Narcopolis - Jeet Thayil - E-Book

Narcopolis E-Book

Jeet Thayil

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Beschreibung

So haben Sie Indien noch nie gesehen – eine fiebrige Tour de Force durch das Bombay der Prostituierten, Dichter, Drogendealer Rashids Opiumhöhle im Rotlichtviertel Bombays bildet das dunkle Herz von ›Narcopolis‹. Hier schweben die Versprengten und Versehrten der Stadt ein, um sich einem trägen Traum hinzugeben. Die schöne Dimple, nicht ganz Frau und nicht ganz Mann, bereitet die Pfeifen vor, und alle kommen – Hindus, Muslime, Künstler, Angestellte, Xavier, der weltberühmte Maler, und Rumi, der Brahmane. In einer lyrischen, leuchtenden Prosa erzählt Thayil von einer »großen und gebrochenen Stadt«, die dabei ist, ihre Seele zu verkaufen.

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Seitenzahl: 417

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Jeet Thayil

Narcopolis

Roman

 

Aus dem Englischen von Bernhard Robben

 

Biografie

 

 

Jeet Thayil ist Dichter, Performance-Künstler, Songwriter und Musiker. Mit ›Narcopolis‹ gelang ihm ein sensationelles Debüt und eine faszinierende Parabel auf das moderne Indien. Der Roman begeisterte weltweit die Kritik, schaffte es auf die Shortlist des Booker Prize sowie des Man Asian Literary Prize und gewann den DSC Prize for South Asian Literature. Thayil kam 1959 im südindischen Kerala zur Welt und lebt nach Stationen in Hong Kong, New York und Bombay heute in Neu-Delhi.

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel ›Narcopolis‹ bei Faber & Faber, London

© Jeet Thayil, 2012

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013

Coverabbildung: Jimmy Zombie

Covergestaltung: buxdesign

 

Die Zitate im Kapitel ›Dum Maro Dum‹ stammen aus dem Lied ›Dum Maro Dum‹ aus dem Film Hare Rama Hare Krishna (1971 unter der Regie von Dev Anand). Text von Anand Bakshi, Musik von Rahul Dev Burman.

 

Der Übersetzer dankt dem Deutschen Übersetzerfonds, der diese Arbeit mit einem Stipendium gefördert hat.

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-401623-8

 

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Inhalt

Widmung

Motto

Prolog Etwas für den Mund

Erstes Buch

1 Dimple

2 Rumi über Zuhälter

3 Ein Maler auf Besuch

4 Mr Lees Lektionen in Lebenskunst

Zweites Buch

1 Mit Mr Lee in Spanien

2 Weißer Lotus, weiße Wolken

3 »Opium rauchender Bandit«

4 Sein Vater, das Insekt

5 »Zünd mir eine Zigarette an«

6 Nach Wuhan

7 Zweimal entführt

8 Nach Bombay

9 Die Pfeife kommt zu Rashid

Drittes Buch

1 Ein Spaziergang auf der Shuklaji Street

2 Bengali

3 Geschäftspraktiken der kriminellen Klasse: Ein Angebot

4 Sari und Burka

5 »Dum Maro Dum«

6 Stinkender Teufelsdreck

7 Geschäftspraktiken der kriminellen Klasse: Z & V

8 Eine chemische Einsicht

9 Die berauschte Entität

10 Geständnis

11 Flucht

12 Reha, Rückfall

Viertes Buch

1 Eine große Ansammlung kleiner Niederlagen

2 Der Bürger

3 Die Erfüllung

H.C.V. gewidmet

Haben Wir nicht die Erde zu einem Bette gemacht

Und die Berge zu Pflöcken?

Und Wir haben euch in Paaren erschaffen

Und Wir haben euch den Schlaf zur Ruhe gemacht.

Sure LXXVIII

Erstes Buch

Die Stadt O

1Dimple

Ehe Dimple zu Zeenat wurde, arbeitete sie halbtags bei Rashid und verschwand abends in Richtung Hijrabordell. Ich rauchte auch dann an ihrem Platz, wenn andere Pfeifen frei waren, und wir unterhielten uns, wie sich Raucher unterhalten, horizontal, mit langen Pausen, unsere Worte so leise, dass sie wie die unverständlichen Äußerungen kleiner Kinder klangen. Ich stellte die üblichen dummen Fragen. Was ist besser, ein Mann oder eine Frau zu sein? Dimple antwortete: Geht es um Gespräche, ist man besser eine Frau, für alles andere, für Sex, zöge sie es vor, ein Mann zu sein. Dann fragte ich, ob sie ein Mann oder eine Frau sei, und sie nickte, als würde ihr diese Frage zum ersten Mal gestellt. Damals war sie etwa fünfundzwanzig und besaß die Angewohnheit, sich das Haar in die Augen zu schütteln und grundlos zu lächeln, ein nettes Lächeln, wie ich mich erinnere, ein Lächeln ohne eine Andeutung all jener Veränderungen, die ihr bevorstanden.

