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»Seit jeher komme ich mit Pflanzen besser aus als mit Menschen ...« Eustacia Rose ist Professorin der Botanik. Ihr Spezialgebiet: Pflanzentoxikologie. Sie lebt allein in London - nur ihre umfangreiche Giftpflanzensammlung leistet ihr Gesellschaft. Diese hegt und pflegt sie mit akribischer Sorgfalt. Ihr Leben ist ruhig, ihr Tagesablauf ändert sich nie. Bis sie eines Tages einen Schrei hört und die Versuchung, dem nachzugehen, unwiderstehlich ist. Durch ihr Fernrohr wird Eustacia in das Leben ihrer außergewöhnlich schönen Nachbarin Simone hineingezogen. Doch dann wird Simone entführt, und Eustacia findet sich in einem weitaus komplizierteren Geflecht wieder, als sie sich je hätte vorstellen können. Für Fans von Mark Haddon und Richard Osman
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jill Johnson
Rache ist ein süßes Gift
Deutsche Erstausgabe
1. Auflage 2025
© Atrium Verlag AG, Zürich, 2025
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel Devil’s Breath bei Black & White Publishing Ltd, Edinburgh
Copyright © by Jill Johnson, 2023
Aus dem Englischen von Stefanie Kremer
Covergestaltung: Sund Design, Hamburg, unter Verwendung des Coverdesigns und der Illustrationen von Lucy Cartwright
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.
ISBN978-3-03792-244-6
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Für Casper
IM NORDWESTEN VON LONDON gibt es ein flaches Dach, das man weder von der Straße noch von den Fenstern der benachbarten Häuser aus sehen kann, weil es ganz oben in einem hohen Wohngebäude in einer ruhigen Nebenstraße liegt. Auf diesem Dach gedeiht ein Garten aus seltenen und ungewöhnlichen Pflanzen: Tropen- und Wüstenpflanzen, Rosen- und Nachtschattengewächse, Bodendecker und Kletterpflanzen, exotische und erlesene Gewächse, die ihren jeweiligen Bedürfnissen entsprechend sorgsam gehegt und gepflegt werden. Der Garten ist Oase und Heiligtum inmitten einer lieblosen, unversöhnlichen Stadt. Nur eine einzige Person hat Zugang zu ihm, über eine Dachluke in der Küche. Diese Person hat noch nie Freunde oder Freundinnen auf ein Glas Wein nach dort oben eingeladen, weil sie keine hat, auch keine Familie. Sie ist allein, und dafür ist sie dankbar.
Diese Person ist Eustacia Amelia Rose, Professorin der Botanik. Spezialgebiet: Pflanzentoxikologie. Für Laien: das Studium giftiger Gewächse. Diese Person bin ich.
Für Übertreibung und Selbstbeweihräucherung habe ich nichts übrig. Ich bin in vielerlei Hinsicht unscheinbar: weder hochgewachsen und schlank noch klein und übergewichtig. Mein Haarschnitt ist altmodisch – ein mit Brylcreem und einem Schildpattkamm präzise gezogener Scheitel –, und ich achte auf meine Kleidung, wasche sie im Waschbecken des Badezimmers und bügle sie auf dem Küchentisch. Die Aufschläge sind ausgefranst, das Futter ist zerrissen, und die Taschen haben Löcher, aber es gibt niemanden, der diese Mängel sieht. Niemanden, der etwas zu den speckigen Verfärbungen auf meinem Kragen oder dem erdigen Geruch meiner Hosen sagt, und dafür bin ich ebenfalls dankbar.
Ich bilde mir gern ein, das leicht verblühte Aussehen einer Gelehrten zu haben, und tatsächlich war ich einmal Dozentin an der Universität. Jahrzehnte der Konzentration haben eine tiefe Furche zwischen meine Augenbrauen gegraben, und die Nickelbrille hat die Wurzel meiner großen Nase auf ewig eingekerbt. Lachfältchen habe ich keine, und meine Mundwinkel weisen von Natur aus nach unten, was manch einer vermutlich unattraktiv findet, aber meine Lippen sind weich, und oft schürze ich sie gedankenverloren.
Ich bin vierundvierzig Jahre alt. Und würde sagen, dass mein Aussehen meinem Alter nicht gerecht wird. Ich sehe viel älter aus. Die Außenwelt und ihre peinigenden Einbrüche in meinen Alltag – ein unangemeldeter Anruf von einem Internetprovider zum Beispiel oder ein Brief vom Finanzamt – bringen mich manchmal ziemlich durcheinander. Doch wenn man mich in Ruhe lässt, arbeitet mein Verstand klar, scharf und hoch konzentriert. Das muss er auch.
Jeden Morgen schlüpfe ich in meinen Schutzanzug – der mir ein bisschen zu klein ist und deshalb im Schritt unangenehm zwickt –, klettere die Leiter in meiner Küche hoch und steige durch die Dachluke. Dann beginne ich mit der langen Liste meiner täglichen Aufgaben, die ich mit äußerster Sorgfalt erledige. Mein Programm kennt keine Abweichungen. Jeder Handgriff, den ich ausführe, folgt exakt den wissenschaftlichen Vorschriften, da andernfalls eine ernste Gefahr droht – für Leib und Leben.
Mit der Zeit habe ich gelernt, dass die Art meiner Arbeit Einsamkeit bedingt. Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn jemand zu Schaden käme. Besser, ich trage das Risiko selbst und bewahre andere vor Unheil. Aus diesem Grund beschäftige ich auch keine Assistenzen oder andere Angestellte und lehne sämtliche Anfragen nach Praktikumsplätzen von Studierenden der Universität ab, an der ich einst beschäftigt war. In der Vergangenheit habe ich ein während der Vorlesung wegdämmerndes Auditorium gern dadurch wieder munter gemacht, dass ich mich mit einer Spezialistin für Bombenentschärfung verglichen habe. Ein einziger Schnitzer und bumm, alles aus und vorbei. Allerdings nicht sofort. Nicht wie bei einer Explosion, wo ich sofort tot wäre, die Gliedmaßen vom Rumpf gerissen und über den Erdboden geschleudert. Nein. Mein Tod würde sich Zeit nehmen, manchmal bis zu zwei Wochen, aber kommen würde er. Daran besteht kein Zweifel.
Ich muss dazusagen, dass ich für mein Alleinsein nicht immer dankbar war. Ein Leben in Einsamkeit hatte ich nicht geplant. An der Universität hatte ich täglich Kontakt zu anderen Menschen. Studierende, andere Dozierende, Angestellte. Das war nicht einfach. Blickkontakt fiel mir schwer, witzige Bemerkungen verwirrten mich, und nach den Seminaren war ich oft erschöpft. Aber ich war bereit, diese Unannehmlichkeiten auf mich zu nehmen, denn dafür bekam ich unbegrenzten Zugang zum Labor und den Gewächshäusern und profitierte vom Prestige der Universität, deren Name meinen Publikationen Gewicht verlieh.
Außerdem muss ich dazusagen, dass ich nicht vorhatte, ledig zu bleiben. Es gab einmal einen Menschen, mit dem ich bereit war, mein Leben zu teilen. Ich habe einmal einen attraktiven, intelligenten, geistreichen Menschen gekannt, der meine Eigenheiten akzeptierte, mich vielleicht sogar dafür liebte, am Ende aber doch jemand anderen wählte. Ich versuche, nicht mehr daran zu denken. Wie heißt es doch? Besser, geliebt und verloren zu haben … Besser, diesen Zweifel, diesen Schmerz, dieses Elend durchlebt zu haben … Wie gesagt, ich versuche, nicht mehr daran zu denken, aber das kostet mich manchmal große Mühe. Besser, nach anderen Auswegen zu suchen, anderen Ablenkungen.
