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Die wahren Früchte des Zorns Julia und Milt betreiben mit ihren Töchtern eine Farm im unwirtlichen Westen Oklahomas. Als das Überleben dort nach mehrjähriger Dürre und verheerenden Staubstürmen immer schwieriger wird, versuchen die beiden wie so viele in den 1930er Jahren, sich als Wanderarbeiter in Kalifornien durchzuschlagen. Sanora Babb erzählt eine einfühlsame Geschichte von Armut und Ausbeutung, aber auch von Freundschaft und Solidarität. Seinerzeit durch den übermächtigen Erfolg von John Steinbecks Früchten des Zorns am Erscheinen gehindert, erhält ihr Werk erst heute die verdiente Anerkennung. »Babbs Roman ist ein revolutionäres Buch für jene, die keine Revolution bekommen sollten.« Anne Boyer, Frieze »Diese Bücher zeigen, wie relevant Babbs Themen – Ökologie, Feminismus, Migration und Rassismus – noch heute sind.« New York Review of Books
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2024
Sanora Babb
Roman
Reclam
Titel der Originalausgabe: Whose Names Are Unknown. A Novel
2024 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
© 2006 by Sanora Babb. GERMAN edition published by arrangement of Reclam Verlag
Originally published by University of Oklahoma Press
Covergestaltung: FAVORITBUERO
Coverabbildung: Photo 12 / Alamy Stock Foto
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2024
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN978-3-15-962225-5
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011471-1
www.reclam.de
Vorbemerkung der Autorin
Der Oklahoma Panhandle
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Kalifornien
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Sechsunddreißig
Siebenunddreißig
Achtunddreißig
Neununddreißig
Vierzig
Einundvierzig
Zweiundvierzig
Dreiundvierzig
Vierundvierzig
Fünfundvierzig
Zu dieser Ausgabe
Nachwort
Allen gewidmet, die in den kalifornischen Tälern arbeiten.
Der Titel des Buches geht auf den Wortlaut einer Räumungsklage zurück: An John Doe und Mary Doe, richtige Namen unbekannt. Die Geschichte spielt in den Dreißigerjahren, der Zeit der Weltwirtschaftskrise und der Staubsturmkatastrophe. Zuvor hatte die Regierung die Prärielandschaft im Westen, den Weidegrund der Bisons, zur landwirtschaftlichen Bearbeitung freigegeben. Jeder konnte 129 Hektar Land erhalten, wenn er durch dessen Bewirtschaftung und indem er ein Haus darauf baute, »bewies«, dass er sich dieses Stück Land verdient hatte. Es war ein Fehler, die Ebenen in einem Gebiet umzupflügen, in dem es nur selten regnet, durch das aber Wind, Wind und abermals Wind fegt, und dieser Fehler verursachte schließlich jenen Staub, der Felder und Häuser bedeckte, Mensch wie Tier umbrachte und die Farmer am Ende mittellos in die Flucht trieb.
Teil I
Obwohl der alte Mann in diesem Sommer eine ordentliche Ernte Besenkorn eingefahren hatte und der Preis pro Tonne höher war als sonst, blieb ihm nach Abzug seiner Schulden und dem bisschen, was er für die Bestellung der nötigen Wintersachen beim Versandhändler zurücklegte, nichts übrig. So wie ihm erging es Jahr für Jahr allen Trockenlandfarmern, von denen jeder gerade genug für Nahrung und Kleidung verdiente, und auch das reichte nur knapp. Samen für die nächste Aussaat mussten gekauft und Steuern bezahlt werden. Steuern waren das ganze Jahr über ein Schreckgespenst und die Ernte meist zu dürftig, um sie zu bezahlen.
Milt Dunne, der Sohn des alten Mannes, hätte gern ein anderes Getreide angebaut, aber sein Vater sträubte sich. Besser, man gab sich mit etwas weniger zufrieden und hatte dafür Sicherheit. Milt war dort aufgewachsen, wo man Mais anbaute, und hatte auf Farmen gearbeitet, bevor er das Bäckerhandwerk lernte. Damals träumte er von den großen Getreidegebieten im Westen, und als er älter wurde, zog er dort herum. Dieses Land hier lag zwar am äußersten Westzipfel der Weizenanbaugebiete, aber viele Farmer versuchten es dennoch mit Weizen. Brownell säte schon seit Jahren Weizen aus. Nur in zwei von vier oder fünf Jahren waren die Erträge gut, in den anderen Jahren waren es entweder richtige Missernten oder man kam mit Hängen und Würgen zurecht, wenn man jeden Cent zweimal umdrehte.
In diesem Jahr setzte der Frost früh ein, es fiel reichlich Schnee, und Milt wollte gern Winterweizen aussäen. Wenn sie im Frühherbst die Saat ausbrachten, hätte er den Winter über etwas zu tun, und es gab grüne Weiden für die Kuh und die Pferde.
Schließlich lenkte der alte Mann ein. Härter als jetzt konnte das Leben nicht mehr werden und das Geld nicht weniger. Vielleicht gelang es ihnen auf diese Weise, mit den großen Farmen Schritt zu halten, die sich eine Bewässerung für ihre Luzernen leisten konnten und Geld mit der Aufzucht von Schweinen verdienten. Eigentlich war ihm das Schritthalten nicht wichtig, aber die reichen Farmer machten den armen das Leben schwer, kauften ihnen Land ab, wenn sie die Steuern nicht zahlen konnten, und verpachteten es ihnen dann wieder. Brennermann, der etwas weiter nördlich von Milts Farm wohnte, besaß viele hundert Hektar Land, von Bauern gekauft, die einst Regierungsland erworben hatten, indem sie »bewiesen«, dass sie fähig waren, es dauerhaft zu bestellen. Brennermann hatte außerdem viel Einfluss in der Flatlands Bank, bei der die Farmer ihre Kredite aufnahmen.
Als der alte Dunne seinerzeit einen halben Abschnitt »Ackerland« beantragt hatte, stellte er fest, dass es sich um ein Stück flaches Grasland handelte, umgeben von vielen Hektar Weideland. Er pflügte es um und pflanzte Reihenkulturen, doch die mageren Rinder überrannten seine Zäune und fraßen die Pflanzen. Im Winter, wenn die Stürme die Tiere vor sich hertrieben, trampelten sie manchmal seine Zäune nieder und suchten in der Ecke zwischen seinem zur Hälfte in die Erde gebauten Dugout und der Scheune Schutz vor dem Wind. Erst als mehr und mehr Leute ein Stück Land beantragten und auf dem Weideland allmählich Getreide wuchs, wurde ein Gesetz verabschiedet, das Zäune vorschrieb. Von da an mussten die Viehbauern ihre Herden auf ihrem eigenen Land grasen lassen. Das sorgte bei den Viehbauern für großen Ärger. Viele von ihnen weigerten sich lange, ihr Land einzuzäunen; und in den dünn besiedelten Great Plains kümmerte sich niemand darum, Gesetze zugunsten der Ackerbauern durchzusetzen.
Der alte Mann erinnerte sich noch lebhaft an das erste Jahr, in dem er Besenkorn angebaut hatte, und an die beiden soliden handgemachten Besen, einen für die Hütte und den anderen, um den Hof vor der Eingangstür zu kehren. Nun würde er einen Versuch mit Winterweizen machen, weil sein Sohn Milt sagte, damit sei mehr Geld drin.
