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Es ist nie zu spät für die Liebe.
Maggie, eine noch immer beeindruckend schöne Frau, die seit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt, hat mit dem Leben beinahe abgeschlossen. Bis Tristan Mallory, ein begnadeter Gartenarchitekt, der das Nachbargrundstück gestalten soll, sie auf ihrer Terrasse entdeckt. Um sie kennenzulernen, beginnt er nachts heimlich in ihrem Garten zu arbeiten. Eine magische Liebe entfaltet sich zwischen den beiden, der Neid und Missgunst ihrer Mitmenschen zunächst nichts anhaben können ...
Eine zeitlose, zauberhafte Liebesgeschichte, wunderschön erzählt.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
E. L. Swann ist das Pseudonym der Amerikanerin Kathryn Lasky, einer mit vielen Preisen ausgezeichneten, sehr erfolgreichen Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann in Cambridge, Massachusetts.
Es ist nie zu spät für die Liebe.
Maggie, eine noch immer beeindruckend schöne Frau, die seit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt, hat mit dem Leben beinahe abgeschlossen. Bis Tristan Mallory, ein begnadeter Gartenarchitekt, der das Nachbargrundstück gestalten soll, sie auf ihrer Terrasse entdeckt. Um sie kennenzulernen, beginnt er nachts heimlich in ihrem Garten zu arbeiten. Eine magische Liebe entfaltet sich zwischen den beiden, der Neid und Missgunst ihrer Mitmenschen zunächst nichts anhaben können ... Eine zeitlose, zauberhafte Liebesgeschichte, wunderschön erzählt.
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E.L. Swann
Nachts, wenn der Garten blüht
Roman
Aus dem Amerikanischen von Hedda Pänke
Inhaltsübersicht
Über E. L. Swann
Informationen zum Buch
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Erstes Kapitel: Tristan Mallory
Zweites Kapitel: Maggit Welles
Drittes Kapitel: Geräusche hinter der Mauer
Viertes Kapitel: Martinis
Fünftes Kapitel: Der Laufbarren
Sechstes Kapitel: Nächtliche Erregung
Siebtes Kapitel: Wick
Achtes Kapitel: Nachtgarten
Neuntes Kapitel: Wasser
Zehntes Kapitel: Yugen
Elftes Kapitel: Ma
Zwölftes Kapitel: »Wasser«
Dreizehntes Kapitel: Mu
Vierzehntes Kapitel: Shizen
Fünfzehntes Kapitel: Nachhall
Impressum
Für C. G. K.
Wenn ich das Wahre
nicht als wahr erkennen kann,
wie erkenne ich dann
einen Traum als Traum?
SAIGYO HOSHI,
Waka-Dichter (1118–1190)
Wenn man etwas wachsen lassen will, muss man es verstehen, im wahrsten Sinn des Wortes verstehen.
RUSSELL PAGE The Education of a Gardener
Tristan Mallory wechselte die Spur und blickte in den Rückspiegel seines Lasters. In Ordnung. Nur zwei Wagen hinter ihm versuchte Peter, sich auf der rechten Fahrbahn einzufädeln. Hoffentlich verpasste er nicht die Ausfahrt für die 93 wie letztes Mal. Die Vorstellung, ein Neunzehnjähriger könnte mit Planiermaschinen im Wert von einhunderttausend Dollar Boston endlos auf der Route 128 umkreisen, war beängstigend. Tristan hatte ein paar Tonnen Steine geladen, keine x-beliebigen Steine, sondern das Produkt einer Art geologischer Mussheirat, die im Paläozoikum geschlossen wurde, als eine ozeanische Platte in eine tiefe Erdrinne sackte und Brocken zurückließ, aus denen die Appalachen und Caledonian Mountains entstehen sollten. Als Schottland zusammen mit dem europäischen Rest beschloss, sich von Nordamerika zu lösen und mit der würdevollen Geschwindigkeit von ein paar Zentimetern pro Jahrtausend gen Osten zu gleiten, blieb dieser wundervolle graue Stein mit schieferblauen Maserungen an beiden Rändern der neuentstandenen Kontinente zurück.
Gestern abend hatte Tristan mit Luigi gesprochen, und der war bereit gewesen, heute mit seinen Männern zur Stelle zu sein, um beim Abladen zu helfen. Dann würde Luigi den Stein behauen, und Tristan könnte mit den einzelnen Platten die unregelmäßigen Wege anlegen, die einer Rasenfläche das übermäßig Gepflegte nahmen. Und das war bei diesem Garten dringend geboten.