Mein Vater war ein begeisterter Astronom. Er hatte in seinem Arbeitszimmer ein Teleskop aufgestellt, stets auf den Himmel ausgerichtet, und verbrachte nachts Stunden in einer gänzlich anderen Welt, das Auge ans Okular gepresst und vor sich hin murmelnd. Um dieses Instrument, mit dem er sich von seiner Umgebung frei machte, von der banalen Realität des Lebens löste, habe ich ihn immer beneidet. Als ich noch ein Kind war, weckte er mich manchmal mitten in der Nacht, wenn Mars oder Saturn besonders deutlich zu erkennen waren, und ließ mich, noch im Halbschlaf, durchs Okular blicken. Und ich bestaunte die weit entfernten Lichtpunkte voller Ehrfurcht. Danach setzten wir uns an den großen Tisch in unserer Küche in Oxford, und ich erhielt einen Vortrag über Astronomie, der mit der Vorführung eines echten Sonnenaufgangs endete.
Vater brillierte auf vielen Gebieten. Einige nannten ihn einen Universalgelehrten. Aus seinen zahlreichen Interessen wählte ich jedoch die Astronomie zu meinem Steckenpferd. Das gleiche Instrument, um nunmehr mich von der banalen Realität meines Lebens zu lösen und mich abzulenken, wenn ich merke, dass mich die Schwermut packt. Mein Teleskop hat allerdings mit Vaters Gerät keinerlei Ähnlichkeit mehr. Verglichen mit meinem war seins geradezu vorsintflutlich. Meins ist hochpräzise und war sündteuer, bezahlt mit dem Geld aus meiner Abfindung. Aufgestellt habe ich es zwischen den Pflanzen auf meinem Dach. Spätnachts, wenn ich meine Aufgaben erledigt habe, betrachte ich gern die Sterne und Planeten, und ab und zu sehe ich einen Meteorschauer. Wie Vater faszinieren die Phänomene des Himmels auch mich. Mir ist in vielerlei Hinsicht klar geworden, dass ich in der unermesslichen Weite von Zeit und Raum viel mehr Sinn erkennen kann als in allem Geschehen in dem Raum und der Zeit, in denen ich lebe.
In solchen Nächten jedoch, wenn die Wolkendecke zu dicht ist, um die Sterne zu sehen, und die Erinnerungen an meine verlorene Liebe mich zu überwältigen drohen, findet das Teleskop eine andere Verwendung. Bitte seien Sie versichert, dass es ohne jegliche böse Absicht geschieht. Es begann als reine Ablenkung, wurde aber schnell zu einer Art Gesellschaftsstudium. Einem wissenschaftlichen Projekt, wenn man so will. Und mit der Zeit gewann dieses Studium eine echte Bedeutung. Tatsächlich beabsichtige ich, meine Ergebnisse eines Tages zu veröffentlichen, weshalb ich stets detaillierte Berichte über meine Beobachtungen erstelle. Bislang habe ich bereits zwanzig Notizbücher gefüllt.
Hinter meinem Wohnblock liegt ein kleiner öffentlicher Park, den eine Ziegelmauer von den Gärten der jenseitigen Reihenhäuser trennt, die alle mit hohen viktorianischen Schiebefenstern ausgestattet sind. Von meinem Dach aus habe ich einen ausgezeichneten Blick auf das Kommen und Gehen der Menschen, die in diesen Häusern leben. Bei Nacht könnte man wohl jedes Stockwerk dieser Häuser als einen Leuchtkasten bezeichnen, in dem alles zur Schau gestellt wird, was darin geschieht, und oft, wenn ich allein in meinem Garten sitze, verspüre ich das dringende Bedürfnis, dieses Geschehen zu beobachten – und um diese Beobachtungen zu vertiefen, habe ich schon viele Male mein Teleskop benutzt. Ich bin vorsichtig. Ich bin mir sicher, von niemandem gesehen werden zu können, denn ich habe den Tubus so positioniert, dass man ihn durch das mit Kletterpflanzen umrankte Geländer, das meinen Garten umgibt, nicht ausmachen kann. Ich bin eine Vogelbeobachterin in ihrem Versteck. Absolut unsichtbar.
Da ist die Frau mit den blauen Haaren und den Krücken, die regelmäßig eine Packung Kekse mit ihrem Hund teilt, während sie sich über alles, was sie gerade im Fernsehen sieht, lauthals kaputtlacht. Da ist das zänkische Pärchen, das in alle Ewigkeit dieselben vier Tanzschritte zu einer Musik übt, die ich nicht hören kann. Da ist der Junge, der weit über seine Schlafenszeit hinaus in einem Sitzsack versunken Computerspiele spielt und dabei wütende Anweisungen ins Mikrofon seines Headsets schreit, während er Energydrinks in sich hineinschüttet. Da ist das junge Mädchen mit den langen Zöpfen, das auf dem Bett liegt und auf seinem Handy scrollt. Immer auf seinem Handy scrollt. Da ist der große, gebeugte Mann, der nie lächelt und stundenlang stocksteif dasteht und das Foto einer Mutter mit ihrem Baby an der Wand anstarrt. Da ist die alte Frau, die meiner Wohnung direkt gegenüber im Souterrain wohnt, das weiße Haar in einem Knoten am Hinterkopf trägt, und mitten in der Nacht mit der Taschenlampe durch ihren Garten schlurft, Schnecken aufsammelt und sie über die Mauer in den öffentlichen Park wirft.
Und schließlich ist da die hübsche junge Frau, die in der Wohnung über der nächtlichen Schneckenwerferin wohnt.
Immer wenn ich an den Tag denke, an dem ich sie das erste Mal gesehen habe, durchfährt mich ein eigentümliches Gefühl, das nicht zwingend unangenehm ist. Sie stand am geöffneten Fenster, die Hände auf dem Fenstersims. Offenbar war sie erst kurz zuvor eingezogen, denn ich hatte sie noch nie gesehen. Fasziniert von dieser neuen Probandin für meine Studien stellte ich das Teleskop auf ihr Gesicht scharf und sah, dass sie jung war, Mitte zwanzig vielleicht, mit weit auseinanderstehenden großen dunklen Augen, die sich zu den Schläfen hin leicht nach oben zogen, schmalen Brauen, einer niedlichen Nase und markanten Wangenknochen.
Natürlich war sie hübsch, doch es waren ihre Lippen, die sie über die Masse hinaushoben, auf eine vollkommen andere Ebene: auf einen höheren, gefährlicheren Gipfel, wo nur die seltensten, wertvollsten Exemplare zu finden sind. Sie waren so voll und rot, dass sie mich an die unbeschreiblichen Blütenblätter der Psychotria elata erinnerten, einer Pflanze, von der ich ein Exemplar unter einer Glasglocke in meinem Gewächshaus stehen hatte. Langsam zoomte ich immer näher heran, bis ihr Mund das ganze Okular ausfüllte.
