Nackte Füße im warmen Sand - Stephan Quickmann - E-Book

Nackte Füße im warmen Sand E-Book

Stephan Quickmann

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Beschreibung

In "Nackte Füße im warmen Sand" geht es um eine Jugend, die verloren im Umbruch der Systeme, auf der Suche nach sich selber ist und sich dabei fast verliert. Sebastian ist 26 Jahre alt und steht mit beiden Beinen fest im Leben, wie er meint. Bis ihn eines Tages die Nachricht vom Tod eines Jungen erreicht. Eines Jungen, den er kannte und mit dem ihn einiges aus seiner eigenen Jugend verband. Augenblicklich sieht er sich mit Erinnerungen konfrontiert, die er schon vor sehr langer Zeit erfolgreich weggesperrt zu haben glaubte. Erinnerungen an das Ende der Unschuld und an den Mann, der sie ihm genommen hatte. Aber auch an seine erste Liebe. Ihm wird klar, dass er sich seinen Dämonen von damals stellen muss, um wirklich ein freies Leben führen zu können.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2023

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In "Nackte Füße im warmen Sand" geht es um eine Jugend, die verloren im Umbruch der Systeme, auf der Suche nach sich selber ist und sich dabei fast verliert.

Sebastian ist 26 Jahre alt und steht mit beiden Beinen fest im Leben, wie er meint. Bis ihn eines Tages die Nachricht vom Tod eines Jungen erreicht. Eines Jungen, den er kannte und mit dem ihn einiges aus seiner eigenen Jugend verband. Augenblicklich sieht er sich mit Erinnerungen konfrontiert, die er schon vor sehr langer Zeit erfolgreich weggesperrt zu haben glaubte. Erinnerungen an das Ende der Unschuld und an den Mann, der sie ihm genommen hatte. Aber auch an seine erste Liebe. Ihm wird klar, dass er sich seinen Dämonen von damals stellen muss, um wirklich ein freies Leben führen zu können.

Stephan Quickmann wurde 1978 geboren und wuchs in Halle/Saale auf, wo er auch sein Abitur machte. Von dort aus verschlug es ihn, über Umwege, 1998 nach Berlin, wo er unter anderem als freischaffender Künstler im Bereich der Malerei tätig ist. "Nackte Füße im warmen Sand" ist sein erster Roman.

Besuchen Sie auch seine Website: www.quickmann.de

Stephan Quickmann

Nackte Füße im warmen Sand

Roman

Impressum

Texte und Bilder: © 2021 Copyright by Stephan Quickmann

Umschlaggestaltung: © Stephan Quickmann

Bild auf dem Frontcover: „Abscheuliche Endlosigkeit“ [Fragment], 2016

www.quickmann.de

geschrieben: 2004-2006, zuletzt überarbeitet: 2021

2. Auflage

ISBN E-Book: 978-3-384-08634-1

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die

Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine

Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag

des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung

"Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Für Daniela

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29

Nackte Füße im warmen Sand

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1.

[2006]

Ich spürte wie meine Adern pulsierten und die Hitze in mir aufstieg. Ich kochte regelrecht vor Wut.

„Du bist so ein egozentrisches Arschloch“, schrie ich ihn an. „Das ist genau das, worum es immer geht! Ich bin derjenige der alles falsch macht und du bist das arme unschuldige Opfer.“

„Das ist nicht wahr, und das weist du“, erwiderte er kühl und bestimmend.

„Ja, genau! Das ist es nämlich tatsächlich nicht! Ich weis nicht, was du mir vorzuwerfen hast, aber es ist für'n Arsch! Du bist derjenige, der über eine Stunde zu spät erschienen ist. Ich habe daher Grund sauer zu sein und nicht du!“

Unser Streit belief sich wie meistens auf Nichtigkeiten. Als ich im Nachhinein versuchte es zu rekapitulieren, kam ich nicht umhin, mir einzugestehen, dass ich den Grund selber nicht verstand.

Adrian und ich waren seit etwa fünf Jahren zusammen. Zwei davon lebten wir in einer gemeinsamen Wohnung. Als wir uns kennen lernten, schien es nicht gerade so, als wären wir für einander bestimmt gewesen. Ganz im Gegenteil, Welten schienen uns zu trennen. Er, ein gesetzter Mann Mitte dreißig und ich, Anfang zwanzig, dabei mich durch sämtliche Betten der Stadt zu vögeln. In meinen Augen war er ein spießiger Langweiler. Und doch schaffte er es mich vom Gegenteil zu überzeugen und, was damals niemand aus meinem Bekanntenkreis für möglich hielt, mich an sich zu binden. Er schaffte es, mich zu verwandeln und ich glaube auch heute noch, dass er mich in gewisser Weise damit gerettet hat.

Und nun?

