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Der 35-jährige Wiener Andreas Schuster ist wieder einmal arbeits-los, hat in der Liebe gerade wenig Glück und muss auch noch mit dem Tod seines Lieblingsonkels fertig werden. Der hinterlässt ihm jedoch unerwartet eine große Erbschaft und äußert im Testament den letzten Wunsch, die halbe Million in ihren Traum - ein geheimes Bordell - zu investieren. Andreas setzt alles auf eine Karte und mietet ein Objekt im Wiener Prater. Das Vorhaben könnte sogar funktionieren, wäre da nicht der Platzhirsch und Bordellbetreiber aus der Hauptallee, der den Konkurrenten Andreas um jeden Preis aus seinem Prater vertreiben möchte.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Der 35-jährige Wiener Andreas Schuster ist wieder einmal arbeitslos, hat in der Liebe gerade wenig Glück und muss auch noch mit dem Tod seines Lieblingsonkels fertig werden. Der hinterlässt ihm jedoch unerwartet eine große Erbschaft und äußert im Testament den letzten Wunsch, die halbe Million in ihren Traum – ein geheimes Bordell – zu investieren.
Andreas setzt alles auf eine Karte und mietet ein Objekt im Wiener Prater. Das Vorhaben könnte sogar funktionieren, wäre da nicht der Platzhirsch und Bordellbetreiber aus der Hauptallee, der den Konkurrenten Andreas um jeden Preis aus seinem Prater vertreiben möchte.
Rhea Ross
Rhea Ross, geboren 1991, hat eigentlich Politikwissenschaft studiert, bevor sie ihre Liebe zur Literatur und zum Schreiben entdeckte. Sie lebt in Wien, braucht jedoch von Zeit zu Zeit die ruhigen Wälder und weiten Felder als Erholungs- und Rückzugsort, um neue Inspiration und Kreativität für ihre Texte zu tanken.
Maresa May
Die 1991 geborene Niederösterreicherin Maresa May studierte Germanistik und Geschichte in Wien. Auf der Geschichtenplattform story.one schreibt sie seit 2019 Alltagsanekdoten, von denen einige bereits als Printversion erschienen sind.
Gemeinsam teilen sich Rhea und Maresa nicht nur die Leidenschaft fürs Schreiben, sondern auch ihre Autorinnenhomepage leseremus, auf der sie regelmäßig Projektfortschritte und Kurzgeschichten veröffentlichen.
Nachtfalter ist ihr erster gemeinsamer Roman, der sie an den Ort führt, an dem sie sieh kennenlernten: Der Wiener Prater.
Einmal im Prater, immer im Prater.
ARBEITSLOS
KIRSCHBLÜTEN IM WINTER
DIE LETZTE EHRE
FINANZSPRITZE
HAHNENSCHWÄNZE UND PRESSLUFTHÜTTN
DAS GROßE GESCHÄFT
DIE WELT DES PRATERS
VON BIENCHEN UND BLÜMCHEN
NEUE CHANCEN
ANSTAND, ZWEIFEL UND MORAL
HEREINSPAZIERT
SAG´S DURCH DIE BLUME
DIE WELT DES SHOWBUSINESS
PRATERBELEIDIGUNGEN
AUF DEM PRÜFSTAND
WIENS SIEBTER HIMMEL
EIN MANN VON WELT
EL RITMO
BETTGEFLÜSTER
BÖSES ERWACHEN
AUSZEIT
EIN SCHRITT ZURÜCK
JUGENDSÜNDEN
FEUER UND FLAMME
GESCHÄFTSFALL 7
VERBLÜHT
HINTEN DEN KULISSEN
NACKTE TATSACHEN
DAS DILEMMA DES ANDREAS SCHUSTER
ZUM FRESSEN GERN
EIN UNGEWÖHNLICHES GESCHENK
HOCHSPANNUNG
ÄRGER IM PARADIES
DREI ENGEL FÜR ANDI
PFIAT DI, PEPPI!
ES WIRD ERNST
DIE GROßE SHOW
EIN GEILES LEBEN
Im Wohnzimmer der frisch renovierten Altbauwohnung sang Udo Jürgens auf dem Bildschirm eines für die alte Schwarz-Weiß-Aufnahme viel zu großen Flachbildfernseher. Weil es Andreas' Lieblingslied war, hatte er den Ton des Fernsehers bis zur maximalen Lautstärke aufgedreht. Rechtzeitig, noch bevor sein musikalischer Held den nächsten Refrain anstimmen konnte, glitt Andreas in seinen weißen Socken auf dem Parkettboden vor die Couch und begann mitzusingen. Der 35-Jährige trug eine Jeanshose, die ihm zu lang, zu breit und zu locker war, sodass seine Simpsons-Boxershorts keck hervorblitzten. Er tanzte, und bei jedem Hüftschwung rutschte die gürtellose Hose ein Stückchen tiefer. In seiner rechten Hand hielt er eine leere Bierflasche, die ihm als improvisiertes Mikrofon diente. Mehrmals schob er sich die Brille seinen Nasenrücken entlang nach oben, um sie wieder in ihrer angestammten Position zu fixieren, und fuhr sich mit der Hand durch sein kurzes Haar. In seiner Vorstellung war er selbst sein großes Idol Udo Jürgens, der vor einem großen Publikum sang und dem die Frauen in der ersten Reihe freche Dinge zuriefen. Und vielleicht verirrte sich ja hin und wieder ein BH auf seine Bühne. Andreas sang, tanzte, hüpfte herum und warf sich auf die Knie, als das Lied zu Ende war. Der große Moment, sein Auftritt, war vorbei und er musste sich wieder einmal der nicht so schillernden Realität stellen.
Erschöpft ging er zum Sofa und ließ sich in die für seinen Geschmack viel zu weichen rosa-weißen Polster fallen. Wie eine Puppe blieb er eine Weile sitzen und starrte ins Narrenkastl. Um ihn herum lag Wäsche, die gebügelt und gefaltet werden musste. Auf dem überfüllten Couchtisch standen leere Bierflaschen, ein voller Aschenbecher und ein Berg an Werbematerial, der umzufallen drohte. Ein weiser Mann hatte einmal gesagt: »So wie du dich innerlich fühlst, so ist auch die Welt um dich herum«. Und das stimmte. Andreas war der einzige Narr in diesem Raum, der sich für ihn mittlerweile wie ein Kasten anfühlte, aus dem er nicht aus eigener Kraft hinauskam. Wieder einmal war er arbeitslos. Normalerweise fand er sofort einen neuen Job, dem er sich mit Leib und Seele verschreiben konnte, doch diesmal lief es nicht so recht. Eine Absage nach der anderen flatterte ins Haus und Andreas konnte sich beim besten Willen nicht erklären, woran das liegen konnte. Nie hatte er sich etwas zu Schulden kommen lassen. Gut, einmal hatte er einen Fehler gemacht, aber damals war er junge, dumme 19 Jahre alt und wenn man genau sein wollte, war es auch gar nicht seine Schuld, sondern die seines Onkels Ludwig gewesen. Der alte Louie, Taxler aus Leidenschaft, war Andreas' einzige Chance hin und wieder aus dem Dorf, in dem er aufgewachsen war, in die große Stadt nach Wien zu kommen. Wie hätte Andreas ihm den Wunsch abschlagen können, nach Geschäftsschluss das Gruselkabinett im Prater zu erkunden und am Wochenende den liebenswerten Verrückten die Besucher erschrecken zu lassen?
Sicherlich hätte er wissen müssen, dass Louies Vorstellung von Schreck eine viel makabrere war als die des Durchschnittsbesuchers. Aber dass sich diese Spielverderber bei der Geschäftsführung beschwerten, kostete ihn letztendlich den geliebten ersten richtigen Job.
Daraufhin folgten weitere interessante, doch ungewöhnliche berufliche Stationen, in denen er immer wieder mit einer gehörigen Portion Pech gesegnet war: Da war der kleine Blumenladen, in dem er drei Jahre verbrachte und der schließlich aufgrund des Konkurrenzdrucks großer Ketten Konkurs anmelden musste. Danach verdiente er sein täglich Brot als Kundenberater in einem Sexshop, der nach zwei Jahren aufgekauft wurde und die Mitarbeiter nicht übernehmen wollte. Kurzfristig versuchte er sich auch als Promoter für WWF und Greenpeace, doch das gab er auf, weil er es satthatte, den Leuten auf die Nerven zu gehen. Im Callcenter einer Telekommunikationsgesellschaft gab es Mitarbeiterkürzungen und er hatte das Pech, der betriebsjüngste Angestellte zu sein. Als Ticketverkäufer im Sexmuseum brauchte der Sohn des Geschäftsführers dringend einen Job, damit der faule Langzeitstudent eine Befreiung der Studiengebühren aufgrund Berufstätigkeit beantragen konnte. Zu guter Letzt war da noch die Anstellung im Souvenirladen auf der Kärntner Straße. Doch da hatte sich Andreas dummerweise letzten Winter das Bein gebrochen, mitten im Weihnachtsgeschäft, woraufhin er dem Besitzer zu lange ausfiel und sofort ein anderer Bewerber seinen Platz einnahm. 14 Monate waren es nun, dass Andreas ohne Job zu Hause saß. So lange wie noch nie in seinem Leben. Zunächst hatte er es locker genommen. Er, Andreas Schuster, fand doch immer etwas Neues. Doch dann häuften sich die Absagen und die Monate vergingen.
