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„Ich will dir etwas erzählen und du darfst nichts sagen, bis ich fertig bin. Sonst kriege ich das nicht hin.“ Callie zieht für ihr Studium nach Amsterdam. Sie will dort ein neues Leben beginnen. Doch zwischen Unistress, Nebenjob und neuen Freundschaften muss sie feststellen, dass es nicht so einfach ist, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen – seien es andere Personen oder die eigenen Prägungen und Abgründe. Ein dramatische Geschichteüber Vergangenheitsbewältigung, Depression undüber die Liebe.
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2020
periplaneta
SILVIA KLEIN: „Nachts sind alle Gedanken grau“ 1. Auflage, Februar 2020, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2020 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.periplaneta.com
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat: Laura Alt Coverfotografien: Gilbert Beltran on unsplash.com Coverdesign, Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-164-6 epub ISBN: 978-3-95996-165-3
Silvia Klein
NACHTS SIND ALLE GEDANKEN GRAU
periplaneta
Wie merkwürdig, dass es immer heißt, man solle auf sein Bauchgefühl vertrauen. Was soll das überhaupt bedeuten? Als ob der eigene Körper irgendwie wisse, wann eine Entscheidung richtig oder falsch sei. Was ist, wenn man seinem Körper nicht vertrauen kann? Was, wenn man die Kontrolle verliert und Dinge spürt, die gar keinen Sinn ergeben?
Somit bliebe nur die Vernunft. Blöd nur, wenn die Gedanken kreischend Karussell fahren. Also gibt es vielleicht gar keine richtigen und falschen Arten, Entscheidungen zu treffen. Vielleicht gibt es nicht einmal richtige und falsche Entscheidungen. Eventuell machen wir uns nur etwas vor, wenn wir glauben, dass alles einen Sinn ergibt, unser Weg uns schon zu irgend einem Ziel führe. Gut möglich, dass das Leben nur eine Ansammlung willkürlicher Ereignisse ist.
Seufzend legte Callie den großen weißen Umschlag auf ihr Bett und schnappte sich ihre Tasche. Unabhängig von dessen Inhalt musste sie heute zu ihrem nervigen Job und konnte nicht noch länger herumsitzen und grübeln. Der Umschlag lief nicht davon, auch wenn ihr das einiges ersparen würde. Sie musste eine Entscheidung treffen. Wieso hatte sie auch beschlossen, ihr Leben noch einmal umzudrehen? Vielleicht bekam man im Leben nur eine Chance, alles zu verändern, sozusagen eine „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte, und sie hatte ihre bereits verbraucht.
Das Licht war dämmrig. Abgesehen von sich bewegenden Schatten war es schwer, irgendetwas zu erkennen. Callie blinzelte ein paarmal und hoffte, so mehr zu sehen. Ohne Erfolg. In diesem Moment strahlten die Scheinwerfer auf, rote und grüne Blitze zuckten durch den Raum. Es war Donnerstag und das bedeutete: Disco Night. Vor einigen Wochen hatte Callies Chef die Idee gehabt, dass seine Bar mehr junge Menschen anlocken könnte, wenn es zumindest einmal in der Woche Techno-Musik und Stroboskop-Licht gab. Bis jetzt hatte dies dazu geführt, dass die üblichen Stammgäste die Bar an diesem Tag wie die Pest mieden und sich nur diejenigen einfanden, die sich anscheinend kein Zugticket nach Amsterdam, der nächstgrößeren Stadt, leisten konnten. Callie hasste diese Abende. Zum einen war die Musik furchtbar, zum anderen bestand ihre Arbeit darin, junge Männer so schnell wie möglich betrunken zu machen. Zu oft wurde sie von jemandem angemacht, einfach weil sie da war und diejenige, die den Alkohol brachte. Noch dazu sprang dabei wenig Trinkgeld heraus und die Lichteffekte schmerzten in ihren Augen. Doch sie hatte keine Wahl. Callie verfügte nicht über den Luxus, sich einen Job herauspicken zu können. Fast jeden Abend arbeitete sie hier und auch wenn sie oft die Stunden herunterzählte, bis sie die Bar wieder verlassen konnte, brachte es immerhin genug Geld zum Leben ein.
„Hey?“ Ein Gast schnippte mit den Fingern.
Callie seufzte und trat hinter der Theke hervor. Eine Theke, die dafür gemacht war, um sich dort Getränke zu besorgen. Dieses System schien einigen fremd zu sein. Also ging sie widerwillig auf den jungen Mann zu. Dabei warf sie einen kurzen Blick auf die Uhrzeit auf ihrem Handy. „Nur noch fünf Stunden“, murmelte sie, „nur noch fünf Stunden.“
Als Callie ihre Wohnung betrat, waren ihre Beine schwer und sie konnte es kaum abwarten, endlich ins Bett zu fallen. Doch während sie ihre Schuhe in die nächstbeste Ecke schleuderte, bemerkte sie, dass jemand auf sie wartete. Ihr Mitbewohner und bester Freund Colin saß am Tisch in der hell erleuchteten Küche. Neben ihm lag der weiße Umschlag. Er sah auf, als sie hereinkam und fragte ohne Umschweife: „Was will die Universität von Amsterdam von dir?“
Der Plan war gewesen, den Brief allein zu öffnen. Wenn es eine Absage war, brauchte niemand davon zu erfahren – falls nicht, könnte sie sich überlegen, was sie damit anfangen sollte. „Das ist eine lange Geschichte“, entgegnete sie. Es war spät und sie wollte sich nicht jetzt damit auseinandersetzen.
Colin ließ sich diese Ausrede nicht gefallen: „Jedes Buch hat einen Klappentext. Callie, hast du dich beworben?“
Seufzend kapitulierte sie. Sie kannte Colin lange genug, um zu wissen, dass er nicht lockerlassen würde. „Ja, aber wahrscheinlich ist es sowieso nichts geworden. Ich wollte dir davon erzählen, aber es hat sich irgendwie nicht ergeben.“ Colin schwieg. „Bist du sauer?“, fragte Callie ihn vorsichtig. Sonst war er die Person, der sie alles erzählte. Nun ja, fast alles.
„Was? Nein. Ich habe heute Abend kurz etwas aus deinem Zimmer gebraucht und den Umschlag gesehen. Wofür hast du dich beworben?“
„Economics und Business Economics“, gab sie leise zu. Wieso fühlte sich das wie ein Verrat an ihrem Freund und ihrem gemeinsamen Leben an?
„Wow.“ Es gab bewundernde, ehrfürchtige Wows und die, in denen etwas wie „Wie sage ich ihr am besten, dass das unmöglich ist?“ mitschwang. Colins Wow war Letzteres. Auffordernd sah Callie ihn an. Zum Glück musste sie nichts sagen, damit er verstand. „Das klingt anstrengend“, stellte er fest.
Sie wusste, worauf er hinauswollte. „Mir geht es gut“, sagte sie deshalb bestimmt.
Colin fragte weiter: „Hast du deiner Mutter davon erzählt?“
Dieses Gespräch wurde immer mehr zu einem, das sie nicht führen wollte, schon gar nicht um diese Uhrzeit. „Ich dachte, wir reden nicht über unsere Eltern.“ Müde setzte sie sich auf den Stuhl gegenüber von Colin.
Ertappt sah er sie an: „Ich meine doch nur, dass du es könntest. Wahrscheinlich freut sie sich.“
Es war eine Erinnerung daran, dass sie im Gegensatz zu ihm noch eine Chance auf Familie hatte, auch wenn die jeden Tag kleiner wurde.
Doch die ganze Zeit sprachen sie, als wäre es schon entschieden, dass dieser Brief eine Zusage enthielt.
