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Im zweiten Teil der Saga um Naciron und Aliana wird ihre Geschichte weitergeführt und die Hintergründe der Blut- linien und der Templer beleuchtet. Das Haus Baphomet wurde von Vasallen um Hilfe in der Walachei gebeten, und die Vampirfürstin Aliana untersucht mit ihrem menschlichen Begleiter Naciron die mysterösen Geschehnisse. Sie können nicht ahnen, dass die Vorfälle die Ordnung der Häuser in Gefahr bringen und die Welt der Dunkelheit über Jahrhunderte beeinflussen. Vieles was bereits im Licht lag, muss neu betrachtet werden ...
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2013
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OLIVER SZYMANSKI
NACIRONSVAMPIRE
~
BLUTLINIE
UNDERWORLD’SCHILDREN
Books on Damand
Die Zeit umgibt mich und lässt mich in ihrem Strom schwimmen, Erfahrungen sammeln, voranschreiten. Und sie ließ mich bislang nicht untergehen. Aber leben lässt mich die Dunkelheit.. Als Mensch der Nacht erwache ich, wenn die Schwärze mich umfängt, wenn sie mich umarmt, blüht mein Geist. Ihnen sei dies gewidmet, der Zeit und der Dunkelheit. Ich denke, sie kennen mich.
Oliver Szymanski wurde 1978 in Dorsten in Nordrhein-Westfalen geboren. Parallel zum Abitur arbeitete er bereits ab 1995 als Selbstständiger im IT-Bereich. Er hat als Wehrpflichtiger den Dienst seit 1997 in einem Nato-Fernmelderegiment geleistet. Begleitend zu seiner Tätigkeit als IT-Consultant begann er 1998 Kerninformatik an der Universität Dortmund zu studieren. Seit 2000 ist er als IT-Consultant angestellt und arbeitet heute international als Dipl.-Inform. für Unternehmen als Trainer und Berater. Privat skatet und snowboarded er gern, mag Kinogänge und Rollenspiele. Bereits seit dem 12. Lebensjahr schreibt er Geschichten in seiner Freizeit, die zwar in sich abgeschlossen sind, aber bedeutsame Facetten eines eigenen Universums widerspiegeln. Über die Jahre hinweg ist er dazu übergegangen, statt der anfänglichen Kurzgeschichten vollständige Romane zu verfassen.
Danke Euch.
Ihr müsst mehr drängeln,wenn Ihr den dritten Teil erwartet^^
Und ich danke:
Meinen Eltern fürihre treue Unterstützung,ihre freundliche allgegenwärtige Liebeund immer für mich da zu sein.
Ich könnte mir keine besseren vorstellen!
Meinem Bruder Harald, dermir beibrachte Rad zu fahrenund somit den ersten Schritt umauf eigenen Beinen zu stehen.
Meinem Bruder Thomas, der– vielleicht ohne es zu wissen –meine Leidenschaft für Computer förderte.
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Das Herz der Lebewesen schenkt die Kraft, die den Körper antreibt, durch die reinste aller Flüssigkeiten. Die Kraft der Götter, welche unter den Sterblichen weilen, sich an ihnen laben.
Es gibt die Epochen der Sterblichen, Epochen des Fortschritts, der Entwicklung. Doch fern der Welt in allen Epochen liegt die Dunkelheit, die den Kindern der Nacht gehört, Götter unter uns. Und darin schwebt der sterbliche Unsterbliche – Naciron unter den Göttern, Hilo unter den Sterblichen. Darum sei die Feder mein Schwert, die Nacht mein Tag und meine Göttin die Herrin meines Herzens.
Leben definiert sich aus unzähligen Facetten, mehr als die Menschheit jemals bestimmen wird. Aber eine ist grundlegend und wird offensichtlich, wenn man Stillstand betrachtet. In einer Momentaufnahme herrscht kein Leben, ohne Zeit gibt es kein Leben. Erst die Zeit lässt Leben die Option zu sein, was es ist. Denn ausschließlich zwischen zwei Momenten kann ein Gedanke gedacht, eine Tat vollzogen und ein Leben gelebt werden. An einem Moment findet nichts statt.
Die Zeit ist der Schriftsteller der Geschichte. So preist jeden Moment, den sie Euch schenkt.
1474 n. Chr.
Der Tag war unlängst vergangen, die Nacht vor Stunden eingebrochen. Ich band die Pferde im Stall fest und trat in den Gasthof, in dem meine Fürstin bereits weilte. In schlichter Lederkleidung, die einen leichten Ritt ermöglichte, schritt ich zu dem hölzernen Tisch an dem sie saß, und ich nickte ihr zu. Wohler wäre mir meine Rüstung in dieser Fremde gewesen, wir wollten indessen nicht mehr hervorstechen als unbedingt nötig. Und in diesem kleinen Dorf, das selten Besucher fand, waren wir bereits auffällig. In Kontrast zu dem braunen Wildleder meiner Kleidungtrug sie dunkleres, nahe an schwarz, einige silberne Knöpfe stachen hervor. Ein wenig ähnelte dieser Stil der Zeremonienrüstung des Hauses Baphomet. Sie deutete mit schlanken Fingern auf die Holzbank ihr gegenüber, und ich nahm Platz. Ich hatte meine Fürstin bei Tage in einem Waldstück vor dem Dorf behütet, wir hatten unser Ziel nicht rechtzeitig erreicht. Daher hingen wir in unserem Reiseplan bereits einen Tag zurück. Und meine Fürstin war weder geduldig noch erfreut, wenn es nicht gelang, einen Plan einzuhalten.
