Nachtgeflüster - Michael Burgholzer - E-Book

Nachtgeflüster E-Book

Michael Burgholzer

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Beschreibung

52 humorvolle, schräge und auch merkwürdige Geschichten begleiten durch die Nächte eines Jahres. Von Teufeln, Liebeswirren und schrägen Vögeln ist die Rede. Zwielichtige Gestalten, Dandys, Geldsäcke und wildernde Frauen werden zum Leben erweckt. Für Ihre Träume können die Autoren keine Haftung übernehmen.

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Bisher erschienen:

BAND I

Literarisches Biergeflüster

Heunacht

Die Lesung

Liebesnacht

Aller guten Tode sind drei

Faschingsnacht

Kontrapunkt

Affenschande II

Der Einbruch

Nachtcafé

Der Wald- und Wiesenkomtur

Geldsäcke

Schräge Vögel

Nachtradio

Der Maskenfetischist

Wüstenfrühling

Auferstehung

Labyrinth

Der Flacon

Maibach

Sprayerkrieg

Hyäne

Schäbingers Jungfrau

Der Dandy

Giebelkreuz

Guerre de Toilettes

Die Wilderin

Die fliehenden Holländer

Die Reise ins Innere

Mangel

Walze

Das Board

99,990002 Prozent

Der Roboterrasenmäher

Sommernachtsbaum

Wie es im Buche steht

Die Königin der Nacht

Kuhhandel

Pirelli

Haute Mer

Horrornacht

Wotan sieht rot

Sternbilder

Brutalität

Weinzehen

Die KV-Verhandlung

Blutgericht

Totenvogel

Der Professor

Die Weihnachtsfeier

Nachttreiben

Thomasnacht

Mutprobe

Jänner

Heunacht

Spät abends waren sie noch unterwegs. Weit und breit kein Licht mehr zu sehen, finstere Nacht, dafür Sterne und Schnee. Jeder Schritt wurde von einem Klirren begleitet, typisch für Eiseskälte. Die Luft war trotzdem angenehm, klar, spürbar lebendig. Lange waren sie gegangen und der Weg zurück noch weit. Das Luxus-Chalet mit allen Annehmlichkeiten nicht einmal in der Ferne erkennbar. Der Weg wurde schmaler, kam ihnen nicht bekannt vor, und der Schnee tiefer, das Klirren ging in ein knacksendes Geräusch über, mit jedem Schritt durchbrachen sie die gefrorene Schneedecke. Sie kamen kaum noch vorwärts. Eine romantische Wanderung, begonnen vor wenigen Stunden, endete womöglich hier in den Salzburger Bergen, vermutlich zwischen Hüttschlag und Kleinarl. Nicht einmal das Mobiltelefon hatten sie mitgenommen, sie wollten keine Störungen, nur für sich sein. Das waren sie nun bei minus neun Grad. Sie schrien laut, keine Antwort, außer einem leisen Echo. Wer sollte auch hier sein, in einer Raunacht, am Beginn des Jahres? Als sie noch ein seltsames Geräusch hinter sich hörten, war ihnen auch die Lust am Schreien vergangen. Wer weiß in dieser Gegend schon, welche Gestalt darauf aufmerksam wird. Etwas Wind kam auf, unheimliches Pfeifen. Er versuchte sein Zittern zu verbergen, sie spürte es trotzdem. Zielstrebig ging er mit ihr weiter, die Nacht im Freien wäre wohl kaum zu überleben. Elissa ging ihm nach, einige Zeit verging, er roch gut, fast betörend. Merkwürdige Gedanken in einer eisigen Nacht. Ihr war plötzlich auch nicht mehr kalt. Seine Fußabdrücke im Schnee fingen an zu dampfen, es schien, dass rotes Licht von ihm ausging. Sie kamen nun schneller voran. Sie liefen durch den tiefen Schnee, berührten kaum mehr den Boden, als plötzlich direkt vor ihnen ein großer Heustadl auftauchte, die Rettung? Er öffnete die Tür mit einem deutlichen Knarren und Quietschen, drinnen war es überhaupt nicht mehr kalt. Er hatte einen animalischen Blick, sie konnte ihm nicht widerstehen. „Elissa, gehorche! Versprich es mir!“, sagte er bestimmend. Er kam ihr völlig fremd vor, sie konnte trotzdem nur „Ja.“ sagen. Ihr war heiß, sie zog sich aus. Er hauchte nach links, ein silberner Kerzenständer mit sieben Kerzen entzündete sich wie von selbst. Als er sich ihr ganz näherte, roch sie deutlich den Duft von Schwefel. Selbst das konnte sie nicht abhalten, im Gegenteil. Sie musste nun mit ihm zusammen sein, keine Alternative mehr denkbar. Elissa vergaß alles um sich und widmete sich nur mehr ihm, ihm wollte sie gefallen, ihm las sie jeden Wunsch von den leuchtenden Augen ab. Er sprach mit tiefer Stimme, die in ihrem Körper weiter vibrierte. Nie zuvor ist sie so weit gegangen und hat es so genossen. Als er wieder von ihr abließ, fröstelte sie, sie vergrub sich im Heu, ganz tief und schlief ein.