Anscheinend hatte sie der Umschlag geradezu hypnotisiert, denn sie erschrak, als Colin ihn zu ihr herüberschob: „Öffne ihn.“
Sie wäre dafür lieber allein gewesen. Eigentlich wollte sie die Antwort gar nicht wissen. Doch da war auch etwas in ihr, das nicht mehr warten wollte.
„Was hast du denn zu verlieren?“, fragte Colin.
Nichts außer Hoffnung, dachte Callie. Wobei Hoffnung das Schlimmste war, was man verlieren konnte. Das Papier raschelte, als sie den Umschlag öffnete und den Brief herauszog. Sie wappnete sich für eine Absage. Sie war nicht einmal Niederländerin, hatte ihren Abschluss in London gemacht und seitdem klaffte eine dreijährige Lücke in ihrem Lebenslauf. Callie starrte auf den Bogen, überflog die Worte und las sie noch einmal, um ganz sicher zu sein.
„Und?“, fragte Colin erwartungsvoll.
Callie sah ihn an. „Ich bin drin“, hörte sie sich sagen. „Ich wurde angenommen“, murmelte sie immer noch ungläubig, als Colin sie in eine stürmische Umarmung riss. Callie konnte nicht anders, als laut zu lachen. Das hatte sie nicht erwartet. Es war eine neue Chance, vielleicht endlich die Art von Leben zu haben, die sie sich immer vorgestellt hatte. In diesem Moment schien sich alles zu fügen. So fühlte es sich also an, wenn das Leben auf ihrer Seite war.
„Lass mich mal sehen!“ Colin riss den Brief an sich. Er runzelte die Stirn: „Hier steht, du hast ein Stipendium aufgrund einer persönlichen Empfehlung bekommen. Von wem denn?“
Das war der Punkt, der sie am meisten erleichtert, aber auch verwirrt hatte. Sie hatte sich auf das Stipendium beworben, um sich die Studiengebühren überhaupt leisten zu können. „Keine Ahnung, ich habe niemanden gefragt.“ Es wäre möglich gewesen, sich bei einem ihrer ehemaligen Lehrer zu melden, aber sie hatte London hinter sich gelassen. Ein Knoten formte sich in ihrem Magen. Was, wenn das ein Fehler war?
„Mach dir keine Sorgen. Wahrscheinlich haben sie jemanden von deinem Lebenslauf gefragt“, warf Colin ein.
Es war die einfachste Erklärung. Callie versuchte, sie zu akzeptieren. Die Alternative war, sich verrückt zu machen.
Nach einem Moment der Stille fragte Colin: „Möchtest du nach Amsterdam fahren und dir die Uni ansehen?“
„Das ergibt alles keinen Sinn“, sagte sie erschöpft, ohne auf seine Frage einzugehen.
„Muss immer alles einen Sinn ergeben?“
Sie sah Colin spöttisch an: „Warum so philosophisch?“
Er lächelte: „Zieh dir etwas anderes an, ich mache dir einen Kaffee und dann fahren wir. Du kannst im Zug weiter grübeln.“
Es war eine lange Nacht gewesen und sie war müde. Wieso war Colin immer so voller Tatendrang? „Es ist viel zu früh. Niemand wird überhaupt in der Stadt sein“, protestierte sie.
Doch Colin entgegnete: „Das ist doch das Schöne am Morgen, so viel Ruhe.“
„Nichts ist schön am Morgen“, grummelte sie, als Colin sie ohne einen weiteren Kommentar in ihr Zimmer schob.
Als Callie den Bahnhof von Amsterdam verließ, atmete sie frische Morgenluft ein. Sie hatte das hier vermisst, dieses Gefühl von Spannung und Lebensfreude. Die Sonne ging gerade auf und der Himmel über den Straßenbahngleisen war pink wie Zuckerwatte. In der Stadt selbst war es noch ruhig. Die Bahnhofshalle dagegen war bereits voll mit Menschen gewesen, deren Arbeitstag schon begonnen hatte, und Touristen, die früh zu ihrer Erkundungstour aufbrachen.
Callie hörte immer wieder Menschen sagen, dass sie sich wünschten, etwas noch einmal zum ersten Mal erleben zu können, aber so konnte man nichts wirklich kennenlernen. Beim ersten Mal fehlte immer etwas. Wissen, der passende Zeitpunkt oder die richtige Einstellung. Wirklich verstehen konnte man eine Stadt erst, nachdem man sie mehrere Male erlebt hatte. Wenn man die dreckigen Seitengassen und die überfüllten Plätze kannte, den Geruch von Mülltonnen in der Sommerhitze ertragen hatte, im Winter auf einer eisigen Straße ausgerutscht oder von einem Fahrrad umgefahren worden war. Wenn man all diese Sachen kannte und sie ohne Zögern in Kauf nahm, weil es das Gesamtpaket wert war. Obwohl Callie keine Minute geschlafen hatte, fühlte sie sich nicht mehr müde. Der Kaffee zeigte anscheinend seine Wirkung. „Wir sollten nicht wieder warten, bis ich ein verrücktes Angebot bekomme, um nach Amsterdam zu fahren“, sagte sie zu Colin.
Der lächelte: „Wenn du das merkwürdige Angebot annimmst, sollte das kein Problem mehr für dich sein.“
Sie liefen stadteinwärts. Wenn sie einen Job fand und sparsam war, könnte sie eine kleine Wohnung in einem Außenbezirk mieten. Es wäre das Sinnvollste, auch wenn sie Colin nicht verlassen wollte. Sollte all das wirklich kein Scherz sein? Vielleicht hatte sie es sich eingebildet oder einen sehr lebhaften Traum gehabt. Es war beinahe gespenstig ruhig. Callie war als Erstes aufgefallen, dass Amsterdam im Gegensatz zu London morgens etwas Gemächliches, Stilles hatte. Erst allmählich wachten alle auf, die Geschäfte öffneten später am Morgen und selbst der Berufsverkehr war auszuhalten. Abgesehen von den Fahrrädern natürlich, doch Callie hatte sich angewöhnt, lieber einmal mehr nach rechts und links zu sehen, bevor sie eine Straße überquerte. Viel zu schnell standen die beiden vor ihrem Ziel. Callie hatte sich in ihren Gedanken verloren und die verflossene Zeit nicht wahrgenommen. Sie wusste nicht, worüber sie nachgedacht hatte, aber auf einmal stand sie vor der Universitätsverwaltung. Wüsste sie nicht, wo sich das Gebäude befand, hätte sie es vermutlich übersehen. Es war typisch für Amsterdam, mit einem leicht vorgerückten Giebel, der braunen Fassade und den schmalen Türen. Für einen Moment stand sie unschlüssig da. Was, wenn sie hineinging und herausfand, dass alles nur eine Verwechslung war? Ein Seitenblick auf Colin machte ihr klar, dass sie nicht kneifen konnte. Das würde er nicht zulassen. Eigentlich war es einfach. Sie musste das passende Büro finden, ihre Unterlagen abgeben und hoffen, dass alles gutging. Callie nahm einen tiefen Atemzug und zwang sich, sämtliche Horrorvorstellungen aus ihrem Gehirn zu verbannen. Dann lief sie direkt auf den Eingang zu. Während sie Colin hinter sich ließ, wurde ihr klar, dass sie ihn nicht in dieses neue Leben mitnehmen konnte. Natürlich würden sie befreundet bleiben, doch er wäre nicht mehr selbstverständlich ein Teil von jedem ihrer Tage. Sie wünschte, es wäre anders.
