Nachwirkungen - Dieter K. Stellmacher - E-Book

Nachwirkungen E-Book

Dieter K. Stellmacher

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Roman "Nachwirkungen" zeichnet die Geschichte einer von außen gesehen durchschnittlichen bürgerlichen Familie während der letzten 100 Jahre nach, die von Migration, Krieg, Gefangenschaft, Vertreibung und persönlichen Tragödien, aber auch Überlebenswillen, Anpassungsfähigkeit, äußerlichen Erfolgen, Spiritualität und liebevollen Beziehungen geprägt ist. Der thematische Schwerpunkt liegt auf den Auswirkungen all dieser oft belastenden, meist von außen aufgezwungenen Ereignisse auf die psychische Befindlichkeit und das alltägliche Verhalten der Betroffenen und vor allem ihrer Kinder. Was geschieht, wenn traumatisierende Erfahrungen nicht als solche wahrgenommen, sondern verdrängt und überspielt werden? In welcher Form brechen sie sich dennoch Bahn? Inwiefern werden sie an die nächste Generation weitergegeben? Wie lassen sie sich allmählich überwinden? All diese Fragen werden aufgeworfen, das Buch lässt sich aber auch als Beschreibung einer Heilung alter Verletzungen lesen. Auch wenn sich die Handlung auf konkrete historische Ereignisse wie z. B. den Zweiten Weltkrieg und die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien bezieht, lassen sich viele der angesprochenen Themen (Auswirkungen traumatischer Erlebnisse, Gründe für Resilienz u. v. a. m.) mühelos auf andere Lebensumstände übertragen. "Nachwirkungen" ist ein psychologischer Familienroman vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20 Jahrhunderts.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dieter K. Stellmacher

Nachwirkungen

Geschichte einer vertriebenen Familie

Roman

© 2022 Dieter K. Stellmacher

Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-40476-2

Hardcover:

978-3-347-40477-9

e-Book:

978-3-347-40478-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Einband: Detail aus einem Gemälde von H. G. Stellmacher

Für

Andreas, Dorothee,

Ellen und Michael

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff

Einstimmung

Mörder

Als es klingelt, rennt der kleine Junge voller Begeisterung zur Eingangstür der geräumigen, fast herrschaftlichen Wohnung seiner Eltern. Seine großen, braunen Augen strahlen vor Vorfreude und Aufregung. Ob vielleicht jemand zu ihm möchte? Martin erinnert sich daran, dass meistens Besucher der Eltern oder Freunde des zehn Jahre älteren Bruders kommen, selten sind es Spielkameraden, die zu ihm wollen. Aber vielleicht dieses Mal?

Auf halber Strecke ruft ihn seine Mutter zurück und geht selbst zur Tür, nachdem sie blitzschnell ihr Äußeres im Spiegel kontrolliert, die Lippen nachgezogen und ihr Kleid glattgestrichen hat. Auch bei der Hausarbeit ist Emmi immer sehr gut gekleidet, sie benutzt nie eine Schürze, sondern passt beim Putzen und Kochen darauf auf, sich nicht zu beschmutzen. Die geschmackvoll eingerichtete Wohnung ist ständig in vorzeigbarem Zustand, frisch gereinigt, aufgeräumt und diskret dekoriert, besonders dem Vater ist es wichtig, dass jeder Besucher den Eindruck hat, in einem gepflegten, gediegenen und vor allem wohlhabenden Haushalt zu sein. Erst gestern hat Hans neue Blumenübertöpfe gekauft, in denen tropische Pflanzen wachsen, die seit Kurzem in einigen Geschäften angeboten werden. Martin lernt seltsame Wörter wie „Flamingoblume“ und „Bromelie“, sein Vater erklärt ihm, dass Letztere in den Blütenkelch gegossen werden sollen. Niemand, den er kennt, hat solche Blumen.

Während seine Mutter die Nachbarin – natürlich war es wieder niemand für ihn – mit leicht übertriebener Freundlichkeit und Jovialität hereinbittet, erinnert sich Martin daran, dass ihm strengstens verboten worden ist, allein die Eingangstür, die seine Eltern Entreetür nennen, zu öffnen, da das zu gefährlich sei. Fast täglich berichtet der Vater, dass schon wieder ein Kind, oft ein kleiner Junge, von einem Unbekannten ermordet worden sei, wie man in der Zeitung lesen könne.

Martin weiß, dass er auf der Hut sein muss, dass ihm viele Gefahren drohen. Vor einigen Tagen hätte er das fast vergessen, als ihm im Bus von einer mitreisenden älteren Frau ein Stück Schokolade angeboten wurde. Natürlich hätte er gern zugegriffen! Er mag doch Schokolade, die es nur gelegentlich und immer in kleinen Mengen gibt. Zum Glück war ihm in letzter Minute eingefallen, dass er nichts von Fremden annehmen darf. Also lehnte er schweren Herzens ab. Vielleicht hat er damit eine mögliche Vergiftung vermieden.

Auch letzten Sonntag, als er mit seinen Eltern in einem, wie sie es nennen, „gut bürgerlichen“ Restaurant war und ausnahmsweise allein zur Toilette gegangen ist - Emmi und Hans waren so angeregt in ein Gespräch mit dem Ober vertieft, dass er sie nicht stören wollte – konnte er in letzter Minute Schlimmeres verhindern. Kaum hatte er seine Hose geöffnet, als die Tür aufging und ein Fremder sich neben ihn vor die Kloschüssel stellte. Vielleicht einer dieser Mörder? Ohne lange zu zögern, schloss er seinen Hosenschlitz und drehte sich zur Tür. Dabei kreuzten sich ihre Blicke. Der Mann, der eigentlich gar nicht furchterregend aussah, schaute ihn verblüfft an. Dann rannte Martin zu den Eltern zurück, die ihr Gespräch beendet hatten, so dass der Vater mit ihm in die inzwischen wieder leere Klokabine gehen konnte.

In der Zwischenzeit ertönen Stimmen aus dem großen, repräsentativen, aber dennoch gemütlichen und einladenden Wohnzimmer, wohin seine Mutter die Nachbarin gebeten hat. Da er nicht mehr in den Kindergarten gehen darf – die Mutter meinte, die Kindergärtnerin habe ihn geohrfeigt und er sei heulend nach Hause gekommen, er selbst kann sich daran aber nicht erinnern, seiner Meinung nach war es im Kindergarten immer schön und er mochte die Kindergärtnerin ebenso wie die anderen Kinder, aber Mama muss es ja wissen – langweilt er sich zu Hause und belauscht gern die Gespräche der Erwachsenen. Gerade erzählt die Mutter von dem erlebnisreichen Nachmittag, den sie und ihr jüngster Sohn Martin letztlich zusammen verbracht haben. „Ja, das war ein wunderschöner Ausflug“, denkt er.

