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Ein Schicksalsschlag und der Coronaausbruch begegnen Natalie "Naddy" Hoffmann, einer mittellosen Künstlerin, auf unangenehme Weise: Sie verliert ihre Mutter, ihr eigener Bruder wendet sich von ihr ab und ihre Gesundheit steht auf Messers Schneide. Sie hat jedoch noch die Leidenschaft und die Liebe zum Malen. Das gibt ihr Halt in schwierigen Zeiten. Sie verliert die Hoffnung nicht, als sie Vincent begegnet. Ist sie jedoch sicher wegen ihren Gefühlen? Sollte sie lieber auf den Verstand hören? Sollte sie sich für sich selbst entscheiden?
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Seitenzahl: 284
Veröffentlichungsjahr: 2021
Mirka Holsteinova
Liebesroman
Copyright: © 2021 Mirka Holsteinova
Cover & E-Book-Erstellung: Sabine Abels | e-book-erstellung.de
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Es regnete in Strömen auf das Dachfenster einer Altbauwohnung, Die Katze saß am Fenster und beobachtete die Regentropfen, die sich wie Schlangen das Glasfenster hinunterwandern. Heute ist kein guter Tag für mich, dachte sich die Frau, die an ihrem Schreibtisch saß und den Brief las, den sie soeben aus dem Briefkasten geholt hatte. „Kein guter Tag für uns beide, mein Katzi“, sagte sie laut. Die Katze war vertieft in ihre Beobachtung. „Was mache ich bloß? Schon wieder eine Kündigung. Lange war ich nicht in der Firma. Das ist nicht gut für meinen Lebenslauf.“ Natalie war eine Bürokraft in einem kleinen Unternehmen in der Stadt. Die Aufträge waren nicht reichlich gewesen, es kam einfach nicht genug Geld herein um die Mitarbeiter zu bezahlen – Betriebskündigung wegen Insolvenz. „Wer stellt eine 35- Jährige ein?!“, stöhnte sie. Sie faltete den Brief zusammen und steckte ihn wieder in den Briefumschlag. Es lagen mehrere Umschläge dieser Art auf ihrem Schreibtisch: Rechnungen und Werbung für jeglichen Krimskrams, den kein Mensch brauchte. Vielleicht doch eine neue Tasche? Sie ging in die Küche und stellte den Wasserkessel auf den Herd. „Kaffee, ja einen Kaffee erstmal.“ Sie wischte sich mit dem Geschirrtuch die Tränen ab und überlegte, was sie machen sollte. Wo waren nur die Zigaretten? Sie hatte vor einem Monat mit dem Rauchen aufgehört. Es war ihr nicht schwer gefallen. Einen Tag lang hatte sie zwar ununterbrochen an die Zigarette gedacht, aber sie nahm es in Kauf. Sie wünschte sich wieder Nichtraucher zu werden und nun das! Sie fand eine Notfallzigarette und zündete sie an. Sie schmeckte nicht besonders. Sie schmeckten nie wirklich gut, doch es war ihr egal. Es war notwendig, sie hatte sie gebraucht. Ihr wurde schwindelig. Scheiß- Zigaretten, dachte sie. Der Wasserkessel pfiff und sie goss das heiße Wasser in die Tasse mit dem Kaffeepulver. Sie machte den Kühlschrank auf und schaute nach, ob sie noch etwas von der Milch hatte, doch da war nur eine leere Packung. „Ich sollte sie immer, wenn eine leer ist, wegschmeißen“, sagte sie da zu sich selbst und nahm die Tasse mit dem Kaffee und gab etwas kaltes Wasser hinein. „Ok, das ist nicht Café Crema von Tchibo, aber jetzt muss ich durch, wie immer.“ Es war bereits Abend und bei einigen Nachbarn brannte schon Licht. Der Kaffee schmeckte scheußlich. Sie ging mit den Gedanken den Montag durch: zum Arbeitsamt gehen, zur Bank und Katzenfutter kaufen. Wenn ich wieder arbeitslos bin, na, dann kann ich wieder malen, dachte sie, das mache ich sowieso am liebsten. Die Katze nahm Platz auf ihrem Schoß und fing an zu schnurren. „Du hast solche Probleme nicht, nicht wahr, mein Schatz?“ Die Katze schaute sie an und schnurrte weiter. Mein Leben: keine Kinder, kein Partner, keine Arbeit und ich bin ein absoluter Loser. Ja, das bin ich. Ich habe nichts auf die Reihe gebracht, nur Katastrophen in meinem Leben. Ich muss wieder zur Psychologin gehen. Sie meinte, ich müsse an meiner Kindheit arbeiten, ich sei traumatisiert. Von wegen! Ach, die hat keine Ahnung, die Tante. Niemand hat eine Ahnung von dem, was tatsächlich los war. Aber egal, wichtig ist, dass ich mir Arbeit suche und weitermache.
Der Regen dauerte immer noch an. Natalie saß auf ihrem Sessel. Sie hatte keine Lichter angemacht, sie hockte im Dunkeln und hörte dem Plätschern zu. Keine Sterne waren zu sehen. Die vermisste sie bei bewölktem Himmel. Doch der Regen tröstete sie: Nicht nur sie hatte einen miesen Tag gehabt, sondern alle Menschen, die sich Sonnenschein wünschten.