Sie sagte: Frau und Mann sind Wörter, die andere Leute benutzen, ich nicht. Ich weiß gar nicht genau, was ich bin. An manchen Tagen bin ich weder noch oder auch gar nichts, und dann wieder komme ich mir wie beides vor. Wenn aber Männer und Frauen so unterschiedlich sind, wie kann ein Mensch da beides sein? Ist es nicht das, was du dich fragst? Nun, ich bin beides, und ich habe zu meinem Leidwesen manches lernen müssen, was man besser nicht wissen sollte, wenn man in dieser Welt leben will. So weiß ich zum Beispiel etwas über die Liebe, weiß, dass Liebende sich verzehren und verzehrt werden wollen, dass sie ineinander aufgehen möchten. Ich weiß, wie sehr sie sich danach sehnen, aus zweien eins werden zu lassen, und ich weiß auch, dass dies nie geschehen wird. Was noch? Frauen sind biologisch und emotional weiterentwickelt, das ist allgemein bekannt und offensichtlich. Allerdings vermengen sie Sex und Seele; sie trennen nicht. Männer dagegen trennen immer, wie du weißt: Sie trennen zwischen ihrer menschlichen und ihrer hündischen Natur. Und dann sagte Dimple: Ich würde dir gern mehr darüber erzählen, da ich, wie du dir denken kannst, dazu allerlei zu sagen habe, doch was würde das bringen? Es besteht ja kaum Hoffnung, dass du mich verstehst, schließlich bist du ein Mann.

•••

In Gesprächen mit ihren Kunden hatte sie Englisch gelernt, und sie brachte sich selbst das Lesen bei. Das Alphabet beherrschte sie gut genug, um einige Wörter in Zeitungen und Filmzeitschriften entziffern zu können, auch in jenen Taschenbüchern, die Kunden in der Khana liegenließen, oder sie las die Beschriftungen von Waschmittelpackungen und Zahnpastatuben. Manchmal bekam sie Bücher von Bengali, meist über Geschichte, auch über Philosophie und Geographie, oder aber illustrierte Biographien mit Titeln wie Große Denker des Zwanzigsten Jahrhunderts und Einhundert berühmte Männer der Welt. Er stöberte die Bücher in den Zeitungsläden unweit der Shuklaji Street auf, einem zentralen Umschlagplatz für Altpapier, Lumpen, Spielzeug und Trödel aller Art. Er gab sie ihr, und sie las sie heimlich, da sie beim Lesen nicht gesehen werden wollte. Sie las, wie ungebildete Menschen lesen, schaute sich gern die Umschläge an, malte mit dem Finger den Titel nach und freute sich, wenn es ihr gelang, eine Zeile oder ein Wort zu enträtseln.

•••

Ich lag lang ausgestreckt, die Khana ansonsten leer in dieser toten Nachmittagsstunde, als Dimple mich fragte, was ich für ein Buch lese. Das ist kein Buch, sagte ich, es ist ein Magazin mit einer Geschichte über einen indischen Maler, der in London lebt.

»Time. Was für ein großer Name für so ein kleines Buch. Ist der Maler berühmt?«

»Hier nicht, in England schon. Er hat die Schule geschmissen. Nein, falsch: Er wurde der Schule verwiesen, weil er die Jungentoilette mit pornographischen Wandgemälden verzierte, schaffte es aber auf die Kunstschule und bekam ein Stipendium für Oxford. Die vornehmen Engländer hielten ihn für eine Art gelehrten hinduistischen Mystiker, hier aber steht, er male Christus mit weit größerer Autorität als jeder britische Künstler.«

»Lies.«

»Newton Pinter Xaviers Kunst ist das mit verheerender Wirkung zur Explosion gebrachte Schuldgefühl der Katholiken. Er malt nicht, er schlitzt auf und weidet aus. Seine überarbeiteten Christi sind wirkmächtiger als die von Bacon, da sie sich uns ohne Kontext präsentieren, zumindest ohne Bezüge, die wir in einem irdischen Bezugsrahmen zu deuten wüssten. Sie haben sich von der Geschichte losgelöst. Und was die Geographie betrifft, bleiben sie entschieden außerhalb des britischen und, so darf man annehmen, auch außerhalb des indischen Wirkkreises. Sie triefen vor Sex, Ketzerei und den Resultaten einer wahllosen Lektüre der Psychopathologie des Alltags, sie …«

»Genug, hör auf, es reicht. Zeig mir die Bilder.«

Die Redaktion hatte mehreren Reproduktionen von Xaviers Gemälden Platz eingeräumt. Da sah man einen blutverschmierten Christus, umringt von Dornen groß wie Eisenbahnschwellen, so dass die Gestalt selbst winzig wirkte, geschändet vor bluttriefendem Hintergrund. Und es gab ein Selbstporträt sowie zwei unbarmherzige Nackte, weiche, weiße Leiber, hingestreckt auf rostfreiem Stahl, die tote Haut runzelig im harschen Neonlicht. Stumm betrachtete Dimple die Bilder. Dann reichte sie mir das Magazin zurück und blinzelte mich an, als könnte sie nicht richtig sehen. Sie sagte: Er ist so wütend, dass er nicht klar denken kann, so wütend, dass er gemeingefährlich ist. Er will alles ins Hässliche ziehen, will die Welt ermorden. Wie, fragte sie, kannst du so einem Mann vertrauen? Wie kannst du seiner Meinung sein, wenn er sagt, dass die Menschen krank sind und den Tod verdienen?

•••

Nach einer Weile bat sie mich, ihr noch etwas vorzulesen, und langte unter die Pritsche, um ein auf Schülermanier in braunes Packpapier geschlagenes Lehrbuch vorzuziehen: Das neue universale Unterrichtsbuch für Nichtchristen: Geschichts- und moralwissenschaftliche Prüfungsmaterialien. Unter dem Titel stand der Name des Autors: S. T. Pande, Professor für Geschichte an der Universität Baroda. Sie hielt mir das Buch hin, schlug eine zuvor markierte Seite auf, und ich las einige Zeilen.