Die Suchtrupps waren in der Nacht nicht mehr erfolgreich, in den frühen Morgenstunden fanden sie Elissa endlich, nackt, nur mit Heu bedeckt, trotzdem kaum unterkühlt, unversehrt. Ihr Mann war äußerst erleichtert, nie wieder würde er sie alleine im Winter wandern lassen, nur weil er Skifahren wollte. Als er sie sah, phantasierte sie von einem gemeinsamen Spaziergang. Von einer unvergesslichen Nacht. Neun Monate später gebar sie einen Sohn, den sie unbedingt Sammuel nennen wollte, was ihm trotz seiner bisherigen Unfruchtbarkeit nicht seltsam vorkam. Selbst als drei merkwürdige Typen aus Innergebirg bei ihrer Haustüre läuteten und Koks, ein Büschel Ziegenhaare sowie das neueste iPhone für Sammuel abgaben, war der vermeintliche Vater noch immer tiefenentspannt. In der Zwischenzeit machten sich aber einige Spezialisten aus dem Vatikan auf den Weg, um den Kampf zwischen Gut und Böse aufs Neue auszufechten, neues Jahr, neues Glück!

Die Lesung

Er schlug die Seite 125 um 21.00 Uhr auf. Kaum ein Literat, der etwas auf sich hält, würde heutzutage noch tagsüber lesen. Im Raum ein Räuspern und Husten. Große Aufregung. Schließlich kam nicht alle Tage ein Bestsellerautor nach Obermuffenbeck. Vom Bürgermeister bis zur Dorflehrerin waren sie alle anwesend, samt Gattin bzw. Gatte versteht sich. Der größte Unternehmer im Dorf äußerte sich gleich zu Beginn mit einem Hinweis: „Wenn du von vorne zu lesen anfängst, dann kommen wir besser mit.“ „Scheiß Verlegerin“, diese hatte die Lesereise organisiert, dachte er sich nur und antwortete: „Lassen Sie sich überraschen, Sie werden es verstehen.“ Weil es jetzt so gut passte, schlug er nun doch einige Seiten zurück, sehr zum Wohlwollen des Unternehmers: „Geht doch!“ Die Begleiterin, die ihm der Verlag aufs Auge gedrückt hatte, gestikulierte ihn seine Richtung, um ein Vorblättern zu erreichen, aber zu spät. Er hatte bereits begonnen: „In diesem kleinen, beschissenen Ort hatte also der Bürgermeister tatsächlich neben der Kirche sich selbst ein Denkmal gesetzt und grinste nun direkt neben dem Petrus in Richtung Marktplatz.“ Er kannte Obermuffenbeck nicht wirklich, war er doch erst um 20.10 Uhr bei Anbruch der Dunkelheit angekommen. Dieser erste Satz hatte beim Bürgermeister samt Gattin Bestürzung ausgelöst. Sollte sich hier der Bestsellerautor über sie lustig machen, wo doch die Statue von wirklich allen geschätzt wird und selbst der Bürgermeister des Nachbardorfes über eine solche nachdenkt. „In Obermuffenbeck steht der Bürgermeister über den Dingen“, dachte sich dieser und beruhigte sich, leider nur bis zu den nächsten Ausführungen. Von Freunderlwirtschaft, über Puffbesuche und nur sehr gute Noten für die ungeratenen Kinder des Bürgermeisters war die Rede, bei letzterem kam auch die Lehrerin nicht gerade gut weg. Als in weniger als fünf Minuten dann noch Inzucht, perverse Spiele mit der Dorfwirtin und die alkoholkranke Landjugend als Inhalt der Lesung vorkamen, war die illustre Zuhörerschaft schon in heller Aufregung. Eigentlich hätte er nun vorblättern können, machte er aber nicht, schließlich hatte er nicht das Gefühl, das es bereits am Schönsten war. Das Verhältnis des Pfarrers mit der Gattin des Bürgermeisters wurde auf den nächsten drei Seiten detailliert geschildert, wobei nach den ersten fünf Sätzen eine deutliche Änderung der Gesichtsfarbe der Bürgermeistergattin stattfand. Sie hatte so etwas wie eine Schnappatmung und konnte dann aber doch „Skandal, eine Frechheit. Schämen Sie sich!“ hinausschmettern. Der Bürgermeister sah das ähnlich, auch die Dorflehrerin war über alle Maßen erbost, schien sie doch nicht die einzige Geliebte des Pfarrers zu sein. Tumultartig verließen sie den Raum, einer versuchte noch sein Bier Richtung Autor zu schütten, was aber zum Glück für ihn misslang. Es war nun 21.18 Uhr und im Publikum saß nur mehr der Pfarrer. Nachdenklich, meinte aber, die Wahrheit wäre wohl zumutbar und hätte doch einen läuternden Charakter. Er sollte doch fortsetzen, was er gerne machte. Er blätterte nun auf Seite 125, die Seiten zuvor waren lediglich Illustrationen ohne Text und befasste sich nun mit dem Herbst, in seiner schönsten Facette, in einem kleinen Bergdorf, in dem er aufgewachsen ist, berichtete von einer Dorflehrerin, die ihn für Weltliteratur begeistern konnte, vom Pfarrer, der für ihn einen Platz am Gymnasium organisierte und von einer Statue, die sie ihm zu Ehren dort errichtet haben und auf die er auch klammheimlich etwas stolz ist.

