Nächte im Savoy - - Laura Lee - E-Book

Nächte im Savoy - E-Book

Laura Lee

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Gefühlvoll, atmosphärisch und herrlich romantisch! Die New-York-Times-Bestsellerautorin Laura Lee ist eine Meisterin der historischen Romance.
Im luxuriösen Savoy ist ein Dieb am Werk. Und das Herz des Viscounts schlägt ausgerechnet bei der Hauptverdächtigen höher …


London 1898: Delia Stratham ist wohlhabend, gut vernetzt und vor allem unkonventionell. Als erste Frau ergattert sie skandalöserweise eine Stelle als Veranstaltungsplanerin des berühmten Savoy Hotels. Doch ihre Aufgabe verwandelt sich in einen Albtraum, als der arrogante Simon Hayden, Viscount of Calderon, zum neuen Hotelmanager ernannt wird. Trotz ihrer Feindschaft entwickelt sich schon bald ein Feuer zwischen Delia und Simon, dem die beiden nicht lange widerstehen können. Was Delia nicht ahnt: Das Savoy schreibt rote Zahlen, und Simon soll den Grund dafür herausfinden. Er vermutet, dass jemand heimlich Geld abzweigt – und seine Hauptverdächtige ist Delia.

»Ein märchenhaftes Lesevergnügen.« Publishers Weekly
Spice-Level: 3 von 5

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

London 1898: Delia Stratham ist wohlhabend, gut vernetzt und vor allem unkonventionell. Als erste Frau ergattert sie skandalöserweise eine Stelle als Veranstaltungsplanerin des berühmten Savoy Hotels. Doch ihre Aufgabe verwandelt sich in einen Albtraum, als der arrogante Simon Hayden, Viscount of Calderon, zum neuen Hotelmanager ernannt wird. Trotz ihrer Feindschaft entwickelt sich schon bald ein Feuer zwischen Delia und Simon, dem die beiden nicht lange widerstehen können. Was Delia nicht ahnt: Das Savoy schreibt rote Zahlen, und Simon soll den Grund dafür herausfinden. Er vermutet, dass jemand heimlich Geld abzweigt – und seine Hauptverdächtige ist Delia.

LAURA LEE

NÄCHTE im SAVOY

Der Blick eines Viscounts

Roman

Aus dem Englischen von Ann-Catherine Geuder

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Lady Scandal« bei Forever, an Imprint of Grand Central Publishing, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2025

Copyright © Copyright © 2023 by Laura Lee Guhrke

Copyright © dieser Ausgabe 2025 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © Lee Avison / Trevillion Images

FinePic®, München

Redaktion: Antje Steinhäuser

ES · Herstellung: ik

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-31695-2V001

www.goldmann-verlag.de

1

London, 1898

»Das kann ich nicht, Madame Comtesse. Sie verlangen Unmögliches.«

Erklärungen dieser Art hatten Lady Delia Stratham noch nie beeindruckt. Sie perlten an ihr ab wie Wasser an einer Regenpelerine.

»Und das überrascht Sie?«, erwiderte sie mit einem Augenzwinkern. »Aber, Michel, Sie wissen doch, wie sehr ich das Unmögliche schätze.«

Der schlanke junge Franzose auf der anderen Seite des Arbeitstisches reagierte auf diesen Scherz nicht so, wie sie es sich erhofft hatte. Anstelle eines gutmütigen Lachens stieß er einen Seufzer aus. »Ich sage Ihnen, es geht nicht.«

Obwohl Delia genau diese Worte bereits heute Morgen von zwei anderen Mitarbeitern des Hotels mit ähnlichem Ergebnis gehört hatte, ließ sie sich davon nicht abschrecken. Sie schenkte dem Cheffloristen des Savoy ihr gewinnendstes Lächeln, mit dem sie normalerweise selbst den unnachgiebigsten Gegner entwaffnete. »Aber Darling«, begann sie.

Michel unterbrach sie mit einem Schwall Französisch, der sich derart schnell über sie ergoss, dass selbst Delia, die diese Sprache seit ihrem siebten Lebensjahr fließend beherrschte, Mühe hatte, ihm zu folgen. Irgendetwas darüber, dass er kein Wundertäter sei und auch kein Tennisball, den man hin und her schmettern könne, und wie sehr er wünschte, die Manager des Savoy würden sich endlich entscheiden, was sie wollten. Er schloss seine Tirade mit ein paar Flüchen ab, nahm eine Gartenschere und eine Handvoll roter Hartriegelzweige vom Arbeitstisch zwischen ihnen und begann, die Enden mit erschreckender Brutalität einzukürzen.

Delia beobachtete ihn dabei, ratlos, wie sie weiter vorgehen sollte. Ihr Charme und ihr Esprit hatten immer zu ihren größten Talenten gezählt. Sie hatten nicht nur drei Ehemänner in ihren Bann gezogen und Delia eine Vielzahl treuer Freunde beschert, sondern auch César Ritz, den Direktor des Londoner Savoy Hotels, dazu bewogen, ihr eine Stelle anzubieten. Die unkonventionelle Entscheidung des berühmten Hoteliers hatte die feine Gesellschaft schockiert, sich für Delia aber nach dem Tod ihres dritten Mannes als Geschenk des Himmels erwiesen und in den folgenden fünf Jahren auch für das Hotel als Triumph.

Heute jedoch fühlte sich Delia nicht sonderlich triumphal.

Zunächst war Escoffier, der berühmte Chefkoch des Hotels, auf ihre einfache Frage, warum im Restaurant die Servietten nicht mehr in Schwanenform gefaltet wurden, in helle Aufregung geraten. Auch er hatte ihr einen wütenden Schwall Französisch entgegengeschleudert, eine Tirade gegen das neue Regime und seine Spione – was auch immer das heißen mochte –, und erklärt, er könne inmitten dieser ständigen Verhöre schlichtweg nicht arbeiten. Delia solle doch mit Ritz sprechen, er selbst habe nichts mehr zu sagen. Dann war er losmarschiert, um den Rest seiner Wut an seinem Souschef auszulassen, und Delia hatte sich verwirrt zurückgezogen und alle Fragen bezüglich der Schwäne auf einen anderen Tag verschoben.

Dann ihre Begegnung mit Mrs Bates. Nachdem Delia während ihres letzten Besuchs in Paris ihre Zofe an eines der renommiertesten Häuser der Haute Couture verloren hatte, hatte sie Mrs Bates gefragt, ob das Hotel ihr ein Zimmermädchen aus dem Personalbestand zur Verfügung stellen könne, bis sie selbst ein neues gefunden hätte. Die Leiterin des Housekeeping im Savoy hatte auf diese scheinbar harmlose Anfrage mit einem Tränenausbruch reagiert und erklärt, dass der »neue Weg« – was auch immer das war – unmöglich sei. Dann war sie in den nächstgelegenen Waschraum geflüchtet und hatte Delia die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Und nun hatte sie es wieder mit einem unzufriedenen Mitarbeiter zu tun. Dieses Mal überraschte es sie jedoch mehr als bei allen anderen zuvor. Escoffier, obwohl von Natur aus eher vergeistigt und planvoll, war dennoch bekannt für seine Temperamentsausbrüche, und Mrs Bates war schon immer ein lieber alter Brummkopf gewesen und benötigte oft eine großzügige Portion Schmeicheleinheiten, um ihre verletzten Gefühle zu besänftigen. Aber Michel?

Sie starrte den schnauzbärtigen jungen Mann auf der anderen Seite des Arbeitstisches an, ohne zu wissen, was sie antworten sollte, und fragte sich, was wohl während ihres Monats in Paris vorgefallen war. Wie Escoffier war Michel DuPont ein brillanter Künstler, der für gewöhnlich auch Delias wildeste Fantasien in die Tat umsetzte. Aber wie sein französischer Kollege erwies sich auch Michel an diesem Morgen als untypisch stur.

Delia holte tief Luft und versuchte es erneut.

»Mein lieber Michel, ich verstehe das nicht«, sagte sie, ebenfalls auf Französisch, in der Hoffnung, dass eine Unterhaltung in seiner Muttersprache ihn ein wenig beruhigen würde. »Wir haben unsere Pläne für die neuen Sträuße doch bereits durchgesprochen, bevor ich die Stadt verlassen habe. Frühe Tulpen, Narzissen und Hyazinthen von Januar bis März, Flieder und Pfingstrosen für April und Mai und Rosen und Hortensien für den Sommer. Ich dachte, das hätten wir alles schon festgelegt.«

Der Florist hörte auf, die Hartriegelzweige zu traktieren, und sah mit einem finsteren Blick auf. »Tja, was sich in ein paar Wochen alles ändern kann.«

Delia unterdrückte einen Seufzer angesichts dieser wenig hilfreichen Antwort. »Das ist mir auch bereits aufgefallen«, murmelte sie. »Aber warum? Was ist während meiner Abwesenheit passiert, dass Sie die neuen Arrangements mit den gleichen Blumen machen, die wir schon seit Oktober zu sehen bekommen?«

»Sie sind nicht alle gleich«, murmelte er und deutete auf die besagten Sträuße, die in einem Regal hinter ihm aufgereiht waren, bereit, im langen, eleganten Foyer des Savoy platziert zu werden. »Ich habe Mahonien zu den Lorbeerblättern und dem Hartriegel gestellt. Das Gelb gibt ihnen doch eine ganz andere Nuance, nicht?«