Seit jeher komme ich mit Pflanzen besser aus als mit Menschen und neige dazu, Menschen nach den Pflanzen zu benennen, denen sie am meisten ähneln. Darauf hat Vater mich gebracht, als ich noch ein Kind war, denn ich hatte Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen und mir Namen zu merken. Als ich an jenem ersten Tag auf diese vollen roten Lippen blickte, ins Riesenhafte vergrößert durch die Leistungsfähigkeit meines Teleskops, wählte ich einen liebevollen Spitznamen für die junge Frau. Psycho, nach meiner Psychotria elata. Ich habe es noch nie jemandem gebeichtet, doch es gab Momente, in denen ich versucht war, einmal von diesen glänzenden roten Blättern zu kosten, obwohl ich weiß, dass sie eine starke psychedelische Substanz enthalten. Und als die Zeit verstrich und die Notizbücher sich mit meinen Beobachtungsstudien füllten, spürte ich, dass ich eine seltsame Faszination für diese Frau entwickelte, eine Faszination, die so mächtig war und so süchtig machte wie ihre Namenspatronin.
ES WAR SPÄT. ICH WAR auf dem Dach. Gerade war ich damit fertig geworden, die empfindlichsten Pflanzen mit Gartenvlies abzudecken, um sie vor der nächtlichen Kühle zu schützen, und wollte es mir vor meinem Teleskop bequem machen, um mich der Aufgabe zu widmen, die Aktivitäten meiner Nachbarn und Nachbarinnen aufzuzeichnen, als ich aus der Ferne mein Telefon klingeln hörte. Das war ungewöhnlich. Ich bekam nur selten Anrufe. Ich wartete, bis das letzte Läuten verklungen war, und als ich hörte, wie der Anrufbeantworter mit einem Klicken ansprang, legte ich Notizbuch und Stift beiseite, stieg die Leiter hinab, durchquerte die Küche und ging durch den Flur ins Wohnzimmer. Einen Augenblick lang starrte ich auf das blinkende rote Licht, bevor ich auf Play drückte. Die tiefe Stimme, die aus dem Apparat kam, ließ mich vor freudiger Erregung zusammenzucken.
Heute Nacht, selbe Zeit, selber Ort. Zahlung wie vereinbart.
Überrascht schnappte ich nach Luft. Es ging um eine von langer Hand geplante Anschaffung, meine bislang kühnste, doch ich hatte nicht erwartet, sie so schnell geliefert zu bekommen. Ein Wurzelsteckling der seltenen Dichapetalum toxicarium, die in abgelegenen Gebieten Westafrikas zu finden ist und deren Gift wenige Stunden nach Einnahme zu heftigen Anfällen und Krämpfen führt. Dieser spezielle Steckling nun kam nicht direkt aus Sierra Leone, sondern war während der penibel vorbereiteten Umsiedelung der Mutterpflanze aus einem botanischen Garten der chinesischen Provinz Yunnan gestohlen worden. Sollte der Diebstahl entdeckt werden, könnte der Gartenbautechniker ins Gefängnis wandern. Sollte der Lieferweg verfolgt und die Abkunft des Stecklings nachgewiesen werden, könnte ich meinen Job verlieren – wenn ich denn noch einen gehabt hätte.
Ich setzte mich hin und spielte die Nachricht noch einmal ab, entzückt über die Aussicht auf dieses neue Päckchen. Einige meiner Widersacher würden das vielleicht als meine Sucht bezeichnen, giftige Pflanzen als meine Drogen. Doch für mich war das Sammeln dieser Pflanzen mein Lebenswerk. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Dreiundzwanzig Uhr. Entschlossen ging ich zum Kleiderschrank im Flur, zog Vaters langen Wachsmantel an, stellte den Kragen hoch und verließ die Wohnung.
Dieser Teil des Hampstead Heath ist dicht mit gigantischen Eichen bewaldet, in deren Unterholz Buchen wachsen, mit Stechpalmen, Weißdorn und Holunderbüschen darunter. Die Nacht war mild, das Mondlicht reichte aus, um auf dem Pfad, der in den Wald führt, ein gutes Stück weit sehen zu können. Nach einem kurzen, prüfenden Blick links und rechts die Straße entlang betrat ich den Pfad. Es hatte seit Wochen nicht geregnet, und der Erdboden war hart und ausgedörrt, das Knacken der trockenen Zweige, auf die ich trat, echote weit in die Nacht hinein. Manchmal wurde das Tor zur Pergola unverschlossen gelassen, nicht jedoch in dieser Nacht. Das hieß, dass ich den weiten Weg außen herum gehen und mich durch den Spalt in dem schmiedeeisernen Zaun zwängen musste. Dieses abgeschiedene Fleckchen des Heath hatte ich vor Jahren zum Treffpunkt für meine mitternächtlichen Rendezvous erwählt, denn hier gab es immer genügend Menschen – Männer –, die auf den schlecht einsehbaren Pfaden durch die Bäume strichen. Von diesen Männern fühlte ich mich nie bedroht. Im Gegenteil, ich wusste, dass ich, sollte etwas schiefgehen, ihre Aufmerksamkeit mit einem Hilferuf auf mich lenken konnte. Deshalb wirbelte ich auch nicht erschrocken herum, wenn in der Nähe ein Ast knackte. Ein Blätterrascheln versetzte mich nicht in Alarm. Ich ging einfach weiter, mit abgewandtem Blick, in Richtung des Spalts im Zaun.
Hier war es dunkler. Die Bäume standen dichter, verdeckten den Mond. Ich duckte mich, zwängte mich durch den Spalt, ging zügig zur Mauer, folgte ihr bis zu einem Gebüsch aus Ziersträuchern und schob mich hindurch. Als ich sah, dass der Kurier bereits im Schatten einer Nische unter der Pergola stand, durchströmte mich ein aufgeregtes Prickeln. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke auf, um das Päckchen hervorzuholen, und die Übergabe war binnen weniger Sekunden geschehen. Ich ließ ihn zuerst gehen, wartete einige Minuten und machte mich dann auf den Rückweg zu dem Pfad, der zur Straße führte. Hinter mir knackten Zweige und raschelten Blätter, aber ich schritt schnell voran und achtete nicht darauf. Als ich das Ende des Pfads erreicht hatte, lag der Whitestone Pond verlassen da, die umliegenden Straßen waren menschenleer. Beim Fahnenmast wandte ich mich hügelabwärts, nach Hause. Je eher ich diesen Steckling eintopfte, desto höher standen die Chancen, dass er überlebte.
Inzwischen war es weit nach Mitternacht. Auf der Hauptstraße war niemand mehr unterwegs. Ich bog in meine Straße ein und eilte zur Haustür. Das Gebäude lag in tiefem Schlummer, und ich versuchte, die Treppen zu meiner Wohnung möglichst lautlos hochzusteigen. Ich zog Vaters Mantel aus und meinen Schutzanzug an und nahm das Päckchen mit in die Küche. Sollte es mir gelingen, aus diesem winzigen Steckling eine lebensfähige Pflanze zu ziehen, wäre das in diesem Land das allererste Mal. Zu sagen, ich wäre aufgeregt gewesen, würde meinen Gefühlen nicht annähernd gerecht.
