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Der französische Autor Louis Schittly, Arzt und Schriftsteller aus dem elsässischen Sundgau und Mitbegründer (mit Bernard Kouchner u.a.) der "Ärzte ohne Grenzen", hat in vielen humanitären Einsätzen in Afrika und Asien erlebt, wie weltweit lokale und regionale bäuerliche Strukturen durch militärische und wirtschaftliche Konflikte zerstört werden. Diese Erfahrungen hat er auch literarisch verarbeitet. Hier verweist Schittly in einem eng an tatsächliche Ereignisse angelehnten Roman, über seine eigene Bauernfamilie und sein Bauerndorf (Bernwiller) in mehreren Generationen beispielhaft auf die Gefahren dezentralisierter Macht- und Industriestrukturen: Lokale und regionale Umwelt und Kultur werden zunehmend zerstört oder eingeebnet. Schittly ruft damit eindringlich zur Rückbesinnung auf die natürlichen Lebensgrundlagen und zur Wiedergewinnung einer auf Freiheit und Gemeinschaft von Menschen gegründeten Lebenswelt auf.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2019
LOUIS SCHITTLY
***
NÄSDLA ODER EIN HERBSTOHNE HERBSTZEITLOSEN
Roman, mit lauter Stimme zu lesen
© 2019 Louis Schittly
Übersetzung: Hans Nutzinger
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7482-1790-9
Hardcover:
978-3-7482-1791-6
e-Book:
978-3-7482-1792-3
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Louis Schittly
NäsdlaoderEin Herbst ohne Herbstzeitlosen
Roman, mit lauter Stimme zu lesen
Übersetzung aus dem Französischen von Hans G. NutzingerÜbersetzungsdurchsicht von Erika und Louis Schittly
Originalausgabe: Näsdla ou Un automne sans colchiques
© Éditions La Nuée Bleue/DNA, Strasbourg 2013
(Erstausgabe 1976, Éditions Hortus Sundgauviae)
Deutsche Übersetzung: Hans G. Nutzinger
Vorwort zur Neuausgabe
Neue Archen Noah erfinden
von Louis Schittly
Dieser Roman wurde 1976 geschrieben, ein paar Jahre nach meinen humanitären Reisen in Kriegsländer: Biafra, Vietnam. Ich hatte das Bedürfnis, diese Bilder zu verdauen, die Bilder von Kinderleichen, jenen, die an Hunger gestorben waren, jenen, die von Minen, von Raketen und von Bomben in Stücke gerissen waren. In den Monaten nach meiner Rückkehr zu Hause im Elsass ließ mich noch jeden Lärm von Hubschraubern und Düsenjägern über das Dorf sofort auf den Boden abtauchen, wie es üblich war für jedermann dort unten im Busch.
Später kam langsam die Zeit des Nachdenkens, sodann des Erstaunens über die Entdeckung, dass auch bei uns die Kleinbauernschaft verschwand. In Vietnam ist mir eines Tages, fast plötzlich, aufgefallen, dass die riesige Mehrheit unserer Kranken und Verwundeten Dorfbewohner waren wie ich selbst, auch schon in Biafra. Und ich entdeckte, dass es bei uns die große industrielle Maschine war, die tötete und die immer tötet. Eine ökonomische und kulturelle Tötung: Abwertung der landwirtschaftlichen Produkte, industrielle Fertigung der Produktionsmittel, Verschuldung, Enteignung der Böden und Schaffung einer unerschöpflichen Reserve an Arbeitskräften (oder an Soldaten, je nach Bedarf), dann das Auftreten einer neuen Religion (Opium): die Kultur, eingesetzt als Werkzeug zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung: Der Kirschbaum ist weder schuldig noch verantwortlich für den Menschen, der einen seiner Äste abschneidet, um seinen Nachbarn zu töten.
Daher ist ist dieses Buch kein volkskundlicher oder ökomuseografischer Roman. Es war damals ein Alarmruf und ein Angstschrei, gerichtet an meine damaligen Zeitgenossen, die Kleinbauern der Mischkultur, von hier und anderswo, aus dem Elsass, der Auvergne, wie diejenigen von Mali, von Vietnam, Indien oder aus der Türkei, um ihnen zu sagen: „Hört nicht auf die Sirenen des Fortschritts; das ist eine tödliche Falle! Ihr habt Freiheit, Schönheit, Fülle. Stopft eure Ohren zu, wie einstmals Odysseus, sonst endet ihr im Käfig eingesperrt und unterjocht wie die Hühner in Legebatterien oder wie der fette Hund in der Fabel von La Fontaine „Der Wolf und der Hund“.
Meine Erde ist nicht die von Zola (La Terre – 1887), die Elend ohne Freude ist. Das bäuerliche Universum, von dem ich spreche, aus dem ich entstamme, das mich gelehrt hat, das Leben, die Freiheit und die Schönheit der Welt und der Menschen zu lieben, steht viel näher der Lebenswelt von Charles-Ferdinand Ramuz, von Jean Giono, von Ernst Wiechert (Die Jerominkinder), von Miguel Torga (Contos de Montanha/Erzählungen aus dem Gebirge), von John Steinbeck in Früchte des Zorns und von Mario Rigoni Stern.