Mittlerweile hatte er sich von dem Gedanken verabschiedet, jemals wieder eine Arbeit zu finden, die ihm so viel Freude bereitete wie das eine Jahr im Gruselkabinett. Dazu kam, dass sein ganzes Umfeld, das hauptsächlich aus den Freunden und der Familie seiner Freundin Franziska bestand, herablassend auf ihn blickte. Sie alle hatten nie verstanden, warum sich die hübsche Blondine ausgerechnet einen »Bauern«, einen vom Land, ausgesucht hatte. Seine Jobwechsel, die sich in den fünf Jahren, in denen sie jetzt zusammen waren, auf zwei beschränkt hatten, waren ihnen von Anfang an ein Dorn im Auge, und dass er nun seit über einem Jahr arbeitslos war und sich von Franziskas Familie, denen die Wohnung gehörte, durchfüttern ließ, behagte ihnen noch weniger. Es bestätigte vielmehr den ersten Eindruck, den sie von ihm gehabt hatten. Das Landei hatte in der Stadt nichts verloren, fand sich nicht zurecht und war eindeutig keine gute Partie für die heißgeliebte Franziska.
Andreas wusste, dass sie falsch lagen. Deswegen hatte er bisher die Redereien immer ignoriert. Sollten sie doch denken, was sie wollten. Er wusste es schließlich besser. Auch, dass die Jobwechsel und die derzeitige Arbeitslosigkeit nicht an ihm lagen. Das Gefühl, ein Versager zu sein, lastete dennoch unbewusst von Tag zu Tag schwerer auf seiner Brust. Verstärkt wurde dies durch die Zigaretten, die er täglich inhalierte und von denen er nicht loskam. Sie waren seine Lösung für den Umgang mit Stress. Fühlte er sich schlecht oder war ihm langweilig, so griff er zur Zigarettenschachtel. Stritt er sich wieder einmal mit seiner Freundin, was in den letzten Monaten leider häufiger vorkam, verschwand er auf die Terrasse und rauchte mehrere Zigaretten hintereinander. Es beruhigte ihn und hielt ihn davon ab, etwas zu tun oder zu sagen, was er später vielleicht bereuen würde. Wenn Franziska langsam die herabsetzenden Worte ihrer Verwandtschaft übernahm oder wenn sie sich beschwerte, dass sie schon lange keinen schönen Schmuck mehr von ihm geschenkt bekommen hatte. Oder wie ihre Freundinnen von ihren Angebeteten behandelt wurden: Wellnesswochenenden, spontane Städtetrips in die Stadt der Liebe. Wieso gab Andreas ihr nicht das, was sie verdiente? Und wie konnte Franziska bei alledem von ihm auch noch zusätzlich erwarten, mit dem Rauchen aufzuhören, wenn sie ihn doch zum Tschick trieb?
Onkel Louie hätte ihm dafür wieder eine Predigt gehalten. Er hatte es nie befürwortet, dass Andreas rauchte, und das, obwohl der Haudegen selbst geraucht hatte wie ein Schlot. Möglicherweise, weil er genau gewusst hatte, was die Zigaretten mit der Lunge, Kiefer und Zunge anstellten.
Dass es den perfekten Menschen nicht gab, wusste Andreas schon seit langem. Manchmal konnte Franziska mächtig nerven, aber sie gehörten zueinander und das schon seit über fünf Jahren. Das hatte er bereits gespürt, als er sie das erste Mal gesehen hatte. In der Diskothek Prater Dome hatte er sie zu später Stunde im Alkoholdunst erblickt und war sofort gefesselt gewesen von ihrer Erscheinung. Wie eine blonde Göttin war sie ihm erschienen, groß, schlank, strahlend blaue Augen, die Haare wie ein goldener Wasserfall. Eindeutig die Kategorie Frau, in deren Liga er nie spielen würde. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, sie zu kennen. Darum kippte er seinen Tequila hinunter und nahm all seinen Mut zusammen, um sie anzusprechen. Er bat sie höflich und schüchtern darum, sie einmal zu einem Essen begleiten zu dürfen. Franziska hatte das so sehr imponiert, dass sie dem Kerl, der wahrlich nicht in ihr Beuteschema passte, eine Chance gab. Sie ließ sich von Andreas' unkonventioneller Art begeistern, genoss die außergewöhnlichsten Dates und liebte es, mit Aufmerksamkeit überschüttet zu werden. Nie hätte Andreas gedacht, dass er diese wunderschöne Frau für sich gewinnen könnte. Fix hatte er mit einem Korb gerechnet, doch dass sie Gefühle für ihn entwickelte, hielt er ganz klischeehaft für eine Art Schicksal. Jeder Skepsis zum Trotz ließ sie sich auf eine Beziehung ein. Zusammengezogen waren sie kurz bevor er die Arbeit im Souvenirshop verlor. Franziska war 28 und in ihrem Leben noch nie auf Arbeit angewiesen gewesen. Ihre Eltern besaßen mehrere Immobilien in Wien, unter anderem auch die Wohnung, in der sie mit Andreas lebte, und finanzierten der Tochter bis vor einem Jahr das Studium. Oder besser gesagt, die Studien. Kultur- und Sozialanthropologie war nicht so ihres, Theater- Film und Medienwissenschaften hatte sie sich auch anders vorgestellt und in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, von dem sie dachte, das würde ihr als Influencerin weiterhelfen, hatte sie gerade mal zwei Lehrveranstaltungen absolviert. Papa nahm ihr schließlich die Kreditkarten weg, weil er der Meinung war, sie müsste nun langsam anfangen, für sich selbst zu sorgen oder, wenn sie das nicht konnte, sollte sie sich von ihrem Freund finanzieren lassen. Mit fast 30 Jahren ohne Job und ohne Aussicht auf einen solchen, dafür mit teuren Designerklamotten und vielen exklusiven Partys, war er nicht bereit ihr weiterhin Geld in den Rachen zu stecken. Natürlich war er da, wenn es wirklich knapp werden sollte, die Wohnung bezahlte er weiterhin, aber den vielen persönlichen Schnickschnack, darum musste sie sich schon selbst kümmern. Die Beteuerung, sie hätte doch eh einen Job, sie wäre nämlich Influencerin, ließ er nicht gelten. Und sie musste ebenfalls schnell feststellen, dass sie davon ihre Gucci-Gürtel und Prada-Taschen nicht finanzieren konnte. Dass Andreas keinen Beitrag dazu leistete, nervte sie ungemein. Ein Freund organisierte ihr den Job als Kellnerin in einem veganen Hipster-Lokal, das er und zwei Studienkollegen gegründet hatten. Widerwillig nahm sie an und obwohl sie als Kellnerin miserabel war, brachten es die Freunde nicht übers Herz, sie hinauszuschmeißen. Immerhin machte niemand so gutes Trinkgeld wie der blonde Engel und ihre tief ausgeschnittenen Blusen.
Andreas war stolz auf sie, dass sie auf eigenen Beinen stehen wollte – ihm hatte sie ja nie verraten, dass Papi von sich aus die Zahlungen eingestellt hatte. Doch seit sie in dem Lokal arbeitete, wurde ihr Verhältnis immer angespannter. Sie war öfter schlecht gelaunt und gab hin und wieder Andreas die Schuld daran, dass sie so einen dreckigen Job wie Kellnern machen musste und nicht genug Zeit hatte, in ihre Influencer-Karriere zu investieren. Er sollte sie mehr unterstützen, wenn er sie liebte. Dabei versuchte Andreas ohnehin alles, um sie glücklich zu machen. Nur Geld konnte er nicht bieten. Beide spürten, dass sie eine schwierige Zeit durchmachten. Ob es nur an Andreas' Arbeitslosigkeit lag? Oder an Franziskas Eingewöhnung am Arbeitsmarkt? Vielleicht war aber auch nur das erste gemeinsame Jahr des Zusammenlebens in jeder Beziehung problematisch...