Auf dem Dach knipste ich das Licht im Gewächshaus an und betrachtete den wattierten Umschlag vor mir auf der Werkbank. Der Inhalt war solide in eine dicke Schicht aus chinesischen Zeitungen eingewickelt. Ich schälte das Papier ab, besah mir die Schriftzeichen und überlegte, was sie wohl bedeuten mochten, bis ich zu einer kleinen Tabakdose aus Metall vorgedrungen war. Angesichts dieses Fehlers runzelte ich die Stirn. In Metall konnte ein Steckling nicht atmen. In Metall entwickelte sich eine abgeschlossene, feuchte Umgebung, wie geschaffen für die Bildung von Schimmel. Ein professioneller Gärtner sollte so etwas wissen. Mit sinkendem Mut öffnete ich den Deckel.
Die Dose war mit einer feuchtigkeitsabsorbierenden Substanz gefüllt, die mir zuvor noch nie untergekommen war, mich jedoch an Vermiculit erinnerte. In ihrer Mitte lag der Steckling, perfekt erhalten. Erleichtert atmete ich aus. Dichapetalum toxicarium. In vielen Gebieten Westafrikas tauchte man nach altem Brauch Pfeilspitzen in das Fruchtfleisch der jungen Blätter. Selbst nach all den Jahren meiner Forschungen erfüllte mich der Schaden, den ein so unschuldig aussehendes Stückchen Pflanzenwelt anrichten konnte, noch mit tiefem Erstaunen.
Ich füllte eine Anzuchtschale mit einer Mischung aus Kompost und Pikiererde, nahm eine Pinzette aus einer sterilisierenden Lösung, hob den Steckling aus der Dose und legte ihn auf eine Platte. Dann schnitt ich ihn mit einem Skalpell in schmale Segmente. Nachdem ich jedes Segment mit Bewurzelungspulver bestreut hatte, legte ich sie auf die Kompostschicht. Die Tragweite dessen, was ich da tat, war mir durchaus bewusst. Jeder Handgriff fühlte sich an wie ein heiliges Ritual, und ich war die Hohepriesterin. Zur Würdigung dessen hielt ich eine Weile inne, dann bedeckte ich die Segmente mit einer Schicht aus gesiebtem Kompost, die ich abschließend mit destilliertem Wasser besprenkelte. Ich holte tief Luft, stellte die Schale in den Anzuchtkasten, machte den Deckel zu und trat einen Schritt zurück, um meine Arbeit zu begutachten.
Mit einem zufriedenen Lächeln blickte ich durch die Scheiben des Gewächshauses in den Nachthimmel. Er war wunderbar klar. Ich konnte Mars und Saturn sehen. Die perfekte Nacht zum Sternengucken.
Ich trat nach draußen und stellte den Klappstuhl auf, der einst Vater gehört hatte. Dann, vorsichtig darauf bedacht, die Pflanzen nicht zu stören, ging ich zum Teleskop, um es in die Mitte des Gartens zu rollen.
Doch gerade als ich die Bremsen lösen wollte, wurde ich plötzlich abgelenkt – vom schrillen Schrei einer Frau.
WÄHREND ICH NOCH DIE FENSTER der Reihenhäuser mit dem Teleskop absuchte, schrie die Frau erneut, und um einen besseren Überblick zu bekommen, hob ich den Kopf – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie auf der Rückseite des Gebäudes mir gegenüber ein Fenster zugeschlagen wurde. Ich starrte hinüber, senkte den Kopf zurück ans Okular, adjustierte den Fokus und erblickte in einem schwach beleuchteten Raum zwei Gestalten: eine Frau auf Knien, die sich den Kopf hielt, und einen sich vor ihr auftürmenden Mann. Sie befanden sich im hinteren Teil eines Wohnzimmers, wo ich ein Sofa, einen offenen Laptop auf einem Couchtisch, einen Fernseher sowie einen vor Büchern und Unterlagen überquellenden Schreibtisch ausmachen konnte. Mein Blick ging durchs ganze Zimmer bis zu den Fenstern an der Vorderfront des Hauses und sogar noch durch diese hindurch auf die Straßenlaterne davor. Die Leistungsfähigkeit des Teleskops brachte mich kurz zum Staunen, aber sofort richtete ich meine Aufmerksamkeit zurück auf die Frau. Ihre langen dunklen Haare fielen nach vorn und bedeckten ihr Gesicht, während sie auf Knien vor und zurück schwankte. Doch trotz des schwachen Lichts wusste ich, dass es Psycho war.
Der Mann beugte sich jetzt herab und versuchte, ihr ins Gesicht zu sehen, wobei er rasend schnell auf sie einsprach. Plötzlich packte er sie bei den Haaren und riss ihr den Kopf nach hinten, zwang ihr Gesicht nach oben, und als er nun mit geballter Faust den Arm hob, stieß ich vier Wörter aus. Ich hatte seit Tagen nicht mehr laut gesprochen, und sie kamen nur als ein Krächzen heraus.
»Lass sie in Ruhe.«
Einen Augenblick lang hing die ganze Welt in der Schwebe, dann ließ er Psychos Haare los, senkte den Arm und ging aus dem Zimmer, und ich verspürte einen kleinen Triumph, als ich ihn durch die Vorderfenster hinaus auf die Straße treten und sich entfernen sah. Ich richtete das Teleskop wieder auf Psycho. Sie war jetzt aufgestanden, strich sich das Haar zurück und rieb sich die Hände an den Oberschenkeln ab. Dann trat sie ans rückwärtige Fenster und blickte hinaus, über die Gärten. Um ihr Gesicht schärfer sehen zu können, stellte ich den Fokus neu ein und runzelte die Stirn. Für eine Frau, die gerade zu Boden geschlagen worden war, wirkte sie nicht im Mindesten eingeschüchtert. Hätte ich einen Eindruck äußern sollen, hätte ich ihre Miene wohl eher als wütend beschrieben.
Mir fiel ein schmales Rinnsal Blut ins Auge, das ihr vom Haaransatz langsam bis zum Wangenknochen hinabsickerte. Nun bemerkte sie es auch, denn sie griff sich an die Schläfe, betrachtete dann ihre Fingerspitzen und steckte sie sich in den Mund. Bei diesem Anblick zog sich mein Magen zusammen, und ich stieß einen lang zurückgehaltenen Atemzug aus. Als hätte sie mich gehört, schaute sie abrupt in meine Richtung, und obwohl ich wusste, dass sie mich nicht sehen konnte, duckte ich mich zwischen die Pflanzen, wobei ich mit dem Handrücken aus Versehen ein Blatt streifte. Die feinen Pflanzenhärchen verhakten sich in meiner Haut. Verärgert zischend zog ich sie mir geschwind wieder heraus, nahm eine Phiole aus dem Lederbeutelchen um meinen Hals und trug etwas Salbe auf. In weniger als einer Stunde würden sich die ersten Blasen und Schwellungen bilden, doch ich hoffte, schnell genug reagiert und damit verhindert zu haben, dass das Gift in meinen Blutkreislauf gelangte. Ich blieb noch weitere fünf Minuten zwischen den Pflanzen hocken und verfluchte meine Dummheit, dann spähte ich vorsichtig übers Geländer, aber das Licht in dem Zimmer war erloschen und Psycho verschwunden.