Die Erstausgabe dieses Romans, erschienen im Verlag Hortus Sundgauviae, war von René Ehni eingeleitet worden – das war, bevor er sich auf den Vornamen Nicolas orthodox taufen ließ –, danach war 1983 eine zweite Auflage erschienen, publiziert von Pierre Dadez in den Éditions du Rhin.
Währenddessen ist die Entkulakisierung weiter vorangeschritten, sie hat sich sogar verschärft und verallgemeinert. Die endgültige Liquidierung der letzten überlebenden Ackerbauern des Paläolithikums, des Mesolithikums und der fünf ersten Jahrtausende des Neolithikums steht nahe bevor. Mein Buch hat also nichts bewirkt! Wenn man das nicht als Maßstab meiner Naivität nimmt … Denn ich hatte mir ja aufrichtig und ohne Arg eingebildet, ich könnte den Auslöschungsprozess ein wenig zügeln, wenigstens bei uns, bei mir, und aus diesem Grunde habe ich auch weitgehend meine Erstsprache, 's Alemannischa, verwendet, unsri Mundart, wie sie Nathan Katz nannte, der so schön in eben dieser Mundart dichtete. Ohne diesen Kinderglauben hätte ich es nicht geschrieben.
Die Jahrzehnte sind vergangen. Ich beschäftigte mich nicht mehr mit meinem Näsdla. Ich habe ihn niemals wieder gelesen, aber nicht vergessen, insofern als der Herbst ohne Herbstzeitlosen jetzt da ist, mitten uns, bedrohlich.
Und jetzt gibt es diese Krise da, überall, in der ganzen Welt, globalisierend … Aber Krise von wem, von was? Auf jeden Fall nicht für jedermann. Tatsächlich läuft für unsere Waffenhändler alles sehr gut.
Gérard Biard schreibt im Charlie Hebdo, Frühjahr 2011:
„Internationaler Handel: strahlende Zukunft.
Es ist keine Überraschung: die Waffenindustrie ist von der Wirtschaftskrise nicht betroffen. Nach dem Stockholmer Peace Research Institute (SIPRI) wurden 411 Milliarden Dollar für Käufe verschiedenster Waffen weltweit im Jahr 2010 weltweit ausgegeben. Ohne die von China und Russland getätigten Käufe einzurechnen – entschuldigen Sie diese kleine Ungenauigkeit –, die das Institut auf Grund ihres Mangels an Transparenz aus seiner Untersuchung ausgeschlossen hat … Eine globale Wirtschaftskrise führt leichter zu Aufruhr und zu Stadtguerillas als Tanztees, und so haben die Waffenhändler allen Grund zum Optimismus, was ihre Wachstumsperspektiven betrifft.“
Und in Le Canard enchaîné vom 13. Juni 2012:
„Präsentiert … die Gewehre
Eurosatory, die erste weltweite Waffenmesse, die ihre Pforten gerade am 11. Jnui in Villepinte geöffnet hat, verspricht ein schöner Erfolg zu werden. Alle Waffenhändler des Planetenkommen, um ihre neuesten Funde auszustellen. Es sind mehr als 1400, neuer Rekord; und der neue Verteidigungsminister, Jean-Yves Le Drian, freut sich schon im Voraus: ʻWir haben ein großes industrielles Know-How, das von allen anerkannt wird, sowohl was die Bewaffnung als auch die Innovationsfähigkeit betrifft. Wir sind nicht Waffenhändler, sondern Partner.ʼ Das ist keine Stilfigur. Ist Frankreich nicht der viertgrößte Waffenexporteur in der Welt? Beträgt die Gesamtzahl der nationalen Verteidigungsausgaben zu Lande und in der Luft etwa nicht 5,32 Milliarden?“
Also, wenn Sie Geld anzulegen haben, werden Sie wissen, wohin Sie gehen sollten.
(…)
Manche Leute könnten sich fragen: „Aber warum sollte man zu einer längst vergangenen Lebensweise zurückkehren? Wo doch unsere einzige Sorge das Cholesterin, das Übergewicht und das intensive Innenleben der Fußballspieler des PSG [FC Paris St Germain] ist? Schittly ist ein Nostalgiker, ein Archaiker, ein rückständiger Geist in seinem ‚kleinen Umschlag’, wie Germain Muller das Elsass nannte. Der Altlinke ist reaktionär und zudem bigott geworden, ha, ha, ha!“
Trotzdem muss man wohl sagen, dass eine Art Unruhe herumflattert oberhalb der Laufgitter der Hühner in Legebatterien, im wohlig warmen Bauch unserer schönen Titanic, und das trotz des permanenten Sportspektakels und des seltenen, aber erhabenen Glücks, wenn man miteinander auf die Straße läuft und gemeinsam schreit: „Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen!“, den Schrei derer, die alles verloren haben.
Aber um welche Unruhe handelt es sich? Wir haben Chefs, Banker, Atom-U-Boote, Sklaven, den Arsch und das Porno nach Belieben; und dann für den Rest … „Nach mir die Sintflut!“
Aber wir haben auch Kinder, von denen viele von derartigen Sachen nichts wissen wollen; sie würden gerne etwas anderes essen als Fettes und Verdorbenes, und von einer Zukunft ohne Sintflut und ohne Leibeigenschaft träumen. Dasselbe Genre von Utopie wie das vom Wolf in der oben genannten Fabel: vielleicht mager, aber frei, und, falls nötig, „alles mit der Spitze des Schwertes“, so wie eben dieser Wolf.