Es waren nette Leute, diese Steins, und erst kürzlich aus New York City hierhergezogen. Sie hatten Tristans Anlagen in Litchfield, Connecticut, und etliche Gärten in den Hamptons auf Long Island gesehen. Aber Tristan empfand stets ein gewisses Missbehagen bei Frauen, die weiße Gärten haben wollten, Variationen von Vita Sackville-Wests Weißem Garten in Sissinghurst. Und genau das war auch Judith Steins Wunsch. Nicht, dass er etwas dagegen hätte, aus den Inspirationen anderer Honig zu saugen. Die Frauen legten auch stets großen Wert auf die Feststellung, dass sie sich keine exakte Kopie wünschten, und versicherten ihm, dass die Anlage seinen unverwechselbaren Stempel tragen müsse. Aber er fragte sich immer, was sie für seinen unverwechselbaren Stempel hielten.
Nein, es war nicht der Geist von Vita Sackville-West und ihrer Sissinghurst-Gärten, der ihn beunruhigte. Es waren die Frauen selbst. Was war in diese plötzlich reichgewordenen Frauen gefahren, die doch häufig aus recht einfachen Verhältnissen stammten? Wo sie aufgewachsen waren, stellten sich die Leute Whiskeyfässer vors Haus, die sie mit Petunien und Polsterphlox bepflanzt hatten, oder sie stopften adrette, kleine Gemüsegärten mit Kirschtomaten, Kohlrabi, Kräutern und Salat voll. Vielleicht waren sie auch auf einer Farm aufgewachsen, mit Mais-, Sojabohnen- oder Alfalfa-Feldern sowie einem halben Morgen Gemüsebeeten, auf denen Melonenranken über den Boden krochen und Stangenbohnen in die Höhe kletterten. Alles in allem gute, rechtschaffene Gärten. Wie zum Teufel kamen sie nur auf Sissinghurst? Die Gärten schienen sich als fixe Idee in den Köpfen der Frauen festgesetzt zu haben, ohne jeden Bezug zu ihrem persönlichen Hintergrund oder der Umgebung, der Landschaft, in der sie entstehen sollten. Und es war mehr als bedenklich, eine Gartenanlage nicht aufgrund der Topographie und der Bodenbeschaffenheit zu entwickeln, sondern sie der Landschaft aufzupfropfen.
Die Ausfahrt Sullivan Square kam in Sicht. Jetzt befand sich Peter direkt hinter ihm. Zu dieser frühen Morgenstunde herrschte kaum Verkehr, und schon bald ließen sie Somerville hinter sich. Für Tristan war es eine Quelle nie nachlassender Verwunderung, wie sehr sich die gesamte Atmosphäre veränderte, sobald man, von Somerville kommend, die Grenze nach Cambridge überquerte. Kleine, schäbige Krämerläden gab es nicht mehr. Möbelgeschäfte mit ebenso erschreckend geschmacklosen wie dichtgestapelten Schlafzimmereinrichtungen in den Schaufenstern wurden durch dezente Verkaufssalons für tausenderlei Brot und exotischen Kaffee ersetzt. Die Bürgersteige aus Beton verwandelten sich in backsteingepflasterte. Überall Studenten, ältliche Professoren mit Barett und korpulente, gutbetuchte Ladies mit Hunden an der Leine. Unter keinen Umständen, selbst so früh am Morgen, wollte Tristan Harvard Square überqueren. So hielt er sich vom Platz fern und umfuhr statt dessen Cambridge Common. Er bog in die Mason Street ein, und dann war es nur noch ein Block bis zur Brattle Street – oder Tory Row, wie sie in den Tagen der Kolonialherrschaft hieß. Die größten Häuser mit den höchsten Bäumen lagen an der Brattle Street. Heutzutage wechselte hier keine Immobilie unter einer Million den Besitzer. Es war die Adresse in Cambridge.
An den zwei oder drei kleinen Sackgassen, die von der Brattle Street abgingen, standen ebenso teure wie berühmte Villen. Eine davon war von den Steins erworben worden. Das von H.H.Richardson entworfene Haus war ein ausladender, schindelgedeckter Koloss mit fünfundzwanzig Zimmern. Es gab einen langgestreckten Garten mit bequemem Zugang für Bulldozer, Rammen und anderes schweres Gerät, das Tristan einsetzen wollte. Im Hinblick auf die Zugänglichkeit war es der Traum eines jeden Landschaftsgestalters. Zu schade, dass Judith Stein nicht für wirklich großes Gestein zu begeistern war: zu einem japanischen Garten. Sonst hätte er ein paar nette Fünftonner aus Granit anschleppen und etwas schaffen können, was einer japanischen Seidenmalerei würdig war.