IN DEN DARAUFFOLGENDEN WOCHEN VERSPÜRTE ich oft den Drang, meine Arbeit zu unterbrechen, um durchs Teleskop zu Psychos Fenstern hinüberzuschauen, eine Sprühflasche oder den Bestäubungspinsel nutzlos und vergessen in der herabhängenden Hand. Diese häufigen Pausen in meiner Routine rechtfertigte ich damit, dass ich schließlich nachprüfen müsste, ob sie wohlauf war. Tagsüber war sie selten zu Hause, aber abends hatte sie oft Besuch, ausschließlich Männer, weshalb ich nach der Attacke auf sie beschloss, die Beobachtung aller anderen Nachbarn und Nachbarinnen einzustellen und nur noch diese Besuche zu protokollieren: zu notieren, wann sie eintrafen und wie lange sie blieben, sowie kurz zu beschreiben, was sie machten. Zudem erstellte ich von jedem dieser Männer ein detailliertes Dossier. Dabei ging ich streng wissenschaftlich vor, als würde ich Art und Gattung sowie Morphologie und Toxizität einer Pflanze katalogisieren. Ich ordnete jeden von ihnen einer bestimmten Gruppe zu und gab ihm den Trivialnamen einer giftigen Pflanze. Ich wusste, dass ich keine gute Menschenkenntnis besaß, doch mit Pflanzen kannte ich mich sehr wohl aus, und eins schälte sich immer deutlicher heraus: Diese Männer waren toxisch.
Exemplar A. Der Mann mit der gezackten Narbe und den Cowboystiefeln, der sie in jener Nacht, als alles begann, so heftig geschlagen hatte, dass sie blutete. Sie hatte offenkundig Angst vor ihm, ließ ihn aber dennoch in die Wohnung. Ich gab ihm den Namen Hundsbaum. Toxische Klassifikation: Blutgift. Tödlich.
Exemplar B. Möglicherweise ein Privatlehrer, der sich neben sie an den Schreibtisch setzte, in den Büchern blätterte und sich Notizen machte. Diese Lektionen schienen ihr Schwierigkeiten zu bereiten, denn sie stand oft unvermittelt auf und tigerte gestikulierend durchs Zimmer. Dann nahm er sie häufig in den Arm, was sie offenbar gernhatte, denn nach jeder Unterrichtsstunde aßen sie zusammen. Ich taufte ihn Fuchskraut und ordnete ihn einer Gruppe von neuromuskulären Giften zu, die das Gehirn angreifen. Gleichfalls tödlich.
Exemplar C. Der exzentrisch gekleidete junge Mann mit den langen blonden Haaren, mit dem sie stets nur stritt und der während der gesamten Dauer seiner Besuche auf ihrem Sofa rumfläzte und Rotwein aus der Flasche trank. Er wirkte immer verzweifelt, und sie schüttelte immer nur den Kopf über ihn und verdrehte die Augen. Ich gab ihm den Namen Stechapfel und ordnete ihn unter die Nervengifte ein – eine Gruppe von Toxinen mit halluzinogener Wirkung, die zu geistiger Verwirrung, Kopfschmerzen, Koma und schließlich zum Exitus führen können. Tödlich.
Exemplar D. Ein kräftiger junger Mann mit dunklen Augen und großer Rastlosigkeit. Sie versuchte immer, ihn zum Hinsetzen zu bewegen, doch er sprang stets gleich wieder auf und blieb stocksteif vor ihr stehen, als wären seine Muskeln zu fest verzurrt. Ich taufte ihn Nieswurz und klassifizierte ihn als Muskeltoxin – eine Gruppe von Giften, die die Muskeln und die Organe, die auf diese Muskeln angewiesen sind, angreifen. Ebenfalls tödlich.
Gelegentliche Besucher wie Strom- und Gasableser oder Lieferanten bezeichnete ich als Gift-Efeu und ordnete sie den hautreizenden Giften zu: nicht tödlich.
Am vierten Freitag meiner Schutzwache lag ich in meinem schmalen Bett, meine Kleider ordentlich gefaltet auf einem Holzstuhl neben der Tür, die Ziffern des Digitalweckers leuchteten im Dunkeln. Ich wohnte nun seit zwanzig Jahren in meiner kleinen Wohnung, die ich sauber und aufgeräumt hielt. Einmal im Monat fegte ich und wischte Staub, ich putzte regelmäßig das Bad und brachte meine Bettwäsche in den Waschsalon, wenn es nötig war. Meine Nachbarn und Nachbarinnen behelligte ich nie, und sie behelligten mich nie. Für mich waren sie lediglich abstrakte Objekte meiner Beobachtungen. Ich hatte nie auch nur den geringsten Drang verspürt, an ihrem Leben teilzuhaben, und konnte im Brustton der Überzeugung sagen, dass sie mir vollkommen egal waren.
Nun aber fragte ich mich mehr und mehr, was sich verändert hatte, denn an Psychos Leben, das war mir sonnenklar, wollte ich teilhaben. Unbedingt. Vielleicht fühlte ich eine gewisse Verpflichtung, sie zu beschützen, die Polizei zu rufen, falls Hundsbaum wieder auf sie losgehen sollte. Vielleicht hatte das Teleskop sie mir so nahegebracht, dass ich eine Verbindung zu ihr verspürte. Oder vielleicht war alles auch sehr viel einfacher, ordinärer. Ich machte die Augen zu und stellte mir vor, wie sie sich die Finger in den Mund steckte, wie ihre vollen, prallen Lippen sich fest darum schlossen, und stöhnte auf.
Der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Die Bilder in meinem Kopf wollten nicht verschwinden. Sie verhöhnten mich. Quälten mich. Ich drehte mich auf die Seite, den Bauch, den Rücken und stöhnte erneut. In meiner Verzweiflung konzentrierte ich mich auf meine pochende Hand. Inzwischen trug ich seit einem Monat zweimal täglich geflissentlich Salbe auf, doch noch immer ließen sich keine Anzeichen einer Besserung erkennen. Eher wurde es schlimmer. Einen Moment zuvor hatte ich den Schmerz überhaupt nicht wahrgenommen, jetzt war er unerträglich. Ließ mich mit den Zähnen knirschen. Ließ mich aufsetzen, aus dem Bett steigen, meinen Schutzanzug anziehen und aufs Dach klettern.
Der Klappstuhl lehnte an der Wand. Ich klappte ihn auf, setzte mich und blickte auf die Uhr. Es war zwei Uhr fünfundvierzig. Der Mond warf seinen Schein auf die abertausend Blätter der Pflanzen, tauchte den Garten in ein grünes, beinah geisterhaftes Leuchten. Ich hob meine verletzte Hand. In diesem Licht sah sie brandig aus. Die Salbe mochte eine Amputation verhindert haben, war aber weder Antidot noch Heilmittel. Das Gift war tief in meine Epidermis eingedrungen, und ich konnte weiter nichts tun, als darauf zu warten, dass der Schmerz nachließ. Ich legte die Hand behutsam auf meinen Oberschenkel. Sie würde ihre frühere Kraft nie zurückerhalten, aber eine geschwächte Hand war immer noch besser als gar keine.
In einem der Häuser hinter meinem Wohnblock flammte ein Licht auf und brachte die roten Blüten der Mandevilla sanderi, die sich ums Geländer rankte, zum Glühen. Ich reckte den Hals und sah, dass der Schein aus Psychos Wohnzimmer kam. Der innere Kampf zwischen dem Respekt vor ihrer Privatsphäre und der Sorge um ihr Wohlergehen war in weniger als fünf Sekunden entschieden. Ich stand auf und trat ans Teleskop. Ein nackter Mann tigerte dort drüben quer durchs Zimmer, auf und ab mit langen, entschlossenen Schritten, und sprach dabei in ein Handy. Es war Fuchskraut, der Privatlehrer. Normalerweise verschwand er immer gegen zweiundzwanzig Uhr. Ich runzelte die Stirn, atmete aus und tat, was ich mir geschworen hatte, niemals zu tun. Ich schwenkte das Teleskop nach oben und richtete es auf Psychos vorhangloses Schlafzimmerfenster.