»Gründer und Namensgeber des Christentums war Jesus Christus, der sich mit seiner gleichermaßen manischen wie magnetischen Persönlichkeit das radikale Ziel gesetzt hatte, die hierarchischen Gesellschaftsordnungen der Welt zu Fall zu bringen. Seine Radikalität, die sich vorwiegend in Form mystischer Äußerungen manifestierte, lässt sich am besten in folgendem indirektem Zitat zusammenfassen: ›Sei nicht zufrieden mit dem Zustand der Welt.‹ Er besaß eine scharfe Zunge, die besonders Priester zu spüren bekamen, aber auch die Wohlhabenden, die Politiker, Wucherer, Juden wie Nichtjuden und Freunde wie Feinde. Manche behaupten, er habe die besondere Gabe besessen, aller Welt unterschiedslos die Wahrheit zu sagen, andere behaupten, dies sei sein Fluch gewesen. Er war der Sohn von Maria, Jungfrau und Mutter, die mit einem lieblichen, birnenförmigen Gesicht gesegnet war und deren Anhänger sie auf folgende Weise anbeten: Gegrüßet seist du, Maria, Mutter Gottes, bete für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen!

Jesus praktizierte unter anderem als selbsternannter Arzt, der Kranke durch bloßes Berühren mit dem rechten Zeigefinger heilen konnte. Ob diese Fähigkeit göttlichen Ursprungs oder schlicht eine Frage talentierten Umgangs mit Kräutern und Pflanzen war, darüber lässt sich nur spekulieren. Außer Frage steht allerdings die wundersame Wirkung, die er auf Kranke und Sterbende hatte. Deshalb wurden die Gebrechlichen zu Christen und auch die Armen, die Allerniedrigsten bekehrten sich zum Christentum, da sie darin Trost in einer dem Kastendenken verhafteten Welt fanden.«

War dies, fragte ich mich, Professor Pandes Stil? So zu schreiben, als hätte er Tag und Nacht an der Seite von Jesus und Maria verbracht, sich Notizen gemacht und Zugang zu vertraulichen Informationen erhalten, die er nun seinen glücklichen Lesern zukommen ließ? Ich sagte Dimple, dass ich den Professor, sofern er denn einer sei, für eine unzuverlässige Quelle hielt, auch wenn ich ihn durchaus unterhaltsam fände. Es sei ja nicht weiter schlimm, unzuverlässig zu sein, ergänzte ich. Wer war das schließlich nicht? Und überhaupt, was brachte es denn, so verlässlich wie ein Hund zu sein, wie ein Auto oder ein Sessel? Ich sagte, ich fände es völlig in Ordnung, solange er nicht behauptete, er wäre Historiker oder Moralwissenschaftler. Dimple kümmerte das nicht. Sie war süchtig nach Geschichten, sie war die Art Leserin, die es hasste – wenn sie denn hätte lesen können –, zur letzten Seite eines Buches zu gelangen. Also hielt ich Professor Pandes Buch aufgeschlagen über meiner Brust und fuhr fort:

»Jesus wurde auf ziemlich grausame Weise gekreuzigt, doch starb er mit einem Lächeln auf den Lippen. Diese glückliche Miene übte auf seine Jünger eine große Wirkung aus, ebenso wie die von ihm bewirkten Wunder. Überhaupt war er der perfekte Selbstdarsteller, da er auch unter ungünstigsten Bedingungen mehrmals die Woche auftrat. Einmal machte er fünftausend Menschen mit nur fünf Laib Brot und zwei Fischen satt.«

»Fünf Laib Brot und zwei Fische«, überlegte Dimple, »das heißt, mit einem halben Dutzend Fische bekäme er all die Armen von Bombay satt, nein, quatsch, nur die Armen der Shuklaji Street. Trotzdem, er hätte in Indien zur Welt kommen sollen.«

•••

Sie trat ans Fenster und spuckte auf die Straße. Sie hatte Brandnarben an den Fingern, und die Fußnägel waren schwarz lackiert. Am Schlüsselbein prangte ein mondförmiger blauer Fleck, weshalb sie die Bluse bis oben geschlossen hielt. Für einen Moment stand sie so am Fenster, blickte auf die Straße und würde ihr Leben lang nicht mehr vergessen, wie Handkarren den Staub ins Sonnenlicht wirbelten und wie sie damals lebte, im Bordell, an der Tür die rote Nummer 007, im Bad, das sie mit den übrigen Huren teilte, ein erdnussförmiges Loch im Boden, in das sie pinkelten, sie alle, auch die Kunden. Sie erinnerte sich an die Frauen, mit denen sie arbeitete, die jungen und nicht mehr so jungen Frauen aus vielerlei Dörfern und Städten, aus Secunderabad und Patna, Kalkutta und Katmandu, nach Bombay geschickt, um Geld für die Familien zu verdienen, Geld, das daheim nie ankam, da die Bordellmütter vergaßen, es abzuschicken. Und Dimple würde sich auch daran erinnern, dass sie um diese Zeit beschloss, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, damals, als sie zu lesen begann, den Kopf auf der Pritsche, im Schneidersitz oder vornübergebeugt, wie sie mühsam die Buchstaben entzifferte, bis der Schlaf sie überkam. Beim Aufwachen wusste sie, dass ihre Zeit im Bordell dem Ende zuging, dass sie bald gehen würde, dass sie wahr werden würde, die Zukunft, falls sie, Dimple, nicht in ihrer Entschlossenheit nachließ, wenn sie nur durchhielt, und sie wusste, was auch geschah, was immer sie auch erreichte oder nicht erreichte, würde Zeugnis ablegen von ihrer Zeit im Bordell.