Der Blick auf den Wäscheberg erinnerte ihn daran, dass ihm sein Leben langsam, aber sicher aus den Händen glitt. Natürlich würde er alles für Franziska tun, doch immer deutlich wurde, dass er die Kontrolle über sein eigenes Leben verlor. Er entwickelte sich weg von Andreas als Individuum hin zu einem willenlosen Hündchen. Franziska traf Entscheidungen für sie beide und nahm auf seine Wünsche keine Rücksicht. In der Früh hatte sie ihm aufgetragen, die Wäsche zu machen und die Wohnung in Ordnung zu bringen, damit er sich »wenigstens ein bisschen nützlich« machte. Aber Andreas hatte keine Lust, das Hausmädchen zu spielen. Es reichte ihm, dass die Leute ständig alles besser wussten und ihm sagten, was er zu tun hatte. Ja, er war arbeitslos, aber er war immer noch ein ganzer Kerl! Innerlich staute sich eine Wut auf und als er die auf dem Tisch liegende Bewerbungsunterlagen sah, die er widerwillig geschrieben und ausgedruckt hatte, wurde er noch wütender. Obwohl er sie unter noch ungeöffneten Bierdosen versteckte, fühlte er die Präsenz dieser Papiere, die ihn unbewusst daran erinnerten, dass er heute noch ein Bewerbungsgespräch hatte. Das AMS zwang ihn, sich in einer kleinen Trafik zu bewerben, wo er Feuerzeuge verkaufen und Pokale abstauben sollte. Allein schon die Stellenausschreibung empfand er als Provokation. Andreas war ein guter Verkäufer, hatte genug Berufserfahrung und ihm machte es Spaß, mit Menschen zu reden und sie zu überzeugen, sein Produkt zu kaufen. So wie er sich sicher war, dass heute der dreizehnte Jänner war, genauso sicher war er sich seiner verkäuferischen Fähigkeiten. Aber Feuerzeuge verkaufen und Pokale abstauben?
Dieses Angebot konnte er nicht ernst nehmen, nicht mit seiner beruflichen Laufbahn, in der er stets sein Bestes gegeben hatte. Ob Blumen, Tickets oder Sexspielzeug – Andreas verkaufte aus Leidenschaft und liebte vor allem die Interaktion mit anderen Menschen. Dass er keinen Job behalten konnte lag mehr an Pech als an seinem Können. Er wusste das, und auch seine früheren Kollegen und Kolleginnen würden das jederzeit bestätigen. Andreas hatte es einfach satt, immer unter seinem Potenzial für irgendwelche Vollidioten zu arbeiten. Er brauchte endlich einmal einen Chef, der richtig hinsah und sich nicht von hinterhältigen, schleimenden Mitarbeitern den Hintern küssen ließ. Oder einen Chef ohne finanzielle Probleme, der ihn behalten konnte, weil er das wollte und ihn nicht kündigte, weil das Budget nicht reichte und Andreas blöderweise der neueste Mitarbeiter war. Am besten wäre es natürlich, Andreas könnte sein eigener Chef sein. Nur dazu müsste man erst ein Geschäft aufmachen und dafür benötigte man Geld. Geld, das er aufgrund seines bisherigen Karrierepechs nicht hatte, Geld, das ihm die Bank aus diesem Grund niemals vorstrecken würde. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gab. Fast jedenfalls. In einer Trafik Pokale abstauben würde er garantiert nicht. Was ihm Onkel Louie jetzt wohl raten würde?
»Scheiß drauf.« Genau das hätte er gesagt.
Andreas beschloss das anstehende Bewerbungsgespräch abzusagen. Mit dieser Aktion riskierte er zwar, dass man ihm das Arbeitslosengeld verweigerte, aber in diesem Moment war sein Stolz größer als seine Not, irgendeine Stelle anzunehmen. Das AMS oder zumindest der Berater, den er zugeteilt bekommen hatte, war schlecht darin, gute Jobs zu vermitteln und Menschen zu helfen, die sich beruflich weiterentwickeln wollten. Jedes Mal, wenn er dort erscheinen musste, empfing ihn der Berater mit abfälligem Blick, als wäre Andreas ein hochansteckender Aussätziger. Dabei vertrödelte der Mann hinter dem Bildschirm immer derartig viel Zeit, dass Andreas den Verdacht nicht loswurde, er würde sich eher mit Solitär als seiner Akte beschäftigen. Andreas hasste seinen Berater, hasste das Gebäude, in dem er sich regelmäßig melden musste, und sogar, wenn er in der Zeitung die drei blauen Buchstaben las, fühlte er Hass und Groll. Allein wenn er daran dachte, was dieser inkompetente Hanswurst für seine nicht vorhandenen Leistungen verdiente, reichte das, um seinen kompletten Tag zu versauen.
»Ah, scheiß auf alle!«, rief Andreas energisch und kramte die Bewerbungsunterlagen hervor. Er nahm sein Smartphone und wählte die Nummer, die als Kontakt in der Stellenanzeige angegeben war. Nach dem vierten Klingeln hob jemand ab.
»Trafik Capek.«
»Ja, Grüß Gott, Andreas Schuster spricht!«, trällerte er euphorisch ins Telefon.
»Ah, Herr Schuster! Ich hoffe Sie rufen nicht an, um das Vorstellungsgespräch abzusagen!«, bemerkte Herr Capek selbstsicher, als ob er die Lügen der faulen Arbeitslosen sofort riechen konnte. Es war doch immer dasselbe mit den Typen, die das AMS schickte. Die Ausreden kannte er mittlerweile alle auswendig. Und auch jetzt täuschte ihn sein Gefühl nicht.
»Leider doch, Sie haben es erraten!«
»Haben Sie etwa eine andere Stelle gefunden oder warum so plötzlich...«
»In der Tat!«, log Andreas selbstbewusst. Still dachte er an die Zeit im Gruselkabinett zurück, wo er täglich in Kostüme und Rollen geschlüpft war und zum ersten Mal seit langem hatte er wieder Spaß. Er liebte es, eine Rolle zu spielen und auch jetzt war er so gut darin, dass er für einen Moment von seiner Lüge selbst überzeugt war.
»Im Parlament ist eine Stelle frei geworden.«
»Im Parlament?«, fragte Herr Capek skeptisch nach, »Dort, wo unsere Politiker sitzen und herumschreien?«
»Genauso ist es.«
»Aber was machen Sie dort? Sie sind doch kein Politiker? Laut ihrer Bewerbung suchen Sie einen Job als Verkäufer.«
»Das ist alles Part of the Game, mein lieber Herr Capek. Lug und Trug sind die Spielkarten der Politik. Sagen Sie bloß, Sie wissen das nicht?«
»Ich will nicht mit Ihnen über unsere Politik diskutieren!«
»Wissen Sie, wofür ich künftig ein fünfstelliges Monatsgehalt kriegen werde? Sie suchen jemanden, der sich hinhockt für die Aufzeichnungen von Hohes Haus, der nicht dauernd Candy Crush spielt. Ist das nicht genial?«
»Herr Schuster, bitte!«
»Wie auch immer, ich wollte Ihnen nur Bescheid geben, dass ich zum vereinbarten Termin nicht erscheinen kann. Schönen Tag noch, Herr Capek!«
In einer kurzen Pause überlegte der Trafikant noch, ob er auf die offensichtliche Lüge eingehen sollte, doch schließlich erwiderte er nur genervt: »Auf Wiederhören, Herr Schuster.«
»Auf Nimmerwiederhören«, rief Andreas, als er aufgelegt hatte, und ließ sich wieder auf das Sofa fallen. Er rückte seine Brille zurecht und zündete sich eine neue Zigarette an. Das verrückte Lächeln und das vorgetäuschte Selbstbewusstsein waren verschwunden.
Das Leben konnte manchmal echt beschissen sein.
Aufgrund der fehlenden beruflichen Verpflichtung und der Unlust zu einem Rendezvous mit dem Bügeleisen schlüpfte Andreas in seine Sportschuhe und zog sich die Jacke über. Er hatte ohnehin Zeit im Überfluss, da konnte die Wäsche auch noch bis morgen warten. Aber ein bisschen frische Luft würde ihm nach dem Telefonat mit dem Trafikanten guttun. Nach der Absage fühlte er sich freier.
Die Straßen Wiens waren an diesem Jännertag leer. Keiner spazierte gerne in der Kälte oder durchnässte sich die Schuhe in dieser bräunlichen Gatschmasse, in die sich das gut gemeinten Bisschen Schnee verwandelt hatte. Andreas empfand die Kälte nicht als schlimm. Er war außerhalb Wiens aufgewachsen, am »Land«, wie die Städter alles jenseits der Stadtgrenze nannten. Nur, dass es bei Andreas tatsächlich zutraf. Er war ein Landei. In seinem Dorf hatte er in seiner Kindheit Winter erlebt, in denen sich die Schneemassen so hoch türmten, dass er darin verschwinden konnte. Und nicht nur einmal war er darin auch verschwunden. Es gab als Kind nichts Herrlicheres als mit Anlauf in den Schneehaufen zu springen oder Schneehöhlen zu bauen, in denen man zusammen mit den anderen Kindern im Ort stundenlang verbrachte. Kalt, völlig durchnässt, aber komplett wurscht. Mama Elisabeth hatte sich jahrelang davor gefürchtet, der »oarme Bua« könnte sich eine schmerzhafte Blasenentzündung zuziehen. Aber guat is gangen, nix is gschehn. So ein bisschen Gatsch war für Andreas auch nach über einem Jahrzehnt in der Großstadt nicht der Rede wert. In seiner dünnen Jacke und ohne einen Schal oder Mütze ging er die Straße entlang und zündete sich eine Zigarette an, die ihn auf eine eigene Weise wärmte. Planlos irrte er umher, um sich die Beine etwas zu vertreten. In Gedanken versunken merkte er nicht, wohin ihn seine Schritte führten. An einer Straßenecke erblickte er das Sexmuseum, wo er eine Zeit lang als Ticketverkäufer gearbeitet hatte. Dieser Job hatte ihm durchaus gefallen. Er saß im Warmen, hatte seinen eigenen Arbeitsbereich und lernte immer neue Leute kennen. Nirgendwo hatte er eine ambivalentere Kundschaft erlebt und nirgendwo hatte er so interessante Gespräche geführt. Andreas' Leistungen blieben auch nicht unbeachtet. Er war der Mitarbeiter des Monats das ganze Jahr über. Bis der Taugenichts von einem Chefsöhnchen seinen Platz einnahm.