Mit dem Geld, das sie für die Winterkleidung zurückgelegt hatten, fuhr Milt gemeinsam mit Hull, Gaylord und Starwood, drei anderen Farmern, nach Riding und kaufte Saat. Julia, Milts Frau, schrieb an eine Cousine in Virginia und bat um abgelegte Kleidung, die sie ihnen für den Winter geben könnten. Nach einer Weile schickte die Cousine ein Paket, dessen Eintreffen eine Menge Aufregung verursachte. Es enthielt einen roten Mantel, den sie für Milts Tochter Lonnie umändern konnten, ein Paar Hausschuhe aus Leder mit weichen Bommeln, die aussahen wie Pusteblumen (elegant, aber nie getragen), sowie ein altes, perlenbesticktes Abendkleid, das man vielleicht einem der Brennermann-Mädchen verkaufen könnte, einige Stücke getragener Unterwäsche und ein Paar langer Handschuhe aus Netzseide. Abgesehen von dem roten Mantel sah das alles in dem kleinen dunklen Haus sehr sonderbar aus. Milt zog sich die hauchdünnen Netzhandschuhe über, zerriss sie mit seinen aufgesprungenen Händen und behielt sie an, während Julia das Abendessen kochte.
»Siehst du«, sagte er, »genau solches Zeug kriegst du von deinen Verwandten.« Er legte die gespreizten Hände auf seine Knie in den Latzhosen. »Verdammt wertlos.«
»Aber der Mantel gehört mir«, sagte Lonnie. »Den zieh ich in der Stadt an.« Besitzergreifend strich sie über die weiche, helle Wolle. »Hoffentlich ist das Mädchen nicht gestorben«, fügte sie nüchtern hinzu. Lonnie war fünf Jahre alt, hatte seidiges, weißblondes Haar und ein in sich gekehrtes, beinahe mürrisches Gesicht. Sie war still und abwesend und machte sich aus niemandem etwas außer Milt.
»Was willst du von den Sachen haben, Myra?«, fragte Milt seine ältere Tochter. Sie war sieben Jahre alt, hatte braungebrannte Haut und dichte, schwer zu bändigende dunkelbraune Locken. Sie war ein richtiger Wildfang, freundlich, schnell beleidigt und beinahe ebenso so tyrannisch, wie Milt es gelegentlich sein konnte.
»Ich möcht die Schachtel haben, für mein Huhn.«
»Welches Huhn?«
»Old Pet. Ich hab sie gezähmt. Ich darf sie streicheln, wenn sie auf ihrem Nest hockt. Lonnie hat Dove gezähmt.«
»Ihr lasst die Hühner in Ruhe, wenn sie im Nest sind. Sonst verstecken sie sich und legen ihre Eier irgendwo.«
»Old Pet nicht. Die spricht mit mir und trinkt Wasser vom Löffel.«
»Na schön, von mir aus.«
Milt ballte die behandschuhten Hände und versetzte dem alten Mann einen leichten, spielerischen Schlag an den Kopf. Der alte Mann stand auf und schlug zurück und die beiden balgten sich quer durch das Zimmer, stießen einen Stuhl und die Schachteln um und brachten den kleinen Herd zum Wackeln, in dem ein Feuer glomm. Die beiden Mädchen kletterten aufs Bettgeländer und sahen zu. Lonnie feuerte Milt an und Myra den alten Mann.
»Im nächsten Sommer machen wir einen Haufen Geld, alter Mann«, sagte Milt, als sie schließlich genug vom Raufen hatten. Er streifte die Handschuhe ab und ließ sie auf das Perlenkleid fallen.
Der alte Mann atmete schwer. »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt«, sagte er schicksalsergeben, aber insgeheim freute er sich.
»Dann kannst du uns auf deinem alten Herd endlich mal ’ne schöne Mahlzeit kochen, Julia«. Milt streckte sich auf dem großen Bett aus und legte die Füße auf das Gitter am Ende. »Wenn wir eine gute Ernte haben, bau ich auf meinem ganzen Land Weizen an.«
»Dieses Land ist pures Gold«, sagte der alte Mann fröhlich. »Was Bessres gibt’s nicht.«
»Das wird sich zeigen«, sagte Milt und sah vor seinem geistigen Auge den Weizen wogen auf diesem, seinem Stück Land in der Hochebene.
Sie säten den Winterweizen im September. Milt und der alte Mann standen jeden Tag schon mit der Dämmerung auf. Julia war noch vor ihnen auf den Beinen, feuerte den Herd an und bereitete Kaffee und Haferbrei zu. Während sie den Brei aßen, briet sie ihnen je zwei Eier und reichte dazu dicke Schnitten des Brotes, dass sie an einem Tag in der Woche buk. Es gab auch Butter, mit der sie aber sparsam umgingen, damit sie bis zum nächsten Buttern reichte. In der Hütte war es noch dunkel, und die Männer aßen im Lampenschein. Als sie die Stufen hochgingen und in den Hof traten, stieg ihnen der durchdringende, scharfe Geruch des westlichen Herbstes in die Nase, drang durch ihre Kleidung und sorgte dafür, dass sie sich rasch an die Arbeit machten. Jeden Morgen fühlten sie sich wie neue Menschen, und mit dem Beginn der neuen Jahreszeit erfüllte sie ganz deutlich eine unbekannte Aufregung. Sie sahen auf das Land, das sie am Vortag bestellt hatten, und betrachteten das Land, das sie heute bestellen würden und fühlten, wie in ihnen ein gewisser Besitzerstolz auf dieses Stück Erde entstand, das ihnen gehörte. Diese noch ungeformten Gedanken wurden niemals ausgesprochen. Die Männer redeten über den Weizen und das Wetter, das sie brauchten. Den Frost. Den Winter über Schnee, der auf den Feldern liegen blieb und bis unter die Wurzeln in den Boden eindrang, damit die jungen Pflanzen die trockenen Sommertage überstanden. Ein bisschen Regen im Frühling. Keinen Hagel. Keine heißen Winde. Kein Jahr war so sicher und perfekt wie das jetzige, aber in jeder Saison hofften die Bauern darauf, dass ein bestimmtes Ereignis eintrat oder fürchteten sich vor einem anderen und atmeten erleichtert auf, wenn die Ernte sicher war.
Sie standen bei Tagesanbruch auf und gingen zu Bett, wenn es dunkel wurde. So gingen die Tage gleichförmig ineinander über, nur unterbrochen vom Wechsel der Jahreszeiten. Der Weizen wuchs und legte sich wie ein grüner Teppich über die schnurgerade Prärie. Dort, wo Kilometer von kurzem gewelltem Präriegras die Farmen voneinander trennte, sah die Erde grau und trocken aus.
Am Sonntag gingen Milt und der alte Mann über ihren Acker, wie jeder andere Farmer an diesem Tag, und sahen dabei zu, wie die jungen Blätter sprossen und trockene Erdklumpen aufwarfen. Jeden Morgen und jeden Abend blickten sie zum Himmel und forschten, welches Wetter aufziehen würde. Dann brach der lange kalte Winter an und der Weizen wuchs unter dem Schnee. Als er schmolz, weideten die Pferde und Kühe auf dem Acker.
Als der letzte Schnee in der lauwarmen Frühlingssonne verschwand, blieb das schlammige braune Wasser tagelang in den Furchen der Nebenwege stehen, und den Hof durchzogen tiefe Wagenspuren neben den Abdrücken der Hundepfoten und Hufe. In die reine weiße Winterwelt – mit ihrer noblen Stille, der großartigen und ehrfurchtgebietenden Schönheit, den mächtigen Stürmen – zog plötzlich der ungestüme, windige Frühling ein. Feuchtigkeit schwärzte die Erde bis tief unter den zartgrünen Weizen, der sich im peitschenden Wind vornüber bog. Der zerfurchte Hof erstarrte zu einer Maske. Gegen den Wind gestemmt sah der alte Dunne, wie die Hühner eifrig an der trockenen Erdkruste kratzten, um an die Würmer darunter zu kommen. Er beobachtete, wie sie gegen den Wind ankämpften, der ihre Federn zurückblies, und sagte leise zu sich selbst: »Wenn er wie ein Löwe hereinkommt, geht er wie ein Lamm hinaus.«
Auf die Frühlingsstürme folgten die heißen, trockenen Sommertage, und bis auf einige Staubstürme, die gelegentlich über die Ebene fegten, flachte der Wind allmählich zu einer Brise ab. Der Weizen wuchs kräftig und hoch. Milt und der alte Mann versorgten ihn, liefen durch die Felder, hielten am Himmel nach Regen Ausschau und warteten. Milt hatte Angst vor heißen Winden. An manchen Tagen gab es dafür allen Anlass, wenn hier und da einige Blätter im Feld verdorrt und bleich aussahen. Große weiße Wolken schwammen am klaren Himmel und trieben in der Nacht weiter. Weit weg, tief am Horizont, zuckten Blitze verheißungsvoll über die dunklen Ufer. Mitunter, wenn ein Regenvorhang heranzog, klangen ihre Gespräche hoffnungsvoller und sie warteten mit neuer Geduld. Und dann, ganz plötzlich und rasch, als sie die Hoffnung beinahe aufgegeben hatten, zogen schwarze Wolken am Himmel auf, die der allmählich auffrischende Wind brodelnd und bedrohlich vor sich hertrieb, eingehüllt in den frischen, süßen Duft des Regens. Die Männer hörten auf zu arbeiten und standen im Hof, hielten Ausschau nach Wind oder Hagel. Harmloses Wetterleuchten blitzte auf, verzog sich und die schnellen, gegabelten Blitze zuckten hell und dicht in der Nähe. Gewaltige Donnerschläge, unter denen die Erde zu beben schien, rollten über den Himmel. Eine unheilvolle Stille stülpte sich wie eine Kuppel über die Männer. In dem seltsamen elektrischen Licht zeichneten sich selbst meilenweit entfernte Dinge mit traumähnlicher Klarheit und Schärfe ab. Brennermanns hohes weißes Haus sah aus wie eine ernste Frau im langen weißen Kleid. Starwoods einfacher Hof erschien in dem unwirklichen Licht wie ein Spielzeug, das man in die Hand nehmen konnte. Jeder Pfahl der langen Zäune um die Farmen war unwirklich messerscharf umrissen. Die Dunkelheit stieß wie ein Falke in den anschwellenden Lärm des Sturms herab, dann brach der Regen los und prasselte in der aufgeladenen Luft auf die trockenen, wartenden Felder. Nach einem kurzen, heftigen Guss war der Sturm vorüber. Julia und die Mädchen, Milt und der alte Mann standen im Hof, und als sie sahen, dass es ein gleichmäßiger Regen werden würde, kehrten sie ins Haus zurück und hörten glücklich zu, wie es stetig aufs Dach tropfte. Milt ging immer wieder hinaus, sah nach den Wolken und schnupperte, ob es Hagel geben würde, bis er schließlich mit dem Regen zufrieden war und in die Scheune ging, um die Pferde zu füttern, beinahe schwindelig vor Erleichterung.
In den heißen Sommermonaten zogen immer wieder gewaltige und großartige Stürme auf, doch als der Weizen schließlich goldfarben gereift, kaum von der Sonne verbrannt war und mit fetten, vollen Ähren träge im warmen Wind wogte, verabredete Milt mit den Jungen der Brownells, dass sie ihm halfen, das Korn zu schneiden und zu dreschen. Sie rückten mit Traktor, Mähdrescher und Lastwagen an. Milt holte das Getreide aus dem Drescher und jedes Mal, wenn er zurückkam, war der Behälter wieder voll. Er betrachtete den gelben Weizen und fühlte sich gut. Tagelang ertönte auf ihren Äckern der muntere Rhythmus der brummenden Maschinen, und der Mähdrescher legte das Feld wieder frei, bis nur noch goldene Stoppeln und die langgestreckte leere Weite übrig waren.
Es war eine gute Ernte. Ein oder zwei Farmern, die zu spät ernteten, wurde alles verhagelt, die meisten brachten ihre Ernte jedoch rechtzeitig ein. Nichts konnte die neuen Weizenfarmer jetzt noch davon abhalten, Weizen anzubauen. Seit langem waren die großen Weizenfarmer an den Bundesstaatengrenzen neidisch beobachtet worden. Nun hatten auch die kleineren Farmer einen erfolgreichen Versuch mit dem Getreide unternommen. Sie bauten weiterhin Futter für ihr Vieh an, setzten aber von jetzt an auf Weizen. Sie wurden es nie müde, sich zu überlegen, welchen Preis sie nächstes oder übernächstes Jahr erzielen würden, vorausgesetzt, das Wetter spielte mit und die Preise blieben stabil.
Der alte Mann bezahlte seine Steuern. Milt gab Julia Geld für Winterkleidung – Mäntel, Unterwäsche, Schuhe, Strümpfe. Sie bezahlten ihre Rechnung beim Lebensmittelhändler. Sie gönnten sich ein paar »Leckerbissen«, anschließend kehrte das Leben wieder in sein altes Muster zurück, und bis zur nächsten Ernte blieb nur wenig Geld übrig. Weder in diesem Jahr noch im darauffolgenden konnten sie genug ansparen, um Saat auf den Feldern auszubringen, die Milt rund zwanzig Kilometer entfernt dazugekauft hatte. Sie lagen ohne Zaun und ohne etwas einzubringen brach und kosteten nur Steuergeld. Der alte Mann wollte, dass Milt es verkaufte, aber Land brachte nicht viel ein und Milt war überzeugt, er würde sich irgendwann um die Felder kümmern können und dort etwas anbauen. Bis es so weit war, half das bisschen Pachtgeld für die Weiden dabei, die Steuern zu zahlen.
In der Spätsommerdämmerung war das Geräusch des Motors lange zu hören, bevor der Wagen den Zaun um die Farm der Dunnes erreichte. Myra und Lonnie standen auf einer Kiste am Fenster und sahen zu, wie der Lastwagen heranfuhr. Er kam ihnen wie ein Freund vor, und Aufregung und Vorfreude stiegen in ihnen auf, als die lärmende Maschine die Straße entlangrumpelte. Plötzlich leuchteten die Scheinwerfer auf, als würde das Ding sie ansehen, und sie erschraken ein wenig, bevor sie doch wieder neugierig hinausblickten. Der Scheinwerferstrahl näherte sich, so dass das Land ringsum noch dunkler und einsamer wirkte. Dann bog der Lastwagen in den Hof ein. Mit einem erschrockenen Aufschrei sprangen die Mädchen von der Kiste.
»Mama, er ist zu uns reingefahren!« Sie drückten sich beide ängstlich an die Wand, so dass Julia zwischen ihnen und der Eingangstür stand. Sie kochte einen Kessel voll Kartoffeln und Zwiebeln zum Abendessen.
»Die fressen euch schon nicht, wer auch immer das ist«, sagte sie und lächelte ihnen zu, aber die Gesichter der Mädchen blieben angespannt und neugierig, als sie wieder hinausschauten und warteten. In den einsamen Jahren auf der Farm waren sie scheu wie Rehe geworden. Sie musterte ihre Töchter im aufsteigenden Dampf des Kochtopfes. Beide waren gewachsen, aber dünn, flink und braungebrannt. Seit der Weizenernte waren zwei Jahre vergangen, zwei Sommer voller Staub. Die beiden waren beinahe acht und zehn Jahre alt, sahen jedoch jünger aus.
Draußen hörten sie Stimmen, die sich mit den Stimmen von Milt und dem alten Mann in der Scheune vermischten. Kurz darauf überquerten Schritte die festgetretene Erde des kahlen Hofes und dann öffnete sich das Fliegengitter an der Tür. Alle kamen die Stufen herunter und drängten sich in den kleinen Raum. Der alte Mann steckte zuerst den Kopf herein und sagte: »Die Brownell-Jungs.«
»Hallo Max, hallo Pete«, grüßte Julia. Sie freute sich über den Besuch. Der alte Mann ging zu den Mädchen hinüber und piekte sie mit seinen langen, knochigen Fingern.
»Seht euch meine Enkelinnen an«, sagte er, als seien sie vollwertige Personen, und sie wären liebend gern vorgetreten und hätten etwas gesagt, um Großvater Konkies Kompliment gerecht zu werden.
»Ihr wachst ja wie Unkraut!« Die beiden Jungen schüttelten die Hände der Mädchen, die kurz aufsahen und dann wieder den Blick senkten. Ihre Hände zitterten und fühlten sich in den großen Pranken der Jungen kalt an. Myra sagte hallo; Lonnie zog ihre Hand höflich zurück und brachte vor Halsschmerzen kein einziges Wort heraus. Sie setzte sich auf die Kiste neben dem Herd. Beide Mädchen sahen todunglücklich zu, wie die netten jungen Männer sich mit den anderen unterhielten und hofften, dass die beiden bleiben, und wünschten sich zugleich, dass sie verschwinden würden. Myra warf Konkie einen Blick zu, um herauszufinden, ob sie etwas Verkehrtes getan hatten, aber er sah freundlich, ja sogar stolz aus, und sie seufzte leise und ließ sich neben ihrer Schwester nieder. Als Myra noch klein war und nicht richtig sprechen konnte, hatte sie ihren Großvater immer Konkie genannt, und der Name war haften geblieben.
»Wie haben eure Bäume den Staub in diesem Sommer überstanden?«, fragte Julia. »Ich sag ja schon immer, dass ich eure Bäume am liebsten stehlen würde.«
»Wenn ihr jetzt Bäume pflanzt und dann so lange hier lebt wie Mutter und Vater, könnt ihr auch welche haben. Sie haben sie damals am Fluss ausgegraben und rund ums Haus gepflanzt«, sagte Pete.
»Und sie gewässert und verwöhnt wie verwaiste Kälber«, fügte Max hinzu. »Mutter meint, ohne Bäume würde sie’s hier nicht aushalten. Sie meint, als sie das Land hier zum ersten Mal gesehen hat und kein Baum weit und breit, da hat sie gedacht, das ist das Ende der Welt. Sie macht sich Sorgen, weil der Staub ihnen schadet, aber noch sind sie am Leben.«
»Wenn der Staub aufhört, jetzt, wo wir einen Brunnen haben …«, sagte Julia, ohne den Satz zu beenden, denn sie träumte bereits von hohen Pappeln mit silbrigen Blättern, die im Wind zitterten.
»Hat Spaß gemacht, euch mit dem Brunnen zu helfen, stimmt’s?«, sagte Pete. »Drüben bei den Starwoods bohren sie jetzt auch einen Brunnen. Der alte Brennermann musste endlich nachgeben. Starwoods haben die Farm schon vor Jahren gemietet und mussten das Wasser aus über acht Kilometern Entfernung herschleppen. Zwischen Mrs Starwoods und Brennermann kam’s dann schließlich zu einem Zweikampf. Sie hat nicht lockergelassen, bis sie den Brunnen bekommen hat.«
»Sie ist eben eine Marke«, sagte Julia und lachte.
»Ich wollte seit Jahren einen Brunnen«, sagte der alte Mann, »und jetzt haben wir’s endlich geschafft. Als nächstes bauen wir ein richtiges Haus, falls der verdammte Staub nächsten Sommer nicht wiederkommt. Mein Dugout ist das letzte in der Gegend, alle anderen haben inzwischen ein Haus aus Lehm oder Stein. Wenn ich ein Haus aus Stein baue, nehme ich dafür vielleicht Zement. Davon sprechen alle in letzter Zeit. Der ist gar nicht übel.«
»Als wir überlegt haben, ob wir einen Brunnen oder ein Haus bauen«, sagte Julia, »haben wir uns für den Brunnen entschieden, damit wir einen Garten anlegen können. Und wir haben auch gedacht, wenn wir’s so lange in der Hütte ausgehalten haben, schaffen wir’s auch noch ein Jahr länger, aber dann ist alles ganz anders gekommen. In diesem Jahr war es nichts mit dem Garten, wegen dem Staub, obwohl wir Wasser haben. Aber der kleine Fluss trocknet so langsam aus, und wir sind froh, dass wir den Brunnen haben.«
»Eine gute Weizenernte noch und wir können das Haus bauen«, sagte Milt. »Aber um alles zu kriegen, was wir brauchen, müsste unser Acker so groß sein wie der ganze Bundesstaat.« Er lachte gutgelaunt. Es roch gut nach gekochten Zwiebeln, er fühlte sich wohl und freute sich, mit den Freunden zu reden. »Warum bleibt ihr Jungs nicht zum Abendessen?«, fragte er und blickte zu Julia hinüber, damit sie die Einladung bekräftigte. Sie freute sich über seine Gastfreundschaft und das Lachen im Zimmer, hatte aber wie stets mit der Angst zu kämpfen, dass sie zu wenig anzubieten hatte. Es gab für sie selbst ja nur Kartoffeln und Zwiebeln, sonst nichts, sofern sie nicht noch schnell ein paar Kekse buk. Sie lächelte rasch und bat die beiden, zum Essen zu bleiben. Doch bevor sie antworten konnten, war Milt schon auf dem Weg zur Tür.
»Ich schlachte ein Huhn. Wenn wir eins im Überfluss haben, ist es ein Haufen Hühner.« Die kleinen Mädchen verspürten leise Panik. Etwas flatterte in ihrer Brust, genau wie die Flügel der Hühner, die sie liebten. Jedes hatte einen Namen, jedes war ein Freund. Sie trauerten, wenn eines geschlachtet wurde.
Lachend hielten ihn die beiden Jungen zurück. »Nein, wirklich nicht, wir müssen zum Abendessen nach Hause. Das nächste Mal bleiben wir, aber heute kocht Mutter für uns.«
»Wenn wir Sie nicht stören, Mrs Dunne«, sagte sein Bruder, »bleiben wir noch ein bisschen und quatschen einfach. Wir sind nämlich vor allem hier auf dem Rückweg von der Stadt vorbeigekommen, weil wir euch nächsten Sonntag zum Abendessen einladen sollen. Mutter sagt, sie vermisst euch sehr.«
Julia lief vor Freude rot an. »Wir kommen, sag ihr danke schön, wenn sie sich nicht zu viel Umstände macht.«
»Abgemacht«, gab Pete zurück. Max stand an der Tür, von der Stufen in den Eingangsbereich, die sogenannte »Hundehütte«, hinunterführten. Die Regale an den Seiten dienten als Vorratskammer für Julia, und hier bewahrte auch der alte Mann seine Besitztümer auf, die niemand anzufassen wagte, weil er sich dann »anstellte«. Sie bestanden aus einem bunten Durcheinander selbstgebastelter, mit Klemmen zusammengefügter Kisten sowie drei dicken Büchern in einer dunklen Ecke. Max hielt eins davon ins Licht und versuchte den Titel zu lesen, konnte ihn auf dem verschlissenen Einband aber nicht entziffern. Der alte Mann beobachtete ihn verstohlen, und als Max den Buchdeckel aufschlug, erhob er sich, nahm ihm das kostbare Gut aus der Hand und stellte es an seinen Platz zurück. Niemand achtete auf die beiden. Max war ein wenig gekränkt. Der alte Mann sah ihn direkt an, schloss alle anderen aus, und zum ersten Mal bemerkte der junge Mann, wie lebendig und leidenschaftlich seine schwarzen Augen wirkten. Sie waren so jung wie seine eigenen, nur die Haut ringsum war alt und er dachte, dass der alte Mann diesen Blick zu verbergen schien.
»Ein anderes Mal«, sagte der alte Mann wie im Vertrauen zu ihm, und Max war ihm nicht mehr böse.
Pete war aufgestanden und stellte sich vor Lonnie und Myra. Er zupfte sanft an Lonnies weißblondem Haar, und sie blickte schüchtern zu ihm auf.
»Geht ihr Mädchen gern in die Schule?« Sie blickten tödlich verlegen zu Boden und brachten wieder kein Wort heraus.
»Die zwei nehmen Privatstunden beim alten Professor Dunne«, sagte der alte Mann, um ihnen beizuspringen, und zwinkerte.
»Drum haben wir auch das Zeug zum Lesen an der Wand«, sagte Milt und deutete auf die Zeitungen. »Sehr praktisch. Myra hat schon Zeitung gelesen, ehe sie was von Märchen wusste.« Die kleinen Mädchen hoben ihre roten Gesichter und boten sie wie hübsche Äpfel den Freunden dar.
»Ich kann lesen und buchstabieren und schreiben und rechnen und ein bisschen zeichnen«, sagte Myra.
»Ich kann lesen und buchstabiern, aber Rechnen mag ich nicht«, sagte Lonnie und lief rasch zu Milt hinüber, versteckte das Gesicht an seinem Bein, dabei lachte sie leise und süß.
»Es heißt, dass es in diesem Jahr vielleicht ’ne Bezirksschule geben soll, wenn Geld dafür da ist. Wahrscheinlich bauen sie eine Schule mit einem Klassenzimmer, so drei bis fünf Kilometer östlich von euch. In der Nachbarschaft gibt’s inzwischen einige Kinder und ohne Schulbus ist es zu weit bis nach Flatlands oder Riding.« Julia drehte sich vom Herd weg und strahlte.
»Gott sei Dank«, sagte sie so erleichtert, dass es beinahe wie Singen klang. Die beiden Jungen sahen die zunehmende Fülle ihres Körpers unterhalb der Brust bis zu den Oberschenkeln. Sie wandten sich wieder den kleinen Mädchen zu.
»Schafft ihr’s denn, im Winter drei Kilometer weit zu laufen?«, fragte Max.
»Oh ja«, erwiderte Myra. »Wenn Schneesturm ist, bringt uns Konkie sogar hin. Schlittenfahren wär lustig.«
»Tja, der Schlitten hat schon bessere Tage gesehen«, sagte der alte Mann. »Aber ich mach ruckzuck einen neuen, wenn sie ’ne Schule bauen.«
»Wenn wir’s mit Sicherheit wissen, bauen wir am Sonntag einen«, sagte Pete. »Mit richtigen Sitzen. Dürfen wir, Mr Dunne?« Der alte Mann lächelte und nickte.
Julia sagte: »Ich glaube, eine Glocke am Schlitten wär auch nicht verkehrt.«
Alle lachten und sprachen über den Schlitten und die Schule, bis den Jungen einfiel, dass sie nach Hause mussten. Der alte Mann machte mit Zunge und Zähnen ein schnalzendes Geräusch, als der Wagen zum Tor hinausfuhr.
»Feine Kerle«, sagte er. »Denen merkt man nicht an, dass sie auswärts zur Schule gegangen sind, stimmt’s? Die sind nicht die Bohne eingebildet. Pete war an der Schule in Riding und Max hat in Kansas Landwirtschaft studiert.« Das hatte ihnen der alte Mann schon oft erzählt. »Und dabei ist er normal und freundlich geblieben und hat keine Flausen im Kopf. Von dem Jungen können wir Farmer einiges lernen. Der weiß genau, was ihm sein Vater hier auf der Farm beigebracht hat und kennt auch die neuen Ideen – wissenschaftliche. Beide sind richtig versessen auf die Landwirtschaft.« Lonnie versuchte, mit einer Spielzeugglocke, die sie besaß, ein kleines Lied zu spielen, und während sie sich mühte, der Glocke eine leidliche Melodie zu entlocken, sagte sie nüchtern, ohne sich umzudrehen: »Am Sonntag kriegen wir was Gutes zu essen.«
Am Ende der Woche waren die Tage warm wie im Altweibersommer, und sie gingen die drei Kilometer zum Fluss, um dort ein Bad zu nehmen. Der Fluss war so seicht, dass überall ein Pferd hindurchgehen konnte, und hier und da schon ziemlich ausgetrocknet. An einer flachen Stelle hinter einigen Weiden zogen sich Julia und die Mädchen aus und badeten. Milt und der alte Mann fanden ein abgeschiedenes Fleckchen weiter unten am Fluss. Sie breiteten die Handtücher und saubere Kleidung auf niedrigen Baumschösslingen aus und reichten die Seife hin und her, während sie sich im kalten klaren Wasser abschrubbten. Eigentlich war es nicht nötig, einen versteckten Badeplatz zu suchen, denn auf der Straße kam kaum jemand vorbei, und wenn sich doch mal ein Wagen oder Pferdekarren näherte, hörte man ihn schon von weitem.
Julia wusch die Haare der Mädchen und dann ihr eigenes, während die beiden versuchten, Elritzen zu fangen. Manchmal starrten sie den Körper ihrer Mutter an, der sich veränderte, aber sie hatten aus den Gesprächen zu Hause schon einiges aufgeschnappt. Bossy hatte ein Kalb bekommen, als ihr Bauch dick wurde, aber es war trotzdem irgendwie geheimnisvoll, denn eines morgens stand das Kalb plötzlich im Stall, und Bossy war unverändert, nur ihr dicker Bauch war verschwunden. Wie genau das Kalb mit seinem ganzen Leib und den langen Beinen herausgekommen war, blieb ein Geheimnis, die beiden hatte sich jedoch geschworen, beim nächsten Mal genauer aufzupassen. Die Frage, inwieweit sich Bossys und Julias Zustand ähnelte, vertiefte das Geheimnis noch. Darüber würden sie zu Hause nachdenken, wenn es sonst nichts zu tun gab. Sie versuchten erneut, die glitschigen Elritzen zu erhaschen. Hin und wieder glitten Wasserschlangen unter dem schattigen Ufer hervor und ergriffen die Flucht vor so viel Aufruhr.
Tags darauf spannten sie um elf Uhr morgens die Pferde an. Der alte Mann und die Mädchen wurden hinten auf der Ladefläche untergebracht, auf den Säcken mit Trockenfutter, über die sie eine schwere Decke gebreitet hatten. Julia und Milt saßen vorn auf der Sitzbank über der Federung.
Die Brownells wohnten mehr als acht Kilometer entfernt, der Fluss verlief in der Nähe ihrer Farm. Max und Pete hatten ein kleines Feld angelegt und darauf Luzernen gesät. Wenn im Frühjahr das Wasser von der Schneeschmelze in den weit entfernten Rocky Mountains herunterkam, ergoss sich ein Teil davon auf ihr Feld. Dann erfüllte der süße Duft der violetten Blüten den Hof und das Haus, und während der Heumahd verbreitete sich ein anderer süßer Duft; dann wieder roch es kräftig und belebend nach frisch umgegrabener Erde. Mrs Brownell wurde beinahe das ganze Jahr über bei ihrer vielen Arbeit auf angenehme Weise daran erinnert, dass ringsum gute Dinge wuchsen. Der tiefe Brunnen lieferte das Wasser für den Küchengarten an der einen Seite des Hinterhofes, um den sich Mrs Brownell kümmerte. Manchmal halfen ihre Söhne oder ihr Mann, doch allgemein wurde der Küchengarten als ihr privater Garten angesehen, ebenso wie die Blumen im Windschatten des Hauses, die sie mit viel Liebe hegte und pflegte.
Als die Dunnes ankamen, warteten Max und Pete bereits im Hof. Sie halfen beim Abspannen der Pferde, tränkten sie und als sie am Wagenrad festgebunden waren, brachte sie ihnen Heu, woraufhin die Pferde fraßen und den Nachmittag verdösten. Mrs Brownell stand an der Hintertür, öffnete das Fliegengitter und rief ihnen eine Begrüßung entgegen. Julia und die Mädchen traten durch die große, von leisen Geräuschen und einladendem Essensduft erfüllte Küche ein. Ein köstlicher Vorgeschmack auf alles breitete sich in ihnen aus und sie wussten, es würde ein wunderbarer Tag werden. Mrs Brownell strahlte sie auf ihre muntere Art an und sie fühlten sich gleich zu Hause. Sie war mollig, von blühender Gesundheit und natürlicher Anmut und empfing sie mit unwiderstehlicher Herzlichkeit. Ihre leuchtenden braunen Augen, der große, weiche Mund, ihr schwarzes, grau gesträhntes Haar, das sich locker auf ihrem Kopf türmte, machten einen lebhaften Eindruck auf Lonnie und Myra. Zum ersten Mal, seit die Mädchen auf Konkies Farm wohnten, begegneten sie einem fremden Menschen, ohne Angst zu haben. Sie besuchten zwar die Starwoods, spielten dort mit den Kindern und hatten sie gern, aber Mrs Starwoods plötzliches lautes Lachen und ihre etwas ruppige muntere Art verängstigten sie ein wenig. Sie waren auch oft bei den Longs zu Besuch, die noch ärmer waren als sie selbst, denn obwohl ihr Haus größer war, hatten sie nur einen Lehmboden. Die kleinen Zwillinge waren immer kränklich und weinerlich, und Mrs Long machte sich ständig Sorgen und war zu erschöpft zum Lächeln. Sie hatten weder bei den einen noch den anderen Nachbarn je gegessen, weil der alte Mann ihnen jedes Mal einschärfte, dass ihre Freunde nichts zu verschenken hatten. Darin glichen die Starwoods und die Longs den Dunnes, obwohl es sich keine der drei Familien hätte nehmen lassen, ihre Gäste, wenn sie zum Essen blieben, mit dem wenigen, was sie hatten, zu bewirten. Mrs Starwood lud sie oft ein, aber sie gingen immer vor dem Essen nach Hause. Die meiste Angst flößten ihnen Brennermanns ein. Obwohl diese Familie mehr hatte als all ihre Nachbarn, luden sie niemanden je zum Essen ein. Eine ihrer erwachsenen Töchter, Frieda, brachte ihrer Freundin Mrs Starwood manchmal Eier oder Gemüse aus dem Garten, wenn sie sich heimlich davonmachen konnte.
Mrs Brownell unterschied sich von allen ihren Nachbarn. Sie lud die Dunnes ein und der ganze Raum platzte von den guten Sachen, die sie kochte, schier aus den Nähten. Zwei Bleche mit Muffins mussten noch in den Ofen geschoben werden, und der große Tisch mitten in der Küche war mit hübschen Tellern und Messern und Gabeln ohne Holzgriffe gedeckt. Mrs Brownell bestand zuerst darauf, dass sie sich einfach nur setzten, erlaubte Julia schließlich aber doch, ihr zur Hand zu gehen. Die ältere Frau bewegte sich flink und zielbewusst durch die Küche und kurz bevor alles bereit war, ging sie hinaus, rief die Männer und brachte aus dem Melkhaus einen großen Krug Milch, den sie an einer Tischecke abstellte.
»Na, so macht mir das Spaß!«, erklärte sie. Die Männer kamen aus der Scheune herüber und wuschen sich die Hände in der Schüssel vor der Tür. Pete holte ein sauberes Handtuch aus der Küche.
»Schaut euch Mutter an«, rief er durchs Fliegengitter. »Die freut sich wie ein Schneekönig!« Mr Brownell trat neben Julia.
»Niemand blüht in Gesellschaft so auf wie sie«, sagte er und lächelte Julia an. Mit dem Finger lüpfte er seinen großen grauen Schnurrbart und schob ihn hin und her. Er blickte seine Frau bewundernd an und vergaß darüber beinahe die anderen.
Das Essen wurde in großen Schüsseln serviert und alle nahmen Platz und griffen tüchtig zu. Die Jungen sorgten dafür, dass die Teller der Mädchen so gut gefüllt waren wie alle anderen, und die beiden vergaßen ihre Schüchternheit und aßen.
Als Julia nach der Mahlzeit half, das Geschirr abzuräumen, blieb Mrs Brownell unversehens mitten in der Küche stehen, die Hände voller Teller. Sie musterte Julias Bauch und sah zornig aus, aber Julia spürte, dass sich ihr Ärger nicht gegen sie selbst richtete.
»Sagen Sie mal«, fragte Mrs Brownell, als wäre ihr das schon die ganze Zeit über durch den Kopf gegangen, »wie wollen Sie eigentlich Ihr Baby in dieser Hütte vom alten Dunne zur Welt bringen?«
Julia lief dunkelrot an und sie sagte, obwohl sie sich dieselbe Frage auch schon gestellt hatte: »Noch ist es ja nicht so weit.«
»Sie armes Ding!«, sagte Mrs Brownell. »Es ist eine Sünde, dass Menschen wie ein Rudel Ratten beieinander leben müssen. Womit haben Sie das verdient oder was können die Kinder dafür? Es ist eine Sünde. Der Teufel steckt manchmal mitten unter uns, und ich wünsch mir oft, wir könnten ihn oder es oder was er auch sein mag doch bloß in die Finger kriegen.« Julia warf ihr einen skeptischen Blick zu, obwohl sie fand, dass es sich ganz vernünftig anhörte. Mrs Brownell lachte kurz auf, war aber immer noch böse.
»Meine Güte, so was kann mich richtig aufregen. Ich hoffe, ich hab Sie nicht irgendwie verletzt.« Sie begann, das Geschirr abzuwaschen.
»Oh nein, gar nicht«, sagte Julia. »Es ist furchtbar, aber vermutlich sind viele noch schlimmer dran als wir.«
»Jedenfalls bestimmt nicht viel schlimmer«, erwiderte Mrs Brownell. »Und ihr schuftet doch alle von früh bis spät.«
»Machen Sie sich um uns keine Sorgen, Mrs Brownell«, sagte Julia geduldig. »Das kann ja nicht ewig so weitergehen.«
»Woher wollen Sie das wissen?«, gab Mrs Brownell energisch zurück. »Edgar und ich leben schon seit vielen Jahren hier. Wir haben ein bisschen was zurückgelegt, bevor wir hergekommen sind, und einen Teil vom Haus gebaut und später dann den Rest und wir haben einen guten Brunnen gebohrt. Anfangs haben wir eine kleine Herde Vieh gehabt und sie allmählich vergrößert. Groß ist sie nicht, aber sie bringt ein bisschen was ein. Wir haben ein paar Schweine dazugekauft. Schweine bringen immer schönes Geld. Wir haben Futter fürs Vieh angebaut, und die Schweine haben ihren Auslauf in den Luzernen am Brunnen. Wir haben Besenkorn angebaut. In den schlechten Jahren hab ich Edgar bei der Feldarbeit geholfen. Die Jungs sind damals noch klein gewesen – aber sie haben mit angepackt. Ich hab mir einen Garten angelegt und mein halbes Leben damit verbracht, ihn zu erhalten. Wir haben unser Leben lang schwer gearbeitet und ich würd sagen, es war auch nicht umsonst, denn wir haben unsere Jungen in die Stadt auf die High School geschickt, und Max ist aufs College. Pete wollte nicht. Er wollte nicht so lange von der Farm wegbleiben, aber er hat alle Bücher gelesen, die Max uns geschickt hat.« Sie holte tief Luft. »Meine Jungen lieben die Landwirtschaft – sie lieben sie von ganzem Herzen. Ich bin so dankbar, dass ich gute Söhne habe, Mrs Dunne.« Einen Augenblick lang schwieg sie.