•••

Geschah es an diesem oder einem anderen Nachmittag, dass sie eine Ausgabe von Sex Detective hervorholte, jenes Journal für wahre Verbrechen, nach dem Bengali so süchtig war? Sie blätterte, bis sie die Fotogeschichte fand: Verheirateter Schürzenjäger erhält verdiente Strafe. Im ersten Bild schenkt ein Mann in Blumenhemd und Schlaghose einer vollbusigen Frau eine Sonnenblume. Der dazugehörige Text steht in Comicsprechblasen. Dimple zeigte auf die Stellen, die ich ihr vorlesen soll.

»›Wie schlau von Ihnen. Sie schenken mir eine Blume und wollen dafür die Blume meiner Jugend pflücken.‹ Ihr heißer Atem vereint sich. Augen verraten, wie groß das Verlangen ist. Prakash und Priya kommen einander näher, um sich an den Säften der Liebe zu ergötzen. ›Deine aufreizende Berührung betört die Blume, Prakash, bitte, netze die Jungfräulichkeit der Blüte mit den Tropfen deiner Manneskraft.‹ Prakashs Finger berühren Priyas Lippen und erwecken ihren Leib.«

Unwillkürlich lese ich die Passage mit eigenwilliger Betonung vor, mit abschätzigem, auch scherzhaftem Unterton, und Dimple fragt, warum ich mich darüber lustig mache.

»Und warum bist du so ernst? Es ist nur eine Geschichte; jemand hat sie sich ausgedacht.«

»Geschichten sind wahr. Begreifst du nicht, dass sich diese Leute ins Verderben stürzen? Gib mir mein Buch zurück.«

»Das ist kein Buch.«

»Nein?«

»Und das hier ist keine Pfeife.«

»Genug. Du träumst mit offenen Augen.«

•••

Vermutlich hatte Dimple die Idee von der Tai oder den Prostituierten im Bordell, und so wie Dimple nun einmal war, wuchs sich das Ganze zu einer Art Unterrichtsstunde aus, einer kleinen Vorlesung. Sie sagte, sie hätte mir etwas mitzuteilen, etwas, das ich nicht persönlich nehmen solle. Sie sagte, sie erzähle mir dies wegen der Fragen, die ich ihr gestellt hatte, und weil ihr erst jetzt klargeworden sei, was sie darüber denke. Sie sagte, dass Männer ganz unabhängig von ihren sexuellen Vorlieben mehr mit anderen Männern als mit Frauen gemein haben. Es sei sogar möglich, dass sie mehr mit den Männchen anderer Spezies als mit Frauen gemein haben, mit Schimpansen etwa, mit Ziegenböcken oder Hunden, vor allem mit Hunden, wie sie mir ja bereits zuvor erklärt hatte. Dies sei nicht beleidigend gemeint, fuhr sie fort, schon gar nicht für einen Mann. Ich möge sie korrigieren, wenn sie sich irre, aber sei es nicht richtig, dass es Männer stärker nach einem Orgasmus als nach Zärtlichkeit verlange? Sei es nicht richtig, dass für einen Mann das wesentliche Ziel des sexuellen Aktes darin bestehe, seinen Samen in ein passendes Gefäß zu ergießen oder auch in ein unpassendes, sofern nichts anderes verfügbar sei? Sie wolle nicht zynisch klingen, aber es stimme doch, dass die Kluft zwischen Mann und Frau unüberbrückbar sei und einfach alles erfasse, von der Art des Genießens bis zur Bedeutung der Ehe. Echte Vereinigung sei unmöglich, bestenfalls können wir uns ein erträgliches Zusammenleben erhoffen. Darauf erwiderte ich nichts. An ihrer Rede überraschte mich weniger der Inhalt als die Tatsache, dass Dimple sie auf Englisch gehalten hatte, in fließendem Englisch, und ich fragte mich, wann sie so gut geworden war.

•••

Später, als mir die Augen zufielen, träumte ich, ich ginge durch Flure in einem Haus, in dem man schon lang den Strom abgestellt hatte. Ich folgte dem Geräusch von fließendem Wasser durch unbeleuchtete Flure bis ans Ende und darüber hinaus in ein Zimmer. Es dauerte einen Moment, bis ich die auf mich wartende Gestalt auf dem Bett erkannte. Alte Freundin, sagte ich, erzähle mir die Geschichte deines Todes, und bitte, du musst dir Mühe geben, denn nur dann können wir miteinander reden. Dimple lächelte höflich. Was, fragte sie, ich kann dich nicht verstehen. Ich sagte: Gib dir Mühe, große Mühe. Wie du willst, sagte sie, dies ist dein Haus, aber warum machst du nicht die Fenster auf? Du solltest bei Vollmond keinen Strom verschwenden. Zünde stattdessen eine Kerze an und öffne die Fenster. Draußen auf der Straße brannte nur eine einzige Laterne. Ein Hund mit gebrochenem Bein humpelte ins Licht. Die Straße schien sich zu winden, und ich begriff, dass sie unter Wasser stand. Ich hörte das Wasser ans Haus schlagen und roch die Chemikalien, die auf seiner Oberfläche trieben. Sei dankbar, sagte Dimple, viele Menschen haben nicht einmal dies. Und dann fuhr sie fort: Ich starb im Dezember um drei Uhr nachmittags. Man ging auf der Promenade spazieren. Ein kleines Mädchen fragte: Ist dies das Meer oder der Ozean? Und die Mutter antwortete: Trink deinen Kokossaft und halt einen Moment lang die Klappe. Bis auf einige Krähen waren die Gedenkbänke leer. Ein Paar schaute hinaus auf die See, und mir fiel auf, dass die Frau schwanger war; außerdem kam es mir so vor, als wären die beiden tot, so wie alle Leute auf der Promenade, doch unter den vielen Toten, die spazieren gingen, war ich so tot wie niemand sonst, und ich war mit Blut bedeckt, mit meinem eigenen oder dem von jemand anderem, das wusste ich nicht. Das Meer lag still zwischen dreckigen Mangroven, und ich malte mir aus, ich sei die Flut, die sich um die Felsen am Musikpavillon sammelte, eine schmutzige, blutgeränderte Flut, die verebbte und dann versiegte. Willst du wissen, was als Nächstes geschah? Ich starb, und meine Seele hing kopfüber in einer Höhle voller Kreaturen, die auf ihre Geburt warteten, hing kopfüber viele Jahre oder Stunden. Ein Hinweis war vor langer Zeit auf die Mauer gepinselt worden, Pit Loka stand da, Welt der Vorfahren, und obwohl die Buchstaben bereits verblasst waren, hielt sich eine Gruppe von uns ständig dort auf, als könnte die Nähe zu den Wörtern bewirken, dass wir bald ins Land der Lebenden zurückkehrten. Nur kann ich nicht zurück, außer so, außer teilweise.