Es funktionierte über die Jahre wunderbar mit uns beiden. Sicher, hin und wieder knallte es, aber es waren nie Dinge, die sich nicht aus der Welt schaffen ließen. Seit einiger Zeit jedoch, zeichnete sich in unserer Beziehung ein Wandel ab. Wir begannen uns voneinander zu entfernen. Die Auseinandersetzungen nahmen überhand und gekämpft wurde mit allen Waffen, die der Wortschatz so hergab, hin und wieder sogar mit Begrifflichkeiten, die nicht im Duden zu finden waren. Initiator dieser Konfrontationen war meistens Adrian, dem das Auseinanderdriften von uns beiden subtil auf den Magen schlug.

Alles begann etwa ein Jahr zuvor, als ich mit Teilen meiner Vergangenheit konfrontiert wurde, die ich zu vergessen suchte. Anstatt darüber mit Adrian zu reden, begann ich damit mich zurückzuziehen. Ich wurde stiller als sonst. Adrian, von Natur aus ein sehr kommunikativer Mensch, bezog diese Wesensveränderung auf sich und wurde launisch. In dieser Konstellation ergab schnell ein Wort das andere, was dazu führte, dass ich mehr Rückzug suchte und Adrian noch übellauniger wurde.

Ein Teufelskreis.

Sex kam nur noch sporadisch zwischen uns vor und ich war mir sicher, dass Adrian das mit einer oder mehreren Affären kompensierte. Auch nicht gerade ein Aspekt der mich zufriedener stimmte.

Im Grunde genommen waren wir beide dabei, es ordentlich zu vermasseln. Anstatt vorwurfsfrei über unsere Probleme und Bedürfnisse zu sprechen, brüllten wir uns an und fügten uns immer mehr und immer tiefere Wunden zu. Wunden, die sich nur schwer schließen ließen.

Dabei merkten wir nicht, dass die Kluft zwischen uns nur umso größer wurde.

Vielleicht wollten wir es auch gar nicht merken. Vielleicht war die Zeit der Entzweiung einfach gekommen. Manchmal wird das Leben vom Schicksal bestimmt. Zumindest rückblickend könnte man es so betrachten. Für alles gibt es einen Grund.

Es klingelte just in dem Moment, als ich ihm an den Kopf knallen wollte, dass er verschwinden und mich in Ruhe lassen soll. Ich hatte schon tief Luft geholt, um es mit der richtigen Lautstärke zu unterstreichen. Stattdessen starrten wir uns wortlos an und langsam ließ ich den Atem wieder meinen Lungen entweichen.

Keiner von uns beiden rührte sich.

Daraufhin klingelte es erneut.

Diesmal blickten wir beide zeitgleich zur Wohnzimmertür, die zum Flur hinaus führte, an dessen Ende sich wiederum die Wohnungstür befand, hinter der jemand darauf wartete, Einlass gewährt zu bekommen.

Ich konnte Adrian ansehen, dass ihm diese Unterbrechung alles andere als gelegen kam und der Zeitpunkt kaum ungünstiger sein konnte. Das erste Mal an diesem Tag waren wir somit einer Meinung. Dummerweise konnten wir schlecht so tun, als wären wir nicht da. Falls es jemand aus dem Haus sein sollte, musste unser Dasein unüberhörbar gewesen sein. Um ehrlich zu sein, rechnete ich sogar damit, dass dies der Grund für die Unterbrechung war. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sich ein Nachbar über die Lautstärke beschwert hätte.

Adrian blickte wieder zu mir, doch ich zuckte nur mit den Schultern. Daraufhin verschwand er im Flur um nachzuschauen, wer sich vor der Tür befand.

„Scheiße“, fluchte ich vor mich hin, um damit die ganze Situation auf den Punkt zu bringen.

In meinem Kopf überschlugen sich indes die Gedanken. Ich versuchte unseren ganzen Wortwechsel noch einmal Revue passieren zu lassen, um herauszufinden an welcher Stelle ich die falsche Abzweigung genommen hatte. Währenddessen hörte ich wie Adrian die Tür öffnete und mit jemanden sprach. Über was geredet wurde, konnte ich nicht verstehen, wohl aber, dass mir die Stimme von Adrians Gegenüber unbekannt war. Ich achtete nicht weiter darauf. Umso irritierter war ich schließlich, als Adrian in Begleitung von zwei Polizisten, einer Frau und einem Mann, wieder hereinkam. Mein erster Gedanke war, dass wir uns so laut gestritten hatten, dass sich die Nachbarn beschwert und die Polizei gerufen hatten.

„Ähm, Bastian“, begann Adrian, und etwas in seiner Stimme machte mir klar, dass ich mit meiner Vermutung falsch lag. „Ich glaube die Herrschaften wollen zu dir.“

Nun wurde ich richtig unruhig.

„Sind sie Sebastian Kobbe?“, fragte der männliche Polizist. Er war ungefähr um die fünfzig, großgewachsen, hatte graue, kurze Haare und einen ebenso graumelierten Drei-Tage-Bart. Er sah aus, als hätte er seit Tagen keinen richtigen Schlaf mehr bekommen und wüsste jetzt besseres zu tun, als in unserem Wohnzimmer herumzustehen.

