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Egoistische Partner, überhebliche Arbeitskollegen, eitle Medienstars. Menschen, die ausnahmslos von sich selbst überzeugt sind, begegnen uns ständig. Selbstverliebt und egoistisch andere deklassierend stellen sie ihre Person über alles. Mit ihrer Sucht nach Zuwendung und Anerkennung tyrannisieren sie ihr Umfeld, entwickeln realitätsferne Größenphantasien und sind der Meinung, dass sie der 'Stern sind, der alles überstrahlt'.Der bereits in der griechischen Mythologie verwurzelte Mythos vom Narziss ist heute aktuell wie nie zu vor. Anhand von Forschungsbefunden und spannenden Beispielen aus der Praxis zeigt dieses Buch, wie sich die narzisstische Persönlichkeit äußert und wann sie krankhaft ist. Unterhaltsam von herausragenden Wissenschaftlern geschrieben, beleuchtet 'Narzissmus - die Wiederkehr' das zeitlose Phänomen des Narzissmus anhand plastischer Beispiele und gibt wissenschaftlich bewiesene Antworten zum Wie, Warum, aber auch zum Umgang damit. Ein Fragebogen zur Selbsterforschung rundet den Inhalt ab.
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2009
Bierhoff/Herner
Narzissmus – Die Wiederkehr
Aus dem ProgrammVerlag Hans Huber
Psychologie Sachbuch
Wissenschaftlicher Beirat:
Prof. Dr. Dieter Frey, MünchenProf. Dr. Lutz Jäncke, Zürich (CH)Prof. Dr. Meinrad Perrez,Freiburg (CH)Prof. Dr. Franz Petermann, BremenProf. Dr. Hans Spada, Freiburg i. Br.
Im Verlag Hans Huber sind außerdem erschienen – eine Auswahl
Guy Bodenmann
Beziehungskrisen
165 S., (ISBN 978-3-456-84177-9)
M. K. Dugan / R. R. Hock
Neu anfangen – nach einerMisshandlungsbeziehung
280 S., (ISBN 978-3-456-84517-3)
Guy Bodenmann,
Depression und Partnerschaft
128 S., (ISBN 978-3-456-84724-5)
M. J. V. Fennell
Anleitung zur Selbstachtung
271 S., (ISBN 978-3-456-84145-8)
Robert B. Cialdini
Die Psychologie des Überzeugens
376 S., (ISBN 978-3-456-84478-7)
Ralf Hannes
Wenn Trinken zum Problem wird
181 S., (ISBN 978-3-456-84119-9)
Pierre Dinner
Depression – 100 Fragen100 Antworten
207 S., (ISBN 978-3-456-84247-9)
Informationen über unsere Neuerscheinungen finden Sie im Internet unter: www.verlag-hanshuber.com.
Hans-Werner BierhoffMichael Jürgen Herner
Narzissmus –Die Wiederkehr
Verlag Hans Huber
Das Umschlagbild stammt von © Salvador Dalí, Gala-Salvador Dalí Foundation / 2009, ProLitteris, Zürich.
Adresse der Autoren:
Prof. Dr. Hans-Werner BierhoffRuhr-Universität BochumFakultät für Psychologie – SozialpsychologieGAFO 04/918DE-44780 Bochum
Dipl.-Psych. Michael Jürgen HernerMoltkestr. 83DE-40479 Düsseldorf
Lektorat: Monika EgingerUmschlag: Atelier Mühlberg, BaseleBook-Herstellung und Auslieferung:Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de
Bibliographische Information der Deutschen BibliothekDie Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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© 2009 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, BernEPUB-ISBN: 978-3-456-74751-4
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Einleitung
2. Narzissmus: Der Dauerbrenner
Ich bin ein Superstar!
Mythos Narziss
Grundlagen des Narzissmus
Die Macht der Narzissten
Der Machertyp
Agentisches Modell des Narzissmus
3. Narzissten im Behandlungszimmer
Sigmund Freuds «Zur Einführung des Narzissmus»
Fallbeispiel
Fallbeispiel
Der Überlegenheits-Komplex
Der Nobelpreis-Komplex
Narzissten in einer gespaltenen Welt
Fallbeispiel
Die Analyse des Selbst und der Narzissmus
Fallbeispiel
Fortsetzung des Fallbeispiels
Übertragungen: Neuauflage früherer Erlebnisse
Narzisstische Persönlichkeitstypen
Welche Merkmale machen den normalen Narzissmus aus?
4. Narzisstische Illusionen und Realitäten
Positives Tuning
Normaler und pathologischer Narzissmus: ein Ausblick
Bedrohtes, klassisch narzisstisches, idealistisches und hypochondrisches Selbst
Bedrohtes Selbst
Klassisch narzisstisches Selbst
Idealistisches Selbst
Hypochondrisches Selbst
5. Person und Situation: Narzissten in der Interaktion
Diagnostisches Standardverfahren
Narzissten sind die unverträglichen Extravertierten
Es sind wieder einmal die Männer
Macht oder Intimität?
Fallbeispiel
Wer riskant spielt, hat Angst vor der Pleite
Wonach strebt das Selbst?
Wie Ikarus: Selbstüberschätzung über den Wolken
Fallbeispiel
Es gibt nichts, was es nicht gibt: Selbsthandicaps und Selbstsabotage
Fallbeispiel
Der tägliche Kampf um Bewunderung
Stolzes Auftreten und leise Ängste
Fallbeispiel
Was erwarte ich von mir?
Wer bin ich wirklich?
Was erwarte ich vom anderen?
Grandiose Perspektiven, verwundbare Seele
6. Die Welt der Schönheit
Babyface
Was macht den Mann und die Frau attraktiv?
Fallbeispiel
Fallbeispiel
Was erwarte ich von mir?
Wer bin ich wirklich?
Was erwarte ich vom anderen?
Wer ist die Schönste im ganzen Land?
7. Wie es sich anfühlt, einen Narzissten zu lieben
Lässt sich Liebe begreifen?
Sucht nach Bewunderung und Assoziation mit idealisierten anderen
Sechs Farben der Liebe
Narzisstische Spiele
Die Wirkung von Narzissten: auf den ersten und auf den zweiten Blick
Nähe und Bindung? Bitte nicht!
Ich brauche viel Platz, oder ich fühle mich eingeengt
Rein und raus aus der Liebe
Fallbeispiel
Was erwarte ich von mir?
Wer bin ich wirklich?
Was erwarte ich vom anderen?
Wer ist der andere wirklich?
Abschließender Fallkommentar
Die anderen sind für mich da!