Der Regen dauerte einen Monat lang. Die Natur war gierig nach Wasser. Die Bäume in ihrer Straße sogen die Nässe auf wie ein Schwamm, Es war grüner geworden in der Sudetenlandstraße. Sie beobachtete ihre Umgebung aus dem Fenster mit interessierten Augen wie ihre Katze und stellte fest, dass die Welt farbenfroh war. Eben blinzelte die Sonne durch die Wolkenfetzen und hinterließ einen Regenbogen. „Es wird wieder heiß“, sagte sie zu ihrer Katze, doch die hatte die Fliege im Visier. Natürlich antworten Tiere nicht. Schade, dachte sie sich. Natalie machte das Dachfenster zu und betrachtete die Bilder, die sie gemalt hatte. Farbenfoh waren die nicht! Verzerrte Gesichter, skurrile Masken und Grimassen in Blau, Schwarz und in der braunen Farbe. Düster, dachte sie, wie die Menschen aus meinem Leben. Sie nahm das Telefon und wählte die Nummer ihrer Freundin Anne.
Langes Klingeln. Vielleicht war sie wieder damit beschäftigt ihre Haare zu stylen oder sich die Nägel zu maniküren. Endlich! „Hallo Süße“, kam es aus der Leitung.
„Was machst du?“, fragte Natalie.
„Ach, ich war auf dem Klo. Du hast immer das beste Timing“, lachte Anne.
„Wie läuft es bei dir?“, erkundigte sich Natalie.
„Nun, ich kann nicht klagen. Ich war eine Woche auf Bali. Tolle Zeit gehabt.“
„Das glaube ich.“ Natalie verspürte einen Stich in der B0rust. Bali war ihre Trauminsel. Sie hatte schon immer einmal dorthin gewollt, aber sie traute sich nicht allein zu reisen. „Und bei dir, was gibt es Neues?“ Natalie überlegte. Sollte sie sich ihr anvertrauen? Immerhin war Anne ihre gute Freundin. Sie hatte noch niemandem gesagt, dass sie ohne Arbeit war. Darüber zu sprechen fiel ihr nicht leicht. „Nun ja, Anne, ich war nicht auf Bali, ich war nirgendwo, nicht mal an der Arbeit, ich bin sozusagen ohne Job!“ So, es war raus. Lange Pause. Räuspern in der Leitung. „Naddy, das tut mir leid“. „Schon gut, Anne, ich habe mich damit abgefunden immer Pech zu haben.“
„Süße, das ist eine Phase.“
„Nun, die Phase dauert jetzt mittlerweile vier Jahre! Verstehst du, Anne, ich kann nicht mehr.“
„Gib nicht auf, es kommen wieder gute Zeiten. Hast du mit deiner Mutter gesprochen?“
„Nein“. „Wie lange bist du nun zu Hause?“
„Einen Monat.“
„Was hast du gemacht?“
„Nachgedacht und gemalt.“
„Naddy, ich bekomme einen Anruf auf der anderen Leitung. Ich melde mich bei dir in den nächsten Tagen. Versprochen. Halt die Ohren steif, bleib stark, du schaffst das.“ Natalie saß auf ihrem Sessel und hielt das Handy in der Hand, schwarzes Display, wie ihr Leben, dachte sie sich. Niemand hatte wirklich Zeit, niemand hörte wirklich zu, nur Ratschläge, die zwar gut gemeint waren, aber wussten denn die anderen, was man spürt und wie es einem wirklich geht? Nein, das wusste keiner, nur man selbst. Ich sollte vielleicht die Mutter anrufen, die Arme ist im Altersheim und ich habe sie sehr lange nicht besucht. Ich besuche sie, das wäre am einfachsten. Am Telefon versteht sie mich meistens nicht so gut und vielleicht wird sie sich dieses Mal freuen mich zu sehen. Natalie nahm einen Block aus ihrer Tasche und machte sich Notizen.
a) Mutter besuchen
b) Bewerbungen schreiben.
Natalie saß an einem heißen Tag an ihrem Schreibtisch und schrieb Bewerbungen. Erst suchte sie nach Stellen im Internet, doch es gab nicht sehr viele Ausschreibungen. Ich brauche dringend einen Job! Irgendetwas, egal was, dachte sie sich und korrigierte ihren Lebenslauf. Zu viele Jahre der Arbeitslosigkeit in ihrem Dokument. Sie war mutlos. Sie schaute ihre Katze an, die in ihrer Badewanne eine Abkühlung suchte. Sie musste schmunzeln, als sie sie dort sah. Katze müsste man sein- doch wenn sie wieder an die Bilder von misshandelten Haustieren dachte, schüttelte sie den Kopf und sagte zu sich selbst: der Mensch und das Tier haben es nicht leicht in dieser Welt. Es gibt immer Untiere, die den anderen das Leben schwer machen. Sie ging in die Küche und bereitete sich einen Eiskaffee. Genau das Richtige für den heißesten Tag des Jahres. Die Schwimmbäder waren noch zu wegen der Coronapandemie und die Menschen, obwohl sie sich frei bewegen konnten, gingen zum Waldsee oder fuhren an die Ost –bzw. Nordsee. Urlaub am Meer, dachte Natalie, wie gerne ich das auch tun würde, aber ich habe kein Geld und ich möchte wieder arbeiten. Jetzt an Urlaub zu denken, das gehört sich nicht, nicht jetzt, ermahnte sie sich selbst. Sie durchsuchte ihre Handtasche nach einem kleinen Ventilator, den sie in einem 1-Euro-Shop gekauft hatte. „Katzi“, so nennt sie das Haustier immer, denn die Katze hat keinen Namen, „ich gehe spazieren. „Die Katze gab ein Miaugeräusch von sich, so als führte sie eine ganz normale Unterhaltung mit ihrer Besitzerin.