In der Sackgasse gab es nur noch zwei weitere Häuser, ein imposantes Holzschindelgebäude im Federal Style und eins mit Stuckverzierung von leicht verblichener Eleganz. Die Mauern des Stuckhauses waren cognacfarben gestrichen und efeuberankt. Es wirkte, als würde es sich in den Schatten des Richardsonbaus ducken. Aber es hatte Charakter, etwas Geheimnisvolles ging von ihm aus, das Tristan stets dazu veranlasste, einen Moment zu ihm hinüberzublicken, wenn er bei den Steins vorfuhr.
Für ein Haus wie das stuckverzierte konnte er sich einen weißen Garten einfach nicht vorstellen. Natürlich gab es in einer Stadt, selbst in einer so kleinen Stadt wie Cambridge, nur sehr wenige Plätze, die sich für naturhafte Wildnis eigneten, aber hier, im Garten des Stuckhauses, wäre das möglich. Selbst in den formalsten Gärten war nach Tristans Ansicht Raum für eine kleine naturbelassene, wildnishafte Ecke – und sei es auch nur irgendwo im Schatten.
Luigi wartete schon auf ihn, und mit ihm ein Laster mit einer halben Tonne Kies. Tristan griff über die Sitzlehne, angelte nach der Papprolle mit den Entwürfen und stieg aus. Er war groß, sein silbernes Haar kurz geschnitten. Sein Gesicht war von der Arbeit in der Frühlingssonne leicht gebräunt, feine weiße Linien verliefen von seinen Augen zu den Schläfen. Er trug keine Sonnenbrille, wie er es früher tat, weil er jetzt eine Lesebrille zum Studieren seiner Pläne brauchte. Manchmal trug er beide übereinander, aber das konnte schwierig werden.
»Buon giorno, Luigi.«
»Morgen, Mister Mallory. Ich würde Ihnen gern meinen Neffen Al und meinen anderen Neffen Gianfranco vorstellen. Und das ist der jüngere Bruder meiner Frau, Tony. Aber den kennen Sie bereits, er hat bei dem Auftrag in Concord mitgeholfen.«
»O ja, Tony. Wie geht es Ihnen?« Tristan schüttelte Hände. Luigi verfügte über einen unerschöpflichen Vorrat an Neffen, Brüdern, Schwagern und Cousins. Sie kamen in unterschiedlichster Gestalt und Größe vor, aber alle waren fähige Steinschlepper, -heber, -hauer und -schleifer. »Und wo wollen Sie arbeiten?«
»Weiter hinten, wo die untere Terrasse entstehen soll. Dort gibt es Wasser. Wir brauchen nicht einmal lange Leitungen zu verlegen. Hervorragend zugänglich. Kaum zu glauben, dass es das in Cambridge gibt.«
»Nun, bei dem Preis, den sie hingeblättert haben, sollten sie einen guten Zugang verlangen können.«
»Als was verdient der Bursche eigentlich seine Brötchen, Mister Mallory?«
»Als Investmentbanker.«
»Ah, das erklärt alles. Aber warum lebt er nicht in Wellesley? Dort wohnen die ganzen Banker doch – in Wellesley oder Dover.«
»Keine Ahnung.« Tristan zuckte mit den Schultern.
Sie gingen um das Haus herum in den Garten. Es war morgens um halb acht, aber befriedigt stellte Tristan fest, dass der von Perrelli Construction gemietete Raupen-Bulldozer bereits da war. Wie ein schlafendes Ungetüm kauerte er in der Mitte des eingeebneten Geländes. Die Planierungsmarkierungen steckten alle an Ort und Stelle, aber Tristan würde sie noch einmal überprüfen. Auf einem großen Hügel abgetragener Muttererde stand eine Frau Anfang vierzig. Unter ihrem Regenmantel war der Saum ihres Nachthemdes zu sehen. Sie hielt einen Becher Kaffee in der Hand und überblickte ihr Reich. Nur der Bulldozer und ein Netzwerk von Gräben für Versorgungsleitungen – Wasserrohre, Elektrokabel – unterbrachen die Einförmigkeit des kahlen Geländes.