Vorlaüfig, eingeklemmt in unserer traumhaftigen Titanic mit fünfzehn Etagen, sind wir, sie wie ich, beim Warten geplagt von der Perspektive des Eisbergs. Die Kapitäne der Titanic sehen die Eisberge niemals, sie soupieren bei Kerzenlicht und tanzen Walzer von Johann Strauß; und wennn das Unwahrscheinliche sich doch ereignen sollte, so würden sie, mit dem Revolver in der Faust, das letzte Rettungsboot requirieren, wie es seinerzeit dieser delikate britische Lord machte. Ich hoffe für sie, dass sie nicht vergessen werden, auf ihrer Flucht den allerletzten SammlerJäger-Fischer mitzunehmen oder den letzten Kleinbauern der Mischkultur: Sie wären die einzigen, die gerade ihnen zur Hilfe zu kommen verständen bei den primären Bedürfnissen von uns allen: etwas zum Trinken, zum Essen und zum Schutz vor Hitze und Kälte zu finden. Primum vivere, deinde philosophare [Erst leben, dann Philosophie treiben].
Diese Neuauflage ist also ein Aufruf zur Desertion. Vor dem Zusammenstoß wird man Tausende von kleinen Archen Noah erfinden müssen.
Flieht die Titanic! Und auch den Ozeandampfer namens Nation: Denn sich in einer Staatsnation einzusperren, heißt sich in einem Furunkel einzuschließen: Die Chrysanthemen von Verdun und vom Hartmannsweilerkopf bezeugen das so eindrücklich.
Macht es wie unsere Urahnen im Paläolithikum, die 100.000 Jahre fortbestanden haben, und gut gelebt haben in Freiheit, Überfluss und Schönheit: Lernt wieder das Wildern, das Sammeln, das Fischen. Bestellt tausend kleine Gärten, lernt Feuer ohne Rauch zu machen, selbst im Regen, flieht die „große Armee“ (Napoleon zog mit 550.000 Soldaten nach Russland, die 50.000 Überlebenden waren die Deserteure), organisiert euch! Lebt in kleinen Gruppen von menschlichem Ausmaß, nach geistiger Verwandtschaft.
Gute Reise! Und hört nicht auf die Vernünftigen …
Bernwiller, Dezember 2012
VORWORTZUR ERSTAUSGABE
Eine Kindheit zu rettenvon René EhniÉditions Hortus Sundgauviae
Louis Schittly ist Arzt. Seine ärztliche Kunst hat er vor allem in Biafra und in Vietnam praktiziert. Ein Volk ist, dort, in der Angst, vernichtet zu werden. Einen Aufruf gibt es, dort, zur Menschlichkeit, auf die alle Menschen angewiesen sind: Man braucht Ärzte.
Man braucht dort an den Plätzen, wo diese Völker ihr Leben aushauchen, keine Strategen gegen Krankheiten. Ihr Himmel ist bestückt vom schrecklichen Kugelhagel des fühlbarsten Fortschritts, der unserem industriellen Europa entsprungen ist. Kein Arzt auf der Welt kann einen Vernichtungskrieg medizinisch behandeln.
Die Völker von Biafra und Vietnam haben in ihrer Angst, nur noch ein Schatten ohne Nachkommen zu sein, an den Arzt appelliert. „Retten Sie die Kinder! “ Nun, aus Europa sind einige Ärzte hergekommen. Sie haben sich unter dem Himmel des Kugelregens vereint.
„Ich habe Kinder gerettet! “ Wenn das sanfte Bild des Pflegevaters einen Menschen bestimmt, zwischen Adoleszenz und Erwachsenenalter, darf man von ihm verlangen, dass er in seinem eigenen Land – und der Sundgau ist kaum kleiner als Biafra, und das Elsass kaum kleiner als Vietnam – ja, in seinem eigenen Land die rettende Tat vollbringt. Ja, hier, welche Kindheit ist zu retten!
Das ist die Frage an den Dichter. Die Herausgeber des Hortus Sundgauviae wissen wohl, dass der Autor sich nicht auf ein „gutes Gefühl“ gründet, sondern auf eine vollkommene Bewegung: das Leben retten. Diejenigen, welche Leben retten, sind fürdie Wortmeldung prädestiniert. Sie sind uns das Bild des fürsorglichen Menschen schuldig. In dieser Zeit, in der der elsässische Himmel ohne einen bedrohlichen Kugelhagel für unser Fleisch ist, ist der Kugelhaufen in unseren Köpfen gewaltig. Schittly in seiner Heimat, im Sundgau, sehr bedrängt von seiner Aufgabe, übt die Kunst des pharmakos – des griechischen Heilkundigen, des Erzählers, des Dichters – aus zum Wohl der Kindheit in jedem von uns.
Zum leichteren Verständnis der elsässischen Dialoge sind dem Buchtext ein kleines Glossar sowie einige kurze erläuternde Zusätze in [ ] beigefügt. Zur Schreibweise: In den Dialogen wird mit „é“ ein zwischen „e“ und „i“ gelegener Zwischenvokal bezeichnet, mit „à“ ein dumpfes, nicht nasaliertes „a“.