»Finden Sie?« Ohne jegliche Begeisterung betrachtete Delia die Blumensträuße in den Vasen aus Milchglas, die schon in der letzten Saison verwendet worden waren. »Ich bezweifle das ein wenig. Darling, Sie wissen, wie wichtig es zu dieser Jahreszeit ist, unseren Gästen zu zeigen, dass der Frühling vor der Tür steht. Wenn ich mir diese Arrangements ansehe, habe ich eher das Bedürfnis, mich in eine Decke zu wickeln, an ein Lagerfeuer zu setzen und Kastanien zu rösten. Ich kenne Ihre kreative Seele, Michel«, fügte sie hinzu, als sie sein Stöhnen hörte. »Ich weiß, dass Sie das nie tun würden, wenn Sie nicht einen guten Grund dafür hätten. Was ist bloß passiert, während ich weg war? Es muss etwas Katastrophales sein«, fuhr sie fort, als er nicht antwortete, »denn Sie sind heute nicht der Einzige, mit dem irgendetwas nicht stimmt. Also sagen Sie mir, was ist los?«

Er hielt erneut in seiner Arbeit inne. »Ich bin überrascht, dass Sie das nicht schon wissen. Normalerweise wissen Sie doch alles, Madame.«

Offensichtlich nicht. »Ich bin gestern Abend sehr spät aus Paris zurückgekommen«, erklärte sie. »Was genau soll ich denn wissen?«

»Nein, nein«, erwiderte Michel rasch und schüttelte den Kopf. »Wenn Sie es noch nicht wissen, werde ich ganz bestimmt nicht derjenige sein, der es Ihnen sagt. Gehen Sie in Ihr Büro und lesen Sie Ihre Korrespondenz, Madame, dann werden Sie schon sehen.«

»Wo Madelaine bereits auf meine Rückkehr wartet, mit einem Stapel zu beantwortender Briefe in der einen Hand und ihrem Stenogrammheft in der anderen? Das kann ich nicht, Michel«, fügte sie hinzu, als er den Mund zu einer Antwort öffnete. »Wirklich, das kann ich nicht. Nicht vor der Mittagspause. Und da ich jetzt gerade vor Ihnen stehe, warum sagen Sie mir nicht einfach, aus welchem Grund Sie Ihre Meinung über die Blumen, die wir ausgesucht haben, geändert haben?«

»Nun gut, wenn Sie es unbedingt wissen wollen.« Er warf den Kopf zurück und schüttelte sein Haar wie ein wütendes junges Vollblut. »Es sind die Kosten.«

Delia blinzelte, so erstaunt, dass sie nicht wusste, was sie darauf erwidern sollte. In den fünf Jahren, in denen sie nun schon im Savoy arbeitete, hatte noch nie jemand von ihr erwartet, dass sie auf die Höhe ihrer Ausgaben achtete. »Ich verstehe nicht.«

»Vorgetriebene Blumenzwiebeln sind sehr kostspielig. Und die neuen Vasen aus geschliffenem Kristall, die Sie haben wollten, sind auch recht teuer, Madame.«

Delia konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Natürlich sind sie teuer, Darling! Wir sind hier schließlich im Savoy. Wir machen nichts, was billig ist.«

»Bisher zumindest nicht.«

Delia runzelte die Stirn, von Minute zu Minute verwirrter. »Was um alles in der Welt meinen Sie?«

»Während Ihrer Abwesenheit wurde jede Arbeitsabteilung angewiesen, einen Haushaltsplan für das Jahr vorzulegen, mit festen Budgets.«

»Einen Haushaltsplan?« Noch während sie den Ausdruck wiederholte, dachte Delia an Escoffier und Mrs Bates und begann zu ahnen, was heute alle so wütend machte. Aber woher kam bloß diese Idee fester Budgets? Sicherlich nicht von Ritz. Extravaganz war sein zweiter Vorname.

Doch bevor sie Michel fragen konnte, ergriff er bereits erneut das Wort.

»Da Sie nicht hier waren, wurde ich gebeten, ein Budget für die Blumen zu erstellen. Das habe ich getan, auf der Grundlage dessen, was Sie und ich besprochen hatten, und mir wurde sofort gesagt, dass ich es um zwanzig Prozent kürzen soll.« Er warf die Gartenschere mit einem dumpfen Schlag auf den Tisch. »Um zwanzig Prozent! Was bin ich denn? Ein Wundertäter?«

»Aber wer würde …«

»Ich habe ihm erklärt, dass ich seine Wünsche nur erfüllen kann, wenn ich die Spätblüher kaufe, die die Blumenhändler noch aus ihrem Wintervorrat übrig haben.«

»Und Ritz fand das akzeptabel? Das kann ich mir nicht vorstellen. Er weiß besser als jeder andere, wie wichtig saisonale Blumen für das Ambiente eines Hotels sind. Er würde nie erwarten, dass Sie sich mit den Resten der letzten Saison zufriedengeben. Niemals.«

Michel fuchtelte ungeduldig mit der Hand in der Luft herum. »Ich spreche nicht von Ritz. Der ist in Italien.«

»In Italien? Aber als er Paris verließ, sagte er mir, er kehre nach London zurück.«

»Er war auch hier, aber dann ist er wieder abgereist. Wegen irgendeiner Katastrophe in dem neuen Hotel in Rom. Wenn er hier wäre, würde das alles vielleicht gar nicht geschehen.«

»Aber was ist mit Echenard? Auch er würde niemals eine solche Entscheidung treffen.«

»Echenard hat nichts zu sagen. Er ist überstimmt worden, verstehen Sie?«

Nein, Delia verstand nicht, gar nichts. Sie war zu diesem Zeitpunkt völlig verwirrt. »Aber Echenard ist Ritz’ erster Stellvertreter, und ich bin die zweite. Wer könnte denn …«

Die Glocke über der Eingangstür des Blumenateliers läutete und unterbrach sie. Michel schaute an ihr vorbei, um zu sehen, wer sein Reich betreten hatte.

Delia war jedoch nicht gewillt, seine Aufmerksamkeit von dem aktuellen Problem abschweifen zu lassen. »Michel, ich verstehe das alles nicht. Niemand außer Ritz oder Echenard ist befugt, meine Anweisungen zu widerrufen.«

Er sah sie wieder an. »Es gibt da jemanden, Madame«, murmelte er und verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Es gibt da jemanden.«

Die fortwährende Unklarheit setzte ihr allmählich zu, und sie war fast schon so entnervt wie alle anderen. »Michel, um Himmels willen, hören Sie auf, in Rätseln zu sprechen, und sagen Sie mir endlich, was hier los ist! Welcher Vollidiot hält es bitte für angebracht, unsere schönen Frühlingssträuße in den letzten Atemhauch des Winters zu verwandeln?«

»Der fragliche Vollidiot«, antwortete eine tiefe männliche Stimme hinter ihr in sorgfältig formuliertem, aber schmerzhaft schlechtem Französisch, »bin dann wohl ich.«

Delia drehte sich um und sah einen Mann in der Tür zum Floristenatelier stehen – einen so attraktiven Mann, dass sie augenblicklich sicher wusste, sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Seit sie zum ersten Mal ein Partykleid angezogen, ihr Haar hochgesteckt und mit einem jungen Mann Walzer getanzt hatte, hatte Delia die Mitglieder des anderen Geschlechts beachtet und gewürdigt, besonders die attraktiven. Wäre sie diesem Mann jemals zuvor begegnet oder hätte ihn auch nur aus der Ferne erblickt, sie hätte sich an ihn erinnert.

Zum einen war er außergewöhnlich groß – so groß, dass er ihre Körpergröße von einem Meter siebenundsiebzig um gut fünfzehn Zentimeter überragte. Seine breiten Schultern füllten die Türöffnung aus, verjüngten sich zu schmalen Hüften und langen Beinen und entsprachen so sehr ihrem Ideal von einem männlichen Körper, dass ihr durch und durch weibliches Herz einen Schlag lang aussetzte.

Ihr Blick glitt wieder nach oben, vorbei an seinem teuren, gut geschnittenen Cutaway und der ordentlich geknüpften Halsbinde, hin zu seinem Gesicht, und sie bemerkte einen wunderbar kantigen Kiefer, ein Paar wie gemeißelte Wangenknochen und eine perfekte römische Nase – starke Züge, die gut zu seinem athletischen Körper passten. Seine Augen waren grün, das graue Grün von Raureif an einem Wintertag, aber sein Haar besaß das warme Goldblond eines Weizenfelds im Sommer.

Delia drehte sich nun vollständig zu ihm um. »Sieh an, sieh an«, murmelte sie, und ihre weiblichen Instinkte regten sich angesichts einer so prächtigen Männlichkeit. »Und wer sind Sie?«

Er verbeugte sich. »Simon Hayden, Viscount Calderon, zu Ihren Diensten. Ich kann nur vermuten«, fügte er hinzu, als er sich aufrichtete, »dass Sie die berüchtigte Lady Stratham sind, von der ich schon so viel gehört habe.«

Angesichts dieser wenig schmeichelhaften Beschreibung fragte sich Delia, was genau er über sie gehört haben mochte. »Du meine Güte«, sagte sie und bemühte sich, dabei locker zu klingen, »mein Ruf eilt mir offenbar voraus.«

»In der Tat, das tut er.«

Dank dieser knappen Erwiderung sank seine Attraktivität in Delias Augen um einen Punkt. Er schien ein ziemlich kalter Fisch zu sein.

Was für eine Vergeudung, dachte sie und unterdrückte einen Seufzer, während sie einen raschen wehmütigen Blick auf seinen prächtigen Körper warf.

Als sie ihre Aufmerksamkeit seinem Gesicht zuwandte, sah sie, dass er sie ebenfalls musterte, doch seine Augen waren frei jeder erkennbaren Emotion. Er sagte nichts, und je länger das Schweigen dauerte, desto mehr fühlte sich Delia unter seinem unablässigen Blick wie ein Schmetterling auf einer Stecknadel. Sie ließ sich ihr Unbehagen jedoch nicht anmerken. Eine Frau hatte ihren Stolz.