»Hello, Mistress Stein.«
»Judith, Tristan. Nennen Sie mich doch bitte Judith.«
»Gern, Judith. Also heute wird es ernst.« Wie aufs Stichwort beendete das Stakkatohusten des Schaufelbaggers die morgendliche Ruhe. Auf der Zufahrt hinter dem Garten tauchten gelbe Greifer auf. Unter den Klauen wurden lenkbare Schaufeln sichtbar. »Was ist denn das?«, fragte Judith Stein.
»Niedlich, was? Wie ein Baby-Dino. Das ist unser Lieblingsbagger. Sind Ihre Jungs schon wach?«
»Aber sicher.«
»Dann rufen Sie sie her. Heute können sie hier was erleben. Sie sollten sie die Schule schwänzen lassen. Hier werden heute Spielzeugträume wahr.«
Judith Stein lächelte. Tristan blickte dem Bagger entgegen, den Peter und Roger auf das Gelände chauffierten. Mit seinem gebräunten, markanten Gesicht und den silbergrauen Haaren war er kein übler Anblick. Sie fragte sich, wie alt er war. Mindestens sechzig. »Haben Sie Kinder?«, fragte sie.
»Enkelkinder.«
»Sie müssen an ihrem Großvater hängen wie die Kletten.«
»Ich sehe sie nur selten. Sie leben in Kalifornien. Ich besuche sie in den Ferien, aber das ist nicht das Gleiche.« Tristan wusste nicht, was er mit »das Gleiche« meinte. Er nahm an, dass sich die meisten Leute keine genauen Vorstellungen von ihrem Leben als Großeltern machen, aber da er seine Töchter von einem relativ jungen Alter an allein aufgezogen hatte, war er wohl davon ausgegangen, dass auch seine Enkel ständig um ihn waren. Wie viele tausend Jelly-Sandwiches hatte er eigentlich für seine Mädchen gemacht? Und jetzt wurde ihm bewusst, dass er für den kleinen Tristan nie welche geschmiert hatte, auch nicht für Timmy oder Mary. Irgendwo in seinem Inneren empfand er einen kleinen Stich und kam sich plötzlich ziemlich albern vor. Abrupt fügte er hinzu: »Haben Sie mit den Nachbarn über die Mauer geredet?«
»Bill hat heute Abend eine Verabredung mit den Kindern von Mistress Welles. Ihr geht es wohl nicht besonders gut. Sie ist Witwe. Wir haben sie noch nicht kennengelernt.«
»Die Mauer ist in keinem besonders guten Zustand. Wir haben sie von dieser Seite aus so gut es geht abgestützt«, sagte Tristan. »Es ist eine schöne Mauer. Man sollte sie nach Möglichkeit erhalten. Vielleicht können sie sich an den Kosten einer ordentlichen Restaurierung beteiligen.«
Judith Stein überlegte keine Sekunde. »Wenn sie das ablehnen, ist es auch kein Problem. Wir tragen die Gesamtkosten.«
Klar. Das war genau die Art von Leuten, denen es gar nicht in den Sinn kam, dass Geld irgendein Hindernis darstellen könnte.
»Nun, ich muss an die Arbeit.« Behende lief er den steilen Erdhaufen hinunter und ging mit langen Schritten auf die beiden jungen Männer neben dem Bagger zu. Judith Stein sah, wie er die Entwürfe aus der Rolle holte und auf die Markierungsstäbe zeigte. Sie schloss die Augen und stellte sich die von alabasterweißen Rosa longicuspis förmlich überschüttete Pergola in Sissinghurst vor.
Der »Grüne Daumen« ist ein Faktum und nur dem Unerfahrenen ein Mysterium. Aber zu einem grünen Daumen gehört ein grünes Herz.
RUSSELL PAGE The Education of a Gardener
Maggie Welles saß in ihrem Rollstuhl im Wintergarten und hing einem der sonderbaren Tagträume nach, die sie seit ihrem Schlaganfall immer wieder überfielen. Sie dachte über Nasen nach, über die Nasen der Familie Welles, genauer gesagt. Als sie ihren verstorbenen Mann Adams Welles kennenlernte, der damals seine letzten Semester an Harvard absolvierte, hatte er eine schmale, zartgewölbte Nase, die gleiche wie sein nur ein Jahr jüngerer Bruder und diverse Cousins. Ihre Nasen waren so edel, so aristokratisch, dass sie ausschließlich zu dezentem Schnüffeln, aber nie zum Schnauben fähig schienen, und auch nur dazu bestimmt, die allerfeinsten Düfte einzuatmen. Aber alle Mitglieder der Familie Welles tranken, auch ihr Mann. Doch selbst nach etlichen Martinis zum Lunch konnten sie noch immer einen Golfball schnurgerade über den Fairway schlagen, blitzschnell die Rechnung addieren und ihre üblichen zwölf Prozent Trinkgeld hinzufügen, was Maggie nahezu um den Verstand brachte. Sie konnten fehlerfrei Auto fahren, witzige alte Liedchen und Gedichte rezitieren, verschluckten nie auch nur eine Silbe und zeigten auch sonst nicht die geringste Spur eines irgendwie unschicklichen Verhaltens. Sie waren perfekte Trinker, anders als beispielsweise die Kennedys. Nie merkte man ihnen etwas an, nur ihren Nasen.