Die Fotos zur Illustration der landwirtschaftlichen Arbeiten, insbesondere bei der Ernte, auf dem Hof der Familie Bischoff (im Roman: Birkhoff) entstammen dem Privatbesitz des Autors. Das Personenfoto in Kap. 7 stellt die Akteure dieses Kapitels dar: (von links) der Großvater (Papepa) und die Buben Luc, Pooli und Marc, dahinter ihr Vater Jean-Pierre, der Bruder des Autors. (Anm.d.Übers.)
1
Der Hof des alten Birkhoff
Es ist sehr heiß in diesem Sommer. Das Heu ist fast ganz eingebracht. Seit mehr als einem Monat hat es nicht geregnet. Es ist so heiß, dass sogar die Elstern auf dem Baum hinter der Scheune und der Rabe, den Näsdla seit zwei Monaten aufzieht, dass sogar sie den Schnabel nicht mehr schließen: Sie hecheln wie Hunde, sa lalla wia na Hund!
Schágala bleibt den ganzen Tag im Schatten in dem schwachen Luftzug zwischen Pferdestall und Scheune; er hält sich da unbeweglich an einer Sprosse der Leiter fest, der großen, der für den Kirschbaum, den Schnabel halb offen, um Luft zu suchen, die Flügel ein wenig vom Körper abstehend, als wolle er losfliegen … Aber er wird nicht davonfliegen. Er ist noch zu jung zum Fliegen. Außerdem, züadam, hat ihm Näsdla die Federspitzen am linken Flügel gestutzt, damit er nicht fliegen kann. Er hält seine Flügel vom Körper entfernt, damit ein wenig Luft herankommt, um seine Federn zu erfrischen, so heiß ist es diesen Sommer in Bernwiller. Em Näsdla si Gràp lallt …
Nach dem Mittagessen sind alle Hausbewohner hinter den kühlen Fensterläden, die schon seit dem Morgen geschlossen sind, eingenickt. Jeder in seinem Halbschatten. Die Mutter und die Goda machen sich noch in der Küche zu schaffen; sie müssen heute Nachmittag nicht auf die Wiese gehen: Es gibt genug Leute auf dem Hof … uf'm Hof … in diesem Julimonat bei dem alten Birkhoff, dem Vater von Näsdla.
Die ganze Familie ist da. Zunächst die, die immer da sind: die Mutter, die Goda, der Vater, Nästi, unser Hofknecht, der Welter Louis, der fast immer mit uns arbeitet; als Gegenleistung kümmern sich alle aus dem Haus um seine vier Hektar: Er isst hier, wenn er hier arbeitet, auch an Sonntagen und Feiertagen. Das ist der Nachbar, der Nochbür, der Bauer, der am nächsten ist, er lebt mit seiner Schwester, die auch ledig ist: Er hat seinen kleinen Hof, a Hefla, das heißt; sein Haus, seine Scheune und seinen Stall mit zwei Kühen, einer Färse und einem Kalb, aber er hat weder Pferde noch Maschinen, also arbeitet man zusammen.
Diese fünf sind also das Haus, der Bestand des „Wir“ in diesem Haus, in diesem Hof. Aber der Hof ist vor allem das, was den Hof umgibt: das Haus, die Scheune und die Schuppen, der Kuhstall und der Pferdestall, der Schweinestall, der Obstgarten und der Gemüsegarten; der Hof, das sind aber auch diejenigen, die dort leben. „Von welchem Hof bist du? Cesarhof, Windhof, Jerumshof? Dem vom César oder dem vom Jérôme?“
Auf dem Hof des alten Birkhoff sind gerade alle zum Heuen da, und auch alle Kinder. Der Älteste, Joseph, ist auf Landurlaub in seiner Matrosenuniform: Ein Matrose in den Hügeln von Bernwiller, wo der Bach einen Meter breit ist, sich manchmal zwei herausnimmt, das ist so, wie wenn sich ein Paradiesvogel auf dem Elsternnest im Birnbaum niederließe!
Maria ist die älteste von den Mädchen; sie ist auch da, weil Sommer ist. Ihr Nonnenpensionat in der Wallonie hat wegen des Krieges, über den man spricht, seine Türen geschlossen. Sie ist achtzehn Jahre alt. Jeden Sommer, am Anfang der Ferien, scheint sie nach den elsässischen Worten zu suchen, in der Küche spricht sie Französisch für sich alleine! Mit eleganter halblauter Stimme unterhält sie sich mit sich selbst im Französisch der Wallonie über höhere und vornehmere Themen als die üblichen und dazu noch elsässischen Gespräche …, bis sie die Goda, die Taufpatin, wieder vor den Spültisch und das Geschirr, das abgewaschen und abgetrocknet werden muss, hinschiebt: „Auf Französisch oder Elsässisch, awr nit wia na Waschlumba!“ Maria trällert innerlich das Lied „Sauvez Rome et la France“ [„Befreit Rom und Frankreich“: Einweihungslied für die Basilika Sacré Cœur in Paris 1891]. Sie wird aber ihre Sprache wiederfinden, indem sie ihren Platz und ihre Aufgaben auf dem Hof wiederfindet.