Liebesnacht

Hektor, der bereits etwas in die Jahre gekommen war, hatte alles wunderbar vorbereitet. Eine Playlist mit Kuschelsongs, zwanzig rote Rosen in einer wunderbaren Vase von Lalique und drei Kondome, die aber eher seiner Ungeschicklichkeit als seiner Ausdauer geschuldet waren, alles drapiert im Schlafzimmer. Schon lange hatte er auf sie ein Auge geworfen, Kokette, eine blonde Frau jüngeren Alters mit einem besonders hübschen Lächeln. Kokette, die ihn monatelang ignoriert hatte, wurde erst auf ihn aufmerksam, als sie von einer Nachbarin erfuhr, dass Hektor trotz - so nur ihre Einschätzung - des alten Ferraris, ein 250 GT, viel Geld besitzt und beruflich so etwas wie ein Privatier sei. Sie hatte nach dem Wort im Internet gesucht und konnte sich mit dem Berufsbild durchaus anfreunden. Für heute Abend holte sie alles aus sich raus, vom Nachlesen in einem bekannten Knigge-Ratgeber, über die Wimperntusche bis zum eng gefassten Kleid, das ihre Figur bestens zur Geltung brachte. Nichts dürfe dem Zufall überlassen werden, schließlich schien Hektor das Zeug zum Mann ihres Lebens zu haben. An der Eingangstür der stilsicheren Villa läutete sie und lächelte in die an der linken Seite angebrachten Kamera. Hektor, der für diesen Abend das Hauspersonal beurlaubt hatte, öffnete selbst die Tür. Sie begrüßten sich mit Wangenküsschen und begaben sich in den Speisesaal, wo alles so vorbereitet war, dass Hektor die fertigen Speisen nur mehr aus dem Backofen nehmen musste. Die Küche glich der einer Gastronomieausstattung und der Essbereich mit dem schweren Luster machte auf Kokette mächtig Eindruck. Als Hektor über seinen letzten Opernbesuch mit ihr parlierte, kam sie bereits gehörig unter Druck. Sie fände aber diesen Don Giovanni durchaus beeindruckend und würde ihn, so teilte sie Hektor mit, nicht von der Bettkante stoßen, schließlich wären heute in Liebesdingen erfahrene Männer doch die Ausnahme. Hektor fand das Gespräch sehr anregend und befand, dass Kokette mit einem ungezwungenen Zugang überzeugte, wo doch sonst jene Frauen, die er manchmal eingeladen hatte, meist über die Details der Kunst und Kultur referierten, was Hektor mittlerweile sehr langweilte. Kokette strich nach der Nachspeise mit der Zunge über ihre Lippen und gab ein Geräusch von sich, was Hektor darauf schließen lassen konnte, dass es ihr wohl geschmeckt hatte. Sie machten eine Hausführung, auf diese bestand Kokette, schließlich hätte sie so etwas vorher nur im Fernsehen gesehen. Nach den drei Bädern, der Bibliothek, dem Arbeitszimmer - so nannte es Hektor, wobei Kokette außer dem Schreibtisch aus Mahagoniholz keinen Hinweis auf Arbeit finden konnte, einem Weinlagerraum, dem Salon und dem Hallenbad, kamen sie in den Schlaftrakt, der aus zwei getrennten Schlafzimmern