»Es ist mir ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte sie schließlich, wobei sie sich des Englischen bediente, in der Hoffnung, dass er es ihr gleichtun würde. Sie wollte ihm ersparen, auf Französisch fortzufahren, eine Sprache, die er offensichtlich nicht beherrschte. »Da wir uns nun alle kennen, Lord Calderon, erzählen Sie mir doch bitte, was Ihr Interesse an den Angelegenheiten des Savoy Hotels geweckt hat, insbesondere an denen, die in meinen Zuständigkeitsbereich fallen.«

Einer seiner Mundwinkel wölbte sich leicht nach oben, obwohl man es kaum als Lächeln bezeichnen konnte. »Sie denken, ich dränge mich in etwas hinein, wo ich nichts zu suchen habe?«

Sie lächelte sanft. »Der Gedanke ist mir durchaus gekommen.«

»Dann erlauben Sie mir, Sie zu beruhigen. Ich habe ein legitimes Interesse an den Angelegenheiten des Savoy, da ich Mitglied im Vorstand des Hotels bin.«

»Was?« Sie konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, denn sie kannte bereits jedes Vorstandsmitglied, und sie wusste, dass er nicht dazugehörte. »Seit wann?«

»Seit drei Wochen, Lady Stratham, als ich einen beträchtlichen Anteil der Savoy-Aktien erwarb und zum jüngsten Vorstandsmitglied ernannt wurde.«

Bei dieser Nachricht überkam Delia eine tiefe Unruhe. »Ich verstehe.«

»Was meine Einmischung betrifft«, fuhr er fort, »so wurde mir die Befugnis dazu durch ein einstimmiges Votum der anderen Vorstandsmitglieder erteilt. Sie haben mich ermächtigt, alle Aspekte des Hotels zu untersuchen, inklusive der derzeitigen Praktiken, und die Änderungen vorzunehmen, die ich für angebracht halte, damit die Dinge in Zukunft effizienter ablaufen können.«

Verblüfft schwieg sie einen Moment. »Aber Ritz ist der Generaldirektor«, erwiderte sie schließlich. »Ist das nicht seine Aufgabe?«

»Ritz hat bereits zugestimmt, meine Bemühungen in vollem Umfang zu unterstützen.«

»Und wenn das, was Sie tun wollen, seinen Wünschen zuwiderläuft?«

»Ritz’ Vorlieben«, sagte er achselzuckend, »müssen hinter dem zurückstehen, was notwendig ist.«

Nach dieser abweisenden Antwort wusste Delia, warum alle, denen sie heute Morgen begegnet war, so empfindlich und durcheinander waren. Bevor sie darüber spekulieren konnte, wie viele weitere Hotelangestellte dieser Mann noch verärgert haben mochte, während sie in Paris war, meldete er sich erneut zu Wort.

»Ich habe Ihnen und allen anderen leitenden Angestellten ein Memorandum über meine Ernennung zugesandt«, sagte er. »Darin stelle ich mich vor, erkläre die Situation und bitte um ein Treffen, um die Änderungen zu besprechen, die in jeder Abteilung für das kommende Jahr vorgenommen werden müssen. Sie sind bisher die Einzige, mit der ich mich noch nicht getroffen habe.«

Wollte er damit andeuten, dass sie ihre Pflichten vernachlässigt hatte? »Ich war verreist«, sagte sie und ärgerte sich selbst, wie defensiv ihr Tonfall klang.

»Ja, nach Paris, hat man mir gesagt.« Seine Augen verengten sich ein wenig. »Ein Ausflug im Auftrag von Ritz.«

Das Auswählen der Dekoration für das Pariser Hotel, das Ritz demnächst eröffnete, konnte man wohl kaum als Ausflug bezeichnen, aber es hatte keinen Sinn, ihn diesbezüglich zu korrigieren.

»Nun, das war ein äußerst angenehmes Intermezzo«, sagte sie mit einem übertriebenen Seufzer der Begeisterung. »Paris ist immer so reizvoll, selbst zu dieser Jahreszeit.«

»Ganz bestimmt.«

Paris war für ihn eindeutig kein reizvoller Ort, was sie nicht im Geringsten überraschte. Sie widerstand dem Impuls, ihm von den geistreichen Salons, den romantischen Cafés und den unanständigen Kabaretts in der Stadt des Lichts vorzuschwärmen, und sagte stattdessen: »Ich habe dort für Ritz’ Hotel gearbeitet.«

»Ritz hat dort ein eigenes Hotel, das ist richtig. Auch wenn meines Wissens Ihr gesamtes Gehalt vom Savoy bezahlt wird.«

Delia erstarrte, und der letzte Rest seiner männlichen Anziehungskraft löste sich in nichts auf.

»Was wollen Sie damit andeuten, Lord Calderon?«

»Ich werde diese Frage gerne beantworten, Lady Stratham, und auch alle anderen, die Sie mir bei unserem Treffen gerne stellen können. Ein Treffen wohlgemerkt, um das ich sie bereits gebeten habe. Sagen wir heute Nachmittag um zwei Uhr?«

»Es tut mir leid, aber um zwei Uhr habe ich bereits einen Termin«, teilte sie ihm mit. »Mein Kalender ist für den ganzen Tag ausgebucht.«

»Ach ja? Meiner auch, mit einer Ausnahme um zwei Uhr. Bitte ändern Sie Ihren Terminplan entsprechend, sodass wir uns zu dieser Uhrzeit treffen können.«

Delia bebte vor Wut angesichts seiner Überheblichkeit, und obwohl sich ihre heutigen Termine leicht verschieben ließen, sah sie keinen Grund, seine Arroganz zu belohnen. Außerdem hatte sie nicht die Absicht, sich mit ihm zu treffen, bevor sie nicht an Ritz in Rom telegrafiert und die wahren Hintergründe der ganzen Situation erfahren hatte. Hinauszögern, so beschloss sie, war ihre beste Option.

»Sie scheinen ein vielbeschäftigter Mann zu sein, Lord Calderon«, sagte sie und ließ all ihren Charme spielen. »Ich möchte nicht, dass Sie Ihre Zeit verschwenden, also lassen Sie mich Ihnen versichern, dass ein Treffen zwischen uns absolut nicht notwendig ist. Es ist mir bisher durchaus gelungen, meine Arbeit auch ohne die Hilfe eines Vorstandsmitglieds zu erledigen.«

Er hustete trocken. »Nicht gar so gut, wie Sie vielleicht denken, muss ich leider sagen.«

Diese ominösen Worte ließen ihr Unbehagen noch größer werden, aber bevor sie ihn fragen konnte, was er damit meinte, fuhr er fort: »Nach dem Studium der Finanzberichte für das vierte Quartal ist der Vorstand der Ansicht, dass im gesamten Hotel tiefgreifende Veränderungen vorgenommen werden müssen. Ihre Aufgaben werden von diesen Änderungen stark betroffen sein, und da Sie so lange fort waren, drängt die Zeit – deshalb bestehe ich auf dem heutigen Treffen. Wenn Sie eine Schätzung Ihrer Ausgaben für das laufende Jahr mitbringen würden, wäre das für unser Gespräch sehr hilfreich.«

Selbst wenn sie sich entschließen sollte, ihn heute Nachmittag zu treffen – was trotz seiner Vermutungen keineswegs sicher war –, wollte sie die nächsten vier Stunden doch nicht in quälender Ungewissheit verbringen.

»Welche ›tiefgreifenden Änderungen‹ will der Vorstand denn vornehmen?«, fragte sie.

»Zunächst einmal werden Sie nicht mehr Mr Ritz oder Mr Echenard unterstellt sein. Die Ehre, für Sie zuständig zu sein, fällt nun mir zu«, fügte er bar jeglichen Enthusiasmus hinzu, was alles andere als schmeichelhaft war.

»Ihnen?« Delia starrte ihn entsetzt an.

»Ich sehe, Sie sind über diese Aussicht genauso begeistert wie ich«, erwiderte er trocken. »Dennoch vermag keiner von uns beiden etwas dagegen zu tun. Die Entscheidung ist bereits gefällt.«

Seine Worte fühlten sich wie ein Fehdehandschuh an, und Delia erstarrte. Zum Teufel mit Charme – der war hier eindeutig verschwendet. Besser, sie machte sich zum Kampf bereit. »Ach ja?«

»Der Vorstand ist der Meinung, dass die meisten Ihrer Aufgaben, insbesondere die Veranstaltungen, die Sie im Namen des Hotels für verschiedene Kunden organisieren, mit größerer Umsicht als in der Vergangenheit gehandhabt werden müssen.«

»Mit größerer Umsicht? Wollen Sie damit sagen, dass ich in solchen Dingen nachlässig gewesen bin?«

Sein frostiger Blick glitt an ihr vorbei und erinnerte sie daran, dass sie nicht allein waren. Dann kehrte er zu ihr zurück. »Das ist wohl kaum der richtige Ort, um das zu besprechen. Wenn Sie heute Nachmittag in mein Büro kommen, erkläre ich Ihnen gerne die Situation …«

»In Ihr Büro?«, unterbrach sie ihn schockiert. »Sie haben ein Büro? Hier im Hotel?«

»Das ist der Fall, ja. Und zwar direkt neben Ihrem.«

Die Situation wurde von Minute zu Minute schlimmer. »Dann sind Sie also so was wie mein Kindermädchen, ja?«

Er schenkte ihr ein eisiges Lächeln. »Ich würde eher sagen, der Vorstand ist der Meinung, dass Ritz mit der Überwachung Ihrer Aufgaben überfordert ist, und dass sowohl er als auch Sie von einer externen Aufsicht über Ihre Position und die Ihnen unterstellten Mitarbeiter profitieren würden.«

Delia konnte sich nicht vorstellen, was geschehen war, um solche Bedenken des Vorstands ihrer Person gegenüber hervorzurufen und die Einmischung dieses Mannes zu erlauben, aber sie gab sich keinen Illusionen hin, dass irgendetwas davon zu ihrem Vorteil sein würde. Und als sie sich vorstellte, für diesen Eisklotz von einem Mann zu arbeiten, stellte sie bestürzt fest, dass ihre Traumanstellung gerade zu einem Albtraum geworden war.