Es war einer der eher seltenen Schönwettertage im Oberharz. Bei strahlendem Sonnenschein und ungewohnter Windstille gingen sie ein Stück aus Clausthal-Zellerfeld heraus, durchstreiften blühende Bergwiesen, bewunderten die schönen Wildblumen und die vielen bunten Schmetterlinge und näherten sich einem kleinen Häuschen. Es sah genauso aus wie die Stellwerke neben den Schienen der Modelleisenbahnanlage seines großen Bruders, mit der er nur spielen durfte, wenn Bernd dabei war und aufpassen konnte, dass er mit seinen kleinen, ungeschickten Fingern nichts kaputtmachte. Meistens gab es dann Streit, weil er genau genommen gar nichts anfassen durfte und nur Bernd beim Spielen zusehen sollte, was aber langweilig war. Ohne zu fragen, war er neugierig und voll unbestimmt freudiger Erwartung auf das Häuschen zu gerannt, so dass der Mutter, die das eigentlich nicht wollte, nichts anderes übrigblieb, als ihm zu folgen. Noch bevor Emmi ihn zurückzerren konnte, trat der Gleiswärter heraus und lud ihn ein, in das Stellwerk zu kommen. Begeistert trat er mit seiner Mutter, deren panische Angst er nicht wahrnahm, ein und lauschte den Erklärungen des freundlichen Bahnbeamten. Als dann ein Signal ertönte, was bedeutete, dass ein Zug kam, durfte er mit dem Wärter zusammen einen riesigen Hebel herunterdrücken, mit dem sie eine Weiche für den herannahenden Zug stellten. Martin war überglücklich und erzählte während des ganzen Heimwegs seiner Mutter und später beim Abendessen seinem Vater und seinem Bruder, was er Tolles erlebt hatte.

Hinter der angelehnten Tür stehend wundert er sich darüber, was die Mutter zu diesem Nachmittag zu sagen hat: „Als wir in das Stellwerk hineingingen, dachte ich, jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen und er macht mich kalt!“

Endlich sind wir wieder wer

Ist der heutige Ausflug wieder so gefährlich?“, fragt Martin besorgt und gleichzeitig erwartungsfroh, als er mit seinen Eltern das Posterholungsheim verlässt, in dem die drei ihren Sommerurlaub verbringen. Anders als er sich es vorgestellt hatte, ist das Heim eine ehemalige Großindustriellenvilla, fast schon ein Schloss, liegt direkt am See und, das ist das Beste, verfügt über eigene Boote, mit denen die Gäste zum Sandstrand am gegenüberliegenden Ufer rudern können. Er liebt die Überfahrten, schaut dabei gern dem rudernden Vater und der lächelnden Mutter zu, darf manchmal eines der zwei Ruder vom Vater übernehmen und mit ihm zusammen das Boot in Bewegung halten. Er mag das große Zimmer mit dem Balkon, von dem aus er den See erblicken kann. In Clausthal haben sie keinen Balkon, es gibt dort auch kaum welche, für ihn ist es eine neue Erfahrung, draußen auf Augenhöhe mit den Bäumen zu stehen. Er sitzt gern in dem verandaartigen Speisesaal, aus dessen tiefen Fenstern man in den Park schauen kann. Ihm schmeckt das kräftige Essen, das der Mutter oft zu fett ist. Sie hatte sich erst gestern große Sorgen gemacht, dass er sich mit dem Bohneneintopf den Magen verderben würde. In einer Brühe voller Fleischstücke und Fettaugen auch noch Würstchen mitzukochen sei völlig übertrieben, hatte sie bemerkt. Ihm hatte es aber geschmeckt, wie dem Vater, der nichts weiter dazu gesagt hatte, den Magen hatte er sich auch nicht verdorben. Westberlin, der Kleine Wannsee, die Unterkunft, die Ausflüge, ihm gefällt einfach alles, die Ferien könnten besser nicht sein, auch die gestrige Bootsfahrt hat er in guter Erinnerung,

Er hatte die Eltern überredet, nicht nur bis zum Ende des Kleinen Wannsees zu rudern, sondern weiter in das nächste Gewässer, das viel breiter war und auf dem mehr Boote fuhren. Ganz weit weg sah man in das Wasser eingelassene Schilder, er bat Hans, so nah heranzurudern, dass sie die Beschriftung lesen konnten. Noch bevor er die Warnhinweise, dass dort der amerikanische Sektor Westberlins ende und das Hoheitsgebiet der DDR beginne, entziffert hatte, schrie Emmi laut auf: „Halt’ an, vorn sind die Russen, die erschießen uns alle!“ Sie war völlig außer sich, plötzlich leichenblass, zitterte an ganzen Körper. Fassungslos starrte sie Hans an, der unaufgeregt schon anfing umzudrehen. Martin wunderte sich über seine Mutter, es war doch überhaupt nichts passiert, außerdem hatten sie die Grenze noch gar nicht erreicht, vor ihnen waren einige Boote unterwegs. Schüsse fielen nicht.

Martin liebt aufregende Ereignisse, ist fast ein wenig enttäuscht, als ihm Hans mitteilt, dass sie heute im Grunewald spazieren gehen und die ganze Zeit im amerikanischen Sektor bleiben werden. Dass auch dort etwas geschehen kann, kommt ihm nicht in den Sinn.

Vor knapp einer Woche waren sie mit dem Flugzeug in Berlin-Tempelhof gelandet, in einer britischen Maschine, da die geteilte Stadt nicht von westdeutschen Fluglinien angesteuert werden durfte. Natürlich hatte er vor dem Flug, es war für ihn wie für seine Eltern der erste, Angst gehabt, hatte die Aufregung seiner Eltern gespürt, vor allem aber ihr Bemühen, sich nichts anmerken zu lassen. Während des Fluges hatte sich der Vater etwas entspannt, die Mutter saß die ganze Zeit über steif, mit schräg nebeneinandergestellten Beinen da, hatte immer wieder vergeblich Tabletten gegen Übelkeit angeboten, war, als sie ihn in die Klokabine begleitet hatte, kurz in Panik geraten, als sie die von innen verschlossene Tür nicht aufbekam, hatte sich dann zusammengenommen, es noch einmal ruhig probiert und schließlich die Tür geöffnet. Dann war lange nichts Aufregendes mehr passiert, nur kurz vor der Landung verkrampfte sich die Mutter noch stärker, hatte Mühe, als das Flugzeug endlich stillstand, ihre Erleichterung vor ihrem Sohn zu verbergen. Martin tat so, als hätte er es nicht bemerkt.

Zwei Stunden später stiegen sie vor dem säulenumrahmten Eingangsportal des Erholungsheims aus dem Taxi. Die Mutter in einem hellgrauen, ganz leicht in sich gemusterten, auf Figur geschnittenen Kostüm, das eine Schneiderin aus den Resten eines Herrenanzugs angefertigt hatte, dazu Stöckelschuhe und weiße, gehäkelte Handschuhe, die ihre durch die ständige Hausarbeit abgearbeiteten Hände bedeckten. Vor der Reise hatte sich die Haare kastanienbraun färben und frisch dauerwellen lassen. Wie immer war sie diskret geschminkt, wie immer hielt sie sich besonders gerade, wie immer lächelte sie nur gelegentlich, wirkte ernst und, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, eher traurig.