bestand. Hektor drehte das gedämpfte Licht auf und die vorbereitete Playlist war aus den unsichtbaren Lautsprechern zu hören. Kokette war auf vieles vorbereitet, aber als sie „Two People“ hörte und das am Touchdisplay angezeigte Cover von „Kuschelrock 1“ entdeckte, prustete sie lauthals los. Sie bekam einen Lachanfall, den Hektor selten zuvor bei einer Frau gesehen hatte. Als sie noch die Lalique-Vase, die doch sowas von „old school“ sei, entdeckte, lachte sie noch lauter als zuvor. Hektor, der zuerst verdutzt war, musste plötzlich mitlachen. Bald krümmten sich beide auf dem Bett vor lachen, da sie schon fast nicht mehr stehen konnten. Als Kokette sich wieder beruhigt hatte, meinte sie, dass sie Hektor nun doch in die modernen Verführungskünste einzuführen hätte. Als erstes führte sie aus, dass Hektor mit Tina Turner durchaus richtig liegen könnte, aber dann schon „Private Dancer“ oder noch besser „Nutbush City Limits“. Nach vielen weiteren Tipps befand Kokette, dass dieses Schlafzimmer zur Gänze umdekoriert gehörte. Hektor, der immer noch voll der Hoffnung war, packte mitten in der Nacht mit an, aber anders als er es sich vorgestellt hatte. Bilder wurden entfernt, neue aus dem Salon im Schlafzimmer angebracht, er bohrte, brachte Dübel in die Wand ein, wobei ihm Kokette detaillierte Anweisungen geben musste. Der Schreibtisch aus dem Arbeitszimmer musste laut Kokette unbedingt ins Schlafzimmer. Selbst als sie die Wand mit dem großen Fenster in einem zarten Orangeton besser fand, gab Hektor nicht auf. In der Garage hatte er noch viele Farben, die zur Ausbesserung dienen sollten, aufbewahrt. So strichen sie auch noch die Wand, was zur Folge hatte, dass der Geruch die weitere Verwendung des Schlafzimmers unmöglich machte. Eine weitere Wand vor dem Schlafzimmer wurde noch bunt bemalt, um dieser - so Kokette - mehr „Pepp“ zu verleihen. Um vier Uhr morgens wechselten sie in den Salon, wo Kokette ihren Unmut über die Deckenbeleuchtung kundtun wollte, als Hektor mangels weiterer Geduld sie bestimmt küsste. Dass der Kristallring-Kronleuchter, auf den sie unter Hektor anschließend sehen musste, eine echte Hässlichkeit war, verhinderte ihren Höhepunkt trotzdem nicht. Am frühen Morgen verließ sie Hektor mit einer Rose, die er aus der Lalique-Vase nahm, es war schließlich bald Valentinstag, beide durchaus zufrieden, wobei Hektor etwas angespannt war, weil er nicht wusste, wie er seiner von einer Dienstreise in den Mittagsstunden zurückkommenden Frau erklären sollte, was der nächtliche Umbau auf sich hatte. Er stellte sich bei seinen folgenden Ausführungen so ungeschickt an, dass er auf Bestehen seiner Frau nun eine regelmäßige Psychotherapie in Anspruch zu nehmen hat, die sich mit der kreativen Kraft und der Frage „Kann Kunst heilen?“ beschäftigt.