Bereits am Morgen wusste Callie, dass es kein guter Tag war. Sie fühlte sich, als wäre sie in einem Paralleluniversum einen Marathon gelaufen, ohne sich daran erinnern zu können. Am liebsten hätte sie ihr Bett heute gar nicht verlassen. Wäre es ein komplett normaler Tag, hätte sie sich Zeit gelassen, vielleicht noch ein wenig geschlafen, in der Hoffnung, dass sie beim zweiten Aufwachen mehr Energie hätte. Nur konnte sie sich diesen Luxus heute nicht leisten. Es war der erste Tag an der Universität und das bedeutete, dass sie voll einsatzbereit sein musste. Eigentlich sollte sie sich darüber freuen, zuerst hatte sie das auch. Aber jetzt war dieses Gefühl verblasst. Langsam lief Callie durch die leere Wohnung. Sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mehr als das Nötigste einzurichten. Der Besitzer dieses Apartments hatte kurzfristig jemanden zur Untermiete gesucht, ohne Zögern hatte Callie zugesagt. Der Wohnungsmarkt in der Stadt war schwer zu navigieren. Wie in Trance bereitete sie sich einen Instant-Kaffee zu. Sie konnte nicht behaupten, dass das Zeug gut schmeckte, aber sie hatte weder eine Kaffeemaschine noch das Budget, um sich ständig irgendwo einen Kaffee zu holen. So oder so konnte sie dem Getränk nicht viel abgewinnen. Es war aber der schnellste Weg, um wach zu werden. Zwar hatte das Koffein zur Folge, dass sie unruhig und nervös wurde, aber das nahm sie meistens in Kauf. Callie holte sich eine Tüte Milch aus dem Kühlschrank und schüttete so viel in ihre Tasse, dass der schrecklich bittere Geschmack überdeckt wurde. Colin hatte sie immer damit aufgezogen und gemeint, dass sie so nur die Wirkung des Kaffees schwächte und mehr trinken müsste. Ohne Colin zu wohnen war merkwürdig. Er war seit Jahren ein fester Bestandteil ihres Lebens, sodass es schwer war, sich daran zu gewöhnen, dass er morgens nicht lautstark in der Küche zugange war, bevor er zur Arbeit ging. Und dass niemand auf sie wartete, wenn sie nach Hause kam. Sie fragte sich, ob sie sich deshalb schwer fühlte, weil seine Leichtigkeit fehlte. Callie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Sie war so müde, dass sie nicht wusste, ob sie überhaupt von diesem Stuhl aufstehen konnte. Es war, als ob ein schweres Gewicht sie herunterdrückte. Dieses Gefühl erinnerte sie an eine andere Zeit, eine Zeit voller Arzttermine, Therapiestunden und des ständigen Kampfes gegen die Dämonen in ihr. So hatte sie sich den ersten Tag ihres neuen Lebens nicht vorgestellt. Zumindest dieses eine Mal wollte sie alles richtig machen. Es fühlte sich unwirklich an. Sie konnte jetzt nicht über die Vergangenheit nachdenken oder einen Schritt zurück in diese Richtung machen.
Bei dem Gedanken daran, den ganzen Tag inmitten von fremden Menschen verbringen zu müssen, zog sich ihr Magen zusammen. Das Schlimmste war, nicht zu wissen, was sie erwartete. Wahrscheinlich fände sie nicht einmal den richtigen Hörsaal oder würde beim Versuch, mit jemandem zu reden, kein Wort herausbringen. Je länger sie nachdachte, desto mehr mögliche Katastrophen fielen ihr ein. Callie sah auf ihr Handy. Es wurde Zeit, dass sie sich zusammenriss und dafür sorgte, dass sie, wenn sie das Haus verließ, wie ein normaler Mensch aussah und sich eventuell sogar so fühlte.
Mit Blick auf den Lageplan auf ihrem Handy lief Callie durch einen Gang der Universität.
„Hi.“
Abrupt blieb sie stehen. Diese Stimme kam ihr bekannt vor. Sehr bekannt sogar. Es war eine Stimme, von der sie gehofft hatte, sie so schnell nicht wieder zu hören. Bildete sie sich das gerade ein? Als sie aufsah, stellte sie fest, dass ihr Gehör und ihr Verstand einwandfrei funktionierten. Vor ihr stand mit seinem typischen charmanten Lächeln, blitzenden grauen Augen und dunkelblonden Haaren Mark, ihr Exfreund. Sie zwang sich, tief durchzuatmen und ein Lächeln aufzusetzen und das, obwohl sie sich überhaupt nicht freute, ihn zu sehen. „Hi“, erwiderte sie seine Begrüßung deshalb knapp und wollte ihren Weg fortsetzen. Sie wollte ihn nicht sehen, sie vertraute sich selbst in seiner Gegenwart nicht. Er versperrte ihr allerdings den Weg und machte keine Anstalten, sich zu bewegen. „Was tust du hier?“, fragte Callie ihn unfreundlich und hoffte, dass er die Nachricht verstand und sich aus dem Staub machte.
„Ich studiere hier, schon vergessen?“ Er lächelte sie an, als wären sie alte Freunde. Sie musste zugeben, daran hatte sie tatsächlich nicht gedacht. Als sie zusammen gewesen waren, hatte sie von diesem Teil seines Lebens nicht viel mitbekommen. Es war nicht ihre Welt gewesen. „Findest du alles? Brauchst du Hilfe?“, fragte Mark.
Seine Freundlichkeit war das Schlimmste. Als wäre nie etwas passiert, als hätte es keinen Grund für die Trennung gegeben. Er war der Letzte, den sie um Hilfe bitten würde. „Nein, ich komme klar“, antwortete sie und gerade, als Mark zu einem neuen Satz ansetzte, entdeckte sie die Tür mit einem WC-Zeichen zu ihrer Rechten. Sie zeigte darauf: „Wenn du mich kurz entschuldigst.“
Innen lehnte Callie sich an eine kühle Wand. Das war nicht der Plan gewesen, so hatte dieser Tag absolut nicht laufen sollen. Wieso war es ausgerechnet die Universität, die sie und Mark weiterhin verbinden musste? Wieso war er ihr bereits innerhalb der ersten fünf Minuten über den Weg gelaufen? Ihre Strategie für die letzte Trennung war einfach gewesen: Sie würde ihn nie wiedersehen. Letzte Trennung deshalb, weil es nicht das erste Mal gewesen war, dass ihre Beziehung zerbrochen war, nur um dann noch einmal als die gleiche Katastrophe fortgesetzt zu werden. Sie war nicht in die Bars gegangen, die sie zusammen besucht hatten, nicht in seine Lieblingsläden, nicht einmal in die Nähe seiner Wohnung. Nur hatte sie eines nicht bedacht: Er studierte an derselben Fakultät wie sie. Mark war so gut wie kein anderer darin, sie in die Enge zu treiben, ihre Gedanken zu infiltrieren und sie davon zu überzeugen, dass sie diejenige war, die Fehler gemacht hatte. Sein Verhalten sei nur die Antwort darauf. Natürlich hatte sie Fehler gemacht, aber nicht alle Schuld lag bei ihr. Wie oft hatte sie sich schon geschworen, dass es endgültig aus war zwischen ihnen und sie sich nie wiedersehen würden? So viel dazu. Es blieb nur die Hoffnung, ihm nicht allzu oft über den Weg zu laufen. Sie konnte es sich nicht leisten, in alte Gewohnheiten zurückzufallen, nicht jetzt. Als Callie auf ihr Handy sah, bemerkte sie, dass sie nur noch zehn Minuten hatte, um zu ihrer Vorlesung zu kommen. Also atmete sie tief durch, trat durch die Tür und sah erleichtert, dass Mark verschwunden war.