Der Vater im Anzug – anders verließ er das Haus nie –, allerdings nicht mit Krawatte, sondern wie üblich mit Fliege, da er meinte, sich dadurch von den anderen Anzugträgern abzusetzen und seine künstlerischen Neigungen zu betonen. Als junger Mann hatte er in seiner Freizeit gemalt, sich in seinen Tagträumen als umschwärmter Künstler in einem Pariser Atelier gesehen. Er liebte es, sich ein Leben in der „Bohème“ auszumalen, hatte es aber nie als ernstzunehmende Möglichkeit in Erwägung gezogen. Eine Weile hatte er überlegt, der Empfehlung seines Geigenlehrers zu folgen und sich zum Berufsmusiker ausbilden zu lassen, fand dann aber, dass sein Talent dazu nicht ausreiche, hatte dann diesen Plan aufgegeben, da er sich nicht mit Mittelmaß begnügen wollte. Die Liebe zur Malerei und besonders zur Musik hatte er sich aber tief in seinem Inneren bewahrt, hoffte, irgendwann seine künstlerischen Neigungen wieder ausleben zu können.

Der jetzt, im Sommer 1962, achtjährige Martin trug eine mittelgrau wirkende, aus schwarz-weiß gemusterten Pepitastoffresten geschneiderte kurze Hose, dazu eine aus dem gleichen Material genähte Weste. Darunter ein weißes Hemd, dessen Kragen eine fertig gekaufte, schwarze Samtschleife zierte. Die weißen Söckchen steckten in leichten Sommerschuhen aus schwarzem Lack, auf deren Kauf der Vater bestanden hatte. Obwohl Martin seine Kleidung gefiel, fühlte er sich in ihr unwohl, wie verkleidet, außerdem hinderte sie ihn beim Spielen, da er sie möglichst nicht beschmutzen sollte. Deswegen hatte er sich bisher auch geweigert, sie in der Schule – er ging in die zweite Klasse - zu tragen. Nicht auszudenken, was die anderen Jungen zu seinen Lackschuhen gesagt hätten! Keiner trug solche Schuhe, auch eine Samtschleife hatte er noch nie bei irgendeinem seiner Klassenkameraden gesehen. Er wollte so aussehen wie alle, nicht auffallen, dazugehören, auch äußerlich. Für die Reise war er mit der Kleidung aber einverstanden.

Während der Taxifahrer sich um die Koffer kümmerte, nahmen die Eltern Martin an der Hand und steigen die ausladenden Treppen zum geöffneten Eingangsportal hinauf. Martin spürte die kalte, sanfte Hand der Mutter und die warme, weiche seines Vaters, fühlte die Aufregung der Eltern, die sich stark voneinander unterschied. Die Mutter schien eher ängstlich zu sein, so wie er, wenn er vor der Klasse ein Gedicht aufsagen sollte, der Vater wirkte auf ihn erwartungsfroh, wie er selbst beim letzten Schulausflug, kurz bevor sie im Zellerfelder Bergwerksmuseum in die Silbermine hinabgestiegen waren.

Als sie die geräumige Eingangshalle betraten, zog der Vater seinen Hut, den er für den kurzen Weg zwischen Taxi und Eingangstür aufgesetzt hatte, und Martin spürte, wie er sich auf einmal versteifte, ahnte, was jetzt kommen würde, wollte sich ein wenig abseits halten, die Eltern ließen ihn aber nicht los.

„Gestatten, darf ich mich bekannt machen? Mein Name ist Hans Zimmermann, ich bin der Leiter des Postamts Clausthal-Zellerfeld.“ Der Vater ließ keine Gelegenheit aus, sich ausführlich, fast jedes Mal mit denselben Worten, vorzustellen, schien das irgendwie zu genießen. Martin war das immer einfach nur peinlich, Hans war ihm dann fremd, selbst seine sonst liebe Stimme klang bei diesen Gelegenheiten falsch, seine betonte Freundlichkeit künstlich, fast wie geheuchelt. Auf seinem Gesicht erschien dann immer ein maskenhaftes, erzwungen wirkendes Lächeln, das Martin abstieß. Aber da kam noch etwas anderes hinzu, das ihn diese Situation als so unangenehm empfinden ließ. Sein Vater schien mit allen Mitteln sein Gegenüber beeindrucken zu wollen, wirkte auf Martin schwach und unsicher, abhängig von dem Urteil der anderen. Wieso erheischte er die Bewunderung wildfremder Menschen, die sich vermutlich kaum für ihn interessierten, deren Urteil doch eigentlich wenig Bedeutung für ihn hatte? Fügte er deshalb jedes Mal seinen Beruf hinzu? Hätte er das auch getan, wenn er Briefträger wäre? Ging es nicht eher um den Begriff „Amtsleiter“? Martin hatte beobachtet, dass die meisten Leute, wenn sie sich vorstellten, einfach nur ihren Namen nannten, ohne dieses ganze komische Brimborium. Zu allem Übel stellte Hans jetzt auch noch Emmi und, noch peinlicher, ihn, seinen Sohn, vor. Martin wäre am liebsten weggerannt, auch der sichtliche Stolz des Vaters auf seine Familie versöhnte ihn nicht, er fühlte sich irgendwie vorgeführt, nur dazu da, den Vater noch erfolgreicher erscheinen zu lassen. Wie die Mutter ein weiterer Beweis dafür, dass Hans „jemand ist“ oder, mit Emmis Worten, „etwas darstellt“.

Hier in der Eingangshalle fühlte er sich so wie an manchen Sonntagnachmittagen, an denen ihn die Eltern zum „Fünf-Uhr-Tee“ in irgendwelche rauchgeschwängerten Tanzsäle mitnahmen und der Vater mit der Mutter, die das eigentlich nicht mochte („Dann sehen ja alle meine Krampfadern!“), den Tanz eröffnete. Wenn dann alle anderen Gäste seine Eltern anstarrten, den strahlenden Vater und die gequält lächelnde Mutter, beide wie aus dem Ei gepellt die in der Tanzstunde gelernten Schritte und Figuren vorführend, war ihm das immer so unangenehm, dass er am liebsten im Erdboden verschwunden wäre.

Dann doch lieber eine kleine Wanderung durch den Grunewald. Auf dem von Bäumen umsäumten Fußweg sind sie fast allein, in peinliche Situationen wird er hier sicher nicht geraten, besonders interessant ist der Ausflug bisher allerdings auch nicht. Nur Bäume und Büsche, nicht einmal irgendwelche Tiere, dafür aber die Vorfreude auf das Waldlokal, das sie ansteuern und das, so hatte ein anderer Gast den Eltern gesagt, für seine Windbeutel berühmt sei.