Trotz dessen, diese Nacht würden wir nicht reisen. In diesem Dorf lag eine Aufgabe vor uns, deren Ausmaße ich anno dazumal nicht abschätzen konnte. Die mütterlich scheinende Wirtin trat an unseren Tisch und stellte eine für mich unverständliche Frage, aber dies kümmerte mich nicht. Ich lächelte sie freundlich an. Sie schaute misstrauisch und wiederholte einen Teil ihrer Worte. Mein Blick schweifte zu der Göttin, welcher mein Leben gehörte. Aliana, Fürstin des Hauses Baphomet, aus der Ahnenlinie Imhotep und der Machtlinie der Schattengänger, somit ganz und gar die Blutlinie ihres Vaters, schaute ungerührt zu der wohlbeleibten alten Dame hinauf und antwortete in akzentfreiem Rumänisch: »Am dori meniul fix şi bere neagră pentru el, şi rece, dacă se poate!«
Die Gastwirtin zögerte erstaunt, nickte danach aber und ging an der Theke vorbei in einen Nebenraum, sicherlich zur Kochstelle. Wie es Alianas Art war, hatte sie mich nicht gefragt, wonach mein Appetit stand. Sie hatte bereits ein Glas mit tiefrotem Wein, welches sie allerdings nicht anrührte.
Eine junge Frau mit dunklen Haaren, zu einem Zopf geflochten, trat zu uns und stellte mir einen Humpen auf den Tisch. Schüchtern sah sie dabei zu mir. Ich dankte ihr mit einem Lächeln, sagte nichts, sie hätte mich ohnehin nicht verstanden. Sie war sehr hübsch, nicht auf die kühle Art Alianas, die mich immer wieder mit einem Blick, ihrer Stimme oder einer Bewegung zu fesseln vermochte. Zwar besaß sie wie Aliana dunkle Augen, aber der Charakter vom Blick eines Jägers fehlte. Auch trug sie schwarzes Haar – rabenschwarz, aber in freundlichen Wellen und nicht kühl wirkend wie bei Aliana. Entgegen der Ernsthaftigkeit und Kälte Alianas, welche ihre Attraktivität ausmachte, war es bei diesem Mädchen die Ausstrahlung von Wärme. Die Wärme von Blut, das durch einen jungen Körper pulsiert, durch volle Lippen symbolisiert. Zu lange weilte ich bereits unter Alianas Art, es färbte ab.
Sie ging davon, Alianas Augen folgten ihr zielgerichtet, bis sich die Jägerin abwendete und meinen Blick fing: »Gefällt sie Dir, Hilo?«
Am liebsten hätte ich mich in Alianas Arme gelegt, ihre Augen beherrschten mich. Ich liebte jede Facette an ihr, ihr Wesen und ihre Gestalt. Die kleine Narbe an ihrem Kinn, die man selten sah, und die sie sich vor ihrer Taufe der Unsterblichkeit zugezogen haben musste, rundete das Bild perfekt ab, war es das einzige Detail an ihr, was der unwahren Vollkommenheit einen Abstrich schenkte. Ich grinste schief: »Die Schönheit der Jugend, Aliana.«
Sie nickte und drehte ihr Weinglas mit ihren feingliedrigen Fingern: » Jeder Mensch hat seine Sucht, Hilo, wie wir auch. Uns dürstet es nach Blut. So schließe Deine Augen nicht in dieser Nacht und schütze dieses Haus, auf das ihr Blut nicht fließt.«
Ich sah tief in ihre schwarzen Abgründe, gesäumt von einem grün funkelnden Rand, prometheischen Wimpern und dunklen gradlinigen Brauen, nichts an ihr war vorhersehbar, ihre Worte oft Botschaften, welche es zu entschlüsseln galt. Ihr gehörte mein Blut, und dieses lief durch mein Herz.
Die junge Frau kehrte zurück, stellte eine Pfanne mit dampfenden Kartoffeln und gebratenen Fleischstücken vor mich, mein Magen gierte danach. Nach ihren Worten: »Poftă Bună!« verlief das Essen schweigend.
Ruhe kehrte in dem Gasthof ein. Aliana hatte die Räumlichkeiten unlängst über ein Fenster in die Schatten verlassen, ich war allein. Allein mit meinen Gedanken, Hoffnungen und Ängsten. Ich ordnete meine Beutel und verstaute im düsteren Kerzenlicht mein Gepäck in einer staubigen Kommode. Das Bett wirkte einladend und gemütlich, leider würde es mir diese Nacht kein Heim bieten. Aliana hatte ihre Warnung ausgesprochen, und mir war bewusst, dass ich keinen Schlaf zu finden hatte. Mein vertrauter Dolch saß fest an meinem Gürtel, zuverlässig an meiner Seite. Ich schloss das Fenster, obwohl lediglich angenehme sanfte Sommernachtluft Einlass gefunden hatte. Aber man wusste nie, wer alles Einlass suchte.