Ich nickte bloß, vor Unsicherheit der Sprache beraubt.

„Ich bin Polizeihauptkommissar Hilger und das ist meine Kollegin Polizeiobermeisterin Joost.“

Als er ihren Namen sagte, schaute ich sie an, als wäre sie gerade erst in diesem Moment erschienen, anstatt die ganze Zeit neben ihm zu stehen. Sie war deutlich jünger, vielleicht Anfang dreißig.

„Angenehm“, erwiderte ich, ohne es auch so zu meinen. In Wahrheit beunruhigte mich die Situation ungemein. „Worum geht es denn?“

„Es geht um die Ermittlungen in einem Todesfall“, führte Hilger aus, ohne seine Miene zu verziehen. Die Polizistin, die auf den Namen Joost hörte, ließ ihren Blick währenddessen nicht von mir ab. Er schien etwas Durchdringendes zu haben. Ihr gegenüber kam ich mir gleichsam körperlich, wie auch seelisch nackt vor und ich konnte nicht sagen, was unangenehmer war. „Was es leider unerlässlich macht, dass sie uns mit aufs Revier begleiten.“

„Todesfall?“, wiederholte ich erschrocken. „Wer?“

Meine ersten Gedanken galten meiner Familie, dass einem von ihnen etwas zugestoßen sei. Gleichzeitig wusste ich instinktiv, dass dem nicht so war, dass es hierbei um etwas anderes ging. Selbst Adrians Gesichtszüge schienen dezent zu entgleisen. Sein Mund stand halb offen, ohne dass ein Ton herauskam.

Bei all der Sprachlosigkeit, die im Raum stand, lag es nun am Kommissar weiter zu sprechen. Es war aber seine Kollegin, die die Stille durchbrach: „Sagt ihnen der Name Jamie Dippelt etwas?“

Ich wurde blass.

2.

Jamie Dippelt.

Ich sah ihn vor mir, wie einen Geist. Es lag zwar schon ein wenig zurück, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, dennoch konnte ich mich an jede Kleinigkeit erinnern.

Von Beruf Krankenpfleger arbeite ich seit fast zwei Jahren in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort lernte ich Jamie vor ungefähr einem Jahr im Juni kennen.

Jamie war damals dreizehn, fast vierzehn Jahre alt. Er wohnte zusammen mit seinem Vater sowie seinem kleinen Bruder in einer kleinen Sozialwohnung in Pankow. Seine Mutter war drei Jahre zuvor an Krebs verstorben, was sein Vater nie überwunden hatte. Immer wieder verfiel er in eine depressiv-apathische Stimmung und ertränkte nach Feierabend seinen Kummer im Alkohol. Die Kinder waren oftmals sich selbst überlassen, was schlussendlich bedeutete, dass Jamie für seinen jüngeren Bruder als Elternersatz herhalten musste. Zur Schule ging er dafür immer seltener, es war ja auch niemand da, der sich darum kümmerte. Wenn er dann doch einmal ging, endete es oft in Streits und Schlägereien mit anderen Mitschülern und hin und wieder sogar mit den Lehrern. So zart und sanft Jamie einem in seinem äußeren Erscheinungsbild auch vorkam, wenn er sich angegriffen fühlte, verlor er schnell die Kontrolle. Auch zu Hause kam er mit der Zeit immer mehr an seine Grenzen, da er seinen Vater immer weniger respektierte. Aber wie sollte er auch. Genau wie dieser, war Jamie mit der ganzen Situation gnadenlos überfordert. Nur war Jamie noch ein Kind.

Was das Fass schließlich zum überlaufen brachte, war eine Situation, die nie ganz geklärt werden konnte. Jamie war kurz vor seiner Einweisung in unsere Klinik überhaupt nicht mehr zur Schule gegangen, war aber zu Hause auch nur noch selten anzutreffen. Wo sein Sohn sich in dieser Zeit herumtrieb, bekam Herr Dippelt jedoch nie aus dem Jungen heraus. Als Jamie eines Nachts gar nicht nach Hause kam, sondern erst am frühen Morgen, in komplett neue Sachen eingekleidet, fing sein Vater an Nachforschungen zu betreiben. Über Telefonnummern, die der Junge in seinem Handy gespeichert hatte, kam er schließlich auf einen Mann namens Damian Stojkovic. Es stellte sich heraus, das dieser Mann ein bei der Polizei aktenkundiger Zuhälter war und das Jamie die fragliche Nacht, bei genau diesem Mann verbracht hatte. Herr Dippelt stellte sofort Strafanzeige und besorgte sich einen Termin in der Sprechstunde bei unserem Chefarzt. Was aus dem Verfahren wurde, habe ich nie erfahren. Tatsache aber war, dass sowohl Jamie als auch Damian Stojkovic es zu jedem Zeitpunkt abstritten eine sexuelle Beziehung zueinander gehabt zu haben, ganz zu schweigen davon, dass diese vermeintliche sexuelle Beziehung auch noch einen finanziellen Hintergrund gehabt haben könnte. Damian Stojkovic gab zu, dass er Jamie die neuen Sachen besorgt habe, beteuerte dabei aber immer, dass das ja kein Verbrechen sei.