Die Nasen der Welles’ wurden mit den Jahren einfach rot und unförmig. Es ließ sich genau verfolgen: Die Rötung setzte irgendwann Mitte der Zwanzig ein, ein paar Jahre, nachdem Adams und sie geheiratet hatten. Anfang der Dreißiger platzten die ersten kleinen Äderchen, üblicherweise vor allem auf der linken Nasenseite. Dann kamen die Beulen, zunächst klein wie Blasen, und wurden immer größer, bis Mitte der Fünfzig von der ursprünglich so aristokratischen Nase nichts geblieben war. Statt dessen gab es da diesen zerbeulten roten Höcker, der mitten im Gesicht ein Eigenleben entwickelt hatte. Fast konnte man sagen, dass die Nasen der männlichen Welles’ oft mehr Persönlichkeit ausstrahlten als alles andere an ihnen. Die weiblichen Welles kamen glimpflicher davon. Ihre Nasen wurden zwar auch rot, aber nicht ganz so verunstaltet, und natürlich ließ sich mit Make-up einiges kaschieren.
Maggie hatte diese Nasen in den dreißig Jahren ihrer Ehe beobachtet, und für sie entbehrte es nicht der Ironie, dass sie sich erst jetzt so richtig über sie amüsieren konnte. Schließlich war sie die Irin. Adams Welles hatte unter seinen Verhältnissen geheiratet, als er sich für Maggie Flaherty entschied, die aus einer rein irischen Gegend Bostons stammte, Charlestown. Weniger als zwei Meilen lagen zwischen Charlestown und Beacon Hill, Cambridge, und trotzdem trennten sie Welten. Ihre Mutter war Hausmeisterin im Porcellian gewesen, dem allervornehmsten der vornehmen Harvard-Clubs. Einmal war Maggie von ihrer Mutter gebeten worden, bei einem Dinner als Serviererin auszuhelfen. Sie musste ein schwarzes Kleid und ein gestärktes weißes Schürzchen tragen, sträubte sich aber erfolgreich gegen das kleine weiße Häubchen. Sie war wunderschön. Mit tizianroten Haaren und grünen Mandelaugen wie so viele ihrer Verwandten aus dem County Clare. Sie studierte im zweiten Jahre am Regis, einem katholischen Mädchen-College im Großraum Boston. Ein St. Anthony’s-Stipendium und eine Studienbeihilfe ihrer Kirchengemeinde deckte die Kosten für Ausbildung und Bücher, ganz zu schweigen von den Zwanzig-Dollarnoten, die ihr Monsignor John häufig zusteckte. Sie wohnte noch immer zu Hause. Aber nicht wegen des Geldes. Sie war das einzige Kind ihrer Eltern, und sie hätten es nicht gemocht, wenn sie in ein Studentenwohnheim gezogen wäre.
An jenem Abend im Porcellian Club hatten vier junge Männer mit ihr ausgehen wollen. Aber sie verabredete sich nur mit Adams. Er war nicht betrunken, obwohl sie sein Glas mehrfach nachgefüllt hatte und ihm nach dem Essen weitere Brandies eingoss. Er war auch der netteste. Das erkannte sie sofort. Aber nicht sonderlich intelligent. Das erkannte sie erst später. Zu ihrer Überraschung. Wie selbstverständlich hatte sie alle Harvard-Studenten für gescheit gehalten. Aber bald stellte sie fest, dass das nicht immer der Fall war, vor allem, wenn die jungen Männer aus sehr alten und sehr reichen Familien stammten, die sich mit Zuwendungen für Harvard nicht lumpen ließen.