Wir weilten in Clejani, ein Dorf in der Walachei. Genauer gesagt eine Ansammlung von mehreren Häusern samt darin wohnender Familien im Norden der so genannten Kleinen Walachei, im Rumänischen als Oltenia bezeichnet, innerhalb der Bergregionen der Karpaten. Unsere Reise hatte uns parallel zu diesen Karpaten hergeführt, dem Hochgebirge, das von den Alpen bei Bratislava und bei Wien beginnt, über 1.300km weit in die Gebiete des heutigen Rumäniens reicht und die Walachei im Norden begrenzt. Ein wildes ungezähmtes Gebiet, dessen höchster Berg der Gerlachovský štít mit über 2.655 Metern ist. Lediglich die Alpen dominieren über die Karpaten als Gebirge in Zentraleuropa. Die Walachei als das Hoheitsgebiet, auf dem wir momentan wandelten, war seit 1324 ein autarkes Fürstentum, das sich einen Ruf als Bollwerk gegen die Osmanen verschafft hatte.
Hohe Bäume umgaben das leicht zu übersehende Dorf, welches in der Stille der Nacht idyllisch auf friedliche Reisende wirkte. Ich hätte jedes Tier vernehmen können, welches sich dem Haus nähern wollte. Tiere und Menschen in friedlichem Einklang. Im Dorf lebten ein Holzfäller, zwei Jäger, ein Bäcker, ein Fleischer und der Wirt, jeweils mit ihren Angehörigen. Eine kleine Gemeinschaft, die auf Lieferungen und Tauschhandel mit den umliegenden Dörfern angewiesen war. Ein Dorf, das niemands Aufmerksamkeit auf sich zog. Menschen, deren Schicksal der Welt nicht unwichtiger sein konnte. Ein Ort, an dem Politik begann, die mein Leben für hunderte Jahre bestimmen sollte.
Hinterher ist man immer schlauer. Ist die Zeit vergangen und hat das Schicksal zuschlagen lassen, weiß man, was man geändert hätte. Ein frommer Wunsch, der voraussetzt, dass die Zeit wie eine Konstante handelt und nicht reagiert. Aber die Zeit ist ein Lebewesen, sie weiß wohin sie will. Und wenn wir dagegen handeln, wird die Zeit keinen ihrer Momente vergeuden, sondern uns umschleichen, einlullen und hinterrücks ihre Ziele durchsetzen.
Lehne Dich nie gegen die Zeit auf, schwimm mit in ihrem Strom, denn sie ist das stärkste aller Lebewesen, sie ist die Welle, die uns trägt – und sie kann uns untergehen lassen. Manchmal ist man dumm genug sich zu wehren. Man zögert etwas hinaus, verschiebt eine Entscheidung, aber Jahre später, hunderte Jahre, gewinnt die Zeit. Sie hat ihr Ziel nie verfehlt, denn zur Not wartet sie.
Ich trat aus unserem Zimmer, eine kleine Kammer im Dachgeschoss des Wirtshauses. Unter uns schlief die Familie, darunter waren die öffentlichen Räume des Gasthofes. Ich trug eine Kerze, und gemäß meiner Ausbildung in den Künsten des Schleichens sowie daneben einer über zweihundert Jahre langen Erfahrung, ging ich behände als auch völlig lautlos die Treppe von der Dachkammer hinunter.
An dem Raum der Eigentümer vorbei nutzte ich die weitere Treppe und trat in den Gastraum. Ein Feuer im Steinkamin brannte derzeit um die Nachtruhe zu wärmen, angenehm für die Ohren knisterte das Holz und die Flammen loderten trügerisch sanft.
Feuer ist ein launenhaftes Wesen. Im Gegensatz zur Zeit fehlte ihm die Geduld und ein Plan. Es nimmt alles, zu dem es Zugriff bekommt. Im Augenblick war es friedlich. Ich zog mir einen Schemel in angemessene Distanz um der Wärme Annehmlichkeiten zu spüren. Meine Sinne öffneten sich, während ich einige Pergamentsammlungen aus einem Beutel zog. Abschriften von Dokumenten aus der Bibliothek des Hauses Imhotep. Ich suchte zu lesen, wann immer Zeit abfiel. Wissen, dies war es, was meine unsterbliche Familie mir schenkte, und ich nahm es dankbar an. Unzählige Briefe, Bücher, Schriften befanden sich in ihrer Bibliothek, ich hatte mir lediglich einen Bruchteil einverleibt. Aber auf jeder Reise nahm ich meine Abschriften mit, die Diener anfertigten, teils ohne dass sie verstanden, welche Schriftzeichen sie abpausten. Im Augenblick fesselte mich ein Bericht aus Imhoteps eigener Feder über die Notwendigkeit von Häusern in der Welt der Dunkelheit, die Necessitas Aedium.