Mit dem Job im Sexmuseum hatte Andreas begonnen seine Familie über seine Karriere anzulügen. Seine Eltern hätten ansonsten wohl einen Herzinfarkt erlitten. Andreas wuchs in einer konservativen Familie auf. Sein Vater Erwin war Religionslehrer in der einzigen Schule im Dorf und Elisabeth galt als vorbildlichste Ehefrau und fürsorgliche Mutter. Nur mit ihrer Prüderie hatte sie den Bogen überspannt. Ihre Einstellung mochte im Dorf als sittlich und moralisch empfunden werden, aber auf Andreas hatte es genau den gegenteiligen Effekt gehabt. Seit seiner Pubertät drehte sich seine Welt um Sex. Darin sah er den Sinn des Lebens, empfand große Freude an zweideutigen Aussagen und besuchte etwas später mit Onkel Louie regelmäßig einschlägige Nachtclubs, Laufhäuser und Bordelle. In diesem Umfeld fühlte sich Andreas wohl. Hier war Sex nichts Schlechtes oder Verbotenes, wie er das von Zuhause kannte, sondern vielmehr eine Art, das Leben zu feiern. Natürlich erfuhren seine Eltern nichts von seinen Ausflügen mit Onkel Louie, der wie ein älterer, viel älterer, Bruder für ihn war. Als Andreas volljährig wurde und nach Wien zog, wurde er ruhiger. Da nichts mehr verboten war, verlor der Sex an Reiz, blieb aber ein wichtiger Bestandteil seines Lebens.
Andreas warf die Zigarettenkippe in Überreste des Schnees und betrat das Museum. Da saß er noch immer, dieser Faulpelz, der ihm den Job gekostet hatte. Der Sohn des Geschäftsführers, der seine Zeit eher absaß als etwas aus ihr zu machen, war jünger als Andreas und sichtlich desinteressiert an allem, was um ihn herum geschah. Weder grüßte er, noch lächelte er. Vielmehr wirkte er genervt, weil ihn der Kunde bei etwas gestört hatte. Dass der Job ein notwendiges Übel war, damit Papa ihn weiterhin studieren ließ, merkte man sofort. Gereizt – ob von den Kunden, von der Tätigkeit selbst oder womöglich von seinem eigenen Leben, das konnte Andreas nicht einschätzen - verlangte der Verkäufer den Eintrittspreis.
»Oh, sind wir mittlerweile bei 13 Euro?«, fragte Andreas erstaunt. Der Verkäufer starrte ihn gleichgültig an. Mit seinen dünnen, langen, plattgedrückten Haaren sah er aus wie eine nass gewordene Ratte. Was um Himmels willen studierte der überhaupt? Wenn er da genauso eine Motivation an den Tag legte, wunderte sich Andreas nicht, dass er noch immer in Papas Laden dahinvegetierte.
»Zu meiner Zeit waren es 9 Euro...«
Der Verkäufer starrte ihn irritierend lange an. Er hatte kein einziges Mal mit der Wimper gezuckt. Die Unterhaltung war eine Quälerei für beide Seiten und Andreas wollte nicht länger bei ihm verweilen als notwendig.
»Sag, ist der Hans noch da?«
Erst jetzt regte sich das Gesicht des Jungen und er runzelte die Stirn.
»Was brauchen Sie von unserem Hausmeister?«
»Ich will ihm Hallo sagen. Könntest du ihn rufen?«
»Wollen Sie hineingehen oder nicht? Sie halten alles auf.«
Andreas drehte sich um und bemerke, dass hinter ihm niemand stand. Wozu die Eile? Noch dazu war der Typ bisher eine Schlaftablette erster Güte gewesen. Andreas durchschaute ihn nicht und überlegte, ob er überhaupt wissen wollte, was in diesem Kopf vor sich ging.
»Ja. Aber davor will ich mit Hans sprechen.«
»Tut mir leid, unser Hausmeister ist sehr beschäftigt.«
Plötzlich brach Andreas in Lachen aus.
»Hans und beschäftigt? Geh komm, Junge, stell dich nicht so an und wähl die 24, sonst nehm ich mir den Hörer und mache es selbst!«
Widerwillig und mit einem verachtenden Blick tat der Kassierer wie aufgefordert.
»Er kommt in zwei Minuten. Bitte stellen Sie sich etwas auf die Seite, damit die Kunden, die tatsächlich reingehen wollen, zahlen können.«
Andreas hob die Hände in die Höhe und entfernte sich vom nach wie vor völlig leeren Kassenbereich. Er betrachtete Plakate und die Preisliste, als ihn jemand von hinten packte und zu würgen begann. Na gut, es war kein richtiges Würgen, aber Hans' Umarmungen wirkten immer so, als ob er sie in Guantanamo gelernt hätte.
»Andreas, du alter Nachtfalter!«, rief er und schüttelte Andreas' Hand.
»Was treibt dich hierher?«
»Pure Langeweile«, gestand Andreas und lachte dabei. Hans' Aussehen hatte sich nicht viel verändert. Er war immer noch groß, hatte einen runden Bauch, einen dicken Hals und wirkte zu schwerfällig für alles, sogar für das Bewegen der Lippen. Er nuschelte und auf den ersten Blick erschien Hans wie eine übergroße Handpuppe, für die jemand anderes sprach. Er war ein guter Mann, sehr kollegial und hilfsbereit, egal um welches Anliegen es sich handelte.
»Seitdem du weg bist, ist hier tote Hose. Ständig geht irgendetwas kaputt und die Patienten – pardon, Besucher – werden immer unhöflicher.«
Andreas erwiderte nichts und war froh darüber, dass sein ehemaliger Kollege nicht viele Fragen stellte, sondern sich ungefragt von der Seele redete, was ihn an der Arbeit immer noch störte. Auch da hatte sich nicht viel geändert. Es war schön, ein bisschen Stabilität zu erleben.
»Ich hab nicht mehr lang bis zur Pension. Das werd ich noch aushalten. Ich denk mir jeden Tag: Es wär nicht schlecht, ein bissl mehr Geld auf die Seite zu legen, damit ich für meinen Neuanfang abgesichert bin.«
»Also bleibst du bei deinem Thailand-Plan?«
»Na sicher! Ich sag's dir: Die Infrastruktur dort ist der Wahnsinn! Die Spitäler sind besser ausgestattet und die Ärzte besser ausgebildet als hier bei uns!«
Andreas kannte die Geschichten. Hans schwärmte so leidenschaftlich von Thailand, dass man ihn in seiner euphorischen Erzählung nicht unterbrechen wollte, auch, wenn man sie schon gefühlte 347-mal gehört hatte.
»Aber wegen Frauen tue ich das nicht! Ich bin nicht mehr der Jüngste und der Schlauch hat nicht mehr so viel Druck, wenn du verstehst. Wirst sehen, wenn du in mein Alter kommst. Der kann einfach nicht mehr.«
Es war wie in den guten alten Zeiten. Hans träumte von der Zukunft, brach ihm aus Freundlichkeit und Überschwang beinahe ein paar Rippen und kannte keinen Genierer. Natürlich hatte Andreas seine Jugend ausgekostet, genügend sexuelle Erfahrungen gemacht und kein Problem darüber zu reden – aber das beste Stück des Mannes blieb am Ende immer noch Privatsache. Früher hatte sich Andreas immer gefragt, ob man so wurde, wenn man zu lange in einem Sexmuseum arbeitete. Aber heute wusste er es besser. Jeder Mensch war anders. Und Hans war ein Unikat.
»Wie auch immer. Magst rein?«, fragte Hans neugierig.
»Ja, würd gern sehen, ob sich was verändert hat.«
»Komm, ich führ dich persönlich herum. Wir haben da ein ganz neues Gerät bekommen«, erklärte er lachend und begleitete Andreas durch den Eingangsbereich. Der Kassierer las einen Manga und beachtete sie nicht.