Näsdla ist fünfzehn Jahre alt, er ist das dritte von den Kindern. Er hat die Volksschule seit einem Jahr verlassen, welch ein Glück! Aber er hat ein zusätzliches Jahr in Lièpvre verbringen müssen, bei den Welschen, bei der Tante Victoire und dem alten Abbé Legay. Die Tage verstrichen dort mit Nichtstun, nichts, was ihn wirklich interessierte, ein Jahr Gefängnis, mit Unterricht in irgendwelchen Sachen, mit Diktaten auf Französisch, mit artigen Spaziergängen, einen Meter vor der Tante. Ein Jahr, wo man sich bei Tisch so verhielt, wie das kein Mensch in Bernwiller tat, natürlich außer seiner Mutter, aber die hatte niemals von jemand verlangt, dass man sie nachahme.
„Ernest, die französische Sprache ist die edelste Sprache der Welt!“ – Das war das Leitmotiv von Tante Victoire für jedes vergessene s, für jedes t, das als d hingeschrieben wurde. All diese Feinheiten gingen ihm durch die Knie in den Kopf hinein: Die Fehler der Orthographie wie die des Benehmens und der Disziplin werden mit zwanzig Vaterunsern bestraft; die muss er im Schatten der Linde zwischen den beiden Korbsesseln der Tante und des alten blinden Abbé Legay im Kieselgrund des Gartens kniend rezitieren. Im Schatten der Linde … Hinten im Garten ist die Mauer nur zwei Meter hoch; der Wald und die Wiesen und der Berg erinnerten ihn an Bernwiller; er vergisst dia àlda Glugra mét sina „ Vive la France! “
Der Abbé Legay selbst war voller Güte; ehemals war er Pfarrer in Bernwiller. Durch diesen vom Geist bewohnten Blinden hat Näsdla gleichwohl schöne Bilder von Frankreich, die in keiner Weise das verleugnen, was er an seinem Dorf liebt.
In Bernwiller ist in diesem schönen Sommer das Haus voll von Leuten; es hat auch Kinder, die jünger als Näsdla sind: Victoire und Rosalie, Louis, Christine, Thiebaut und Henri, letzterer vier Jahre alt. Victoirla und Rosala sind fast Zwillinge, sie sind zwölf und dreizehn Jahre und ähneln sich in allem. Rosalie ist vielleicht ein wenig lebhafter, ein wenig vorlauter oder schelmischer, wenn die Situation es erfordert, 's blibt niama ke Antwort schuldig: Sie bleibt keinem die Antwort schuldig. … Victoire ist vielleicht sanfter, verträumter, aber an manchen Tagen ist es umgekehrt … Sie sind gleich gekleidet und unzertrennlich und plappern und lachen, und sie tuscheln sich Geheimnisse ins Ohr, richtiga Schüalermaidla, mit braunen Zöpfen auf dem Rücken, ein wenig stärker rotgetönt bei Victoirla.
Der kleine Louis ist neun Jahre alt. Er ist zu klein, um die beiden Mädchen zu interessieren, und zu groß für die Jüngsten, die mit ihm leben. Daher verlässt er nie die Knie seines Vaters, weder am Tisch, wenn Vater isst, noch am Abend, wenn Vater spricht. Sobald er vom Feld oder von der Stadt zurückkehrt, erspäht ihn Louis und wartet auf ihn, wirft sich auf ihn zu, springt in seine Arme und bleibt an ihm hängen bis zur Nacht. Mit ihm ist der alte Birkhoff nichts als Zärtlichkeit und lachende Augen. Der kleine Louis kann auf seine Schultern steigen, von der einen Schulter zu anderen klettern, mit dem Kopf nach vorne die Brust hinabgleiten: Die großen Hände seines Vaters lenken ihn und nehmen ihn zärtlich auf; der Vater wird des kleinen Louis niemals müde und erhebt mit ihm niemals seine Stimme.
Darüber hinaus sind auch Soldaten bei uns, gut fünfzehn Stück, die sich in der Scheune einquartiert haben. Sie haben nichts zu tun, seitdem sie da sind, nicht einmal Manöver; also helfen sie natürlich bei den Arbeiten auf dem Bauernhof: Kühe melken, Mist ausbringen, mähen und gleichzeitig Heu einbringen. Dank deren Anwesenheit gehen die Mutter, die Goda und Maria nicht aufs Feld und beschäftigen sich in der Küche, während alle anderen sich nach dem Essen ausruhen.
Näsdla hat sich im Füadergang auf dem Klee hingestreckt, der noch ganz frisch vom Morgentau war. Aber er schläft nicht. Er kann endlich über seine Angelegenheiten nachdenken und darüber ruhig mit Schàgala sprechen. Schàgala antwortet ihm mit einem Augenaufschlag; Sein durchsichtiges Lid setzt sich regelmäßig in Bewegung, um das Auge von unten nach oben sauber zu wischen; es ist ein Zeichen der Zustimmung. Dieser Code existiert von Anfang an zwischen ihnen.
Näsdla hat Schàgala Ende Mai entdeckt, als er noch in seinem Nest mit seinen ebenso unbefiederten Geschwistern war. Die drei anderen schweigen im Hintergrund, sie drücken sich verängstigt aneinander. Nur Schàgala bringt sich in Positur, bewegt seine Flügelspitzen wie wild und schreit hungrig nach in Milch eingetunktem Brot, nach Regenwürmern … Ragawérm … Seinen Hunger danach, diesen Wildkirschenbaum inmitten des Gehölzes im Brüach zu verlassen, seinen Durst nach Freiheit. Das schreit er aus mit seinem ganzen Körper, aufgerichtet und ungeduldig. Sein zarter Nacken ist zu seinem Retter hin geneigt. Mit seinen Federansätzen und den Resten seines Flaums ähnelt der Nacken dem Blütenbüschel eines Wegerichs, Sein ganzer Kopf ist nur noch ein weit offenstehender großer roter Schnabel, riesig um dieses pfeilförmige rote Züngelchen herum.