Die Stadt war lebendig. Überall Menschenmengen und Autos, die von A nach B fuhren, doch Natalie hatte ihre feste Spaziergangroute. Sie ging zum Fluss, der nicht weit von ihrer Wohnung entfernt verlief. Die alten Häuser säumten den Weg dorthin und plötzlich, als sie in Gedanken versunken war und über ihre Situation nachdachte, tauchte dieses Café auf, einfach so. Komisch. Das kannte sie noch gar nicht. Es war neu. Sie las die großen Buchstaben auf dem Schild: Café de Paris. Sogleich kamen in ihr Gedanken hoch an eine frühere Reise nach Paris mit ihrem damaligen Freund Stefan. Sie dachte an die Straßen von Paris voller Möchtegernkünstler, an das Essen in einem schicken Restaurant und an das irrtümlich bestellte Abendessen. Sie hatte die Karte nicht auf Französisch lesen können und sie hatten gelacht, weil sie Froschschenkel bestellt hatte. Sie war jung und glücklich gewesen.
Als sie sich dem Café näherte, las sie eine Anzeige: Suche eine Aushilfe. Ach, hier würde ich gerne arbeiten, aber ob sie mich nehmen? Sie betrat das Café mit Herzklopfen und war positiv überrascht: ein kleiner Raum mit15 Sitzplätzen, Gemälde hingen an den Wänden und jede Menge Uhren in unterschiedlichen Formen. Es roch nach Lavendelblüten. „Ich bin gleich bei Ihnen“, ertönte eine warme, sympathische weibliche Stimme aus der Küche. Natalie war nervös, ihre Hände schwitzten, auf ihrer Stirn hatten sich ein paar Schweißperlen gebildet und das war nicht nur wegen der Hitze. „Hallo, entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten, aber der Käsekuchen musste in den Backofen.“
„Oh, ich liebe Käsekuchen“, schwärmte Natalie und lächelte. „Sie müssen sich jedoch gedulden, wenn Sie davon essen wollen. Sie sind aber nicht wegen des Käsekuchens hier, oder? Was kann ich für Sie tun“, fragte die Cafébesitzerin, die in Natalies Alter sein konnte. „Ja, nun“, stotterte Natalie, „ich habe Ihre Anzeige gelesen. Sie suchen doch eine Aushilfe, oder?“
„Ja tatsächlich suche ich jemanden“, lächelte die Frau und betrachtete Natalie von Kopf bis Fuß. Natalie war eine sehr hübsche Erscheinung. Sie wog zwar ein paar Kilos zu viel, aber die waren gut verteilt. Sie trug ein weißes Leinenkleid. Ihre dunklen langen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. Jedoch das Schönste an ihr waren ihre Grübchen, wenn sie lächelte. „Ich heiße übrigens Natalie Hoffmann“, stellte sie sich vor. „Ich bin Frau Mayer, aber Sie können mich auch Nicky nennen. Jeder nennt mich hier so. Also…“ Sie überlegte einen Moment. „Natalie, haben Sie Erfahrungen in der Gastronomie?“
„Als Jugendliche habe ich in der Kneipe meines Großvaters gearbeitet, vielmehr ausgeholfen. Ich kann bedienen, aber kein Bier zapfen“, gab sie zu, „aber ich bin lernfähig und habe eine gute Auffassungsgabe.“
„Können Sie rechnen“, fragte Nicky. Natalie musste schmunzeln. „Natürlich“, antwortete sie. „So natürlich ist das heutzutage nicht. Ich habe einiges erlebt, das können Sie mir glauben. Ich weiß nicht, was die jungen Leute lernen, aber rechnen können sie nicht. Sie nehmen ihr Smartphone und tippen einfache Rechenaufgaben ein. Also gut, kann ich Sie Naddy nennen?“
„Ja, selbstverständlich, mag ich am liebsten.“
„Ich glaube, wir kommen ins Geschäft, wenn Sie wollen. Wie oft können Sie in der Woche arbeiten? Ich brauche jemanden für das Wochenende, von Freitag bis Sonntag.“ Sie schaute auf ihren Kalender und strich Namen durch. Natalie bebte innerlich und antwortete: „Das hört sich gut an.“
„Na prima, dann kommen Sie am Freitag um 8 Uhr, wir machen um 9 Uhr auf. Das Frühstücksbuffet muss vorbereitet werden. Ach, ich brauche von Ihnen die üblichen Unterlagen. Vor allem den Gesundheitspass. Den bezahle ich Ihnen. So, jetzt muss ich aber auch nach meinem Kuchen schauen.“
„Nicky?“
„Ja?“
„Haben Sie Lavendel in den Käsekuchen hineingetan?“
„Ja“, antwortete sie und musste lachen“, „ich glaube, ich habe zu viel reingestreut. Sie riechen ihn, nicht wahr?“
„Hauptsache ist, dass er schmeckt“, gab Natalie zurück und verabschiedete sich. Sie war überglücklich. In einem kleinen Café wollte sie arbeiten und jetzt bekam sie die Stelle. Sie dachte an einen Spruch, den sie an der Wand ihrer Wohnung hatte: It is a good day to have a good day und solch ein Tag war es gewesen. Es war zwar ein Aushilfsjob, aber besser als gar keiner und wer wusste, vielleicht würde daraus mehr werden. Sie setzte ihren Spaziergang fort zum Fluss und fasste ihr Glück kaum. Hoffentlich war die Pechphase vorbei! Nun lachte auch für sie heute die Sonne.