Komplementärnarzissten
Narzisstische Liebe: ein Ausblick
8. Ich bin, was ich bin, weil ich mich selbst gefunden habe: Können Narzissten einen konstruktiven Weg im Leben finden?
Balance zwischen Eigenverantwortung und sozialer Verantwortung
Positive Selbstidentität
9. Anhang
Literaturverzeichnis
Sachregister
Personenregister
Vorwort
Der Begriff «Narzissmus» ist neuerdings zum Modewort avanciert – er hat «Konjunktur». Diese Feststellung gilt gleichermaßen für die populärwissenschaftliche wie die wissenschaftliche Literatur. Diese Aktualität hat positive wie negative Effekte: Positiv ist zu vermerken, dass das Spektrum des Narzissmus von seiner ganzen Breite besser erkennbar wird. Auf der negativen Seite ist festzuhalten, dass der Begriff «Narzissmus» mittlerweile für «alles und jedes» herhalten muss, was den historischen Wurzeln und der wissenschaftlichen Bedeutung des Begriffs nicht immer gerecht wird.
Unser Verständnis über den Narzissmus wird substantiell gesteigert, indem die Spekulationen über die Natur des Narzissmus an dem gemessen wird, was an «harten» Tatsachen vorliegt. Es geht also darum, Dichtung und Wahrheit auseinander zu halten, um den Narzissmus besser in der Theorie verstehen und in der Praxis handhaben zu können.
Weil im Narzissmus etwas Grenzenloses angelegt ist, war es für die Autoren wichtig, sich selbst Grenzen zu stecken. Im Mittelpunkt unserer Arbeit soll deshab der «normale Narzissmus» stehen. Dem normalen Narzissmus lässt sich sein pathologischer Cousin gegenüberstellen. Möglicherweise ist das Normale am Narzissmus noch interessanter als der pathologische Narzissmus. Deshalb ist es kein Wunder, dass der normale Narzissmus schon seit längerer Zeit im Fokus der Psychologie steht.
Die Persönlichkeits- und Sozialpsychologie sind diejenigen Wissenschaftsgebiete, in denen am meisten empirische Forschung zum normalen Narzissmus betrieben wird. Dies schließt nicht aus, dass wir ab und an auch den pathologischen Narzissmus in unserer Behandlung des Themas aufgreifen. Denn die Grenzen zwischen Normalem und Abnormem sind fließend. Was heute am Narzissmus noch als «normal» oder «gesund» gilt, kann in nicht allzu ferner Zukunft schon als «abnorm» oder «pathologisch» gelten (und umgekehrt).
Der normale Narzissmus findet zugespitzt als «narzisstische Persönlichkeit» seine charakterlichen Konturen. Im Vergleich zur «narzisstischen Persönlich keitsstörung» ist die «narzisstische Persön lichkeit» klinisch unauffällig.
In der Psychologie der narzisstischen Persönlichkeit werden Themenfelder abgesteckt, die Bezug auf Grundlegendes und Angewandtes nehmen: Aus dem Blick der Grundlagen ergeben sich etwa die Fragen, was unter der narzisstischen Persönlichkeit zu verstehen und wie sie zu erfassen ist. Eine weitergehende Frage ist die nach den grundlegenden Facetten im Erleben und Verhalten der narzisstischen Person. Aus dem Blickwinkel der Anwendung stellen sich folgende Fragen: Welche Rolle spielt die narzisstische Persönlichkeit im Zusammenhang mit körperlicher Schönheit? Wie wirkt sie sich im Bereich von Freundschaft, Liebe und Partnerschaft aus? Die Einbettung der narzisstischen Persönlichkeit in einen sozialen Zusammenhang wird im angewandten Teil besonders deutlich. Daher bekommen kulturelle Einflüsse deutlich mehr Gewicht als im Grundlagenteil.
Wir haben uns bemüht, nicht nur Konzepte und empirische Befunde aus der Wissenschaft aufzuzeigen, sondern diese auch – wo immer dies uns möglich war und sinnvoll erschien – an Beispielen aus der Praxis zu verdeutlichen. Dadurch soll den Leserinnen und Lesern klarer vor Augen geführt werden, wie sich die narzisstische Persönlichkeit in ihrem alltäglichen Erleben und Verhalten ausdrückt. Um narzisstische Tendenzen im eigenen Erleben und Verhalten überprüfen zu können, haben wir im Schlussteil des Buches einen Fragebogen zur Selbstbeurteilung beigefügt. Das Buch schließt eine Lücke in der Literatur zum Narzissmus, indem Wissenschaft und Praxis miteinander verbunden werden.
Um die Rechte und Privatsphäre von KlientInnen und PatientInnen nicht zu verletzen, sind die Fallbeispiele aus unterschiedlichen Fallgeschichten zusammengesetzt und somit abgeändert worden.
Unser herzlicher Dank gilt Frau Gabriele Croitoru für die Unterstützung bei der Erstellung des Manuskripts und Frau B.Sc. Simone Lehmann für die Gestaltung der Abbildungen. Außerdem danken wir Frau Dipl. Psych. Alina Herzog und Frau M.Sc. Bettina Weinmann für die sorgfältige Überprüfung des Textes. Wir bedanken uns schließlich bei Frau Monika Eginger vom Verlag Hans Huber, die mit viel Geduld und hilfreichen Ratschlägen die Fertigstellung des Manuskripts begleitet hat.
Bochum im März 2009Hans-Werner Bierhoff und Michael Jürgen Herner
In einer Untersuchung ging man der Frage nach, wie ausgeprägt der Narzissmus von Promis ist. Die Antwort fiel wie erwartet aus: Promis sind narzisstischer als die Allgemeinbevölkerung.1 Da sie eine Faszination auf das Publikum ausüben, kann es nicht verwundern, dass sie zum Vorbild genommen werden. Gerade für Kinder und Jugendliche gilt, dass sie Lektionen fürs Leben durch die Beobachtung dieser Fernsehgrößen und Filmstars lernen. Sie werden in eine narzisstische Gesellschaft hinein sozialisiert.
Es ist daher ganz alltäglich, einen Narzissten zu treffen. Bei dem ersten Kontakt kann er oder sie durch Beredsamkeit überzeugen und durch Charme gefallen. Vielfach ist das erste Zusammentreffen mit einem Narzissten eine sehr positive Erfahrung für die Gesprächspartner, weil der Narzisst gleich munter plaudert, keine Hemmungen durch Schüchternheit oder Ängstlichkeit erkennen lässt und zu wissen scheint, was er dazu beitragen muss, damit die Begegnung angenehm verläuft. Das entspricht dem Auftreten von Fernsehmoderatoren und anderen Mitgliedern der Unterhaltungsindustrie, die sich in ihrem Auftritt gut verkaufen können.