2

Sie war nicht ganz so, wie er es erwartet hatte.

Bei seinen Gesprächen mit dem Hotelpersonal in den letzten Wochen hatte Simon Lady Strathams Namen mit ermüdender Regelmäßigkeit gehört, meist während entschuldigender Erklärungen, warum seine Ideen schwer umzusetzen seien. Außerdem hatte Helen Carte, die Frau des Gründers des Savoy-Hotels, ihm schon einiges über die Gräfin erzählt: dass Ritz sie verehrte; dass sie eine Cousine des Herzogs von Westbourne war; dass sie bei ihrer Einführung in die Gesellschaft vor vielen Jahren als eine der skandalösesten und faszinierendsten Debütantinnen der Saison gegolten hatte; und dass es ihr in den Jahren seither gelungen war, drei äußerst vorteilhafte Ehen zu schließen, zuerst mit dem Sohn eines Marquess, dann mit einem französischen Grafen und zuletzt mit einem schottischen Earl.

Helen verdächtigte sie weitaus schlimmerer Sünden, als sich reiche Ehemänner zu angeln, und obwohl Simons erste flüchtige Prüfung ihrer Spesenabrechnungen nichts Konkretes ergeben hatte, was diesen Verdacht hätte bestätigen können, machte es die Nachlässigkeit, mit der die Gräfin ihre Bücher geführt hatte, sicherlich leichter, einen möglichen Betrug zu verschleiern. Und selbst wenn sie unschuldig war, hatte es Simon doch den Atem verschlagen, wie sorglos sie mit den Geldern des Hauses Savoy umging. Kein Wunder, dass Ritz sie anbetete. Sie war die ideale Protegée für ihn.

Infolgedessen entstand in Simons Kopf das Bild einer unverschämt extravaganten, mit Juwelen und Pelzen behängten Kreatur, deren einstmals bezaubernde Schönheit mit der Zeit sicherlich verblasst war und deren Wangen nun einen Hauch von Rouge benötigten, um ihre jugendliche Röte zu bewahren; deren Haar von grauen Strähnen durchzogen war und deren Figur nach einem festen Mieder verlangte, um die unvermeidliche Gewichtszunahme in der Lebensmitte zu überwinden.

Niemals hätte er sich eine schlanke, jugendliche Frau mit cremefarbener Haut, rabenschwarzem Haar und einem attraktiven, herzförmigen Gesicht vorgestellt. Sie glich eher einer Jungfrau als einer Witwe, die drei Ehemänner zu Grabe getragen hatte.

Wie, fragte er sich, während er in ein Paar riesiger indigoblauer Augen starrte, die von dichten schwarzen Wimpern umrandet waren, hatte eine so junge Frau es geschafft, dreimal zu heiraten? Sie konnte nur wenig Zeit verschwendet haben, das Ableben eines jeden Ehemannes zu betrauern, bevor sie sich dem nächsten zuwandte.

Aus seinem bisherigen Gespräch mit ihr und auch aus den Unterhaltungen, die er mit anderen Hotelangestellten geführt hatte, ging ebenso hervor, dass die Gräfin keinen Widerspruch gewohnt war – sie hatte immer ihren Willen bekommen, war ihr Leben lang verwöhnt worden, und es gab niemanden, der ihr jemals Einhalt geboten hätte.

Bis jetzt.

Sie schien seine Gedanken lesen zu können, und als er sah, wie sich ihr zierliches Kinn ein klein wenig hob, wusste er, dass er in den kommenden Tagen reichlich zu tun haben würde.

»Wie ich bereits erklärt habe«, sagte sie, und ihre Stimme lenkte ihn zum eigentlichen Thema zurück, »bin ich den ganzen Nachmittag beschäftigt, und ich habe nicht die Angewohnheit, Verabredungen zu brechen.«

Abgesehen von ihrem Titel und ihrer Position war sie seine Untergebene, und er konnte nicht zulassen, dass sie ihm die Bedingungen für ihre Arbeit diktierte, schon gar nicht vor einem anderen Mitarbeiter. Am besten, er stellte das von Anfang an klar.

»Eine einzige nicht eingehaltene Verabredung ist kaum eine Angewohnheit«, sagte er, »deshalb schlage ich vor, dass Sie die andere Partei so schnell wie möglich darüber informieren, dass Sie einen neuen Termin vereinbaren müssen.«

»Und der Grund dafür sind in diesem Fall Sie?«

»Exakt. Es sei denn«, fügte er hinzu, um ihr einen Kompromiss anzubieten, »Sie möchten sich lieber jetzt gleich mit mir zusammensetzen? Wenn Monsieur DuPont nichts dagegen hat, versteht sich.« Er warf dem Floristen einen Blick zu. »Wäre es für Sie akzeptabel, unsere Beratung auf zwei Uhr zu verschieben, Monsieur?«

Lady Stratham gab einen erstickten Laut von sich, als er sich an den Floristen wandte, und Simon, der sich bewusst war, dass seine Anrede wie »mon-sewer« geklungen hatte, verfluchte sich dafür, dass er als Junge nicht häufiger Französisch geübt hatte.

Zu Simons großer Erleichterung zuckte Monsieur DuPont nach diesem Gemetzel seiner Muttersprache nur nonchalant mit den Schultern und machte eine ausladende Geste, die Simon als Antwort auf seine Frage verstand.

»Ausgezeichnet. Ich werde um zwei Uhr zurückkehren.« Simon wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Frau vor ihm zu und wies mit einer Geste zur Tür. »Es scheint, als hätte sich in meinem Terminkalender gerade eine Lücke ergeben, Lady Stratham. Und da Sie offensichtlich auch frei sind, sollten wir die Gunst der Stunde nutzen und uns in mein Büro begeben.«

Sie sah aus, als würde sie sich lieber auf eine Folterbank legen, aber zum Glück erhob sie keine weiteren Einwände und ging, ihm voran, durch die Tür des Floristen. Stumm schritten sie durch das lange Foyer des Hotels und durchquerten den Korridor, in dem sich die Büros der Personalchefs befanden.

Er ging an ihrem Büro vorbei in sein eigenes, in der Erwartung, dass sie ihm folgen würde, aber stattdessen blieb sie, sichtlich schockiert, im Türrahmen stehen.

»Was ist mit Madelaine geschehen?«, fragte sie. »Das hier ist ihr Büro.«

Noch etwas, das sie ihm übel nehmen würde, dachte er voller Sarkasmus, während er um seinen Schreibtisch herumging. »Wenn Sie Mrs Alverson meinen«, antwortete er und drehte sich zu ihr um: »Sie wurde entlassen.«

»Entlassen?«, wiederholte die Gräfin und zog ihre elegant gewölbten Brauen zu einem Stirnrunzeln zusammen. »Von wem entlassen?«

»Von mir, fürchte ich. Sehen Sie …«

»Sie haben meine Sekretärin entlassen«, unterbrach sie ihn mit zusammengebissenen Zähnen, »und ihr Büro übernommen?«

Simon hielt ihrem verärgerten Blick unerschütterlich stand. »Ich bin den Aktionären des Savoy verpflichtet, und diese Verpflichtung erfordert eine verantwortungsvolle Finanzverwaltung. Unnötiges Personal abzubauen ist eine der besten Möglichkeiten, die Effizienz zu steigern, was meine Hauptaufgabe ist. Und da dieses Büro mit dem Weggang von Mrs Alverson leer geworden ist, sind mein Sekretär und ich dort eingezogen.«

Sie warf einen Blick auf den zweiten Schreibtisch in dem überfüllten Raum, an dem im Moment niemand saß, und sah ihn dann wieder an, wobei ein Lächeln auf ihren Lippen lag, das ihre Augen nicht erreichte. »Wie schön zu wissen, dass wenigstens einer von uns noch einen Sekretär hat«, schnurrte sie. »Aber sagen Sie mir«, fügte sie hinzu, bevor er etwas erwidern konnte, »inwiefern erhöht es die Effizienz, mich nicht zu konsultieren, bevor Sie entscheiden, dass meine Sekretärin nicht mehr benötigt wird?«

Das Zittern in ihrer Stimme verriet ihre Wut.

Er konnte ihr das nicht verübeln; ihm wäre es genauso ergangen. Niemand mochte es, auf diese Weise geschwächt zu werden, aber unter den gegebenen Umständen war es unvermeidbar gewesen. Außerdem durfte er sich angesichts von Helens Verdacht und seinen eigenen Beobachtungen nicht von den verletzten Gefühlen anderer beeinflussen lassen.

»Wären Sie hier gewesen, hätte ich Sie über meine Entscheidung und deren Gründe informiert«, begann er. »Aber …«

»Und Sie hatten nicht die Höflichkeit, meine Rückkehr abzuwarten?«

Zum dritten Mal seit ihrer kurzen Bekanntschaft von ihr unterbrochen, hätte er sie durchaus darauf hinweisen können, dass Höflichkeit keine Einbahnstraße war, doch er unterließ es. »Offensichtlich nicht«, sagte er stattdessen.