Sie ging mit leichtem Gang durch die grüne Allee zu ihrem Lieblingsplatz am Fluss. Wasser hatte sie schon immer gemocht, schon als Kind. Obwohl sie nicht richtig schwimmen konnte, war sie mit ihren Schwimmflügeln in das Nass hinein gesprungen. An diesem Tag beobachtete sie, als sie ankam, nur das Wehr. Das Wasser reinigte ihre Seele und nahm ihr die Aufregung. Es beruhigte sie. Sie setzte sich und nahm einen Malblock und einen Stift aus ihrer Tasche und fing an zu skizzieren. Es waren dieses Mal keine verzerrten Grimassen, sondern der Fluss und die Bäume, die sie inspirierten. Ob ich das schaffe, fragte sie sich selbst, ob ich auch meine Bilder im Café zeigen darf? Sie legte sich ins Gras und schaute in den blauen Himmel. Vielleicht finde ich dort Antworten auf all meine Fragen, lächelte sie und schlief ein.
„Hallo Naddy, das ist schön, dass Sie da sind. Sie können mir gleich helfen. Die Hände waschen und bitte ziehen Sie sich eine Schürze an.“ Kaum war Natalie im Café, da musste sie schon ins kalte Wasser springen. „Bringen Sie mir bitte Teller und das Besteck, und die Säfte für den Brunch sind im Kühlschrank in der Küche“, wies sie Nicky an. Natalie arbeitete so schnell, wie es ihr möglich war, doch die rasch aufeinander folgenden Anweisungen machten sie nervös. Sie ließ sich nichts anmerken und brachte alles, wie es ihr gesagt worden war.“ Wir haben alle Tische voll, der ganze Raum ist reserviert und unsere Gäste kommen hoffentlich pünktlich“, meinte Nicky weiter, „sonst wird das Essen noch kalt“, machte sie sich Sorgen. „Ich hoffe, sie sind dann zufrieden. Ich habe Pasteten, Kuchen, Pfannkuchen mit Ahornsirup, ach, das wird ein Fest“, schwärmte sie“, ich habe mir wirklich Mühe gegeben“. „Was wird gefeiert?“, fragte Natalie. „Es ist ein Schmaus“, antwortete Nicky, die die Tischdecken zurechtzupfte. Natalie musste schlucken. Das soll man als Fest bezeichnen? Es ist jemand gestorben, eine geliebte Person, ein Vater oder eine Großmutter. Das ist kein Fest, das ist traurig, dachte Natalie, die nun nachdenklicher wurde. „Nun, Naddy, machen Sie nicht so ein Gesicht! Es wird gefeiert und ich möchte, dass Sie lächeln und glücklich aussehen. Wenngleich nicht glücklich, dann zumindest freundlich, das erwarte ich von Ihnen.“
„Natürlich“, gab Natalie kleinlaut von sich. „Ich brauche noch Gläser, Natalie, die sind im Schrank unter der Theke. Holen Sie sie mir, bitte!“ Natalie brachte die Gläser und stellte sie auf den Tisch. „Wie gefallen dir die Blumen?“
„Die sind wunderschön“, strahlte Natalie, „ich liebe Blumen. Ich kaufe mir jede Woche einen Blumenstrauß.“
„Hast du keinen Mann, der sie dir schenkt?“, fragte Nicky vorsichtig. „Ich hatte, aber der liebte mehrere hübsche Dinge auf einmal mehr als mich“. „Oh das tut mir leid.“
„Schon gut, ist nicht so schlimm, ich bin ein glücklicher Single“, lächelte sie zaghaft. „Natalie, schauen Sie, die Gäste kommen!“ Sie blickten beide aus dem Fenster und tatsächlich: eine heitere Gruppe näherte sich dem Café. Seltsame Trauergäste, dachte Natalie und ging in die Küche um die Croissants zu holen. „Hallo, guten Morgen“, riefen sie fast alle auf einmal. „Was für ein hübsches Café!“, schwärmte eine ältere Dame in einem Blümchenkleid, „und die Blumen, ach wie zauberhaft!“
„Guten Morgen“, begrüßte Nicky die Gäste, „nehmen Sie Platz! Meine Kollegin kommt und nimmt ihre Bestellung auf.“ Natalie nahm einen Block in die Hand und ging zu den Feiergästen. Sie begrüßte sie freundlich und hieß sie willkommen. Dann nahm sie die Bestellungen auf. Sie stolperte fast über die Füße der Anwesenden. Es war eng im Café. Doch sie riss sich zusammen. Als sie an dem letzten Tisch angekommen war, an dem eine Gruppe von Frauen saß, sagte sie: „Mein Beileid! Es muss eine heitere Person gewesen sein, da Sie alle lachen. Sie hatte wahrscheinlich keine Angst vor dem Tod“. „Wer, Charlie?“
„Hieß er so“, fragte Natalie und schaute unsicher in die Runde. „Ja, unser Hund hieß so, möge ihm die Erde leicht sein“, antwortete eine Frau, die einen ausgefallenen Hut trug. „Hund?“, fragte Natalie ungläubig. „Ja, unser Charlie war ein Familienhund. Wir wollen ihm die letzte Ehre erweisen“. „Natürlich“, Natalie hielt ihr Lachen zurück, „selbstverständlich. „Die Gäste fühlten sich wohl. Es war eine ausgelassene Festlichkeit. Alle aßen und lachten. Natalie vergaß ihre Nervosität. Es gab jede Menge zu tun: Getränke bringen, Geschirr wegräumen und spülen. Nicky lächelte sie häufig an und zwinkerte ihr zu.Als die letzten Gäste gegangen waren und nur noch Kleinigkeiten aufzuräumen waren, war es schon später Nachmittag. Nicky und Natalie setzten sich in die plüschigen Barocksessel und prosteten sich mit einem Prosecco zu.