Nach Generationen von Ehen zwischen Cousins und Cousinen und dem Ausruhen auf den Lorbeeren ihrer Ahnen konnte die Familie Welles auf wenig mehr verweisen als auf ihre noble Abstammung und die Großzügigkeit gegenüber Harvard. Im Laufe etlicher Jahrzehnte wurden die Spenden systematisch dazu eingesetzt, auch weniger fähigen Welles-Köpfen ein Harvard-Studium zu ermöglichen. Ihr eigener Sohn Adams Welles, der fünfte seines Namens, hatte das Grundstudium mit Ach und Krach geschafft und den guten Rat erhalten, sich die Mühe einer Bewerbung für die Fachrichtung Wirtschaft zu ersparen. Zweifelsohne hatte das Trinken seine Spuren in der Familie hinterlassen, auch wenn sie sich davon auf gesellschaftlichem Parkett nur selten etwas anmerken ließen. Aber ihnen fehlte einfach die Geistesschärfe, der Einfallsreichtum ihrer Vorfahren, die genügend Weitblick besaßen, erstklassige Immobilien zu kaufen, bevor sie erstklassig waren, die sich ihren Platz auf dem Wollmarkt sicherten oder auch im Opiumhandel mit China. Es hatte eine Zeit gegeben, in der die Welles Drogen nicht konsumierten, sondern verkauften. Damals waren ihre Nasen nicht rot geworden. Vieles vom ursprünglichen Reichtum der Welles stammte in der Tat aus dem Opiumhandel wie bei etlichen anderen prominenten Familien in New England. Aber in den letzten fünfundsiebzig Jahren hatten eine kümmerliche Finanzplanung in Tateinheit mit riskanten Immobilienspekulationen und anderen fehlgeschlagenen Projekten die Schatztruhen der Welles’ geplündert.
In letzter Zeit dachte Maggie häufig über die Welles-Nasen nach. Mit einer statistischen oder mathematischen Begabung hätte sie das Anschwellen der Nasen in Korrelation zum Penis mit Sicherheit registriert. Konvergente Pathologien – nannte man das nicht so? Den letzten sexuellen Verkehr mit ihrem nasenmäßig geschwollenen Mann hatte sie mit sechsundvierzig. In den Folgejahren kam es noch vereinzelt und sporadisch zu diesbezüglichen Versuchen, aber in Adams’ letzten beiden Lebensjahren zu gar keinen mehr. Mit neunundfünfzig war er gestorben, in jeder Bedeutung des Wortes erschlafft. Jetzt war Maggie einundsechzig Jahre alt.
»Möchten Sie nicht ein wenig ins Freie, Mistress Welles? Es ist ein so schöner, sonniger Tag. Ich werde Sie hinausbringen. Miss Roberts kommt erst in einer halben Stunde. Sie kann dann draußen mit Ihnen arbeiten.«
Maggie sah Suzy an, die tägliche Hilfe. Suzy war eine erstaunliche Person. Sie war blond und schlank, wirkte zerbrechlich, konnte aber enorme Kräfte entwickeln. Suzy war es, die ihr morgens beim Aufstehen half, sie wusch und anzog. Ihre Lippen öffneten sich, um etwas zu sagen, aber die gläserne Wand ging wieder vor ihr hoch. Nein, sie würde nichts auf den Block schreiben. Schon der Griff danach würde sie erschöpfen. Und dann die Formulierung so vieler Überlegungen. Warum waren derart viele Informationen nötig, wo doch nur ein einfaches Ja oder Nein reichen sollte? Wäre sie zum Sprechen fähig gewesen, hätte sie eingewandt, dass es draußen für die Sprachtherapie zu laut war. Und zu windig für die Kerzen-Übung, bei der es darum ging, so lange gegen eine Flamme zu blasen, bis sie erlosch.
Das waren die beiden praktischen Gründe, weshalb sie nicht in den Garten wollte. Der dritte bestand darin, dass sie es einfach nicht ertrug, bei der Gestaltung eines ungewöhnlich schönen Gartens zusehen zu müssen, während ihr eigener dahinsiechte wie ein Kranker. Allerdings hatte er das Gebrechlichkeitsstadium längst hinter sich gelassen. Er war ein Leichnam, definitiv tot, aber noch nicht ganz fossiliert. Während des ganzen Sommers vor ihrem Schlaganfall war es sehr trocken gewesen. Schon das hatte negative Folgen gehabt, aber das eigentliche Problem bestand in den absurden testamentarischen Verfügungen, die Adams für die Gartenpflege getroffen hatte. Mit fünfzehnhundert Dollar jährlich konnte man kaum mehr tun als den Rasen mähen und düngen. Nein, sie musste sich dazu zwingen, nicht weiter darüber nachzudenken. Sonst machte es sie noch verrückt.