Nach einigen Stunden stellte Callie fest, dass ihr Gehirn auch nicht mehr das war, was es früher einmal gewesen war. Es war Ewigkeiten her, dass sie sich geistig so verausgabt hatte. Am liebsten wäre sie sofort nach Hause gefahren und hätte zum Ausgleich eine Sitcom mit fraglichem Niveau angesehen. Doof nur, dass sie noch ein Vorstellungsgespräch hatte. Vor einigen Tagen hatte sie bei einem Spaziergang einen Zettel in der Tür eines Cafés gesehen und kurzerhand angerufen, bevor sie sich daran erinnern konnte, dass es nichts Schlimmeres gab, als Telefongespräche mit fremden Menschen zu führen. Es war nun einmal eine Tatsache, dass sie einen Job benötigte. Sie hatte auch kein Problem damit, zu arbeiten, aber definitiv damit, sich vorzustellen. Wann immer sie etwas über sich selbst erzählen sollte, war das Ergebnis eine Identitätskrise. Dabei wollte sie sich gut verkaufen, stellte also nicht einmal sich selbst vor, sondern eine aufpolierte Version. Aber nur weil man eine Seite von sich selbst nicht preisgab, verschwand sie nicht. In den meisten Fällen fiel das irgendwann auf.
Der September war wundervoll. Es war noch nicht so dunkel und kalt wie im Winter, stattdessen lag ein Hauch von Sommer in der Luft. An diesem Nachmittag war alles in ein goldenes Licht getaucht. Das Laub war bereits bunt gefärbt und säumte die Straßen. Wesley hatte sich mit Daan, der sein bester Freund war, zum Laufen verabredet. In den Semesterferien konnten sie ihre Läufe so planen, dass sie nicht in den Berufsverkehr gerieten. Tod durch Fahrrad war nicht Wesleys bevorzugte Art, um abzutreten. Er hatte soeben seinem Freund von einem Gespräch mit seinem Studiengangsmoderator am Morgen berichtet. Möglicherweise hatte er im letzten Semester den klitzekleinen Fehler gemacht, zu wenig Zeit in den Vorlesungen zu verbringen – und dementsprechend sahen seine Noten aus. Das wäre kein Problem, wäre da nicht sein Stipendium, das er im Begriff war zu verlieren.
„Und das überrascht dich?“, fragte Daan.
„Ich weiß, ich habe es verdient“, gab Wesley zu. Er wurde langsamer. Ihre Runde war beinahe zu Ende und es war immer besser, sich auszulaufen.
„Was tust du jetzt?“, wollte Daan wissen.
Wesley zuckte mit den Schultern: „Ich habe keine andere Wahl, als manche Vorlesungen noch einmal zu besuchen. Ich brauche das Stipendium, ich kann unmöglich noch mehr arbeiten.“
Seit letztem Semester hatte er den Job in einem Café. Blöd nur, wenn man ein Studium hatte, das bereits ein Vollzeitjob war. Er hatte aber leider keine Familie, die ihm sein Leben finanzierte. Genauer gesagt hatte er gar keine Familie. Als Kind hatte er manchmal davon geträumt, dass ein unbekannter, netter Verwandter auftauchte und ihn aus dem Waisenhaus, in dem er seit seiner Geburt gelebt hatte, herausholte. Mittlerweile wäre er schon zufrieden, wenn irgendwo ein Vermögen auf seinen Namen entdeckt wurde. So etwas geschah aber nur in Harry Potter, nicht im echten Leben.
Daan verfolgte das Thema nicht weiter. Er blieb stehen und benutzte eine Bank am Rande des Kanals, um sich zu dehnen. „Möchtest du heute Abend zu uns kommen? Mein Vater wird sowieso zu viel kochen, du weißt, wie er ist. Außerdem freut er sich immer, dich zu sehen.“
Wesley überlegte kurz. Er wusste, dass er bei Daan und seiner Familie immer willkommen war. Trotzdem würde er nie ganz dazugehören. Es war in Ordnung, dass er selbst nie so eine Familienidylle gekannt hatte. Nur manchmal, wenn er den Abend bei seinem Freund verbracht hatte, beschlich ihn diese schwere Traurigkeit. Dazu kam, dass er ihre Freundlichkeit nicht ausnutzen wollte und jedes Mal, wenn er ein kostenloses Essen bekam, fühlte es sich für ihn so an. „Nein, danke. Ich muss noch einige Dinge für das neue Semester besorgen“, lehnte er deswegen ab.
„Wie du meinst, aber lass dich mal wieder blicken.“
Insgeheim beschloss Wesley, das noch eine Weile aufzuschieben.
Es war noch dunkel, als Wesley am nächsten Morgen aufwachte. Kurz zog er es in Erwägung, sich noch einmal umzudrehen und weiterzuschlafen. Doch er wusste, dass das aussichtslos war. Es grenzte bereits an ein Wunder, dass er durchgeschlafen hatte und nicht wie so oft jede Stunde aufgewacht war. Auf Zehenspitzen verließ er das Zimmer und ging in die Küche. Zum Glück war seine Freundin bereits an seinen inexistenten Schlafrhythmus gewöhnt. Wesley setzte sich an das Fenster und sah nach draußen. Er liebte diese Stunden, wenn die ganze Welt noch schlief und er sich fühlte, als wäre er der einzige Mensch auf Erden. Es hatte etwas Beruhigendes, Friedliches. In diesen Momenten fühlte er sich sicher, als könnte ihm nichts und niemand etwas anhaben.
Einige Stunden später war die Sonne aufgegangen und er hörte tapsende Schritte, als Joela aufwachte und zu ihm lief. Sie streckte sich und gähnte demonstrativ. Wesley musste lächeln. Sie war die verschlafenste Person, die er kannte. Ihre Augen sahen immer noch so aus, als würde sie träumen. „Guten Morgen“, begrüßte er sie und gab ihr einen schnellen Kuss.
„Wie lange bist du schon wach?“, fragte sie, als sie sich neben ihn setzte.
„Ein paar Stunden“, antwortete Wesley. „Möchtest du einen Kaffee?“
Sie brauchte mehr als einen, um wach zu werden. Er konnte das eklig bittere Gebräu nicht ausstehen, hatte sich aber angewöhnt, immer etwas für seine Freundin in der Wohnung zu haben. Schweigend trank Joela ihren Kaffee, während er auf die Tischplatte starrte. Sie war frühestens in einer halben Stunde ansprechbar. Das war ihm recht, er war kein Fan von ausladenden Gesprächen am Morgen. „Irgendwelche besonderen Pläne?“, fragte sie schließlich.
Es war der letzte Tag, bevor das neue Semester begann. Wesley hatte bereits alles besorgt, was er dafür benötigte. Er hatte vor, sich mit Daan im Fitnessstudio zu treffen, aber das war es auch schon. „Nein“, antwortete er deshalb.
„Was hältst du davon, einen Film anzusehen?“
Er zog die Augenbrauen hoch: „Wenn du mir versprichst, dass …“
„… es keiner dieser Filme ist, bei denen man schon am Titel erkennt, wie er endet. Ich weiß.“ Spöttisch lächelte Joela ihn an.
Gegen seinen Willen musste Wesley lachen. Joela war einer dieser Menschen, in deren Gegenwart man sich einfach gut fühlen musste. Sie lachte viel, nahm alles mit Humor und ihre Fröhlichkeit war ansteckend. Außerdem mochte Wesley die Variante von sich selbst, die er bei ihr war. Alles war einfacher, unkomplizierter mit ihr.