Und so landete Jamie bei uns auf Station.

Und so brachte er mein Leben durcheinander, indem er mich mit meiner eigenen Vergangenheit konfrontierte, die ich längst für abgeschlossen hielt, die ich vielleicht nie wirklich verarbeitet, doch aber zumindest erfolgreich verdrängt hatte.

Weggesperrt auf ewig, so dachte ich. Und wurde eines besseren belehrt. Die Vergangenheit holt einen letztlich immer wieder ein.

Adrian schaute irritiert von den Polizisten zu mir und wieder zurück. Er schien nicht zu begreifen, was gerade abging. Wie denn auch? Selbst ich hatte meine Probleme damit.

„Was -“, begann er, brach aber gleich wieder ab, nur um erneut zu beginnen. „Wer zum Geier ist Jamie Dippelt?“ Er stellte die Frage so in den Raum hinein, dass sie sowohl an den Kommissar, als auch an mich gerichtet sein konnte.

„Er war Patient auf meiner Station“, antwortete ich leise.

„Und was hat Sebastian jetzt damit zu tun?“, wandte sich Adrian nun an die Polizistin. „Ich sehe keinen Grund, warum er sie mit auf das Revier begleiten sollte.“

Es war jedoch Hilger, der antwortete: „Wie war gleich ihr Name?“

„Ellinghaus. Adrian Ellinghaus.“

„Er ist mein Lebensgefährte“, fügte ich erklärender Weise noch hinzu.

Wenn es die Polizistin überrascht hatte, so ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. Ihr Blick ruhte immer noch starr auf mir. Anders hingegen Kommissar Hilger, der seine Aufmerksamkeit nun wieder auf mich richtete, kurz seine buschigen Augenbrauen anhob, aber einen Moment später seine undurchdringliche Mimik wieder aufsetzte und sich erneut Adrian zuwandte. „Es geht hier um einen Mordfall, Herr Ellinghaus, und auch wenn ihr…“, er stockte und holte Luft, „… Lebensgefährte im Moment vielleicht nicht zu den Verdächtigten zählt, könnte seine Aussage doch von einiger Bedeutung sein! Und die Tatsache, dass das Opfer Patient war und Herr Kobbe in Bezug auf klinische Fakten der Schweigepflicht unterliegt, macht das Ganze etwas… nun ja… heikel, weshalb ich die Befragung gerne offiziell auf dem Revier durchführen würde“, erklärte Hauptkommissar Hilger zwar ruhig, aber doch sehr bestimmend.

„Wenn… wenn nichts gegen ihn vorliegt, dann weiß ich auch nicht, was er -“ Weiter kam er nicht, weil ich ihn unterbrach.

„Ist schon gut Adrian. Ich werde mitgehen.“ Ich versuchte ihm zuzulächeln, in der Hoffnung, dass ihn das milde stimmen würde. „Wenn sie vielleicht noch einen kurzen Moment warten würden“, fuhr ich an die Polizisten gewandt fort und machte mich auf den Weg ins Schafzimmer um mich umzuziehen. Hilger quittierte meine Frage lediglich mit einem Nicken. Als ich Adrian gegenüberstand, blieb ich stehen, sah ihm in die Augen und sagte sanft: „Es ist doch lediglich eine Befragung, ich mache nur kurz meine Aussage und komme danach gleich wieder.“

„Nun, du solltest dir vielleicht wenigstens einen Anwalt nehmen, nur für den Fall“, erwiderte er, allerdings mit deutlich weniger Enthusiasmus.

„Wir sind hier nicht im Fernsehen“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Ich glaube nicht, dass es nötig sein wird.“

„Es geht hier wirklich nur um eine kurze Befragung und Herr Kobbe steht auch nicht im Verdacht etwas mit dem Todesfall zu tun zu haben“, versuchte nun auch die weibliche Polizistin Adrian zu beschwichtigen. Sein letzter Widerstand schien zu fallen und so zuckte er lediglich mit den Schultern.

Adrian bestand aber dennoch darauf, dass wir in seinem Wagen den beiden Polizisten folgen würden und Hauptkommissar Hilger gestattete es.

Auf den Weg zu den Autos fragte ich Hilger, wie Jamie denn überhaupt gestorben sei.