Aller guten Tode sind drei

Mitten in der Nacht fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Ich hatte geträumt, dass mich jemand an den Fußsohlen gekitzelt hätte. Als ich die Augen aufschlug, stellte ich fest, dass tatsächlich jemand am Fußende meines Ehebettes saß. „Ich brauche mich nicht vorzustellen, oder?“, sagte der Fremde. „Nein“, antwortete ich und rieb mir die verquollenen Augen, ehe ich das Gerippe noch einmal anstarrte. „Du bist der Tod. Was willst du um diese Zeit?“ „Du kannst es dir denken“, entgegnete der Gevatter. „Ich will deine Seele. Ich werde sie mitnehmen. Jetzt gleich.“ Weil er nicht gerade leise sprach, erwachte endlich auch meine Frau. „Was ist los, Heinz?“, murmelte sie schlaftrunken. „Es ist nur der Tod, Marlies“, beruhigte ich sie. „Er will bloß meine Seele.“ „Dann gib sie ihm doch“, grummelte meine Frau. „Und dann leg dich wieder hin und gib Ruhe. Ich will schlafen. Ich muss morgen früh heraus.“ Sie drehte sich auf die andere Seite und zog sich die Decke über den Kopf. Seufzend setzte ich mich an die Bettkante, schlüpfte in meine Pantoffeln und stand auf. Ich legte den Zeigefinger auf den Mund und bedeutete dem Tod, dass er mir folgen solle. Ich führte ihn in unser Bügelzimmer, das direkt neben dem Schlafzimmer lag. Ich bot ihm auf dem kleinen Sofa, das dort stand, Platz an. Er setzte sich. Ich stellte mich hinter das aufgeklappte Bügelbrett und sah ihn an. „Also gut“, sagte er dann, langsam ungeduldig werdend. „Bis hierhin habe ich mitgespielt, damit deine Frau weiterschlafen kann. Aber jetzt will ich endlich deine Seele. Rück sie heraus, ich habe nicht ewig Zeit! Ich habe noch eine lange Liste für diese Nacht!“ Betont langsam kratzte ich mich am Hinterkopf. „Ja, also“, begann ich. „Es ist so. Du kommst ungelegen. Ich brauche meine Seele noch. Ich muss morgen früh meine Steuererklärung machen. Das tut mir jedesmal in der Seele weh. Wie aber soll ich die Erklärung ordentlich machen, wenn mir nichts mehr wehtut?“ Jetzt war es am Gevatter, sich nachdenklich auf der kahlen Schädelplatte zu kratzen. „Da ist etwas dran“, räumte er ein. „Aber ich kann es nicht allein entscheiden. Ich muss nachfragen. Warte hier, ich bin gleich zurück.“ Er belegte mich mit einer Art Lähmung und ließ mich zusätzlich im Stehen in einen leichten Dämmerschlaf fallen. Als ich mein volles Bewusstsein wiedererlangte, saßen zwei Skelette auf meinem Sofa. „Ich bin der Obertod“, stellte der zweite Gevatter sich vor. „Es geht also um deine Steuererklärung. Ein ernstes Thema.“ Ich nickte. „Ich habe es dem Kollegen Untergevatter schon erklärt“, sagte ich, „dass ich für die Erstellung der Steuererklärung meine Seele brauche, als Korrektiv in Richtung Ehrlichkeit. Wenn ich die Formulare wahrheitsgemäß ausfülle, tut es mir in der Seele weh. Das ist wichtig.“ „Wir kennen dieses Problem aus eigener Erfahrung“, gestand der Obergevatter. „Auch wir Sensenmänner müssen Steuererklärungen ausfüllen. Wir sind immer froh, wenn wir dabei gerade eine Seele zur Hand haben, die unser Schmerzempfinden steuert. Es muss für uns aber nicht zwangsläufig die eigene sein.“ „Dann darf ich meine Seele also noch eine Weile behalten?“, fragte ich voller Hoffnung nach und stützte mich mit beiden Unterarmen auf das Bügelbrett. „So einfach ist es leider nicht“, sagte der Obertod. „Der Wille der Sterblichen zählt in solchen Angelegenheiten wenig. Wir müssen im Handbuch nachsehen.“ Wie aus dem Nichts erschien ein altehrwürdiges, armdickes Nachschlagewerk auf seinem Schoß. Der Obertod blätterte ein wenig darin herum, um die richtige Stelle zu finden. „Ah, hier haben wir etwas Passendes“, rief er nach einer Weile. Er begann zu lesen: „Bittet der Sterbliche, dessen Seele kassiert werden soll, aus triftigen Gründen um einen Aufschub der Seelenmitnahme, ist seine Argumentation gewissenhaft zu prüfen und jedenfalls auf die Goldwaage zu legen. Jenseitsrechtsgültige Entscheidungen, eine irdische Seelenbesitzprolongation betreffend, sind ausnahmslos im Dreiergremium zu treffen. Das heißt also …“ Ich unterbrach ihn und setzte seinen Satz eigenmächtig fort: „… dass wir eine Goldwaage benötigen und einen dritten Gevatter.