Erst nach einigen gemeinsamen Unternehmungen kommen erste Bedenken auf, die die positive Anfangserfahrung relativieren: Der Narzisst redet immer noch sehr viel von sich, tritt in einer bestimmenden Art und Weise auf und scheint an Widerspruch nicht gewöhnt zu sein, da er nahezu die Fassung verliert, wenn er mit einem Gegenvorschlag konfrontiert wird. Außerdem nimmt er es bei heiklen Themen mit der Wahrheit nicht so genau. Diese Wandlung des Narzissten haben wir in dem Kapitel «Die Wirkung von Narzissten: auf den ersten und auf den zweiten Blick» dargestellt. Sie belegt, dass Narzissmus vielschichtig ist und ein schillerndes Phänomen beschreibt.
Narzissmus wurde häufig als pathologische Selbstverliebtheit aufgefasst. Nach dieser Lesart denkt der Narzisst fast immer nur an seine Anliegen und tendiert dazu, andere für seine Zwecke einzusetzen. Sein Motto lautet: Der Zweck heiligt die Mittel, und der Zweck ist die Gewährleistung der eigenen Größe, des eigenen Ruhmes und der eigenen Macht.
Andere Beschreibungen betonen auf der positiven Seite den hohen Selbstwert und das Selbstvertrauen, die an den Narzissmus gekoppelt sind. Der Narzisst schätzt sich selbst positiv ein und kann andere durch diese positive Grundeinstellung anstecken und beflügeln. Sein Motto könnte lauten: Seht her, ich besitze viele positive Eigenschaften, bin mir meiner Sache sicher und bin stolz darauf.
Diese beiden Beschreibungen lassen sich wie zwei Schubladen verstehen, in die Narzissten eingeordnet werden können: die eine Schublade ist verdunkelt und verdorben, die andere ist hell und gut sortiert. Narzissmus lädt offensichtlich zu unterschiedlichen Deutungen ein, die je nach Ausmaß des Goodwills des Betrachters weit auseinander liegen können. Eins ist aber auch klar: Narzissten werden in der Selbstbeschreibung eher die zweite Schublade bevorzugen, während Beobachter in der Fremdbeschreibung eher die erste Schublade aufziehen werden.
Das Phänomen des Narzissmus entzieht sich einfachen Deutungen. Denn viel hängt davon ab, wie es interpretiert wird: Ist der Narzissmus oberflächlich oder tief im Selbst verankert, bringt er Stärke oder Schwäche zum Ausdruck, ist er flexibel oder unflexibel? Narzissmus, der tief im Selbst verankert ist, kann Schwäche kaschieren und unflexibel ausgelebt werden, sowie Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung sein, die zu Schwierigkeiten im Sozial- und Leistungsbereich führt. Hingegen ist Narzissmus, der durch kulturelle Vorbilder erworben wurde, zur Stärke der Selbstdarstellung beiträgt und flexibel auf die Situation abgestimmt wird, eine persönliche Ressource.
Je nachdem, welche Zuordnungen durchgeführt werden, kommt man zu ganz unterschiedlichen Herleitungen des Narzissmus. Wenn er z. B. tief im Selbst verankert ist, Schwäche kaschiert und unflexibel ist, dann liegt dem Narzissmus vermutlich ein frustriertes Streben nach Vollkommenheit zugrunde, durch das die Person versucht nachzuholen, was ihr in der frühen Kindheit vorenthalten wurde. Die unersättliche Geltungssucht soll befriedigt werden. Das Resultat ist ein Auftritt, der komische Züge aufweist, weil sich das Selbst für großartig hält und keinerlei Distanz zu dieser eingebildeten Großartigkeit besitzt.
Wenn der Narzissmus, oberflächlich, stark und flexibel ist, dann handelt es sich um «gesunde» Selbstdarstellung mit dem Ziel der Gewinnmaximierung. Der Narzisst passt sich perfekt dem kulturellen Klima des Individualismus an, indem er anderen Menschen durch einen überzeugenden Auftritt auf der Bühne des Lebens imponiert. Da die Bindungskraft sozialer Normen in den letzten fünfzig Jahren in westlichen Kulturen abgenommen hat, 2 Florida, 2003 kann sich dieser «aggressive» Narzissmus gut behaupten.
1 Young & Pinsky, 2006
2 Florida, 2003
Der Narzissmus reicht von der Antike bis in die Postmoderne. In der Antike spielt er schon eine bedeutsame Rolle, wie die griechische Mythologie und ihre Fortsetzung im Zeitalter Roms zeigen. Andererseits wird die Postmoderne als Zeitalter des Narzissmus bezeichnet.3 Bemerkenswerter Weise hat die Ausprägung des Narzissmus zwischen 1985 und 2006 unter Studierenden in den USA erheblich zugenommen. Jüngere Jahrgänge erreichen bei einer Standardmessung des Narzissmus kontinuierlich höhere Durchschnittswerte.4 Man hat geschätzt, dass 1985 jeder siebte Studierende erhöhte Narzissmus-Werte erreichte, während solche erhöhten Werte inzwischen jeden vierten Studierenden betreffen.
Im 21. Jahrhundert findet eine seit Jahrzehnten andauernde «Ichinflation» statt, die mit einer Epidemie verglichen wird.5 Diese Epidemie ist nicht auf weiße US-Amerikaner beschränkt, sondern grassiert in allen westlichen Ländern. Selbst in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts hat sich der Anstieg des Narzissmus weiter fortgesetzt.
Der Boom des Narzissmus geht vor allem auf Frauen zurück, die immer stärker in ihrer narzisstischen Orientierung gegenüber Männern aufholen. Daher wird der Geschlechtsunterschied, über den wir in dem Abschnitt «Es sind wieder einmal die Männer» berichten, über die Jahre immer kleiner. Mittlerweile drehen auch viele Frauen ein ganz großes Rad, wenn sie das Niveau der Hybris der Männer auch noch nicht erreicht haben.
Ein Bezug zum Narzissmus findet sich schon in dem mythologischen Begriff der «Hybris». Darunter versteht man Übermut oder Anmaßung, die zu Selbstüberhebung führen.6 Nach der Hybris folgt in der Regel der tiefe Fall, wie er in griechischen Tragödien künstlerisch und bis heute ergreifend dargestellt wird. Das Sprichwort «Hochmut kommt vor dem Fall» bringt diese Ereigniskette auf den Punkt. Die Sage von Narziss, die ebenfalls der griechischen Mythologie entstammt, hat dem Narzissmus seinen Namen gegeben.
Narzissmus lässt sich mit Selbstverliebtheit übersetzen. Während die Sage des Narziss und der Begriff der Hybris die tragischen Folgen der Selbstverliebtheit betonen, ist die aktuelle Betrachtungsweise ausbalancierter, da sie Selbstverliebtheit sowohl als Teil einer gesunden Entwicklung des Narzissmus auffasst als auch als Teil einer Persönlichkeitsstörung, die eine krankhafte Bezogenheit auf sich selbst beinhaltet. Im letzteren Fall kann man von pathologischer Selbstliebe sprechen.