»Ich freue mich, dass du wieder da bist«, sagte ich.

»Ich war die ganze Zeit hier. Was ich getan habe? Ich weiß nicht. Die Leute erzählen mir Geschichten, vertrauen mir Geheimnisse an. Sie sind nett, weil sie mich mögen, und sie sagen mir, was ich zu erwarten habe.«

»Was sagen sie denn?«

»Das Gleiche, was ich dir jetzt sage, dass wir hier sind, in deiner Nähe, unsichtbar natürlich, aber wir sind hier.«

»Wo?«

»Ich kenne keinen Menschen, der so viele Fragen stellt«, sagte Dimple, blickte aus dem Fenster und lächelte. »Auf der anderen Seite des Spiegels pressen wir die Hände ans Glas und versuchen, dein Gesicht zu berühren. Nur ein Schleier trennt uns, ein durchsichtiger Schleier, so dünn wie der, der dich von deinen Träumen trennt. Willst du mit uns reden, brauchst du nur die Hand ins Wasser zu tunken. Wir warten auf einen Blick, auf ein Wort, irgendeine Anerkennung, dass wir hier sind. Tunkst du die Hand ein, hörst du uns. Und du solltest zuhören. Selbst wenn du es unerträglich findest, solltest du zuhören.«

2Rumi über Zuhälter

Ich belauschte zufällig ein Gespräch, nein, eher einen Streit zwischen einem Zuhälter und einem großgewachsenen Mann mit einem Kastenzeichen auf der Stirn. Der große Mann trug Cowboystiefel und weigerte sich, sie an der Tür auszuziehen. Ich konnte nicht verstehen, was der Zuhälter sagte, die Stimme des anderen Mannes aber war kaum zu überhören. Er erklärte dem Zuhälter, das Gesetz von Angebot und Nachfrage gelte überall, auch in den Jauchegruben der verdammten Dritten Welt. Das ist doch kindisch, sagte er. Sie sollten es nicht persönlich nehmen, wenn Ihre Huren unbeliebt sind. Überlegen Sie lieber, wie Sie das Problem aus der Welt schaffen. Könnte sein, dass Sie nur einen USP brauchen. Eine regelmäßige medizinische Vorsorgeuntersuchung, das ist die Lösung, mein Freund. Die Untersuchungsergebnisse werden für alle lesbar an die Wand geheftet, allerdings nur, wenn nichts gefunden wurde. Der Zuhälter war ein pockennarbiger Riese mit Zähnen, die zu groß für seine Lippen waren. Sein Mund stand offen, als hechelte er, doch die Stimme blieb gefasst. Er sagte: Haben Sie mich kindisch genannt? Er gebrauchte dasselbe Wort aus dem Hoch-Hindi, das auch der andere Mann benutzt hatte: ›bachpana‹, dabei hätte er zulangen und seinem Gegenüber den Garaus machen können, ohne dass es ihn auch nur einen einzigen Schweißtropfen gekostet hätte. Was ihn zurückhielt, war die Miene im Gesicht des Fremden, der ihn so gelassen musterte, als trüge er eine Pistole unterm Hemd oder zumindest doch ein Messer.

»Bloß bekifftes Gequatsche«, sagte der Mann, sobald der hundegesichtige Zuhälter gegangen war. Er trug Kopfhörer um den Hals, und ich hörte eigenartige Musik herauspulsen. »Ich habe was gesagt, er hat sich aufgeregt, und dann hat er sich verdammt nochmal wieder beruhigt. Soll ich Ihnen was verraten?«

Er senkte die Stimme ein wenig, was auf die Männer um uns herum nur wie ein Signal wirkte. Er sagte: Man darf eine kleine, aber überaus wichtige Tatsache niemals vergessen: Zuhälter sind Feiglinge. Zuhälter sind Abschaum. Zuhälter verdienen ihr Geld mit den Schwachen und Gebrechlichen, mit Männern und Frauen, die ihren Lebenswillen verloren haben, die niemals kämpfen oder Widerstand leisten, die sterben wollen. Sobald man begriffen hat, dass ein Zuhälter ein feiger kleiner Schisser ist, gibt es kein Problem mehr; man kann sich ihm stellen wie ein Mann. Man muss eben den Tatsachen ins Auge sehen, und Tatsache ist: Das Leben ist ein Witz, ein beschissen schlechter Witz, nein, ein schlechter Scheißwitz. Sinnlos, es ernst zu nehmen, denn was auch passiert, und ich meine, scheißegal was, die Pointe ist immer dieselbe: Man beißt ins Gras. Kapiert? Es gibt verdammt nochmal nichts zu kapieren.