Die Tochter des Wirtes trat zu mir, sie war in einen dicken Umhang gehüllt, wahrscheinlich darunter bereits für den Schlaf bereit. Sie lächelte mir zu, fragte etwas auf rumänisch – »Nu vreti să beti ceva?« – und deutete auf meinen Mund, dabei ein Schlucken imitierend. Ich grinste leicht und nickte. Für einen Augenblick schaute sie irritiert, bis sie lächelte und hinter die Theke trat, einen Krug für mich füllend.
Ich nahm einen Schürhaken, stocherte ein wenig im Kamin und half dem Feuer, das dankbar aufzüngelte. Das Mädchen stand wieder neben mir, deutete auf sich und sagte: »Luca«, dabei reichte sie mir den Krug. Ich nahm ihn, deutete auf mich und antwortete »Hilo«. Die universellste aller Sprachen. Irgendwie verstanden Menschen sich immer. Erst wiederholte sie meinen Namen in einem erfrischenden Ton, es klang amüsant, wie sie ihn aussprach. Sie neigte den Kopf zur Begrüßung und machte eine Geste mit der offenen Hand um zu fragen, ob ich noch Wünsche hatte. Ich lehnte freundlich mit einem Kopfschütteln ab. Sie begab sich nach oben zur Nacht. Eine hübsche junge Dame. Lange Zeit später sollte ich über ihren Namen recherchieren, es war die Kurzform von Raluca und bedeutete Sonnenstrahl. Ein Sonnenstrahl: eine mächtige Waffe gegen einen Vampir.
Ich vertiefte mich erneut in meine Lektüre der Necessitas Aedium. In der Ferne heulte ein Wolf. Hier in den Bergen nichts Ungewöhnliches, dennoch musste ich wissend schmunzeln. Die Wölfe liebten die Wälder der Karpaten, die vereint in den unteren Regionen ein riesiges Waldgebiet und Jahrhunderte später noch das größte Waldstück Europas bildeten.
Ich hatte nichts Besonderes vernommen, nichts außer dem Prasseln des Feuers und dem Rascheln des Pergaments, aber abrupt schlugen meine Sinne Alarm. Es war der Geruch, der sich durch den Nebel meiner Gedanken bohrte, sich einschlich in meinen Geist, eigentlich unerkannt bleiben wollte, aber Signale auslöste. Ein Geruch – dermaßen eklig, dass er Übelkeit mit sich brachte und meinen Magen zum Würgen zwang. Während ich mich langsam vom Schemel erhob, rollten meine Hände das Pergament zusammen und verstauten es in dem Schutz der ledernen Rolle. Es dauerte dem Bruchteil eines Atemzuges.
Vorsichtig sah ich mich um, den Ursprung des Geruches suchend. Der Auslöser befand sich nicht hier, nicht im Gastraum. Als ich zur Küche schlich, wurde auch dort der Geruch nicht intensiver. Meine Wunde am Kopf, die alte Narbe aus der Kindheit schmerzte – kein gutes Zeichen.
Es kam von oben. Ich war mir Alianas Warnung bewusst. Wenn dieses Mädchen Leben sollte, musste ich sie schützen. Aber was auch immer hier geschah, ich durfte niemals vergessen, dass ich vor allem mit höchster Priorität die Welt der Dunkelheit schützen musste und insbesondere meine Fürstin.
Bereits auf der Treppe, als mich unlängst der immer kraftvoller stinkende Geruch niederzureißen drohte, kramte ich in meinen Taschen. Als meine linke Hand die Tür des Schlafzimmers öffnete, hinter der ich starkes Schnarchen vernahm, leerte die rechte den pulverigen Inhalt eines meiner kleineren Beutel in den Raum, bevor ich die Tür wieder schloss. Ich hatte gelernt im Stillen und Geheimen ohne Zeugen zu arbeiten. Jetzt wusste ich bereits, woher der Geruch zu mir drang, doch kannte ich seinen Auslöser nicht. Aber ich kannte mein Ziel. Hätte ich jemals mehr über die Ziele der Zeit gewusst… nein, ich hätte niemals anders gehandelt.
Ich öffnete die Tür zu dem Schlafzimmer des Mädchens, auf das Schlimmste vorbereitet. Doch was meine Augen sahen, konnte ich in keine bekannte Kategorie einordnen. Aber was immer sie erblickten, es war nichts gegen die Welle der Qualen, die mir in Form des Gestankes entgegen schlug. Ich erbrach mich auf der Schwelle der Tür, dass kürzlich Gegessene schwemmte den Boden, ich hielt mich krampfhaft umklammert.