So schön die spontane Abwechslung und das Treffen mit Hans gewesen waren, auch der Museumsbesuch heiterte Andreas nicht wirklich auf. Alles schon bekannt, alles schon gesehen. Obwohl sein »Schlauch« noch einwandfrei funktionierte, fand er Frauen und ihre nackten Körper nicht mehr so interessant wie früher. Er teilte zwar mit Franziska das Bett, aber ihren Körper hatte er länger nicht mehr gesehen und berührt. Natürlich fand er sie noch attraktiv, mochte ihr langes, blondes Haar und ihren Körper. Aber ihr anfänglich neugieriges Verhalten hatte sich in Luft aufgelöst. Sie interessierte sich weder für ihn noch für seine Familie. Den ganzen Tag war er alleine wie ein Hund, um den sich keiner kümmerte. Anfangs hatte er sich die Zeit mit der Hausarbeit vertrieben. In den ersten drei Wochen glänzte die Wohnung dermaßen, dass man buchstäblich vom Parkett essen konnte. Sogar die Fugen im Badezimmer hatte er sorgfältig mit einer alten Zahnbürste gereinigt und nach jeder Spülung roch die Toilette nach Lavendelfeldern. Die Wäsche wurde gewaschen, getrocknet und im Kleiderschrank eingeräumt. Es machte ihm nichts aus, die Hausarbeit zu erledigen, während seine Franziska bis spät in die Nacht kellnerte. Bis es ihm zu blöd wurde. Er strengte sich wirklich an, kochte für sie und schrubbte den Fußboden, bis er glänzte, doch Franziska schien nichts davon zu bemerken. Er erwartete kein Lob und prahlte auch nicht mit seinen täglichen Errungenschaften. Aber dass sie dennoch undankbar war und immer wieder nach Fehlern suchte, die sie ihm an den Kopf werfen konnte, das ging zu weit. Es wirkte beinahe so, als ob sie einen Sündenbock für etwas suchte und all ihre Wut an ihm ausließ. Dass ihre Bluse eine Falte hatte, hatte sie so sehr aufgeregt, dass sie alle ihre Kleider aus dem Schrank auf den Boden geworfen und hysterisch die Wohnung verlassen hatte. Manchmal konnte sie unerträglich sein, schlimmer als ein verwöhntes, ungezogenes Kind. Aber sie gehörte zu ihm und er musste mit ihrer Art klarkommen. Keine Beziehung war perfekt. Was Andreas aber am meisten störte war, dass sie von anderen sehr wohl schwärmen konnte. Jeden Abend erzählte sie von ihrem Kollegen Pascal, Barkeeper im gleichen Restaurant wo sie arbeitete, der dies und jenes tat und immer so lustig drauf war. Andreas fand keine einzige Geschichte, die er erzählt bekam, auch nur ansatzweise lustig. Franziska aber konnte sich nicht wieder einkriegen vor Lachen. Er wollte sie nicht unglücklich machen und horchte deshalb weiter zu, während er ihr die Füße massierte. Aber wäre die Situation andersrum: Würde sie ihm auch die Füße massieren? Eine leise Stimme in seinem Kopf sagte eindeutig »Nein«.
Mit ein paar letzten kameradschaftlichen Worten verließ Andreas das Museum. Der Besuch hier machte ihm trotz der erfrischenden Begegnung mit Hans nur deutlich, dass es in seinem Leben nichts Aufregendes, nichts Neues mehr gab. Ihm fehlte das Gefühl von früher, wo alles unberechenbar war, als seine Zukunft noch offenstand. Jetzt waren alle Tore zu. Er führte eine ernsthafte Beziehung mit Franziska und sie zu betrügen, das würde er niemals wagen. Die Zeiten der Träume und aufregenden Wege waren vorbei, damit hatte er sich abgefunden. Warum fühlte sich das so verdammt schlecht an? Bis auf einen fixen Job hatte er alles, und trotzdem war er unzufriedener als damals mit 17. Er redete sich ein, dass das Leben der Erwachsenen nun mal so sein müsste und ermahnte sich jedes Mal, dass er aufhören sollte, an früher zu denken. Aber wie sollte er das machen, wenn ihn Geister der Vergangenheit verfolgten? Onkel Louie hatte sein Leben immer in vollen Zügen ausgekostet. Was machte er falsch?
Andreas stand bei einem Kebab Imbiss und wartete darauf, dass ihm Osman zwei Döner zum Mitnehmen einpackte. Aus Langeweile suchte Andreas nach seinem Feuerzeug, um sich eine Zigarette anzuzünden, als eine blonde Schönheit zum Imbiss spazierte und ebenfalls einen Kebab mit alles und scharf bestellte. Für einen Moment dachte er, Franziska wäre an ihm vorbeigegangen. Die Zigarette aus Andreas' offenem Mund fiel auf den Boden. Unbemerkt schob er sie weg und versuchte unauffällig die Frau weiter zu beobachten. Diese Lippen, dieses Gesicht... Sie kam ihm bekannt vor, aber sicher war er sich nicht. Sein Gedächtnis wollte ihm nicht verraten, woher er sie kannte. Er hatte immer schon eine Schwäche für Blondinen gehabt und war verunsichert, ob er sie tatsächlich kannte oder ob sie nur einem Model aus den schmuddeligen Magazinen ähnelte. Ihr schulterlanges Haar glänzte wie flüssiges Gold und in diesen blauen Augen konnte man ertrinken. War sie echt oder nur eine Fantasie? Als sie aber seinen Blick plötzlich erwiderte, drehte Andreas hastig seinen Kopf weg und suchte in seiner Jacke nach einem neuen Tschick. Er wollte beschäftigt wirkten. Sie hatte ihn beim Starren erwischt, das führte doch garantiert zu Ärger!
»Audi?«
»Ja?«, sagte er erschrocken, als ob ihn ein Geist angesprochen hätte.
Erst als er ihr tief in die Augen blicken konnte, erkannte er das kleine blonde Mädchen von früher wieder, in das er so sehr verliebt gewesen war, dass es schmerzte. Mit zehn Jahren schrieb er ihr einen Liebesbrief. Die Füllfeder zeichnete die Worte wie von selbst aufs Papier. Er rezitierte sogar ein Gedicht, das er auf einer Schaukel im Park eingeritzt gesehen und sich gemerkt hatte. Ein rotes Herz, durchbohrt mit einem Pfeil, durfte im Brief natürlich nicht fehlen, genauso wie zahlreiche Sticker. Der Brief war perfekt und hätte ihr sicherlich gefallen, hätte er Mut gefunden, ihn ihr zu geben. Und obwohl seine Gefühle groß waren, traute er sich nicht und versteckte den Brief in seinem Zimmer, wo ihn keiner finden konnte.
Mit 17 Jahren war er sich sicher, dass sie für ihn immer unerreichbar bleiben würde. Aber jedes Mal, wenn sie ihm über den Weg lief, lebte der Romantiker in ihm wieder auf, erhob sich aus der Asche und war bereit, weiteren romantischen Unsinn für sie anzustellen. Auch jetzt, 13 Jahre nach ihrer letzten Begegnung, rührte sich etwas in seinem Herzen.
»Lisa?«, fragte er überrascht und äußerst erfreut. Er grinste dümmlich.
Sie warf sich ihm an den Hals und ehe er reagieren konnte, machte er die Augen zu und inhalierte ihren süßlichen Duft, der ihn an Kirschen und Frühling erinnerte. An seine Kindheit, an früher, als alles noch möglich war...
Erst als sie ihn wieder losließ, kam er zu sich.
»Was machst du hier?«, fragte sie ihn neugierig. Sie freute sich so sehr, ihn zu sehen, dass ihre Augen wässrig wurden.
Andreas warf einen Blick über ihre Schulter und sah das leuchtende Schild des Sexmuseums.
»Ich war in der Gegend und hatte Lust auf einen Kebab. Osman macht den besten!«, erklärte er und nickte dem Imbissbesitzer zu, der neugierig und grinsend alles beobachtete.
»Ich auch. Ich sterbe vor Hunger!«
»Wohnst du hier in der Nähe?«
»Dort, gleich um die Ecke«, erklärte sie, streckte den Finger aus und deutete auf die gegenüberliegende Straße.
»Unglaublich. Wir wohnen so nah beieinander und sind uns noch nie über den Weg gelaufen«, stellte Andreas verblüfft fest. Das Leben schien manchmal wirklich wie ein Theaterstück, in dem sich der Regisseur einen Scherz erlaubte. Zwei Dorfkinder, die sich ausgerechnet in der anonymen Großstadt wiederbegegneten, das war ja beinahe Science-Fiction.
»Und was machst du so? Bist du verheiratet, geschieden?", stellte Andreas die unvermeidliche Frage. Die Frage, die ihn äußerst neugierig stimmte und vor deren Antwort ihm auf eine unerklärliche Weise auch ein wenig graute. Sie aber lachte entspannt.
»Nein, ich bin Single und war noch nie verheiratet. Ich arbeite als Visagistin in einem Kosmetiksalon.«
Das erklärte ihr makelloses Aussehen. Und er dachte immer, dass es der frischen Luft vom Land geschuldet war, die ihr diese Schönheit verlieh.
»Wer hätte das gedacht! Ich hätte wetten können, dass du als allererste von uns heiratest!«
»Warum das denn?«
»Weil du so viele Verehrer hattest.«
»Naja... Es hat sich eben nicht ergeben.«
Andreas lächelte. Mit 17 Jahren hätte er der Richtige für sie sein wollen. So konnte man sich irren.
»Kebab ist fertig!«, schrie Osman und unterbrach damit ihre Unterhaltung.
»Bitteschön, Andreas! Für Sie auch, Madame«, sagte er und wirkte plötzlich hektisch, als ob er sie loswerden wollte. Andreas schaute sich um und erkannte wieso. Eine Touristengruppe schritt auf den Kebabstand zu und Osman widmete all seine Aufmerksamkeit den neuen Kunden.