Ich dachte: Er will mich beeindrucken. Ich dachte: Chandulis sind Sklaven der Pfeife; das lässt uns in der Welt schlechter dastehen, was wir mit Prahlereien und Lügen zu kompensieren versuchen.

Dann richtete sich der große Mann auf und schrie Bengali quer durch den Raum zu: »He, Boss, krieg ich heute noch irgendwann meine Pyali? Ich bin seit einer halben Stunde hier und habe keine Lust, noch länger zu warten.« Irgendwer hüstelte, dann wurde es still. Äußerst widerwillig, wie mir schien, stellte Bengali eine Pyali auf Dimples Tablett.

»Ich glaube, man mag Sie hier nicht besonders«, sagte ich.

»Ach, scheiß drauf, ohne mich abzusichern würde ich nie in eine Kaschemme wie diese gehen.« Er schaute bedeutungsvoll auf seine Aktentasche. »Und? Wo kommen Sie ursprünglich her?«

»Aus Kerala in Südindien.«

»Undu Gundu Land. Ich weiß, wo das ist. Haben Sie deswegen Ärger?«

»Wenn ich den Fehler begehe, die Einheimischen hier auf Malayalam anzureden, dann ja.«

»Einheimische? Wie mich, meinen Sie? Ach was, keine Sorge, die Dinge ändern sich, euch Südländern passiert hier schon nichts. Wir sind auf größere Beute aus.« Er senkte die Stimme und sagte: »Mossies.«

»Lautet so die neue Strategie, die Ihnen Freunde und ein gutes Einkommen sichert?«

Er stützte sich auf einen Ellbogen, um mich besser ansehen zu können. »Vorsicht, mein Freund, mit dem, was Sie da sagen. Bestimmt haben Sie die Wampe voll Opium, und deswegen ist Ihnen alles egal. Oder Sie wollen abnibbeln und überlegen, wie’s am schnellsten geht. Kann auch sein, Ihr Schädel ist nur voller Wanzen so wie meiner.« Er lächelte, ein breites, herablassendes Lächeln, und hielt mir die Hand hin, der Griff fest und feucht. »Wie auch immer, ich heiße Rumi. Und Sie?«

»Dom.«

»Mit so einem Namen sind Sie echt beschissen dran. Da haben Sie mit diesen Leuten wirklich nur die Pfeife gemein.«

»Was ist das für Musik, die Sie hören?«, fragte ich.

•••

Er gab mir die Kopfhörer. Ein schriller Klang wie der Soundtrack eines Films, in dem Szenen beliebig aneinandergereiht waren, oder man hatte den Film zerschnitten und spielte die Abschnitte nun rückwärts ab oder absichtlich ganz durcheinander. Flaschen klirrten, eine Tür knarrte auf. Ein Schuss fiel. Ein Kind flüsterte: Ist er da? Wo ist er? Eine Frau weinte und sagte: Nahi, nahi. Da war das Geräusch von Wasser, das aus großer Höhe herabprasselte. Eine Tür fiel quietschend zu, eine Flasche zerbarst auf Fliesenboden. Die hohe Stimme einer Frau stürzte durch die Oktaven, ein Schuss fiel. Ein Mann hechelte wie ein Hund. Ein Kind weinte, und Wasser schlug an ein Boot oder einen Toten. Champagnerkorken knallten, es klingelte an der Tür. James-Bond-Gitarren spielten gegen ein Cowboy-Streichorchester an. Das Kind sagte: Er ist hier. Wo ist hier? Die Stimme der Frau, mit Hall und Whisky unterlegt, absolvierte einen weiteren perfekten Höhensturz, und ich meinte plötzlich, in die Tiefe zu sinken, ein Gefühl wie ein Schwindelanfall. Ich hörte das Geräusch von Wasser, und Dimple reichte mir die Pfeife. Ich setzte sie an die Lippen, hörte einen Mann ›Monica‹ rufen, ›mein Schatz‹ und fühlte mich so schwindlig, dass ich die Augen schließen musste. Dann fragte eine Frau: Ist er da?, und ein Kind flüsterte: Nahi; es fiel ein Schuss, und alles wurde still. Ich nahm die Kopfhörer ab und gab sie Rumi zurück.