Die Feindseligkeit, die sie an den Tag legte, war für Simon nichts Neues. Innerhalb der letzten drei Wochen hatten die anderen leitenden Angestellten ihm deutlich gemacht, dass ihre Loyalität Ritz, Escoffier, Echenard und Lady Stratham galt und dass er selbst ein Eindringling war. Ein gewisser Groll war unvermeidlich, das wusste er, aber in diesem Fall wurde Simon nicht nur durch die Loyalität der Angestellten gegenüber Ritz behindert, sondern seltsamerweise auch durch seinen Titel.

Aufgrund seiner niederen Herkunft und seiner kürzlich erfolgten Erhebung in den Adelsstand betrachteten ihn viele der Bediensteten hier nicht als Lord, sondern als Wichtigtuer, dessen Titel nicht mehr als ein schlechter Scherz war. Obwohl er ihnen insgeheim zustimmen mochte, konnte er es sich nicht leisten, dies zu zeigen. Und Respekt, das wusste er sehr wohl, musste man sich verdienen. Doch während er den Groll im Gesicht seines Gegenübers studierte, erkannte er auch, dass es weitaus schwieriger sein würde als angenommen, sich diesen Respekt zu verdienen und das Chaos, das inzwischen im Savoy herrschte, wieder in Ordnung zu bringen. Er fühlte sich ein wenig wie Herkules, der den Augiasstall ausmistet.

Dennoch: Die Schwierigkeiten spielten keine Rolle.

Helen und Richard Carte hatten ihn um Hilfe gebeten, und er hätte sich eher den rechten Arm abgehackt, als ihnen diese zu verweigern. Er schuldete ihnen mehr, als er jemals zurückzahlen konnte. Die Gelegenheitsdiebstähle und der Selbstmord seines Vaters vor fünfzehn Jahren hatten seine Mutter nicht nur am Boden zerstört, sie hatten sie auch ihre Anstellung gekostet und ihren guten Namen beschmutzt. Er selbst war zu dieser Zeit in Afrika stationiert gewesen und hatte ihr deshalb nicht zur Seite stehen können, und wenn Richard Carte nicht gewesen wäre, dann wüsste er nicht, was mit seiner Mutter und seiner Schwester Cassandra geschehen wäre. Nur wenige Menschen wussten von der Schande seines Vaters, und die meisten von ihnen hatten es längst vergessen, aber Simon würde es nie vergessen. Er war entschlossen, das Vermächtnis seines Vaters, das aus Unehrlichkeit und Feigheit bestand, zu zerstören, nicht nur um seiner selbst, sondern auch um seiner Schwester willen. Richard und die anderen Mitglieder des Vorstands hatten ihm trotz der kriminellen Vergangenheit seines Vaters ihr Vertrauen geschenkt, und er würde sie nicht enttäuschen.

»Die ganze Situation ist recht kompliziert, Lady Stratham«, sagte er schließlich und deutete auf den Stuhl seinem Schreibtisch gegenüber. »Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich, und ich werde sie Ihnen so gut wie möglich erklären. Sie können natürlich auch stehen, wenn Sie möchten«, fügte er freundlich hinzu, als sie sich nicht rührte, »aber bei dem ausgefüllten, anstrengenden Tag, den Sie angedeutet haben, hätte ich gedacht, dass Sie sich lieber ein wenig setzen wollen.«

Als sie weiterhin zögerte, zog er, entgegen dem Protokoll, immer zu warten, bis eine Dame zuerst sitzt, seinen eigenen Stuhl hervor und nahm darauf Platz. Dann griff er nach der Mappe, in der er seine Notizen zu ihr sammelte, öffnete sie und sah wieder zu Lady Stratham auf. »Es liegt an Ihnen.«

Sie schien die Herausforderung hinter seinen freundlichen Worten zu erkennen. Mit einem Kopfschütteln betrat sie sein Büro und ging zu seinem Schreibtisch. »Ich fürchte, das Ermüdendste an meinem Tag werden Sie sein«, sagte sie mit entnervter Miene, als sie sich auf den angebotenen Stuhl ihm gegenüber sinken ließ.

»Ob sich das bewahrheitet, hängt vor allem von Ihnen ab.«

»Ach ja?«, konterte sie. »Seit Sie auf der Bildfläche erschienen sind, scheine ich wenig Kontrolle über die Dinge zu haben, die in meinen Zuständigkeitsbereich fallen, einschließlich meiner eigenen Mitarbeiter.«

»Wenn Sie Mrs Alverson meinen«, begann er, aber sie schüttelte den Kopf.

»Nicht nur sie. Ich habe auch an Michel gedacht, dessen künstlerisches Empfinden Sie mit Ihren Ansichten über seine Blumenarrangements beleidigt haben.«

»Er wird sich davon erholen.«

Sollte sie die Trockenheit dieser Antwort bemerken, zeigte sie es nicht. »Und Mrs Bates? Die arme Frau ist heute Morgen brummig wie ein Bär, und ich kann nur vermuten, dass das auch an Ihnen und Ihren Interventionen liegt.«

»Veränderungen sind immer beunruhigend.«

»Vor allem, wenn diese Veränderungen nicht über die richtigen Kanäle erfolgen. Ich kann verstehen, dass Sie einen Auftrag zu erledigen haben – auch wenn ich nicht den blassesten Schimmer habe, was ihn herbeigeführt haben könnte. Nichtsdestotrotz würde das Protokoll vorschreiben, dass Sie Ihre Erkenntnisse und Empfehlungen an Ritz oder Echenard weitergeben. Diese würden sie dann mit mir oder mit Escoffier besprechen, und wir wiederum würden sie mit unseren Mitarbeitern besprechen und entscheiden, was wir gemeinsam mit ihnen tun sollen. So werden die Dinge hier im Savoy gehandhabt.«

Simon rieb sich mit der Hand über die Stirn und unterdrückte den Laut der Verzweiflung, der ihm schon über die Lippen kommen wollte. Wenn er nur ein einziges weiteres Mal diese gedrechselte, abweisende Formulierung »So wird das hier nicht gehandhabt« zu hören bekäme, würde er an die Decke gehen, dessen war er sich sicher.

»Da Sie jetzt mir unterstellt sind und nicht mehr Ritz«, sagte er, »ist das von Ihnen beschriebene Protokoll nicht mehr relevant. Wir können den ganzen Vormittag hier sitzen«, fügte er hinzu, bevor sie etwas erwidern konnte, »und darüber debattieren, wie das Savoy die Dinge früher gehandhabt hat, aber das wäre reine Zeitverschwendung. Die meisten dieser Vorgehensweisen werden sich in den kommenden Wochen ändern.«

»Es scheint, als hätten sie sich bereits reichlich verändert.«

»Und das werden sie auch weiterhin. Ich schlage vor, Sie akzeptieren die Situation mit so viel Anstand, wie Sie aufbringen können.«

»Ritz ist seit vielen Jahren ein erfolgreicher Hotelmanager. Ist es nicht etwas arrogant zu glauben, dass Sie es besser können als er?«

»Wohl kaum«, schoss er zurück, »wenn man bedenkt, welch katastrophalen Mangel an ordentlichem Management ich hier seit meiner Ankunft erlebe.«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wünschte er schon, er könnte sie zurücknehmen. Ritz befand sich, ohne es zu ahnen, in einer prekären Lage, ebenso wie viele andere Mitarbeiter des Hotels, darunter auch die Frau vor ihm. Die Gewinne waren im vergangenen Jahr stetig gesunken, und als im Herbst ein detaillierter, vernichtender anonymer Brief den Vorstand erreicht hatte, in dem Ritz, Echenard und Escoffier einer Reihe von Missständen beschuldigt wurden, hatten die Mitglieder beschlossen, eine geheime Untersuchung einzuleiten.

Monatelang hatten Privatermittler die in dem Brief genannten Personen heimlich beschattet und die vom Verfasser erwähnten Anschuldigungen untersucht. Die bisherigen Ergebnisse bestätigten den Wahrheitsgehalt dieser Anschuldigungen und deckten Unregelmäßigkeiten, törichte Extravaganzen und fragwürdige Entscheidungen auf allen Ebenen auf. Schlimmer noch, es gab eindeutige Hinweise auf Betrug in großem Stil. Der Vorstand hatte daraufhin Simon mit der Überwachung einer Finanzprüfung beauftragt, um die Korruption aufzudecken und das Hotel wieder in die Gewinnzone zu bringen.

Da er selbst mehrere Hotels besaß, die er aus den Trümmern des Konkurses gerettet hatte, galt er in einzigartiger Weise für diesen Auftrag qualifiziert. Doch obwohl er sich gerne bereit erklärt hatte, den Cartes zu helfen, und er die Herausforderung und die Möglichkeiten, die ihm dieses Projekt bot, begrüßte, konnte er nicht behaupten, dass ihm die Geheimhaltung, die hier erforderlich war, sonderlich gefiel. Er verabscheute getarnte Manöver. Sie widersprachen seiner Natur.

»Lassen wir uns nicht vom eigentlichen Thema ablenken«, sagte er und erinnerte sich mit Nachdruck daran, dass Diskretion das Gebot der Stunde war. »Es geht bei diesem Treffen nicht um Ritz oder die Qualität seines Managements. Nein, wir sind hier, um über Sie zu sprechen.«

»Mein Lieblingsthema.« Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, und ihre Stimme war leicht, ihr Lächeln mit diesen bezaubernden Grübchen sorglos, doch er sah, dass ihre Leichtigkeit nur Pose war. Die Anspannung in ihren Schultern und in den Sehnen entlang ihres schlanken Halses verriet ihm, dass sie nervös war.

