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1992. Es sollte eine normale Urlaubsreise werden. Etwas Indien, eine Prise Hongkong und etwas Südsee zum Abschluss. Doch bereits Indien lehrte mich, dass zwanzig Jahre Reiseerfahrung manchmal nicht genug sind. Ich kam aus den Überraschungen nicht heraus. Und so kam es, dass ich, kaum wieder zu Hause angekommen, darüber einen Brief an eine Freundin schrieb. Der Brief wurde eine heitere Reiseerzählung, angereichert mit historischen und kulturellen Details, und der absolut längste, den ich je geschrieben habe.
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Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die vorliegende Reiseerzählung stammt in ihrer ursprünglichen Form aus einem Brief, den ich 1992 nach der beschriebenen Reise an eine Freundin schickte. Ich hatte gerade mein Studium beendet und trotz diverser Reisen in verschiedene Länder hatte ich noch viel zu lernen, was Leben und andere Lebensumstände bedeuten konnten.
Heute sehe ich ein paar Dinge durch die Brille der Lebenserfahrung und somit etwas anders. Dennoch wollte ich den Inhalt und den Stil des Briefes nicht verändern. Er ist ein Blick zurück in die Vergangenheit, ein Zeugnis damaliger Denkweisen und Erfahrungen.
Viele der kleinen Begebenheiten, über die mich damals mokierte, mögen heute als normal gelten. Man mag aber bitte bedenken, dass damals das Reisen noch deutlich unkomplizierter war und auch die politischen Umstände andere waren.
Chris Kronberg.
(Juni 2019)
******
München, den 1. November 1992
Namaste,
Wenn einer eine Reise macht, ... dann kann viel geschehen.
Eigentlich hatte ich ja nicht vor, irgendetwas über diesen Urlaub zu schreiben, aber wenn derart viel zusammen kommt, dann geht es einfach nicht anders. Dabei hatte alles so gut angefangen:
Zum ersten Mal in all den Jahren gab es bei der Abreise keinerlei Hektik. Sonst bin ich immer bis zur letzten Sekunde damit beschäftigt, Aquarien und Pflanzen für die lange Abwesenheit zu versorgen. Meist werde ich inmitten dieser Vorbereitungen vom Klingeln des Taxifahrers gestört. Dieses Mal jedoch war schon lange vorher alles bestens geregelt.
Die Fahrt zum Frankfurter Flughafen war einfach herrlich. Wie auf Samtpfoten huschte der ICE durch die Landschaft.
Am Flughafen angekommen zogen die ersten Wölkchen auf. Der richtige Zugang zur Schalterhalle und die Abfertigung der Air India waren gar nicht so leicht zu finden gewesen – insbesondere, wenn man auf Anfrage in die falsche Halle geschickt wird.
Nachdem wir den Schalter erfolgreich lokalisiert hatten und unsere Köfferchen auf das Laufband gestellt hatten, wurden wir zurecht gewiesen: „Nein, dies geht nicht.“, „Nein, das geht nicht.“ „Und nehmen Sie endlich Ihre Koffer vom Band.“ Höflich geht anders, aber wir wollten keinen Ärger und hatten genug Zeit, also haben wir unsere Koffer wieder vom Band genommen.
Air India ist nicht nur sehr preiswert, sondern auch sehr umständlich. Nach dem Wiegen der Koffer hat der angehende Passagier sein Gepäck wieder vom Band zu nehmen und es um die Ecke zu kurven, um es durch eine separate Sicherheitskontrolle prüfen zu lassen. Führt man keine Bomben oder sonstige sichtbaren Sprengsätze mit sich, dann und nur dann werden die Koffer ihrem Schicksal zugeführt.
Abgesehen von dieser kleinen Schikane hatte die Maschine bereits zwei Stunden Verspätung. Nun ja. Also sind wir erst einmal essen gegangen. Zum Glück ist der Frankfurter Flughafen für längere Aufenthalte gut geeignet. Ein paar besonders bedauernswerte Leute warteten hier auf ihren bereits dreizehn Stunden verspäteten Flieger.
Eine Stunde vor dem angeblichen Starttermin fiel den Verantwortlichen ein, von welchem Ausgang wir abfliegen sollten. Da wir gerade nichts anderes zu tun hatten, sind wir dorthin gewandert. Nicht, dass die Maschine bereits gelandet gewesen wäre. Mitnichten, von dem Jumbo der Air India war weit und breit nichts zu sehen. Da man aber die Leute irgendwie beschäftigen musste, durften all jene, deren Bordkarte einen roten Punkt aufwies, sich hinunter zum Rollfeld bewegen, um ihre Koffer zu identifizieren. Während dieses Spiel noch im vollen Gange war, kam der entzückte Aufschrei eines kleinen Jungen: „Sie kommt! Sie kommt!“ Und tatsächlich, der Flieger hatte es endlich geschafft, sich bis an seinen Rastplatz vor zu arbeiten. Also wurde das Kofferidentifikationsspiel schleunigst abgebrochen.