Er sagte: »Bombay Blues.«

3Ein Maler auf Besuch

Ich las im Free Press Journal, dass Newton Xavier in der Stadt erwartet wurde. Er würde Gedichte lesen und Fragen zu seiner neuen Ausstellung beantworten, die diese Woche in der Jehangir Kunstgalerie in Kala Ghoda eröffnet werden sollte, die erste Ausstellung seit mehr als einem Dutzend Jahre. Mich begeisterte die Aussicht, ihn persönlich zu erleben. Ich wollte wissen, wie er aussah. Ich erinnerte mich an einige Werke, die ich gesehen hatte, auch an mehrere gelesene Artikel, in denen man ihn mit markigen Formulierungen pries, die wie Liebeserklärungen klangen. Die meisten Autoren waren sich darin einig, dass er brillant war und ein Enfant terrible; ein postmoderner Subversiver, der sich gegen die Etikettierung ›postmodern‹ wehrte; ein Trunkenbold, dessen epische Sauftouren mit denen von Dylan Thomas, Verlaine oder J. Swaminathan verglichen wurden, auch wenn er dem Alkohol kürzlich abgeschworen hatte, als er nach einem gewaltigen Blackout erst im Krankenhaus wieder wachgeworden war; ein wildes Kind, nun in mittleren Jahren, dessen Eskapaden selbst die ›der Romantiker übertrafen, zumindest hinsichtlich Intensität und Wut‹, so die London Review of Books. Die Daily Mail drückte es schlichter aus: Er sei ›permanent berauscht vom Sprit, Schick und Chicks‹, außerdem sei er ›kunst-besessen und ich-bezogen‹ sowie ›verrückt und bösartig, die Bekanntschaft mit ihm ehrenrührig‹. Er war weltgewandt, bissig, fotogen, altklug und ein Dichter. Die TLS behauptete, die beiden unter dem Titel Lieder für Gehörlose veröffentlichten Gedichtbände seien noch wirrer als seine Gemälde, doch erkundeten sie dieselben Themen, d.h. die Welt als Manifestation des entfremdeten Geistes sowie die drei großen Religionen – Islam, Hinduismus und Christentum – als Beweis dieser Entfremdung. Eingehend studierte ich die Reproduktionen seiner Bilder, die ich in Zeitschriften fand, insbesondere die Hindu-Christ-Serie. Wegen dieser Gemälde wird er in Erinnerung bleiben, dachte ich, wegen der Bilder von Christus mit blauer Haut, Rehaugen, Kajal und Kastenzeichen. Christus, wie er auf der Flöte spielte, die Kleider badender Dorfnymphen stahl oder in einer Höhle meditierte: Seltsame Porträts in lebhaft indischem Rot und Gelb.

Xavier trat im PEN-Zentrum an der New Marine Lines auf. Ich fuhr mit der Bahn von der Grant Road nach Churchgate und lief dann zu Fuß zur Theosophy Hall. Etwa ein Dutzend Leute wartete schon. Deckenventilatoren an langen Stangen wirbelten Staub und warme Luft durch den großen Raum. An den Wänden reihten sich alte Bücher auf glasgeschützten Regalen aneinander. Man konnte sie nicht anfassen, und sie sahen aus, als würden sie sich beim leisesten Windhauch in Nichts auflösen. Alle drei Bände von Die Geheimlehre waren da, auf langen Tischen ausgelegt, eine kleine, ledergebundene Edition, die in Bombays feuchtem Klima zerfiel. Ich schlug eines der Bücher auf, blätterte es rasch durch und las die biographische Notiz am Ende. Wie es sich für eine berühmte Autorin gehörte, verbrachte Madame Blavatsky ihre Zeit in den Hauptstädten der Welt: Ihre Asche lag auf drei Kontinenten begraben, und ihr Porträt, das die Haupthalle schmückte, war das auffälligste Bild im ganzen Saal. Die alte Scharlatanin posierte mit in die Hand gestütztem Kopf und versuchte mit aller Macht, die Kamera zu hypnotisieren. Nicht einmal die Andeutung eines Lächelns umspielte ihre Lippen. Welch seltsame Bühne für den Auftritt des gottlosen Katholiken Newton Xavier.

•••

Ich setzte mich auf einen Stuhl in der ersten Reihe. Es war Mai, und die Besucher fächelten sich mit Zeitungen Kühlung zu. Ich nahm mir ein gefaltetes Blatt, das auf den Boden gefallen war. Es zeigte eine schwarzweiße Reproduktion eines seiner frühen Bilder, einen geblendeten, blutenden Christ, die optisch verkürzten Arme erhoben, die Hände so grob ans Kreuz genagelt, dass sein Blut dem Betrachter entgegenspritzte. Beidseits dieser brutal malträtierten Figur standen zwei makellose Büsten, ein Mann im Morgenmantel, eine Nackte mit Sommerhut. Die Reproduktion war so verschwommen, dass man gerade noch den großen Busen der Frau und die Signatur erkennen konnte: Xavier77. Darunter stand ein Gedicht:

Sonett

Gott & Spott & Klag & Tag

Lebe ewig, Menschen gleichgestellt.

Nichts stirbt, nichts da, sag

Ich. Nach Plan dreht sich die Welt.

Alles endlos wiederverwertet

Zu unendlichem Leben:

Wie du lachst & sagst: »Teufel nochmal«,

Fliege, Licht, das tote, junge Wesen,

Sie alle leben & werden immer leben

Hier oder anderswo

Also – öffne die Arme, um mir zu geben

Den Duft der Haut & deines sauberen Haars

Halte mich, deinen verlorenen Bruder,

Liebe mich, damit wir leben immerdar.

Das Sonett stand in seltsamem Zusammenhang mit seinen Bildern. Da war diese Obsession mit Sex und Religion, die grandiose Selbstüberschätzung, die exzentrische Interpunktion. Ich wollte es noch einmal lesen, aber die Frau neben mir beschwerte sich mit einer Stimme, die durch den ganzen Saal hallte: »Schlimm, sehr schlimm. Schon vierzig Minuten Verspätung. Was glaubt er denn, wer er ist? Rajesh Khanna?«

In ebendiesem Moment tauchten sie auf: Ein grauhaariger Mann in einer Kurta stützte einen zweiten grauhaarigen Mann in einer Kurta, beide offenkundig betrunken; den Abschluss bildete irgendein bediensteter Kulturmensch, ein Moderator in kurzärmeligem, blauem Hemd, auf der Brusttasche die in Rot gestickten Buchstaben PEN. Letzterer schien immerhin nüchtern zu sein. Der erste Betrunkene, Akash Iskai, war Dichter und Kunstkritiker; sein Name wurde oft in den Zeitungen genannt. Er half seinem Freund in einen Sessel und schlurfte dann zum Stehpult, wo er zu einer langen, unvermutet schlüssigen Rede über moderne indische Kunst anhob.