Vollkommen zu Recht.

Sie war in dem anonymen Brief nicht erwähnt worden, und es waren bisher keine konkreten Beweise gegen sie gefunden worden, aber die Ermittlungen waren noch lange nicht abgeschlossen. Außerdem war Helen von ihrer Schuld überzeugt, und obwohl dies vor allem an der langjährigen Freundschaft der Gräfin mit Ritz zu liegen schien, könnte das ausreichen, um ihre Entlassung zu erreichen. Doch Simon wusste besser als jeder andere, welchen Schaden eine Schuldzuweisung anrichten konnte, und solange kein tatsächliches Fehlverhalten der Gräfin aufgedeckt wurde, war er bereit, unvoreingenommen zu bleiben.

»Auf der Aktionärsversammlung für das vierte Quartal vor ein paar Wochen«, sagte er und hielt ihr dieselbe Rede, die er schon den anderen Hotelmanagern und Mitarbeitern gehalten hatte, »wurden die Investoren des Savoy darüber informiert, dass sie keine Dividende erhalten, weil die Gewinne des Hotels erneut eingebrochen sind, allein im letzten Jahr um fünfundzwanzig Prozent. In einigen Abteilungen sind die Umsätze sogar noch weiter zurückgegangen, sodass sie kaum noch Ausgaben tätigen können. Das Restaurant arbeitet derzeit mit Verlust.«

»Was?« Sie starrte ihn erstaunt an. »Aber das kann nicht sein. Wir haben so viel zu tun wie noch nie! Das Restaurant ist jeden Abend voll, Woche für Woche. Obwohl es erst Mitte Januar ist, ist das Hotel für dieses Jahr schon beinahe gänzlich ausgebucht. Ich habe in den kommenden drei Monaten ein Dutzend Bankette und Mittagessen geplant und mindestens drei Dutzend weitere im Laufe der Saison.« Sie schüttelte den Kopf und lachte kurz auf. »Wie kann es da sein, dass die Hotelgewinne rückläufig sind?«

Sie wirkte so verwirrt, dass Simon einen Moment lang sprachlos war.

Der Brief hatte eine Kultur der Korruption auf allen Ebenen beschrieben, von ganz oben bis ganz unten, und die Ermittlungen hatten diese Darstellungen noch unterfüttert. Sogar Lady Strathams eigene Sekretärin war mit der Hand in der Kasse erwischt worden.

Selbst wenn die Gräfin unschuldig war, konnte Simon nur schwer glauben, dass sie nicht wusste, was die anderen taten. Wie Michel DuPont gesagt hatte, schien sie über alles Bescheid zu wissen, was im Hotel vor sich ging.

»Sind Sie sich sicher«, sagte sie und lenkte ihn damit auf das eigentliche Thema zurück, »dass den Buchhaltern des Hotels kein Fehler unterlaufen ist?«

»Deloitte, Dever, Griffiths & Co. ist ein solides und seriöses Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Sie machen für gewöhnlich keine Fehler. Aber für den unwahrscheinlichen Fall, dass so etwas passiert sein könnte, habe ich als Erstes eine umfassende forensische Prüfung angeordnet, die Mr Dever jetzt unter meiner Aufsicht durchführt.«

»Aber warum Sie? Sie sind ein Peer, kein Buchhalter.«

»Das stimmt, aber ich bin ein Peer mit viel Erfahrung in Geschäftsangelegenheiten.«

»Ein Peer mit einem Sinn fürs Geschäft?« Ihr Mund bog sich leicht amüsiert. »Das ist ein bisschen wie ein Einhorn.«

Mehr als ein bisschen, dachte er und verzog das Gesicht. Seit seiner Erhebung in den Adelsstand vor ein paar Monaten hatte er die meiste Zeit damit verbracht, sich wie eine Art bizarres Kuriosum zu fühlen. Er war der Sohn eines Zimmermädchens und eines unehrlichen Hotel-Rezeptionisten. Seine Ausbildung in Harrow hatte er durch ein Stipendium erhalten, nicht durch das Privileg einer reichen, adeligen Familie. Sein Vermögen hatte er durch harte Arbeit und solide Investitionen erworben, nicht durch eine Erbschaft.

Sie hingegen war in Privilegien und Reichtum hineingeboren worden und besaß eine aristokratische Abstammung, die bis auf Wilhelm den Eroberer zurückging.

»Vielleicht ist es nicht üblich«, räumte er ein, »aber es ist auch nicht gänzlich ungewöhnlich, dass ein Mann mit einem Titel etwas von Finanzen versteht.«

Aus irgendeinem Grund brachte sie das zum Lachen. »Die meisten Jungen, mit denen ich aufgewachsen bin, haben in der Schule nichts so Nützliches wie Buchhaltung gelernt, aber vielleicht war das in Ihrer Schule anders?«

Er wusste, wonach sie eigentlich fragte, und das ärgerte ihn. »Harrow«, sagte er. »Das wollten Sie doch wissen, nicht wahr? Wenn man weiß, wo ein Mann zur Schule gegangen ist, kann man am leichtesten feststellen, ob er von der richtigen oder falschen Sorte ist.«

»Das hat nichts mit meiner Frage zu tun«, sagte sie mit einem Ausdruck beleidigter Würde, der ihm höchst suspekt war. »Ich war nur neugierig. Aber wenn Sie in Harrow waren, kennen Sie vielleicht meinen Cousin, den Duke of Westbourne?«

»Nein«, antwortete er und dachte an die lange zurückliegende Schulzeit. »Ich habe die Bekanntschaft mit Ihrem Cousin bereits gemacht, das ja, aber erst vor ein paar Wochen. In der Schule sind wir uns nie begegnet. Er war zwei Jahre unter mir, glaube ich.«

Er fügte nicht hinzu, dass, selbst wenn er Westbourne auf der Schule kennengelernt hätte, es vermutlich nicht von Belang gewesen wäre, da die Söhne der wohlhabenden Peers alle Stipendiaten mieden, als hätten sie die Pest.

»Was meine Kenntnisse im Finanzwesen angeht«, sagte er stattdessen, »so habe ich sie tatsächlich durch Erfahrung erworben, ebenso wie meine Kenntnisse über das Gastgewerbe. Ich besitze bereits drei Hotels und bin an fünf weiteren zu einem beträchtlichen Teil beteiligt, zusätzlich zu meinem Anteil am Savoy.«

»Oh.«

Sie blinzelte, scheinbar verunsichert durch diese Information, und Simon konnte nicht umhin, daraus eine gewisse Genugtuung zu ziehen. »Um auf den Punkt zurückzukommen: Das Hotel verliert Geld«, sagte er. »Meine Aufgabe ist es, alle notwendigen Änderungen vorzunehmen, um diese Abwärtsspirale umzukehren. Die Investoren erwarten am Ende des ersten Quartals eine Dividende, und ich werde dafür sorgen, dass sie sie bekommen.«

Er verschwieg ihr, dass diese Aufgabe auch als eine sehr wirksame Tarnung für die Betrugsermittlung diente.

»Und die Ausschüttung von Dividenden an bereits wohlhabende Investoren ist es wert, die Lebensgrundlage von Menschen zu vernichten«, konterte sie. »Sie ist es wert, alles auf den Kopf zu stellen und die Nerven des gesamten Personals gehörig zu strapazieren, weil sich alle angespannt fragen, ob auch sie in Zukunft entbehrlich sein werden?«

»Wenn das Hotel nicht rentabel ist, wird der Betrieb eingestellt, und dann verlieren tatsächlich alle ihren Arbeitsplatz. Das Savoy kann nur überleben, wenn in jeder Abteilung die Ressourcen richtig eingesetzt werden.« Er griff erneut nach der Mappe auf seinem Schreibtisch und öffnete sie. »Und damit, Lady Stratham, kommen wir zu Ihnen.«

»Also gut.« Sie setzte sich etwas aufrechter hin und sah ihn herausfordernd an. »Was soll es denn sein? Ihrem unbarmherzigen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, tippe ich auf ein Erschießungskommando bei Sonnenuntergang. Oder vielleicht der Galgen im Morgengrauen. Ich hoffe nur, dass man mir vorher eine Zigarette erlaubt.«

Er warf ihr einen schiefen Blick zu und zog ein Blatt aus der Mappe.

»Das Erste, was wir besprechen müssen, ist Ihr Betriebsbudget.«

Sie sah ihn an, als hätte er plötzlich angefangen, eine unbekannte Sprache zu sprechen. »Mein was?«

Er fand ihre Verblüffung – nicht die erste derartige Reaktion, die er in den letzten Wochen erlebt hatte – verdammt ärgerlich. Um Himmels willen, dachte er, verstand denn niemand, der hier angestellt war, das Konzept von Gewinn und Verlust?