Der Körper hielt das Mädchen in den Armen. Es war eine Frau, vielleicht einst gewesen. Leblose Augen starrten mich an, ein Entsetzen im Blick, das die gleiche Pein offenbarte, die der Verwesungsgeruch ausrief. Das Mädchen lag im Schlaf, sie bewegte sich nicht. Die Gestalt stand an ihrem Bett, sie musste die reglose Luca aus dem Laken gehoben haben. Lediglich ein Nachthemd kleidete die jugendliche Schläferin. Ihre Trägerin hingegen war von einem schwarzen Umhang bedeckt, aus abgetragenem und rissigem Stoff, wie ein zerstörtes Trauerkleid. Nur die verfaulten Hände, wie Krallen hatten sie das Mädchen gepackt, und ihr Gesicht waren zu sehen. Gesicht. Eine grausame Fratze, Verzerrung eines menschlichen Antlitzes, Spiegelbild alptraumhafter abstruser Phantasien. Selbst auf den Schlachtfeldern hatte ich nichts dergleichen verkraften müssen.
Der Unterkiefer bestialisch aber nicht vehement genug herausgerissen, auf dass er noch an einem Muskelband fest hing und gegen den Hals stieß. Der Tod hatte diese Kreatur längst eingeholt, sie aber ignoriert und nicht erlöst. Der Kreatur Blick lag kurz auf mir, aber eine Reaktion auf mein Eindringen war nicht festzustellen. Ich straffte mich entschlossen, riss mich mit aller Macht zusammen und trat über meinen Unrat hinweg in das Zimmer. Aus dem geöffneten Fenster drang eine Brise frischer Sommernachtsluft an meine erleichtert einatmende Nase, aber die abscheuliche Ausdünstung war leider lediglich für einen kleinen Augenblick verschwunden und prallte danach umso stärker auf mich ein.
Vorstellungen vom Tode hatte ich wenige, die meisten aus den Phantasien und Geschehnissen anderer Menschen erbeutet. Dieses hier, was mir durch ein gezimmertes Bett getrennt gegenüber stand, würde ich fortan dazu zählen. Bote des Todes. Eine Kreatur nach dem Tod, die zu den Lebenden kam. Sie wandte sich in einer Geschwindigkeit, die ich ihr nicht zugetraut hatte und sprang durch die Fensteröffnung, das Mädchen an sich gepresst entführend.
Ich reagierte. Schnell rannte ich zum Fenster, setzte über die Fensterbank hinweg, hielt mich außen hängend am Sims fest und ließ mich hinunterfallen. In den vergangenen zweihundert Jahren hatte ich einiges über Mut gelernt. Und ein energischer Kern – hinter der Narbe in meinem Kopf – sagte in solchen Augenblicken immer wieder, dass er mit Dummheit gleichzusetzen sei. Aber in meiner Eile hörte ich ihm nicht zu.
Ich schlug am Boden auf, rollte mich seitlich ab und sah gerade noch, wie die Gestalt mit ihrem Bündel über die einzige Strasse im Dorf lief, die zwischen den fest verschlossenen dunklen Häusern entlang führte. Auch wenn ich sie nicht gesehen hätte, selbst hier draußen unter freier frischer Luft hinterließ der Gestank eine Spur. Ich atmete flach und gleichzeitig tief ein – überraschend wie dies ging – und sprintete dem im Dunklen verschwindenden Schemen nach.
Gern hätte ich diese Momente mit einer Kerze in meinem Zimmer mit den Schriften verbracht, aber zu meinem Bedauern lief ich auf einem Weg, der mitten in die Bergwälder führte. Doch ich kam nicht dazu mir zu sagen, dies besser nicht zu tun. Die Zeit hatte ein kleines Stück von sich abgespalten und ließ es rückwärts zählen, sobald alle Körner der dazugehörigen imaginären Sanduhr durch das Rohr gefallen waren, war das Leben des Mädchens beendet. Daran bestand kein Zweifel.
Ich schaffte es, den Abstand konstant bei einigen Metern zu halten, die Gestalt war ungeahnt schnell, bis sie zwischen die dichten Bäume am Wegesrand tauchte und mein Blickfeld mir reine Schwärze offenbarte. Ich bog ebenfalls ab, stolperte mehrfach ohne zu fallen und riss einen dicken Zweig im Vorüberlaufen ab. Meine rechte Hand zog den Dolch hervor, und ich suchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Wieder war es der Gestank, der mir ein Zeichen gab, diesmal stehen zu bleiben. Ein wiederholtes Zwinkern mit den Augenlidern in der Düsternis, und vor mir stand der Schemen. Langsam trat ich näher, würgend ob der Vergewaltigung meiner Geruchssinne. Da fiel es mir auf. Stark kam dieser Duft der Verwesung von vorn, aber gleichzeitig befand ich mich in ihm, wie in einer Wolke oder in einem Kreis. Weitere Schemen hatten mich umzingelt.
