Narrenkasten - Roger Sponheimer - E-Book

Narrenkasten E-Book

Roger Sponheimer

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Beschreibung

es ist zum Heulen / manche Kunst nährt ihren Schöpfer / nicht einmal durch Applaus / Schreiben heißt, den Sturm fangen / und ihn mit bloßen Händen festhalten / es ist eine Schande / es ist eine verdammte Schande

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Seitenzahl: 75

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Roger Sponheimer

NARRENKASTEN

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelillustration: Castle © photosvac

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

für Ludwig Ganghofer –

Gottes gewaltige Zither

»Freilich! Der Vater der jetzigen Herren hatte noch seine Spezialtollheit! Da ihm sein Schloß zu groß wurde, so baute er sich hinaus zwischen Heide und Wald; ein Häuslein, alle Fenster nach einer Seite und drum herum eine Ringmauer, zwanzig Fuß hoch! Und das Kastellchen nannte er den ›Waldwinkel‹ die Leute aber nennen’s noch heut den ›Narrenkasten‹. Dort hat er mitten zwischen all dem Unkraut seine letzten Jahre abgelebt.«

Theodor Storm, aus „Waldwinkel“

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Zitat

Menschenfresser

Corporate Identity

als sie sagte

Vögel gucken

Nigger

Guru

stell dir vor …

Häuser & weitere Ungereimtheiten

Schande

Torwart, Linksaußen, Poet

Blume

Spinne

kleine Rache

zu viel

Der Murmelmann

Zumba

Leben

oh boy

Rot – vierzig Sekunden im Leben des Versagers Eckzahn

Danke, Herr Alien …

Pegasus

keine Chance

schade um die Schokolade

Klassentreffen

Poet

dann also die Bombe …

Tiger

Ganghoferstraße

Gedicht # 2

etwas ist schief gelaufen

Burger Brezel

Kinder

die Vögel wissen, dass es mich gibt

Reiter

immer wieder

Pöbel

Tanz der Urinale

Eugenik

Symmetrie

raus …

Schluss

Menschenfresser

es wird wieder schlimmer

wie bei manchen Leuten der Drang

bei zunehmendem Mond

durch ein geschlossenes Fenster

zu springen

seit Wochen ist sie wieder da

diese Unsicherheit

wenn ich Menschen begegne

meine Brust krampft

irgendein durchgeknalltes Relais

des Hirns schreit

„Alarm!“

es reicht, die Zwölfjährigen

an der Schulbushaltestelle zu sehen

oder einem Gassigänger

über den Weg zu laufen

der Ring um meinen Hals

zieht sich unerbittlich enger

„Was meinen Sie, Herr Sponheimer -

wer von den Leuten

denen Sie täglich begegnen

ist ein Menschenfresser

der Ihnen ans Leben will?“

ein weiser Mensch, mein Arzt

aus dieser Perspektive

hatte ich es noch nicht betrachtet

„Niemand“, antworte ich

seitdem war Ruhe

zwei Jahre lang

nun sind sie wieder da

schwere unsichere Schritte

bei jedem Spaziergang

Schmerz

Fieberschweiß

ich bin ein gejagtes Wild

spähe nach dem unsichtbaren Feind

bereit, jede Deckung auszunutzen

in eine Seitengasse zu flüchten

nehme kilometerweite Umwege

in Kauf

„Was meinen Sie, Herr Sponheimer?“

tja, ich meine

dass ich in absehbarer Zeit

auf Psychodroge sein werde

oder Alkohol

eventuell beides

„Wer von den Leuten

denen Sie täglich begegnen

ist ein Menschenfresser

der Ihnen ans Leben will?“

ich schaue in den Spiegel

& weiß die Antwort

Corporate Identity

Mein Schutzengel hat mir das Leben gerettet. Ich klettere aus dem komplett demolierten Wagen und schaue ihn an. Er sieht nicht aus wie einer unserer Kunden. „Nein“, bestätigt er. Er hat auch keine Ambitionen, die vorgefertigte Mitgliedserklärung zu unterschreiben. Ich stecke dem Bastard zwölf Zentimeter Stahl ins Herz und wische die Klinge an seinen Flügeln ab.

„Noch jemand Lust auf Ärger?“, frage ich. Niemand antwortet. Pech für mich. Tote können nicht akquiriert werden. Der Rest kümmert sich lieber ums Sterben. Wenigstens sind es nicht unsere Kunden. Die Quote der Abgänger ist ohnehin bereits viel zu hoch.