„Nun, das war eine sehr unschöne Sache“, erzählte er mir nüchtern. „Er wurde auf dem Busparkplatz gleich hinter dem Bahnhof Zoo im Gebüsch gefunden. Man hat ihn förmlich zu Tode geprügelt.“

Mehr sagte er dazu nicht und ich fragte auch nicht weiter nach. Ich schluckte nur und mir wurde übel bei der Vorstellung, was er durchgemacht haben musste. Ich wollte auch gar nicht mehr wissen, es reichte bereits. Meine Augen füllten sich mit Tränen und ich hatte starke Mühe sie im Zaum zu halten. Am meisten verspürte ich Schuld. Ich fühlte mich schuldig, weil ich Jamie nicht hatte retten können.

Die Fahrt selbst verlief stumm. Adrian sagte im Auto kein Wort, schien ganz darauf konzentriert dem Polizeiwagen zu folgen. Ich war froh, dass er nicht weiter nachfragte und mir meine Ruhe ließ.

Ich schaute indes die gesamte Fahrt über aus dem Fenster und ließ die Stadt, die schon so viele Menschen kaputt gemacht hatte und die ich dennoch so liebte, wie ein Kaleidoskop an mir vorbeiziehen, ohne wirklich etwas in mich aufzunehmen.

„Ich finde trotzdem, dass ein Anwalt dabei sein sollte, wenn du deine Aussage machst“, unterbrach er die Stille und meine Gedanken, als er vor dem Polizeirevier einparkte. „Aber es ist deine Entscheidung.“

Ich blieb stumm und schaute weiter zum Fenster hinaus, als ob ich etwas suchte, was ich nie wieder finden würde.

3.

Kommissar Hilger ließ mich in seinem Büro Platz nehmen, während Adrian draußen wartete. Der Raum war relativ klein. An den Wänden standen alte Holzregale, vollgestopft mit Ordnern. Überhaupt schien die gesamte Einrichtung aus alten Holzmöbeln zu bestehen, die irgendwann einmal in den siebziger Jahren angeschafft wurden. Es war ein Anblick, bei dem man augenblicklich einen muffig, abgestandenen Geruch wahrzunehmen glaubt, was aber überraschender Weise hier nicht der Fall war. In der Mitte des kleinen Zimmers standen zwei Schreibtische beieinander, auf der rechten Seite nahm Hilgers Kollegin Platz. Hilger selber hatte noch einmal den Raum verlassen um etwas zu holen.

Auf seinem Schreibtisch lagen Aktenberge und daneben kreuz und quer Zettel verstreut, manche in hastiger Schrift beschrieben, andere mit Skizzen irgendwelcher Straßen bekritzelt. In mir drängte sich die Frage auf, wie er sich in all der Unordnung überhaupt zu Recht finden konnte.

Als Hilger kurz darauf wieder den Raum betrat, klingelte das Telefon. Seine Kollegin ging ran und verließ dann eiligen Schrittes das Büro. Ich fragte mich, was das alles zu bedeuten hatte und warum ausgerechnet ich überhaupt hier sei. Aber ich verhielt mich still, wartete ab, wartete darauf, dass er anfing.

„So, ich werde erst einmal der Form halber ihre Personalien aufnehmen“, fing er an, setzte sich eine Brille auf die Nase und legte sich ein paar Zettel zurecht. „Wenn es ihnen recht ist, würde ich gerne ein Tonband mitlaufen lassen.“

Ich nickte und er begann seine Fragen. Als das formale Procedere endlich fertig war, nahm er seine Brille ab und wandte sich mir direkt zu.

„Sie fragen sich jetzt sicher, warum wir sie hierher zitiert haben?“

„Ja, so in etwa“, antwortete ich.

„Nun, ich will ihnen nicht verschweigen, dass wir, was den Fall betrifft, relativ im Dunklen tappen. Wir haben bei der Leiche kaum Spuren gefunden, zumindest keine die uns irgendwie weiterbringen. Mit einer Ausnahme: In der Innentasche seiner Jacke befand sich ein Brief. Der Junge muss ihn bereits vor Monaten geschrieben haben.“ An dieser Stelle hielt Hilger inne und schien darauf zu warten, dass ich etwas sagte. Ich konnte mir schon denken, worauf er hinauswollte.

„Und was hat das jetzt mit mir zu tun?“, hakte ich dennoch nach.

„Nun ja, der Brief war an sie adressiert“, erwiderte Hilger.

Es überraschte mich dann doch, dass Jamie ausgerechnet mir geschrieben hatte und gleichzeitig machte es mich traurig, dass er offensichtlich nie dazu gekommen war den Brief abzuschicken. Vielleicht wäre dann alles anders verlaufen, vielleicht würde er dann jetzt nicht mit eingeschlagenem Schädel und Prellungen am ganzen Körper im Leichenschauhaus liegen, vielleicht hätte ich ihn doch noch retten können. Und wieder empfand ich ein tiefes Gefühl der Schuld. Es war, als ob ich dabei zugesehen hätte, wie ihn jemand anderes zu Tode prügelte. Ich konnte sein blutiges Gesicht vor meinen Augen sehen.