Mein Herz stockte fühlbar, diesmal war ich weit genug gekommen, um in die Falle zu geraten. Sie hatten sich offenbart. Ich blieb beherrscht, zwang mich zu lächeln, weil es ein gutes Gefühl gab, und positive Regungen sind in solchen Augenblicken wichtig. Es ist der Geist, welcher den Körper lenkt, und den Geist muss man fördern. Ich zerbrach die dünne Glasphiole in der Einhöhlung im Griff meines Dolches und schlug ihn zweimal gegen einen Stein am Lederriemen meiner Hose. Ein Funke sprang über und erreichte das Öl, welches aus dem zerbrochenen Glas durch eine Öffnung im Griff über die Klinge des Dolches lief, die zügig von züngelnden Flammen gesäumt wurde. Mein Feuerdolch, welch wertvolles Werkzeug. Half er doch meine neuen Feinde endlich zu erkennen, was ich mir gern erspart hätte.
Im Fackelschein der Klingen traten weitere Gestalten in schwarzen Umhängen zu mir, längst war ich eingeschlossen von den scheußlichen Wesen. Teils fehlten Kiefer, oder sie hingen deplaziert am Gesicht. Aber auch weitläufigere Arten der Deformation waren erkenntlich. Eine Hand, weggerissen, ein Arm, der durch ein einziges Stück Fleisch vom Abfallen gehindert wurde, ein fehlender Hinterkopf, den man im Profil bemerkte. Mein Magen würgte wieder, mein Körper reagierte und nahm Verteidigungsposition ein. Aber ein Kämpfer war ich nicht, wollte ich nie sein.
Die Kreatur mit dem Mädchen bewegte sich weiter aus meinem Blickfeld, aber die anderen verstellten den Weg und würden mich nicht folgen lassen. Sie gierten mich zu zerfleischen, deuchte es mir. Kaum stürzten sie los, als ich kühle Stärke an meinem Rücken gepresst spürte, eine absolute Kälte, die selbst den Geruch zu negieren schien. Ein Schleier sanfter Nebel umfing mich und Vertrautheit stellte sich ein. Seite an Seite – Rücken an Rücken, der unsterbliche Sterbliche und die lebende Tote. Aliana hinter mir, die übliche unserer gemeinsamen Kampfformationen, mit denen wir so oft vorlieb nehmen mussten, wenn der direkte Weg sich nicht vermeiden ließ, und man uns eingekreist hatte. Ich sah sie nicht, aber ich spürte ihre weise Stärke, die Ruhe, welche selbst im Kampf von ihr auszugehen vermochte. Um uns die Kreaturen, beleuchtet vom Flammenschlag meines Dolches, doch ein Wall von Schatten, der sie von uns trennte.
Niemals zuvor hatte ich solche Gegner erblickt, aber auch nie zuvor hatte ihre Art die Kraft einer Schattengängerin verspürt, die Machtlinie Imhoteps. Die Kreaturen stockten einen Augenblick, sie nahmen das plötzliche Auftauchen Alianas und des Schattenwalles wahr, dann begann der Kampf.
Die Schatten heulten los, entfesselt durch die Macht der Schattengängerin, die sich selbst auf die Gegner warf, ihre zahllosen Mitstreiter, die ausschließlich Licht fürchten mussten, an ihrer Seite. Zwei der Kreaturen gingen auf mich los, mittlerweile hatte ich den Stock am Dolch entzündet, mit dem brennenden Holz konnte ich die linke auf Entfernung halten, der rechten trennte ich mit einem Hieb meines Dolches den verunstalteten Kopf vom Rumpf. Der Schlag ließ sich erstaunlich leicht führen, die Klinge glitt durch das verfaulte Fleisch nebst Knochen wie durch einen mit Würmern gefüllten Mehlsack. Ich war überrascht, als die Kreatur von links mich mit einem Schlag traf, und die Wucht mich zu Boden warf, den Stab verlor ich dabei. Sie kam näher. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Aliana Gestalten schlachtete, und gierige Hände, die aus schwarzen Flecken in der Finsternis bestanden, Kreaturen festhielten und an ihnen zerrten. Alianas Schatten kämpften ein weiteres Mal für uns. Treue loyale Soldaten, da sie nicht existierten, über keinen Willen verfügten, außer dem von einer Schattengängerin wie Alianas Machtlinie entfesselt zu werden. Die eigenen Schatten wandten sich gegen die Kreaturen. Mein Feind beugte sich über mich, seine Hand näherte sich meiner Kehle, und ich hieb erneut zu. Mein Dolch hatte wieder Erfolg, der verrottete Arm ging gelöst vom Rest der Kreatur auf meinen Körper nieder, Würmer fielen davon ab.
Doch der andere Arm schlug meinen Dolch fort, und wehrlos blickte ich in die toten Augen. Zwar konnte man auch Aliana nicht als lebend bezeichnen, aber sie war eine lebendige Tote, wenn ich versuchen soll in Kategorien zu denken. Aber diese Wesen waren leblose Tote. Leblose wandernde Tote. Mir war, als fehlte der Sinn hinter diesen Dingern. Nicht die Art von Sinn, welche die Zeit kannte, sondern die Art, die ausschließlich die Zeit kannte.
Die zweite Hand legte sich auf meinen Hals, ich suchte sie zurückzustoßen, aber das Gewicht des Dinges stemmte sich mir entgegen. Der Gestank verging, aber auch alle Luft, die mein Körper als lebenswichtig erachtete.