Nach einer Weile bleibt der Vater stehen und verzieht die Nase: „Wonach riecht das hier?“, fragt er wohl eher sich selbst und sein Gesicht bekommt den unternehmungslustigen und neugierigen Ausdruck eines Jungen, der sich bei einer Schatzsuche kurz vor dem Ziel glaubt. Die Geruchsfährte aufnehmend geht er vom Weg ab tiefer in den Wald hinein, Martin folgt ihm interessiert. Eigentlich darf er bei Familienwanderungen den Weg nicht verlassen, da ihm im Waldesinnern Gefahren drohen, wie ihm immer wieder gesagt wird. Aber hinter dem Vater hergehen darf er natürlich. Selbst die Mutter, die Schuhe mit hohen Absätzen trägt, mit denen sie im Waldboden einsinken könnte, folgt ihnen. Martin vermutet, dass sie vor Ort sein will, wenn er sich verletzt oder einem gefährlichen Tier wie einer Kreuzotter begegnen sollte. Ihm geht es gut, er ist gespannt, was der Vater entdeckt hat. Jetzt ist die Wanderung doch nicht so langweilig.

Plötzlich hält Hans an, schaut nach unten. „Was sieht er?“, überlegt Martin, der nur noch wenige Schritte von ihm entfernt ist, „vielleicht ein interessantes Tier oder eine seltene Pflanze?“ Dann erkennt er eine Spaziergängerin, die unter einem Baum hockend ihre Notdurft verrichtet. Instinktiv will Martin umkehren, merkt aber noch im Umdrehen, dass sein Vater stehen bleibt, unterbricht deshalb seine Bewegung und starrt ihn an. Wieso kommt Papa nicht? Was macht er? Zu seinem Erstaunen zieht Hans formvollendet seinen Hut und setzt das Lächeln auf, das in allen formellen Situationen auf seinem Gesicht erscheint.

„Gestatten, darf ich mich bekannt machen? Mein Name ist Hans… Ich bin der Leiter des Postamts von…“

Martin schaut ihn fassungslos an. Was soll das? Wieso verhält sich Papa so eigenartig? Sein Benehmen ist ihm so peinlich, dass er sich auf einmal auch körperlich schlecht fühlt. Er schämt sich für ihn. Obwohl er am liebsten ganz weit weg wäre, bleibt er wie angewurzelt stehen. Er will wissen, wie das weitergeht.

„Luise Holtmeier“, hört er die Hockende leise antworten. Ihre Stimme klingt gequält. Martin sieht ihren völlig entgeisterten Blick. Dann kehrt der Vater endlich um, grinst amüsiert.

„Das war Frau Holtmeier. Vermutlich hat sie Durchfall“, sagt er zu Emmi, die ein Stück hinter ihnen abgeblieben ist.

Er ist gut gelaunt.

Erster Teil

Sehnsucht

Fahren heute nach Himmelreich“, sagte der Vater in gebrochenem Deutsch. „Ins Himmelreich? Wirklich?“, wiederholte das kleine Mädchen voll Begeisterung und Vorfreude, „Da will ich mit!“ Ihre Wangen begannen zu glühen und als die älteren Geschwister merkten, wie aufgeregt sie war, lächelten sie, fühlten sich überlegen, sagten aber nichts. Emmi behielt für sich, warum sie sich so freute.

Herr Maiwald, der schon seit einigen Jahren für Boguslaw, Emmis Vater, arbeitete, hatte die frisch gestriegelten Pferde vor die gereinigte Kutsche gespannt und hielt nun die Tür auf, damit die Familie einsteigen konnte. Sie stand neben dem kleinen Wohnhaus und dem großen Mietshaus in der Schlossstraße in Bad Warmbrunn, direkt am Zacken, einem Fluss, der sein frisches, klares Wasser aus dem Riesengebirge bezieht. Aus einem der Fenster des größeren Hauses schauten Emmis Oma und deren unverheiratete Tochter Edeltraut Nase, die „Tante Nase“ genannt wurde. Die zwei Frauen winkten, als sich die Kutsche in Bewegung setzte. Die beiden halbwüchsigen Brüder, Herbert und Willi, dürften vorn bei Herrn Maiwald sitzen, hinten nahmen der Vater, die neue Haushälterin, Emmi und ihre Schwestern, Hedel und Luzie, Platz. Hedel, die Älteste, war schon fast ein junges Mädchen, Luzie und die nur ein Jahr jüngere Emmi, das Nesthäkchen, gingen noch in den Kindergarten. Die Haushälterin war eine frisch geschiedene, leicht füllige, blonde Enddreißigerin, die von den Kindern „Tante Trude“ genannt wurde und nun schon einige Monate im Haus der Familie lebte. Der Vater ging schon auf die fünfzig zu, war aber immer noch schlank, hatte volles, schwarzes, gelocktes Haar und trug einen Backenbart. Nur an seine Schläfen zeigten sich die ersten grauen Haare, was ihm aber gut stand.

Er hatte es nach und nach zu großem Wohlstand gebracht, nachdem er um 1890 als junger Mann, fast mittellos, aber mit einer abgeschlossenen Ausbildung als Gartenbauingenieur sein heimatliches Tschenstochau, das zu dieser Zeit zum Russischen Zarenreich gehörte, aus Mangel an beruflichen Möglichkeiten verlassen hatte und ins Deutsche Kaiserreich, nach Bad Warmbrunn in Niederschlesien, ausgewandert war. Obwohl er nur Polnisch und Russisch sprach, fand er eine Anstellung in einem Gartenbaubetrieb, den er nach dem Tod des Besitzers übernehmen konnte. Als einige seiner Kunden im um die Jahrhundertwende aufblühenden Bad Warmbrunn, das auch dank der neuen Eisenbahnverbindungen viele Kurgäste aus Berlin, Dresden, Prag und Breslau anlockte, in ihren Gärten Mauern und Terrassen anlegen lassen wollten, stellte er einige Maurer ein und legte damit den Grundstein für ein sich ständig vergrößerndes Bauunternehmen. Im Hirschberger Tal, das als Ort der Sommerresidenz des Kaisers viele wohlhabende Familien dazu bewegte, sich ebenfalls in dieser lieblichen Landschaft ein Sommerhaus bauen zu lassen, lernte er bei der Beaufsichtigung der Arbeiten zur Anlage eines Gartens in einer dieser Villen eine junge Frau kennen, die seine große Liebe wurde. Er heiratete sie, bekam mit ihr einen Sohn, den behinderten Kaspar, bei dessen Geburt sie verstarb. Kaspar, der sehr schwächlich war, lebte bis zu seinem frühen Tod bei seinem Vater, Emmi hatte ihn noch gekannt, erinnerte sich aber nur schemenhaft an ihn.