Statt dessen sollte sie sich lieber darauf konzentrieren, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Sie musste die gläserne Wand durchbrechen. Was hatte Miss Roberts gesagt? »Formulieren Sie den Gedanken.« Einen einzigen Gedanken. Und da ihre Lese- und Schreibfähigkeiten intakt geblieben waren, konnte sie sich das Wort orthographisch vorstellen. »Llllll …« Unbeweglich lag ihre Zunge in ihrem Mund. Es war, als wollte sie den zähesten, klebrigsten Teig der Welt rühren. Sie drückte die Zunge gegen den Obergaumen, ließ sie wieder fallen und öffnete leicht den Mund. »Fühlen Sie, wie die Luft eindringt«, hatte Miss Roberts gesagt. »Lärm«, sagte Maggie. Ein einziges Wort. Doch sobald der Gedanke formuliert, sobald das Wort einmal ausgesprochen war, fiel ihr alles Weitere vergleichsweise leicht. Die Worte kamen noch immer sehr langsam und klangen sehr tief, aber sie konnte sprechen.
»Lärm?«, wiederholte Suzy.
»Ja, draußen ist es zu laut. Wegen der Arbeiten nebenan, wissen Sie.«
»Oh, mit den lautesten Maschinen sind sie fertig. Jetzt verteilen sie nur noch gleichmäßig Erde auf dem Gelände und verlegen Wegplatten. Außerdem heben sie offenbar einen kleinen Teich aus.«
»H … h … hier gab es auch einen Teich. Er ist undicht geworden.« Sie musste kichern, und die Zunge glitt ihr aus dem Mund. Schnell zog sie sie wieder ein, genau wie Miss Roberts gesagt hatte. Einmal musste sie so heftig lachen, dass sie sich sehr schmerzhaft auf die Zunge gebissen hatte. Das Kichern war ihr gekommen, weil ihr ein Scherz eingefallen war. »Undicht geworden wie mein Kopf«, hatte sie sagen wollen. Maggie fielen immer wieder kleine makabre Witze über ihren Kopf und das ein, was passiert war.
In einer Augustnacht vor acht Monaten hatte sich etwas Seltsames in Maggies Kopf abgespielt. Sie hielt es für eine Art Hirn-Drama, aber die Ärzte fanden den einmalig hässlichen Begriff »hämorrhagischer Infarkt in der rechten Hirnhälfte« dafür. »Furz im Gehirn«, war Maggies erster Witz über ihren Hirnschlag gewesen. Ihre Kinder begriffen ihn nicht. Für sie war es ganz und gar kein Witz, sondern ein Hinweis darauf, dass sich sehr viel Schlimmeres ereignet hatte als eine Gehirnblutung. »Die meisten Leute sprechen undeutlich«, meinte ihre Tochter Ceil. »Mutter auch, und dann noch unanständig.« Die Ärzte hatten ihnen gesagt, dass es als Folge von Schlaganfällen zu Persönlichkeitsveränderungen kommen könne. Die Kinder blickten verständnislos. Als Persönlichkeiten, die irgendwo zwischen abweisend und gleichgültig rangierten, wussten sie mit dieser Information nicht viel anzufangen. Schon immer war ihre Mutter ein bisschen anders gewesen als sie, was sich nun offensichtlich noch steigern würde. Sie konnten nur hoffen, dass es nicht allzu peinlich würde.
Auch ein Sämling in einem kleinen Blumentopf wächst zu einer magischen Bohnenranke heran, die wir erklimmen können, um ein Tor zu einer anderen Sicht dieser Welt zu öffnen.
RUSSELL PAGE The Education of a Gardener
Befremdlich qualvolle Laute erschollen hinter der Mauer. Tristan schreckte hoch. Er lag auf den Knien und hatte gerade eine Probe des neuplanierten Bodens genommen. Wieder dieses Geräusch. Von einem Tier oder einem Menschen verursacht? Er war sich nicht sicher. Inzwischen befand er sich allein im Garten. Peter, Roger und Luigis Mannen wollten sich am Harvard Square mit Sandwiches versorgen. Tristan war bewusst zurückgeblieben, denn gestern hatte er sich ein Sandwich holen wollen und war prompt einem Pantomimen in die Hände gefallen. Er hatte für Straßenunterhalter ohnehin nicht besonders viel übrig, aber Pantomimen verabscheute er geradezu. Ihre übertriebenen Gesten, die Choreographie ihrer weißbehandschuhten Hände stießen ihn ab. Er empfand ihnen gegenüber stets den Drang »Halt die Klappe!« zu schreien, aber genau das taten sie ja bereits. Und so hatte er gestern nur »Kratz die Kurve!« gemurmelt. Er konnte sich vorstellen, dass so etwas am Harvard Square als todesstrafenwürdiges Verbrechen betrachtet wurde.