Die 17-jährige Bianca strebt die Anerkennung als «großer Star» an. Die Anerkennung wünscht sie sich durch ihre Mitschülerinnen. Die Vorstellung, Star der Klasse zu sein, erlebt sie mit exhibitionistischer Erregung. Sie ist sich aber auch bewusst, dass die Mitschülerinnen eine negative Rückmeldung geben könnten, die Bianca als Versagerin erscheinen lassen. Damit ist aus ihrer Sicht eine beschämende Demütigung zu befürchten.
Dieses Beispiel aus dem Schulalltag beschreibt die Vielfältigkeit der Erwartungen, mit denen das verunsicherte, aber ambitionierte Selbst konfrontiert wird: Sie reichen von überschwänglicher Begeisterung bis zu gekränkter Sensibilität. Das Eintreten beider Erlebniszustände ist möglich, so dass Bianca in ihrer Selbstverliebtheit zwischen hochfliegenden Erfolgserwartungen und tiefen Misserfolgsängsten schwankt. Diese Schwankungsbreite ist typisch für das narzisstische Selbst.
Das Thema «Narzissmus» wird in Gesprächen häufig direkt oder indirekt angesprochen:
«Du bist ein Narzisst», sagt die Ehefrau zum Ehemann.
«Narzisstischer geht nicht», sagt ein Zuschauer nach dem Auftritt eines Filmstars in einer Talkshow.
«Alle Künstler sind Narzissten», denkt ein Theaterbesucher.
«Er ist total von sich überzeugt», sagt der geschäftsführende Direktor über einen «Halbgott in Weiß».
«Sein Selbstvertrauen reicht für zwei», sagt ein Kollege über einen selbstverliebten Politiker.
Mit solchen Redeweisen sind meist negative Bewertungen assoziiert, manchmal aber auch heimliche Bewunderung oder offene Anerkennung. Tabelle 1 gibt eine Übersicht über Assoziationen, die durch den Begriff Narzissmus ausgelöst werden können.
Tabelle 1: Bedeutungsspektrum des Narzissmus im allgemeinen Sprachgebrauch
Wie lässt sich der Begriff Narzissmus mit seinen Konnotationen einordnen? Das Bedeutungsspektrum, wie es in Tabelle 1 zusammengefasst ist, fällt zwiespältig aus:
Einerseits wird ein erhöhter Selbstwert dargestellt, bei dem das Selbst sich mit Überwertigkeit erlebt (Beispiel: Selbstgefälligkeit).
Andererseits wird ein reduzierter Selbstwert dargestellt, bei dem das Selbst sich minderwertig fühlt (Beispiel: Selbstunsicherheit).
Daher kann man von den zwei Gesichtern des Narzissmus sprechen: dem großartigen und dem verunsicherten Gesicht. Eine nahe liegende Erklärung besteht darin, dass die Verunsicherung der betonten Darstellung von Großartigkeit zugrunde liegen kann. Denn eine Möglichkeit der Überwindung von Verunsicherung besteht darin, betont selbstbewusst aufzutreten. Auf diese Weise kann die Person versuchen, ihre Unsicherheitsgefühle zu vertreiben. Einer der ersten, der Großmannssucht als Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen erkannt hat, ist Alfred Adler, dessen spannende Erkenntnisse, die er als Therapeut gewonnen hat, in dem Abschnitt «Der Überlegenheits-Komplex» dargestellt werden.
Es lohnt sich, dieser Annahme weiter nachzugehen, weil sie geeignet ist, sich an die wahre Bedeutung des Narzissmus anzunähern. Deshalb werden wir uns damit in späteren Kapiteln ausführlicher befassen. An dieser Stelle wird eine kurze Übersicht über die wichtigsten Ansätze der Narzissmus-Forschung gegeben.
Der heutige Begriff des Narzissmus geht auf Sigmund Freud zurück, der davon ausgeht, dass Narzissten ihre Liebe nach innen richten. Ihre Objektwahl ist durch das Selbst bestimmt, so dass der Narzisst sich im Endeffekt selbst liebt. Otto Kernberg betont, dass Narzissten eine schlechte interpersonelle Anpassung zeigen. Unter einer übertriebenen Selbsteinschätzung liegen Gefühle von Furcht, Verlassenwerden und Selbstzweifel verborgen. Daher ist der Narzisst bemüht, sich davor zu schützen, im Stich gelassen zu werden. Seine Selbstzweifel können durch den idealen Partner, der dem Idealselbst entspricht, zerstreut werden. Daher ist das Selbst des Narzissten von seiner Beziehung zu anderen Personen abhängig. Heinz Kohut hebt das Phänomen der Spiegelung hervor, das im Narzissmus enthalten ist. Der Narzisst sucht Bestätigung durch seine Mitmenschen, um seinen Selbstwert aufrechterhalten zu können. Außerdem verweist er auf die Tendenz zur Idealisierung, die den Wert der Spiegelung erhöht. Schließlich betont er die Erhöhung der eigenen Bedeutung durch die Assoziation mit bedeutsamen Anderen.
Narzissmus hat offensichtlich nicht nur Bedeutung als Persönlichkeitsmerkmal, sondern auch als Beschreibung von Erleben und Verhalten. Bevor wir ausführlich auf die Erklärungenwegen ihrer Geschw von Freud, Kernberg und Kohut eingehen, wollen wir uns mit der interessanten Begriffsgeschichte des Narzissmus befassen, die in der griechischen Mythologie beginnt.
Die Ursprünge des mythischen Narziss reichen weit in die griechische Geschichte zurück. Doch erst der römische Dichter Ovid (43 vor bis 17 nach Christus) formte in seinem Sammelwerk «Metamorphosen» die bis dahin überlieferten Mythen von Narziss zu einem Ganzen.7 Im Folgenden wird die Ovidsche Version vom Narziss-Mythos in sinngemäßer und gekürzter Form wiedergegeben.8
Ovids Metamorphosen (Buch III, Vers 339-510)
Narziss war der Sohn der Nymphe Liriope und des Flussgottes Cephisus, der einst sie «im sich windenden Fluss umschlang, in seinen Wellen einschloss und vergewaltigte.» Nachdem Narziss geboren wurde, fragte Liriope den Seher Tiresias, ob Narziss ein hohes Alter erreichen werde. Dieser sagte: «Nur, wenn er sich selbst niemals kennen gelernt haben wird.» Narziss, der schon bei seiner Geburt liebreizend war, wuchs zu einem schönen Jüngling heran, der mit 16 Jahren so schön war, dass viele Jünglinge und Mädchen ihn begehrten. Jedoch war in seiner zarten Gestalt «so spröder Stolz», dass niemand ihn berühren konnte.