Ich versuche es bei den Notärzten und Feuerwehrleuten. Sie haben nicht viel Zeit. Immerhin erteilen sie mir ihr schriftliches Einverständnis für eine telefonische Kontaktaufnahme, bevor sie sich wieder den Schwerverletzten widmen.

Ein bleicher Schatten huscht eilig vorüber. Es ist der Tod. Auch er ist noch immer Mitglied eines unserer Mitbewerber. Tod hat alle Hände voll zu tun. Kein Grund, ihn nicht anzusprechen. Aber er hat nur ein Grinsen für mich übrig.

Diesen ostentativ zur Schau gestellten Mangel an Respekt einem Außendienstmitarbeiter gegenüber kann ich nicht dulden. Schließlich steht der Name meines Unternehmens für DAS Prämiumprodukt schlechthin. „Nein!“, beharrt Tod kategorisch. Zornbebend zähle ich sämtliche Pluspunkte, die für das Unternehmen sprechen, auf. Er bleibt unbelehrbar.

Ich setze Tod eine Frist von fünf Tagen, den Aufnahmeantrag zu unterzeichnen und verleihe meiner Forderung durch unmissverständliche Drohungen Nachdruck. „Du kannst ja versuchen, mich zu erschießen“, höhnt er. Diese Dreistigkeit werde ich umgehend dem Bezirksdirektor melden. Er wird den unverschämten Kerl schon zur Räson bringen.

Letztendlich kommen alle widerspenstigen Schlaumeier demütig angekrochen, wenn sie erst einmal im wöchentlich erscheinenden Magazin als Nichtkunden an den Pranger gestellt werden. Die Warteräume sind überfüllt mit reumütigen Subjekten, die in den allumfassenden Schoß der Geborgenheit flüchten und den Innendienstmitarbeitern auf Knien die unterzeichnete Mitgliedserklärung für sich und ihre Familien präsentieren.

Einer der Sanis winkt mir zu. Wer bin ich, als Außendienstler des Unternehmens auf schnöde Handzeichen zu reagieren?

„Der Mann will Sie sprechen.“

„Bin ich Priester?“, raunze ich.

„Bitte“, spuckt der Schwerverletzte Blut und bettelt um die Gnade der letzten Mitgliedschaft. „Es ist doch wahr, dass der Himmel Kunden Ihres Unternehmens vorbehalten ist?“

„Der Himmel gehört uns“, antworte ich lapidar. „Jedes Geschöpf wird geboren, unser Kunde zu sein. Solange sich die Schöpfung an die Zielvereinbarungen hält. Tot treibst du nur die Abgängerquote in die Höhe.“

„Du bist ja doch ein smartes Kerlchen“, grinst Tod unerwartet respektvoll und schnitzt eine frische Kerbe in den Sensenstiel. „Gibst du mir deine Visitenkarte?“

Ich reiche ihm meine Karte, die er erstaunt mustert. „Im Auftrag Ihrer Gesundheit? Das gefällt mir!“, wiehert er. „Vereinbaren wir einen Termin?“

Ich frohlocke innerlich. Das wird sogar den Großen Vorstandsvorsitzenden beeindrucken: Ich habe dem Tod eine Versicherung angedreht!

Vielleicht stellt mich der Große Vorstandsvorsitzende sogar seinem Stellvertreter vor – ich wollte schon immer den Schöpfer der Welt kennen lernen.

als sie sagte

als sie sagte

sie könne nicht mehr

so gehe es auf keinen Fall weiter

als sie sagte

er solle nicht wieder anrufen

als sie sagte

sie sei traurig

aber

als sie sagte

als sie das sagte

sagte sie nichts weiter

nichts

das Leben war nichts

der Himmel war nichts

Straßen

Denkmäler

Noten auf liniertem Papier

Winterregen

Französisch Guyana

die Yucca Palme in der Küche

alles nichts

bis auf Fieberträume in der Nacht

die auf seiner Stirn klebten

eine Vorahnung des Fegefeuers

präsentiert mit freundlichen Grüßen

von der Frau

die sagte

es sei nichts weiter zu sagen

und ein Loch in sein Herz schwieg

rote Ballons schwebten

in Trauben über der Stadt

Fenster glotzten aus Wänden

die kerzengerade

in den Himmel ragten

die Wände waren Wände

die Fenster wollten

nichts anderes als Fenster sein

und die Ballons

interessierte dieses alle

einen Scheißdreck

sie hatten genug damit zu tun

in Trauben über der Stadt

zu schweben

das Schweigen dröhnte

es war nichts weiter

zu sagen