So kam es, dass wir mit nur drei Stunden Verspätung abgeflogen sind (aber nicht ohne uns vorher noch einmal zwanzig Minuten auf dem Rollfeld stehen zu lassen).
Durch diverse Sitzplatzrangeleien hatten es andere Passagiere geschafft, dass wir eine Dreierreihe für uns alleine hatten. Geschlafen habe ich allerdings auf dem Boden und das sogar sehr gut.
Delhi
In jedem Land, das ich bisher bereist habe, wurden die Pässe und Einreisekarten nur grob verglichen und abgestempelt – Einreise fertig. Nicht so hier. Jeder Beamte nahm sich viel Zeit, alle Angaben genauestens zu prüfen. Was für ein Glück, dass ich in den letzten zwanzig Jahren gelernt habe, meinen Namen richtig zu schreiben. Mein zweiter Name war so wichtig, dass er unbedingt ergänzt werden musste.
Da weder der Beamte noch der Computer etwas mit unseren Namen anzufangen wusste (soll heißen: keine dunkle, terroristische Vergangenheit), durften wir passieren... um gleich danach unser Handgepäck noch einmal durchleuchten zu lassen. Ob die glaubten, wir hätten im Flugzeug Bomben erstanden? Vielleicht hätte ich das Bordjournal genauer studieren sollen.
Nun hatten wir, wie mittlerweile eine stattliche Anzahl von Touristen, eine Videokamera dabei. Bisher dachte ich immer, daran wäre nichts Verwerfliches, aber hier führte die 'Entdeckung' dieser Kamera dazu, dass uns verwehrt wurde, unsere Koffer zu holen. „Green channel, green channel!“, war alles, was der Beamte uns gestenreich mitteilte.
Wir begaben uns in die gewiesene Richtung zum 'Green channel', welcher sich als ein Schreibpult mit zwei Menschen dahinter entpuppte. Dort wurde alles peinlich genau festgehalten: Fabrikat, Herkunft, geschätzter Wert, Ortszeit, Einreisedatum, Aufenthalt in Indien samt Hotel, Aufenthaltsdauer, Aufenthaltsgrund, usw.. Uns wurde eingeschärft, gut auf den Zettel aufzupassen, denn er musste bei der Abreise samt Kamera vorgezeigt werden. Mit einem letzten, gestrengen Blick waren wir entlassen und konnten uns auf die Suche nach unseren Koffern machen.
Da nur zwei der Bänder liefen, war die Auswahl nicht besonders schwer. Nur, ... die Koffer kamen nicht. Oh, es standen schon ein paar Koffer auf dem Band und das Band rollte und rollte und rollte - stets mit den gleichen paar Koffern, die jedoch nicht zu unserem Flug gehörten.
Nach einer Viertelstunde kam Bewegung in die Menge, als auf einmal drei neue Koffer erschienen. Und siehe da, nach weiteren fünf Minuten erschienen mehr und mehr Rucksäcke. Diese sollten allerdings laut Banderole nach Katmandu (keine Ahnung, was die hier verloren hatten). Dazwischen tauchte gelegentlich ein mittlerweile verzweifelt gesuchter Koffer auf. Zehn Minuten später stand das Band ganz still.
In dichten Trauben standen die Leute vor dem Band und machten dumme Gesichter, so wie wir auch. Das genügte als Anlass, einen Vorgesetzten herbei zu zitieren, der dann seine Leute auf Trab brachte. Kurze Zeit später lief das Band wieder und nach und nach erschienen sogar die gewünschten Koffer (in deutlich schnellerer Reihenfolge). Auch wir sind nach über einer Stunde mit unseren Koffern glücklich in Richtung Ausgang verschwunden.
Wie wir dem Handzettel entnommen hatten, sollten wir vom Flughafen abgeholt werden. Dort stand geschrieben: „Ein Vertreter unserer Agentur erwartet Sie mit einem Schild mit Ihrem Namen am Ausgang.“ Nach dieser langen Wartezeit hatten wir starke Zweifel, ob der arme Mensch wirklich noch dort wartete. In Gedanken waren wir bereits auf der Weg zur Botschaft, da uns nicht mitgeteilt worden war, in welchem Hotel wir untergebracht werden sollten. Wir waren angenehm überrascht, dass der Herr noch wartete. Allerdings nicht auf uns, sondern auf „Mr. & Mrs. Kronberg“. Nun sieht Christel zwar wie eine „Mrs.“ aus, aber ich verständlicherweise nicht wie ein „Mr.“. Da der Herr bezweifelte, dass wir tatsächlich die Leute waren, die er abholen sollte, durften wir warten bis auch wirklich niemand mehr durch die Türen des Ausgangs kam. Da keine weiteren Kronbergs gekommen waren und in meinem Pass in der Tat dieser Name so geschrieben steht, gab er seinen Widerstand auf und brachte uns zu unserem Hotel.