Die Nymphe Echo erblickte Narziss, als dieser bei der Hirsch-Jagd war. Echo, die wegen ihrer Geschwätzigkeit von der Göttin Juno mit wenig Macht über ihre Zunge bestraft worden war, konnte nicht verständlich sprechen: Von gehörten Worten konnte sie nur die letzten Worte wiedergeben. Echo sah jedoch nicht nur Narziss, der durchs abwegige Gelände streifte, auch «entbrannte ihr Herz in Liebe» zu ihm. Echo folgte heimlich Narziss’ Spuren. Je länger sie Narziss folgte, desto mehr wuchs ihre Liebe an. Oft wollte sie mit lieben Worten und Bitten auf ihn zukommen, doch ihre Zunge ließ dies nicht zu; sie konnte ja nur Worte wiederholen. Als Narziss sich verirrte, rief dieser: «Ist jemand hier?», worauf Echo antwortete: «hier». Staunend rief Narziss mit lauter Stimme «Komm!» Sich nicht täuschend von dem Widerhall sagte er, weil niemand kam: «Was fliehst du vor mir?» Vom Widerhall getäuscht, sprach er: «Lass uns hier zusammenkommen.» Echo, der nichts lieber war, antwortete: «Zusammenkommen» und trat aus dem Wald heraus, um ihre Arme um den Hals von Narziss zu legen. Dieser jedoch floh vor ihr und sagte: «Hände weg, lass die Umarmungen! Eher will ich sterben, als dir gehören.» Echo antwortete: «dir gehören». Die verschmähte Echo versteckte sich daraufhin in den Wäldern, verbarg schamhaft ihr Gesicht im Laub und lebte in einsamen Höhlen. Durch den Liebesschmerz und Kummer verzehrte sich ihr Leib. Ihre Knochen verwandelten sich in Stein, und nur ihre Stimme blieb übrig. Verborgen in Wäldern wurde sie an keinem Berg mehr gesehen, aber alle konnten sie hören.
Ein ebenfalls von Narziss verschmähter Mann, der die Hände zum Himmel streckte, bat: «So soll es auch ihm in der Liebe ergehen, so soll auch er, was er liebt, nicht bekommen.» Die Göttin Rhamnusia, die für Rache und Groll bei Ungerechtigkeit stand, erhörte dessen Bitte und stimmte ihr zu.
Eines Tages ließ sich Narziss, von der Anstrengung der Jagd und durch die Hitze erschöpft, am Ufer einer Quelle nieder. Die Quelle war klar wie Silber und von der Natur bislang unberührt geblieben. Und als er seine «Begierde» nach Wasser zu stillen versuchte, wuchs ein «Begehren» in ihm gegenüber dem, was er in einer Welle sah: «Nichts ahnend begehrt er sich selbst, empfindet und erregt Wohlgefallen, wirbt und wird umworben, entzündet Liebesglut und wird zugleich von ihr verzehrt.» Schließlich stellte Narziss fest, dass er sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt hatte: «Ich bin es selbst! Ich habe es begriffen, und mein Bild täuscht mich nicht mehr. Liebe zu mir selbst verbrennt mich, ich selbst entzünde die Liebesflammen, die ich erleide.» Mit Schmerz geplagt und der Erkenntnis über die Ausweglosigkeit seiner Situation gab Narziss sich mit schwindenden Kräften seinen Tränen hin, die sein Spiegelbild im Wasser trübten. Sobald er dieses im wieder beruhigten Wasser erblickte, konnte er es nicht länger ertragen: «Wie gelbes Wachs an einem schwachen Feuer und wie der morgendliche Raureif an der warmen Sonne schmilzt, so schwindet er dahin, von Liebe ausgezehrt, und langsam nagt an ihm ein verborgenes Feuer.» Echo, die den sterbenden Narziss erblickte, wurde trotz ihres Grolls auf den Jüngling vom Schmerz erfasst und echote dessen letzte Worte: «Lebe wohl!» An jener Stelle, an dem der Körper von Narziss verging, wuchs eine Blume, die safrangelb in der Mitte und von weißen Blütenblättern umsäumt war – die Narzisse.
Ovids Schilderung der Sage gilt als grundlegend, was die nachfolgende Rezeption des Narziss-Mythos in der Literatur und Bildenden Kunst anbelangt. Denn viele spätere Autoren haben sich an der Vorlage von Ovid orientiert. Die Beschäftigung mit dem Mythos reicht von der Antike über das Mittelalter und die Romantik bis in die Gegenwart. Es existieren jedoch verschiedene Interpretationen und Darstellungen des Mythos. Ursula und Rebekka Orlowsky geben in ihrem Buch «Narziss und Narzissmus im Spiegel von Literatur, Bildender Kunst und Psychoanalyse» einen guten Überblick, wie der Narziss-Mythos im Laufe der Zeit in Wort und Bild aufgegriffen worden ist:9
Die Orlowskys berichten, dass man noch zu Lebzeiten von Ovid Abbildungen von Narziss neben anderen Abbildungen aus der griechisch-römischen Götter- und Sagenwelt findet. Auch hätten die alten Römer ihr starkes Liebesbedürfnis in Form eines in Schmuckstücken eingeritzten Bildes von Narziss zum Ausdruck gebracht. Zudem hätten sie auf ihren Särgen «den lebendigen Lebens- und Liebesfluss in der Spanne zwischen Geburt und Tod des Einzelnen»10 durch ein Narziss-Motiv herausgestellt. Offensichtlich wurde in der Antike das Narziss-Thema positiv bewertet.
In der Folgezeit, in die der Niedergang des Römischen Reichs fällt, verschwindet der Mythos «Narziss» weitgehend aus Literatur und Bildender Kunst. Erst in der Spätphase der Kreuzzüge wird ihm wieder eine größere Aufmerksamkeit geschenkt, die später noch gesteigert wird, wie die zahlreichen Narziss-Texte beweisen, die nach der Verbreitung der Buchdruckerkunst erstellt wurden.
Was Dichtungen zum mythischen Narziss anbelangt, so fallen in der jüngeren Geschichte gewisse Schwerpunkte bei Themen wie «Spiegelsucht», «Leere» und «Selbstauflösung» auf.11 Ein Beispiel für das dichte rische Umsetzen des Motivs der Selbstauflösung des Narziss (und seinem Aufgehen in der Natur) findet sich bei Rainer Maria Rilke (1875–1926):12
NARZISS
NARZISS verging.Von seiner Schönheit hobsich unaufhörlich seines Wesens Nähe,verdichtet wie der Duft vom Heliotrop.Ihm aber war gesetzt, dass er sich sähe.Er liebte, was ihm ausging, wieder einund war nicht mehr im offenen Wind enthaltenund schloss entzückt den Umkreis der Gestaltenund hob sich auf und konnte nicht mehr sein.