„Aufgrund dessen“, und an dieser Stelle zog Hilger ein Schriftstück aus einer braunen Pappakte und schob es mir über den Tisch, „gibt es einen richterlichen Beschluss, der es mir ermöglicht offiziell mit ihnen über ihre Verbindung zu Jamie Dippelt zu reden. Jenseits der Schweigepflicht, wohlgemerkt. Sie müssen aber nichts sagen, was sie selber belasten könnte und sie können freilich auch auf einen Anwalt bestehen. Aber wie gesagt, sie sind nicht als Verdächtiger hier.“

Ich nickte stumm, besann mich dann aber des Tonbandgerätes und fügte noch ein halblautes „okay“ hintendran.

„Können Sie sich vorstellen“, fuhr Hilger daraufhin fort, „warum er ihnen geschrieben hat? Und wie er überhaupt an ihre Adresse kam? Wir wissen bereits, dass er mehrmals stationär in der Klinik war, dort, wo sie arbeiten. Aber für gewöhnlich geben sie da doch nicht Ihre Privatadressen raus, oder?“ Hilgers Stimme verriet Misstrauen und sein Blick versuchte tief in mich zu dringen.

„Ja … ja, da haben … sie … recht“, sprach ich wie in Trance, fand aber gleich darauf meine Beherrschung wieder. Ich sah Hilger in die Augen, als ich weitersprach. „Ich weiß nicht, wie er da herangekommen ist. Wir müssen Namensschilder tragen, wissen sie, da stehen unsere Vor- und Zunamen drauf, den Rest erledigt ein Telefonbuch. So könnte ich mir vorstellen, dass er sie herausbekommen hat.“

„Ja, das ist gut möglich. Aber warum hat er ausgerechnet ihnen geschrieben?“

„Er war ein Patient in unserer Klinik und wir waren befreundet.“

4.

[2005]

Als Jamie das erste Mal auf Station kam, hatte ich gerade frei.

Er wurde aufgenommen wegen delinquenten Verhaltens, Schulverweigerung und Nichteinhaltens gesellschaftlicher Normen, womit gemeint war, dass er auf alles was Erwachsene sagten geschissen hat. Die Sache mit Damian Stojkovic wurde untergeordnet behandelt. Kurz: Er war da, wegen sogenannten ‚Störungen des Sozialverhalten und der Emotionen’. Eine Diagnose, die so tatsächlich in den ICD-10 stand, der Internationalen Klassifikation für Krankheiten. Eigentümlicher Weise beschreibt diese Diagnose gar kein richtiges Krankheitsbild, beziehungsweise sind die Kinder, denen eine solche Diagnose zufällt, nicht im eigentlichen psychiatrischem Sinne krank. Vielmehr ist es eine Ausschlussdiagnose, die all jenen Jugendlichen zufällt, die gesellschaftlich nicht mehr tragbar scheinen. Es sind Jugendliche, die überall anecken, sei es zu Hause oder in der Schule, die in diesem Zusammenhang nicht selten gewalttätig auftreten, oft auch vorbestraft sind wenn es sich um ältere Jugendliche handelt, die stehlen oder einfach nur fremdes Eigentum beschädigen. In diese Diagnose kann man, wenn man möchte, so viel hineininterpretieren, wie man will. Jede Verhaltensauffälligkeit würde darin ihren Platz finden.

Dem zugrunde liegt aber in den meisten Fällen keine krankhafte Störung im eigentlichem Sinne, sondern meist ein dysfunktionales Elternhaus. Es sind Kinder und Jugendliche, die in ihrer Entwicklung durchaus selbst Gewalt oder Vernachlässigung erfahren haben. In der Praxis sind es dann schwer zu führende Patienten, weil sie in der Regel kaum Therapiebereitschaft zeigen und in den meisten Fällen die Eltern vom therapeutischen Angebot auch unberücksichtigt bleiben, so dass sich die Grundvoraussetzungen für eine Verhaltensbesserung gar nicht erst ändern. Warum soll man sich einer Gesellschaft anpassen, die einen eigentlich ablehnt?

Jamie war zum Zeitpunkt seiner Aufnahme dreizehn Jahre alt. Auf Station anfangs noch unsicher und angepasst, legte er dies recht schnell ab. Es fiel ihm schwer Regeln zu akzeptieren und einen strukturierten Tagesablauf einzuhalten. Zu Hause kannte er so etwas nicht, beziehungsweise akzeptierte er es auch dort nicht. Wenn Jamie etwas nicht wollte, konnte er wieder sehr schnell zu einem bockigen Kleinkind werden. In solchen Situationen war er halsstarrig und absolut egoistisch. Es gab dann kaum noch ein Herankommen an ihn. Anfangs aber, schien er noch alles bloß zu beobachten, vermutlich um einschätzen zu können, wie weit er später gehen könnte.