„Was zum Teufel ist das?“ Entsetzt blickte Wesley auf die Szene vor ihm. Das hier war einmal ein gemütliches Café gewesen, mit kleinen runden Holztischen und bequemen Stühlen. Jetzt war er sich nicht sicher, was es sein sollte. Irgendjemand hatte dem Ganzen eine Generalüberholung gegeben. Das Holz war durch Glas ersetzt worden. Es sah furchtbar aus. Normalerweise steckte Lexie hinter sämtlichen Veränderungen des Cafés. Sie war genauso alt wie er, hatte aber einiges mehr vorzuweisen. Dieses Café hatte sie vor zwei Jahren ins Leben gerufen, anscheinend war es immer ihr Traum gewesen. Wie sie es schaffte, den Laden am Laufen zu halten und nebenbei noch erfolgreich zu studieren, war ihm ein Rätsel. Lexie hatte schon die ein oder andere verrückte Idee gehabt. Manche davon wie die vegane Regenbogentorte wurden ein Hit, andere nicht. Vor einigen Monaten hatte es eine Musicalwoche gegeben, in der nur Broadway-Songs gespielt worden waren. Das war definitiv zu viel tragische Musik und Wesley war froh gewesen, als dieser Alptraum vorbei gewesen war. Aber dieses Mal war sich Wesley hundertprozentig sicher, dass seine Chefin nichts damit zu tun hatte. Schließlich hatte sie Geschmack und diese Möbel waren schrecklich. Sie sahen billig aus und noch dazu wirkten sie nicht besonders stabil. In einem der Tische entdeckte er sogar einen Sprung. Wesley traute sich nicht, sich hinzusetzen, und wartete somit stehend auf Lexie. Als die durch die Tür trat, fragte er sich wieder, wie eine Frau, die wie ein lebendes Kunstwerk aussah, für so eine Inneneinrichtung verantwortlich sein konnte. Ihre Haare waren ein Meer aus Türkis- und Blautönen und er war sich ziemlich sicher, dass er soeben einen Blick auf ein neues Tattoo an ihrem Handgelenk erhascht hatte. Er hatte sie einmal gefragt, was die Geschichte zu ihrer ungewöhnlichen Haarfarbe war. Es gab immer eine Geschichte. Sie hatte geantwortet: „Ich werde sowieso angestarrt, dunkle Haut ist ja ach so exotisch. Jetzt haben die Leute immerhin einen Grund, mich anzustarren, und ich sehe dabei noch gut aus.“ Lexie kombinierte Farben, Muster und Stile, an die sich kein anderer getraut hätte. Sogar Wesley, der nichts lieber mochte, als eine einfache blaue Jeans und einen simplen Pullover, musste zugeben, dass alles an ihr gut aussah.
„Was zum Teufel ist das, Lexie?“, fragte er sie.
„So schlimm?“
„Ja, wenn man Augen im Kopf hat.“
Stöhnend schmiss Lexie ihre schwarze Handtasche auf einen der Stühle: „Tut mir leid. Nichts hiervon ist freiwillig.“
„Dir ist klar, dass auch Joris Lieblingshocker verschwunden ist?“
Joris war der dritte Kollege. Es gab noch ein paar Aushilfen, doch die kamen und gingen, typisch bei Studentenjobs. Sie drei waren die Einzigen, die konstant dabei waren, und übernahmen die meisten Schichten. In diesem Moment trat Joris durch die Tür. „Du bist zu spät“, stellte Lexie fest.
„Zeit ist ein soziales Konstrukt, das rein gar nichts bedeutet.“
„Alles ist ein soziales Konstrukt, Joris“, antwortete Lexie lapidar.
Erst jetzt schien er die Veränderung zu bemerken. Joris’ Augen weiteten sich. Er ließ einen Blick durch den Raum schweifen, dann drehte er sich zu Wesley und Lexie um, sah ihnen nacheinander fest in die Augen und fragte drohend: „Wer hat meinen Stuhl ersetzt? Wer auch immer es war, der ist tot.“
Wesley zuckte mit den Schultern und meinte zu Lexie: „Ich habe doch gesagt, er dreht durch.“
Joris zeigte mit dem Finger auf ihn: „Das ist ein schlechter Streich! Nein, es ist nicht einmal ein Streich, es ist ein Fehler.“
„Hey, ich habe hiermit nichts zu tun“, protestierte Wesley. „Ich bin genauso geschockt wie du. Ich habe zwar keine emotionale Verbindung zu einem Stuhl, aber diese Möbel sind mir nicht geheuer.“
„Die Ironie, dass ausgerechnet du über Möbel urteilst, ist dir aber schon bewusst, oder?“, meldete sich Lexie zu Wort. Wesley schnitt eine Grimasse. Er hatte einmal – und nur einmal – den Fehler gemacht, die beiden nach der Arbeit zu sich nach Hause einzuladen. In seiner Wohnung befand sich eine kleine Küchenzeile, sein Bett, eine Kleiderstange, ein Esstisch mit Stühlen und ein Bücherregal. Mehr als genug, seiner Meinung nach, doch diese Lebenseinstellung hätte ihn beinahe zu Lexies neuem Sozialprojekt gemacht. „Das ist eine vorübergehende Veränderung, wir werden es alle überleben“, fuhr Lexie fort.
„Eine Veränderung?“ Skeptisch sah Wesley sie an. „Das ist keine Veränderung, das ist ein Desaster.“
„Also eigentlich“, begann sie endlich, die Vorkommnisse zu erklären, „sollten die neuen Möbel gestern geliefert werden, aber anscheinend ist die Lieferfirma unfähig. Ich musste eben improvisieren und das hier ist das Beste, das ich gefunden habe. Seid froh, dass ich nicht die Möbel mit den Einhornstickern ausgesucht habe.“
„Wer klebt Einhornsticker auf Stühle?“, fragte Wesley. Wer besaß überhaupt noch Einhornsticker?
Lexie ignorierte seinen Einwand: „Zum Glück haben wir heute noch geschlossen, also habt ihr genug Zeit, um euch etwas einfallen zu lassen. Sorgt dafür, dass es hier nicht mehr allzu grässlich aussieht, macht sauber, räumt die Lebensmittellieferung im Lager auf und so weiter. Macht einfach alles startklar. Wesley, du hast das Kommando. Ich verschwinde jetzt, ich muss noch ein paar Vorstellungsgespräche auf die Reihe kriegen. Seit Irene aufgehört hat, brauchen wir dringend Unterstützung.“
Wesley musste sie bitten, die Sätze zu wiederholen. Manchmal redete Lexie so schnell, als sei jemand hinter ihr her. Kaum hatte er sie verstanden, wirbelte sie auch schon zur Tür hinaus. Er sah sich noch einmal in dem Raum um. Gott, das tat wirklich weh.
