nun mal langsam, Alfred!«, mischte sich Lady Bristol ein. »Das mag für den Orient gelten, aber doch nicht für unser Land, nicht für unsere liberale Kultur! Aber das wollen Sie auch bestimmt nicht behaupten, nicht wahr?«

Lord Kenton winkte unwillig ab. »Es ist so, wie ich gesagt habe. Außerdem sagt der Koran: ›Behandelt die Frauen gut, denn die Frau wurde aus einer Rippe des Mannes geschaffen.‹«

»Na also!«, triumphierte Lady Bristol.

»Vater, ich habe gelesen, dass die Frauen des Orients Schleier tragen müssen und von den Männern eingesperrt werden!«

»Das stimmt. Es gibt für den Schleier allerdings keine gesetzliche Vorschrift. Es gibt gewisse Sonderregelungen aus der Zeit, als der Prophet Mohammed angesehenes Oberhaupt der islamischen Gemeinde in Medina war. Diese betrafen seine eigenen neun Ehefrauen. Das Einsperren von Frauen wird mit einem Koranvers begründet, der besagt: ›Wenn ihr die Gattinnen des Propheten um etwas bittet, das ihr benötigt, dann tut das hinter einem Vorhang. Auf diese Weise bleibt euer Herz und ihr Herz rein.‹ So steht es in der 33. Sure.«

»Ist es nicht schändlich, Frauen zu verschleiern und einzusperren?«

Lord Kenton lehnte sich mit einem überlegenem Gesichtsausdruck in seinem Sessel zurück. Er stieß den Rauch seiner Zigarre aus und sagte: »So ist eben die islamische Kultur. Und manchmal frage ich mich tatsächlich, ob die Araber nicht gut daran tun. Wenn ich die verkommenen Sitten an den Stränden hierzulande sehe ... junge Mädchen in engen Badekostümen vor den Augen fremder Männer ... Hölle und Teufel!«

»Da hast du sicher Recht, Alfred«, stimmte Lady Kenton ihrem Mann mit einem missbilligenden Seitenblick auf Emily zu.