„Du hast die Feuerprobe bestanden“, sagte Nicky und schaute Natalie an. „Kommst du morgen wieder?“
„Na, mal schauen, gibt es morgen wieder einen Leichenschmaus? Dieses mal vielleicht Kaninchen statt Hund?“, lächelte sie und ihre Grübchen kamen zum Vorschein. Nicky lächelte ebenfalls. „Nun ja, die Menschen sind nicht immer zu verstehen. Manche sehen in Tieren keine Seele und andere feiern sie, als wären sie ihre Kinder.“
„Ja, manche sind schrullig“, meinte Natalie“, „ich bin es auf jeden Fall auch. Ich habe eine Katze und ich liebe sie ohne Ende. Ohne sie wäre mein Leben schnöde.“
„Siehst du“, sagte Nicky und nippte an ihrem Glas, „so eine krude Idee ist das nicht, eine Trauerfeier zu machen für einen Hund, verstehst du? Er wurde geliebt und er liebte die Familie, davon bin ich überzeugt.
Na komm, erledigen wir den Rest und dann kannst du Feierabend machen, in Ordnung?“ Natalies Füße schmerzten, als sie wieder aufstand, aber sie ließ sich das nicht anmerken. Es war nun mal kein Bürojob, dessen war sie sich bewusst. Die Tätigkeit als Kellnerin ließ ihr Herz höher schlagen, erhöhte ihren Puls. Sie spürte, dass sie lebendig war und froh, Menschen glücklich gemacht zu haben, auch wenn es bedeutete, dass sie ihnen den Tisch abwischte. Alles hatte einen Sinn. Welchen Sinn es für sie haben könnte, da rätselte sie noch. Heute war ein ausgezeichneter Tag gewesen. Sie hatte gute Arbeit geleistet und sie konnte wiederkommen. Sie erledigte die letzten Handgriffe, sie räumte die Gläser in den Schrank und wischte die Theke ab. „Nicky?“, rief Natalie nach ihrer Chefin. „Ich bin in der Küche“, antwortete die. Natalie traf sie am Küchentisch an, als sie sich eben eine Pastete in den Mund schob. „Also, wenn du nichts dagegen hast, dann würde ich jetzt gehen. Ich habe alles fertig gemacht“. „Natürlich, geh schon und genieße den Tag! Und hier noch“ – sie holte einen Briefumschlag aus ihrer Schürzentasche und reichte ihn ihr – „dein Trinkgeld.“ Natalie fasste es kaum: ihr erstes Trinkgeld! Es waren Scheine, keine Münzen! Sie schaute in das Briefkuvert und machte große Augen. „Mein Gott, das sind 50 Euro!“, schrie sie fast. „Hmm ja, sie waren sehr großzügig. Sie waren, und ich bin es auch, mit dir sehr zufrieden. Kauf dir etwas Schönes. Und jetzt geh endlich, damit du noch etwas von dem Tag hast“. „Und du?“, fragte Natalie sie leicht besorgt. „Ich will noch die Abrechnung machen, aber dann habe ich es auch geschafft. Bis morgen, Natalie“, verabschiedete sich Nicky von ihrer reizenden Mitarbeiterin. „Ja, bis dann.“ Es wehte eine leichte, frische Brise, die Wolken kamen aus dem Norden, als sie das Café verließ. Natalie zog sich eine Strickjacke an, weil sie leicht fröstelte. Sie fror auch im Sommer, wenn das Thermometer nicht mehr als 25 Grad anzeigte. Ihre Mutter machte sich des Öfteren deswegen lustig.