Wesley hatte aufgegeben. Daan hatte ihn so lange gedrängt, wieder bei ihm zum Abendessen vorbeizukommen, dass Wesley keine weiteren Ausreden eingefallen waren. Heute waren Daans Eltern und seine kleine Schwester auf einer Familienfeier, vor der Daan sich hatte drücken können. Das an sich war bereits außergewöhnlich, denn Daan liebte Familienfeiern. Er redete nie schlecht über Familienmitglieder, trat in Gesprächen mit ihnen nie in Fettnäpfchen und wurde allgemein vergöttert. Ein Treffen mit Daans großer Familie hatte Wesley gezeigt, dass das auf ihn nicht zutraf. Er hatte die Kunst solcher Konversationen einfach nie gelernt. Die ganze Zeit hatte er das Gefühl nicht abschütteln können, nicht richtig dazuzugehören. Heute Abend hatte Daan seine legendäre Lasagne gekocht. Darüber würde Wesley sich nie beschweren, nur war es kein gutes Zeichen. Wenn Daan etwas Aufwendiges kochte, hatte er etwas zu sagen. Es waren komische Umstände, sodass Wesley misstrauisch wurde. Manche Menschen, unter anderem Daan, bezeichneten so etwas als Paranoia, für Wesley handelte es sich mehr um grundsätzlich angemessene Vorsicht. Die meiste Zeit aßen sie schweigend, hin und wieder sprachen sie über allgemeine Dinge. Sie hatten beide die erste Woche des Semesters hinter sich gebracht und mit den neuen Kursen zu kämpfen. In Wesleys Fall kamen noch ein paar Vorlesungen aus dem letzten Jahr dazu. Er ärgerte sich darüber, sich zuvor nicht genug angestrengt zu haben. Es hatte nicht einmal einen Grund dafür gegeben. Er hatte sich einfach nicht motivieren können. Bei dem Gedanken an den bevorstehenden Stress dieses Semesters wurde ihm jetzt schon mulmig. Dennoch gab er sein Bestes, nicht zu viel davon Daan gegenüber zu erwähnen. Sein Freund könnte ihm unter die Arme greifen oder würde zumindest gute Ratschläge verteilen, aber Wesley wollte es allein schaffen, koste es, was es wolle. „Joela hat erwähnt, dass ihre Eltern zu Besuch kommen“, ließ Daan wie beiläufig fallen.
Innerlich stöhnte Wesley auf. Jetzt konnte er sich denken, worauf dieser Abend abzielte. Letztes Jahr hatte Daan beschlossen, dass Wesley zu einsam war. Von diesem Moment an hatte Wesley bereut, dass er erwähnt hatte, noch nie eine Beziehung gehabt zu haben. Er hatte nicht verstanden, was das Problem daran sein sollte. Mit Anfang zwanzig war das nicht unüblich. Woher kam diese ständige Besessenheit der Gesellschaft, nach dem einzigen und wahren Lebenspartner zu suchen? Als ob es keine anderen erfüllenden Dinge im Leben gab. Wesley hatte nichts gefehlt, im Gegenteil. Er war gern allein gewesen. Allein bedeutete schließlich nicht einsam, auch wenn Daan das so aufgefasst hatte. Deshalb hatte er sein ganz persönliches Projekt ins Leben gerufen. Wesley musste zugeben, dass er damit Erfolg gehabt hatte. Mit einem geschickten Manöver, das Wesley zu spät durchschaut hatte, hatte Daan dafür gesorgt, dass er allein mit Joela in einer Bar gelandet war. Um ehrlich zu sein, hatte Wesley nicht damit gerechnet, dass dieses Treffen zu irgendetwas führte, geschweige denn zu einer mittlerweile dreimonatigen Beziehung. Von Anfang an war Joela freundlich und geduldig gewesen und er konnte interessante Gespräche mit ihr führen. Etwas an ihr hatte ihn in ihren Bann gezogen. Mittlerweile war er froh, sie in seinem Leben zu haben. Allerdings gab es einiges, vor dem er sich gedrückt hatte – zum Beispiel ihre Eltern kennenzulernen. Bis jetzt hatten sie das Thema nicht einmal angeschnitten, aber anscheinend kamen sie nun in die Phase, in der man das so machte. Dabei gab es tausend Dinge, die er lieber täte. Woher sollte er wissen, wie man sich der Familie seiner Freundin vorstellte? Er war noch nie in dieser Situation gewesen und hatte selbst keine Familie, die er jemandem vorstellen könnte. Bis jetzt kannte er abgesehen von Daan auch niemanden aus Joelas Freundeskreis. Sie studierte nicht und so waren die meisten ihrer Freundschaften entweder in ihrer Heimatstadt oder an ihrem Arbeitsplatz entstanden. Beides hatte er noch nie besucht. Auch wenn er wusste, dass es irrational war, hatte er Angst davor, dass sich zu viel auf einmal veränderte. Gerade waren sie in ihrer sicheren Blase, aber was, wenn sich ihre Leben weiter vermischten? Was, wenn er dort einfach nicht hineinpasste? Allerdings war auch seine Beziehung ein Thema, mit dem er lieber selbst fertig wurde, ohne dass Daan seinen Senf dazugab. „Und?“, fragte er deshalb scheinbar unberührt. Joela hatte ihm gegenüber nicht erwähnt, dass ihre Eltern sie besuchten. Normalerweise tat sie das.
Daan warf ihm einen Blick zu, der anscheinend als Antwort genügen sollte. Dann überlegte er es sich anders und sagte doch etwas: „Wagt ihr den nächsten großen Schritt?“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.
Wesleys Freund hatte leicht reden mit seiner Vorstadtfamilie und seinen herausragenden kommunikativen Fähigkeiten. „Ich lasse es dich wissen, wenn meine Beziehung dich plötzlich etwas angeht“, antwortete Wesley. Zum Glück genügte das, um Daan ruhigzustellen – vorerst zumindest. Eigentlich wusste er, dass Wesley es nicht leiden konnte, wenn sich jemand in seine persönlichen Dinge einmischte, selbst wenn es sein bester Freund war. Wann immer ein Gespräch auf sein Privatleben fiel, fühlte er sich unwohl und versuchte so schnell wie möglich, die Konversation in eine andere Richtung zu lenken. War es merkwürdig, dass sich jeder darum riss, von glücklichen Beziehungen zu schwärmen oder Kindheitserinnerungen zu teilen und es für ihn nichts Schlimmeres gab? Wesley wollte nicht, dass alle seine Lebensgeschichte kannten. Sobald er erwähnte, dass er keine Ahnung hatte, wer seine Eltern waren, und in einem Waisenhaus aufgewachsen war, erntete er mitleidige Blicke. Am schlimmsten war es, wenn er erzählte, wie er zugesehen hatte, wie die meisten seiner Freunde allmählich eine Familie gefunden hatten, während er im Waisenhaus geblieben war. Nie wusste Wesley, wie er erklären sollte, dass alles bei weitem nicht so schrecklich war, wie es sich anhörte. Vor allem machte es nichts ungeschehen, ihn wie mit traurigen Hundeaugen anzusehen.
Den Rest des Abends redeten sie nicht mehr über Joela. Stattdessen holte Daan sein altes Kartenspiel aus seinem Zimmer. Es tat Wesley beinahe leid, wie deutlich er jedes Mal gewann, aber nur beinahe.
Es war kaum zu glauben, wie oft Callie Mark seit jenem Morgen über den Weg lief. Zum Glück glaubte sie nicht an Schicksal. Trotzdem war es ihr nicht geheuer. Die Fakultät war groß und sie hatten nicht einmal gemeinsame Kurse. Wie konnte es sein, dass er ständig dort auftauchte, wo sie war?
Als Callie ihren Exfreund vor dem Kaffeeautomaten sah, war sie versucht umzukehren. Leider hatte sie den starken Verdacht, diesen Tag nicht ohne eine Extradosis Koffein zu überstehen, und hatte nicht genug Zeit, um später wiederzukommen. Also stellte sie sich direkt hinter ihm in die Schlange und betete wen auch immer an, dass er sich nicht umdrehte. Aber es gab keine Wunder. So dauerte es weniger als eine halbe Minute, bis Mark sie bemerkte. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sie konnte nicht zuordnen, ob er sich tatsächlich freute, sie zu sehen, oder ob er nur versuchte, die Fassung nicht zu verlieren, und in Wahrheit genauso genervt war wie sie. „Hi“, grüßte sie ihn und hoffte, dass das alles war, was heute an einem Gespräch zwischen ihnen stattfand.