Jetzt lächelte sie still vor sich hin. Sie war ja auf dem Weg ins Himmelreich. Dort würde es bestimmt wunderbar sein. Hatten nicht Tante Nase und Oma gesagt, die Mama sei jetzt im Himmelreich und würde von dort aus über ihre Kinder wachen? Also müssten sie sich doch heute wiedersehen. Würde ihre Mama sie dann endlich wieder in den Arm nehmen, was sie schon so lange vermisste? Oft träumte sie nachts davon, manchmal in unbeobachteten Momenten sogar während des Tages. Wäre dann nicht endlich wieder alles gut? Erst vor zwei Tagen, als ihre Freundin Hertha von ihrer Mutter im Kindergarten abgeholt und dabei zärtlich umarmt und liebkost wurde, hatte sie einen stechenden Schmerz in der Herzgegend und noch stärker im Bauch gespürt. Als Herthas Mutter dann auch ihr sanft über den Kopf strich, hatte sie einen Moment gedacht, es sei ihre eigene Mama…um dann umso schmerzlicher ihren kurzen Irrtum zu empfinden.

Sie wollte endlich wieder bei ihrer Mama sein!

Vor dem Ausflug hatte Boguslaw, wie jeden Sonntag, darauf bestanden, dass die Familie am katholischen Gottesdienst teilnahm. Als Sohn eines Kantors war ihm der Ablauf der Messe so vertraut, dass es ihn nicht störte, nicht alles, was auf Deutsch gepredigt wurde, zu verstehen. Außerdem war das Kirchengebäude renovierungsbedürftig und er rechnete sich gute Chancen aus, die entsprechenden Aufträge zu bekommen, zumal sein einziger Konkurrent evangelisch war. Als sie an der Kirche vorbeifuhren, erinnerte er sich daran, dass er dort als junger Witwer nicht nur Trost, sondern auch seine zweite Frau gefunden hatte. Zunächst wechselten die beiden stumm verstohlene Blicke, bis er einige Sonntage später Elisabeth, die, wie sich herausstellte, mit ihrer Mutter und Schwester aus Berlin zugezogen war, anzusprechen wagte. Nach und nach kamen sie sich näher und schließlich fand ihre Hochzeit am selben Ort statt, an dem sie sich kennengelernt hatten. Sie, die eigentlich gar keine Kinder haben wollte, gebar ihm in der Ehe zwei Söhne und drei Töchter und verstarb nach einer Abtreibung.

Emmi, das Nesthäkchen, war damals erst drei Jahre alt und konnte sich daran erinnern, dass sie durch das ganze Haus gelaufen war, um ihre Mama zu suchen, die plötzlich nicht mehr da war. Wieso waren alle Spiegel mit schwarzen Tüchern verhängt? Warum sprachen alle so leise? Aber vor allem, wo war ihre Mutter? Als sie sich in ihrer Panik ihrer Tante anvertraute, sagte die ihr, die Mama schliefe, sie dürfe sie von Weitem sehen, aber nicht stören. Daraufhin führte Tante Nase sie an der Hand in ein abgedunkeltes Zimmer, in dem ihre Mama vollständig angezogen in einem Holzkasten lag. Emmi riss sich los, rannte zu dem Kasten und schmiegte sich an die Schlafende, die sich seltsam kalt anfühlte. Als es dem erschrockenen kleinen Mädchen nicht gelang, sie aufzuwecken, es verzweifelt und hilflos zu weinen anfing, wurde Emmi sanft von Hedel, ihrer ältesten Schwester, aus dem Zimmer geführt. Am nächsten Tag sah sie schwarz gekleidete Männer, die die Mutter, die immer noch mit gefalteten Händen in der Holzkiste schlief, aus dem Haus trugen. Tante Nase erklärte ihr, dass die Mama ins Himmelreich komme.

Die Stimmung in der Kutsche wurde immer besser. Selbst der Vater, vor dem die Kinder große Angst hatten, schien entspannt und nachsichtig. Als Willi und Herbert anfingen, sich zu stupsen, ermahnte Boguslaw sie, ganz ohne zu schimpfen. Das kam selten vor. Meist prügelte er seine Kinder, wenn sie sich seiner Meinung nach schlecht benommen hatten. Die Brüder wurden immer als Erste geschlagen, oft mit einem Rohrstock, dann kamen die Schwestern an die Reihe, die nur mit der Hand gezüchtigt wurden. Emmi schrie während der Bestrafungsaktion immer so laut, dass sie nicht mehr drankam, was ihr hasserfüllte Blicke von Luzie einbrachte, die nur ein Jahr älter war, aber nicht den Schutz des Nesthäkchens genoss. Wenn die Brüder besonders brutal geschlagen wurden, hängte Tante Nase ein Schild auf das gemeinsam benutzte Klo im Treppenhaus, auf dem „Pferde werden gestriegelt, Jungen geprügelt“ stand. Mehr Protest wagte sie nicht, da sie mit ihrer Mutter umsonst in einer der Wohnungen des Boguslaw gehörenden Mietshauses wohnen durfte.

An diesem Tag aber war der Vater sehr gut gelaunt. Wie immer wollte er, dass gesungen wurde, am liebsten „Am Brunnen vor dem Tore“, „Kein schöner Land“ und „Die Gedanken sind frei“. Die Brüder sangen nicht mit, sie hatten auch seltsame Krächzstimmen, die manchmal mitten in einer Melodie umkippten. Emmi hatte das Wort „Stimmbruch“ gehört, was sie sehr eigenartig fand. Wie können Stimmen denn brechen? Aber jetzt, kurz vor ihrem Ziel, spielte das alles keine Rolle für sie. Strahlte der Vater so, weil er sich auch auf das Wiedersehen mit Mama freute? Emmi sang nur ganz leise mit, die Schwestern etwas lauter, nur Tante Trude hatte eine richtig schöne Stimme. Sie strahlte über das ganze Gesicht, während sie sang. Gelegentlich unterstrich sie die Liedtexte mit Arm- und Handbewegungen, bei denen sie auch die Arme und Hände des Vaters berührte. Boguslaw, der nicht mitsang, schaute voll Bewunderung auf sie.

Emmi hatte sich gut auf das Wiedersehen vorbereitet. Oft hatte sie sich gefragt, warum ihre Mama sie denn verlassen habe. War sie vielleicht nicht immer brav genug gewesen? Hatte sie nicht immer gehorcht? Wollte ihre Mutter mit so einem bösen Mädchen nichts mehr zu tun haben? Sie konnte sich aber nicht daran erinnern, dass ihre Mama jemals mit ihr geschimpft hatte. Aber jetzt war sie immer brav. Ihre Mama im Himmelreich sah doch alles, was sie tat, das hatte ihr schon Fräulein Schmidt, die vorige Haushälterin, gesagt. Tante Trude hatte dasselbe gemeint, als sie die dicke Kohlsuppe wegen der vielen Mehlklümpchen nicht essen wollte: „Die Mama im Himmelreich schaut dir immer zu. Du willst doch nicht, dass sie traurig wird. Also iss jetzt brav auf! “ Seither hat sie sich ständig angestrengt, hat, ohne zu murren, alles gegessen, was ihr auf den Teller getan wurde, hat immer gehorcht. Nein, sie hat sich nichts vorzuwerfen, die Mama wird mit ihr zufrieden sein.