Was ziehe ich an? Natalie wühlte in ihrem Kleiderschrank nach einem passenden Outfit. Sie hatte etwas vor. „Ah, diese kurze blaue Hose, ja, die ziehe ich an, nicht wahr, mein Katzi?“ Das Haustier war aufgeregt. Kleidungsstücke lagen auf dem Boden und sie spielte mit ihnen. Ach je, wo war ihre Lieblingsjacke? Die hatte sie doch hier auf den Sessel gelegt. In ihrer Wohnung sah es aus, als ob sie umziehen würde und nun die Dinge aussortierte, die sie nicht mehr bräuchte, aber das war nicht der Fall. Sie war einfach in manchen Dingen chaotisch. Manchmal schimpfte sie sich deswegen selbst. Jetzt betrachtete sie sich im Spiegel. Sie machte eine gute Figur, aber da, wohin sie fuhr, war es sowieso egal, ob sie gut aussah oder nicht, dachte sie sich. „Ob das gewagt ist, Katzi?“ Sie zog das enge Oberteil aus und tauschte es in eine weite weiße Bluse um. Dann betrachtete sie sich erneut: „Ja das ist besser“, bestätigte sie sich selbst. „So kann ich ins Altersheim gehen. Noch die Lederjacke mit und dann kann ich losfahren.“
Sie wollte ihr Moped anlassen, aber es sprang nicht gleich an. Hatte es ein bisschen Rost angesetzt? Doch bei der zweiten Zündung ertönte ein lauter Knall und aus dem Auspuff entwich eine dunkle Wolke. Sie konnte losfahren. Das Altersheim lag nicht sehr weit entfernt von ihrem Zuhause. Eigentlich hätte sie die Gelegenheit ihre Mutter im Altersheim öfter zu besuchen. Jedoch tat sie sich sehr schwer eine alte, fast taube Frau zu besuchen, die lieber Vögelchen beobachtete als ihre Tochter anzusehen. Aber an diesem Sommertag wollte sie hinfahren. Immerhin lagen schon ein paar Monate zwischen ihrem letzten Besuch bei ihr und heute.
Es war ein herrlicher Tag. Kleine weiße Wölkchen segelten durch das Blau des Himmels als sei er ein ruhiger Ozean. Es wehte ein frischer, mäßiger Wind und die Straße war fast leer. Natalie fuhr langsam. Es machte ihr nichts aus, dass sie von anderen Autos überholt wurde. Immerhin konnte sie so die Landschaft voll genießen. An einer Kreuzung bog sie in eine schmale Straße ein. Das alte Haus mit seinen ebenso alten Mitbewohnern lag am Rande eines Waldes. Der Weg dorthin war eingerahmt von Fichten und Linden, einem Mischwald. Es roch nach frischem Harz. Sie liebte den Duft. Er erinnerte sie an ihre Kindheit, als ihre Mutter noch jung gewesen war und mit ihr in den Wald gegangen war zum Pilze sammeln. Sie erreichte den Parkplatz und stellte das Moped unter einem Dach ab. Es hatte sich hier nichts verändert. Vielleicht gab es mehr Blattwerk, aber das Holzhaus war immer noch so alt und mit braunem Anstrich wie vor 10 Jahren, als ihre Mutter hier eingezogen war. Natalie ging über den Kiesweg zum Empfang. „Guten Tag“, begrüßte Natalie die junge Frau hinter dem Glas am Tresen. Die blickte von ihren Unterlagen hoch und musterte die Frau, die immer noch den Helm auf dem Kopf hatte. „Ach ja, natürlich“, entschuldigte sich Natalie und zog den Helm ab. „Ich möchte zu Frau Hoffmann. Wo finde ich sie? Ist sie in ihrem Zimmer?“, fragte sie jetzt ein bisschen ungeduldig. „ Nein, sie ist im Garten“. Natalie bedankte sich höflich und ging über den Flur in den Garten hinaus. Dort saßen mehrere Menschen an einem Gartentisch beisammen und spielten Karten und eine weiß- grauhaarige Frau mit einem langen gemusterten Kleid saß abseits und fütterte die Tauben. Es war eine friedliche Szenerie. Sie hatte etwas Magisches, wie bei Franz von Assisi mit seinen Tieren. Ihre Mutter strahlte diese Ruhe aus. Doch als Natalie sich ihr näherte, erhoben sich die Vögel und flogen davon. Ihre Mutter erblickte sie und lächelte. „Hallo, Mama!“ Natalie gab ihr einen Kuss auf die Wange. Ihre Mutter griff nach ihren Händen und drückte sie fest. Sie nahm das PC- Tablett und schrieb ihr eine Nachricht: Lange nicht gesehen. Wo warst du so lange? „Mir ging es nicht gut. Ich hatte gesundheitliche Probleme.“ Sie schrieb weiter: Und nun besser? „Ja, wie ist es dir ergangen? Du fütterst immer noch die Vögelchen? Und was ist aus dem Heimkater geworden?“ Gestorben, las Natalie. Sie wurde ernst und nachdenklich. „Mama, hast du Angst vor dem Tod?