»Es hat mich gefreut, Andreas!«
»Ja, mich auch, Lisa.«
»Ah! Hier ist meine Nummer. Wenn du mal was unternehmen möchtest, über alte Zeiten plaudern willst...«
Jetzt war der richtige Zeitpunkt, um ihr zu sagen, dass er in einer festen und ernsten Beziehung war und sich nicht melden würde. Aber er sagte nichts und ließ sie ihre Telefonnummer auf ein Stückchen Papier aufschreiben. Kurz zögerte er, doch dann griff er zu, als ob er etwas Verbotenes auf der Straße an sich nahm.
»Tschüss!«, rief sie und trottete auf ihren Absatzschuhen davon. Andreas sah ihr hinterher. Sie hatte immer noch eine tolle Figur, besser sogar noch als damals als Teenager, kleidete sich elegant und war bildhübsch. Eindeutig nicht in seiner Liga. Unerreichbar wie ein Stern am Himmel.
Mit gemischten Gefühlen ging Andreas nach Hause. Gedankenverloren sperrte er die Wohnung auf stellte das Plastiksackeri mit den zwei in Alufolie eingewickelten Kebabs auf den Esstisch. Aus dem Kühlschrank nahm er sich ein kaltes Bier, setzte sich und nahm einen kräftigen Schluck. Lisa war eine Schönheit, eine so natürliche und gleichzeitig himmlische Schönheit, dass es ihn fassungslos machte. Sie alterte nicht und schien genauso nett zu sein wie früher. Wie sie wohl jetzt auf einen Liebesbrief von ihm reagieren würde? Ob ihr noch jemand auf diese Weise sein Herz ausgeschüttet hatte?
Der schwere Schlüssel im alten Türschloss drehte sich und Franziska betrat die Wohnung.
Augenblicklich sprang Andreas vom Sessel und holte hektisch zwei Teller und Besteck.
»Schatz, ich habe Abendessen geholt!«, rief er und schaute sie an, um die Laune an ihrem Gesichtsausdruck abzulesen. An diesem Abend wirkte sie genervt, das konnte er feststellen als er beobachtete, wie ungeduldig sie ihren Mantel auf den Küchenstuhl fallen ließ. Sie ignorierte Andreas und das noch warme Abendessen.
»Lass gut sein, ich habe keinen Hunger«, sagte sie und ging Richtung Badezimmer.
»Du hast doch immer Hunger nach der Arbeit«, entgegnete Andreas verwirrt. Egal was er einkaufte, sie leistete ihm Gesellschaft und aß mit ihm. Verwirrt starrte er auf die beiden Döner. Er hasste es, Essen wegzuwerfen.
»Heute nicht. Ich war mit Pascal schon was essen«, schrie sie aus dem Badezimmer.
»Wieso hast du nicht Bescheid gesagt? Dann hätte ich nicht so viel gekauft!«
Keine Antwort. Das war ein Verhalten, an welches er sich erst gewöhnen musste. In letzter Zeit ignorierte sie ihn und machte sich nicht die Mühe, ihm von ihrem Tag zu erzählen. Wie auch, wenn all die Geschichten und ihre gute Laune Pascal abbekam und für Andreas nichts mehr übrigblieb. Er ließ sie in Ruhe duschen und aß seine Portion. Nachdem das Wasser verstummte und ein paar Minuten vergangen waren, klopfte er an die Badezimmertüre.
»Hast du eh nicht vergessen, dass morgen die Beerdigung von Onkel Louie ist?«, fragte Andreas vorsichtig, um sie nicht aufzuregen. Ihre Laune machte sie wieder einmal explosiv wie eine Granate. Sie rollte mit den Augen und holte tief Luft.
»Ich schaffe es nicht «, sagte sie emotionslos und cremte sich die Beine ein. Seit Monaten ließ sie Andreas ihre Beine nicht berühren. Aber zum Füße massieren war er gut genug.
»Was heißt, du schaffst es nicht? Der Leichenschmaus findet um 19 Uhr statt, so wie Onkel Louie es gewünscht hat!«
»Und ich habe dir gesagt, dass ich womöglich länger arbeiten muss. Wir haben eine geschlossene Gesellschaft.«
»Franziska«, rief Andreas aufgebracht aber trotzdem mit einer bemüht ruhigen Stimme. Er war nicht der Typ, der herumschrie und die ganze Nachbarschaft aufweckte. Er hasste es zu streiten, aber manchmal war das unumgänglich.
»Onkel Louie ist seit einer Woche tot und ich habe dich ständig daran erinnert, dass morgen die Beerdigung ist.«
»Und ich habe dir jedes Mal gesagt, dass ich nicht fix zusagen kann!«
»Ah, tue jetzt nicht so, als ob du immer super beschäftigt wärst! Ginge es um deine Familie, dann hättest du sehr wohl Zeit gefunden! Das ist eine Beerdigung, verdammt noch mal!«
Sie schwieg, aber nicht, weil sie sich schämte oder ihm recht geben wollte. Sie hatte einfach keine Lust auf ihn, auf Diskussionen und wollte auch keine Kompromisse eingehen.
Mit überheblichem Stolz ignorierte sie den aufgebrachten Andreas, der wie ein praller Luftballon zu platzen drohte. Auch er merkte, dass er kurz davor war, die Kontrolle zu verlieren und machte sofort einen Rückzieher.
»Na gut... wenn du nicht kannst, dann kannst halt nicht» sagte er so sachlich wie möglich.
Franziska würdigte ihn keines Blickes, ging wortlos ins Schlafzimmer, legte sich ins Bett und knipste das Licht aus.
Traurig über die Situation, in die sie geraten waren, zog er seine Jacke an, nahm den noch warmen zweiten Kebab und ging wieder in die Kälte. Er hoffte, dass er nach einem langen Spaziergang wieder Hunger bekam und noch einen Döner aufessen könnte, und dass seine aufgewirbelten Emotionen sich wieder legten. Als er aber in der kalten Luft durch die leeren Straßen ging, dachte er intensiver über seine Beziehung zu Franziska nach. Es war keine Beziehung mehr. Sie behandelte ihn wie einen ungebetenen Gast, den sie eigentlich loswerden wollte. Aber was, wenn er sich täuschte? Vielleicht gingen sie nur durch eine schwierige Phase, die sie bestehen mussten, damit es sich nachher gut lebte. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Er hatte keine Ahnung.
In Gedanken versunken bemerkte er das Kartonhäuschen nicht, bis er darüber stolperte und Teile davon durch die Luft flogen. Etwas Großes, Schweres regte sich und fuchtelte mit den Armen. Es war lebendig und stöhnte.
»Heeeast!«, schrie es genervt. Wie ein Bär, der aus dem Winterschlaf gerissen wurde, kroch die Gestalt zunächst auf allen Vieren hervor und richtete sich dann auf. Andreas lag erschrocken am Boden und war erleichtert zu sehen, dass es ein Mensch und kein Tier war. Die Haare klebten ihm im Gesicht, er trug zwei Jacken übereinander und war schmutziger als ein Straßenhund. Erst jetzt begriff Andreas, dass er seine Unterkunft demoliert hatte.
»Es tut mir leid! Ich war in Gedanken...«, rechtfertigte sich Andreas und sammelte die Kartonteile wieder ein.
»Lass es, schleich di«, keifte der Obdachlose aggressiv. Erst als ein Auto vorbeikam und die Scheinwerfer das Gesicht des Unbekannten erhellten, erstarrte Andreas überrascht.
»Rupert? Rupert bist du es?«
Der Mann verlor schlagartig seine Aggressivität. Mit einer bisher nicht augenscheinlichen Überdrüssigkeit blickte er Andreas an und nickte zögerlich. Offensichtlich konnte er sich an ihn nicht erinnern.
»Ich bin's, Andi!«
Noch immer nichts. Keine Reaktion.
»Andreas Schuster! Wir waren Kollegen! Vor ungefähr zehn Jahren haben wir im Blumenladen gearbeitet! Ich war an der Kassa und du hast dich um die Blumen gekümmert.«
Der Obdachlose nickte kurz und begann sein Kartonhäuschen wieder aufzubauen. Andreas hatte Mitleid und wusste nicht recht, wie er ihn auf sein Schicksal ansprechen sollte.
»Was ist passiert? Warum bist du.... hier?«, fragte Andreas etwas ungeschickt und deutete auf die Straße.
Aber Rupert war nicht nach reden zumute. Es war zu dunkel, um seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Andreas stellte ihm noch einmal die Frage und als auch dieses Mal keine Reaktion kam, gab er es auf. Er empfand tiefes Mitleid für seinen ehemaligen Kollegen, der scheinbar nun auf offener Straße lebte. Sie waren keine besten Freunde und Rupert hatte nur ein Thema, nämlich Blumen, aber trotzdem konnte Andreas mit ihm äußerst interessante Gespräche führen. Rupert war jetzt wahrscheinlich Mitte 50 und hatte eigentlich noch ein paar gute Jahre bis zur Pension vor sich.
»Ich gehe dann langsam... Entschuldige noch einmal wegen...« Andreas fehlten die Worte. Er wollte Rupert nicht kränken und wandte sich zum Gehen, als ihm klar wurde, dass er in der Hand immer noch den Kebab hielt.