Natürlich hat Näsdla schwere Gewissensbisse, vier Raben in ihrem Nest, in ihrem Wald, einfach an sich zu nehmen, wobei die Eltern voll Angst krächzen und um ihn herum und über ihm hin und her fliegen. Er weiß, dass er hier eine schlechte Rolle hat; die Rabeneltern sagen ihm hinreichend deutlich, dass es ihm nicht geschenkt sein soll. Die Schwierigkeit des Kletterns ist keine Rechtfertigung für einen solchen Raub.
Und trotzdem ist dieser verfluchte Kirschbaum ohne Zweige bis zur ersten Vergabelung sechs oder sieben Meter über dem Boden nicht leicht zu erklimmen. Auf halbem Wege wäre Näsdla am liebsten wieder herabgestiegen. Aber Alphonse … dr Fousla …, sein Kamerad, betrachtet ihn. Die ganze Schule … d'Büawa … hätte es gewusst. Auf halbem Wege hat Näsdla einen Moment verweilt, an dem Stamm geklammert wia na Glada, wie eine Klette, das Gesicht ganz an die Rinde gedrückt.
- Kàsch némma widerscht, Näsdla?
- Wàrt, wàrt, loss mi üssrüaja … a Rung.
Näsdla ist voller Schweiß, er braucht Hände und Beine, um sich an den Stamm zu pressen; daher wischt er seine Stirn an der Rinde ab. Dann schaut er zum ersten Mal nach unten: der Boden ist schon weit entfernt, sodann nach oben: Das Nest ist immer noch weit entfernt. Er bekommt Angst, Angst zu fallen, Angst, sich vor seinen Kameraden zu blamieren, vor allem Angst, dort nicht hinzukommen. Das geschah in dem Lärm, der vom Ansturm des Vaters und der Mutter drohte. Also schickte sich Näsdla innerlich an, ein „Gegrüßest seist du Maria“ und ein „Vater unser“ zu beten. Die Arme fest um den Stamm geklammert, den Kopf an die Rinde gedrückt, das linke Bein fängt zu schlottern an, er war machtlos. Er bittet die Jungfrau Maria, seine himmlische Mutter, ihm zu helfen, verspricht ihr zehn Rosenkränze sechs Tage lang, sogar acht, wenn all das gut ausgeht und wenn weiterhin die kleinen Raben hinreichend groß sein werden, dass man sie wegtragen kann. Er spricht einen Moment mit Gott Vater, aber die Diskussion mit ihm bringt niemals etwas Rechtes; Näsdla findet niemals den richtigen Ton, um dieses verehrenswürdige und majestätische Bild von Sankt Nikolaus zu interessieren, wie er da sitzt auf seinem Thron aus weißen Wolken; Gott Vater muss sich wahrhaftig nicht um Rabennester kümmern. Und dann, was man ihm über Isaak gesagt hat, den Sohn von Abraham, welcher der Gerechtigkeit auf dem Opferaltar entronnen ist, und diese ganze ägyptische Reitertruppe, diese Pferde, diese Soldaten, die dort nichts vermochten, allesamt im Roten Meer verschlungen auf einen magischen Schlag mit dem Stab hin, all das beunruhigt Näsdla.
Es wird besser gehen bei der Muttergottes, und dann direkt bei Jesus. Der ist am nächsten. Er ist so oft herumgelaufen auf den Feldern, auf den Pfaden inmitten von Korn, wie diejenigen vom Herrafald, mit seinen Freunden, den Aposteln, allen Dorfbewohnern … Dort fühlt sich Näsdla mehr zuhause. Es scheint ihm, dass der Blick von Jesus, voll von Güte, eine Ermutigung dazu ist, den Baum weiter hinaufzuklettern. Tatsächlich läuft damit alles bestens ab, denn alle helfen ein wenig, sogar Gott Vater - Sankt Nikolaus.
An diesem Tag verhält sich Schàgala nicht wie die anderen, seine Brüder und Schwestern. An seinem linken Flügel hat er – das ist wundersam – eine weiße Feder. Diese weiße Feder, vom Himmel gekommen, dieser Nacken wie ein Büschel Schpetzawadri [Spitzwegerich], dieser riesige offene Schnabel, zu Näsdla hin geneigt, trotz der Klage der Eltern, waren derartige himmlische Zeichen, fast eine Antwort auf seine Gebete. Er ist kein Usurpator mehr, er ist kein Räuber. Er muss einfach den Schàgala mit sich nehmen.
Rittlings auf dem Zweig mit dem Nest sitzend, erfasst Näsdla den kleinen Raben. Schàgala kuschelt sich in der Mulde der Hand gegen das Hemd, schließt seinen Schnabel. Und da sieht Näsdla zum ersten Mal, wie das durchsichtige Lid von unten nach oben übers Auge gleitet.