“ Ihre Mutter schaute sie an und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie wollte etwas sagen, aber sie konnte keinen Laut von sich geben. Also schrieb sie: Nein, denn ich glaube, wir werden uns auch danach wieder sehen, irgendwo, an einem schönen Ort. Das stelle ich mir vor. Ich rede abends, wenn ich nicht einschlafen kann, mit deinem Vater. Ich weiß, er ist irgendwo zwischen Himmel und Erde und er passt auf uns auf. Natalie las die Zeilen und sie kämpfte mit den Tränen. Es war schon so lange her, dass er gestorben war! Es war einfach zu früh, dass er gehen musste. Sie hatte sich nicht richtig von ihm verabschieden können. Bis heute machte sie sich Vorwürfe, dass sie so wenig Zeit mit ihm verbracht hatte. Irgendwann würde auch ihre Mutter gehen und sie würde für immer alleine bleiben. Ihre Mutter nahm ihre Hand und streichelte sie. Sie saßen im Garten und schauten einander an, Natalie konnte ihrer Mutter nicht länger böse sein, dass sie wegen ihr ihren Verlobten, den Mutter gehasst hatte, verlassen hatte. Diesen Groll ihr gegenüber musste sie doch irgendwann ablegen und verzeihen. Ihre Mutter hatte Recht damit gehabt, dass er kein anständiger Mann gewesen war. Es hatte sich herausgestellt, dass Natalies Verlobter eine Affäre hatte. Ihre Mutter hatte ihn nämlich mit seiner Geliebten beobachten lassen. Sie hatte einen Detektiv engagiert um ihre Tochter vor einem Fehler zu bewahren. Dass die Mutter das getan hatte, hatte sie ihr lange übel genommen. Doch war nicht längst die Zeit, das hinter sich zu lassen? Immerhin war es lange vergangen und eigentlich sollte sie ihr dankbar sein. Sie hatte sich eine teure Scheidung erspart. Und trotzdem: Sie hatte sie gekränkt, hatte nicht an sie geglaubt, sie hatte immer noch das Kind in ihr gesehen, das man hüten und beschützen musste. Es war hinterlistig gewesen. Ihre Mutter schaute sie an und versuchte aus dem Gesicht ihrer Tochter die Gedanken zu erraten. Sie hielt immer noch Natalies Hände. Sie waren warm und klein, als wären diese Hände niemals gewachsen. Bei dem großen Mädchen, das aus Natalie geworden war. „Mama“, sie kam aus ihrer Gedankenwelt wieder in die Wirklichkeit zurück, „ich arbeite in einem Café als Kellnerin.“ Ihre alte Mutter sah sie mit einem fragenden Blick an. Dann fing sie an zu schreiben: Was ist mit deiner Malerei, malst du noch? „Ja, jetzt wieder. Lange Zeit hatte ich aber die Einstellung dazu verloren und außerdem musste ich an meiner Kunst sparen. Ich habe es mir nicht leisten können Papier und Farbe zu kaufen. Aber jetzt geht es mir wieder besser“, beruhigte sie ihre Mutter mit sanfter Stimme, „ich schaff das schon, du wirst sehen. Und mein Katzi ist wohlauf.“ Schnell hatte sie so das Thema gewechselt. Die alte Dame lächelte wieder und die Sorgenfalten glätteten sich. Es wurde kühler und Natalie nahm eine Decke und legte sie über die Knie ihrer Mutter. Die Blätter in den Bäumen raschelten und die Vögel zwitscherten. Es wurde langsam Abend. Die Lichter gingen im Altersheim an und die, die noch am Tisch Karten gespielt hatten, hatten sich zurückgezogen. „Mutti, wir gehen in dein Zimmer. Ich glaube, du musst deine Medikamente nehmen, wenn ich mich nicht täusche und du musst auch noch etwas essen, Ich habe die Schwester gesehen, die hat ein Zeichen gegeben, dass wir reingehen sollen. Ihre Mutter nickte. Natalie schob ihre Mutter, die in einem Rollstuhl saß, durch den Garten. Die kleinen Steinchen auf dem Weg waren kein Hindernis. Sie brachte sie in ihr Zimmer und hob sie langsam aus dem Stuhl hoch aufs Bett. Sie zog ihr die Schuhe aus und legte eine Decke über den ganzen Körper. Ihre Mutter wirkte müde und erschöpft. Sie war es nicht gewohnt so lange mit Menschen zusammen zu sein. Die Tauben und Tiere waren weniger anstrengend und sie waren still, genauso wie sie selbst. Natalie gab ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte ihr ins Ohr: „Schlaf gut und Mama, ich verzeihe dir.“ Ihre Mutter blickte ihr in die Augen und Natalie sah eine Träne, die sich wie eine Perle aus einem Augenwinkel löste.