»Ähm, Rupert... Hier, nimm das. Ich habe keinen Hunger und... hier, nimm einfach!«
Ohne eine weitere Anweisung oder ein »Bitte« abzuwarten, ergriff Rupert mit seinen kalten, schmutzigen Händen das Essen. Alufolie raschelte und der Mann aß, als ob er seit Tagen nichts Essbares in die Hände gekriegt hätte. Er hatte stark abgenommen und so abgemagert war er fast nicht wieder zu erkennen. Kurz überlegte Andreas, ihn mit nach Hause zu nehmen. Auf dem Sofa könnte er schlafen. Aber so gut kannte er Rupert auch wieder nicht. Was war seine Geschichte? Wurde er zum Opfer von Altersarmut oder hatte er Schulden, die er nicht abbezahlen konnte? War er drogenabhängig oder alkoholsüchtig? Egal wie seine Geschichte war, Franziska hätte sicherlich kein Verständnis dafür. Außerdem wäre Rupert garantiert ein weiterer Anlass, der zu Streit führen würde.
»Mach's gut, Rupert«, sagte Andreas und ging. Immer wieder drehte er sich um und blickte den Mann an, der auf kaltem Boden schlief und der alles verloren hatte: Sein Dach über dem Kopf, sein Geld, seine sozialen Kontakte, seinen Anstand und seine Würde. Dieser Rupert war nicht der, den er kennengelernt hatte. Das Leben war nicht fair. Manche traf das Schicksal härter als andere und Andreas fürchtete sich, eines Tages das gleiche Los zu ziehen.
Nachdenklich kam er zurück in die Wohnung und legte sich schweigsam ins Bett. Franziska schlief tief und fest, während Andreas wach wie eine Eule neben ihr lag und auf die Zimmerdecke starrte. Sah so seine Zukunft aus? Würde auch er eines Tages wie Rupert auf der Straße landen? Zum ersten Mal spürte er ein schmerzendes Gefühl im Brustbereich und sorgte sich. Die vorbeifahrenden Autos auf der Straße warfen Lichter an die Decke und erhellten die Dunkelheit. Was machte er aus seinem Leben? Er dachte an die anstehende Beerdigung von Onkel Louie und an das letzte Treffen mit ihm. Beide waren betrunken und saßen bis in die frühen Morgenstunden in einem verrauchten Puff. Doch sie nahmen keine Dienste in Anspruch, sie hatten nicht einmal Augen für die leicht bekleideten Damen an der Stange, die mehr von sich preisgaben, als anschaulich gewesen wäre. Sie fantasierten von einem eigenen Bordell, machten Pläne, was sie alles anders und besser machen würden als der Besitzer dort. An Details konnte sich Andreas nicht mehr erinnern, an den Kater am nächsten Tag sehr wohl. Und mit diesen Gedanken schlief er ein und durchlebte im Traum seine Erinnerungen erneut.
Onkel Louie war ein Mann gewesen, der für so gut wie alles im Leben einen Plan hatte. Er liebte Feste und umgab sich gerne mit Menschen. Er brauchte keinen Grund, um zu feiern. »Dass wir am Leben sind, ist doch Grund genug«, pflegte er zu sagen. Jeder, der ihn kannte, wusste, was für ein schräger Vogel er war. Sein liebster Feiertag war Halloween. Er liebte es, die anderen zu erschrecken und versuchte jedes Jahr aufs Neue, das vergangene Halloween-Fest zu übertrumpfen. Letztes Jahr hatte er ein Skelett, gekleidet in lange, zerrissene schwarze Lumpen, auf einer durchsichtigen Schnur an einer Drohne befestigt und ließ sie über die Nachbarhäuser fliegen. Hier und da wurde geschrien, und als die Nachbarn am nächsten Tag über diese skurrile Erscheinung sprachen, lachte Louie amüsiert und prahlte mit seiner großartigen Idee. Der Grund, wieso sein Scherz so viel Aufmerksamkeit bekam? Dass er den Zirkus zwei Wochen vor Halloween veranstaltete.
Leider war die Umsetzung seiner Pläne nicht immer einfach. Manchmal waren die Wünsche größer als seine Geldbörse. Trotzdem hinderte ihn das nicht, weiterhin Pläne für zukünftige Ereignisse zu schmieden, wie beispielsweise sein eigenes Begräbnis. Und manchmal neigte er dazu, unüberlegt zu handeln und damit andere in Schwierigkeiten zu bringen. So war es, als er Andreas eine ganze Woche anflehte, ihn für einen Tag ins Gruselkabinett mitzunehmen und ihn die Leute dort erschrecken zu lassen – was für seinen Neffen mit einer Kündigung endete.
Louie war gesellig und lernte als Taxifahrer ständig neue, interessante Profile kennen. Und Louie verstand es auch, Kontakt zu halten. Deshalb kamen zu seiner Beerdigung jede Menge unbekannte Gesichter, die Andreas zum ersten Mal sah. Sie alle verband die Sympathie für diesen schrägen Vogel Louie, den durch seinen exzentrischen Kleidungsstil und seine schulterlangen, grauen, strohigen Haare in ganz Wien kannte. Obwohl sein Leben nicht immer einfach gewesen war, so hatte er doch stets gute Laune verbreitet und einen Scherz auf Lager. Sogar seine erste Frau war gekommen und berichtete, wie einzigartig dieser Mann gewesen war. Sie war Psychologin und bezeichnete ihn als ein Phänomen, denn so jemand wie Louie war bisher noch nicht auf ihrer Couch gelandet. Die Anwesenden nickten zustimmend und schwelgten dabei in ihren eigenen Erinnerungen an Louie.
Andreas trug seinen schwarzen Anzug, den er nur anzog, wenn er auf eine Beerdigung ging. Er stand neben seinen Eltern und Tante Elfriede, während der Sarg langsam in der Erde verschwand. In seinem Kopf ging er ein letztes Mal die Checkliste durch, ob er ja nichts vergessen hatte. Es war nämlich seine Verantwortung, dass die Beerdigung genauso abgehalten wurde, wie Onkel Louie es sich gewünscht hatte.
Beerdigt wurde er am Biedermeierfriedhof St. Marx, wo auch Mozarts Grab war. Wie vom Verstorbenen gewünscht, erfolgte die Beisetzung am späten Nachmittag. In Louies Vorstellung sollte es ein warmer Sommertag werden und mit dem Sonnenuntergang wollte auch er gehen. Vögel sollten zwitschern, alle Anwesenden sollten ein Stamperl trinken und für ihn ein Glas auf die Erde leeren. Er hatte auch an viele andere kleine Details gedacht. Woran er aber nicht gedacht hatte, war den Deal mit Gevatter Tod zu besiegeln, der ihn wie aus Hohn oder als Rache für seine Streiche im Winter, statt wie geplant im Sommer, zu sich geholt hatte.
Unter grauem Himmel und mit weißen, tanzenden Schneeflocken wurde Onkel Louie verabschiedet. Andreas hoffte, dass Onkel Louies Geist nicht von oben herab (oder von unten herauf) schaute und den Kopf schüttelte. Andreas hatte sich große Mühe gegeben, alles nach Onkels Wünschen zu machen, doch gegen das Wetter war er machtlos.
In einer kleinen Gaststätte in der Nähe des Friedhofs wurde der Leichenschmaus abgehalten. Von den Familienmitgliedern waren nur Andreas sowie seine Eltern Erwin und Elisabeth anwesend, die unglaublich nervige und anstrengende Tante Elfriede, die jeder mied, sowie Onkel Louies erste und die zweite Ex-Frau. Den Rest der Masse machten Freunde und Bekannte aus, die Andreas zum größten Teil nicht kannte.
»Ich bin nicht überrascht, dass so viele Menschen hier sind. Ludwig war sehr gern unter Leut'«, stellte Tante Elfriede fest und rückte ihre goldene Brille zurecht.
»Ja, das war er«, stimmte Elisabeth zu.
»Er wird mir wahnsinnig fehlen«, sagte Erwin und mied die bemitleidenswerten Blicke seiner Schwester und seiner Ehefrau, die nichts darauf erwiderten.
»Von uns allen bist du der Einzige, der dem Ludwig ähnlich ist«, bemerkte Tante Elfriede und schaute Andreas an.
»Du bist auch so gesellig und offen, wie er es war.«
»Das stimmt«, bestätigte Erwin, dem sich trotz Trauer um seinen illustren Bruder ein kleines stolzes Lächeln ins Gesicht schlicht. »Unser Andi kann mit jedem und ist sehr begabt. Deshalb ist er so ein guter Verkäufer, nicht wahr, mein Junge? Er arbeitet nämlich bei Siemens und verkauft teure Geräte«
Andreas nahm ein großes Stück Gebäck aus dem Brotkörbchen der Mitte des Tisches und stopfte es in den Mund, damit er darauf nichts antworten konnte. Die Siemensgeschichte war eine Lüge, weil er sich damals nicht getraut hatte zu sagen, dass er Ticketverkäufer in einem Sexmuseum war. Seither hatte er es verabsäumt, reinen Tisch zu machen. Dass er wieder einmal arbeitslos war, wollte er nicht beichten. Als er vor Jahren das kleine Dorf verlassen hatte, um in Wien auf eigenen Füßen zu stehen und sich ein Leben aufzubauen, hatte ihm keiner diesen Schritt zugetraut. Wenn er jetzt seinen Eltern und Tante Elfriede von der erneuten Arbeitslosigkeit erzählte, würden auch sie ihn für einen Versager halten. Er brauchte keine Moralpredigten oder Vorhaltungen. Wen er wirklich brauchte war Onkel Louie, der mit ihm auf ein oder fünf Seidl ging und mit ihm ausgefallene Zukunftspläne schmiedete.