„Wir sind da!“, rief Herr Maiwald, als die Kutsche anhielt. Wieder hielt er die Tür auf, als Erster stieg der Vater aus, half der Haushälterin aus dem Wagen, hielt dabei ihre Hand etwas länger als nötig. Dann kamen die Schwestern, zum Schluss Herbert und Willi. Die Kutsche stand vor einem hübschen Haus mit Blumenkästen auf den Fensterbänken, in denen rote Geranien blühten. Über dem Eingang hing ein großes Schild, das Emmi nicht lesen konnte. Das Haus sah so aus wie viele, die Emmi kannte, eigentlich ganz normal. Das also war das Himmelreich. Sie hatte es sich anders vorgestellt, irgendwie schöner. Die Mama konnte sie nicht sehen. Wo war sie denn, warum kam sie nicht mit ausgebreiteten Armen auf sie zu? War das überhaupt schon das Himmelreich, oder mussten sie vielleicht noch weitergehen?

Emmi war verwirrt. Weil ihr Vater so gut gelaunt war, wagte sie es, ihn zu fragen, wo denn nun das Himmelreich sei. Er verstand zunächst nicht, was sie meinte, dann wurde ihm ihr Irrtum klar. „Aber Emmi, du Dummerchen“, sagte er und nahm sie auf seinen Arm, „Himmelreich ihst doch nur Name von Gasthaus, ihst doch hier!“. Enttäuscht und verzweifelt klammerte sich Emmi an ihn, während sie die Tränen in sich aufsteigen spürte. Er strich ihr übers Haar, küsste sie sanft auf die Wange und schaute dabei auf die neue Haushälterin, die gerade das Esslokal betrat. Sein Blick fiel zunächst auf ihre leicht gelockten, halblangen Haare, wanderte dann über ihren Rücken herab zur engen Taille, um bei den Hüften, die sich leicht bewegten, zu verweilen. Emmi begann zu schluchzen. „Ihst doch nie so sehr schlimm, gleich gibt gute Essen“, versuchte er sie zu trösten und drückte seine inzwischen von Weinkrämpfen geschüttelte Tochter fester an sich, während sein Blick von den Hüften der Haushälterin zu ihren leicht rundlichen Waden wanderte.

Er lächelte.

Bruch

Irgendetwas ist im Gange, dachte Hans schon seit einiger Zeit. Besonders die Mutter war oft gereizt, hatte ihn sogar angeschrien, als ihm ein Glas heruntergefallen war. So kannte er sie gar nicht. Mehrfach waren die Eltern verstummt, als er das Zimmer betrat, hatten dann das Thema gewechselt. Sie taten das aber so ungeschickt, dass ihm klar war, dass sie etwas vor ihm geheim halten wollten. Er hatte noch mit niemandem darüber gesprochen.

Letztes Wochenende war die Familie zu den Großeltern ins einige Kilometer östlich gelegene Schwersenz, seinen Geburtsort, gefahren. Dort hatte er dieses unbestimmte Gefühl vorübergehend kurz vergessen, da alles wie immer war. Die Großmutter hatte ihren berühmten Mohnkuchen mit Streuseln gebacken, dessen verführerischer Duft ihn schon beim Betreten des Hauses empfing und die vielen guten Erinnerungen an vorherige Besuche wachrief, hatte ihn, seinen Zwillingsbruder Kurt und die drei Jahre ältere Schwester Ruth wie üblich ständig verwöhnt, allerdings beim Abschied ihre Tränen nicht mehr zurückhalten können, was ihr sonst doch immer gelang.

Natürlich hatte sie wie beim letzten Besuch von den Heldentaten ihrer Katze Minka geschwärmt, die darin gipfelten, dass sie letzten Freitag wieder einmal aus der Küche der reichen Verwandten nebenan einen Fisch gestohlen habe, ihn brav im Maul tragend unversehrt zu ihr gebracht und dort gewartet habe, bis ihr die Abfälle zu fressen gegeben worden seien. Keine andere Katze könne einen Fisch im Maul behalten, ohne ihn zu fressen, das sei eben das Besondere an Minka, hatte die Großmutter mehrfach betont. Hans hatte Minka einfach lieb, hätte sie genauso gemocht, wenn sie nicht solche angeblich ganz besonderen Fähigkeiten an den Tag gelegt hätte, hörte seiner Oma aber gern zu.

Im Nachbarhaus, das man mit Fug und Recht als Villa hätte bezeichnen können, wohnte Großtante Hilla, eigentlich hieß sie Hildegard, die Schwester des Großvaters, die den reichen Erben der großen Möbelfabrik geheiratet hatte und diese wiederholten Diebstähle nie bemerkte oder vielleicht auch nur so tat. Auch dass der Großvater politisch links stand und sich rühmte, bei irgendwelchen Unruhen die Rote Fahne auf dem Posener Rathaus gehisst zu haben, tat der guten Beziehung zwischen den ungleichen Verwandten anscheinend keinen Abbruch. Hans verstand zwar nicht so richtig, was an einer roten Flagge so besonders sein soll, bewunderte seinen Opa aber für den Mut, den man nach einhelliger Meinung der Erwachsenen für eine derartige Aktion brauchte.

Wieder zuhause in der Bäckergasse in Posen gingen die seltsamen Vorfälle aber weiter. Als die Wohnung über ihnen frei wurde, weil die Familie Herkner nach Berlin ausgewandert war, zogen neue Mieter aus Ostpolen ein, einem Gebiet, das bis zur Neugründung der Republik Polen nach Ende des Ersten Weltkriegs zum Russischen Reich gehört hatte, wie er aus dem Geschichtsunterricht wusste. Hans wunderte sich über das in seinen Ohren seltsam klingende Ostpolnisch der neuen Nachbarn, das man jetzt allerdings öfter hörte, da viele Neuzuwanderer nach Posen kamen, freundete sich aber bald mit dem gleichaltrigen Janek an. Von ihm erfuhr er, dass seine Eltern in Posen nicht nur sofort Arbeit gefunden hatten, sondern auch viel mehr verdienten als im Osten. Schade nur, dass dieser Junge nicht wie er selbst auf das deutsche Gymnasium, sondern auf die polnische Schule ging, so dass die beiden sich nur in der schulfreien Zeit sehen konnten.