“ Der Untertod, der bereits geraume Zeit geschwiegen hatte, stimmte mir sofort zu: „Exakt! Du wartest hier! Wie sind gleich zurück.“ Wie beim ersten Mal musste ich Lähmung und Dämmerschlaf über mich ergehen lassen. Als ich wieder voll da war, saßen drei Skelette auf dem Sofa, auf dem es langsam eng wurde. Der Neue stellte sich mir als Übertod vor. Er erhob sich und trat an mein Bügelbrett heran, auf dem er die mitgebrachte Goldwaage abstellte. Untertod und Obertod nahmen in der Zwischenzeit ihre Brustbeine aus ihren jeweiligen Gerippen heraus und ritzten mit der Spitze einer Sense den Sachverhalt, mein Seelenbesitzprolongationsansuchen betreffend knirschend und quietschend in die Knochen ein. Gerade, als sie die Gebeine auf die Waage legen wollten, ging die Tür auf und Marlies, meine Frau, schoss wie eine Furie ins Bügelzimmer. „Was wird hier gespielt, Heinz?“, schrie sie. „Was ist das für ein Lärm? Ich habe dir doch gesagt, dass du mich schlafen lassen sollst. Und was treibst du mitten in der Nacht mit drei Skeletten an unserem Bügelbrett?“ Der Übertod wollte zu einer Erklärung ansetzen, aber Marlies war schon dermaßen außer sich, dass es zu spät war. Sie griff nach dem Reisbesen, der bei den Putzutensilien in der Ecke stand, und begann, wild damit herumzufuchteln. „Soll ich euch etwas sagen?“ rief sie. „Ich will es gar nicht wissen! Hinaus mit euch! Auf der Stelle! Alle!“ Sie schlug mit dem Besen abwechselnd nach den drei Gevattern und mir und scheuchte uns hinaus auf den Flur. Dort trieb sie uns so sehr in die Enge, dass mir nichts anderes übrig blieb, als die Haustür aufzuschließen und in die eiskalte Wintermorgendämmerung hinauszulaufen. Ich verlor meine Pantoffeln. Die drei Gevattern blieben mir dicht auf den Fersen. Marlies griff nach meiner Aktentasche, die an einem Haken an der Garderobe hing, und schleuderte sie mir an den Kopf, sodass ich zu Boden ging. Dann zog sie von innen die Tür zu. Ich hörte, wie sie den Schlüssel zweimal im Schloss herumdrehte. Mit Mühe kam ich wieder auf die Beine. Ich fror erbärmlich und hämmerte verzweifelt gegen die Tür. „Das kannst du doch nicht machen, Marlies! Du kannst mich doch nicht im Pyjama barfuß im Morgengrauen in dieser Eiseskälte vor die Tür setzen! Ich hole mir doch den Tod!“ „Den hast du doch schon“, schrie Marlies durch den Briefschlitz. „Sogar in dreifacher Ausführung!“ Es war nichts zu machen. Meine Frau, die sich offensichtlich wieder ins Bett gelegt hatte, antwortete nicht mehr. Ich nahm meine Aktentasche und klappte sie auf. Als ich sah, was drinnen war, hatte ich plötzlich eine Idee. „Wir müssen das Beste aus unserer Situation machen, meine Herren!“, sagte ich zu den drei völlig verdatterten Gevattern. „Folgt mir!“ Ich führte sie in das nahe gelegene Cafe Galgenvogel, das um diese Zeit schon geöffnet hatte und in dem man mich so gut kannte, dass ich meine Zeche anschreiben lassen konnte. In einer diskreten Ecke hinter einem üppig wuchernden Gummibaum nahmen wir an einem Vierertisch Platz. Dann zog ich Kontoauszüge und Belege aus meiner Aktentasche. Ich bestellte eine Runde Bloody Marys. Die Gevattern ließen mir meine Seele und halfen mir tatkräftig bei der Erstellung meiner Steuererklärung. Wir waren ehrlich bis auf die Knochen. Die Angaben, die ich zu Papier brachte, taten uns allen in der Seele weh. Als der erste Sonnenstrahl zwischen den Blättern des Gummibaums hereindrang, versetzten mich die drei Gerippe wieder in den mir bereits bekannten Lähmungs- und Dämmerzustand und verschwanden. Erst am frühen Nachmittag kehrte ich nach Hause zurück. Marlies, die sich in der Zwischenzeit beruhigt hatte, ließ mich wieder ins Haus.