»Und wie sieht es im Privaten aus? Können wir bald mit einer Hochzeit rechnen?«, fragte Elfriede direkt, »Bist ja auch nicht mehr der Jüngste, Andi. Wird langsam Zeit sich niederzulassen, findest nicht?«
Fast hätte sich Andreas an dem Stück Brot verschluckt. Hochzeit? Weder er noch Franziska hatten das Thema je angeschnitten.
»Es ging mir noch nie besser«, erwiderte Andreas zynisch und ließ absichtlich die zweite Frage unbeantwortet. Er stand auf und murmelte mit vollem Mund »Entschuldigt mich bitte«, sodass man nur ahnen konnte, was er sagte, und verließ den Tisch. Gemütlich, aber mit genervtem Blick, spazierte er zur Bar und bestellte sich ein kaltes Bier, um seine Nerven wieder zu beruhigen. Das Bier spülte alles hinunter: Das Brot und die Wut, die er gegenüber Tante Elfi verspürte. Ohne nachzudenken nahm er sein Marlboro-Packerl und wollte sich eine Zigarette anzünden, als ihn ein Kellner antippte und auf das Verbotsschild hinwies.
»Rauchen nicht gestattet, sorry«, sagte dieser im Vorbeigehen, blieb aber plötzlich wieder stehen und drehte sich um.
»Das gibt es nicht! Der Andi!«
Andreas nahm den Tschick aus dem Mund und steckte die Packung ins Jackett, bevor er Erkan die Hand schüttelte. Der Mann im weißen Hemd war schlank, gebräunt und hatte das gewinnende Zahnpastalächeln, das nicht einmal Schauspieler besser inszenierten. Erkan war auch eine Bekanntschaft aus dem Sexmuseum. Hans, Lisa, Rupert und jetzt Erkan. Vier verloren geglaubte Bekannte in zwei Tagen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Oma hatte immer gesagt, wenn zu viele Zufälle passieren, will dich dein Schicksal auf etwas vorbereiten.
»Was machst du hier?«, fragte Erkan grinsend.
»Mein Onkel ist verstorben. Wir halten hier den Leichenschmaus ab«, erklärte er kurz.
»Mein Beileid, Mann...«
»Danke.«
Es folgte eine kurze Anstandspause, bevor Andreas wieder das Wort ergriff.
»Wie ich sehe bist du nicht mehr im alten Gasthaus tätig?«
»Nein, Mann, die Bezahlung dort war richtig mies. So mies, dass ich mir den Eintritt in ein beschissenes Museum nicht leisten konnte, erinnerst du dich?«
Andreas lachte. So hatten sie damals Freundschaft geschlossen. Erkan schnorrte sich ins Museum und Andreas genoss seine Gesellschaft.
»Jetzt ist die Bezahlung viel besser, aber mir fehlt das gewisse Etwas, wenn du verstehst, was ich meine...«
Andreas war sich nicht sicher, ob er verstand. Erkan war um die 40, sein Leben lang Junggeselle und nicht willig, daran etwas zu ändern. Bei den Frauen war er sehr begehrt, was der Hauptgrund für seinen Lebensstil war – zu viele Angebote, dass man sich ungern für eine Option entscheiden wollte. Andreas bemerkte die Blicke einer Kellnerin, die ihn aus der Ferne anschmachtete.
»Wie auch immer. Ich muss wieder an die Arbeit. Der Boss ist ein Choleriker und wenn er mich hier stehen sieht, zuckt er aus«, erklärte Erkan. »Seitdem er erfahren hat, dass ich seine Frau gevögelt habe, ist er sehr schlecht auf mich zu sprechen.«
Andreas hob seine Hand zum Abschied, trank sein Bier auf ex und wagte sich zurück zu seinem Tisch. Irgendwie faszinierte ihn Erkan. Obwohl sein Leben das reinste Chaos war, schien er mit Leichtigkeit damit umzugehen.
Die Suppe wurde serviert und für einen Moment war nur das Besteck zu hören. Bis Tante Elfi sich zu Andreas' Leidwesen wieder zu Wort meldete.
»Hm... das sind ja seltsame Löffel«, bemerkte sie.
»Wie meinst du das, Elfi?«, fragte Erwin neugierig. Andreas erschrak. Stellte man Elfi eine Frage, war sie nicht aufzuhalten.
»Naja, sie sind ganz schön tief. Da ist man praktisch gezwungen zu schlürfen! Ganz, ganz blöd gemacht!«, erklärte sie ihren Standpunkt.
Keiner am Tisch wollte sich an der Konversation beteiligen und Andreas riss sich zusammen, um keinen blöden Kommentar abzugeben. Er wollte keine Szene machen. Egal wie anstrengend sie war, sie war seine Tante und er musste sie respektieren und höflich behandeln. So wurde er erzogen.
Aber sie gab einfach keine Ruhe. Ihr Bruder war keine Stunde unter der Erde und sie kannte kein anderes Thema als die Suppenlöffel.
»Außerdem sind sie vom richtig spitz! Also ich hätt sie mehr abgerundet!«
Links und rechts am Tisch unterhielten sich die Leute für sich. Sie sprachen über Onkel Louie und Andreas versuchte zuzuhören. Zwei Männer Ende 30, Lorenzo und Nikolaj waren ihre Namen, erzählten gerade, wie sie ihre Bekanntschaft mit Louie gemacht hatten. Sie waren muskulös und wirkten ernst, ihre Geschichte aber brachte sie selbst zum Lachen. Nikolaj erzählte, wie Onkel Louie eines Tages, sturzbesoffen in die Bar kam... mit einer Ziege an der Leine.
»Das Gute ist ja, dass man mit diesen Löffeln in null Komma nix fertig ist mit der Suppe!«, sagte Tante Elfriede laut, sodass Andreas die Pointe der anderen Geschichte nicht hören konnte. Alle lachten und Andreas ärgerte sich, dass er nicht mitlachen konnte und nicht wusste, was Louie mit einer Ziege in der Bar gewollt hatte.
»Andi, findest du nicht auch, dass die Löffel wie kleine Schöpfer wirken?«
NEIN, schrie Andreas innerlich, sagte aber kein Wort. Er blickte wieder zu Lorenzo und Nikolaj und hörte einer jungen Frau zu, die eine Frage für diese beiden Muskelpakete hatte.
»Wo arbeitet ihr jetzt?«
Andreas beugte sich etwas nach vor, um die beiden besser sehen zu können. Er tippte auf Fitnesstrainer, Bodybuilder oder Polizisten der Spezialeinheit.
»Wir sind Securitys in der Nationalbank«, erklärte Nikolaj so nebenbei.
Ein Mann, der links von ihm saß, mischte sich ein: »Weiß jemand vielleicht, wie aus Ludwig Louie wurde?«
Die Securitys lachten kurz.
»Erzähl du, du kannst es besser!«, sagte Nikolaj.
Lorenzo räusperte sich.
»Ein gemeinsamer Bekannter hat mir die Geschichte erzählt. Und zwar hatte Ludwig einmal zwei französische Tänzerinnen ins Hotel Sacher chauffiert und die zwei waren dermaßen von ihm fasziniert gewesen, dass sie ihn einluden, sie in Paris zu besuchen. Sie tanzten nämlich im Moulin Rouge und schickten ihm sogar eine Eintrittskarte mit der Post. Daraufhin beschloss Ludwig, nach Paris zu verreisen. Nach der Reise brauchte er einen ganzen Monat, sich wieder an Wien zu gewöhnen. Er sprach mit französischem Akzent, aß nur Weißbrot und bestand darauf, ihn von diesem Tag an nur noch Louie zu nennen«
»Andreas!«, rief Tante Elfriede und zwang Andreas, ihr seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. »Wieso ist Franziska nicht mitgekommen?«
Andreas gab auf, beim Gespräch von nebenan zu lauschen.
»Sie muss arbeiten«, sagte er schroff.
»So spät noch?«
»Ja.«
»Elisabeth, war dir bekannt, dass eine Kellnerin so viel arbeitet, dass sie sich nicht einmal einen Nachmittag frei nehmen kann, um zur Beerdigung zu kommen?«
Andreas Mutter legte ihren Löffel beiseite.
»Elfi, es ist besser du fragst mich nichts zu diesem Thema. Ich möchte so gut wie nichts mehr kommentieren, weil mir später alles doppelt und dreifach an den Kopf geworfen wird«, bemerkte sie vorwurfsvoll.