Fasst man die neuere Darstellung des Narziss-Mythos zusammen, ergibt sich die Feststellung, dass die darin anklingende Selbst- oder Eigenliebe in der Literatur und Philosophie eher negativ bewertet wird. Eine Ausnahme findet sich in der Bildenden Kunst, in der eine Tendenz «zu zeitgemäßer ‹ästhetischer› Verarbeitung des schönen Motivs» entstanden ist.13 Ein gutes Beispiel aus der Kunst ist das Doppelbild «Métamorphose de narcisse» des spanischen Malers Salvador Dalí, das den in sich selbst versunkenen Narziss am Wasser (und daneben zwei Finger mit einem Ei, aus dem eine Narzisse herausragt) zeigt.14
Möglicherweise hat die Neubewertung des Narzissmus in der christlichen Kultur damit zu tun, dass die Selbstliebe im Vergleich zur Nächstenliebe als problematisch angesehen wird. Zumindest lautet das einschlägige christliche Gebot: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst».15 Es wird häufig so verstanden, dass die Nächstenliebe über die Selbstliebe zu stellen ist.
Der Soziologe Franz Stimmer meint, dass der Narziss-Mythos eine besondere Qualität besitzt, da sie über eine Parabel oder Fabel hinausgeht:16 Einerseits sei die Geschichte von Narziss und Echo mehr als eine Parabel, die in sittlicher Weise mahnt, sich nicht in Hochmut oder Selbstgefälligkeit zu ergehen. Andererseits sei sie mehr als eine Fabel, die zu Sentimentalitäten rührt, wenn zwei Akteure nicht zuein-ander finden können. Und der Mythos geht, so scheint es, tatsächlich weiter. In der Ovidschen Mythos-Interpretation wird auch psychologisch Bedeutsames erkennbar – extreme Formen liebevoller Hinwendung auf das Selbst (anhand der Figur des Narziss) oder auf das Objekt (anhand der Figur der Echo).17 Ovid selbst hatte wohl keine Psychologisierung seiner Narziss-Passage beabsichtigt. Ihm ging es in erster Linie neben Dichterischem auch um Didaktisches und Politisches, als er sein Werk schrieb.18
Als Protagonisten des Mythos treten Narziss und Echo auf. Beide Figuren durchlaufen ähnliche psychologische Zustände, jedoch mit völlig gegensätzlichem Ziel: Während Narziss sich anschickt, sein Selbst unter Ausschluss seiner Objekte (Menschen; Halbgottheiten) zu lieben, neigt Echo dazu, Narziss unter Aufgabe ihres Selbst (ihrer Eigenständigkeit, Subjektivität) zu lieben.19 Diese beiden Extremformen von Liebe führen zu Narzissmus und Echoismus, «bei denen der eine den anderen entweder ganz ausgrenzt oder aber der eine sich total auf den anderen ausrichtet».20
Die Altphilologin Almut-Barbara Renger21 unterscheidet in ihrem Buch «Mythos Narziss» die Phase der Irrung (Illusion), den Moment der Erkenntnis (Desillusion) und die Phase der Bewusstheit (Realität): Sowohl Narziss als auch Echo durchlaufen zunächst eine Phase der Irrung: Narziss gibt sich der visuellen Täuschung gegenüber seinem Spiegelbild hin und Echo der akustischen Täuschung gegenüber Narziss’ Worten.
Nach dem Moment der Erkenntnis, einer trügerischen Hoffnung auf gegenseitige Liebe aufgesessen zu sein, folgt darauf sowohl für Narziss als auch für Echo die Phase der Bewusstheit. In dieser geht es:
bei Narziss um den Umgang mit der Ent-Täuschung über sich selbst, bei Echo um den Umgang mit der Ent-Täuschung gegenüber Narziss;
bei Narziss um ein Sich-Verzehren in Liebesglut nach sich selbst, bei Echo um ein Sich-Verzehren in Liebesglut nach Narziss und
bei Narziss um dessen Tod und Verwandlung in eine Narzisse, bei Echo um deren Tod und Verwandlung in Stein.
Wahrscheinlich ist es nicht nur das tragische Ende beider Akteure, das Ängste bei der Leserschaft schürt und dem Narzissmus (und Echoismus) eine negative Tönung verleiht. Vielmehr ist es auch die ungünstige Lebenssituation von Narziss – heute würde man dafür den Begriff «broken home» benutzen –, was bei Lesern wohl ein tieferes Gefühl von Betroffenheit auslöst:22 Schon allein die Zeugung des Narziss – eine Vergewaltigung von Liriope durch Cephisus – sowie die Namensgebung – eine Andeutung der sehr engen, wenn nicht sogar inzestuösen Bindung zwischen Mutter und Sohn – dürften Narziss eine schwere Bürde für sein Selbstwertgefühl in die Wiege gelegt haben.23 Es ist erlaubt zu vermuten, dass ein Vater, der die Mutter seines Kindes vergewaltigt hat, sich nicht liebevoll um sein Kind kümmern wird.24 Narziss scheint vaterlos aufgewachsen zu sein, was eine Beeinträchtigung seines Männlichkeitsgefühls zur Folge gehabt haben könnte.
Während sich im Laufe der Zeit der Begriff Narzissmus in Texten und Abbildungen häufig wiederholt hat, ist derjenige des Echoismus nur selten zum Thema gemacht worden.25 Das heißt aber keineswegs, dass dem Echoismus heutzutage keine Bedeutung mehr zukommt. In der psychologischen Beratungs- und Therapiepraxis haben sowohl der Narzissmus als auch der Echoismus einen großen Stellenwert. Hier werden dann entweder die charakterlichen Unterschiede von narzisstischen Menschen oder die spezifischen Rollen, die narzisstische Charaktertypen in einer Paarbeziehung einnehmen können, betont. Zu nennen ist zum Beispiel der Kontrast «Narzissten und Komplementärnarzissten»,26 den der Paartherapeut Jürg Willi in der Mitte der 1970er Jahre entwickelte.
Die historische Betrachtung des Narzissmus, die hier in abgekürzter Form erfolgte, verweist auf die Wurzeln des «Narzissmus-Baums», die weit in die Historie der zivilisierten Menschheit zurückreichen. Der Narziss-Mythos – als Wurzel des «Narzissmus-Baums» – beinhaltet etwas zutiefst Bewegendes, ja auch Faszinierendes. Sein Inhalt hat viel mit menschlichen Erlebens- und Verhaltensweisen zu tun, die man in den Sozial- und Kulturwissenschaften unter dem Begriff des Narzissmus zusammenfasst.
Ebenso dürfte deutlich geworden sein, dass einiges an Gegensätzlichem, Unberechenbarem, Unheimlichem und Widersprüchlichem in den Wurzeln des «Narzissmus-Baums» angelegt ist. Der Narzissmus verfügt über zwei widersprüchliche Gesichter: So betont das eine Gesicht eine Selbstbezogenheit, die mit Selbstaufwertung und Objektabwertung verbunden ist (wie beim mythischen Narziss). Demgegenüber stellt das andere Gesicht eine Fremdbezogenheit heraus, die mit Selbstabwertung und Objektaufwertung einhergeht (wie bei der mythischen Echo). Das verdeutlicht den «doppelten Charakter des Narzissmus».