Das Zimmer lag im Dunkeln. Es war schwierig, etwas zu finden, auf das ich hätte scharf stellen können, weshalb ich kurz den Kopf hob. Als ich auf einer Seite des Zimmers ein schwaches Leuchten bemerkte, legte ich das Auge zurück ans Okular und fokussierte auf dieses Leuchten; das Licht eines kleinen Bildschirms. Jetzt, nachdem meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich Psycho aufrecht im Bett sitzen und auf die Tasten eines kleinen schwarzen Nokia drücken. Während sie tippte, blickte sie wiederholt hoch zur Schlafzimmertür, als hätte sie Angst, dass Fuchskraut hereinkäme. Dann entfernte sie den Rückendeckel des Nokia, nahm die SIM-Karte heraus, schob das Handy in die Schublade ihres Nachttischs, ganz nach hinten, ließ die SIM-Karte in ihren Kulturbeutel fallen und legte sich hin.
Gleich darauf jedoch setzte sie sich wieder auf und griff nach einem anderen Handy, das neben ihr auf dem Bett gelegen haben musste, ein Smartphone mit einem großen hellen Display, das ihr ganzes Gesicht beleuchtete. Mit gerunzelter Stirn scrollte sie am Bildschirm nach unten, tippte rasend schnell, kopfschüttelnd, mit beiden Daumen eine Textnachricht und verdrehte die Augen, als sie die Antwort las. Gerade tippte sie eine weitere Nachricht, als Fuchskraut in der Schlafzimmertür auftauchte, von hinten beleuchtet durch das Licht im Flur. Rasch schob sie das Handy unter die Bettdecke und lächelte. Ich richtete das Objektiv auf ihn. Er erwiderte ihr Lächeln nicht, sondern blickte von ihr zu der Stelle, wo sie das Handy versteckt hatte. Sie klopfte einladend mit der Hand neben sich aufs Bett. Er rührte sich nicht. Sie sah ihn einen Moment lang an, lächelnd, achselzuckend, dann hob sie die Bettdecke, und ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf eine perfekt geformte Brust.
Keuchend zuckte ich zurück, wandte heftig den Kopf ab und trat eilends den Rückzug zum Klappstuhl an. Was sollte ich jetzt tun? Was sollte ich nun mit diesem neuen Bild von ihr anfangen, das mich bei meinen verzweifelten Versuchen, in den Schlaf zu finden, quälen würde? Ich starrte das Teleskop an. Hielt mich mit aller Macht davon ab, zu ihm zurückzugehen. Zwang mich, meine Blicke über den Garten, die Dächer schweifen zu lassen, hoch zu den Sternen zu schauen, überallhin, nur nicht zum Teleskop. Doch schließlich stand ich wieder auf, überquerte auf bleiernen Beinen das Dach und senkte den Kopf ans Okular.
Das Schlafzimmer lag im weichen Schein des Mondlichts, das durchs unverhängte Fenster fiel. Gerade hell genug, um zwei Umrisse im Bett zu erkennen. Zwei Umrisse, die sich rhythmisch bewegten. Mit einem angewiderten Aufschrei taumelte ich zurück und hastete, am ganzen Körper Gänsehaut vor Ekel, die Leiter hinab in die Küche. Beide Hände vors Gesicht geschlagen, lief ich auf und ab, rannte gegen den Küchentresen, den Tisch, und wusste, dass ich das, was ich gesehen hatte, nie wieder ungesehen machen konnte.
Hinten in einem der Schränke stand eine Flasche Whisky, die Vater gehört hatte. Ich habe keine Ahnung, warum ich die noch hatte. Aus Nostalgie vielleicht. Jetzt holte ich sie heraus und stellte sie auf den Tisch, dachte, dass, wenn ich nur genug trinken würde, das gerade Gesehene wieder ausradiert werden könnte. Ich nahm die Flasche, legte die Hand an den Verschluss. Wenn ich nur genug trank, könnte ich vielleicht sogar schlafen. Ich drehte den Verschluss eine Viertelumdrehung weit auf, hielt inne, drehte ihn wieder zu und stellte die Flasche zurück an ihren Platz hinten im Schrank. Ich wusste, dass es für mich in dieser Nacht keinen Schlaf mehr geben würde, nicht einmal, wenn ich die Flasche austrank. Nein. Die einzige Möglichkeit, dieses Martyrium durchzustehen, lag in der Gewissheit, dass Fuchskraut gegangen war und Psycho in ihrem Bett lag und schlief … allein.
Ich saß noch eine weitere halbe Stunde an meinem Küchentisch, kroch dann zurück aufs Dach und legte mein Auge ans Okular. Mit sinkendem Mut sah ich Fuchskraut am Schlafzimmerfenster stehen und hinaus über die Gärten blicken. Allerdings war es dunkel. Er konnte nur sein eigenes Spiegelbild gesehen haben. Ich vergrößerte das Blickfeld und entdeckte, dass Psycho nicht mehr im Raum war. Als ich den Tubus schwenkte, sah ich einen Streifen Licht unter einer Tür, von der ich annahm, dass sie in Psychos Bad führte. Obwohl er mich abstieß, zwang ich mich, wieder auf Fuchskraut scharf zu stellen. Anders als die anderen Besucher war er kein junger Mann mehr. Dem Aussehen nach war er Mitte fünfzig und setzte bereits Fett am Bauch an, die Haut an den Oberschenkeln war schlaff, und an den Schläfen wurde er grau. Er stand breitbeinig da und kratzte sich die Hoden, strotzte vor Selbstgefälligkeit in seiner Nacktheit. Dann, vor seinem Spiegelbild im Fenster, legte er den Kopf zurück, um seine Zähne und die Nüstern zu begutachten, zog den Bauch ein und fuhr sich mit affektierter Geste durch die Haare. Und bei dieser Geste schnappte ich nach Luft, denn obwohl ich ihn seit Wochen beobachtet hatte – erst als er sich durch die Haare fuhr, erkannte ich ihn endlich.
ZUM ERSTEN MAL HATTE ICH meine Routine durchbrochen und war nicht aufs Dach gestiegen, um meinen täglichen Pflichten nachzukommen. Stattdessen hatte ich den Rest der Nacht und den ganzen folgenden Tag am Küchentisch gesessen, noch immer im Schutzanzug. Ich wusste, dass ich mich um die Pflanzen kümmern musste, aber ich hatte Angst, dass ich, wenn ich wieder hochstieg, der Versuchung nicht würde widerstehen können, mein Auge ans Teleskop zu legen, und der Gedanke, Fuchskraut oder, um ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen, Jonathan Wainwright zu sehen, erfüllte mich mit Verzweiflung und Grauen. Ich hatte Stunden in einem Zustand höchster Unruhe verbracht. Und nicht bloß Unruhe, da war noch etwas anderes, das ich nicht recht zu fassen bekam: ein sich endlos drehendes Karussell aus Gefühlen, erst Abscheu, dann Wut, Selbstmitleid, Demütigung und wieder Abscheu.