Als ich ihn das erste Mal sah, fielen mir sofort seine großen blauen Augen auf. Er hatte die Eigenart einen anzusehen, dass man ihn am liebsten vor der ganzen Welt beschützen mochte. In diesen Momenten wurde man noch am ehesten gewahr, dass er mit seinen dreizehn Jahren noch ein Kind war. Allerdings sah er nicht jeden so an, sonst hätte er vielleicht während seiner Aufenthalte bei uns nicht so viele Schwierigkeiten gehabt. Leute, die er nicht mochte, ließ er einfach links liegen. Er hatte dann eine Art an sich, die schon fast an kapitale Arroganz grenzte. Dadurch übersahen viele das emotional verarmte Kind und hielten ihn einfach nur für ein unerzogenes Ärgernis.

Jamie war für sein Alter recht groß, aber auch sehr dünn und blass. Auffällig waren seine fast ohrlangen schwarzen Wuschelhaare. Einmal erzählte er mir, dass seine ursprüngliche Haarfarbe eigentlich ein helles Braun sei, dass das Schwarz aber nicht mehr herauswuchs, seit er sich vor über einem Jahr einmal die Haare gefärbt hatte. An manchen Stellen sah man sogar noch braune Strähnchen.

Im Laufe der ersten Tage haben wir ein paar mal miteinander auf dem Hof Tischtennis gespielt und uns dabei gut unterhalten, vor allem, warum er hier war und wie er sich sein Leben so vorstellte. Er erzählte recht offen über seine Probleme mit seinem Vater, dass er keine Lust mehr auf Schule und „dieses ganze Sklavendasein“ habe. Ich versuchte daraufhin ihm zu erklären, dass das Leben nun einmal nicht einfach sei, er aber gewisse Dinge einfach akzeptieren müsse. Im Prinzip dieselbe Leier, die wir allen Jugendlichen erzählen, die mit derartigen Problemen zu uns kommen. Über Damian Stojkovic und die fragliche ‚Sache’, die damit in Verbindung stand, verlor er aber nie ein Wort und ich fragte auch nicht nach. Dabei bohrte es in mir und ließ mich nachts nur noch unruhig schlafen. Ausgerechnet Damian Stojkovic! Wie konnte die Welt nur so klein sein?

Ich war hin- und hergerissen von Jamie. Seine Anwesenheit riss alte Narben auf und konfrontierte mich mit einem Teil meiner Vergangenheit, die ich weggesperrt hatte. Er öffnete eine Tür in mir, von der ich gar nicht mehr wusste, dass es dazu noch einen Schlüssel gab. Später musste ich mir jedoch eingestehen, dass diese Tür nie wirklich verschlossen war. Es brauchte nur einen kleinen Stoß, um sie aufzumachen und all die Erinnerungen herauszulassen. Und ich stellte auch fest, so einschneidend diese Erinnerungen auch waren, ich konnte mittlerweile damit leben, sie sogar als wichtigen Teil meiner Entwicklung akzeptieren. Aber das kam erst später. Zu der Zeit mit Jamie jedoch schien es mich tief zu verstören. Dennoch oder vielleicht auch gerade deshalb, fühlte ich mich dadurch mit ihm verbunden und er weckte meinen Beschützerinstinkt. Ich wollte ihn davor bewahren noch tiefer in ein Milieu hineinzurutschen, dass ihn mit Haut und Haaren verschlingen würde, wie eine Bestie.

Die nächsten Tage versuchte ich dennoch etwas auf Distanz zu gehen, auch wenn das auf einer psychiatrischen Station sicherlich schwer war. Aber, ob er nun spürte, dass es etwas gab, was uns miteinander verband oder nicht, er schien mich zu mögen und ich war fast der Einzige, der ihm Anforderungen stellen konnte, ohne das er sie ablehnte. Er akzeptierte mich und, was vielleicht für ihn noch viel wichtiger war, schien mir zu vertrauen.

Jamie lebte sich auf Station schnell ein und fing an alles in Frage zu stellen, was man ihm sagte. Wenn er keine Lust hatte, verweigerte er die Gruppentherapien oder störte den Unterricht in der Klinikschule. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt recht viele Patienten mit Verhaltensstörungen und so verging kaum ein Dienst ohne irgendwelche Regelbrüche. Und Jamie mischte bei allem mit, was sich gegen die Regeln richtete.

Wurde heimlich geraucht, Jamie war dabei. Wurde sich mit dem Pflegepersonal angelegt, Jamie war dabei. Wurde gegen die Nachtruhe verstoßen, Jamie war dabei.