»Xavier und seine alten Freunde und Kollegen von den Modernen Autisten haben die moderne Kunst Indiens erfunden«, sagte er gegen Ende. »Ich wähle dieses Wort mit Bedacht, denn diese Senioren der Kunst …«

»Um Himmel willen«, unterbrach ihn Xavier, »nenn mich bloß nicht Senior; noch bin ich kein trotteliger alter Kauz. Und meine Freunde waren sie schon gar nicht: Unsere Wege haben sich vor langer Zeit getrennt. Wenn überhaupt, dann sind wir alte Gegenspieler.«

Der Dichter ließ sich von dieser Unterbrechung nicht irritieren. Die Modernen Autisten waren tollkühn und originell, fuhr er fort, und wagten sich in bis dahin unerforschte Bereiche vor. Sie blieben selbst dann noch echte Innovatoren, wenn sie auf Abwege gerieten und zügellos über die Stränge schlugen, ja, sie waren Naivlinge im urbanen Dschungel. Er nannte sie kultfreie Wunder, aber möglicherweise habe ich das auch falsch verstanden, er könnte auch schuldfrei gesagt haben. Ich war da wohl ein wenig eingenickt. Diese kühnen Männer, denn es handelte sich ausnahmslos um Männer, stürzten die Diktatur der Akademien, sagte Iskai, und die Schulen von Hier und Dort. Sie schufen Neues, um es mit Ezras unnachahmlichen Worten zu sagen, und das ist, wie wir Dichter wissen, weniger ein Diktum als ein praktischer Ratschlag. Sobald das Wort Dichter fiel, murrten die Zuhörer unzufrieden, und da Iskai spürte, dass er ihre Aufmerksamkeit verlor, wandte er sich an Xavier, der reglos neben ihm im Sessel saß.

»Vielleicht könntest du uns erzählen, worum es bei diesem Streit ging?«

»Um Farbe, Bruder Iskai. Worum sonst? Sie brachte uns zusammen, und sie riss uns entzwei. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass die Lage damals viel verzweifelter war. Wir gingen zur JJ School of Art und lernten Malen nach Zahlen, lebten vom Toten, das uns die Royal School und die Bengal School auftischten, und dann entdeckten wir Picasso, van Gogh und Gauguin. Wir waren jung, beflügelten uns gegenseitig. Die Welt stand uns weit offen. Mittlerweile haben sich die Dinge natürlich geändert. Ich halte nichts mehr von deren Umgang mit Farbe und sie zweifellos nichts von meinem.«

Während der von diesem Ausbruch erschöpfte Maler ausdruckslos ins Publikum starrte, machte sich eine unbehagliche Stille breit. Sie zog sich in die Länge, bis hinten im Saal eine kleine Gestalt die Hand hob, und Xavier auf den Mann deutete.

»Hat die Kunstakademie Ihnen denn nichts über Farbe beigebracht?«

»Ganz bestimmt nicht«, antwortete Xavier. »Was ich über Farbe weiß, habe ich von den Blumen gelernt. Reden wir nicht über Akademien.«

»Keine weiteren Fragen bitte«, sagte Iskai. »Dafür ist später noch Zeit. Wir wollen doch die Reihenfolge beachten. Zuerst wird unser Ehrengast nun eine Rede halten. Bitte begrüßen Sie mit mir Indiens ureigenen Sohn Newton Xavier.«

Allerdings war der Ehrengast leider nicht in der Lage, sich aus seinem Sessel zu erheben. Der Moderator fasste Xavier unter den Achseln und versuchte, ihm beim Aufstehen zu helfen. Vergebens. Dann schlug Iskai vor, Xavier möge seine Rede im Sitzen halten, und der Moderator reichte ihm ein Blatt Papier. Der Maler hielt es in zittriger Hand, mit der anderen umklammerte er in zweifingrigem Zangengriff seine Brille. Er sah alt aus, todkrank. Ich war nicht der Einzige, der damit rechnete, ihn jeden Augenblick aus dem Sessel rutschen zu sehen, und mir ging auf, dass sich die Leute im Publikum überhaupt nicht für Xaviers Gedichte oder für seine Ansichten über Farbe interessierten. Sie waren gekommen, weil sie sehen wollten, ob das Enfant terrible der indischen Kunst seinem Ruf gerecht wurde. Sie hofften, er würde vor ihren Augen in Rauch aufgehen, würde implodieren, an einem Herzinfarkt krepieren oder aus dem Sessel aufspringen und jemanden aus dem Publikum vergewaltigen. Je drastischer er sich benahm, desto zufriedener würden sie sein. Es war Voyeurismus der übelsten Sorte, und begierig registrierten wir die Einzelheiten: die Flecken auf seiner Kurta – Wein? Blut? Sperma? –, die schäbigen Gummilatschen, die Suffstoppeln und schnellen Blicke, die Todesblässe und die wunderbare Tatsache, dass er zu besoffen war, um aufstehen zu können.

»Jetzt wissen wir wenigstens, was mit sternhagelvoll gemeint ist«, sagte die Matrone neben mir in einem lauten Flüsterton, der im ganzen Saal zu hören war.

»Madam, ich habe Sie bereits vorhin wegen Ihres vorlauten Benehmens gerügt. Halten Sie bitte den Mund, oder ich sehe mich gezwungen, Sie hinausbefördern zu lassen«, fuhr Iskai meine Nachbarin plötzlich wütend an.