Wenige Wochen später erhielt ich per Post meinen Steuerbescheid. Er enthielt die Ankündigung der größten Rückzahlung, die ich in meinem langen Steuerzahlerleben jemals erhalten habe. In der Begründung stand: „Ihre Angaben sind von solcher Ehrlichkeit, dass das ganze Finanzamt weinen musste.“

Februar

Faschingsnacht

Hektor war noch immer in der Therapie, einmal wöchentlich, auf ausdrücklichen Wunsch seiner Frau. Er beteuerte, dass bereits die erste Sitzung von Erfolg gekrönt gewesen sei und eine weitere nächtliche Umräum- oder Ausmalaktion nicht mehr vorkommen würde. Nichtsdestotrotz waren sich die Therapeutin und seine Frau einig, dass zumindest zehn Sitzungen notwendig seien, um einen Rückfall gänzlich ausschliessen zu können. Die Therapeutin wurde seiner Frau von einer guten Freundin empfohlen und hatte nach anfänglichem Widerwillen auch Hektor überzeugen können. Beim letzten Mal hatten sie vereinbart (vielmehr hatte Hektor gedrängt), dass doch bei der nächsten Sitzung am Faschingssamstag um 15.00 Uhr eine Verkleidung angebracht wäre. Um 11.00 Uhr war Hektors Frau am Samstag bereits mit ihren Freundinnen aufgebrochen, um fünf Wellness-Tage im Salzburger Hof zu verbringen, um diesem aus ihrer Sicht nun wirklich dämlichen bzw. proletarischen Faschingstrubel zu entkommen. So konnte Hektor bereits kurz nach dem Mittagessen mit seiner Verkleidung beginnen. Er zog ein zerfetztes, weißes Hemd an. Auf der linken Schulter hatte er zuvor einen zehn Zentimeter großen, bunten Papagei angenäht. Er brachte an einer kleinen Stelle im Gesicht Kollodium auf, das die Haut entsprechend vertieft wirken ließ und auf dem er danach mit Braun-, Rot- und Violetttönen eine entsprechende Wunde anfertigen konnte. Ein Piratentuch am Kopf und eine braune Lederhose machten die Verkleidung nahezu perfekt. Als er das Haus verließ, zog er noch einen weiten Mantel mit vielen Knöpfen an. Wohlgemut machte er sich auf den Weg zur Therapeutin, diesmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln, um die Spießerblicke zu genießen. Selbst außerhalb seiner Arbeitszeit wirkte das arbeitende Volk aus irgendeinem Grund auf ihn zombiehaft. Im Bus stellte er sich vor, wie