Er entglitt zunehmend unserem Einfluss, und bald gab es kein Herankommen mehr an den Jungen. Meine Kollegen waren von der Situation ziemlich genervt. So tolerant Psychiatriepersonal vielleicht auch sein sollte, so sind es doch nur normale Menschen, die schnell an ihre Grenzen geraten und von eigenen Vorurteilen leben. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass Jamie nach einiger Zeit von meinen Kollegen total abgelehnt wurde. Dabei wurde aber übersehen, dass sie ihm dadurch genau das Weltbild vermittelten, das er bereits kannte, nämlich, dass die Erwachsenen, die für ihn verantwortlich waren, ihm mit Ablehnung und Regression entgegentraten, anstatt mit Toleranz und Zuneigung. Jamie fühlte sich in seinem Weltbild nur bestätigt, einzig mich ließ er dabei außen vor. Nach ein paar Wochen wurde ich krank und musste zu Hause bleiben. Als es mir wieder besser ging und ich meinen ersten Arbeitstag hatte, war Jamie weg. Er war eines Vormittages aus dem Toilettenfenster der Klinikschule geklettert und abgehauen. Da er nicht wiederkam, wurde er am nächsten Tag offiziell entlassen. Niemanden schien es zu kümmern, wo er war. Er war jetzt offiziell wieder das Problem der Anderen, nicht mehr unseres. Man konnte ja schließlich nicht allen helfen.

Ich würde gerne sagen, dass es mir leid tat, dass er abgehauen war, aber die Wahrheit ist, dass ich innerlich aufgeatmet habe. Ich konnte nun endlich wieder zur Arbeit gehen, ohne befürchten zu müssen, dass die Mauer zwischen dem Heute und meiner Vergangenheit immer mehr Risse bekommt. Denn jedes Mal, wenn ich ihn sah, sah ich auch mich, wie ich vor zehn Jahren war.

So endete sein erster Aufenthalt bei uns.

5.

[1990]

Aufgewachsen bin ich in Leipzig. Als ich zehn Jahre alt war, ließ sich meine Mutter scheiden und zog mit mir von Connewitz in den Westteil der Stadt. Ich war das einzige Kind meiner Eltern. War ich schon vorher eher ein Einzelgänger, so verstärkte sich dies nach unserem Umzug umso mehr. Es fiel mir schwer Anschluss zu finden und die Klassenkameraden an der neuen Schule begannen mich sehr schnell auszugrenzen. Ich zog mich nicht so an, machte nicht dieselben Sachen und redete nicht wie sie. Und so wurde ich zunehmend introvertierter und einsamer. Meine schmächtige Figur und die daraus resultierende körperliche Schwäche machten mich immer wieder zum Zielobjekt des Spotts und von Hänseleien. Nicht selten, wenn ich mich am falschen Ort, zur falschen Zeit aufhielt, arteten diese Hänseleien auch schon mal in Schlägereien aus, wo ich immer der Unterlegene war.

Lea, seit dem Umzug bestand meine Mutter darauf, dass ich sie bei ihrem Vornamen nannte, bekam von alldem nichts mit, und wenn sie doch etwas davon mitbekam, war es ihr zumindest egal. Tagsüber war sie bis spät abends arbeiten und wenn sie dann am Wochenende zu Hause war, kamen oft Männer zu Besuch. Manche blieben ein paar Monate, andere sah ich nach einem Wochenende nie wieder.

Als ich vierzehn war, kam ein neues Mädchen zu uns in die Klasse. Auch sie war eine Außenseiterin, mit allerdings einem Unterschied zu mir: sie wollte es so. Ihr Name war Katharina Poggemann. Sie selber stellte sich aber überall mit „Mona“ vor. Es war angeblich ihr zweiter Vorname, den ihr von ihrer Oma mitgegeben wurde und der ihr besser gefiel als Katharina. Offiziell tauchte er aber in keinem Schriftstück auf, weshalb der Verdacht nahe lag, dass sie sich das ganze nur ausgedacht hatte. Passen würde es zu ihr. Aber Mona war nicht einfach nur cool und selbstbewusst, vor allem war sie unglaublich schön. Von allen Jungs aus der Klasse wurde sie angehimmelt und von den Mädchen beneidet. Die Jungs wollten sie haben und die Mädchen so sein, wie sie. Mona stand aber über den Dingen. Sie interessierte sich nicht für die anderen. Einzig, mit einem Mädchen zwei Jahrgänge über uns, schien sie befreundet zu sein. Auch ihr Kleidungsstil entsprach nicht dem von Achtklässlern. Sie hatte immer teure Klamotten an und war so geschminkt, dass man sie glatt für achtzehn hätte halten können. Dabei sah sie aber nie billig aus, eher anmutig und weltoffen. Zumindest in den Augen eines Vierzehnjährigen.

Schon damals fühlte ich mich jedoch mehr zu Jungs hingezogen, auch wenn es vielleicht noch nicht die Zeit war, wo ich mir das eingestehen konnte. Aber Mona faszinierte mich. Ich glaube, so im Nachhinein, waren wir alle ein wenig in sie verliebt, ganz gleich ob nun homo oder hetero, ob Junge oder Mädchen. Sie hatte so eine sirenenhafte Ausstrahlung, dass man ihr nur verfallen konnte.