„Hi. Trinkst du deinen Kaffee immer noch auf diese abscheuliche Art?“
Sie rollte mit den Augen. Damit hatte er sie schon immer aufgezogen. „Ich denke, das steht weit oben auf der Liste mit Dingen, die dich nichts angehen.“
Mark zog die Augenbrauchen hoch, sein Lächeln verschwand nicht. Sie hasste es, wenn er sie so ansah. Es gab ihr das Gefühl, etwas Dummes gesagt zu haben. „Was steht noch auf der Liste?“, fragte er amüsiert.
Schön, dass immerhin einer hier Spaß hatte. „So ungefähr mein ganzes Leben. Also könntest du dich bitte wieder umdrehen und in Stille warten, bis du an der Reihe bist, so wie das alle anderen tun?“
Sie konnte unmöglich noch klarer werden, doch Mark ließ sich davon nicht abbringen: „Ich glaube, die meisten Menschen führen Gespräche in Schlangen, da bist du in der Unterzahl.“ Da war sie wieder, diese herablassende Art. Konnte er sie nicht in Frieden lassen? Callie schüttelte nur den Kopf und gab ihr Bestes, ihn zu ignorieren. Es war noch zu früh am Morgen für diese Auseinandersetzung. „Wie läuft das Studium? Verzweifelst du bereits?“
Stöhnend gab sie auf. Nachdem sie Mark einen verächtlichen Blick zugeworfen hatte, trat sie einen Schritt zur Seite und gab ihren Platz in der Schlange auf. Auch wenn sie dringend einen Kaffee nötig hatte, noch dringender musste sie hier weg. Sie hatte noch zehn Minuten, bis sie in ihrer Vorlesung sein musste. Callie überlegte kurz, dann verzog sie sich auf die nächste Toilette, schloss die Kabinentür hinter sich und atmete tief durch. Sie brauchte einen Moment Stille. Callie zog ihr Handy aus ihrer Tasche, entwirrte ihre Kopfhörer und schaltete eine ihrer Playlists ein. Sie schloss die Augen und lies die kräftige Stimme des Sängers wirken. Die Musik durchströmte sie, für vier Minuten hörte sie nur dieses Lied, verfolgte den Text und die Instrumente und dachte an nichts anderes. Es war wundervoll beruhigend und gab ihr einen Schub Energie, fast so wirkungsvoll wie Kaffee.
Am selben Nachmittag musste sie zum ersten Mal zu ihrem neuen Job. Irgendwie hatte sie ihn bekommen. Anscheinend hatte sie während des Gesprächs die richtigen Sachen gesagt und ein paar Tage später war der Anruf mit der Zusage gekommen. Als sie durch die Straße lief, in der das Café lag, versuchte sie, die aufkommende Nervosität zu unterdrücken. Sie sagte sich immer wieder, dass es keinen Grund gab, aufgeregt zu sein. Sie hatte einige Jahre in einer Bar gearbeitet. Das Prinzip war das gleiche. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Trotzdem blieb da diese fiese kleine Stimme in ihrem Kopf, die begeistert aufzählte, was alles schief gehen konnte. Also bemühte sie sich, nicht darauf zu hören, sondern sich auf die Musik zu konzentrieren, die durch ihre Kopfhörer in ihr Ohren strömte. Es funktionierte, bis sie vor der Glastür des Cafés stand. Callie atmete tief durch, zählte bis drei und öffnete sie. Ihre neue Chefin stand hinter der Theke. Callie war vor ihrem Vorstellungsgespräch nicht bewusst gewesen, dass sie Erwartungen gehabt hatte, aber als sie dann einer jungen Frau gegenüberstand, die ungefähr in ihrem Alter war und die verrückteste Haarfarbe hatte, die sie je gesehen hatte, hatte sie gewusst: Das hatte sie nicht erwartet. Doch ihre neue Chefin war nett gewesen, sehr nett sogar. Sie hatte sie angewiesen, sie mit ihrem Vornamen Lexie anzureden, und alle Formalitäten aus dem Weg geschafft. Lexie hatte sich mehr wie eine Kollegin und weniger wie eine Vorgesetzte verhalten. Callie war ihr dankbar dafür gewesen, es hatte der Situation den Stress genommen. „Du bist da, sehr schön“, begrüßte Lexie sie mit einem Lächeln und winkte sie zu sich heran. Callie lief auf die Theke zu und zum Glück sprach Lexie sofort weiter, sodass kein unangenehmes Schweigen entstand: „Komm mit, ich zeige dir, wo du deine Sachen abstellen kannst. Es reicht, wenn du heute erst einmal zwei Stunden hier bist und ein Gefühl für alles bekommst. Ich stelle dir gleich die anderen vor.“ Callie folgte ihrer Chefin in einen kleinen Raum, der mit Kartons zugestellt war. An den Wänden standen Regale aus Holz, die vollgepackt waren mit Geschirr, Kaffee, Tee und noch mehr Kartons. Es war das Gegenteil des ordentlichen Cafés. Lexie schien ihren überraschten Blick bemerkt zu haben, denn sie erklärte: „Entschuldige das Chaos. Ich glaube, dass es einfacher ist, die wichtigen Orte ordentlich zu halten, wenn man an einer anderen Stelle chaotisch sein darf.“
„So wie Monicas Schrank.“
„Was?“ Lexie drehte sich zu ihr um.
Callie schüttelte den Kopf. „Nichts. Nicht so wichtig. Nur …“
„Eine Anspielung auf Friends, ich weiß.“ Lexie nickte anerkennend. „Du hast Geschmack, sehr gut.“ Dann warf sie ihr eine kurze, blaue Schürze zu. „Hier, das ist deine. Du kannst deine Tasche und deine Jacke hier abstellen.“ Callie folgte ihren Anweisungen und band sich die Schürze um. Sie spürte ihre Anspannung abfallen. Lexie schaffte es irgendwie, Ruhe und Energie gleichzeitig auszustrahlen. Die beiden gingen wieder in das Café. Dort wurden sie schon erwartet. „Okay“, ergriff Lexie wieder das Wort, „dann könnt ihr euch gleich kennenlernen. Callie, das ist Joris.“ Sie zeigte auf den kleineren der beiden Männer, die auch in Callies Alter zu sein schienen. Er hatte blonde Locken und sah unscheinbar aus. Hätte sie ihn auf der Straße getroffen, hätte sie ihm vermutlich keine Aufmerksamkeit geschenkt. In Callies Augen war das ein Kompliment. „Und das ist Wesley.“ Jetzt zeigte Lexie auf den anderen. Sein Äußeres war das Gegenteil von Joris. Wesleys Haare waren dunkel, fast schwarz, er trug eine Brille und hatte markante Gesichtszüge. Callie lächelte den beiden zu, als Lexie weiter erklärte: „Wir vier werden die meiste Zeit hier sein. Immer wieder haben wir auch Aushilfen, aber die wirst du schon noch kennenlernen. Normalerweise teilen sich immer zwei die Schicht, meistens wirst du mit Wesley zusammenarbeiten. Joris war so nett, an deinem ersten Tag einzuspringen und mitzuhelfen. Ich muss gleich wieder los, aber ich versichere dir, du bist in guten Händen.“ Callie sah zuerst in Joris lächelndes, dann in Wesleys skeptisches Gesicht und hoffte, dass sie die nächsten beiden Stunden irgendwie über die Bühne brachte.