Was weiter geschah bedarf einer Erläuterung: Von uns geplant und gebucht war eine siebentägige Nordindien Rundreise. Da wir nicht alleine durch das Land reisen wollten, hatten wir uns extra erkundigt, ob und wenn ja, wie viele Leute diese Rundreise antreten würden. Wir hatten unseren Urlaub sogar um eine Woche vorverlegt, da zu diesem Termin vier weitere Teilnehmer gemeldet waren (was uns mehrfach bestätigt worden war). Wir hätten also als Sechsergrüppchen durch das Land ziehen sollen. Doch als ich den Herrn von der Agentur darauf ansprach, guckte er nur und meinte, er wisse von nichts. Immerhin konnten wir ihn dazu bewegen, bei der Agentur rückzufragen, was nun Sache ist. Nach einiger Zeit kam er zurück und teilte uns mit, die anderen vier hätten samt und sonders abgesagt. Ich habe kein Wort geglaubt.
Du hast Dich doch sicher schon oft über die deutsche Bürokratie geärgert? Sie ist ja schließlich nicht umsonst sprichwörtlich. Und doch ist sie ein Waisenkind gegen die indische Bürokratie! Nun waren also ein Mr. und eine Mrs. Kronberg erwartet worden und so stand auf allen Vouchers für diese Reise „Mr./Mrs.“. Das konnte auf gar keinen Fall so bleiben. Statt uns unsere Vouchers auszuhändigen, durften wir nur einen Blick darauf werfen. Dann hat der Herr (ich konnte mir seinen Namen beim besten Willen nicht merken) die Dinger wieder eingesteckt, um diesen 'Fehler' zu korrigieren. Wenn der gewusst hätte, wie oft schon auf unseren Tickets und Vouchers Mr. und Mrs. stand. Niemanden hat das je interessiert, Hauptsache alles war bezahlt. Dies war nur die Spitze des Eisbergs. Diese eine Woche in Indien würde sehr lang werden.
Im Hotel angekommen war ich erst einmal beeindruckt. Großzügige Eingangshalle, sehr gepflegt. Alles sah so weit sehr gut aus – bis ich das Zimmer sah. In diesem Moment wurde mir schlagartig wieder klar, wo ich mich befand. Das Fenster hatte wohl zum letzten Mal vor zwei Jahren die Bekanntschaft mit einem Putzlumpen gemacht. Auch Dusche und Badewanne hatten schon bessere Zeiten gesehen. Aber nun gut, es sollte ja auch nur für diese eine Nacht sein.
Doch bis dahin war noch lang. Die Sonne hatte gerade erst den Zenit überschritten und in unseren Mägen wühlte ein leichtes Hungergefühl. Nach einer immerhin erfrischenden Dusche machten wir uns auf, den Coffee Shop zu suchen.
Gesucht – gefunden – eingefroren. Der Coffee Shop war klein, dunkel und lausig kalt. Aber Ehre, wem Ehre gebührt, das Essen war gut. Der Kaffee weniger. Dazu kam noch, dass der Kellner Christel geronnene Milch in den Kaffee schüttete. Aber selbst mit normaler Milch schmeckte er nach nichts. Habe ich ein Glück, dass ich Teetrinker bin (obwohl auch der Tee bisweilen ungenießbar war).
Frisch gestärkt wollten wir einen kleinen Bummel durch die Ladenpassage machen. Wir hatten das erste Schaufenster noch nicht erreicht, da kam der Ladeninhaber bereits herausgeschossen mit einem „Yes, Ma'm?“
Diese Leute haben eine sehr anziehende Wirkung. Kommt einer aus seinem Laden heraus, rennen auch gleich alle anderen aus ihren Läden und schon schwirrt einem von allen Seiten ein „Yes, Ma'm?“, „Please, come and look, Madam!“ um die Ohren. Das war uns für den Tag unserer Ankunft zu viel und so sind wir sofort geflüchtet.
Bereits auf der Fahrt zum Hotel hatten wir gesehen, dass es sich nicht lohnt, einen Fuß vor das Hotel zu setzen. Wir wohnten in einem Teil von Neu-Delhi, das sich als 'Friends Colony' bezeichnet. Dazu kann ich nur eines sagen: Wer seine Freunde so unterbringt, braucht sich um seine Feinde keinen Gedanken mehr zu machen. Er bekommt sie automatisch.
Es gab also nichts für uns zu tun und so verkrochen wir uns in unserem Zimmer und genossen die liebliche Aussicht:
