Napalm im Herzen - Pol Guasch - E-Book

Napalm im Herzen E-Book

Pol Guasch

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Beschreibung

Der aufsehenerregende Debütroman von Pol Guasch: »Eine einzigartige Stimme, zugleich sanft und ausdrucksstark, frisch und bereits reif.« (Le Monde) Eines Nachts kommt es in einer Fabrik zu einem ohrenbetäubenden Knall, ein gleißendes Licht macht die Nacht zum Tag, und von diesem Moment an wird die Heimat des Erzählers zu einer militarisierten Zone, in der die Grenze zur Wildnis zu verschwimmen droht und in der es nicht immer einfach ist, Opfer und Henker voneinander zu unterscheiden. Mehr als 900 Tage sind seit diesem Vorfall vergangen, und in der Trostlosigkeit der totalitären, gewalttätigen Welt, in der der Erzähler mit seiner Mutter lebt, gibt es für ihn nur einen Trost: seine Liebe zu Boris. Doch diese ist in ihrem Gebiet eine verbotene, wie auch die Sprache, die die beiden sprechen, nicht mehr erlaubt ist. Durch Briefe und heimliche Treffen in einem »Rattenzimmer« versuchen sie, beides zu erretten, ihre Liebe und ihre Sprache – bis sie erkennen, dass ihnen nur eine Flucht auf die »andere Seite« bleibt. Zusammen machen sie sich auf den Weg, mit ihnen die Last der Vergangenheit in Form eines Briefes – und einer Leiche. In einer präzisen, poetischen, so schönen wie manchmal auch drastischen Sprache schildert Pol Guasch das Leben in einer post-apokalyptischen, totalitären Umgebung und ihre vielfältigen Unterdrückungen – und wie zwei junge Männer versuchen, für sich eine neue Welt zu erschaffen.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Pol Guasch

Napalm im Herzen

Roman

Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt

Die Übersetzung dieses Buches wurde durch die Unterstützung des Instituts Ramon Llull ermöglicht.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Pol Guasch, 2021

Originally published by Editorial Anagrama S. A.

c/o Indent Literary Agency | www.indentagency.com

Translation copyright © 2024, by Kirsten Brandt

© Wallstein Verlag, Göttingen 2024

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Eva Mutter (evamutter.com)

Umschlagabbildung: © Eva Mutter

ISBN (Print) 978-3-8353-5695-5

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8703-4

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8704-1

Inhalt

Umschlag

Titel

Impressum

Napalm im Herzen

Das Begräbnis

Die Kälte kam, wie sie immer kommt. Du weißt schon: Eines Morgens stehst du auf, und die Erde ist weiß. Die Tage waren kurz und eisig. Vom Fenster aus wirkten alle Dinge klein und bedeutungslos. Blieb der Schnee eine Woche lang liegen, ging er nicht mehr weg. So sah es bei uns aus: Der erste Herbstregen prasselte auf den trockenen Boden und verwandelte die Wege von einem Augenblick zum anderen in Schlammpfützen, sodass wir von der Stadt abgeschnitten waren; die Feuchtigkeit verdampfte zu einer plötzlichen Trockenheit, die tödlich sein konnte; und dann kam der Schnee und mit ihm der Beginn einer Zeit, von der wir nie wussten, wann sie enden würde. Vom Fenster aus betrachtete ich die Bäume, und sie waren alle gleich fern und gleich nah. Der wütende Wind brach die gefrorenen Zweige mit den letzten noch verbliebenen Blättern. Aus dem Wald kamen die Füchse und ließen sich in den leer stehenden Häusern nieder. Warme Tiere auf kaltem Grund. Sie kamen auch, weil sie wussten, dass wir sie füttern würden. Ich beobachtete Vita, wie sie auf ihre Terrasse herausging und ihnen Knochen und Haut auf einen Teller legte. Dann schlichen sie näher, knurrten einander an und zeigten sich die Zähne. Die, die zu spät dran waren, kamen zu uns und warteten an der Tür. Ich stellte ihnen trockenes, in Milch getränktes Brot hin. Sie verschlangen es gierig.

I

Das Königreich des Schweigens, sagte ich, wann kehrst

du aus dem Königreich des Schweigens zurück ?

Eider Rodríguez

Die Exhumierung

Der Schnee war geschmolzen, die Erde pulsierte wie warmer Marmor, und die schmutzigen Lachen brodelten. Die ersten Dahlien blühten, und das Wetter fegte die letzten Haufen harschen Schnees hinweg, die sich an den Rändern der Wege und Straßen türmten. Es gab einen gewaltigen Baum, um dessen zarte Triebe sich gierige Blattläuse versammelten, um den Milchsaft zu trinken. Jeder Tag war ein Brunnen des Lebens, der vom Grund bis an die Oberfläche aufleuchtete und Licht verströmte: Wir mussten vor ihm die Augen zusammenkneifen, um sehen zu können, und winkten uns von den Fenstern aus zu, die Körper hinter den Gardinen verborgen. Wir sahen nur unsere Hände, und manchmal betrachteten wir die verwahrlosten Gärten. Die Bürgersteige waren von einem Teppich aus leuchtend gelbem Blütenstaub bedeckt, fluoreszierend wie das Pulver, das man an Hausecken ausstreut, um Hunde fernzuhalten. In den Büschen vor allen Hauseingängen hingen solide, von Propolis triefende Bienennester. Stare und Rotkehlchen kamen zwitschernd angeflogen, fraßen die Bienen und trugen den Honig in ihren Schnäbeln zu den Jungen, die in den Bäumen nach ihnen riefen. Friede war kein Gefühl, sondern ein Ort: das kniehohe Gras, die umherstreunenden Tiere, die wir nur aus den Bewegungen im Unterholz erahnten. Wilde Tiere, die aus dem Wald kamen, über den Asphalt streiften und ihre Jungen auf unseren Veranden säugten. Irgendwo las ich, es seien Rudel von Wölfen gesehen worden, die den Raum zwischen den Häusern eroberten. Später bestätigte Boris es mir: »Ich habe riesige Wölfe von den Bergen herabkommen sehen.« Das stand in dem ersten Brief, den er mir schrieb.

Leise sagte ich vor mich hin

»Tag neunhundert«:

Boris, Boris,

Der Kahlköpfige ist wieder bei uns zu Hause aufgetaucht. Als ich vom Garten zurückkam, saß er am Tisch. Neben ihm erschien mir meine Mutter klein, als wäre sie durch seine Ankunft geschrumpft. Auf dem Tisch standen Toast und Tee. Als ich den Blick hob, sah ich ihr breites Lächeln. Ohne ein Wort ging ich auf mein Zimmer. Ich konnte ihm nicht ins Gesicht sehen: Sie unterhielten sich in der anderen Sprache. Mutter mit vor Freude weit aufgerissenen Augen, während der Kerl ihr Geschichten erzählte, von denen die Hälfte garantiert erfunden war. Und sie glaubte ihm, nickte immer wieder und knabberte dabei am Toast, nickte und nickte, während sie seine Lügen schluckte. Ein Happen hiervon, dann ein Happen davon und ein Schluck, um eine weitere Lüge herunterzuspülen. Warum zum Teufel verstand sie ihn, Boris? Sie spricht die andere Sprache nie, ich habe sie sie noch nie sprechen hören.

Heute kam er schon zum dritten Mal. Beim ersten Mal brachte er Vita ihre Rente, behauptete aber, er hätte sich in der Tür geirrt und aus Versehen bei uns geklopft. Zuerst war Mutter misstrauisch, machte ihm nicht auf, sondern steckte den Kopf durch die Türluke, um mit ihm zu reden. Aber sie unterhielt sich eine ganze Weile mit ihm, und ich schnappte nur ein paar einzelne Wörter auf. Das zweite Mal gebrauchte er schon keine Ausrede mehr; sie gingen durch den Garten, und Mutter zeigte ihm die Gemüsebeete und die Hühner, die Kuh und den verrosteten Zaun, hinter dem der Wald beginnt. Lachend zeigte sie ihm die Bäume und die Pflanzen und den Hügel, und er nickte. Und heute ist sein dritter Besuch, und dieses Mal ist es Mutter, die ununterbrochen nickt.

Ich mag ihn nicht, Boris. Er hat Augen wie ein Tier. Er schleicht wie ein Tier. Und er riecht wie ein Tier. Und ich hasse hochmütige Augen wie die seinen und lügnerische Zungen, Beine, die zum Bösen hinlaufen, und Männer, die Zwietracht unter Brüdern säen. Ich hasse ihn. Und er ist kahlgeschoren wie alle, denn so lautet der Befehl, und sie befolgen ihn. Gehorchen – das ist das Einzige, was sie können. Und andere herumkommandieren, ihnen vorschreiben, was sie tun und was sie lassen sollen, weil sie denjenigen, die das Sagen haben, niemals widersprechen, das wagen sie nicht. Aber du weißt ja, Boris, dass sie hinterher herumlaufen und gebieterisch mit ihrem Maschinengewehr herumfuchteln wie mit einem dritten Arm. Die, die deinen Eltern das angetan haben, Boris, waren bestimmt genauso, da bin ich mir sicher. Ganz sicher.

Für heute mache ich Schluss. Unser Leben hier verläuft im immergleichen Rhythmus. Aber es ist nicht langsam, sondern kalt, so kalt, als wäre die ganze Welt immer noch gefroren. Ich denke an dich und sehe von Mutters Fenster aus zum Rattenzimmer hinüber. Wenn mich die Sehnsucht nach dir packt, gehe ich ans Fenster: das Rattenzimmer, unser Zimmer. Manchmal fürchte ich, dass wir einander nie wiedersehen werden, dass ich Gefahr laufe, nie wieder an deiner Seite glücklich zu sein, und dann muss ich das Zimmer betrachten. Ich liebe dich, wie man diejenigen liebt, die vor langer Zeit weggegangen sind, oder diejenigen, die noch nicht da sind, diejenigen, die man nie gesehen hat oder die es nie gab: Boris.

Der Deine.

Noch etwas, Boris: Großvater ist heute gestorben.

Das Zeichen

Das Licht an diesem Morgen war so grell, dass wir Fischschwärme fanden, die an der Oberfläche trieben, und Scharen von Vögeln, die am Boden saßen, ein letztes Mal im Tod vereint. Es war der Tag danach. Ein ohrenbetäubender Knall, ein blendendes Licht aus der Fabrik, das stundenlang den Himmel verschleierte, dann Stille. Eine unbarmherzige, unsichtbare Stille. Und diejenigen von uns, die nicht wegzogen, verkrochen sich im Haus, wo wir vor Langeweile vergingen, die Deckenbalken zählten und die Holzwurmlöcher mit Nadeln verstopften. Boris und ich begannen, uns zu schreiben. Drei, vier Panzer blieben zurück und ein paar Soldaten, die den alten Frauen die Rente brachten, die Post austrugen und die Häuser derer leerräumten, die geflohen waren. Ich sah sie im Suff die Zimmer verwüsten und die Fensterscheiben einschlagen. Oft schleiften sie eine der zurückgebliebenen Frauen in ein Haus, und wenn sie Stunden später wieder herauskam, war ihr Gesicht von Schlägen entstellt. Sie redeten in der Sprache, die wir sprechen sollten, aber nicht sprachen. Als einige Monate später Vita mit ihrer Schwester zurückkehrte, waren ihre Gräber in ihrem Garten mit Sorghum überwachsen. Vita riss es sofort heraus, legte sich auf das kleinste Grab und krallte sich in die Erde. Mir tat es leid um die hässlichen Pflanzen, die dort Wurzeln geschlagen hatten, denn die anderen Kinder hatten mir immer »Unkraut ! Unkraut !« hinterhergerufen, und ich hatte den Pflanzen zugesehen, wie sie langsam heranwuchsen wie ein kleiner Wald in einem Beet.

Als ich ihn fand, lag er tot zwischen den Tomatensträuchern und war kalt, so kalt wie die mit Raureif überzogene Fensterscheibe, wenn ich sie morgens berühre. Sein Handgelenk war so schmal, dass ich es zuerst für Schilfrohr hielt. Und sein Gesicht war ganz ruhig, so als hätte er sich im Sterben immer wieder gesagt, dass er genug von der Welt gesehen hatte und nun friedlich dahinging, zu der Arbeit zurückkehrte, die er am wenigsten mochte und in seinem Leben am häufigsten getan hatte: die Pflanzen zum Wachsen zu bringen, sie zu hegen und zu pflegen, um hinterher ihre Früchte ernten zu können. Seine großen Ohren mit den weißen, spitzen Haaren, die von den Ohrläppchen am Knorpel emporkrochen, erinnerten an stachelige Blätter. Die Haut war von der Sonne gebräunt und gegerbt. Großvater war tot, sein Herz zersprungen, in Fetzen gerissen. Kaputtgegangen vom langen Warten. Vom langen Pumpen. Neunhundert Nächte hatte es durchgehalten. Neunhundert immergleiche Morgen. Ich weinte nicht. Als ich erkannte, dass es seine Hände waren und nicht trockene Schilfhalme, sah ich wieder die Hände vor mir, mit denen er den Kopf eines unserer Hunde mit einem Kreuz markiert hatte. Wir hatten sieben neugeborene Welpen, so winzig, dass zwei in eine Hand passten. Und als ich mit einem von ihnen spielte, einem weißen mit schwarz geränderten Augen, und zu ihm sagte: »Du gehörst mir, Kleiner, du gehörst mir«, fiel er mir herunter, der Ärmste, und stieß den gellendsten Todesschrei aus, den ich je gehört hatte. Einen Schrei, der klang, als hätte man ihn ihm mit einer Nadel aus der Kehle gezogen. Großvater hob ihn hoch, er atmete noch, und päppelte ihn wochenlang auf, bis er schließlich sagte, jetzt gehe es ihm wieder gut und er könne zurück zu den anderen. Aber vorher tauchte er seine Finger in eine blutrote Paste, die er in einem Töpfchen aufbewahrte, und zeichnete dem Hund ein Kreuz auf die Stirn. Wir wollten die Hunde weggeben bis auf einen, aber den, der heruntergefallen war, würden wir nicht behalten, sagte Großvater, denn aus dem würde vielleicht nichts Rechtes werden. »Ein Hund muss stark sein und das Haus hüten können«, erklärte er, während er ihn in der Hand hielt. Und jetzt kam mir Großvaters schmales Handgelenk vor, als würde mit ihm auch ein Stück der alten Welt sterben, einer rötlichen Welt, in der es Hacken und staubige Erde gab und die nun Kilometer weit weg lag, sehr weit weg, einer Welt, von der ich so gut wie nichts erzählen konnte. Einer Welt wie aus einem Film, den ich mir mit einem Schleier Raureif vor den Augen ansah.

Der Mond

In seinen ersten Briefen schrieb mir Boris, er mache Fotos, weil er keine Worte finde, um das zu beschreiben, was seiner Meinung nach vor sich ging. Er entwickelte sie in seiner Wohnung in der Stadt, in einer Dunkelkammer, die sein Vater gebaut hatte. Seine Eltern waren schon lange tot. Er hat noch ein zerknittertes Foto von ihnen, das er in der Hosentasche mit sich herumträgt, wenn er unterwegs ist. Mit den Fotos will er sich zu eigen machen, was die Kamera festhält, sagt er. Um zu beweisen, was geschehen ist. Um die Erfahrungen in Wahrheit zu verwandeln. Aber auch, weil das Fotografieren eine gewisse dämmerige Aura hat. Wie auch Boris. Jedes Mal wenn er jemanden auf einem Bild festhält, stellt er fest, dass die Zeit vergeht, und dann fühlt er sich sehr bedeutend, ganz er selbst, weil er den Tod dieses Baumes oder jener Katze oder des Gesichts seiner Eltern miterlebt, so erklärt er es. Und Boris, mit der Sonnenfinsternis in seinen Augen, steht das Fotografieren ausgezeichnet. Stets halb da und halb fort, wie ein Foto, stets bemüht, in eine andere Wirklichkeit zu gelangen. Eine betäubende. Allgegenwärtige.

Als der Kahlköpfige weg war, sagte ich zu Mutter: Großvater ist tot, er liegt im Garten. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Mutter schlug vor, ihn einfach flussabwärts treiben zu lassen, aber Vita sagte Nein, der Fluss hat nicht genügend Kraft, er ist nur ein Seitenarm des Tet und spült keinen Leichnam fort, er wird an einer flachen Stelle hängen bleiben, dann kommen die wilden Tiere, und es gibt tagelang Großvater, und wir müssen zusehen, wie sie sich an ihm satt fressen. Und da es Zeit kostet, eine tiefe Grube auszuheben, und wir keine Zeit haben, weil die Körper der Alten für den Tod bereit sind und innerhalb von zwei Nächten verwesen, schlug Vita vor, ihn zu zerstückeln und im Garten zu vergraben, damit er als Dünger dient. Sie sagte, der Herrgott werde es schon verstehen und uns nicht übelnehmen. Ich dachte nicht, dass sie es ernst meint, doch Mutter sah mich mit Augen wie Gewehrkugeln an, und da gehorchte ich. Aber ich grübelte die ganze Zeit darüber nach, ob sie böse mit mir war oder was ich ihr wohl Schlimmes angetan hatte. Während ich die schmalen Handgelenke durchsägte, gingen mir unablässig Bilder durch den Kopf: Wie wir gemeinsam das Wasserbecken aushoben, ich mit einem kleinen Eimer, er mit der großen Schaufel und dem Karren, mit dem er die Erde in den Wald brachte – jetzt Elle und Speiche, die sich erbittert widersetzen; wie er mir erzählte, dass sein Vater nach seiner Rückkehr aus dem Krieg, den Körper voller Granatsplitter, verstummte und bis zu seinem Tod hartnäckig schwieg – jetzt die Nackenwirbel und die Aorta, aus der das Blut hervorschießt; wie er bei der Geburt seines Bruders die Schreie seiner Mutter bis in den Garten hörte und die dumme Nachbarin herbeikam und ihm völlig ungerührt erzählte, dass die beiden sterben müssten, und der arme Großvater die ganzen sechzehn Stunden der Geburt hindurch weinte, weil er glaubte, die Mutter und das Neugeborene würden langsam vergehen – jetzt der Wadenmuskel, zart und fein wie Hühnerfleisch, und das dicke Wadenbein, das knirscht.

Der Kreuzzug

Es widerte mich an, dass ich mit den anderen nicht aus freien Stücken verbunden war, sondern durch ihren zähen, schleimigen Hass an ihnen klebte. Die tierischen Augen, die Steine, die Schnitte. Der Druck, eine von ihnen befohlene Vorstellung zu verkörpern. Die Art, wie sie zuerst mich und dann meine trügerische Welt auseinandernahmen, um mich anschließend wieder zu dem gewöhnlichen Fleisch zusammenzusetzen, das sie akzeptieren konnten: muskulös, gespannt wie eine Bogensehne, animalisch. Unter den Blicken der anderen verwandelte sich mein Körper, schrumpfte und dehnte sich wieder, bis er platzte. Mein Körper versank in einer Welt, für die er nicht geschaffen war. Ich senkte die Stimme, murmelte nur noch, gewöhnte mir an, so leise zu sprechen, dass man mich nur verstand, wenn man genau hinhörte. Und das tat nur Boris. Eigentlich zog ich sowieso die Stille vor. Meine Mutter verbarg den gesamten Zorn der Welt in ihrer geschwollenen Halsschlagader, als sie mich anfuhr: »Mir ist es egal, ich erzähle es niemandem und werde dein Geheimnis wahren«, und ich sagte mir: Wenn man behauptet, etwas sei einem egal, bedeutet es in Wirklichkeit, dass es einem wichtig ist, sonst würde man es nicht sagen und weitermachen wie gewohnt. Und dabei musste ich oft daran denken, wie es war, als Mutter Boris das erste Mal sah: Es war, als hätte sie genau in diesem Augenblick erkannt, wer ich war.

Mutter und ich und Vitas Augen hinter dem Fenster. Ein feiner Nebel, die Wolken vom Blutmond gefärbt. »Braver Junge«, sagte Mutter, während ich die Hautfetzen und gehäckselten Knochen auf den Furchenrücken verteilte und sie unter jeder einzelnen Pflanze anhäufte, um ihr Wachstum zu fördern. Der arme Großvater, der immer so ängstlich gewesen war, dass er sicher am liebsten in einem Sarg aus Pressspan beerdigt worden wäre, je tiefer, je weiter weg von uns und je einsamer, desto besser. Er, der als kleiner Junge vor Angst immer laut gepfiffen hatte, wenn er nach Hause kam, damit alle ihn hörten, lag jetzt in Stücke gehackt zwischen Ohrenkneifern und Regenwürmern. Er würde ihnen als Nahrung dienen, würde ihnen helfen, heranzuwachsen und unzählige winzige Eier zwischen die Steine zu legen, aus denen kleinere Kopien ihrer selbst schlüpften, bis er am Ende zu einem von ihnen wurde. Und dann würden wir den Garten mit Knoblauchöl ausräuchern und ihn so ein weiteres Mal töten. Der Arme würde keine Ruhe finden. Immer wieder aufs Neue würden wir ihn töten, den Mann, der seit seiner Geburt nur geatmet hatte, um zu sterben, der so dürr und mickrig gewesen war. Stückchenweise gestorben und stückchenweise begraben. Und sosehr ich in allem meinem Vater glich, selbst darin, dass ich mich immer am Rande des Wahnsinns bewegte, der in mir brannte: Seine hohe, breite Gestalt hatte ich nicht. Ich bin wie Großvater: dürr und mickrig.

Das Verlangen

Wenn Boris mir von einem Land erzählte, in dem man leben könnte, sagte ich mir immer, dass er von einer tiefen Sehnsucht erfüllt war, weil er etwas vermisste, das er nie gehabt hatte. Das ist die schlimmste Sehnsucht, die man haben kann. Und wenn er auf dem Heimweg von der Schule den anderen Jungen davon erzählte, war es, als ob sie nichts gemeinsam hätten als den Hass, als ob der Hass sie einte, sie verband, und ich sah ihre Adern anschwellen wie prall gefüllte Wasserschläuche und erkannte ihn nicht wieder: Was redest du da, Boris ? Seine Stimme war tiefer, als spräche er vor Publikum oder vor seinen Eltern. Dann erschien er mir schwach, wenn er sich so spreizte und von der Vergangenheit in die Zukunft sprach, zwei Zeiten, die es nicht gibt. Wo bist du, Boris ? Sie schrien im Chor: »Zorn, Zorn auf den Tod des Lichts !« Bestimmt hatten sie das irgendwo gelesen, sie hatten es sich nicht selbst ausgedacht, aber sie erklärten nicht, was es bedeutete, sondern riefen immer nur den gleichen Satz, lauter und lauter: »Zorn, Zorn, Zorn !« Sie sagten: »Seht nur, wie ein Feuer aus dem Nichts den größten Wald entzündet. Und die Sprache ist ein Feuer !« Und wenn ich mich an diesem Gedanken festhalte, wenn ich an die Zeiten zurückdenke, in denen Boris mit den anderen Jungen durch die Straßen zog und sie immer wieder diese Sätze riefen, tue ich mir selbst ein bisschen leid. Weil ich mich daran erinnere, wie ich an ihrer Seite ging und mich gemeinsam mit ihnen über die andere Sprache lustig machte. Wir taten es heimlich, weil unsere Sprache die kleinere war, die absurde und unbedeutende, und ich lachte über die Aussprache anderer Jungen, darüber, wie wenig sie unsere Welt verstanden, und stimmte in alle Arten ihres Gelächters ein. Und wenn ich mich jetzt aus der Ferne selbst betrachte, weiß ich, dass ich es nur getan habe, um mich ihnen ein wenig näher zu fühlen, nur ein kleines bisschen, und um für kurze Zeit die anderen Dinge zu vergessen, die ich mit mir herumschleppte und im Schweigen verbarg.

Vom Fenster aus findet mein Blick die Furchenrücken mit ihrem ungewohnten Dünger. Die Erde wirkt dort ein wenig schwärzer. Ein wenig toter. Und die Tomaten ein wenig lebendiger, praller und dicker. So geht es mir gerade: Manchmal denke ich, dass ich die Zukunft aufzeichne. Ich sage mir, dass inmitten der Verständnislosigkeit wenigstens die Wörter bleiben sollen. Vielleicht wird sie irgendjemand irgendwann verstehen. Auf jeden Fall beschließe ich, das zu bewahren, was bleibt. Und wenn ich keine Lust mehr habe und nach draußen will, kommt Mutter und sagt: »Geh nicht raus.« Und wenn ich das Fenster öffnen will, kommt Mutter und sagt: »Mach es nicht auf.« Nur manchmal überlässt sie mir die Schlüssel, damit ich ihr zur Hand gehe und heimlich aus der Ferne beobachte, was bei Vita los ist. Aber Mutter geht immer aus dem Haus, sie sagt: »Mir wird schon nichts passieren. Ich bin alt.« Aber wenn sie nicht hinsieht, gehe ich auch hinaus; auf den Pfaden, die hinter den Brombeerhecken beginnen, mache ich mich auf den Weg in den Wald. Ich weiß, dass sie weiß, dass ich verschwinde, dass ich ziellos bergauf und bergab wandere, aber sie besteht darauf, den Schein zu wahren, so lange Lügen zu erzählen, bis sie schließlich wahr werden. Oft sagt sie auch: »Jetzt ist die Erde …«, sie verstummt einen Moment, dann fährt sie fort: »… kleiner geworden. Wir haben das Gefühl für die Ewigkeit verloren, wissen nicht mehr, wo wir sind.« Und ich höre ihr zu, und es macht mich traurig, sie so zu sehen. Es ist, als würde sie bluten, wenn sie das sagt. Und wenn ich ihr von Boris erzähle, erwidert sie: »Wer nur eine einzige Sache liebt, liebt nichts.« Das wirft sie mir vor, weil ich von ihm rede, als wäre er der Anfang von allem. Wenn sie sich schlafen legt, stellt sie sich Holundersaft auf den Nachttisch. Beim ersten Tageslicht erwacht sie, kommt die Treppe hinunter und zählt dabei die Stufen, und bevor sie schlafen geht, sagt sie: »Heute bin ich so und so viele Stufen hinaufgegangen«, und schreibt die Zahl in ein Büchlein, in dem sie die Anzahl der Stufen vermerkt, die sie jeden Tag hinauf- und hinuntergeht. Dann sagt sie wieder, dass ihr egal ist, was passiert, dass sie die kommenden Jahre nicht damit vergeuden will, zuzusehen, wie die Früchte auf der Erde verfaulen, von Würmern gefressen werden und dann an der Stelle, wo sie heruntergefallen und aufgeplatzt sind, neue Bäume wachsen. Und währenddessen beobachtet sie die Sterne am Himmel, legt alles, was passieren wird, und alle ihre Hoffnungen in sie hinein. Sie lernt die Bewegungen der Himmelskörper auswendig, das Aufeinandertreffen der Trabanten, die Mondphasen. Natürlich tut sie das, um die anderen Menschen zu vergessen, sich einzureden, sie lebe allein, vor allem aber um sich selbst zu vergessen.

Leise sagte ich vor mich hin

»Tag neunhundertunddrei«:

Verzeih mir, Boris, verzeih.

Ich wollte dich wirklich nicht kränken. Ich war nur wütend, weil er direkt unter mir war, als ich dir schrieb; er saß in der Küche und plauderte mit Mutter. Sein Geruch drang über die Treppe zu mir herauf und nahm mir den Atem. Deshalb habe ich dir geschrieben, dass die, die deinen Eltern das angetan haben, bestimmt genauso waren wie er. Aber ich weiß es nicht, du hast recht, natürlich weiß ich es nicht. Seine Mütze lag auf dem Tisch, aber er hielt sie mit beiden Händen umklammert. Ich sah ihn an und dachte: Du kannst deine Scheißmütze nicht mal für einen Moment in Ruhe lassen, sonst könnten wir am Ende noch vergessen, was wir dir hineingesteckt haben. Und als ich in mein Zimmer hinaufging, zitterte mein ganzer Körper – Arme und Beine –, weil ich nicht glauben konnte, dass wir einen von ihnen ins Haus gelassen hatten. Gerade eben muss ich daran denken, wie Mutter auf eine Truhe zeigte, als die Kahlköpfigen das erste Mal kamen, und sagte: »Versteck dich und komm bloß nicht raus.« Seitdem sind Wochen vergangen und mit den Wochen Monate und Jahre, und heute würde höchstens noch ein Bein von mir in die Truhe passen. Und jetzt sind sie im Haus und wissen, dass Mutter nicht alleine ist, dass es mich gibt und dass ich kein Kind mehr bin. Was nun, Boris? Was nun?

Ich habe eine Weile geschlafen und von dir geträumt. Du kamst in den Wald, und wir waren zusammen. Der Himmel war weit, schmutzig und zusammengepresst, auberginenfarben; da war auch ein Licht wie grünes Fleisch, das die Teile der Luft durchdrang, und Stimmen wie alte Musik – nur der leise Widerhall einer kaum bekannten Stimme. Dann waren wir an einem kilometerlangen Strand, der von einer ungeheuren Kraft verschlungen wurde. Und wir waren mitten im Meer. Anders als andere Träume war dies ein ruhiger Traum, der mich schmerzlos ins Erwachen getragen hat: In ihm habe ich dich geliebt, wie ich im Leben nur vor langer Zeit zu lieben glaubte, als ich die Namen der Dinge noch nicht kannte. Plötzlich waren wir aus dem Meer verschwunden, und der Horizont war Wasser. Nichts als Wasser.

Beim Aufwachen musste ich wieder an den Mann denken und bekam Angst. Ich bin auf den Hügel gestiegen, um ein wenig frische Luft zu schnappen, und von dort habe ich die Stadt gesehen: was für eine Wolkenkratzerwüste! Ich habe mir vorgestellt, wie du in einem dieser Gebäude sitzt, aber ich war schon so lange nicht mehr dort, dass ich nicht sagen könnte, in welchem Block du wohnst. Zurück zu Hause, bewege ich mich wie zuvor, aber auf meiner Brust lastet ein nicht enden wollender Druck, denn ich denke immerzu an Vater, Großvater und das Leben davor, an dich, an das, was du mir erzählst und was ich nicht verstehe, und dann werden die Dinge groß, riesig, und ich verstehe sie immer weniger, der Schnee eines unbarmherzigen Winters bedeckt sie. Dann sehe ich, dass das nicht stimmt, die Sonne kommt heraus, die Blumen sprießen, und der Schnee schmilzt, aber ich verstehe nichts, Boris, ich verstehe nichts.

Die Verdauung