Richten wir nun einen Blick auf den «Stamm» des «Narzissmus-Baums» und damit auf das, was die Wissenschaft aus sozialpsychologischer Sicht an Einsichten entwickelt hat. Zusätzlich gehen wir auch auf das Verständnis des Narzissmus in der klinischen Psychologie ein.
Der Begriff des Narzissmus wurde Ende des 19. Jahrhunderts geprägt.27 Narzissmus bezeichnete die Neigung, den eigenen Körper wie ein Sexualobjekt zu behandeln. Im weiteren Sinne wurde der Begriff verwendet, um eine allgemeine Tendenz zur Selbstbewunderung zu beschreiben.
Im 20. Jahrhundert wurde das Verständnis des Narzissmus weiterentwickelt. Dabei spielten einerseits die Klinische Psychologie und Diagnostik eine zentrale Rolle, andererseits die Persönlichkeitsforschung und die Sozialpsychologie. In den folgenden Kapiteln werden diese Fortschritte nachgezeichnet. Beginnen wollen wir aber mit einer ersten Ortsbestimmung, die sowohl den Kern des Narzissmus aufdeckt als auch das Bezugssystem konkretisiert, in dem der Narzissmus verankert ist. Das ist das Selbst mit seinen Zielen, die die Selbstregulation bestimmen.28
Narzissmus verstehen bedeutet, die Grundtendenzen aufzuzeigen, aus denen die narzisstische Persönlichkeit besteht. Das ist aber nur ein erster Schritt, der eine statische Betrachtungsweise beinhaltet. In einem zweiten Schritt geht es darum, die dynamischen Abläufe zu untersuchen, die die narzisstische Selbstregulation betreffen. Erst diese Analyse der dynamischen Prozesse kann die paradoxen Tendenzen, die mit dem Narzissmus verbunden sind, verständlich machen. Obwohl Narzissmus in die Höhen des großen Erfolgs und der gesellschaftlichen Anerkennung führen kann, sind viele Narzissten erfolglos und kämpfen gegen Misserfolge.
Was ist das Besondere an der narzisstischen Persönlichkeit? Im Vorgriff auf die folgenden Belege sind zwei Bezüge hervorzuheben:
Narzissten sind machtmotiviert. Sie suchen ihre Chancen und greifen zu, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Sie treten an, um ganz ungehemmt von irgendwelchen Bedenken ihre Ziele zu verwirklichen.
Narzissten sind handlungsorientiert. Ihnen geht es darum, als Macher aufzutreten, dem es gelingt, trotz Widerständen erfolgreich zu sein. Damit entsprechen sie dem agentischen Stereotyp, dem sie meist ungebremst huldigen. Das agentische Stereotyp enthält Eigenschaften wie tatkräftig und zupackend. Diese agentischen Eigenschaften passen in das Persönlichkeitsmuster des Narzissten.
Narzissten sind annäherungsorientiert, da sie aktiv ihre Ziele verwirklichen und sich nicht durch defensive Einstellungen behindern lassen. Diese Beschreibung trifft auf das Auftreten von «ungebrochenen» Narzissten zu, die den Glauben an ihre Überlegenheit nicht in Zweifel ziehen.
Der theoretische Rahmen, der im Folgenden dargestellt wird, bezieht sich auf Narzissten, die optimistisch in die Zukunft blicken. Während sie die Annäherungsorientierung mit Machtmenschen gemeinsam haben, sind sie zusätzlich darauf aus, ihren Selbstwert zu steigern. Sie huldigen einer überhöhten positiven Bewertung ihrer eigenen Eigenschaften und Fähigkeiten, die sich auf ganz unterschiedlichen Feldern identifizieren lässt: Der Narzisst
schätzt seine beruflichen Fähigkeiten höher ein als die seiner Mitarbeiter,
hält sich für einen sehr guten Liebhaber,
meint, in politischen Diskussionen die besten Argumente zu vertreten.
Das entspricht einer inflationierten Selbsteinschätzung.29 Diese wird durch die Forderung des Narzissten ergänzt, dass ihm das, was ihm zusteht, auch geliefert wird.30 Allerdings sind die Vorstellungen darüber, was ihm zusteht, sehr extensiv und umfassend. Der Narzisst nimmt an, dass die Ressourcen der Welt deshalb vorhanden sind, damit seine Bedürfnisse befriedigt werden können. Er meint, dass er ein Recht darauf hat, die Ressourcen zu diesem Zweck in Anspruch zu nehmen.
Die Parallele zwischen Narzissten und machtmotivierten Menschen ist deutlich. Beide beanspruchen für sich Privilegien und halten eine Bevorzugung ihrer Person für das Natürlichste auf der Welt.
Eine zweite Parallele besteht zwischen Narzissmus und agentischer Persönlichkeit. Die agentische Persönlichkeit repräsentiert einen Machertyp. Sie hängt mit der Maskulinität der Geschlechtsrolle zusammen.
Das Konzept der Maskulinität und Femininität reicht weit in die Geschichte der Sozialwissenschaft zurück. Der Soziologe Talcott Parsons und der Gruppenforscher Robert F. Bales unterschieden zwischen instrumentellen und expressiven Eigenschaften.31 Instrumentelle Eigenschaften umfassen Initiative und Leistungsorientierung, während expressive Eigenschaften durch Hilfsbereitschaft, Fürsorge und Gesellung gekennzeichnet sind. Es ist unmittelbar erkennbar, dass instrumentelle Eigenschaften dem Stereotyp des Mannes entsprechen, während expressive Eigenschaften das weibliche Stereotyp abbilden.
In Übereinstimmung damit beschreibt David Bakan in seinem Buch über die Dualität der menschlichen Existenz eine agentische und eine kommunale Orientierung.32 Agentische Eigenschaften wurden Männern zugeschrieben, während kommunale Eigenschaften als typisch für Frauen angesehen wurden. Inzwischen hat sich diese Anwendung der Klassifikation auf die Geschlechter verändert, weil empirische Untersuchungen gezeigt haben, dass sowohl Männer als auch Frauen kommunale und agentische Eigenschaften verwirklichen können.33 Die kommunale Orientierung der Frau und die agentische Haltung des Mannes sind Stereotype, die mit den weit verbreiteten Rollen von Frau und Mann (als Hausfrau und als Berufstätiger) übereinstimmen.34
Natürlich weisen nicht alle Frauen eine hohe kommunale Orientierung, und nicht alle Männer eine hohe agentische Orientierung auf. Vielmehr gibt es auch viele Männer, die expressive Eigenschaften aufweisen, und andererseits «Power-Frauen», die instrumentelle Eigenschaften realisieren. Es scheint so zu sein, dass ein Trend in Richtung auf eine zunehmende Übereinstimmung zwischen den Geschlechtern im Hinblick auf instrumentelle/agentische und kommunale/expressive Eigenschaften besteht. Dieser Trend kommt hauptsächlich dadurch zustande, dass Frauen verstärkt agentische Eigenschaften übernehmen.