»Ach ja«, sagte sie nach einer Weile, »Ich war dabei Ihnen zu erzählen, wie wir in dieser trockenen Gegend zurechtkommen. Wir können uns nicht beschweren, denke ich, denn wir haben’s ganz bequem, aber wir haben uns nie getraut, mal ’n bisschen weniger zu arbeiten, sonst hätten wir das alles hier nicht, besonders nicht seit den Staubstürmen in den letzten beiden Jahren. Ein hübsches Haus und genug zu essen und ein paar andere Kleinigkeiten, das reicht einfach nicht. Wenn man alt wird wie Edgar und ich, kann einem die Zukunft Angst machen. Wir wollen nicht von den Jungs abhängig sein, und wir können nicht genug beiseitelegen, um fürs Alter vorzusorgen. Den beiden haben wir nichts davon gesagt, vielleicht fällt uns in den nächsten Jahren noch was ein.« Ihre braunen Augen, die so jung und froh ausgesehen hatten, blickten ernst und erschrocken. »Meine Güte! Was is’ bloß in mich gefahren, dass ich einfach mit Ihnen über solche Sachen rede. Was müssen Sie von mir denken!«
Julia freute sich, dass Mrs Brownell so offen gesprochen hatte. »Keine Sorge«, sagte sie. »Ich hab immer das Gefühl, dass ich überhaupt nichts weiß. Ich hör Ihnen gern zu.«
»Heute Nachmittag hab ich jedenfalls was beschlossen«, sagte Mrs Brownell. »Wenn es soweit ist, kriegen Sie Ihr Kind hier bei mir. Ich richte mein Nähzimmer für Sie ein. Ich borg mir für ein paar Wochen das Bett von Max und stell ihm das Sofa ins Zimmer. Ich kümmere mich um Sie, bis Sie kräftig genug sind, um wieder nach Hause zu gehen. Ich schwöre, ich weiß wirklich nicht, wie ihr alle in dem kleinen Raum wohnen wollt. Das ist dann also abgemacht, verstanden, junge Frau?« Sie lachte auf. »Na so was, da werd ich doch glatt Großmutter!«
»Dafür sehen Sie noch viel zu jung aus«, erwiderte Julia und dann fiel ihr auf, dass das beinahe wie eine Zusage klang. Sie lief wieder rot an. »Das kann ich Ihnen doch nicht zumuten. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, aber das geht auf keinen Fall.«
»Ist schon beschlossene Sache. Sie können nicht mehr Nein sagen. Edgar und die Jungen werden ganz aus dem Häuschen sein. Was wünschen Sie und ihr Mann sich denn?«
»Einen Jungen« antwortete Julia beinahe schüchtern. »Milt hat sich immer einen Jungen gewünscht. Wir haben alles für ihn geplant, und er soll Tommy heißen. Tommy Dunne. Klingt das nicht schön? Es ist schlimm, ein Baby zu kriegen, wo wir so arm sind, aber wir können einfach nicht anders als uns freuen, wenn er da ist. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen je danken …« Julia brach in Tränen aus und hob das Geschirrtuch, um ihr Gesicht zu verbergen.
»Still jetzt! Mir wird das mehr Spaß machen als Ihnen«, sagte Mrs Brownell. Darüber musste Julia lachen, und sie fuhren fort, die Küche aufzuräumen.
»Lange wird’s nicht mehr dauern«, sagte Julia.
Im Hof hatten sich die Männer auf den Boden gesetzt, rauchten und redeten. Max und Pete bearbeiteten mit Säge und Hammer ein paar Holzstücke und bauten daraus einen breiten Sitz für den Schlitten. Die Schule würde sieben Monate lang geöffnet sein, sie lag etwa drei Kilometer weit von der Farm der Dunnes entfernt und die Mädchen konnten hinlaufen, sofern kein Tiefschnee lag. Es gab einen Schulraum mit insgesamt elf Schülern in allen Klassenstufen. Anna Brennermann würde unterrichten.
»Ich schätz mal, da wirst du wohl die Dunne-Kinder zur Schule bringen, wenn es stürmt, damit du Anna sehen kannst« sagte Pete.
»Komisch«, gab Max zurück, ohne auf Petes bedeutungsvolle Pause zu achten, »dass der alte Brennermann so streng ist und seine Mädchen nie mit Jungs ausgehen dürfen. Frieda ist bald ’ne alte Jungfer.«
»Sie sieht jetzt schon irgendwie verschrumpelt aus«, sagte Pete.
»Das passiert Anna bestimmt nich’. Oh Mann, ihre hellbraunen Zöpfe sind vielleicht hübsch. Was meinst du, Pete?« Pete grunzte. »Weißt du«, fuhr Max fort, »an der Schule gibt’s dann einmal im Monat am Freitagabend ein Pasteten-Essen und das Jahr über noch ein paar Leseabende.«
»Woher weißt du das alles?«, fragte Pete. Er musterte seinen Bruder belustigt und etwas argwöhnisch.
»Ich hab Anna gestern in der Stadt getroffen.«
»Ist da etwa schon was im Busch? Wenn sie die Arbeit an der Schule nicht hätte, würde der alte Mann sie nicht vor die Tür lassen.« Pete legte eine Pause ein. »Sei bloß vorsichtig«, mahnte er dann den Älteren etwas altklug, »bevor du’s ahnst, bist du schon verheiratet.«
»Mir kann’s gar nicht schnell genug gehen«, sagte Max und fixierte den Nagel, auf den er einhämmerte, ohne Pete anzusehen.
»Menschenskind!«, ächzte Pete und sank auf den Schlitten. »Soo schlimm hat’s dich erwischt?«
»Nein, so schön!«, sagte Max ernsthaft. »Sieh dir nur Mutter und Vater an – sie sind schon länger verheiratet, als wir auf der Welt sind. In ein oder zwei Jahren hab ich für den Anfang wenigstens eine Ernte.«
»Die füllige Anna ist auf jeden Fall ein Anfang.«
»Ich mag sie genauso – füllig und warm, mit ihrer sanften Stimme. Und sie hat ihren eigenen Kopf.« Er schlug den nächsten Nagel ein und wollte eigentlich schweigen, aber irgendetwas drängte ihn, mit Pete zu reden, der ihn wahrscheinlich noch nicht verstehen würde. »Manchmal, wenn ich morgens zum Melken rausgeh, fühle ich mich so wohl und ich wünsch mir, Anna wäre im Haus und würde Frühstück machen, wenn ich zurückkomme. Manchmal fahre ich bei den Brennermanns vorbei und seh sie in ihrem sauberen Kleid, das im Wind flattert, wie sie im Garten arbeitet, und dann ist ein paar Tage lang alles ganz verändert. Stell dir mal vor, dass du so für ein Mädchen fühlen kannst, obwohl es ein paar hundert Meter von dir entfernt ist.« Eine Weile arbeitete Max stumm vor sich hin und dachte an Anna. In Gedanken sprach er Dinge aus, die ihn selbst erstaunten, aber sobald er Pete davon erzählte, wurde er verlegen und schämte sich, weil er so offen über etwas redete, dass nur ihn ganz allein anging. Pete hörte zu. Nun hütete er sich, zu witzeln, er war neugierig auf die Gefühle seines Bruders. Als Max schließlich verstummte, spürte Pete (ohne es in Worte zu fassen), dass sich zwischen ihnen etwas verändert hatte. Bis jetzt hatte ihnen alles gemeinsam gehört. Nun dachte Max daran, sich von ihm zu entfernen, gemeinsam mit Anna getrennt zu leben. Einen Augenblick lang dachte er an Anna, an ihr breites helles Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den strahlend blauen Augen, an die dicken blonden um den Kopf geschlungenen Zöpfe. Bisher war sie einfach nur ein nettes Mädchen gewesen, jetzt kam sie ihm mit einem Mal fremd vor – sie würde seine Schwester sein.