Doch das da hinter der Gartenmauer war keine Pantomime. Er hatte eindeutig Geräusche gehört, irgendeine menschliche oder tierische Stimme. War das ein Schrei gewesen, oder hatte jemand versucht, Worte zu formen? Das Geräusch hatte seltsam körperlos geklungen – wie Wind in den Dachtraufen eines Hauses. Aber es war ein windstiller Apriltag. Tristan stand auf, lief zu einem Spalt in der Mauer und spähte hindurch. Er hielt den Atem an. Eine Art Schleier schien über dem Garten zu liegen: Alles wirkte verblichen – grau oder fahlbraun. Büsche und Sträucher schienen in winterlichem Trübsinn dahinzuvegetieren. Sich selbst überlassene Kletterrosen krochen mit ihren Trieben über den Boden. Peter hatte einige der Kletterpflanzen gekappt, die auf die Steinsche Seite herübergerankt waren. Jetzt sah Tristan, dass keine von ihnen Blätter oder Knospen trug.
Die Bäume des Gartens wurden von Efeu-, Immergrün- und Weinranken erstürmt. Und es war nicht zu übersehen, dass der Mauerpfeffer, Sedum acre, binnen Kurzem jeden Quadratzentimeter Boden überzogen haben würde. Ein paar Päonien leisteten tapfer Widerstand, würden im Juni jedoch zum letzten Mal blühen, wenn dem Mauerpfeffer nicht Einhalt geboten wurde.
»Verheerend wie General Shermans Marsch«, murmelte Tristan vor sich hin. Und tatsächlich kam es ihm so vor, als blicke er auf eine Ruine, eine unsagbar geheimnisvolle Ruine. Einen verwunschenen Garten von seltsamem, undefinierbarem Zauber. Unempfindlich gegenüber der beleidigenden Vernachlässigung streckten alte Bäume, eine Blutbuche, norwegischer und japanischer Ahorn, eine alte Rosskastanie, ihre Äste über das, was einst der Mittelpunkt des Gartens gewesen sein musste; sie berührten einander wie lange vermisste Freunde. Und Tristan hätte wetten können, dass dieser Mittelpunkt nie ein makellos kurzgehaltener, gedüngter und unkrautfreier Rasen gewesen war. Nein. Wahrscheinlich hatte es gewundene Kiespfade unter den sich elegant neigenden Zweigen der alten Bäume gegeben. Vielleicht auch Inselbeete mit Schmuckgräsern. Die ungemein dichte und verwahrloste Vegetation verhinderte, dass man mitten in den Garten hineinblicken konnte. Eine Vielfalt von Pflanzen hatte in einem wahren Amoklauf ein schier unentwirrbares Durcheinander geschaffen: Berberitzen, Geißblatt, Brombeeren, Jelängerjelieber und Unkräuter.
Es war ein großer Garten, und hinten in einer Ecke standen gewaltige, graurindige Bäume so hehr und unnahbar wie Druiden aus nebelhafter Vergangenheit. Tristan stellte sich Dreiblatt und Blue Bells zu ihren Füßen vor und dichte Teppiche von Moos. Und ja, vielleicht eine moosüberzogene Steinbank. Seit wann ist das da drüben so, fragte er sich. Dann hörte er wieder das merkwürdige Geräusch und blickte in die Richtung.
Auf der Terrasse, im Schatten einer Blutbuche, saß eine Frau zusammengesunken in einem Rollstuhl. Sie trug eine Sonnenbrille und war in ein Plaid gehüllt. Eine andere Frau in einer Tracht kam mit einem Tablett und einer Kerze auf die Terrasse geeilt.
Erleichtert nahm Tristan zur Kenntnis, dass sich jemand um die Frau im Rollstuhl zu kümmern schien und sie sich in keiner akuten Notlage befand. Dennoch staunte er über das Tablett mit der Kerze. Fand da drüben irgendein Ritual statt?
Ende der Leseprobe