Am Ende ihrer kurzen Schicht hatte Callie drei Dinge festgestellt: Erstens, es gab immer die gleichen Sorten Menschen unter den Kunden, egal ob man in einer Bar oder einem Café bediente. Zweitens, Joris schien ein netter Mensch zu sein, da er mehrmals nachgefragt hatte, ob sie mit allem klarkam, und seine Hilfe angeboten hatte. Wesley dagegen, und das war ihre dritte Erkenntnis, konnte sie überhaupt nicht einschätzen. Er sagte kein Wort zu ihr und reagierte auf Kommunikationsversuche ihrerseits mit knappen Antworten. Wenn sie die meiste Zeit in diesem Job mit ihm verbringen würde, konnte das heiter werden.
Die nächsten Wochen verliefen ereignislos. Callie pendelte zwischen der Uni und dem Café. Tatsächlich machte die Arbeit immer mehr Spaß, vor allem da sie mittlerweile wusste, wo was zu finden war und viele Handgriffe wie automatisiert liefen. Außerdem merkte sie schnell, dass sie mit ihren Kollegen großes Glück gehabt hatte. Lexie war immer beschäftigt, aber schaute trotzdem regelmäßig vorbei. Sie war noch nie überheblich oder laut geworden, nicht einmal als Callie die zweite Tasse an einem Nachmittag auf den Boden geworfen und zerbrochen hatte. Joris war weiterhin unglaublich nett und hilfsbereit und hatte ihr schon mehrmals den Rücken gestärkt, als sie Bestellungen verwechselt hatte. Wesley dagegen – Callie konnte auch über ihn kaum Negatives sagen, aber das lag daran, dass sie fast gar nichts über ihn sagen konnte. Obwohl sie mit ihm zusammen arbeitete, wusste sie nichts über ihn, außer dass er dasselbe wie sie studierte. Sie hatte ihn sogar ein paarmal in Vorlesungen gesehen, obwohl die für sein Semester nicht vorgeschrieben waren. Seine Wortkargheit hatte sich nicht geändert. Zu Beginn hatte sie gedacht, dass das einfach seine Art war, aber dann war ihr aufgefallen, dass er mit Lexie und Joris deutlich mehr sprach. Callie versuchte, nicht zu viel darüber nachzudenken. Wozu auch? Trotzdem fragte sie sich, ob sie etwas falsch machte. Sie hatte versucht, die Stille zu füllen, indem sie irgendetwas sagte. Dadurch hatte sie sich aber noch unwohler gefühlt und es schließlich gelassen.
Als sie an diesem Tag zur Arbeit kam, saß Wesley an einem der Tische mit einem Buch in der Hand. Ansonsten war das Café leer. In der kurzen Zeit, in der sie hier arbeitete, hatte sie schon festgestellt, dass der größere Ansturm erst spät am Nachmittag oder Abend kam. Wesley sah kurz auf, als sie eintrat. Es störte Callie, dass er schon wieder vor ihr da war. Sie hatte sich beeilen müssen, um rechtzeitig von der Uni herzukommen. „Hattest du keine Vorlesungen oder so etwas?“, fragte sie.
„Die werden überbewertet“, meinte er und sah sie anklagend an, als hätte sie seine Auszeit gestört.
„Ich verstehe.“ Sie beschloss, nicht weiter darauf einzugehen.
Eine Weile später war sie damit beschäftigt, die Reste der Lieferung vom Morgen einzuräumen, was den Vorteil hatte, dass sie sich nicht mit Wesleys Stille herumschlagen musste. Als sie gerade im Hinterraum nach einer Tüte Kaffeebohnen suchte, steckte Wesley seinen Kopf zur Tür herein. „Da ist ein Typ an der Theke, der nach dir fragt“, teilte er ihr mit.
Das war sonderbar, da Callie noch niemanden in der Stadt oder aus der Uni kannte – auch eine Sache, die sie sich anders vorgestellt hatte. Vielleicht hatte sie zu viele Serien gesehen, in denen die Protagonisten in der ersten Folge ihren Freundeskreis für alle Staffeln trafen. Dieser Moment war an ihr vorbeigegangen. Als sie in das Café ging, wünschte sie sich, so getan zu haben, als wäre sie nicht hier. „Was machst du hier?“, fragte sie Mark, der lässig an der Theke lehnte. Das Schlimmste war, dass er verdammt gut dabei aussah. Der Meinung war anscheinend auch das Mädchen zwei Stühle neben ihm, das ihn unverhohlen anhimmelte. Wenn sie wüsste … Blonde Locken und ein Gespür für die Kleidungsfarbe, die graue Augen strahlen ließ, waren eben nicht alles.
„Ich hatte Lust auf einen Kaffee.“
Callie war bewusst, dass Wesley nur wenige Meter entfernt von ihr irgendein Getränk zubereitete und jedes Wort hören konnte. Sie wollte die Situation so schnell wie möglich auflösen: „Und den holst du dir ausgerechnet dort, wo ich arbeite?“ Als sie das sagte, fiel ihr auf, dass es tatsächlich Zufall sein könnte. Woher sollte Mark wissen, dass sie hier arbeitete? Das zeigte, dass sie immer noch daran gewöhnt war, dass er die Zügel in der Hand hatte und immer alles wissen wollte.
„Ach, komm schon!“ Mark schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, das sie noch wütender machte. „Trink einen mit mir.“
„Ich muss arbeiten“, wich Callie aus. Sie konnte nicht herumstehen, sie hatte tatsächlich etwas zu tun. Dieses Gespräch zehrte an ihren Energiereserven.
„Es hat dich früher nicht gestört, wenn ich dich auf der Arbeit besucht habe“, wandte er ein. Ja, in einer Zeit, in der sie zusammen gewesen waren und er sich selten dazu durchgerungen hatte, überhaupt einen Fuß in ihre kleine Stadt zu setzen. Callie schüttelte den Kopf. Das führte zu nichts. Was wollte er wirklich hier? Als sie nicht antwortete, meinte er: „In Ordnung, pass auf! Ich bestelle jetzt etwas bei dir und du kannst entscheiden, ob du das Restgeld als Trinkgeld nimmst oder dir davon auch eine deiner ekligen Kaffeemischungen machst.“ Er schob ihr zwei Scheine zu.
Callie starrte ihn nur an. Sein Verhalten war merkwürdig. „Versuchst du gerade, mich zu bestechen?“
„Definitionssache.“
Callie schüttelte wieder den Kopf, legte das Geld in die Kasse und lief zur Kaffeemaschine. Sie drückte den Knopf und wartete schweigend neben Wesley, der anscheinend eine größere Bestellung hatte. Vor ihm standen fünf volle Tassen auf einem Tablett und er stellte noch eine weitere unter die Maschine. „Nur so eine Idee“, meinte er schließlich, „aber vielleicht könntest du wieder zu deiner Arbeit zurückkehren. Wenn du Lust dazu hast.“
Bevor sie in einem ähnlich zynischen Tonfall antworten konnte, hatte er sein Tablett geschnappt und war verschwunden. So konnte sie ihm nur entgeistert hinterherstarren. Er war nicht ihr Chef, warum bildete er sich ein, so mit ihr reden zu können? Auch wenn er recht hatte, aber das war nicht der Punkt. Frustriert nahm sie die Kaffeetasse und stellte sie geräuschvoll vor Mark. „Sind wir hier jetzt fertig?“, fragte sie ungeduldig.
„Aber sicher. Es sei denn, du möchtest noch etwas sagen?“
Glaubte er immer noch, sie wollte sich mit ihm unterhalten? Sie beugte sich über die Theke und sagte: „Die junge Frau dort drüben findet dich offensichtlich super. Warum gehst du nicht hin und vergnügst dich mit ihr, wenn du nicht zufrieden mit mir bist? Wie in den guten alten Zeiten.“