»Warte nur, bis die Mädchen hinter dir her sind, Pete.«
»Ehe ich heirate, will ich mich noch’n bisschen umsehen«, sagte er und fühlte sich gleich besser.
»Da mach dir mal keine Sorgen.«
»Glaubst du?«, fragte Pete.
»Du bist selbst schuld, wenn du nicht bald anfängst.«
Pete überlegte, dass er vielleicht das älteste Mädchen der Gaylords zum Pasteten-Essen ausführen könnte.
Die Tür öffnete sich in die tiefe Dunkelheit der Prärie und ein schmaler Lichtstrahl fiel in den Hof. Der alte Mann trat ins Freie, warf einen langen Schatten, zog die Tür zu und blieb einen Augenblick lang, in dem er nichts sah, stehen. Dann zeichneten sich die Umrisse der Scheune undeutlich ab und das abgemähte Stoppelfeld dehnte sich kaum sichtbar in die dunkle Weite. Er spürte den vertrauten, festgetretenen Boden des Hofes unter seinen Füßen, während er auf das Feld zuging und spielerisch das rechte Bein schwang. Die Worte, die im Haus gefallen waren, drehten sich in seinem alten Kopf unaufhörlich im Kreis. Um diese Zeit hätte er längst schlafen sollen, um nicht mehr an seinen knurrenden Magen zu denken. Verdammt noch mal, kann ein Mann nicht mal auf seiner eigenen Farm in Frieden leben. Dass sie eingezogen sind, ist nicht so schlimm, aber diese ständige verdammte Streiterei. Wenn fünf Menschen in einem einzigen Raum aßen, schliefen und rein und raus liefen, roch und sah man dort das überquellende Leben, mehr Leben, als er fassen konnte, und einiges davon schwappte über und wurde zu einer unbestimmten, obszönen Intimität. Er nahm den Kautabak aus der Tasche und legte Daumen und Zeigefinger dicht an eine Ecke, damit er nur ein winzig kleines Stück abbiss. »Verdammt noch mal«, sagte er laut und machte sich wieder auf den Weg ins Dugout. Der warme Lichtschein, der auf den Boden fiel, zog ihn ins Haus zurück, weg von dem beißend kalten Nachtwind. An dem kleinen Fleckchen mit Zuckerrohr blieb er stehen, um sich zu erleichtern.
Als er die Steinstufen hinunter in die Hundehütte trat, hörte er, wie sich die gedämpften Stimmen immer noch in demselben Ton unterhielten. Er stieß absichtlich gegen eine an der Wand hängende Abwaschschüssel und kündigte sein Kommen an; vielleicht sprachen sie über ihn. Das konnte ja sein. Als er eintrat, befüllte Julia gerade die Lampen und schnitt die Dochte zurecht. Das machte sie jeden Abend, bevor sie zu Bett ging, offenbar hatte sich der Sturm verzogen. Der alte Mann setzte sich auf sein Schlafsofa in der Ecke und zog sich Schuhe und Strümpfe aus. Myra lag schon im Bett ihres Großvaters und hatte sich die Decke zum Schutz vor dem Licht über den Kopf gezogen. Zum Zeichen, dass sie noch wach war, stupste sie ihn vorsichtig mit dem Fuß an.
Im großen Bett in der gegenüberliegenden Ecke schlief Lonnie bereits. Milt und Julia unterhielten sich, aber der alte Mann hatte den Eindruck, als ginge es noch um dasselbe Thema. Er setzte sich und wartete darauf, dass das Licht gelöscht wurde. Julias Augen sahen rot und geschwollen aus. Sie wischte mit Zeitungspapier Ruß aus dem Kamin und polierte das Glas, bevor sie die gesäuberte Lampe auf das Regalbrett über dem Tisch stellte. Milt zog sich langsam aus und als er fertig war, stand er in der Unterwäsche neben dem erloschenen Herd. Der Gesäßteil der Unterhose hing schlaff herunter, und sein muskulöser Körper wirkte darin etwas verloren.
»Um Gottes willen, deine Füße!«, sagte er zu dem alten Mann und blickte auf dessen pergamentartige Füße, die er auf den unteren Teil des Herdes gestellt hatte. Der alte Mann öffnete ein wenig den Mund, beinahe als lächelte er, aber seine Augen blickten düster und verletzt. »Warum wäschst du dich nicht?«
»Wann denn?«, fragte der alte Mann. »Hier, vor euch allen? Es ist zu kalt, um abends ein Bad draußen zu nehmen.«
»Na ja, du könntest dich tagsüber waschen, wenn’s warm ist.«
»Könnte ich, ja. Nur wegen der Kinder …«
»Also, zum Donnerwetter, du könntest dir doch mal die Füße waschen.«
»Ach, halt endlich den Mund!«, sagte Julia. »Hast du heute noch nicht genug gemault?«
»Mir ist’s egal«, sagte der alte Mann und hoffte, die Sache damit zu beenden.
»Vater ist schmutzig«, sagte Milt, als wäre der alte Mann nicht im Zimmer.
»Lass Konkie in Ruhe«, rief Myra unter der Decke.
»Wollen wir nicht mal schlafen?«, fragte der alte Mann.
»Los, mach schon Julie, damit Vater sich ausziehen kann.« Als er an ihr vorüberging, zwickte Milt Julia unter ihren voller werdenden Brüsten und legte sich ins Bett. Julia pustete die Flamme der Lampe aus, dann zogen sie und der alte Mann sich in der Dunkelheit aus.
»Ich geh morgen früh in die Stadt«, sagte Milt. »Also entscheide dich.«
»Na schön, dann nimm’s halt«, sagte sie mit erstickter Stimme.
»Was denn?«, fragte der alte Mann.
»Das Klavier«, sagte Milt. »Wir müssen ein bisschen Geld auftreiben. Julie braucht was Bessres als Pfannkuchen und Sirup.«
»Ach, Julie, das is’ aber wirklich schlimm«, sagte der alte Mann.
»Hier drin steht sowieso zu viel rum«, sagte Milt. »Und außerdem geht das Klavier kaputt, so halb in der Erde. Du hast selbst gesagt, die Tasten klemmen.«
»Ich weiß. Aber hier draußen ist es eben so einsam und das Klavier ist meine einzige Freude. Wenn ich nur wüsste, dass ich’s eines Tages wiederkriege.«
»Wir kriegen’s bestimmt wieder, keine Sorge, uns wird’s ja nicht immer so schlecht gehen.« Der alte Mann seufzte und sie hörten auf zu reden.