Wäre Psycho eine Pflanze gewesen, sie wäre das edelste Exemplar exotischer Vollkommenheit, das mir je untergekommen war, und Jonathan Wainwright, tja, der war ein obszöner Schädling, immer schon gewesen. Der Gedanke, dass er sie mit seinem fauligen Samen besudelte, ekelte mich an und empörte mich. Jonathans Dossier lag aufgeschlagen vor mir auf dem Tisch, doch ich brachte es nicht über mich, seinen Besuch auf der frischen Seite zu vermerken oder zu notieren, was er gemacht hatte. Es war, als hätte er sie entweiht.
Meine Gedanken schweiften zwanzig Jahre zurück, zu der Zeit, als ich ihm das erste Mal begegnet war. Er hatte Gefallen an einer Doktorandin gefunden, die bei mir im Labor an der Universität arbeitete, und hing deshalb ständig dort herum. Oft, wenn ich von meinen Vorlesungen zurückkehrte, fand ich ihn auf einem der Hocker sitzend, makellos herausgeputzt in Weste und Sakko, seine Initialen auf die steifen weißen Manschetten seiner teuren Hemden gestickt. Den Ellbogen auf der Arbeitsplatte, das Kinn in die Hand gestützt, den Blick auf sie geheftet. Sein geistloses Geplapper brachte mich zur Raserei. Ich verstand nicht, was ihr daran gefiel. Er war eine Nervensäge, lenkte uns von der Arbeit ab. Am schlimmsten war seine Art, sich dauernd in den spiegelnden Glastüren des Sammlungsschranks zu begutachten, die Geste, mit der er sich durch die Haare fuhr, sie vor und zurück strich, von rechts nach links. Die Art, wie er laufend nach Komplimenten gierte. Es war mir schleierhaft, was sie daran anziehend finden konnte und wieso sie sein Aufgeplustere noch mit sanftem Lachen unterstützte.
Als er dann allerdings seine Aufmerksamkeit mir zuwandte, wurde die Situation unerträglich. Seine unablässige Fragerei fing an, als er mitbekam, dass ich an einer Studie zu in der Natur vorkommenden pflanzlichen Halluzinogenen und den toxischen Wirkungen ihrer Überdosierung arbeitete: Er stellte Fragen zu den Samen von Ipomoea tricolor und Anadenanthera peregrina, den Blättern von Mitragyna speciosa Korth und Salvia divinorum, vor allem aber zu meinen Experimenten mit Banisteriopsis caapi und Psychotria viridis. Damals hatte ich sein Interesse einer kindischen Faszination für Halluzinogene zugeschrieben und es trotz seiner Hartnäckigkeit kategorisch abgelehnt, mich auf ihn einzulassen.
Ich klappte das Dossier zu, stand steifbeinig auf, ging in den schmalen Flur zu einem Foto von Vater, das dort an der Wand hing, und blieb davor stehen. Aufgewühlt und unruhig klopfte ich mit dem Fingerknöchel an das Glas über seinem Gesicht, drehte mich wieder um und ging durch den Flur zurück in die Küche. Das Bild der sich rhythmisch bewegenden Umrisse in Psychos Bett war den ganzen Tag über so oft vor meinem inneren Auge aufgeblitzt, dass es mich fast zur Verzweiflung trieb. Mich fast dazu trieb, mich zu betrinken. Zum zweiten Mal ging ich zu dem Schrank mit der Whiskyflasche und machte ihn auf. Von allen Männern auf der Welt, warum hatte sie ausgerechnet ihn wählen müssen? Warum Jonathan Wainwright? Ich starrte die Whiskyflasche an, atmete hörbar aus und kehrte zu Vaters Foto zurück.
»Ich weiß nicht, was ich tun soll. Du hast immer gewusst, was zu tun ist.«
Wenn ich als Kind aufgewühlt war oder frustriert oder verängstigt, nahm Vater mich mit auf lange Wanderungen durch die Wälder und Wiesen rund um Oxford, um, wie er es ausdrückte, »wieder ins Gleichgewicht zu kommen«. Unterwegs zeigte er mir Wildblumen und fruchttragende Sträucher, erzählte mir von traditionellen Anbaumethoden oder erklärte mir die medizinischen Eigenschaften jeder Beere, jedes Samenkorns und jeder Wurzel. Er lehrte mich die lateinischen sowie die Trivialnamen jeder Pflanze und fragte mich nach ihren Merkmalen und Anwendungsmöglichkeiten. Manchmal, wenn ich die Antwort nicht wusste und murrte, das sei doch bloß Unkraut, sagte Vater, dass es so etwas wie Unkraut nicht gebe. Von den ersten prähistorischen einzelligen Algen bis zur mächtigen Eiche mit ihren Zigmillionen Zellen hätten alle Pflanzen sich aus einem bestimmten Grund entwickelt. Heilsam oder giftig, jede einzelne Pflanze habe einen Platz im Ökosystem, und ich täte gut daran, das nie zu vergessen.
Ich nickte, holte tief Luft, ging ins Schlafzimmer, um mir den Schutzanzug auszuziehen, und machte mich auf zu einem langen Spaziergang durch den Heath, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Der Abend war warm, und auf der Hauptstraße wimmelte es vor Menschen. Die Tische vor den vielen Restaurants waren voll besetzt, vor dem Kino standen kleine Grüppchen und plauderten, und alle paar Minuten ergoss sich ein Zug voll Menschen aus der U-Bahn-Station. Ich hielt den Blick auf den Gehsteig gesenkt, vermied jeden Augenkontakt, doch als ich an der Fußgängerampel stand und wartete, spurtete plötzlich jemand an mir vorbei und stieß mich am Ellbogen. Ich schaute gerade noch rechtzeitig auf, um Psycho zu sehen. Ihre langen Haare, die sie zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden hatte, wippten hinter ihr her, dann wurde sie von einem zweistöckigen Bus verdeckt. Mein Herz machte einen Sprung.
Ohne zu überlegen, eilte ich ihr nach, um sie hinter dem Bus wieder zu Gesicht zu bekommen, aber noch bevor ich die andere Straßenseite erreicht hatte, rannte jemand anderes an mir vorbei. Die Holzabsätze seiner Cowboystiefel knallten laut aufs Straßenpflaster. Hundsbaum. Hundsbaum jagte hinter Psycho her. Ich beschleunigte meine Schritte, doch die beiden liefen die Straße in einer Geschwindigkeit hinab, die meine Kapazitäten bei Weitem überstieg, und dabei holte er immer mehr zu ihr auf.
»Lass sie in Ruhe«, schrie ich. »Haltet diesen Mann auf!«
Ich verfiel in einen holprigen, steifen Trab und reckte den Hals in dem Bemühen, an dem Bus vorbeizublicken.
»Haltet ihn auf!«
Ein paar Leute drehten sich zu mir um, doch die meisten ignorierten mich, und als die Straße endlich frei war, konnte ich Psycho nirgends mehr entdecken, nur noch Hundsbaum, der auf den gerade wieder anfahrenden Bus sprang.
»Verdammt!«, rief ich und schlug mir frustriert auf die Schenkel.
Diese ganzen Menschen auf den überfüllten Gehsteigen, und nicht ein einziger hatte versucht, ihn aufzuhalten.