- Schàgala, isch das a „Ja“? Wit mitku? Heim? Wenn's ja heißt, bligsch noch amool.
Und das Lid von Schàgala stimmt ein zweites Mal zu. Das war der Anfang einer großen Freundschaft.
Jetzt kennt jedermann im Dorf Schàgala, den Raben von Näsdla. Sie sind unzertrennlich geworden. Auf dem Fahrrad hält sich Schàgala entweder auf der Mitte des Lenkers oder auf der Schulter von Näsdla, und sie haben lange Unterhaltungen und die weiße Feder ist immer da, weiß und wundersam in diesem Gefieder, das ganz schwarz war und regenbogenfarbig schimmert. Näsdla nimmt Schàgala überall mit sich. Aber seitdem es so heiß ist, verlässt Schàgala den Durchgang zwischen Pferdestall und Scheune nicht mehr, da geht immer ein leichter Luftzug.
Näsdla selber findet ein wenig Erfrischung in dem Klee, der in der Morgendämmerung gemäht wurde, als Futter für den Tag. Er denkt an die Brüder und Schwestern von Schàgala, die er da oben im Nest zurückgelassen hat, sie dürften jetzt schon groß sein und bereits fliegen. Wohlverstanden … Näsdla zweifelt nicht an Schàgala, er ist sich dessen sicher, was sie verbindet. Aber es ist doch besser, ihn nicht der Versuchung auszusetzen. Er selbst, Näsdla, wenn er Flügel hätte … Also schneidet Näsdla regelmäßig die Federspitzen des rechten Flügels, damit Schàgala nicht in Versuchung kommt – die weiße Feder auf dem linken Flügel bleibt respektvoll ganz. Bei jedem Flugversuch von Schàgala bringt das Ungleichgewicht ihn alsbald auf die Erde zurück. Später, wenn Schàgala größer und ganz von der Liebe von Näsdla überzeugt sein wird, wird er fliegen können, denn er wird immer wieder zurückkommen.
Näsdla betrachtet seinen Freund und bedauert ihn, so unter dieser Hitze zu leiden und wie ein Hund hecheln zu müssen. Er denkt an alle, die in diesem Augenblick unter der Hitze leiden. Sie, Schàgala, Näsdla, die Soldaten, haben Wasser in Hülle und Fülle zu ihrer Verfügung; Schàgala geht alle halbe Stunde sich in seiner Wasserschüssel tummeln. Aber was ist mit denen, die sich nicht bewegen können? Die Pflanzen, die Bäume, die Kräuter, die Blumen?
Seine Blumen haben sich nicht bei ihm zu beklagen: Hinten im Gemüsegarten hat ihm seine Mutter eine Ecke für seine Blumen gelassen, schon seit mehreren Jahren. Das ist sein persönlicher Garten. Er ist nur zwei Meter lang und breit und hat einen Rosenbusch am Rand, aber im Laufe der Zeit ist daraus ein Gewirr von Veilchen, Gänseblümchen, Maiglöckchen, Schneeglöckchen, schmalblättrigen Rapunzeln, Klatschnelken, Witwenblumen, Wiesenschwarzwurzeln, die Waldhyazinthen, die wilden Geranien, großes Immergrün, Veronika und Glockenblumen aller Art. Sie alle werden versorgt, gegossen, gehätschelt, alle Tage, sogar zwei Mal täglich seit dem Hitzeeinbruch.
Näsdla träumt von Sternhyazinthe, den Blausternen des Waldes. Für sie ist das Jahr schon vorüber. Die Blätter sind seit langem welk und die Knollen im Boden warten seit März darauf, dass der Frühling zu Ende gehe, dass der Sommer vorbei sei, dass der Herbst vorübergehe, und dann der Winter. Am Ende des Winters, ab Mitte Februar, wenn alles noch schläft in der Kälte und der Erwartung des Frühlings, dann gehen die Hyazinthen seines Gartens und vor allem die anderen, die sternförmigen aus dem Forst im Héndrawald von neuem auf, zartblau, Glöckchen und Schellen. Sie blühen da immer ganz für sich allein, für die paar Meisen, die nicht geflohen sind, die Raben, die sich schon sanft zu zweit treffen und sich darauf vorbereiten, den großen Winterschwarm zu verlassen, wenn sie sich anschicken, von neuem zu zweit zu leben, im Mittfebruar, Middl Hornig, wenn das alte Geweih des Rehwilds abfällt und das neue anfängt nachzuwachsen. Im Dorf kennt niemand diese blauen Blumen, denn im Winter gehen die Leute nicht in den Wald, abgesehen natürlich von den Waldarbeitern und denjenigen, die das Holz in das Dorf bringen, und auch die Wildhüter, und natürlich die Wilddiebe, und die Hexen und die Zauberer, wie man sagt. Aber die Hyazinthen breiten sich niemals aus; sie bleiben immer in der Gruppe, zusammen, immer am gleichen Platz, und dieser Platz ist nicht groß. Wenn die Schlüsselblumen kommen, die Anemonen und die Sonntagsspaziergänger, dann haben die Hyazinthen schon aufgehört zu blühen, die Blätter welken schon und niemand vermutet weder ihre Existenz noch ihre Knollen im Boden. Näsdla hat ein halbes Dutzend davon ausgegraben, um sie seiner Mutter zu zeigen. Das ist schon lange her, denn der Héndrawald, der Wald mit den Sternhyazinthen, ist vom Dorf zu weit entfernt, zu weit für seine Mutter. Sie wird dieses Blau auch sehr lieben.