Als Hans Janek eines Nachmittags nach dem Spielen auf der Straße mit zu sich nach Hause nahm, wunderte er sich, dass Agnes, seine Mutter, nicht nur mit dem Gast, sondern auch mit ihren eigenen Kindern nur polnisch sprach, solange Janek da war. Hans war so verwirrt, dass er zunächst gar nicht wusste, wie er seiner Mutter und seinen Geschwistern antworten sollte, da die Familie bisher miteinander ausschließlich deutsch gesprochen hatte. Was sollte das?

Bei den Gebeten vor und nach den Mahlzeiten – die Eltern waren fromme Baptisten – ebenso wie bei der Hausmusik, wenn Ruth sang, während einer ihrer Brüder, manchmal auch der Vater, sie am Klavier begleitete, achteten die Eltern seit Kurzem darauf, dass die Fenster geschlossen wurden

Der Vater, Max, der als Oberkellner im vornehmsten Restaurant der Stadt, dem Ratskeller, arbeitete, erzählte jetzt auch seltsame Dinge, die Hans nicht einzuordnen wusste. Bisher wurden die Gäste meist auf Deutsch, manchmal aber auch auf Polnisch bedient, je nachdem, in welcher Sprache sie sich an das Personal wandten, die Speisekarte wurde aber, wie es sich zu dieser Zeit für ein sehr feines Restaurant gehörte, auf Französisch verfasst. Der Vater sprach diese Sprache zwar nicht, hatte aber auf der Hotelfachschule gelernt eine Speisekarte ins Französische zu übertragen und da er als einziger Angestellter über diese Fähigkeit verfügte, gehörte das Übersetzen des wöchentlich wechselnden Speiseangebots zu seinen dienstlichen Aufgaben. Eines Tages wurde den Angestellten vom deutschen Besitzer mitgeteilt, die Behörden wünschten keine fremdsprachigen Speisekarten mehr, in Polen solle nur noch Polnisch verwendet werden. Außerdem seien Leitungsaufgaben nur noch von Polen auszuüben, Max könne also nicht mehr die Stelle eines Oberkellners bekleiden, sei ab sofort nur noch einfacher Kellner.

Im Gymnasium munkelte man, dass alle deutschsprachigen Schulen geschlossen werden sollten, einige Mitschüler sprachen sogar ganz offen darüber, dass ihre Eltern sie dann auf ein Internat nach Deutschland schicken würden, andere wiegelten ab und meinten, so schlimm werde es schon nicht kommen. Währenddessen ging der Schulalltag wie gehabt weiter, Hans wusste, dass er in der Polnischstunde als Antwort auf die Frage, woher der Name Poznań komme, eine andere Geschichte erzählen musste als im deutschsprachigen Geschichtsunterricht, wenn er die Herkunft des Namens Posen erklären sollte. In beiden Fällen zielten die Darlegungen darauf ab, zu beweisen, dass die Stadt von der einen beziehungsweise der anderen Nation gegründet worden sei, die folglich allein Anspruch auf sie erheben könne. Hans durchschaute das als Propaganda, ihm war mit seinen elf Jahren klar, dass beide Theorien vermutlich erfunden waren, auf jeden Fall keine Bedeutung für die Gegenwart hatten.

Nach dem Gottesdienst in der Baptistengemeinde, zu dem Max und Agnes die Kinder immer mitnahmen, wurde die politische Lage diskutiert und Hans verstand, dass Vater und Mutter bald gezwungen sein würden, eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen: Wenn sie ohne Schikanen und ständige Benachteiligungen für sich, vor allem aber für Ruth, Kurt und ihn selbst, in Posen bleiben wollten, müssten sie Polen werden, zunächst einen Antrag auf polnische Pässe stellen. Man würde ihnen dann einen anderen Nachnamen und auch andere Vornamen geben. Die Sache mit den Pässen verstand er nicht so richtig, in seinem Alltag hatten sie bisher keine Rolle gespielt, unter dem Begriff Namensänderung konnte er sich aber sehr wohl etwas vorstellen. Wie würde er denn dann heißen? Er war doch Hans, oft nannten ihn die Eltern Hänschen, die Oma sagte oft Herzchen zu ihm, natürlich auf Deutsch, wie denn sonst? Wieso sollte es ein Problem sein, Hans zu heißen? Auch Janek nannte ihn so, ebenso wie alle polnischen Spielkameraden. Müssten sie dann etwa auch innerhalb der Familie ihre neuen Vornamen benutzen? Er konnte sich das gar nicht vorstellen, so seltsam war das. Wäre er dann überhaupt noch derselbe Junge? Noch im letzten Schuljahr hatten sie gelernt, dass in Polen viele Deutsche, Ukrainer, Litauer, Juden, Weißrussen, Tschechen und Kaschuben lebten, der Lehrer sprach von einem „Vielvölkerstaat“, so wie das ehemalige Österreich-Ungarn. Galt das alles jetzt nicht mehr? Müssten alle diese Menschen auch ihre Namen ändern? Hans konnte das alles nicht wirklich verstehen, manchmal dachte er – hoffte er? –, er bilde sich diese ganzen seltsamen Dinge nur ein, fühlte sich wie jemand, der langsam den Boden unter seinen Füßen verliert.

Wie erwartet, wurden seine Geschwister und er nach dem Gottesdienst aufgefordert, ein wenig Musik zu machen. Kurt und er hatten beide Geigen- und Klavierunterricht, Ruth ging einmal die Woche zur Gesangsstunde. Diesmal begleitete sein Bruder die Schwester am Klavier, es gab kein Geigenspiel, da die Eltern die Geigen samt Kästen zur Überholung gegeben hatten, was bisher noch nie geschehen war und von den Söhnen nicht ganz verstanden wurde.

Es kamen jetzt gelegentlich Briefe aus der Baptistengemeinde Bres-lau bei den Eltern an, einmal war Max sogar für ein paar Tage nach Schlesien gereist, um religiöse Texte auszutauschen, wie er sagte.

Nach der Schule spielten Hans und Kurt weiterhin mit anderen Kindern aus der Bäckergasse, einmal sagte der neu zugezogene Kasimir, dass Posen „ihnen“ gehöre und die „Fremden“ dort nichts verloren hätten, ohne sich bewusst zu sein, dass Hans und sein Bruder auch zu den „Fremden“ gehörten. Kasimir sagte das mit einem so starken ostpolnischen Akzent, dass Hans, dessen Deutsch ebenso wie sein Polnisch ihn eindeutig als Posener auswiesen, in schallendes Gelächter ausbrach, womit das Thema beendet war. Auch Janek hatte manchmal Schwierigkeiten mit der polnischen Schriftsprache und da seine noch im Zarenreich aufgewachsenen Eltern in der Schule auf Russisch unterrichtet worden waren, konnten sie nicht immer helfen. Zu allem Unglück hatte er einen Klassenlehrer, der für die besondere sprachliche Situation der Neubürger keinerlei Verständnis aufwies und seine Hausaufgaben streng kontrollierte, ihn bei jedem gefundenen Fehler ausschimpfte und gern sinnlose Strafarbeiten verteilte. Meist bat Janek Hans um Hilfe, dessen Polnischlehrer seine deutschsprachigen Schüler besonders forderte, da er sie sprachlich zu Polen machen wollte. Anders als Janeks Lehrer behandelte er seine Schüler einfühlsam und verständnisvoll, respektierte ihre Zweisprachigkeit, die er insgeheim bewunderte. Zumindest Hans, der gern lernte, verfügte deshalb über gute Kenntnisse der polnischen Grammatik und Rechtschreibung, mit denen er seinem Freund manchen schulischen Ärger ersparen konnte.