„Na, da bist du, gut. Gut, komm bitte und arrangiere die Rosen in die Vasen, die Gäste kommen in einer Stunde.“ Kaum hatte Natalie das Café betreten, da ging es los mit den Vorbereitungen für eine Hochzeitgesellschaft. Nicky hatte keine Zeit zu verlieren. Die Gestecke waren wunderschön. Alles in Rosa. Das war Natalies Lieblingsfarbe. Schwarz mochte sie auch, aber schwarz für diesen Anlass wäre ja wohl eher unpassend, es sei denn, es handelte sich um eine Gothic-Hochzeit. Wie wohl der Bräutigam und die Braut aussehen würden? Bestimmt wunderschön: sie im Prinzessinnenkleid, er im weißen Anzug? Natalie malte sich das Brautpaar vor ihrem inneren Auge aus. Sie hätte beinahe damals auch geheiratet und sie hatte schon das Kleid gehabt. Ein Vintage- Hochzeitskleid hatte sie auf einem Flohmarkt für hundert Euro gekauft und es hatte gepasst, als wäre es genau so für sie geschneidert worden. Braut war sie gewesen, doch das Schicksal hatte etwas anderes mit ihr vor. Was, das wusste sie nicht. Auf jeden Fall war es zu der Zeit nicht das Heiraten. Sie hätte verbittert werden können, aber sie konnte nicht anders, als sich für das Glück der anderen zu freuen. Sie war einfach eine unverbesserliche Romantikerin. Sie glaubte an die Liebe, auch wenn sie ihr noch nicht begegnet war. „Naddy, träum nicht und bring bitte die Warmbehälter und stell sie da auf die Tische an der Wand!“ Nicky ist unter Stress, dachte Natalie, dabei sollte das ein schöner Tag sein für uns alle. Aber in der Gastronomie, wenn es ein guter Tag werden sollte, musste alles picobello sein. Das war ihr klar geworden, so oft sie die Vorbereitungen und die Bewirtung machte. Sie wünschte sich, dass auch mal jemand für sie eine Feier ausrichtete. Mit allem Drum und Dran, mit Blumen und Musik und mit fröhlichen Menschen. Doch was hatte sie schon zu feiern? Sie hatte eine Katze, die ab und an sprach, eine Mutter, die wiederum nicht sprach und einen Freund, der zu viel sprach und sie nicht zu Wort kommen ließ. Das wäre eher eine seltsame Feier unter Menschen, die sie zwar liebte, mit denen sie aber nicht viel mehr verband als die Verpflichtung zu Höflichkeit.
Und was würde wohl ihr Katzi sagen?!
Nicky stellte die Hi-Fi- Anlage an und Jazzmusik ertönte. Sinnliche Klänge, wie Natalie fand, eine gute, gediegene Musik zur Hochzeit. Die Gesellschaft wurde erwartet. Es war eine kleine Runde: einige Frauen und zwei Männer. Wo waren der Bräutigam und die Prinzessin? Doch außer diesen Menschen kam keiner mehr nach. Sie schaute in die Runde, als die Gruppe Platz nahm und entdeckte tatsächlich ein Brautpaar: zwei Frauen. Die eine trug ein rosa Rockabilly- Kleid und ihr Bräutigam eine Jeanslatzhose und einen Hut. „Die sehen sehr glücklich aus“, sagte Natalie zu Nicky. Sie konnte nicht mehr aufhören zu staunen. Sie bewunderte und beobachtete sie heimlich. Sie haben das Glück gefunden, dachte sie. „Ich möchte auch“, wandte sie sich Nicky zu. Die Wirtin schaute sie überrascht an. „Auch eine Frau heiraten? Ich wusste nicht, dass du vom anderen Ufer bist.“
„Nein, nein“, wollte sich Natalie retten, „ich will die Liebe finden.“
„Ach, die wird kommen, wenn du es am wenigsten erwartest. Suche sie nicht, sondern lass dich finden und wenn du schon dabei bist, beginne dich selbst bedingungslos zu lieben!“ Natalie nahm die Getränkebestellungen auf, als sich der Bräutigam erhob und eine Ansprache hielt. Es wurde still und alle lauschten erwartungsvoll. „Als ich Debbie traf, war das Liebe auf den ersten Blick. Sie sagt allerdings, sie habe sich erst auf den zweiten Blick in mich verliebt. Das werde ich ihr niemals verzeihen. Ich bin doch eine wunderschöne, witzige Männleinfrau, oder?“ Beifall. „Auf jeden Fall möchte ich dir sagen, mein liebevolles Zwiebelchen, dass du mich mit deiner Schönheit und mit deiner Güte stets zu Tränen rührst. Du bist natürlich das Beste, das mir jemals passieren konnte. Gott oder wer auch immer dich geschaffen und mir geschenkt hat, dem werde ich für alle Zeit dankbar sein, außer du entwickeltest dich zum Monster und du nähmst mir alles weg, was ich besitze.“ Ein schallendes Lachen. „Nein, im Ernst, mein Schatz, mit dir gehe ich bis ans Ende der Welt.“ Sie küssten sich und es gab lauten Beifall.
„So“, sagte die Braut laut, „möge das Fest beginnen!“ Elvis Presley hallte aus den Boxen und die Gäste scharten sich um das Buffet. Natalie war gerührt: würde auch ihr Zukünftiger solch schöne Worte zu ihr sagen, sie lieben bis ans Ende der Welt? „Du bist Naddy, nicht wahr?“ Eine Frau trat aus der Gruppe hervor und sprach Natalie an. „Ja, das bin ich.“ Natalie war überrascht. Naddy nannten sie nur wenige Menschen. Sie hatte es wohl Nicky sagen hören. „Hast du einen Freund?“, bohrte sie. „Nein, habe ich nicht“, lächelte Natalie die Frau an. „Und eine Freundin?“, wollte die Frau jetzt wissen. „Auch nicht, ich stehe nicht unbedingt auf Frauen“, antwortete Natalie und eine Röte legte sich auf ihr Gesicht. „Wieso nicht? Wir sind besser als die Männer und viel schöner als die.“
„Ja, das stimmt, aber eine Kleinigkeit fehlt euch, was ihr mir nicht geben könnt.“
„Ach der Penis. Wir haben Hilfsmittel, damit könntest du auch viel Spaß haben, wirklich.“
„Hmm, mag sein, aber danke für das Angebot. Ich werde es mir merken. Falls ich in den nächsten hundert Jahren keinen Mann abkriegen sollte, melde ich mich bei dir.“