Ein Schemen, ein Aufprall, eine gewaltig geifernde Schnauze, das Aufblitzen vieler glitzernder weißer Punkte, Stücke des zerfleischten Halses spritzten auf mich. Ich drehte mich unter den Resten des Körpers hinweg und sah wie Aliana die letzte Kreatur in Fleischbrocken zerriss. Ein Gedanke kam mir, jede dieser Brocken hatte denselben Sinn wie das Ganze, und da lag das skurille Falsche an diesen Dingern. Es gab sie nicht, es war nichts in ihrem Innern. Nicht mehr als in jeden einzelnen leblosen Brocken, und die bewegten sich nicht. Alles an ihnen, wenn sie noch eine Einheit waren, war falsch.
Ich erhob mich, klopfte meine Kleidung von dem stinkenden Zeug los, hob meinen noch brennenden Dolch wieder auf und trat zu dem riesigen Wolf neben mir, der wie ich zu Aliana schaute: »Vielen Dank Euch, Ethrel.«
Der Wolf knurrte knapp. Aliana hantierte gebückt einige Meter entfernt und kam danach zu uns: »Hilo?«, sie schaute mich aufmerksam an.
»Alles gut, Aliana«, beruhigte ich sie.
»Gut, ich sah Ethrel schon springen, bevor ich meine Schatten losjagte.«
Wie gut es ist behütet zu sein. Man sollte sich allerdings nicht darauf verlassen.
»Ethrel, hast Du das Mädchen?«, fragte Aliana ihren Adjutanten. Der Wolf knurrte wieder und ging langsam tiefer in den Wald, wir folgten ihm. Ich dachte mir, wie viel schlimmer der Gestank für seine weit besser ausgebildete Wolfsnase sein musste.
»Endlich, Aliana, ich hätte weitere Misserfolge nicht mehr verkraftet«, bemerkte ich erleichtert.
Aliana lächelte mich an und hakte ihren Arm bei mir unter, ich spürte die weiche Kühle ihres harten Körpers.
»Ach, in den ersten beiden Dörfern hatten wir einfach Pech, Hilo. Da haben wir alle nichts rechtzeitig bemerkt. Aber diesmal können wir feiern«, erwiderte sie, und ich spürte auch ihre Erleichterung, dass wir endlich einen Schritt weiter waren. Zuviel hatten wir bereits in diesen Bergen verloren, zwei Mädchen. Ein drittes – ich weiß nicht, wie ich das verarbeitet hätte.
Ethrel führte uns zu dem Mädchen, die Kreatur daneben war von zahlreichen gewaltigen Bisswunden gezeichnet – aber nicht sonderlich mehr entstellt als zuvor. Aliana kniete über dem Sonnenstrahl, hob das Mädchen behutsam und doch voller Kraft empor: »Ethrel, dort hinten habe ich zwei von denen bewegungslos gefesselt, die Schatten sollten dort noch wachen. Besorge zwei Säcke und verstaue sie gut. Beide verwahre sicher in Deinem Unterschlupf«, sprach Aliana zu dem Wolf. Ethrel knurrte zustimmend und sein gewaltiger Wolfsleib schritt davon. Obwohl die Form des Wolfs ihm in diesen Tagen vorrangig zusagte, würde er seine Gestalt ändern um der Aufgabe nachzukommen. Der Tierwandler, ursprünglich aus dem Hause Skara Brae, tat dies aber lieber ungesehen. Aliana und ich kehrten zu dem Dorf zurück.
»Aliana, was sind das für Dinger?«, stellte ich meine quälendste Frage, jetzt wo wir erblickt hatten, was die Mädchen in den anderen Dörfern entführt hatte. Noch immer beeinträchtigte mich der bestialische Gestank. Aliana schüttelte unwissend den Kopf: »Du bist der Mensch, Hilo. Du hast Phantasie, gib ihnen einen Namen. Damit wir wissen, was sie sind.«
»Untote«, sprach mein Mund. Und damit gab ich den verstoßenen Kindern des Todes einen Namen.
Es war Tag. Am Tag ließ die Zeit Normalität walten, die alltäglichen Dinge der Lebenden. Alltag – das Wort Allnacht demgegenüber war mit Grund nicht existent. Aliana befand sich im Zustand der Starre, wir waren vor Morgengrauen in einer Umarmung eingeschlafen, nachdem ich die Fensterläden verdunkelt hatte, damit das Sonnenlicht sie nicht erreichte. Hier in der Fremde, wo wir nicht der Welt der Vampire ausgesetzt waren, gab es manchmal diese Momente der Nähe. Zwei Stunden danach war ich wieder aufgestanden und hatte mich aus dem stählernen Griff gelöst. Ich hatte im Wirtshaus gefrühstückt, erklärt, dass meine erschöpfte und ausgelaugte Begleiterin nicht bereit war aufzustehen und der Form halber Essen auf unser Zimmer gebracht. Jetzt galt es Aufgaben zu erledigen. Das Mädchen wusste nichts von den Geschehnissen, dieser Untote musste sie betäubt haben. Ich war gespannt, welche Kräfte sie noch besaßen. Unser Haus würde das Mädchen zu ihrer Sicherheit in Beobachtung halten. Wir konnten nicht wissen, ob man ihr bereits etwas angetan hatte, bevor wir sie retteten. Seit der Meldungen von Vasallen meines Hauses, dass in der Walachei Töchter von dort wohnenden Angehörigen ihrer Familien und weitere entführt worden seien, hatten wir versucht den Geschehnissen nachzugehen, und waren durch die betroffenen Landstriche gereist. Zwei Mädchen waren entführt worden, als wir uns in den entsprechenden Dörfern befunden hatten, was uns erst recht angespornt hatte.