Und dann ging alles ganz schnell: Nach dem letzten Besuch bei den schlesischen Baptisten hatte der Vater zusammen mit der Mutter den Kindern mitgeteilt, dass sie Posen verlassen würden. Sie sähen in ihrer Heimat einfach keine Zukunft mehr für sich und die Familie. „In den letzten sieben Jahren, seit wir nicht mehr zum Deutschen Reich, sondern zu Polen gehören, hat sich unsere Lage nach und nach verschlechtert“, hörte Hans seine Mutter hinzufügen, „Papa wird demnächst seine Arbeit verlieren, nur weil er Deutscher und Baptist, also kein Katholik, ist. Ihr Kinder könnt nicht mehr auf eure Schulen gehen, weil alle deutschsprachigen Schulen geschlossen werden. Später werdet ihr nur Nachteile haben, da ihr evangelisch getauft seid. Bestimmt wird bald unsere Baptistengemeinde verboten und aufgelöst. Nein, wir können hier einfach nicht mehr bleiben. In Deutschland werden wir frei sein, dürfen unsere Sprache sprechen, brauchen uns weder zu schämen noch zu verstecken, können unseren Glauben behalten. Euch werden später alle Wege offenstehen. Das wollt ihr doch auch! “

Eigentlich wusste Hans das alles irgendwie, natürlich hatte er mitbekommen, dass viele deutschsprechende Posener das Land verließen, aber dass es ihm selbst so bald ebenso ergehen würde, hatte er nicht erwartet, genauso wenig wie seine Geschwister. Sie, die Kinder, hatten zwar belauscht, dass die Eltern einigen Hausrat verkaufen wollten, hatten auch die Wörter „ein eigenes Gasthaus“ und „Peterswaldau im Eulengebirge“ aufgeschnappt, aber sich nichts dabei gedacht. Eigentlich wollten sie sich auch nichts dabei denken. Sie wollten, dass alles so bleibt, wie es ist. Was sollten sie denn in Deutschland? Sie kannten das Land doch gar nicht.

Zwei Wochen später sitzt die Familie im Zug von Posen nach Bres-lau. Sie schweigen. Hans denkt an Oma und Opa, die wie die anderen Verwandten in Polen bleiben. Wann wird er sie das nächste Mal besuchen können? In den letzten Tagen musste er sich von seinen Mitschülern und Lehrern verabschieden, auch von seinem neuen Freund Janek. Erst jetzt wird ihm klar, dass er sie alle wahrscheinlich sehr lange nicht wiedersehen wird, vielleicht nie mehr. Mit jedem Kilometer, den der Zug zurücklegt, entfernt er sich immer mehr von seinem bisherigen Leben, fährt in ein neues, unbekanntes, vor dem er sich fürchtet. Er wird in einer fremden Stadt auf eine neue Schule mit unbekannten Lehrern und Schülern gehen müssen. Wird er im Unterricht so gut wie in Posen mitkommen, wird er Freunde finden? Wie wird er wohnen? Wieder in einer so schönen Wohnung wie hier in der Bäckergasse? All das macht ihm Angst. Wenn er doch in Posen, in seiner Heimat, bleiben könnte! Als Agnes die Piroggen auspackt, die Janeks Mutter für die Familie gebacken und zum Abschied traurig überreicht hat, kann er seine Tränen nur mühsam zurückhalten. Ruth, die neben ihm sitzt, umarmt ihn. „Das wird schon“, flüstert sie.

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“, hört er Max leise vor sich hin sprechen.

„Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“, stimmt Agnes ein.

„Er stillt mein Verlangen, er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen“, betet jetzt auch Ruth mit. Dann fallen auch Kurt und er selbst ein.

„Muss ich auch wandern in finstrer Schlucht, so fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht…“

In Rawitsch, seit Ende des Ersten Weltkriegs Grenzstadt, hält der Zug. Gleich wird er Polen, seine Heimat Westpreußen, endgültig verlassen. Hans kann seine Tränen nicht mehr zurückhalten, dreht den Kopf zum Fenster, starrt auf das Ortsschild mit den übertünchten letzten vier Buchstaben, auf die jemand behelfsmäßig „cz“ geschrieben hat, Rawitsch heißt jetzt Rawicz, hat, wie alle anderen Orte der Provinz auch, wie alle Straßen und Plätze, einen neuen Namen bekommen. Er hört Agnes und Max mit dem Zöllner sprechen, der ihre Papiere und ihr Gepäck kontrolliert. Sie dürfen nur persönliche Dinge mitnehmen, wozu auch die inzwischen instand gesetzten Geigenkästen von Kurt und ihm gehören. Möbel und Hausrat müssen, ebenso wie Erlöse aus Immobilienverkäufen oder sonstige größere Bargeldsummen, in Polen bleiben. Niemand merkt, dass er seine Tränen wegwischt. Dann dreht er sich wieder um, schaut abwechselnd auf den Zöllner und seine Eltern.

Eigentlich ist alles in Ordnung, dennoch macht der Zollbeamte Schwierigkeiten und starrt dabei ständig auf Agnes’ linke Hand. Als sie nach einer Weile verstanden zu haben glaubt, gibt sie ihm, fast erleichtert wirkend, ihren Ring. Hans glaubt seinen Augen nicht zu trauen, es ist doch ihr Verlobungsring! Der Beamte hat nichts mehr zu beanstanden, verlässt den Zug, der sich kurz darauf wieder in Bewegung setzt. Alle schweigen, als sie die Grenze überqueren, mit dem Erlös aller Verkäufe, den Max gegen Golddollar eingetauscht und zusammen mit Agnes in den Geigenkästen von Hans und Kurt versteckt hat.

„Endlich, in Deutschland, frei“, sagt Max, umarmt Agnes, die mit tränenerstickter Stimme gerade noch „Gott sie gelobt!“ sagen kann, bevor sie von Heulkrämpfen geschüttelt wird. Hans kann nicht erkennen, ob sie erleichtert, verzweifelt oder in Panik ist.

Niemand aus der Familie kann sich auch nur im Entferntesten vorstellen, etwas Ähnliches noch einmal erleben zu müssen. Hans natürlich auch nicht. Wie sollte er auch?

Entscheidungen

A