Die Hyazinthen sind jetzt in ihrer Zwiebel unter der Erde eingekapselt, geschützt vor Hitze und Not, und sie träumen von nichts anderem als von dem kommenden Winter. Die anderen Blumen, ihre Nachbarn in seinem Garten, die gerade in vollem Laub oder in voller Blüte stehen, hat Näsdla heute Morgen schon gegossen. Um die roten und weißen Geranien auf den Fensterbänken kümmern sich verlässlich jeden Tag seine Schwestern Rosala und Victoirla. Sie gießen sie sogar reichlich und schwätzen und lachen dabei von einem Fenster zum anderen, dass das Wasser über die Untertassen schwappt und an den Hauswänden hinunterläuft. Er hört, wie die Stimme der Goda zu den beiden Mädels hochfliegt, wegen der wahren Bäche, die von den Fensterbrettern des oberen Stockwerks herabstürzen und die Außentreppe überschwemmen … Kaum aber geht die Goda wieder, machen die Mädchen munter weiter und prusten vor Lachen.
Plötzlich, éwraysmol, denkt Näsdla an seine Dachrosa, an die, die auf dem Dach des Klohäuschen wachsen, und vor allem an diejenigen, die er selbst ganz oben auf dem Dachfirst der Scheune in einem Bett aus Moos festgebunden hat. Sie hatten auf den Ziegeln schon gut Halt gefunden, haben sich an ihnen festgeklebt, und sind zusammengeblieben. Sie sind groß geworden wie die anderem vom Schisshüssdachla, an die zehn Rosetten sind darum herumgewachsen mit spitzen grünen und rot ausgefransten Blütenblättern. Und sie blühen jetzt schon seit zehn Tagen. Vom Hof aus hatte er gesehen, wie ein Stiel aus den kleinen Rosen herausragte, der immer größer und länger wurde, fast vierzig Zentimeter lang, bis er sich schließlich in einem Strauß von purpurfarbenen Blüten entfaltete.
In Lièpvre hatte ihm der Abbé Legay gerade beigebracht, dass die Dachrosa auf Französisch „joubarbes des toits“ heißen. Dieser Name spricht ihn nicht an, er zieht Dachrosa, Rosen der Dächer, vor. Joubarbe? Er sieht weder die ‚joue’, die Backe, noch die „barbe“, den „Bart“, in diesem Teppich aus aneinander gedrängten grünen Rosetten, immer zusammen, die einmal im Jahr, wenn es ein gutes Jahr ist, aus einem dieser Ballen, mit dem Einverständnis und der Zärtlichkeit aller anderen, ein Fähnchen gegen den Himmel recken, das sich langsam mit purpurroten Blüten bedeckt. Das sind sehr wohl Dachrosen. Der Abbé Legay liebt die Blumen auch. Er hat ihm beigebracht, dass sie auf Latein die „sempervivum tectorum“ heißen, „die immer Lebenden auf den Dächern“. Das stimmt, denn die Dachrosen sind wie die Tannen immer grün, sommers wie winters.
Aber jetzt in diesem Augenblick und bei dieser seit einigen Tagen andauernden Hitze, und mit Schàgala, der nicht einmal mehr seine Flügel am Körper anlegen möchte, braucht dieser rote Blumenstrauß dort oben auf dem Dach der Scheune ganz gewiss Wasser! Warum hatte er nicht schon früher daran gedacht? Die Rosen auf dem Dach sind normalerweise mit wenig zufrieden, die Regenfälle genügen ihnen, aber jetzt, bei dieser ungewöhnlichen Hitze … da muss man sie gießen, koste es was es wolle.
Näsdla füllt die Gießkanne an der Pumpe der Pferdetränke auf, nimmt die große Leiter und stellt sie an die letzte Ziegelreihe an, und er steigt, in der einen Hand die Gießkanne, Sprosse um Sprosse die Leiter hoch. Die Dachneigung ist nicht zu steil. Er lässt seine Finger unter das freie Ende der Ziegel gleiten und bewegt sich auf den Knien fort, die Gießkanne an den Arm gehängt, erreicht er ohne Schwierigkeit den First. Die Rosen sind am anderen Ende des Daches. Näsdla richtet sich auf und läuft, wie ein alter Reiter ohne Pferd, aber mit Holzschuhen an den Füssen auf dem Dachfirst entlang.
Alle hier tragen Holzschuhe. Zusammen mit den gehäkelten Wollfilzsocken halten sie im Winter warm. Haus, Schule und Kirche bleiben sauber, weil die Holzschuhe draußen bleiben; man geht nur in Socken hinein. Sie sind sehr leicht, aus Fichten- oder Tannenholz. Wenn man unbedingt schnell rennen muss, läuft man in Socken. Die Halbschuhe sind für den Sonntag. Mit vierzehn, nach der Schule, bekommt man als Junge das erste Paar genagelter Halbschuhe, fürs Feld und für die Arbeit. Näsdla hat sich noch nicht daran gewöhnt, sie sind ihm zu schwer, sie engen seine Zehen ein. Er behält, wie früher, seine Holzschuhe an, immer und überall, im Sommer wie im Winter.