»Ihr Budget, Lady Stratham«, sagte er und bemühte sich um Geduld. »Selbst eine Dame wie Sie muss doch wissen, was ein Budget ist?«

»Natürlich«, sagte sie, aber die Art, wie sie ihre Augen verengte, strafte die Leichtigkeit ihrer Antwort Lügen. »Selbst mein armer, verwirrter weiblicher Verstand versteht das Konzept eines Budgets.«

Simon, der sich an die unverschämten Beträge erinnerte, die auf ihrem Spesenkonto verbucht wurden, war sich dessen nicht so sicher. »Meine Frage war weder eine Herabsetzung Ihres Geschlechts noch ein Infragestellen Ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Vielmehr rührt sie von Ihren verschwenderischen Ausgabengewohnheiten her.« Er blickte auf das Blatt Papier, überflog die Zahlenkolonne, die er sich in Vorbereitung auf dieses Gespräch notiert hatte, und sah dann wieder auf. »Laut Ihren Spesenkalendern …«

»Sie haben meine Spesenkalender durchgesehen?«, schaltete sie sich ein, und ihre Stimme wurde lauter. »Die, die ich in meinem Schreibtisch aufbewahre? Meinem abgeschlossenen Schreibtisch?«

»Nun, ja.« Er setzte einen Ausdruck des gespielten Bedauerns auf. »Ihr Schreibtisch braucht ein neues Schloss, fürchte ich.«

»Und Sie hätten sich nicht die Mühe machen können, mir nach Paris zu telegrafieren und mich um Erlaubnis zu fragen, bevor Sie meinen Schreibtisch aufbrechen und meine Sachen durchwühlen?«

Wenn sie sich tatsächlich eines Fehlverhaltens schuldig gemacht hätte, müsste sie jetzt nervös werden. »Nicht unbedingt«, sagte er achselzuckend. »Warum?« Angespannt beugte er sich vor und beobachtete sie genau. »Gab es etwas in Ihrem Schreibtisch, das die Öffentlichkeit nicht sehen sollte?«

»Natürlich nicht«, antwortete sie sofort. »Schließlich bewahre ich die Briefe meiner Liebhaber alle in meiner Suite oben auf.«

Wenn sie gehofft hatte, ihn damit zu schockieren, musste er sie enttäuschen. Nach drei Ehen war sie ganz sicher kein unschuldiges Fräulein. Und selbst Simon konnte nicht leugnen, dass sie bemerkenswert schön war. Wenn er ihr zartes Gesicht und ihre dunkelblauen, mit dichten Wimpern umrandeten Augen betrachtete, konnte er sich gut vorstellen, dass sie Dutzende von Liebhabern hatte.

»Ein sehr kluges Vorgehen«, sagte er ernst. »Aber da wir gerade von Ihrer Suite oben sprechen … Sie wird vom Hotel bezahlt, wie ich höre?«

»Ja.« Ihr Gesicht nahm einen misstrauischen Ausdruck an. »Das Hotel stellt mir ein Zimmer als Teil meiner Vergütung zur Verfügung. Warum?«

»In Ihrem Arbeitsvertrag ist ein Zimmer angegeben, aber keine Suite. Sie werden umziehen müssen.«

»Was sind Sie nur für ein Überbringer freudiger Nachrichten, Calderon. Wie die Cholera.«

»Suiten sind für das Hotel ein wertvolles Wirtschaftsgut«, fuhr er fort und ignorierte ihren Vergleich mit einer tödlichen Krankheit. »Wir können nicht zulassen, dass ein Angestellter umsonst in einem der begehrtesten Zimmer des Hotels wohnt, wenn dieses Zimmer mit Gewinn an die Öffentlichkeit vermietet werden könnte.«

»Dann werde ich die Differenz von meinem Gehalt abziehen lassen. Mit Ihrer Erlaubnis natürlich«, fügte sie hinzu, und ihre Stimme triefte vor Süße.

»Das wäre eine akzeptable Alternative«, sagte er. »Übrigens habe ich von Mrs Bates gehört, dass Sie ein Zimmermädchen gebeten haben, als Ihre Zofe zu fungieren? Wenn ja«, fügte er hinzu, als sie nickte, »muss das Hotel Ihnen diese Dienstleistung in Rechnung stellen.«

»Ich bezahle nun also für den Luxus einer Suite – aber ich nehme an, es ist zwecklos, Sie daran zu erinnern, dass Suite-Gäste kostenlos den Service von Zimmermädchen und Kammerdienern in Anspruch nehmen können?«

»Zwecklos, in der Tat«, stimmte er fröhlich zu, »denn Gäste müssen diese Art Service jetzt bezahlen. Unsere Zimmermädchen und Diener sind ab sofort verpflichtet, alle Aufgaben, die sie für Gäste einer Suite erledigen, an die Buchhaltung zu melden, so wie sie es auch für alle anderen Gäste tun, die hier übernachten. Alle Trinkgelder bleiben davon natürlich unberührt.«

»Wie großzügig.«

Er ignorierte ihren Sarkasmus und konzentrierte sich wieder auf seine Notizen.

»Meiner Meinung nach waren wir bisher viel zu großzügig. Kostenlose Diener, kostenlose Zimmermädchen, kostenloser Champagner beim Einchecken, noch mehr kostenloser Champagner bei Tisch …« Er verkniff sich eine abfällige Bemerkung über die Großzügigkeit von Ritz, der der aristokratischen Kundschaft des Hotels kostenlosen Wein aus den Kellern des Savoy zur Verfügung gestellt hatte. »Wie ich bereits sagte, waren die Ausgaben für Ihre Abteilung … verschwenderisch, um es vorsichtig auszudrücken. Tausende von Pfund allein für Blumen.«

»Ich nehme an, Sie gehören nicht zu denjenigen, die an das Axiom glauben, dass Blumen genauso wichtig für den Tisch sind wie Brot?«

»Wer so etwas behauptet, hat noch nie Hunger gelitten«, entgegnete er, ohne aufzusehen. »Nun …«

»Haben Sie?«, unterbrach sie ihn. »Waren Sie jemals hungrig, meine ich?«

Er versteifte sich bei der Erinnerung an die Tage in seiner Kindheit, als der magere Lohn seiner Eltern nicht gereicht hatte; an die Zeiten, in denen er von der Schule genommen worden war, um stattdessen gegen Trinkgeld Botengänge für reiche Hotelgäste zu erledigen, damit seine Eltern die Miete für ihre Wohnung bezahlen konnten. »Ja«, sagte er brüsk. »Das war ich. Könnten wir nun zum eigentlichen Thema zurückkehren?«

Sie antwortete mit einer übertriebenen Geste des Einverständnisses, und er fuhr fort: »Wie ich sehe, haben Sie im letzten Jahr neue Gemälde für das Foyer erworben, eine neue Livree für die Pagen bestellt und alle Suiten neu dekoriert?«

»Mein lieber Mann, diese Dinge mussten getan werden. Hotelpagen wachsen, wissen Sie. Wollen Sie, dass sie in Hosen herumlaufen, die sie wie Pulveraffen der britischen Marine aussehen lassen? Oder sollten wir sie vielleicht einfach fortschicken, wenn sie aus ihren Uniformen herausgewachsen sind, und neue, kleinere Jungen einstellen? Was die Suiten anbelangt, so waren die Vorhänge aus Seide, und die bleicht im Sonnenlicht aus. Sie mussten ausgetauscht werden. Die Bettlaken fingen an zu vergilben, die Matratzen waren klumpig, und einige der Sofas hatten noch dieselben hässlichen Bezüge wie bei der Eröffnung des Hotels. Und die Gemälde?« Sie erschauderte. »Grässlich.«

Abgesehen von der Frage nach ihrer Ehrlichkeit begann er, andere Gründe zu erkennen, warum Helen – die die fraglichen Polster, Vorhänge und Gemälde ausgewählt hatte – Lady Stratham nicht mochte.

»Sicherlich«, fuhr sie fort, und ihre großen Augen weiteten sich noch mehr, »würden Sie nicht wollen, dass die Gäste, die in unseren kostbaren Suiten übernachten, auf klumpigen Matratzen mit vergilbten Laken und ausgebleichten Vorhängen schlafen, oder etwa doch?«

»Nein, natürlich nicht. Aber Ausgaben, wie die von Ihnen genannten, können nicht spontan getätigt werden. Sie müssen vor Beginn des Haushaltsjahres geplant werden. Deshalb ist ein Haushaltsplan notwendig, vor allem für Sie, da Ihre Abteilung nicht genug einnimmt, um Ihre Ausgaben auszugleichen.«

»Das ist nicht wahr!«, rief sie und sprang von ihrem Stuhl auf. »Ich bringe eine Menge Geld ein. Ich bin verantwortlich für die Planung der Bankette, der Partys und all der anderen Veranstaltungen, die wir hier abhalten. Ist Ihnen klar, dass die Leute fünfundzwanzig Prozent mehr zahlen, als die Veranstaltungen eigentlich kosten?«

»Bezahlen sie denn auch?«, konterte er und verwies erneut auf seine Notizen. »Der Marquess von Ravenlea hat letzten Herbst eine Dinnerparty für vierzig Personen gegeben. Die Rechnung belief sich auf fast sechshundert Pfund, eine Rechnung, die – wenn man den Buchhaltungsprüfungen trauen kann – der gute Marquess nie bezahlt hat.«

Sie schnitt eine Grimasse. »Nun, ja, das kommt leider manchmal vor.«

»Das geschieht mit ekelerregender Regelmäßigkeit – so oft, dass Ihre Abteilung deshalb seit über zwei Jahren keinen Gewinn mehr erzielt hat. Aber«, fügte er hinzu, um die Wogen zu glätten, »wenn Sie sich dadurch besser fühlen: Sie sind nicht allein. Jede Abteilung nimmt zu wenig ein und gibt zu viel aus, daher meine Forderung nach einem Haushaltsplan von jedem Mitglied der Geschäftsleitung. Mir ist klar, dass Sie nicht vor Ort waren, um meiner Bitte nachzukommen, aber die Zeit drängt, wenn wir Ende März eine Dividende auszahlen wollen. Also …«

Er hielt inne, um ein zweites Blatt aus der Mappe vor ihm zu ziehen. »Ich habe mir die Freiheit genommen, ein Budget für Sie festzulegen«, sagte er und reichte ihr das Blatt.