Auch die Eltern hatten keinen Verdacht, dass sich etwas Seltsames zugetragen hatte, zumindest sprachen sie es nicht aus. Mein Pulver hatte sie sehr tief in ihre private Traumwelt geschickt. Und alle anderen Dorfbewohner – wenn man in einem winzigen Ort inmitten eines dichten Waldes in den Bergen der Karpaten lebt und dazu abergläubisch ist, fragt man sich nie, welche Merkwürdigkeiten des Nachts geschahen.
Ich bedankte mich unverstanden für das leckere Frühstück, lächelte Luca zu und verließ den Gastraum. Zuerst befreite ich eine der Tauben aus ihrer Kiste und entließ sie aus dem Fenster, eine Nachricht zu dem nächsten festen Standort einiger Templer schickend, eine geheime Komturei. Die Taube, welche für Gideon bestimmt war, musste sich noch gedulden, ich fütterte sie.
Jetzt machte ich mich auf den Weg und schlenderte aus dem Dorf hinaus, den Weg hinunter, um nach einer langen Strecke ein Pfeifen zu hören. Ich winkte mit der Hand, zog meinen Dolch und steckte ihn wieder in die Lederscheide, das vereinbarte Zeichen, dass ich mich allein auf dem Pfad befand. Es pfiff erneut, und ich folgte dem Geräusch in die dichten Bäume. Der Unterschied zwischen Weg und Nichtweg war lediglich ein kleiner Faktor in der Baumdichte. Ein Templer trat vor und musterte mich. Danach nickte er und schritt vor mir her, ich hätte den Unterschlupf nicht allein gefunden. Seine gut geölte Rüstung macht keine Geräusche, und trotz der offiziellen Auflösung des Ordens trug er stolz den weißen Umhang mit dem roten Tatzenkreuz, seinem Ordenswappen. Das taten sie aber nicht in der Öffentlichkeit, dann wandten sie den Umhang und trugen das Kreuz versteckt nach innen. Ich folgte ihm grinsend, wie dumm musste man sein, sich bei dieser Sommerhitze in Stahl zu kleiden.
Drei Templer bewachten das Lager. Der vierte und letzte des Trupps führte mich zu dem Lagerfeuer. Ich sah die Grube, welche sie ausgehoben hatten, und die mit Laub und Holz bedeckt war. Darin schlief Ethrel und träumte, wie er Tiere in der Nacht jagte, so stellte ich es mir vor. Ich traute ihm nicht wirklich, schließlich war er der wichtigste Mann Kalais gewesen, sein direkter Adjutant. Ich denke auch Aliana traute ihm nicht, aber sie hatte ihre eigene Art – die ihrer Abstammung aus dem Hause Imhotep – damit umzugehen. Und seit den Jahrzehnten der Verbannung seines Herrn hatte sich Ethrel Mühe gegeben keine Befleckung seiner Loyalität zu Aliana vorzunehmen. Ich glaube auch fast, dass er Angst hatte, als ihm gesagt wurde, dass er Gefährte auf dieser Reise sein sollte – Angst in der Fremde verloren zu gehen.
Ich schaute den Kommandeur des Trupps an und fragte ihn auf Französisch nach den Gefangenen. Das letzte Wort wollte kaum meinen Lippen entgleiten.
Er zeigte mir die Säcke, die sie in eine zweite Grube geworfen hatten und erklärte mir, dass sie sich nicht bewegt hatten, und man sie mit Ketten festgezurrt hatte. Sie konnten sich wahrscheinlich nicht einmal bewegen, selbst wenn sie einen Willen verspürt hätten, ich hatte oft erlebt, wie wenig zimperlich Templer mit Gefangenen umgingen. Ich entschloss mich dies nicht zu prüfen. Der Geruch, der durch die Säcke drang, reichte mir. Ich wandte mich wieder zu dem Befehlshaber der Ritter: »Zwei von Euch reiten sofort los und bringen einen der Säcke zu Gideon nach Wien.«
Zweifelnd sah er mich an. Der Orden war eigenständig, sie zählten sich aber zu Alianas Vasallen, daher kamen sie ihren Worten nach. Bei meiner Person waren sie skeptischer und weniger kooperativ. Nach der langen Nacht hatte ich jedoch keine Lust auf Diskussionen und Floskeln: »Sofort!«.