Keith Campbell und Amy Brunell von der University of Georgia in Athens und Eli Finkel von der Northwestern University in Evanston, einem Vorort von Chicago, zählen gegenwärtig zu den einflussreichsten Narzissmusforschern in der Welt. In ihrem agentischen Modell des Narzissmus gehen sie davon aus, dass die Fundamente des Narzissmus in einer ausgeprägten agentischen Orientierung liegen.35 Diese grundlegende Orientierung wird durch ein offensives Annäherungsstreben, den Wunsch, den Selbstwert zu erhöhen, das Gefühl, dass hohe Ansprüche an die Umwelt gerechtfertigt sind, und eine generell inflationierte Selbstbetrachtung ergänzt. Der folgenden Darstellung wird dieses agentische Modell des Narzissmus zugrunde gelegt, das in Abbildung 1 dargestellt ist.
Das Zusammenspiel dieser Qualitäten wird als Narzissmus bezeichnet. Er manifestiert sich sowohl in bestimmten typischen interpersonalen Strategien als auch in charakteristischen interpersonalen Fertigkeiten. Was letztere angeht, erweist sich der Narzisst als sozial-kompetent. Er tritt mit hohem Selbstvertrauen auf, versprüht seinen Charme, wird beflügelt durch eine selbst wahrgenommene hohe Attraktivität. Seine ausgeprägte Extraversion erleichtert es dem Narzissten, auf andere Menschen, die er für seine Zielerreichung braucht, zuzugehen und sie für sich zu gewinnen.
Bei der Anbahnung von Beziehungen sind Narzissten aufgrund ihrer Unverfrorenheit besonders erfolgreich. Sie spielen ihre hohe Extraversion und Selbstsicherheit aus, um Personen des anderen Geschlechts zu beeindrucken. Daher können Narzissten persönliche Beziehungen schnell anbahnen, wobei ihnen ihr sicheres Auftreten und ihr Charme von Nutzen sind. Allerdings vermeiden sie es im Allgemeinen, eine intime Beziehung aufzubauen. Stattdessen lässt sich ihr Bindungsstil als vermeidend/distanzierend beschreiben.36 Wenn man vermeidend in einer Beziehung auftritt, fällt es dem Beziehungspartner schwer, Druck auszuüben. Daher fördert diese distanzierte Bindung die starke Position der Narzissten, die sie in einer Paarbeziehung für sich beanspruchen.
Die sozialen Fertigkeiten der Narzissten stehen im Dienste interpersonaler Strategien, die den Selbstwert sichern. Dazu zählt die Suche nach vorzeigbaren Partnern in romantischen Beziehungen. Der romantische Partner, den es zu gewinnen gilt, hat die Funktion einer Trophäe. Ein Beispiel ist ein Geldmagnat, der ein Model als Ehefrau hat.
Das verweist auf eine weitere narzisstische Eigenschaft: den Materialismus. Dieser kommt darin zum Ausdruck, dass der Narzisst Personen im Allgemeinen und romantische Partner im Besonderen für austauschbar hält. Da der Narzisst dazu neigt, den Partner wie eine Trophäe zu betrachten, hat er die Möglichkeit, den Partner zu wechseln, ohne persönlich unter der Trennung zu leiden. Narzissten vermitteln dem Partner das Gefühl, von der Beziehung abhängiger zu sein, als sie selbst es sind. Gleichzeitig bringen sie ihren Einfluss und ihre Macht in der Beziehung zum Ausdruck.
Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass der Narzisst weit blickend ist, indem er nach Möglichkeit die Zahl seiner Alternativen, die ihm zur Wahl stehen, vergrößern möchte. Es leuchtet ein, dass man seine Ansprüche und Ziele besser verwirklichen kann, wenn mehr Alternativen verfügbar sind, unter denen man von Fall zu Fall die beste auswählen kann. Diese Vorgehensweise führt im Zusammenhang mit romantischen Beziehungen dazu, dass romantische Gefühle eher weniger hervorgehoben werden, während gleichzeitig das spielerische Element der Liebe betont wird. Der Eroberung neuer Partner kommt eine besondere Bedeutung zu. Sie vergrößert einerseits die Zahl der zur Verfügung stehenden Alternativen. Andererseits ist der Vorgang der Eroberung selbstwertdienlich, da die Eroberung neuer Partner als Beweis für die eigene Überlegenheit und Attraktivität dient.
Eine weitere interpersonale Strategie der Narzissten besteht darin, dass die eigene Überlegenheit gegenüber dem Durchschnitt hervorgehoben wird. Wenn sich mehrere Narzissten miteinander vergleichen, wird jeder für sich zu dem Schluss kommen, den anderen weit überlegen zu sein. Dieses Urteilsmuster wird als «Besser-als-der-Durchschnitt-Effekt» bezeichnet.
Die wahrgenommene Überlegenheit ist keine Funktion tatsächlicher Errungenschaften; vielmehr bringt sie eine verzerrte Sichtweise zum Ausdruck. Diese wird durch eine einseitige Interpretation ermöglicht:
Erfolg wird auf die eigene Person zurückgeführt,
während Misserfolg anderen angelastet wird.
Dieses selbstwertdienliche Attributionsmuster, das unter Menschen weit verbreitet ist,37 wird von Narzissten in besonders extremer Weise angewandt. Für sie kann es gar nicht anders sein, als dass Erfolge durch ihre Leistungen zustande kommen, während Niederlagen auf die Mitwirkung unfähiger anderer zurückgeführt werden.
Narzisstische Bestrebungen sind auf die Aufrechterhaltung des Selbstwerts gerichtet.38 Diese einseitige Ausrichtung ist erforderlich, weil der hohe Selbstwert leicht durch weniger günstige Rückmeldungen und nicht-perfekte Leistungen in Frage gestellt werden kann. Hier kann sich eine narzisstische Sisyphus-Aufgabe ergeben, weil die Diskrepanz zwischen dem Selbstwert und einer realistischen Selbstbewertung aufgrund des selbstwertdienlichen Attributionsmusters relativ groß ausfallen kann. Um solche bedrohlichen Diskrepanzen zu vermeiden, besteht ein starkes Streben nach Förderung der eigenen Karriere. Karriereerfolge dienen als Beweis für die Berechtigung der hohen Selbstwerteinschätzung.