»Wie aufmerksam«, murmelte sie mit einem Lächeln, das Stein zum Schmelzen hätte bringen können, aber nur ein Narr hätte es für echt gehalten. »Sie müssen in der Tat sehr viel Erfahrung im Hotelmanagement haben, wenn Sie voraussehen können, wie viele Partys ich im Laufe des Jahres veranstalten werde.«

»Meine Berechnungen beruhen auf den bereits vorgenommenen Reservierungen sowie Ihren Zahlen vom letzten Jahr.«

Sie blickte auf das Blatt in ihrer Hand. »Unsere Einnahmen werden wahrscheinlich deutlich höher sein als das hier«, wandte sie ein und sah auf. »Ihre Schätzungen sind viel zu niedrig.«

Seine Schätzungen waren aus gutem Grund so niedrig. In wenigen Wochen sollte die Untersuchung abgeschlossen sein, und es war sehr wahrscheinlich, dass Ritz verschwinden würde, zusammen mit Escoffier, Echenard und vielen anderen. Auch wenn langfristig alles im Savoy in Ordnung kommen würde, konnte er nicht vorhersagen, welche Folgen ihr Weggang kurzfristig haben würde. Ritz und Escoffier wurden nicht nur von den Mitarbeitern, sondern auch von der wohlhabenden Kundschaft des Savoy sehr geschätzt. Sie zu entlassen, würde viele Menschen verärgern.

»Möglicherweise«, räumte er ein. »Aber ich möchte lieber auf Nummer sicher gehen. Zu diesem Zweck werden Sie und ich uns jeden Monat treffen, um die Einnahmen und Ausgaben Ihrer Abteilung zu besprechen.«

»Ja, denn wer weiß schon, was ich ohne Ihre Zügel tun würde?« Sie beugte sich vor und nahm eine vertrauliche Haltung ein. »Ohne Ihre Führung und Weisheit könnte ich völlig aus der Spur geraten und irgendetwas Verrücktes tun. Zum Beispiel neue Teppiche für die Treppe kaufen oder so.«

Aufgrund ihrer früheren Ausgaben war es durchaus wahrscheinlich, dass sie ohne eine strenge Hand, die sie kontrollierte, aus der Spur geriet, aber darauf hinzuweisen, würde ihre Feindseligkeit nur noch verstärken, also sah er davon ab.

»Da wir gerade von meiner Führung und Weisheit sprechen«, sagte er stattdessen und zog ein weiteres Blatt aus der Mappe auf seinem Schreibtisch. »Ich habe eine Liste von Abläufen und Praktiken zusammengestellt, die Ihnen helfen könnten, Ihre Abteilung effizienter zu führen.«

»Du meine Güte«, erwiderte sie und nahm das angebotene Blatt. »Wenn Sie so weitermachen, Lord Calderon, werde ich noch so effizient, dass ich den ganzen Tag nichts anderes zu tun habe, als die Füße hochzulegen und Bonbons zu essen.« Sie warf einen Blick auf die Liste und legte sie dann zusammen mit dem Haushaltsplan, den er für sie erstellt hatte, auf den Schreibtisch. »Für jemanden, der erst seit drei Wochen hier ist, sind Sie bemerkenswert selbstsicher. Vielleicht ist es ein bisschen verfrüht, mir Empfehlungen zu geben?«

»Ich bin schon lange genug hier, um zu sehen, wie verschwenderisch alle Abteilungen dieses Hotels arbeiten, insbesondere Ihre.«

Seine Anschuldigung schien sie zu amüsieren. »Aber mein lieber Mann«, sagte sie lachend, »das ist das Savoy! Wir sind berühmt für unsere Extravaganz.«

»Sie meinen, so haben Sie es immer schon gehandhabt«, entgegnete er und dachte, wenn er für jedes Mal, wenn er diesen Satz in den letzten Wochen geäußert hatte, ein Pfund bekäme, wäre es ein Leichtes, den Investoren eine Dividende zu zahlen. »Ob Sie es mir glauben oder nicht, Lady Stratham, mir ist völlig klar, dass die Philosophie hier immer war, dass man mehr ausgeben muss, um mehr zu verdienen.«

»Völlig zu Recht.«

»Wohl kaum, sonst bräuchte man mich nicht.«

»Ritz weiß, was er tut.«

»Vielleicht, aber so kann es nicht weitergehen. Und wenn Sie in Ihrer jetzigen Position bleiben wollen, müssen Sie verstehen, dass es die verschwenderischen Ausgaben, an die Sie gewöhnt sind, in Zukunft nicht mehr geben wird. Ich hoffe …«

»Aber wie ich Ihnen zu sagen versuche, ist es genau diese Verschwendung, für die wir bekannt sind! Das ist der eigentliche Grund, warum die Leute hierherkommen. Sie können nicht erwarten, dass …«

»Es ist nicht nur das, was ich erwarte, Countess«, unterbrach er sie, da er sich in diesem Stadium ihres Gesprächs zu einer Unterbrechung mehr als berechtigt fühlte, »es ist auch das, was ich verlange.«

»Sollen also auch im Frühling Hartriegelzweige in den Blumenarrangements zu finden sein? Keine elegant gefalteten Servietten mehr in Londons elegantestem Restaurant? Kein Dienerservice mehr für die Peers, die für eine schnelle Abstimmung im House of Lords bei uns absteigen? Kein Gratis-Champagner für den Tisch der Duchess of Moreland?«

»Als die Herzogin in der letzten Saison hier war, hat sie ihre Rechnung nicht bezahlt«, erwiderte er, »also verzeihen Sie mir, wenn ich kein Bedauern darüber aufbringen kann, dass sie unseren Champagner nicht mehr kostenlos genießen wird.«

»Sie wird ihre Rechnung schon bezahlen«, erwiderte Lady Stratham und akzeptierte das Verhalten der Herzogin mit einer Leichtigkeit, die Simons Verärgerung nur noch vergrößerte. Das musste sich auch in seinem Gesicht widerspiegeln, denn sie fuhr fort: »Mir ist klar, dass das frustrierend ist, aber Sie wissen sicher so gut wie ich, dass die meisten Mitglieder der feinen Gesellschaft in diesen Dingen nicht den gleichen Sinn für Dringlichkeit haben, wie Sie ihn zu besitzen scheinen.«

»Eine Facette des aristokratischen Lebensstils, die ich absolut verwerflich finde«, sagte er scharf. »So wird es nicht weitergehen. Von nun an muss jeder, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, seine Rechnung nicht pünktlich zu bezahlen, beim Einchecken eine Vorauszahlung von fünfzig Prozent hinterlegen.«

»Eine Herzogin soll die Hälfte im Voraus bezahlen?«, hauchte sie, sichtlich empört. »Das kann nicht Ihr Ernst sein.«

»Oh doch, das ist es. Und wenn wir schon beim Thema sind: Jeder, der unsere Banketteinrichtungen und Ihre Dienste in Anspruch nehmen möchte, muss im Voraus eine Anzahlung von zwanzig Prozent in bar leisten. Sie sind schockiert, wie ich sehe«, fügte er hinzu, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte.

»Aber … aber sicher … Sie wissen doch … Sie müssen …« Sie hielt inne, offensichtlich fiel es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden. »Aber Ihr seid ein Viscount«, sagte sie schließlich. »Sicherlich wisst Ihr, wie diese Dinge laufen.«

Er wusste es natürlich nicht, da er erst seit einem halben Jahr ein Peer war, aber er wollte nicht sein Gesicht verlieren, indem er das zugab, schon gar nicht vor jemandem wie ihr. »Diese Tatsache hält mich komischerweise nicht davon ab, meine Rechnungen pünktlich zu bezahlen. Und ich werde dafür sorgen, dass andere das auch tun.«

»Sie verstehen nicht«, murmelte sie und warf ihm einen mitleidigen Blick zu, der alle seine bürgerlichen Abwehrmechanismen in Kampfbereitschaft versetzte. »Sie verstehen wirklich nicht. Wie ist das möglich?«

»Was, glauben Sie, übersehe ich?« Er schlug die Hände über der offenen Mappe zusammen und bemühte sich, unvoreingenommen zu bleiben. »Erklären Sie es mir.«

Sie hob die Hände und ließ sie wieder fallen, als würde sie kapitulieren.

»Nun gut, da ich es Ihnen anscheinend buchstabieren muss. Den aristokratischen Gästen einen Spielraum bei der Bezahlung zu gewähren, ist Teil einer … stillschweigenden Übereinkunft. Aristokraten bringen ein gewisses je ne sais quoi mit, einen Hauch von Adel und Eleganz, der für ein Hotel dieser Qualität unabdingbar ist. Sie werden Ihre Anforderungen als Beleidigung empfinden und entsprechend woanders hingehen. Und ohne sie wird das Savoy nur ein weiteres komfortables, gewöhnliches Londoner Hotel sein.«

»Da ein komfortables Hotel in London so selten ist wie ein weißer Rabe und daher alles andere als gewöhnlich, wird das Savoy dadurch kaum Geld verlieren. Ja, ich wäre sogar mehr als enttäuscht, wenn wir durch meine Bemühungen nicht einen weitaus größeren Gewinn erzielen würden. Der Vorstand würde mich absetzen, und das zu Recht.«

»Profit, Profit, der allmächtige Profit«, murmelte sie. »Ist das der Gott, den Sie anbeten, Lord Calderon?«

»Ich hebe mir meine Gebete für die Kirche auf, Lady Stratham«, schoss er zurück, mit seiner Geduld am Ende. »Was das Savoy betrifft, so führe ich diese Maßnahmen ganz sicher nicht ein, damit die Aktionäre Geld verlieren. Ich schlage also vor, dass Sie einen Weg finden, sich an die von mir vorgegebenen Budgetvorgaben zu halten, oder dass Sie Wege finden, zusätzliche Einnahmen zu erzielen. So einfach ist das.«