»Er war direkt vor Ihnen!«, schrie ich. »Großer Gott. Sind Sie alle taub oder nur vollkommen unfähig?«
Wieder starrten ein paar Leute mich an, und ich starrte wütend zurück. Dann blickte ich dem Bus hinterher, und mir wurde klar, dass er die Haltestelle neben der U-Bahn-Station ansteuerte. Ich konnte nicht wissen, ob sie in dem Bus war, aber Hundsbaum hatte sie verfolgt. Warum hätte er auf den Bus aufspringen sollen, wenn nicht ihretwegen? Ich machte einen Schritt nach vorn. Keiner von beiden wusste, wer ich war. Ich konnte in den Bus steigen und beide beobachten. Mit Psycho zusammen aussteigen und dafür sorgen, dass sie ihr Ziel wohlbehalten erreichte. Ich stockte. Hundsbaum war ein gefährlicher Mann. Was, wenn er gewalttätig würde? Ich machte einen Schritt zurück. Und warum sollte ich jemanden beschützen, der mich letzte Nacht mit Jonathan Wainwright betrogen hatte?
Die Unfähigkeit, zu einem Entschluss zu kommen, lähmte mich, und ich stieß einen frustrierten Schrei aus.
Mein Lebenswerk bestand darin, die seltensten, wertvollsten Exemplare ihrer Gattung zu beschützen. Mit akribischer Sorgfalt über sie zu wachen. Ich war die einzige Person, die für diese Aufgabe geeignet war.
Ich machte einen Schritt nach vorn. Ich war die Einzige.
ALS ICH IN DEN BUS STIEG, waren bereits alle Plätze besetzt, und im Gang standen die Menschen dicht an dicht. Rasch musterte ich die Gesichter. Auf der unteren Plattform war sie nicht. Er auch nicht. Ich stieg die vordere Treppe nach oben, als der Bus unerwartet beschleunigte und ich nach dem Handlauf greifen musste, um von dem plötzlichen Schub nicht vor aller Augen aufs Oberdeck katapultiert zu werden. Ich hielt einen Moment inne, bis mein Herz sich wieder beruhigt hatte, und krallte mich dann auf halber Höhe fest, um von den erratischen Manövern des Fahrers nicht mehr treppauf oder treppab geschleudert zu werden. Aus dieser leicht verborgenen Position heraus sah ich die Beine der Passagiere auf dem Oberdeck, und sofort blieb mein Blick an einem Paar Cowboystiefel hängen. Offenbar war er über die hintere Treppe nach oben gekommen, denn er saß in der letzten Reihe, so breitbeinig, dass seine Nachbarin sich eng gegen das Fenster zwängen musste.
Ich konnte noch viel mehr Schuhe sehen, noch viel mehr Beine, und in einer der vorderen Reihen, beinah auf gleicher Höhe zu meinem Gesicht, fiel mir ein Paar heller weißer Turnschuhe ins Auge. Die Trägerin hatte ein Bein übers andere geschlagen, was einen schlanken, sockenlosen Knöchel entblößte, der frei schwebende Fuß wippte rhythmisch in der Luft. Ich reckte den Hals, um Psychos Kinn von unten sehen zu können, ihre schmalen Nasenflügel und die langen, geschwungenen Wimpern über den geschlossenen Augen. Sie hatte Kopfhörer aufgesetzt, kaute im Takt mit dem wippenden Fuß Kaugummi und nickte fast unmerklich dazu mit dem Kopf. Was immer sie da hörte, ließ sie ihre Umgebung völlig vergessen. Offenbar war sie sich meiner Nähe ebenso wenig bewusst wie der Anwesenheit des Mannes hinten im Bus.
Auf dem Sitz vor ihr hatte sich ein kleiner Junge zur Seite gedreht und ließ die Beine in den Gang baumeln. Er nuckelte an zwei Fingern und starrte mich unverwandt an. Ich wollte, dass er nach vorn schaute, die Aufmerksamkeit nicht auf mich lenkte, und bedeutete ihm mit ungeduldigem Handzeichen, sich richtig hinzusetzen. Er rührte sich nicht.
»Dreh dich nach vorn«, formte ich lautlos mit den Lippen.
Er starrte mich weiterhin an, mit baumelnden Beinchen. Ich gab ihm erneut ein Handzeichen, energischer diesmal, aber er hörte nicht auf zu starren. Ich warf einen Blick auf Psycho; zum Glück hatte sie die Augen immer noch geschlossen.
»Hör auf, mich anzustarren«, flüsterte ich. »Kümmere dich um deinen eigenen Kram.«
Schließlich nahm er die Finger aus dem Mund und fragte mit lauter, kieksender Stimme: »Maman, que fait cet homme?«
Seine Mutter schaute nicht von ihrem Handy auf. »Quoi? Quel homme?«
»L’homme rigolo. Là-bas.«
Der komische Mann?, dachte ich und blickte auf die leeren Stufen hinter mir. Meint dieser Knirps etwa mich?
Ohne den Blick vom Handy zu lösen, packte die Mutter die Beine des Kleinen und drehte ihn schwungvoll herum, sodass er mit dem Gesicht nach vorn saß. Ich sah erneut zu Psycho hinüber. Sie hatte die Augen nun geöffnet und lächelte dem Knirps zu. Doch als er langsam den Kopf drehte, um zurück zu mir zu schauen, folgte sie seinem Blick, und ich stieg rasch ein paar Stufen nach unten, bis ich nicht mehr zu sehen war.
Ich hatte keine Chance, meinen versteckten Beobachtungsposten, festgekrallt auf halber Höhe der Treppe, beizubehalten, denn pausenlos stiegen Menschen ein oder aus, die einen wollten nach oben und die anderen nach unten, und so suchte ich mir ein Fleckchen auf der unteren Plattform, lehnte mich zurück und wartete. Nach fast vierzig Minuten kam sie direkt vor meiner Nase die Treppe herunter. Ich war völlig überrumpelt. Der Bus war voll. Ich konnte nicht beiseitetreten. Ich konnte nur stehen bleiben und die Zähne zusammenbeißen, als sie mir heftig auf den Fuß trat, ihren Ellbogen in den Bauch rammte und mir ihre Haare ins Gesicht schleuderte, während sie sich aus dem Bus kämpfte. Ich konnte mich nur auf dieselbe Weise an den anderen Passagieren vorbei hinter ihr herkämpfen.
Sie ging jetzt vor mir, bewegte sich geschmeidig durch die belebten Straßen, wich entgegenkommenden Passanten mit langen, energischen Schritten aus, und ich hastete atemlos hinterdrein, rempelte Leute an, stolperte über Bordsteine und wünschte mir, sie würde langsamer gehen. Doch sie lief in diesem unmenschlichen Trab weiter die Wardour Street hinab und die Old Compton Street entlang, und als ich schon kurz davor war, die Verfolgung aufzugeben, bog sie in die Frith Street ein und setzte sich an ein Tischchen vor einem italienischen Café. Ich war völlig außer Atem und schnaufte hörbar. An diesem Abend war ich eigentlich zu einem langen, einsamen Spaziergang durch einen alten Wald aufgebrochen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Und jetzt machte ich genau das Gegenteil. Ich lehnte mich am unteren Ende der Straße gegen eine Mauer, zog ein Taschentuch hervor, setzte die Brille ab und wischte mir den Schweiß vom Gesicht.
